„Haus, das ganz Tür ist“. Monika Rincks neue Gedichte

Wir nähern uns der Mitte dieses unerquicklichen Jahres – höchste Zeit, dass ich meine zweite für 2020 anvisierte Kritik schreibe, sons gib dat nix. Mein Schreiben ist ja so langsam, dass immer schon eine Fliege aus dem zugestaubten Tintenglas geflogen kommt, wenn ich gerade die Feder eintauchen möchte (bildlich gesprochen!).

Hier ein Stückerl aus meiner in Arbeit befindlichen Kritik zu Monika Rincks Gedichtband Alle Türen.

„Übermut tut selten gut“, sagt das Sprichwort. Alle Türen, Monika Rincks jüngster Gedichtband (2019) – der erste seit Honigprotokolle (2012) – , ist so ein seltener Fall.
Hochgemut beginnt es („Die reine Affirmation“), fatal endet es: „Die Toten“.
Das weckt natürlich Zweifel, ob die Affirmation so unvermischt ist wie behauptet.
Aber auch die Toten haben sich vielleicht nur hingelegt. Das würde zur Operettenwelt passen, die den konzeptuellen Hintergrund des Bandes bildet (aber nicht alle Gedichte tanzen in der Reihe).

Die Gedichte sind durchgehend reimlos und haben alle Strophenform, die aber ganz variabel gehandhabt wird. Das Spektrum reicht vom Zweizeiler bis zum Langgedicht.
Bilden manche der Texte eine absatzlose Strecke über eine Dreiviertelseite, sind die Fügungen meist doch lockerer, mit einzeln stehenden Versen, eingerückten Worten, Kursivierungen, Versalien (kaum), Leerzeilen, auch Trennungssternchen, die vielleicht eine Stille anzeigen oder ein Stocken, einen Richtungswechsel. Interpunktion unauffällig, nur hier und da aufgedreht mit drei, vier, fünf Ausrufungszeichen hintereinander oder mit drei Fragezeichen, die den Leser großäugig fragend anzuschauen scheinen, so wie die selbstlenkenden Autos in Luxusgegend „irgendwie rollig“ unterwegs sind.

Im Kapitel „Konkrete Poesie“ erscheint die groteske Figur eines „Marp“, ein sonderbares Wesen, wohl um ein paar Ecken mit den Geschöpfen eines Morgenstern, eines Schwitters verwandt, und ganz bestimmt mit Ringelnatzens. Monika Rinck gesellt dem Marp eine Frau hinzu, der Einfachkeit halber „Frau“ genannt, und schickt sie beide in Abenteuer der Sprache (und der Sprachphilosophie), so witzig wie geistvoll.
Das „Konkrete“ der Überschrift könnte als eingedeutschtes concrete (Beton) gedeutet werden, denn immerzu wird hier etwas angemischt, hochgezogen und niedergerissen, nicht zuletzt „die aus meterhohem Gussbeton / im winterlichen Garten errichteten Worte.“
Sollten diese Gedichte vielleicht auf einen Kneipen-Spaß zurückgehen? Gedichte schreiben, in denen bestimmte Wörter vorkommen müssen, Styropor, Blitzzement, Speichel? Ein spielerisches Moment jedenfalls ist nicht zu verkennen, und wie immer so ein Wettbewerb ausgegangen sein mag, die Dichterin nimmt die Hürden mit Bravour. […]

[28.5.2020] Vollständig hier: textem.de und bei satt.org: hier

Monika Rinck, Alle Türen. [75] Gedichte. 104 Seiten, Klappenbroschur. kookbooks, Berlin 2019. 19,90 Euro (= Reihe Lyrik Band 63)

Georg Leß Die Hohlhandmusikalität

Randnotizen.

Die Hohlhandmusikalität ein zweites Mal gelesen, Georg Leß‘ Rätselbuch. Dem Umschlagbild nach zu urteilen (Illustration: Andreas Töpfer) meint der Titel die Hohlform einer Hand, dargestellt durch einen leeren Handschuh. Le creux de la main, die hohle Hand, klingt an, und ich dachte auch, von wegen Musikalität, an die Guidonische Hand (s. Abb.) – vermutlich eine tote Spur.

Der Band ist in drei Teile gegliedert, die ihrerseits unterteilt sind: 2 – 3 – 2.

Eine Serie von (zweiundzwanzig) „Wirbel” genannten Gedichten zieht sich durch das ganze Buch, dazu kommt eines mit dem Titel „gegen die Wirbel”, das zu einer weiteren Serie gehört – der „gegen”-Serie (sechzehn Gedichte) -, und eines: „Wirbel / Abhängen der Wirbel”.
Die Bezeichnung „Wirbel” mag mit der frühen Avantgarde des Vortizismus zusammenhängen („Der Vortizismus wandte sich gegen realitätsnahe Darstellungen in der Kunst, verneinte ihren moralischen Auftrag und bestand auf der Autonomie des Kunstwerks.” – Das würde passen, um so mehr, als der Ausdruck „Wortizist” hier buchstäblich vorkommt – aber ließe es sich nicht auch von der Theorie des L’art pour l’art sagen?). Ein Bezug zu den vierundzwanzig Wirbeln des Menschen läge ebenfalls nahe, zumal die „Wirbel”-Gedichte jeweils mit Ordnungszahlen versehen sind, und wenn ich wählen müsste: Ich würde die Knochenkarte ziehen.
Manche Texte sind, neben ihrem Titel, genauer bezeichnet als: Schlager, Kinderlied, Seefahrtslieder, Hochzeitslied. Keine dieser Liedarten würde man bei Georg Leß vermuten. Eine Irreführung? Ein Spaß?
„Die Nacht nach dem Horrorfilmabend” oder „Die fleischfressenden Lampen”, das klingt schon eher nach dem Verfasser von Schlachtgewicht, Leß‘ Debüt von 2013. (Elf Gedichte nur, und jedes ein Meisterstück.)

In Die Hohlhandmusikalität lässt sich der Dichter nicht in die Karten gucken. Die vierundsechzig Gedichte, die der Band zählt, sind (fast ausnahmslos) verschlossen wie ein Strichmund, die in sie eingeschleusten lebensweltlichen, auch biographischen Bezüge ergeben nur in seltenen Fällen ein Bild, das sich mit außerhalb der Gedichte liegenden Gegebenheiten vergleichen ließe: Kinobesuche kommen vor, Filmtitel, Filmreihen werden benannt, auch das Sauerland – Georg Leß stammt aus Arnsberg – hat einen Erkennungswert, ebenso der „Besuch bei den Großeltern” oder eine Fahrt mit dem Auto. […]

Georg Leß, Die Hohlhandmusikalität. Gedichte. 96 Seiten, Klappenbroschur. kookbooks, Berlin 2019. 19,90 Euro (= Reihe Lyrik Band 62)