Machen Sie 13

„Alle wollen Sloterdijk lesen”, stellte mein Chef fest.
„Ich nicht”, beeilte ich mich zu sagen.
Es war sonst keiner im Laden.
Der Psychoanalytiker hatte das letzte Exemplar aus dem Fenster gekauft und noch einen Blick auf den Stapel Remittenden geworfen, der vor mir lag. Gerade schob er Füchse zur Seite.
„Ich warte auf Igel!” sagte ich, vermutlich hatte ich (m)einen vorlauten Tag.
Da gebe es ja ein Märchen, griff er meinen Einwurf auf.
„Von den Grimms?”
Wieder vorlaut!
„Ja, von den Brüdern Grimm”, bestätigte er, beinahe versonnen, und in einer ordentlicheren Formulierung als ich sie gewählt hatte, und dann erzählte er in groben Zügen das Märchen Hans mein Igel („Es war einmal ein Bauer, der hatte Geld und Gut genug, aber wie reich er war, so fehlte doch etwas an seinem Glück: er hatte mit seiner Frau keine Kinder. Öfters, wenn er mit den andern Bauern in die Stadt ging, spotteten sie und fragten, warum er keine Kinder hätte. Da ward er endlich zornig, und als er nach Haus kam, sprach er ‚ich will ein Kind haben, und sollts ein Igel sein’. Da kriegte seine Frau ein Kind, das war oben ein Igel und unten ein Junge, und als sie das Kind sah, erschrak sie und sprach ‚siehst du, du hast uns verwünscht.’”),
und als er geendet hatte, blieb mir gerade noch Zeit zu sagen, das sei ja eine tiefgründige Geschichte.

In einer Buchhandlung kriegt man immer was erzählt, wie hier ein Märchen, oder vielleicht auch ein kleines Referat über die zahlreichen Veröffentlichungen Hans Blumenbergs in katholischen Periodika, womit aber irgendwann recht plötzlich Schluss war, ohne dass Hans Blumenberg in seinem späteren Leben je einen Mucks über den Grund für diesen Bruch mit der katholischen Seite gemacht hätte. Bettina Blumenberg, die Tochter, habe diese katholischen Anfänge ihres Vaters rundweg abgestritten. Dazu eine abwinkende, resignative Bewegung. Solche Sachen. Eine Universität, aber informell, schon der nächste Satz handelt vielleicht vom BVB.

„Sloterdijk schlottert leicht”, diesen hübschen Vers kann ich wohl aufsagen. Dachte erst, er sei von Brigitta Falkner, aber jetzt glaube ich doch eher, dass er von Birgit Kempker stammt (aus Mike und Jane).

Samstag waren eine Freundin und ich in Mitte oder Prenzl’berg unterwegs, um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen (nur Kaffee für sie), aber der Laden hatte auch Scones, weswegen dann neben dem Bienenstich auch ein Apfel-Zimt-Scone auf meinem Teller lag und später von dort verschwand.
Der Kassenmann tippte alles ein, „12.50” erschien auf dem Display.
„Machen Sie 13”, sagte ich.
Der Kassierer zögerte.
War ja eigentlich ein bisschen viel für nur zwei Kaffees und einen Kuchen (und einen Scone).
Gab’s ein Problem?
Dann fiel mir auf, dass die Kasse das Rückgeld anzeigte, ha ha.

Schön, wenn die Fahrradreifen über das Herbstlaub fitschen. Neulich muss es auch gestürmt haben, die Straßen waren ganz struppig.

Solve problems, then decorate

[Aufschrift auf einer Stofftasche]

„Liebe Runde,

niemand außer Meinolf hat sich bereit erklärt zum Stammtisch zu kommen, daher sage ich hiermit unsere Oktober-Sitzung leider ab.”

Die SWR2-Sendung Extinction Events, die heute noch online ist, werde ich mir ein zweites Mal anhören. Nicht nur konnte ich mir bis dahin nicht bekannte Komponistinnen – und einen Komponisten – entdecken: Malin Bång, Ying Wang, Julia Mihály, Ole Hübner. Auch die Thematik ist denkbar aktuell (und wird aktuell bleiben).

Uns ist eine schlechte Prognose gestellt worden:
„Die Welt hat ohne den Menschen begonnen und sie wird ohne ihn enden.” – Claude Lévi-Strauss, 1955.

Sicher werde ich Mountain & Maiden (2020) von Sarah Nemtsov noch einmal nachhören (aber wo kann ich das?), das kein pures Musikstück ist, sondern ein Film-Musik-Hybrid:
„Ein Film von Shmuel Hoffman & Anton von Heiseler mit einer Komposition von Sarah Nemtsov für Keyboard solo (mit verstärktem Klavier und Stimme)”, so der vollständige Titel.
Der Berg ist ein rauchender Müllberg in Indien, auf dem ein Mädchen seiner Arbeit nachgeht: Müll sortieren. Dirk Wieschollek, der Autor der Sendung, wies darauf hin, dass der Titel eine Anspielung auf Schuberts „Der Tod und das Mädchen” ist.

Terminal X – Building Our Future (2020) von Julia Mihály und Maria Huber mischt sich aktiv in die Proteste gegen den geplanten (und beschlossenen) Ausbau des Frankfurter Flughafens ein, dem von Ministerpräsident Volker Bouffier so genannten „Herzmuskel der Wirtschaft”, der gepflegt werden müsse.
Bei der Uraufführung wurde der Frankfurter Stadtwald „mit einer mobilen Performance ‚besetzt’, um dort anhand von Musik und Bewegung der Kritik gegen die Flughafen-Erweiterung einen künstlerischen (Klang)Raum zu geben.”
Die Sendung bringt einen Ausschnitt, bei dem eine E-Gitarre über den Waldboden gezogen wird – die Idee der E-Gitarre als Protest-Instrument verbindend mit dem Bild der von Polizisten weggeschleiften Demonstranten, wie Wieschollek anmerkt.

Meine Vertretungswoche bei Shakespeare & Company ist vorbei, es war ziemlich anstrengend: fünfzig Stunden Arbeit, dazu zwölf Stunden Fahrtzeit.
Heute ist Entspannung angesagt: Kaffee und Kuchen mit meinen Berliner Geschwistern im Café Buchwald.

Fies Tüch, wat siche lecker

Manchmal sind plötzlich Sätze da, beim Zähneputzen oder Nudelkochen.

„Fies Tüch, wat siche lecker” würde ich meinem Vater zuordnen, beim Trinken von Kräuterlikör – wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob er je Kräuterlikör getrunken hat, ich erinnere mich nur an Eierlikör, der in dickwandigen Gläschen kredenzt wurde. Ich benutzte sie, um Shrewsbury Biscuits auszustechen, welche ich zu meinen Zeiten als Schüler des öfteren backte (buk), 500 g Mehl, 300 g Zucker, 300 g Butter, je eine Messerspitze Salz und Zimt, ein echtes 70er-Jahre-Rezept.
Mit Rotwein, den meine Mutter trank – ein Glas am (Feier-) Abend: denn sie war ihr Leben lang, trotz der zwölf Kinder (wegen, wie manche meiner Brüder behaupten), berufstätig -, konnte mein Vater wenig anfangen, dass er aber Zucker in sein Glas rührte, um mit der Süße nachzuhelfen, mag eine Legende sein, wiewohl es ihm, der mit Schokolade belegte Brötchen aß und für uns Kinder Nudelsuppe kochte (Sahnepudding mit Spaghetti), wahrhaftig zuzutrauen gewesen wäre.
Jahrelang schwärmte er aber von Tokajer, dem ungarischen Dessertwein. Einmal hatte er Gelegenheit gehabt, davon zu kosten, vielleicht im Krieg (vier Jahre), kaum in Gefangenschaft (vier Jahre). Einen Führer und vier Bundeskanzler später gab’s Tokajer bei Aldi, aber er schmeckte nicht wie erhofft: eine Enttäuschung. Der erinnerte Wein war längst zu einem Traumwein geworden.

Hier versuche ich nun, im neuen WordPress Editor, der mir auf die Nerven geht, die neue Single von Goat Girl zu verlinken, die am 29. September veröffentlicht wurde. Produzent ist wieder Dan Carey, der aus der Band von K. Tempest bekannt ist, aber u.a. auch mit Emiliana Torrini, Chairlift und La Roux gearbeitet hat. Die Zusammensetzung der Band hat sich verändert, auf dem Pressefoto erkenne ich nur Clottie Cream und Rosy Bones, Naima Jelly und L.E.D. sind offenbar ausgestiegen, schade.

Goat Girl, Sad Cowboy

You crawl over seas of granite, ein Kompositionsauftrag des JACK Quartets […] ist das neueste und radikalste Streichquartett von Clara Iannotta“, lese ich im Booklet zur jüngst erschienenen CD Earthing (Wergo, Mainz 2020). „So radikal, dass die vier Musiker zur Sicherheit auf Billiginstrumente umstiegen.” Von diesem Zaubertrick habe ich natürlich nichts mitbekommen, als das Werk im Januar beim Ultraschall Festival uraufgeführt wurde. Die Instrumente werden um mehr als eine Oktave nach unten gestimmt und die Saiten mit Büroklammern präpariert. Dies sind die äußeren Mittel, mit denen die Komponistin eine bildstarke Musik erschafft, die den Hörer im Nu auf den Grund des Marianengrabens versetzt, elf Kilometer unter dem Meeresspiegel – jene Tiefe, in die die Ozeanographen Jacques Piccard und Don Walsh, mit denen Theresa Beyer ihren schönen Einführungstext beginnt, im Jahr 1960 hinabtauchten. Am Meeresgrund gibt es kein natürliches Licht, kein Sonnenlicht, und doch ist es nicht vollkommen finster: die dort lebenden Tiere und Organismen emittieren ein irreales Leuchten. Schummer, Schlamm, Wasserdruck, der das U-Boot knacken und knirschen macht, Mulmigkeit, Ausgesetztsein, ins Unendliche gedehnte Zeit, all dies ist in den ozeanischen Kompositionen Clara Iannottas zu hören und körperlich zu erfahren – atemberaubend.
Reizvoll an speziell diesem Werk, You crawl over seas of granite (2019/20), das die altehrwürdige Gattung Streichquartett bis auf die Wurzel neu aufzieht, ist auch, dass die Komponistin hier etwas von ihrer Kontrolle abgibt. Extrem heruntergestimmte Instrumente entwickeln eine nicht bis ins einzelne steuerbare Eigendynamik. Paradoxerweise hat genau dies Leinelassen die Künstlerin ihrer Vision näher gebracht.

Damit nicht in direktem Zusammenhang stehend, aber ich muss dennoch daran denken: Im aktuellen Heft des Jazzpodiums schreibt der Komponist Bernhard Lang von dem Problem, dass die Partituren neuer Musik oft so kompliziert sind, dass die Interpreten „mehr dem Leseprozess als dem sich gegenseitig Hören verpflichtet” seien. Sein Kollege Georg Friedrich Haas habe gerade daraus (dies zumindest Langs Vermutung) die Idee entwickelt, in seiner Komposition In Vain „das Ensemble über weite Strecken auswendig im Dunkeln” spielen zu lassen.

Es fehlt noch ein Schluss-Satz. Ich zitiere ein Schild am Rolltreppenaufgang U-Bahnhof Turmstraße, Moabit: „Handlasten und Tiere müssen getragen werden.”

Und was lesen Sie?

Ich weiß nicht, warum ich heute nach langer Zeit mal wieder an Frau Dziersk denken musste, die früher manchmal meine Mutter in der Buchhandlung vertrat, wenn diese, was selten vorkam, und erst in ihren späteren Jahren, auf Reisen in Frankreich oder Spanien war. Sie war ein guter, doch etwas herber Mensch. Es kursierte die Anekdote, dass sie, auf die freundlich interessierte Frage einer Kundin: „Und was lesen Sie?”, trocken entgegnet hatte: „Ich lese Erbsen in die Suppe”, was natürlich in dem Zusammenhang ein toller Satz ist, auf zartere Gemüter aber abschreckend wirken musste, zumal wenn man die freundliche Zugewandtheit meiner Mutter gewöhnt war. Frau Dziersk war eine überaus zuverlässige Vertretung, die morgens mit dem Auto von Alpen her gefahren kam – der Niederrhein ist flach wie ein Pfannkuchen, aber Alpen gibt’s, und die Sonsbecker Schweiz -, und ich sehe auch ihren Mann auf der Truhe sitzen, ein sanfter trauriger Mensch, dem ich zur Begrüßung an die drei oder vier Finger seiner linken Hand fasste, die er mir etwas unbeholfen entgegenhielt. Die weißen Augen waren hinter dunklen Brillengläsern verborgen. Da fällt mir ein, dass auch Frau Dziersk an einer Hand nur vier Finger hatte, vielleicht von Geburt an. Als ich viel später die Buchhandlung übernahm, sah ich sie wieder, ihr Mann war gestorben, ihr neuer Gefährte war ein schöner Königspudel, der auf den Namen Till hörte und mit lockerer Schlinge am Bein eines der Korbsessel fixiert wurde, die um einen runden Wohnzimmertisch standen – die Buchhandlung Reul war ein gemütlicher Ort -, solange Frauchen die Bücher in den Regalen beguckte und eine sorgfältige Auswahl traf und auch noch was bestellte, was soviel hieß wie: Ich komme wieder.

Neulich, nachdem ich schon vier oder fünf Stunden geschlafen hatte – abends erwischt mich die Müdigkeit gerade ziemlich früh – wachte ich tief in der Nacht auf, und zufällig war es die Zeit, als in Cleveland, Ohio, der amtierende Präsident der U.S.A. und sein Herausforderer zu ihrer ersten Fernsehdebatte zusammentrafen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mir einen Teil davon auf dem YouTube-Kanal von CBS anzusehen (den ich auch einschalten werde, wenn am 3. November gewählt wird – eine Wahl, von der Wohl und Wehe der Welt abhängen). Der Moderator war prinzipiell gut, aber gegen den rüpelhaften POTUS hatte er kein Mittel. Der Herausforderer wahrte seine Contenance, und es ist nicht einzusehen, warum nun immer die beiden kurzen Momente zitiert werden, als ihm doch der Kragen platzte (immer noch sehr zivilisiert), während über die permanenten Flegeleien des anderen nur abwinkend gesagt wird: Na ja, so haben wir’s erwartet. Leider, leider, der Demokrat wirkt greisenhaft, und ob sein team mate es schaffen wird, seinem blassen Wahlkampf Schwung zu geben, ist fraglich.

Ein apartes Tanzvideo zum Stück „How to know this is the moment to say goodbye” von Autochrom. Im Hintergrund passt Luise Volkmann auf, dass der Dreh nicht gestört wird.

Betonköpfe

Nichts gegen Beton – bezogen auf die geplante Instandsetzung der Straßen in unserer Sommerfeldsiedlung in Kleinmachnow bin ich absolut dafür, dass das neue Baumaterial das alte (seit rund neunzig Jahren) ist, nämlich Beton. Aber die Gemeindevertretung, einschließlich der Grünen, setzt alles daran, die denkmalgeschützte Siedlung zu asphaltieren und die Gehwege, die jetzt Sickerfläche sind, zu pflastern. Wer Interesse hat, ein bisschen nachzulesen, siehe hier:

Bürgerinitiative Sommerfeldsiedlung

Ebenfalls mit Billigung durch Bündnis 90/Die Grünen soll die Rodung des Dannenröder Forsts erfolgen, der dem Ausbau der Bundesautobahn 49 im Weg steht. Ich kann den Waldbesetzern nur Erfolg und breite Unterstützung wünschen. – Im rheinischen Braunkohletagebau werden weiter Dörfer weggebaggert, und noch im Mai dieses Jahres ist in Datteln ein Kohlekraftwerk ans Netz gegangen, dessen Laufzeit sich möglicherweise bis 2038 erstrecken wird. Die Gasleitung Nord Stream 2, Nawalny ist ja wieder munter, wird vielleicht auch noch fertiggebaut und in Betrieb genommen, obwohl sie überflüssig ist – noch mehr fossile Brennstoffe, feurio! (Ganz davon abgesehen, dass dies Bauprojekt ein deutscher Alleingang war.) Dies alles bitte nicht vergessen, wenn wir – zu Recht – auf Jair Bolsonaro und Donald Trump schimpfen. Bei uns gibt es keine illegalen Brandrodungen, alles läuft sehr ordentlich, aber die Politik ist mehr oder weniger die gleiche: alles für das vermaledeite Wirtschaftswachstum, und auf dass Kohle, Öl und Gas noch lange verfeuert werden. (Wie sagt man eigentlich degrowth und décroissance auf Deutsch? Oh, ich sehe: Postwachstum! – Keine Partei der Welt ist dafür.) – Hatte ich übrigens erwähnt, dass Julia Klöckner, die Landwirtschaftsministerin, die Lebensmittelkontrollen einschränken will?

Nachmittags zum Wannsee geradelt, wo ich die Grabstelle von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel suchte (und nicht fand), eine Informationstafel war vollständig mit tags zugeschmiert. Ich habe Verständnis für Graffitis, aber ich schätze auch Zurückhaltung und Respekt. Dann weiter zur Glienicker Brücke, und wieder zurück. Auf dem Königweg fiel mir eine ausgebesserte Stelle ins Auge: um die Unebenheit zwischen zwei Bodenplatten auszugleichen, hatte ein Straßenmeister ein bisschen Asphalt gespachtelt. In den Bahnen sieht man auch immer diese ausgebesserten Stellen, wo der Sitz durchgescheuert war. Da klebt dann ein Azubi ein Stück BVG-Folie drüber, was beinahe nicht auffallen würde, wären da nicht die tiefere Farbsättigung des Flickens und sein irregulärer Zuschnitt. Auch die Mitteilung im Winter: „Wagen nicht geheizt” läuft nicht als Laufschrift über das Display, sondern ist seit jeher eine Bekanntmachung per Aushang, farbige DIN A4-Zettel, auf die Türen geklebt. Wahrscheinlich liegt immer ein Stapel in einem der Bahnsteig-Kabäuschen bereit („mittlere Schublade, musst ein bisschen ruckeln”). – Ich machte gerade eine kleine Rast auf einer der vielen Bänke am Wannsee, als das Handy summte: „Hello dear Meini! Do you want me to sign you up for lunch next week?” Und mitten in der Nacht erhielt ich eine Mail, die ich, da ich um 3.43 Uhr in der Regel schlafe, erst heute morgen las, und die Befremden darüber äußerte, dass im Wikipedia-Artikel über das Autochromverfahren Albert Kahn nicht erwähnt wird – „bin ich blind?” Das wäre allerdings ein schweres Versäumnis, denn niemand hat so viele Autochrom-Aufnahmen gemacht wie eben der große Albert Kahn. Ich sah jetzt noch mal nach, und gucke!: „Zwischen 1907 und der Mitte der 1930er Jahre sind rund 20 Millionen Autochromaufnahmen angefertigt worden, wovon über 70.000 Farbbildaufnahmen auf das Betreiben des französischen Bankiers Albert Kahn zurückgehen.” Weiter unten: „Diese Seite wurde zuletzt am 16. September 2020 um 04:09 Uhr bearbeitet.” Allet klar!

PS. Gratulation an Deniz Ohde, deren Roman Streulicht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht. So geht es los: „Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt. Eine feine Säure liegt darin, etwas dicker ist sie, als könnte man den Mund öffnen und sie kauen wie Watte.”

Bericht folgt

Zurück von meiner kleinen Tour nach Mecklenburg-Vorpommern, die mich nach Rostock, Warnemünde und Güstrow führte.
Güstrow war schon Johnsonland (und Barlachland natürlich), da stand auch eine Johnson-Skulptur neben dem Dom, die dem Porträtierten allerdings nicht ähnlich sah, aber als Ehrung lassen wir’s mal gelten. Bis 2034, Johnsons Hundertstem, würde ich mir aber ein lebensechteres Abbild an der Stelle wünschen. (Lustig, dass Güstrow, laut Güstrow-Marketing, seine Heimatstadt gewesen sein soll. Das war doch Cammin in Pommern, heute Kamień Pomorski! – Ebensogut könnten sie in Heerlen sagen, Thomas Bernhard sei ein holländischer Schriftsteller.)
Unterwegs habe ich, in meiner Eigenschaft als Kultur-Onkel, eine Petition zur „Aufnahme aller Flüchtlinge in Moria durch die Europäische Union” unterzeichnet. Es ist ja grotesk, dass der EU (Friedensnobelpreis 2012 – für was?) seit ihrem Bestehen in der Flüchtlingsfrage nicht mehr eingefallen ist als das Dubliner Übereinkommen, und Frontex.
NB. Aus deutscher Sicht scheint z.B. Ungarns Weigerung, Flüchtlinge aufzunehmen, hinnehmbar, solange sie deutsche Waffen kaufen. Mit diesem Ungarn sollte die Bundesrepublik Deutschland aber gar keine Geschäfte abschließen. (Aber was will man machen, Viktor Orbán ist „der Lieblingsautokrat von CDU und CSU”.)
Ich wollte jetzt aber eigentlich nur kurz Laut geben, dass ich wieder da bin. Hallo!
Hab ich keine Musik anzubieten? Nein, gerade nicht.

Wollen Sie aufhören?

„Du hast doch Urlaub”, sagte mein Chef und gab mir ein Päckchen Zigarillos (Romeo y Julieta Club 20), das er gerade bei Zigarren Herzog gekauft hatte. Dessen Inhaber ist ein soignierter, stattlicher Herr, der, wenn er mir mit zwei Fingern einen Zeitungsausschnitt über die Theke reicht, immer nur gerade so viel sagt, dass ich nicht zu entscheiden wüsste, ob er Österreicher oder Schweizer ist. Nun habe ich seit März allerdings kaum noch geraucht, mit sparsamen Ausnahmen bei Verwandtenbesuchen. Aber das Zeug vertrocknen lassen ist vermutlich auch doof, bei einem Stückpreis von 77 ½ Cent. Wahrscheinlich lässt sich auf der Strandpromenade von Warnemünde prima rauchen, aber ich will gar nicht.
Heute habe ich einen kleinen Rest Mandeln auf die Mauer gelegt, für die nächste Krähe, die vorbeigeflogen kommt – vielleicht auch für Eichhörnchen interessant? Überraschenderweise waren es dann aber Feuerkäfer, die als erste aufkreuzten. Schlenkrig kletterten sie den Efeu empor, wo ich zuvor einige von ihnen zusammenklucken gesehen hatte, und lehnten sich in verschiedenen Schrägegeraden an die Mandeln an oder ließen sich auf ihnen nieder, ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
Mehr habe ich in meinem Urlaub noch nicht erlebt.
Jetzt lese ich in meinem langsamen Tempo Die Topeka-Schule, den hervorragenden neuen Roman von Ben Lerner (sehr gut von Nikolaus Stingl übersetzt) und schreibe eine Kritik zum Album RGB des Trios Autochrom, was mir nicht leicht fällt, aber es fällt mir nie leicht, eine Kritik zu schreiben. Ich will aber unbedingt meinen Teil dazu beitragen, dass mehr Leute auf dieses 1A-Jazzalbum neugierig werden.
Im übrigen steht, diesen Sonntag schon, eine neue Aufnahmesitzung des Podcasts radio satt an, der zwei Jahre pausiert hatte. Diesmal zu Gast die Schriftstellerin Veronika Reichl, die ihr grenzgängerisches, Literatur und Theorie verbindendes, Buch Im Schaum dieser Sprache. Hegel lesen vorstellen wird. (Die bisherigen Folgen: Luise Boege, Sofie Lichtenstein und Moritz Müller-Schwefe, Deniz Ohde, Lilian Peter und Julia Veihelmann.)
Und wenn der Sonntag um ist, fängt meine zweite Urlaubswoche an, und danach werde ich wahrscheinlich happy sein, wieder (abhängig) arbeiten zu dürfen. Trotzdem, nächstes Jahr kann von mir aus die Vier-Tage-Woche kommen.
Hier jetzt noch ein Stück für tikerscherk aus den ‚guten‘ 50%.

Schneckenrasen

Das Radel habe ich erst mal vorm Haus abgestellt, dann muss ich es nicht über den Rasen zum Schuppen schieben. Der Rasen wird bei dieser Witterung stark von Schnecken frequentiert, nicht meine Lieblingstiere. Schnecken fressen auch Getreide. Das fiel mir auf, als ich einmal für die Meisen Haferflocken ausgestreut hatte. Dann hörte ich meine Mitbewohnerin aufschreien. Ein Kranz Schnecken hatte sich um das Futter gebildet und fraß es weg, ein ekelerregender Anblick, von dem ich mich dennoch nur schwer lösen konnte.
Heute lag ein aufgenagtes oder aufgepicktes Ei auf dem Grün, zu oval für einen Tischtennisball oder Golfball, der die aber auch nicht dahin gehört hätte hätten.
„Auch beim Schreiben versuche ich, möglichst unsystematisch vorzugehen. Wenigstens auf dem Papier muss doch alles erlaubt sein!” (Florian Neuner, Moor (oder Moos), S. 34).
Surrealismus umgibt uns. Surrealismus und Dada, und tiefer in der Stadt auch Brutalismus. – Neulich löste ein Habicht, der sich in die Krone einer der Kiefern gesetzt hatte und von Ast zu Ast flog, ein großes Gekrächze bei den Rabenvögeln aus.
Ich glaube ja, dass Schriftsteller viel vom Jazz lernen können.
Eins der letzten Bücher, die ich gelesen habe, war Der letzte Satz von Robert Seethaler, eine Geschichte über Gustav Mahler, die viel mit Rückblenden arbeitet. Diese bleiben allerdings insofern ‚flach‘, als Seethaler die einfache Vergangenheitsform wählt, wo meiner Ansicht nach die Vorvergangenheit angezeigt gewesen wäre. Ich gebe zu, dass das Plusquamperfekt einen Satz umständlicher macht, aber eine plane Textfläche für ein zeitlich gestaffeltes Textgeschehen ist irgendwie auch nicht richtig. Das Buch bietet nicht mehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich ein Lesepublikum einigen kann. Der Autor bleibt weit unter seinen Möglichkeiten, und erst recht weit unter den Möglichkeiten von Literatur, von der ich mir doch wünsche, dass sie sprachlich und bildlich und wirklich oder unwirklich, und warum nicht auch theoretisch, angereichert und angespeckt, und immer auch ein bisschen verrückt ist. Spartanismus – gut, kann man machen, aber es wird mir nicht mehr als ein Schulterzucken entlocken.
Ein expansives Moment, eine gute Portion Schmissigkeit, improvisatorische Anteile sind nie verkehrt. Ich finde ja, dass Monika Rinck (um, zum Vergleich, eine ganz anders geartete Schriftstellerin zu nennen) dies in Alle Türen wunderbar realisiert hat. Monika Rinck ist ein Gewicht in der Literatur, und dass sie es geschafft hat, einfach nicht daran zu denken und so ein frisches, risikobereites Buch zu machen, ist einfach toll!
Alle Türen verleugnet nicht das einmal Erreichte, aber es setzt es neu aufs Spiel. Auch darin besteht seine außerordentliche Qualität.

Magerstufe

„Keine Magerstufe”. Ich hatte gerade das (leise rappelnde, quietschende) Tor zugezogen, als meine Mitbewohnerin nach mir rief. Erst sah ich sie nicht, weil die Kiefer dazwischenstand (eine der vielen Kiefern, die die Sommerfeldsiedlung so vorortmäßig erscheinen lassen). In ihrer braunen Wolljacke lehnte sie an ihrem Zimmerfenster – ich hab auch so eine, ziemlich ähnlich, scheint mir, nur für zu Hause, von meinem Vater geerbt – und fragte zu mir herab, ob ich zu Rewe gehe.
– Ja. (So zögerlich-fragend gesagt, nur eine Silbe ist eine ganz unzureichende Notation.)
Zu oder zum, das weiß ich nun nicht genau, vielleicht zum. Ich sage: zu, egal. (Den Joghurt kaufe ich für mich selbst auch, aber die kleine Packung. Ich kaufe die kleine Packung zweimal, sie die große einmal, von der Menge her läuft’s aufs Gleiche hinaus. So zeigen sich die unterschiedlichen Charaktere.) – Ich fand das Wort „Magerstufe” gut, eine gute Covid 19-Zeit-Metapher. Nicht in finanzpolitischer Hinsicht zutreffend, aber sonst.
3.8 % Fett leuchten mir total ein.
Sie hatte sich bereits zurückgezogen, als ich zurückkam – nicht, dass ich lange weggewesen wäre, ich bin ein effizienter Einkäufer, brauch auch nicht viel -, also riss ich den Deckel einer Teeverpackung ab und schrieb darauf in Druckschrift: „Joghurt im Kühlschrank. Geschenk des Hauses.”
Ich bin nicht so der überschwengliche Typ. Einmal habe ich einer Freundin, die ich toll finde (das kann jede sein), ein Gebäck nach Hause schicken lassen, das war in der Adventszeit, und man konnte noch auf einem Kärtchen ein bisschen was schreiben, einen Gruß. Ich schrieb: Guten Appetit! – „Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen”, das Wort von Elfriede Gerstl hat mir immer gefallen.
Übrigens, ich weiß schon, dass man „überschwenglich” heute mit a Umlaut schreibt, weil es von „Überschwang” kommt. Aber die Sprache ist nicht konsequent, nicht logisch und auch nicht genau, und ich wüsste nicht, was schlecht daran ist.

Im Lesen bin ich ganz faul geworden, aber ich höre fleißig Musik. Ich beschäftige mich zum Beispiel mit Julia Holter, deren Individualismus ich bewundere. – An anderer Stelle hatte ich geschrieben, dass sie mir mit ihrer Ambitioniertheit manchmal auch auf die Nerven geht. Diesen Akzent würde ich heute nicht mehr setzen, weil sich Kunst ohne Ambition vermutlich im Kreis drehte.
In ihrer Kritik zu Julia Holters Doppelalbum Aviary im Musikexpress spricht Julia Lorenz von „Bildungsbürgermusik”. Das ist eine treffende Beschreibung.
Aviary ist eine mutige, schlüssige und risikobereite Weiterentwicklung ihrer Arbeit.
Eine ganz andere Musik, an der ich auch Freude habe, ist das Debütalbum der Londoner Band Goat Girl. Prima! Hier geben Sie ein kleines Wohnzimmerkonzert: Strano Session #5 / Teil 2.

Julia Holter Aviary (Domino Records)
Julia Holter Aviary (Bandcamp)
Julia Lorenz, Julia Holter, Aviary (Musikexpress)
Spyros Stasis, Julia Holter Produces Her Most Ambitious Work Yet with ‚Aviary‘ (Pop Matters)

Es sieht später aus als drei

Yvette hatte nur noch einen Termin freigehabt, um halb zehn, und obwohl es immer ein ganzes Stück zu fahren ist, habe ich zugeschlagen. Sie, mit rosa Haaren, stand mit einem Grüppchen Nachbarn vor dem Salon, den glotzäugigen Bruno an der Leine, Nachbesprechung einer Pöbelei durch einen Drogentypen, der einer alten Dame die Krücken weggehauen hatte, auch Yvette hatte was abbekommen.
„Die wachsen?!” sagte sie kopfschüttelnd in den Spiegel.
Die Polizei kam und kam nicht, das Geschimpfe ging schon los, da stellte sich heraus, dass der eine Nachbar, der angerufen hatte und jetzt in den Salon trat, nicht durchgekommen war, aber das hat er keinem gesagt, oder erst nach einer Viertelstunde, das hörte ich dann mit. Yvette verdrehte die Augen und wurde einsilbig. „Mit der Kommunikation muss noch besser werden nächstes Mal”, stellte der Nachbar fest und schloss vorsichtig die Glastür hinter sich. „Mannmannmann”, sagte ich, Yvette machte mit der Schere eine saubere Kurve um mein Ohr.
Corona war natürlich auch ein Thema. Dass die Coronaampeln alle auf Grün stehen: kann keine Rede von sein! (Möglich durchaus, so wie die Berliner social distancing interpretieren. Schon die Bezeichnung Mund-Nasen-Bedeckung ist nicht zu vermitteln, die Leute haben ihre Maske wie ein Pflaster unterm Kinn, oder gerade eben bis unter die Nase gezogen, und Verweigerer gibt es auch.)
Bruno schlief. Der Hund wird schnell müde.
Im Salon habe ich nur wenige Veränderungen wahrgenommen. Anstelle der üblichen Kaffeebecher stand neben der Kanne eine halb aus der Plastikfolie gepulte Stange Pappbecher auf dem Tisch, außerdem die Plastikpackung mit Kaffeeweißer und Plastikstäbchen zum Umrühren. Das Silberlöffelchen für den Kaffeeweißer war aus dem Verkehr gezogen worden, aber sachte kippen geht ja auch.