Jahrestage Nachbetrachtung (1)

Es ist schon auch Arbeit, das Buch zu lesen, das Johnson in vier Lieferungen veröffentlichte, unterbrochen von einem fast zehnjährigen writer’s block (in welcher Zeit er weiter geschrieben und veröffentlicht hat, aber der Roman ruhte), und doch ist der erste Impuls, wenn man nach Seite 1891 – dem berühmten Schluss: „Beim Gehen an der See gerieten wir ins Wasser. Rasselnde Kiesel um die Knöchel. Wir hielten einander an den Händen: ein Kind; ein Mann unterwegs an den Ort wo die Toten sind; und sie, das Kind das ich war[.]” – das Buch zugeklappt hat, es auf Seite 7 wieder aufzuschlagen: „Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen[.]” – und es noch einmal ganz zu lesen.
Johnsons Treue zu seinen Personen ist bekannt. In den Jahrestagen kommen sie alle zusammen: Heinrich Cresspahl, Jahrgang 1888, Vater von Gesine (geb. 1933), Großvater von Marie (geb. 1957), der Eisenbahner Jakob Abs – Maries Vater -, Ingrid Babendererde, der Journalist Karsch, Jakobs Kollege Jöche, und andere mehr. Aber auch im Jahrestage-Kosmos selbst wird keiner vergessen. Zu nennen wären Mrs. Ferwalter, Gesines Nachbarin am Riverside Drive, der die Erzählstimme ziemlich am Anfang ein eindringliches Porträt widmet, der Hausmeister Mr. Robinson („Adlerauge”), der Freund der Familie D.E. alias Dietrich Erichson, eine junge Frau namens Marjorie: New Yorker Zufallsbekanntschaft, der Anwalt Avenarius Kollmorgen, Gesines Jugendfreundin Anita (die zur Erzählzeit des Romans, 1967/68, in Berlin als Fluchthelferin arbeitet), die Gräfin Seydlitz, der anonyme Zeitungsverkäufer auf dem Broadway, Barbesitzer, der Bankier de Rosny, Maries Klassenkameradin Francine (aus schwierigen Verhältnissen kommend), Gesines alter Englischlehrer Dr. Julius Kliefoth … Dutzende Personen, alle bedacht, alle behütet von einem Erzähler, der alles weiß, über alles erhoben ist, ohne überheblich zu sein. Ein genauer Chronist und Archivar. Ein Menschenfreund.

Eric Dolphy als Klarinettist: hat man auch nicht so oft. Aber hier, 1961

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