Stolterfoht, Ames, Cotten, Genschel. Vier ‚Experimentelle‘

Vor acht Jahren erschien unter dem oben zitierten Titel in der Zeitschrift Gegenstrophe ein längerer Text von mir über Ulf Stolterfoht, Konstantin Ames, Ann Cotten und Mara Genschel. Das betreffende Heft ist vergriffen und die Zeitschrift meines Wissens eingestellt worden (bin mir nicht sicher).
Im Moment habe ich keine Ruhe für eine Aktualisierung, möchte den Aufsatz aber als Fragment – als welches er jetzt erscheinen muss – wieder zugänglich machen.
Der Anfang hier als Blog-Post, die vollständige Lieferung hier.
Die Formatierung lasse ich (ebenfalls) unverändert.
Danke an Michael Braun, der mir damals den Auftrag zum Schreiben erteilt hat.

Stolterfoht, Ames, Cotten, Genschel. Vier ‚Experimentelle‘

»I do not write experimental music. My experimenting is done before
I make the music. Afterwards, it is the listener who must experiment.«
– Edgar Varèse

Ulf Stolterfoht

Gibt es eine spezifisch schwäbische Sprachverliebtheit, und wenn ja, woran ließe sie sich festmachen? Eine lohnende philologische Fragestellung, für die hier leider nicht der Ort ist. Dennoch: Ulf Stolterfoht, der 1963 in Stuttgart geboren wurde und seit vielen Jahren in Berlin lebt, dürfte in einer solchen Untersuchung keineswegs fehlen. Nur bekäme ein Germanist dann Schwierigkeiten mit dem Adjektiv »spezifisch«, denn mindestens bei Stolterfoht kommt auch eine Sprachversessenheit ins Spiel, deren notorische Vertreter man eher weiter südlich suchen würde. Kein Wunder, dass er seinem – während eines Romaufenthalts entstandenen – Stuttgart-Buch holzrauch über heslach (2007) und dem für diesen Herbst angekündigten Berlin-Band neu-jerusalem ein Buch über Wien folgen lassen möchte.

›Österreichisch‹ ist vielleicht auch Stolterfohts prononcierte Sprachskepsis.

»Ich hab ja schon in der Alltagssprache große Probleme zu begreifen, was Referenz eigentlich sein soll, was eigentlich passiert, wenn einer »Apfel« sagt, was der damit meint […]«, formuliert Stolterfoht in einem Interview mit Guido Graf ein fundamentales »erkenntnistheoretisches Dilemma«, das über die Frage: »[W]arum sagt man überhaupt was, wenn es eigentlich nichts zu sagen gibt« geradewegs in die Schreibverweigerung führen könnte. Bei Stolterfoht, als studierter Linguist mit sprachwissenschaftlichen und sprachphilosophischen Problemen wohlvertraut, markiert es den Ausgangspunkt des Schreibens – und begründet dessen erklärtermaßen »antisemantische[n] Impuls«.

fachsprachen

Es scheint darum ein Widerspruch, wenn die Arbeit an den fachsprachen-Gedichten (1998/2002/2005/2009; der Zyklus ist auf neun Bände angelegt, vier davon sind erschienen, ein fünfter abgeschlossen) mit umfangreicher Lektüre von sozusagen hochsemantischer, nämlich eben fachsprachlicher Literatur verbunden ist; die Spanne reicht von psychologischer Fachliteratur und Büchern zu Radiotechnik und CB- Funk bis zu Wörterbüchern, Mitschriften von Vorträgen, Songtexten und Liner Notes.

Dabei dürfte die Tatsache, dass in der Terminologie vielleicht am ehesten der ideale Zustand erreicht ist, in dem ein bedeutendes Wort mit einem bedeuteten Ding übereinstimmt – aber was heißt das schon, wenn fraglich ist, was unter »Welt« zu verstehen ist –, eher nebensächlich sein, zumal sich Stolterfoht nicht für die semantische Klarheit, sondern für Uneindeutigkeiten und Unschärfen interessiert, z. B. für die Sinninterferenzen, die sich durch Homonymik mit alltagssprachlichen Ausdrücken ergeben (der Plural »Lichter« mag eindeutig sein – in der Sondersprache der Jäger steht er für »Augen«).

Der Rückgriff auf einen fachsprachlichen semantischen Block erleichtert ihm vielmehr die gewünschte De-Semantisierung seiner syntaktisch getakteten Gedichte. Der forcierte Bedeutungsextremismus mündet in das Nicht(mehr)bedeuten. Stolterfoht mischt gewissermaßen alle Farben zusammen, ›beschleunigt‹ sie – diese Technik der Sprachbeschleunigung verbindet ihn mit Thomas Kling – und erzielt auf diese Weise einen ›weißen‹ Text, d. h. einen Text aus Zeichen, die nicht (mehr) zeigend sind. Die Saussuresche Dichotomie zwischen Bezeichnendem (Wort) und Bezeichnetem (Sache) entfällt, es bleiben nur noch Wörter, von denen sich allenfalls sagen lässt:

»JEDES WORT IST EINE VERPACKUNG. aber: auch / verpackungen haben eine verpackung. einige sind unge- / hobelt. gebildet aus sperrigen lettern, spenstige, mit / diphtongierung, mit ablaut-mißbrauch, strukturen von / mißmut und passung. andere sind sanfter, von liebens- / werter anklangsgleiche, sie praktizieren den wohllaut / im guttakt reinster ausform: stäblich nämlich. es ist ein / klarer fall von meta-meta. in diesen instruktiven mor- / phen ventiliert ein quecksilber seinen verstörenden sang.« (traktat vom widergang, Nr. 27)

Wenn Stolterfoht einen noch unbearbeiteten Ursprungstext bereits wie einen Rotwelsch-Text wahrnimmt, bedarf es nur eines weiteren Drehens an der Schraube, um aus der Ballung von Konkreta ein Abstraktum zu schaffen (man denke an die »Anhäufung von Kannen« [1961] von Arman), das in dem Maße, wie man von vielleicht trotzdem Herauszulesendem, Verstandenem absieht, (be)greifbar wird als abstraktes formales Ereignis, als rein strukturales ›Schönes‹. Dies aber ist es, was sich Stolterfoht von der sprachskeptisch grundierten Dichtung erwartet, »dass die Struktur wieder mehr in den Blick gerät«. Die jeweils 81 Gedichte jedes Bandes der fachsprachen – paritätisch auf neun Kapitel verteilt – sind in die Zweidimensionalität gebannte Wortkonstrukte, ihre Ausbauchung in die bedeutende Dingwelt ist nur Schein: die Sprache ist das Ding.

In der Großform und in ihrer Ausführung im Detail sind die fachsprachen von einmaliger konzeptueller Strenge und Stringenz. Ihre (phänotypische) Realisierung ist, bei unvoreingenommener Lektüre, unmittelbar zugänglich, unterhaltend, ja lustig. Die aus Sicht des Laien absurdesten Inhalte (Anweisungen zur Schweinezucht für Volkseigene Betriebe in der DDR zum Beispiel) bringt Stolterfoht »mit pragmatischer syntax und einem schlacks«.

Kimbra Like They Do On The TV

Ich bin neugierig, wie das Königsdrama ausgeht, sagte ich zu Dr. B., den ich heute nach längerem mal wieder gesehen habe (er lebt also noch). Aber jetzt haben wir ja eine Königin! erwiderte er gutgelaunt und schob sich vor den Sachbuch-Neuheitentisch, wo er natürlich nichts für ihn Interessantes fand.
Dr. B. lässt wenig gelten.
Bücher drucken ist zu einfach, befand er.
Von Königen zu reden, war im Falle von Herrn L. und Herrn S. natürlich maßlos übertrieben. Wie mir diese Alphatierchen auf die Nerven gehen! Sollen sie nach Hause und schmollen!
Besonders staunte ich über die Darbietung des Franken. Der Narzisst liebt es zu zerstören! Dass er mit einem Privatflugzeug von München nach Berlin geflogen ist (und zurück), ist nur ein weiterer Beweis für seine Skrupellosigkeit.

NB. Ich habe noch einmal nachgesehen, wie viel Staatshilfe das Touristikunternehmen TUI 2020 und 2021 erhalten hat: 4.8 Milliarden Euro laut Süddeutsche(r) Zeitung. So wird das nichts mit den Klimaschutz-Zielen!
Hatte ich nicht neulich schon Günter Eich zitiert?
„Denke daran, daß nach den großen Zerstörungen / jedermann beweisen wird, daß er unschuldig war.”
Wie listig von ihm, diese Worte über den Äther zu schicken, als gerade alle damit beschäftigt waren, Buttercremetorte zu essen und Cognac zu trinken, oder kam das erst später?

Nachdem Fixpoetry leider seinen Dienst eingestellt hat, habe ich meinen sehr geringen monatlichen Förderbeitrag nun umgeleitet zu einer in New York lebenden Musikerin namens Kimbra Lee Johnson, die ich schon seit einigen Jahren höre. Mit einem Plattenvertrag von Warner Bros. in der Tasche, muss sie hoffentlich nicht darüber nachdenken, sich einen anderen Beruf zu suchen, aber weiß man’s?
Ihr Fanclub bei Patreon (dem ich nun angehöre) weist eine erstaunlich geringe Mitgliederzahl aus [280, Stand 22.4.2021], wenn man bedenkt, dass ihre Zusammenarbeit mit Gotye 1.6 Milliarden Aufrufe bei YouTube hat – Somebody That I Used To Know trug ihr und ihrem Landsmann (ich korrigiere: Gotye ist Australier belgischer Herkunft, Kimbra ist Neuseeländerin) einen Grammy ein: kein Geringerer als Prince hat ihn damals überreicht.

Hier ein Stück aus ihrem Album Primal Heart, das an einem 20. April (2018) erschien – daher die Anspielung zu Anfang des Videos, bei dem ich mich übrigens frage, ob es in Berlin gedreht wurde. Diese kaputte Ostigkeit kommt mir irgendwie bekannt vor.

Glückwunsch an Ann Cotten zum Gert Jonke-Preis!
Heute erschien ihre Übersetzung von Pippins Tochters Taschentuch von Rosmarie Waldrop, die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.

Ann Cotten Das Pferd. Eine Elegie

Mit freundlicher Genehmigung von Hendrik Jackson veröffentliche ich an dieser Stelle heute und an den folgenden Tagen Kritiken aus den Jahren 2012 und 2015 zu Ann Cotten, Sonja vom Brocke und Christoph Wenzel. Diese sind nach wie vor auch bei lyrikkritik.de nachzulesen – man muss ein bisschen suchen -, die betreffenden Archive sind hier (2004-2012) und hier (2014-2017) verlinkt.
Den Anfang macht heute der Text zu A.C. (2012).

Ich sah, ich lag richtig, allen im Weg

Die rund 350 Verse der Elegie Das Pferd haben mit einem Pferd so viel zu tun wie das Theaterstück Die kahle Sängerin von Eugène Ionesco mit einer kahlen Sängerin: „Übrigens, was macht die kahle Sängerin?“ – „Sie trägt immer noch dieselbe Frisur[.]“ – über diese Replik hinaus wird die Titelfigur weder erwähnt noch tritt sie gar selbst in Erscheinung.
Ähnlich hier: Zweimal kommt „Pferd“ vor, dreimal, wenn man das Cover mitzählt. Dennoch offenbart der Titel seinen Sinn, wenn es im vierten Vers heißt (mit dem das Tier dann vielsagend aus dem Buch verschwindet): „[A]lso bauen wir auf Pferde, die uns alles erklären sollen.“ Gerade dies jedoch kann und will die Dichterin nicht leisten – „erklärt wird nicht“ –, nicht von ungefähr reimt sie „kapiert“ auf „kupiert“.
Sie gibt aber den Hinweis auf den Science Fiction-Autor William Gibson, Verfasser der Neuromancer-Trilogie, bei dem ein ‚Pferd’ vorkomme, das „so etwas wie ein Datenhighway ist, ein Trip, eine virtuelle Identität, ein Wind im Cyberspace.“
Cottens Idee von einem Gedicht ist die eines Inkommensurablen, es soll ein unauflösbarer Rest bleiben, für jeden Leser ein anderer. Passend dazu ziert dann auch kein Pferd, sondern ein Rabenvogel, eine Dohle vermutlich, den Umschlag des Hefts (Zeichnung: Ann Cotten).

Warum überhaupt eine Elegie? „[W]as wollen wir von Elegien, außer sie näher / kennenlernen, ihren Kajal umkurven, voller Empathie“, fragt (ohne Fragezeichen) das lyrische Wir, das an wenigen Stellen von einem lyrischen Ich abgelöst wird, das aber ungreifbar bleibt: „Ich, weißt du wer das ist?“

Es scheint Cotten zunächst einmal darum zu gehen, die Tauglichkeit der Form zu prüfen. Rilke, Brecht haben im vergangenen Jahrhundert Elegien geschrieben, vielleicht lässt sich mit der alten Tante ja was anfangen. Cotten wählt einen guten Ansatz, um dem klassischen Modell Leben einzuhauchen: Sie nähert sich ihm ohne Scheu, respektlos, ein bisschen rotzig, sie befragt es, und sie befragt uns, die wir es lesen:
„Glaubt ihr, was ich da sage? Kann man euch jeden / letzten Scheiß in diesem angedeuteten Metrum einidrucken?“ (Wobei das österreichische „eini“ für „hinein“ und „drucken“ für „drücken“ steht, der Ausdruck also als „reindrücken“ zu lesen ist.)
Einige Verse darunter eine weitere Frage, die einen schrecklichen klaustrophobischen Verdacht formuliert:
„Kann man etwa vielleicht nur Fragen stellen in Elegien?“
Wenn die Form so eng ist, muss sie weiter gemacht werden. „Flegeln in Elegien“ wird als Losung ausgegeben.

Ein Charakteristikum der Elegie wird am Schluss des ersten Kapitels benannt: Sie sei „[b]estechend in ihrer Geschwätzigkeit, die sich aus einer Trauer / heraushebt.“
Das Motiv wird im dritten Kapitel aufgegriffen: „Sind wir geschwätzig? Dann lass die Geschwätzigkeit nützen! / Druckerpatrone, sei wie Ambrosia! […].“ Nun ist Das Pferd nicht gerade ein trauriges Büchlein, es hat Witz (nicht schenkelklopfend, nur unmerklich die Lippen verziehend), und es hat Grips, beiläufig, wie zum Spaß, oder wie um den Spaß nicht zu verderben.
Doch legt man Schillers „Das Distichon“ zu Grunde – „Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule, / Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab“ – dann scheint doch eher die herabfallende Bewegung vorzuherrschen, eben das ‚Elegische’.

„IDIOTEN. DISTICHEN“ steht in Versalien über dem allerersten Kapitel (fünf sind es insgesamt) und scheint den Buchtitel abzulösen. Es kommt hierin eine gewisse unwirsche Aggression zum Ausdruck, die immer wieder in den Versen auftaucht und die Trauer in Schach hält. Eine Aggression, die, mag sein, kurz davor ist, sich in Lachen aufzulösen, aber das Lachen kommt nicht, nur vielleicht ein angedeutetes Lächeln, fein genug, um noch das Trotzgesicht darin zu wahren.

Wenngleich es nicht einfach ist zu sagen, worum es in dieser Elegie geht – es scheint sich eine poetologische Position damit zu verbinden. Diese wird mit Streitlust vorgebracht, wie sie bereits in Cottens Essay „Etwas mehr“ aufblitzte. Die Kritik richtet sich gegen „die erschlafften Buntschriftsteller“ (welcher Typus sich auch immer dahinter verbergen mag) und die „grauen, verhärmten / eines Erfolges harrenden, oder auf Erklärung von oben spekulierenden / Betriebsheinis“.
Dies Austeilen könnte eine Pose sein, ein Knurren, um die Falschen abzuschrecken. Gewichtiger als autopoetische Aussage ist da schon eine Passage wie: „[…] Alles, was unausweichlich erscheint, / erschießen. Alles, was uns bemüht, behutsam / unterwandern, wollen es nicht verraten müssen, nie. / Diesen Gegenstand unserer Treue aber sezieren, / liebevoll also zu einsichtigen, landstrichartigen Scheiben / […] zusammenfügen […].“ Das heißt – könnte heißen –, Gedichte nicht für unmittelbare Tagebuchnotate missbrauchen, sondern im Gegenteil das, was ausgesprochen zu werden sich aufdrängt, weglassen, krasse Unmittelbarkeit vermeiden. Abgekühlt, seziert, transformiert lässt sich etwas mit dem „Gegenstand unserer Treue“ anfangen.
„In der Kunst sollte es keine Aufgeregtheit geben. Wahre Kunst ist kalt“, Schönberg dixit. Oder Schwitters („Banalitäten aus dem Chinesischen“): „Nicht alles, was man Expressionismus nennt, ist Ausdruckskunst.“
Die Sentenz, die das vierte Kapitel einleitet, weist in dieselbe Richtung: „Ist dir die Schulter kalt? Zieh dich doch vollständig aus. / Diese Kälte ist mehr, und du bist eine faule Grenze.“ ‚Faule Gans’, klingt da durch, Bequemlichkeit und Dummheit gleichermaßen schmähend, und wirklich: Eine Einladung zu Lauheit ist dies nicht. In „gemächlichen Zimmern“ sitzen, „Verse verbiegen, zu veristischen Posen“, „einsichtig, schön und zugedeckt gerne von leichterem Greinen“ – das sind doch halbe Sachen! Mörikes („Gebet“) „Doch in der Mitten / liegt holdes Bescheiden[.]“ würde Cotten jedenfalls nicht unterschreiben.

Hingegen spricht aus manchen Versen der Geist der Revolte. So überlegt das lyrische Wir, „was […] auf die Feuermauern geschrieben gehörte.“ Die Gattungsbezeichnung „Elegie“ wird bald verworfen und durch „Kampfschrift“ ersetzt, das Wort „Revolution“ blitzt auf, „ne heiße Botschaft von Marianne“ wird imaginiert – Marianne, die Freiheitsgestalt, Personifikation der französischen Republik (die berühmteste Darstellung jene von Delacroix, „La liberté guidant le peuple“, 1830 [Die Freiheit führt das Volk an]). Auch die „Locken“ scheinen ihre aufmüpfige Bedeutung zu haben.

Reminiszenzen ans Kino (Der dritte Mann), an eine Kindheit in den USA – eine wunderschöne Passage, mit einem ironischen Schlenker zum Schluss: „Die Cowboys / werden sentimental und hören / tiefe Balladen von Greenhorns und schluchzen total.“ Es kommt dann ein schön und liebst genannter Genosse ins Spiel, „der ihn immer wacker hinhält für die hochfahrenden Frauen“, und der damit leben kann, dass „wir lieber provisorisch, / […] und immer schlechte Liebhaber sind.“
Heine zitierend, reimt Cotten „gebissen“ auf „Küssen“ – bei ihr kommt noch ein „gerissen“ hinzu, das dem Genossen zugeschrieben wird („dem mit der Fahne, mit dem gerissenen Witz“). Die subtile Emotionalität, die in diesen Versen enthalten ist, würde dem Zeitalter der Empfindsamkeit zur Ehre gereichen, doch wird dieser Kontextrahmen auch gebrochen, etwa durch die beiläufige Einfügung des Worts „wichsen“.

Überhaupt, die Wörter – nicht alle sind sie elegiabel (oder doch?): „Arschlöcher“, „Flittchen“, „Furzkissen“, „Problemstellencoach“… „[G]elernte Prinzessin“ klingt beleidigend, immerhin. Dies Feuer tut der überkommenen Gedichtform gut.
„Kunst braucht mehr Zähne“, hat der Rezensent an anderer Stelle proklamiert. Nein, die Elegie ist nicht tot, dies beweist Ann Cotten mit Das Pferd aufs schönste, auch wenn es kaum in ihrer Absicht gelegen haben düfte, irgend jemandem irgend etwas zu beweisen, es sei denn sich selbst. Keck ließe sich behaupten: Das Werk ist die Lebendmaske der Konzeption.
So frisch liest es sich.
Es ist natürlich auch kein „Alterswerk“ wie bei Brecht (Buckower Elegien) oder Goethe (Marienbader Elegien) – die Autorin war in ihren Zwanzigern, als Das Pferd erschien. Auch birgt es kein „Altersweh“, wie es in einem schönen Parallelismus heißt, „sondern ein Tangieren / dessen, was uns schmerzen wird und auf eine Weise schon schmerzt. […] Und die Zeilen ragen / raus wie kobaltblaue Fäden aus etwas längst Geheiltem.“
Sehr gut gesagt, und schön.

Am Anfang der Elegie heißt es: „Gott, wie bräuchten wir andere Vokabel […].“ Das macht stutzig, es müsste doch da stehen: „andere Vokabeln“!? Ein Druckfehler vielleicht? Doch bei der Sorgfalt, die der SuKuLTuR Verlag in seine Heftchenreihe „Schöner Lesen“ und in seine übrigen Publikationen legt, ist das wenig wahrscheinlich. Also, wer von einer déformation professionelle betroffen ist, kringelt sich das ein und fährt mit Lesen fort – um am Ende auf die Verse zu stoßen:
„[…] und ich scheute mich nicht mehr vor dem Vokabel / dieser gescheiterten Maße, ich sah, ich lag richtig, / allen im Weg.“
Und nun wird auch klar, wie das (!) „Vokabel“, das „allen im Weg“ liegt, zu lesen ist, nämlich als Verschmelzung aus „Vokabel“ und „Kabel“, als Kontamination.

Das ergibt Sinn: Elektrisierte Wörter, elektrisierend. Leichtes Krisseln, Knistern, der Geist auf Empfang.

// Meinolf Reul

Ann Cotten, Das Pferd. Elegie. 20 Seiten, geheftet. Mit einer [Umschlag-]Zeichnung der Autorin. SuKuLTuR Verlag, Berlin 2009. 1,00 Euro (Reihe „Schöner Lesen“, Nr. 84). Der Band ist zum Preis von 0,99 Euro auch als E-Book erhältlich.

W. Shorter A. Cotten Y. Bonnefoy

„Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.”
(Sigmund Freud an Albert Einstein)
Daran halte ich mich.
In dem Punkt bin ich gewissermaßen meine Eltern in Personalunion, die mit dem Argument „Das ist für die Bildung” immer großzügig waren mit allem, was uns weiterbringen konnte.
Also bevorrate ich mich (immer maßvoll!) mit Musik und Büchern, erwerbe zudem hin und wieder eine Berliner Zeitung, das macht mir gute Laune.
Zuletzt habe ich mir eine 5-CD-Box von Wayne Shorter gekauft, mit Aufnahmen, die er zwischen 1964 und 1967 für Blue Note eingespielt hat und die, teilweise erst Jahre nach ihrer Entstehung, auf den Alben Night Dreamer, The Soothsayer, Et cetera, Adam’s Apple und Schizophrenia erschienen sind.
„Weird like Wayne” war in den 60ern unter den jungen Jazzfreunden New Yorks eine Redewendung, habe ich irgendwo gelesen, aber vielleicht waren sie auch nur ein einziger Mensch namens LeRoi Jones, nachmals Amiri Baraka. Egal.
Übrigens hat Wayne Shorter einen Trompete spielenden Bruder namens Alan, den man zum Beispiel auf Archie Shepps Four For Trane hören kann. Eine musikalische Familie.
Am Ende landen die Leute beim Jazz, wie mein Freund Walter ganz zutreffend sagte.

Die neuest hinzugekommenen Bücher sind von Ann Cotten und Yves Bonnefoy, denen ich beiden eine Treue bewahre. Anders als hier in der Abbildung zu sehen, weist mein Exemplar von Was geht allerdings kein Fragezeichen auf.

Die Wiener Dichterin widmet sich in ihren Vorlesungen unter dem Vorzeichen des Spazierengehens Fragen der Poetik. „Silly Walks” kommen vor, „Verzerrung”, „Vertrauen”, „Kommunismus als Werkphase” und vieles andere mehr, alles schön flott dargeboten, so dass niemand in Versuchung kommt, einzuschlafen.
Aber das schreibe ich hier nur superpauschal, denn viel lesen können habe ich noch nicht.
„Flaneusen sind (und natürlich Flaneure) ein großes Ärgernis, nicht nur für die Putztrupps, denen sie in die frisch gewischten Strandpromenaden tappen, sondern vor allem auch für die anderen Flaneursen.”
So launig geht es los, und AC mutet dem wohlgemuten Leser hier schon zu, was auf der nächsten Seite als „Polnisches Gendern” namhaft und wie folgt beschrieben wird: „alle für alle Geschlechter notwendigen Buchstaben in beliebiger Reihenfolge ans Wortende.”
Hoffentlich macht es nicht Schule.
AC schreibt: „Mündlich ein bisschen schwieriger als schriftlich, aber es wird sich schon nach und nach durchsetzen, beim Automobil haben sie auch gesagt, so ein Schwachsinn.”

Der rote Schal ist das letzte Buch von Yves Bonnefoy. Elisabeth Edl und Wolfgang Matz haben es übersetzt. Ich war überrascht, dass es überhaupt ein letztes Bonnefoy-Buch gab – eines nach Die lange Ankerkette -, aber als ich neulich Montag meine einwöchige Vertretung in der Wilmersdorfer Buchhandlung antrat, in der ich seit bald fünf Jahren arbeite, lag es auf dem Neuheitentisch, mit diesem prächtigen Max-Ernst-Buchumschlag.
Der alte Dichter, am Ende seines Lebensweges angekommen, erzählt darin von einem liegengebliebenen Gedichtfragment, das seinerzeit wie unter Diktat entstanden war, und an das er später nicht mehr anknüpfen konnte.
„Tatsächlich wollte ich mich nicht damit abfinden, dass ‚Der rote Schal’ unvollendet, und genauso wenig, dass dieses Rätsel der plötzlich versiegten Eingebung unlösbar blieb.”
Bonnefoy wird also Detektiv in eigener Sache, und davon handelt das Buch – ein Buch über ein Gedicht, aber als Erzählung.
NB. Wer die rauhe Haptik der Edition Akzente schätzt, sollte – bei Interesse – ein Exemplar der ersten Auflage kaufen. Die nächste Auflage wird als Print on Demand erscheinen, pottenhässlich, aber zum gleichen Preis. 😦

Es war mir nicht bewusst, dass ich eine besondere Sehnsucht nach poetologischen Fragen habe, aber wie sonst soll ich mir erklären, dass die genannten Bücher eben solche über das Dichten sind und die nächsten zwei ebenso: Poetisch denken von Christian Metz und Aus Mangel an Beweisen von Michael Braun und Hans Thill? – Aller guten Dinge sind drei: Auch Dickicht mit Reden und Augen von Steffen Popp steht bei Shakespeare and Company für mich bereit.
Dieser Tage muss man kookbooks nach Kräften unterstützen. Das eifrige Finanzamt hat dem 2003 gegründeten Verlag eine Forderung ins Haus geschickt, die ihn in seiner Existenz bedroht.

  • Wayne Shorter, 5 Original Albums with full original artwork. Blue Note Records, New York, New York, 2016. ca. 18,00 Euro
  • Ann Cotten, Was geht. Salzburger Stefan Zweig Poetikvorlesung. 180 Seiten, broschiert. Sonderzahl Verlag, Wien 2018. 18,00 Euro
  • Yves Bonnefoy, Der rote Schal. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. 224 Seiten, Klappenbroschur. Hanser Verlag, München 2018. 24,00 Euro

Ann Cotten, Verbannt!

Dieser Beitrag ist das Ergänzungsstück zum vorvorletzten Beitrag, Intro zu Kritik (in Arbeit). Diese ist jetzt abgeschlossen und bei Signaturen nachlesbar (und hier verlinkt):

„‚es würzt / jedes Gedicht von mir die Schwere freien Falls.’ Rhapsodische Gedanken zu Ann Cottens Versepos Verbannt!

Bibliographische Angaben am Fuß des Textes, aber die Buchhändlerinnen und Buchhändler wissen ja auch Bescheid.

Zu Verbannt!. Auswahlbibliographie
~ Ina Hartwig, Schönes Durcheinander. In dem Versepos Verbannt! schickt das Riot Girl Ann Cotten postpostmoderne Internetamazonen auf die Insel – großartig! (Süddeutsche Zeitung, 16.3.2016)
~ „Hegel ist für mich voll Science-Fiction”. Ann Cotten im Interview mit Paul Jandl (Die Welt, 3.4.2016)
~ Jan Kuhlbrodt, Von der Wiederkehr des Epos. Zu Ann Cottens Versepos Verbannt! (Signaturen, 3.4.2016)
~ Timo Brandt, Der weibliche Faust … ist eine Fernsehmoderatorin auf einer Insel voller Innigkeit und Irrsinn (Fixpoetry, 5.4.2016)
~ Christina Lenz, Seekrankheit der Sprache (Frankfurter Rundschau, 17.4.2016)
~ Claudia Kramatschek, Schräge Reime, kuriose Kalauer (Deutschlandradio Kultur, 6.6.2016)
~ Lesung aus dem Buch und Diskussion [mit Eberhard Falcke, Hubert Winkels und Kirsten Voigt] (SWR 2, 7.6.2016) – Die Lesung, mit Verlaub, ist misslungen, stockstarr, verkrampft, das macht Ann Cotten selbst viel besser, wie hier nachzuhören ist: [Audio]
~ Meinolf Reul, „es würzt / jedes Gedicht von mir die Schwere freien Falls.” Rhapsodische Gedanken zu Ann Cottens Versepos Verbannt! (Signaturen, 9.6.2016)
~ Tomasz Kurianowicz, Verbannt! Irrsinn auf Hegelland (DIE ZEIT, 16.6.2016)
~ Claudia Kramatschek (im Gespräch mit Carsten Otte), Ann Cotten, Verbannt! (SWR 2, 19.6.2016)
~ Hans-Peter Kunisch, Ann Cotten – Verbannt! (Westdeutscher Rundfunk [WDR 3], 22.6.2016)
~ Kristin Steenbock, Posthumane Science-Fiction (literaturkritik.de, 4.7.2016)
~ Roman Bucheli, Marquis de Sade in Frauengestalt. Ann Cottens Versepos Verbannt! (Neue Zürcher Zeitung, 12.7.2016)
~ Christiane Kiesow, Medienzirkus bei Ann Cotten (Fixpoetry, 10.8.2016)

Intro zu Kritik (in Arbeit)

Ann Cotten, Verbannt!Das Lesen setzt immer schon vorher ein. So ließe sich mit einer Abschweifung beginnen. Das Buch in Händen zu halten und aufzuschlagen, damit fängt es ja nicht an. Es fängt an mit der Ankündigung auf der Webseite des Verlags. Das türkisfarbene Cover mit der Palme ist dort schon zu sehen, der Verlagstext gibt eine erste Orientierung (Inhalt, Genre, Seitenumfang, Ausstattung). Dann, endlich: Das Buch ist da und liegt in den Buchhandlungen Das Format ist größer als gedacht.

Es folgen erste Besprechungen, Interviews, hier und da ein Tweet oder Posting mit einem Zitatschnipsel:

„Dass auch die flachen Böden süße Möhren bergen, // ist allen Möhrenfreunden wohlbekannt.“ Ann Cotten.

Eine Buchpremiere wird annonciert.

Kurzum, Lesen geschieht nicht Knall auf Fall, es bahnt sich an – und „zu Ende gelesen“ haben, das geht auch nicht wie eine Klappe fällt, es gleicht einem langsamen Ausblenden.
Das zu Ende gelesene Buch liegt noch da, auf dem Tisch, auf dem Bett, auf dem Stuhl, seine aufgerührten Energien müssen erst wieder zur Ruhe kommen (denn Sprache ist Energie, das gilt nicht zuletzt für Cottenisch), ab und zu wird es noch mal aufgeschlagen, werden noch mal einige Zeilen gelesen werden.
Diese Nachlese kann in ein Schreiben münden, gut möglich, in einen Tagebucheintrag, einen Mailkommentar, eine Kritik vielleicht.
Aber eine Kritik. Wie könnte die aussehen, bei einem so eckigen Buch?

Schreiben, ja. Das kündigte sich schon an, denn gab’s da nicht einen Bleistift, der immer beim Buch lag, oder ein Smartphone, um eine Strophe abzuphotographieren?
In jedem Fall folgt ein Sagen. Wer gelesen hat, möchte darüber sprechen, und sei es in der kürzesten Form.
„Ah, Verbannt!
„Kennst du?“
„Ja.“
„Ja – und?“

Blumenerde jemand?

Wo aufhören? Erst mal anfangen.

Neulich fuhr ich in Gedanken den Kleinen Tiergarten lang, Ernst Jandl im Kopf („wir sind die menschen auf den wiesen / bald sind wir menschen unter den wiesen / und werden wiesen und werden wald / das wird ein heiterer landaufenthalt”), da polterte jemand hinter mir: „Mach voran, Opa!” Es war ein Mann in meerrettichfarbender Rennfahrerkluft. Die Farbe seiner Kostümierung und seine Zipfelmütze erinnerten mich an Woody Allen in dem Film von ’72. Der Zuruf machte mich sprachlos. Wäre ich tatsächlich ein alter Mann gewesen – es hätte es nicht besser gemacht.
Meiner Ansicht nach sollte man Alten mit Respekt begegnen, weil sie das Leben so lange mitgemacht und ihm die Treue bewahrt haben. Gleich welchen Alters man ist, man ist immer Überlebender von Generationsgenossen, die nicht so lange gelebt haben wie man selbst. Eine andere als eine dankbare und demütige Haltung zum Leben (und Sterben) scheint mir daher deplaciert. (Neulich fragte mich jemand, wessen ich mich vielleicht schämte, ich glaube, es war eingegrenzt auf die Zeit der Kindheit. Ich sagte, dass ich als Kind Ameisen zertreten hätte.)

Neulich wurde meine Erdbeere ein Jahr alt, ich habe sie umgetopft und ein wenig Erde aus einem Siebeneinhalblitersack hinzugelöffelt, den ich bei Bio Company gekauft habe. (Blumenerde jemand?) Aber es geht ihr nicht ganz gut, einige Blättchen hatten sich rot verfärbt, andere waren braun gerändert, die habe ich entfernt. Gestern, als wir im Café Savo saßen, rieten mir die Grünen Daumen, sie an die Luft zu setzen, und da steht sie nun auf dem Fensterbrett und breitet ihre Blätter in die Sonne.

Ich habe mir noch einmal Ann Cottens Der schaudernde Fächer vorgenommen und mir auch das Interview angesehen, das Denis Scheck für „Druckfrisch” mit ihr geführt hat. Er ist unbedingt zu loben, dass er Ann Cottens sperriger Prosa ein Forum gibt, aber bei der Frage: „Gefallen Sie sich in Ihrer artistischen Radikalität?” bin ich wieder zusammengezuckt. Sie schlägt sich im übrigen wacker. Es ist reizvoll, die chemische Reaktion zwischen ihr und dem Medium zu beobachten. Das Fernsehen verlangt Niedlichkeit und Glattheit, aber sie hat (für das Fernsehen) nur Säure und Widerhaken, was sicher kein Kalkül ist, sondern daraus resultiert, dass sie eben eine Schriftstellerin ist und sie das Posieren und Kunststückchenmachen nicht zu ihren Aufgaben zählt. Sie ist kein Weibchen und kein Pfau. Immerhin, ihr Interviewpartner ist kein Dummkopf, aber hilft das? (Auch ein anderes Fernsehinterview, im Bayerischen Rundfunk, ist schwierig. Die Befragte antwortet überlegt und lässt sich durch die Interviewerin, die sie absurd übertrieben anlächelt und dabei mit der Mikrophonpistole in Schach hält, nicht merklich irritieren.)
Der Kritiker der FAZ umschrieb Der schaudernde Fächer – meines Erachtens zutreffend – als expressionistische Reflexionsprosa. Ich lese die Erzählungen (und eingestreuten Gedichte) als willentlich unfertig und nicht ausgereift. Es gibt großartige Formulierungen, aber manches ist unfassbarer Trash. Die Autorin weiß das natürlich, und es macht mich beinahe wütend, dass sie nicht meine Kunstauffassung teilt, wonach ein Werk bestmöglich ausgeführt und abgerundet sein soll. (Ich sage gar nicht, dass ich mit dieser Idee Recht habe.)
Übrigens hat Der schaudernde Fächer viel Kritikerlob erfahren. Ich müsste die Rezensionen noch einmal nachlesen, um nachzuprüfen, ob sie klarsichtig waren. Meiner Erinnerung nach fielen sie unkritisch aus, in dem Sinne, dass sie nur das Positive hervorgehoben und sich um die Herauspräparierung des Streitbaren gedrückt haben. Wenn Scheck Cottens Prosa als „von irrlichternder Schönheit” charakterisiert, ist dagegen im Prinzip nichts einzuwenden, wenngleich Schönheit nicht das ist, was mir als erstes in den Sinn gekommen wäre. Ich würde überhaupt vorsichtig sein mit Zu- und Festschreibungen bei einer Autorin, die, meiner Einschätzung nach, nicht nur unablässig damit beschäftigt ist, mit der Egge über die Sprache zu fahren, um sie locker und fruchtbar zu halten, sondern die auch mit jedem Gedicht, jedem Essay und jeder Erzählung Zäune und Scheuklappen niederreißt und einsammelt, um sie grimmig ein für allemal zu vernichten und unschädlich zu machen. (Indem ich dies schreibe, mache ich mich selber einer Zu- und Festschreibung schuldig, aber ich hoffe, sie ist derart, dass sie sich selber aushebelt.)

Harli, der auf meine ausgestreckten Beine sprang und sich, in Viertelkreisdrehungen, angelegentlich das Fell leckte, wobei er, um den Hals zu erreichen, seine Zunge mit ruckenden Kopfbewegungen auswarf, wie vielleicht ein Mensch eine Schlinge auswirft, um einen Gegenstand heranzuziehen, der dann aber nur umfällt und unerreichbar bleibt.

Freitag im Soundcheck von radioeins wurde unter anderem das Album Primrose Green von Ryley Walker besprochen. Die Wertung der vier versammelten Musikredakteure lautete einhellig Hit Hit Hit Hit. Daraus nun das Stück – bis es wieder gelöscht wird, denn das Video hat Deutschlands Vormund in musikalischen Dingen, die GEMA, verboten – „Sweet Satisfaction”. Wahrscheinlich keine Neuerfindung des Rads, aber eine sehr gute Nutzung desselben.

Mara Genschel Material

Mara Genschel Material

„Dieses Buch gibt einen Einblick in das Gattungsgrenzen hinterfragende Werk Mara Genschels. Zwar kennt und nutzt sie Verfahren der bildenden Kunst und der zeitgenössischen Musik. Dennoch wird dabei der Kernbereich der Literatur nicht verlassen. Ihr Werk kann darüber hinaus als ein Modellfall betrachtet werden, wie von Lesern mit ästhetischen Herausforderungen umgegangen wird. Verständnishürden, so erweist sich hier, müssen nicht unbedingt in der Struktur eines Artefaktes liegen. Hürden können auch durch die hergebrachten Gepflogenheiten unseres öffentlichen Umgangs damit erst erzeugt werden.”
(Text: Bertram Reinecke / Reinecke & Voß)

Auszug aus meinem Beitrag, mit Interpretationen zu den Texten „ERHABENES für G. Falkner”, „GEEST” und „KIRCHENBÄNKE usw.”:

In dem Text „KIRCHENBÄNKE usw.“ greift Genschel das Erhabenheitsthema scheinbar wieder auf. Nicht der profane Raum eines Museums, sondern der sakrale Kirchenraum bildet seinen (imaginären) architektonischen und situativen Rahmen. Anstelle des ‚eigentlichen‘ Wortes „Kirche“ steht aber, als Synekdoche, „Kirchenbänke“. Das sprachliche Material des Textes erschöpft sich, außerhalb seiner Überschrift, in den Wörtern „vorn“ und „hinten“, die sich über die Länge des Textes (4 Seiten) regelmäßig, durch Querstriche voneinander getrennt, abwechseln. Die Zeichenverwendung scheint Ordnung und Brüche zugleich zu bieten, und sie lässt auch an die Notation von Zeilensprüngen bei Gedichtabschriften bzw. -zitaten denken, die ebenfalls durch Querstriche markiert werden. Genschel belässt es aber nicht bei dem nackten, in den Kirchenraum (auf das weiße Blatt) transponierten Binärcode, sondern putzt ihn mit Anführungszeichen und runden Klammern heraus. Diese sind den Wörtern übergestülpt wie Würfelbecher beim Hütchenspiel, geeignet, die Sinne des Betrachters zu verwirren. […] Auf Mitte der vorletzten Seite, in Höhe der Klebestreifen in „ERHABENES“, wie eine Weihrauchwolke oder wie das Kruzifix über dem Altar, ein eingeklebter Fremdtext in abweichender Schriftgröße und Typographie […].

Zum Weiterlesen: Auf den Seiten der Lyrikzeitung & Poetry News wird ausführlich aus dem im Band enthaltenen Essay Bertram Reineckes zitiert: „Pöbel mal, Lyriker!”

Bertram Reinecke (Hg.), Mara Genschel Material. Auseinandersetzungen mit dem Werk der Dichterin von Luise Boege, Ann Cotten, Michael Gratz, Martin Schüttler und Meinolf Reul
+ Dokumentationsteil mit teilweise unveröffentlichten Arbeitsproben von Mara Genschel.
100 Seiten, broschiert. 24 x 18 cm. Reinecke & Voß, Leipzig 2015. 12,00 Euro
– erscheint am 18. März

Bestellungen über jede Buchhandlung oder beim Verlag (info@reinecke-voss.de).

Lesung Verlag Peter Engstler

In einem postmodernen Akt plagiiere ich mich selbst und wiederhole hier einen Beitrag des Hotlistblogs. Dort noch mehr Abbildungen. – Zu Monika Rinck (und Nele Brönner) in Bälde an anderer Stelle mehr [Nachtrag 22.2.: jetzt online].

„Könnt’s ihr vielleicht das Fenster öffnen?” fragte Ann Cotten zurückhaltend und höflich, ernst wie ein Samurai, als sie langsam-zögernd die Treppe zur Empore hochgestiegen war, wo wir saßen.
In der Rumbalotte, der Kulturspelunke von Bert Papenfuß, darf man ja rauchen, und fast alle tun das.
„Auf Kipp?” fragte ich.
Ich erinnere mich nicht, was sie entgegnete, ihre Miene …
Jedenfalls, keine Frage: ganz auf.
„Wenn man reinkommt … die Luft …” Die Worte, in der wienerischen Färbung, die ihr Sprechen hat, staubgrau und trocken und klar. Sie stiegen mit dem Rauch, der unsere Köpfe umnebelte (nicht ihren Kopf) rasch zur – wie ein Totempfahl bemalten – Decke auf und zergingen vage, während sie sich schon einen Weg durch das Gedränge bahnte zur Bühne.
Sanftheit, Ernst (bis zur Unerbittlichkeit), Hunger nach frischer Luft – vielleicht charakterisiert das Ann Cotten ganz gut, unter anderem.

Der Verlag Peter Engstler hatte zu einem Abend geladen, in dessen Mittelpunkt der Sozialpsychologe Fernand Deligny stand. Einführend sprach Helmut Höge (sein Kleiner Brehm erscheint nach und nach bei Engstler, die Reihe wird bald abgeschlossen sein: Spatzen, Schwäne, Rinder, Pferde, Hunde, Gänse, Elefanten, Bienen, Affen) zu Deligny, mit dem er sich eingehend beschäftigt hat.

Anstatt Höges Referat zu skizzieren (wie Sie vielleicht erwarten, was ich aber gar nicht leisten kann), verweise ich lieber auf seinen Aufsatz „Antipsychiatrie mit Zuschauern”, der am 17.7.2004 in der tageszeitung erschien und online gestellt ist, s. hier. Der darin erwähnte Band Ein Floß in den Bergen, der 1980 bei Merve erschienen war, ist leider lange vergriffen. Vielleicht fasst sich ja Merve-Verleger Tom Lamberty ein Herz und legt ihn noch einmal auf.

Deligny_Ein_Floß_in_den_BergenHintere Umschlagseite von Fernand Deligny, Ein Floß in den Bergen. Neben Kindern leben, die nicht sprechen. Chronik eines Versuchs

Der Deligny gewidmete Part des Abends in der Rumbalotte wurde dann von Ronald Vouillé fortgesetzt, dessen Übersetzung von Delignys Die Umwege des Handelns oder die kleinste Gebärde bei Engstler angekündigt ist. Vouillés Rede drehte in der regelmäßigen Taktung eines Ventilators oder Wassersprengers ins Nuschelige, was sich damit erklärte, dass er seinen Vortrag mit Dias unterlegt hatte, zu deren Erklärung er sich jeweils vom Mikro abwandte – bis Bert Papenfuß, immer grummelig wirkender Kneipier in Camouflagehose und Schirmmütze, es ihm umsichtig oder entnervt in die Hand drückte. Dann ging es besser.

Ann Cotten hat sich vom genannten Deligny-Titel offenbar angezogen gefühlt und ihn sich für zwei Beiträge im Logbuch Suhrkamp ausgeborgt:

Umwege des Handelns
Palinodie zu „Umwege des Handelns”

Sie brachte eine hochwillkommene Lockerung in die schon sehr interessante, aber wortzähe, teigige Veranstaltung, las einige neue Gedichte, die von japanischen Schriftzeichen inspiriert waren, unterbrach sich hier und da, um eine Information einzustreuen, aber das hatte nichts mit „autoexegetischen Turnübungen” (Thomas Kling) zu tun, diente nur dem Austausch und der Öffnung. Flott.

Im sich anschließenden Beitrag von Monika Rinck wurden die Zügel wieder gestrafft. Monika Rinck trug eine Textcollage zu Fernand Deligny vor, nicht schlecht, überhaupt nicht schlecht, alles andere als schlecht. Sie lieferte (aber) strengen, konzentrierten Text, und mein Textverarbeitungsprogramm war schon überfüttert.

A Guest + A Host = A Ghost
Marcel Duchamp

Als letzter übernahm Ulf Stolterfoht das Mikrophon und las mit einer heiteren Bedächtigkeit, wie sie vielleicht nur Schwaben drauf haben (mögen sie auch, wie er, ewig lang in Berlin leben), Gedichte, von denen er behauptete, sie seien „uralt”.
Das kann aber eigentlich gar nicht sein. – Wie auch immer, er hatte sie ausgewählt, weil sie seiner Ansicht nach zum abwesend-anwesenden Ehrengast (Geist) Fernand Deligny passten.

Stolterfoht_brankoÜbrigens, eingedenk seines mutmaßlichen Arbeitspensums (Startprogramm seines Verlags BRUETERICH PRESS
in der Mache, neuer Gedichtband – Neu-Jerusalem – bei kookbooks angekündigt, und sein viertes Buch im Verlag Peter Engstler färbt auch noch ab, so frisch ist es: was branko sagt) war es erstaunlich, dass er überhaupt da war und gelesen hat.

Vielleicht gehört Ulf Stolterfoht zu den wenigen Nichtheiligen, die der Bilokation fähig sind. Es sei ihm neidlos gegönnt.

S. auch den Beitrag Das System steigt in den Ring: Ulf Stolterfoht, Verleger (31.5.2014).