Baustellenampeln regeln den Verkehr

„Thank you very much! Thank you very much!” rief Craig Taborn, die Hände zum Trichter geformt, in den Applaus hinein, nicht zur zweimal, sondern in Wiederholung (im Loop), nachdem er seine Mitspieler ausgerufen hatte, „the great” (in der Tat!) Tomeka Reid (Cello) und Ches Smith (Schlagzeug, Vibraphon, Electronics). Es oblag Tomeka Reid, ihrerseits Craig Taborn auszurufen, und konsequenterweise hätte es nun aus dem Publikum antworten müssen: „Thank you very much! Thank you very much!”, aber es blieb beim Applaus, der herzlich ausfiel.
Nach dem Schluss-Stück (von Geri Allen) spielte das Trio noch eine Zugabe von Sun Ra, und kaum je an einer Stelle des Konzerts klang die Musik so befreit wie hier.
Im Publikum, wie üblich, viele ältere Herrschaften in Schwarz, mehr Männer als Frauen, zum Glück auch jugendliche Köpfe, wahrscheinlich Leute von der Universität der Künste oder sonstwie Jazzer. Links neben mir junge Argentinier, friedlich zuhörend, aber schnell dabei, anerkennend mit den Fingern zu pfeifen, rechts eine flippige Seniorin, die eine sagenhafte Unruhe um sich verbreitete – man müsste sie dermaleinst in einer Kugel begraben, wirbelig wie sie war.

Was Craig Taborn bei diesem Auftritt im Rahmen der Reihe New York Journey genau gemacht hat (neben Klavierspielen), habe ich nicht verstanden. Oberhalb der Tastatur seines Steinway & Sons-Flügels lag eine elektronische Schaltvorrichtung (vermutlich ein schrecklich grober Ausdruck für eine Sache, die korrekt anders zu bezeichnen wäre), auch zu seiner Linken ein Tischchen mit vielen Knöpfen und Reglern, die er drückte und drehte, doch deren Funktion mir verborgen blieb. Es sah geschäftig, konzentriert und wichtig aus, aber ich habe mich gefragt, ob es eine Attrape war. (Nicht ernsthaft, ich will nur sagen: Was wäre verloren gewesen, hätte es diese elektronischen Geräte nicht gegeben?)
In der deutschen Wikipedia steht, Taborn habe „das Spektrum des Jazz durch Computer und Samples” erweitert und setze „auf dekonstruktive Weise gegenläufige Rhythmuspatterns” – das wird er an dem Abend in der Salle Boris Vian im vierten Stockwerk der Maison de France, einem der schönsten Bauwerke, die die Berliner City West zu bieten hat, ebenfalls getan haben, nur dass ich es nicht herausgehört habe.
Das Trio hatte also einen skeptischen Zuhörer im Publikum. Zu wenige Blue Notes, so würde ich meinen Eindruck zusammenfassen.
Und: Wäre es leiser gewesen, hätte ich mehr gehört. Denn Klavier und Schlagzeug, an sich schon (potentiell) Lärminstrumente, waren elektrisch verstärkt und drohten, das – ebenfalls verstärkte – Cello zu übertönen. Dazu das digitale Soundbesteck von Craig Taborn und Ches Smith … ein bisschen viel für meinen Geschmack. Die Musik oft kurz vor der Eskalationsstufe, von enormer Schallhärte. Erst in der zweiten Konzerthälfte wurde die Klangmauer durchlässiger. Da gab es dann ein wunderbares Cello-Klavier-Duett, die Musik bekam mehr Raum, davor führte das Konzept das Szepter. (Improvisierte Musik sollte nicht zu gehirnig sein, finde ich.)

Für den Auftritt von Drummer Barry Altschul im April werde ich mir vorsorglich Ohrstöpsel mitnehmen.

Vermischte Meldungen: Die korrupten Politiker Georg Nüßlein und Alfred Sauter sind vom Oberlandesgericht München vom Vorwurf der Bestechlichkeit freigesprochen worden. Kyle Rittenhouse hat in Notwehr zwei Demonstranten erschossen (laut Spruch der Geschworenen). Der Vatikan ist kein Mitglied der Europäischen Union.

Dauernebel

Zeitschriften sind geheftete oder gelumbeckte Periodika, die man am Kiosk, im Bahnhof, in der Tanke, wenn man schon kein Auto fährt, oder beim Rewe kauft, oder vielleicht sogar abonniert hat, und die dann meist ungelesen herumliegen oder aus einem Regalfach herauslappen. Das ist ja auch nicht weiter schlimm.

Betrunkene mit verrutschen Masken und quarkfetten Stimmen wankten mir am U-Bahnhof Spichernstraße entgegen, wo ich in die 3 stieg, die mich getreulich Oskar-Helene-Heim absetzte. Dort in den 115er, Neuruppiner. Feierabend.
Wenn ich wach genug bin, lese ich im Novemberheft der MusikTexte, das einen Schwerpunkt zum Thema Akustische Ökologie hat (von der ich vorher noch nie gehört hatte, aber ich kenne mich auch nicht aus). In seinem frei zugänglichen Beitrag Der wohltemperierte Regenwurm. Zur Naturbeziehung digitaler Musik erklärt Bernhard König mit Bezug auf den Schweizer Klangforscher Markus Maeder, was das zum Beispiel heißen kann: „den Trockenstress verdurstender Bäume oder die Fruchtbarkeit von Böden hörbar [machen]”.

Freude hatte ich auch an dem – Adornos Das Altern der Neuen Musik (1954) (das höre ich mir jetzt aber nicht an …) aufgreifenden – Essay „Vom Neuern der alten Musik” von Christoph Haffter, der auf anregende Weise das Phänomen der breiten Präsenz der Musik vergangener Zeiten im Musikleben der Gegenwart beleuchtet. Der Autor wendet die Frage: Ist das noch Musik?, mit der neue Musik häufig konfrontiert ist, gegen die alte Musik, denn:
„Kunsterfahrung ist das Gegenteil von Bescheidwissen.”
Wenn man aber nach einem Takt schon weiß, wie es weitergeht, dann ist wohl eher Trivialität als Kunst im Spiel.
Ist alte Musik also tot? – Nicht unbedingt, beruhigt der Verfasser, und rekapituliert einige neuere Klassikinterpretationen (Vivaldi, Tschaikowsky), die etwas vom Schock (Choc, hätte Adorno snobistisch geschrieben) erfahrbar machen, die die betreffenden Kompositionen einmal ausgelöst haben müssen. Allerdings gibt er zu bedenken, dass die Deutung der Alten als Zeitgenossen (aus) der Vergangenheit möglicherweise nicht statthaft ist.
„Eine echte Erneuerung der alten Musik müsste die Musik nicht neu, sondern alt erscheinen lassen.”

Das oben verlinkte Stück von Adam O’Ferrill und seines Stranger Days genannten Quartetts hatte die New York Times neulich vorgestellt. Unter den versammelten fünfzehn Tracks aus Pop und Jazz von Taylor Swift bis Moor Mother gefiel mir Ducks am besten.
Und weil ich in DJ-Laune bin, hier noch zwei Videos aus Great Britain, einmal die aberwitzig fingerflinke Band von Squarepusher, Shobaleader One, mit einem längeren Live-Set, und Dua Lipa (wie kann man hier Herzchen einfügen?) mit – na, ihr seht’s ja.

Aldekerk, Nieukerk

Raiffeisenmarkt.
Strommasten.
Ruhende Kühe.
So nähert man sich der alten Heimat, nur dass irgendwann die Schienen aufhören, sie werden repariert, der SEV muss einspringen.
Der Expressbus bretterte an Kevelaer vorbei, auch an Weeze (Ronald Pofalla, Flughafen), erst in Goch kam er zum Halt.
Gab’s die Möwen früher schon?

Das erste der beiden Taxis machte eine abwehrende Handbewegung, das zweite kurbelte das Fenster herunter, gerade Auftrag reingekommen, aber der Bus. Na, erst mal Fahrschein lösen, sechs Euro, ganz ordentlich!
Der ganze Tag war draufgegangen, der ICE hatte Verspätung gehabt, und der Zug nach Geldern fährt am Wochenende nicht so oft. Kleiner Spaziergang im und rund um den Bahnhof, eine äußerst lebendige Stadt, nicht gut in Schuss, aber doch sicherlich inspirierend, dachte ich.
Duisburg ist echt (Stadtwerbung).
Möwen.

Duisburg Hauptbahnhof, 2.11.2021. Klebearbeit

Endlich kam ich doch an.

Der für mich wichtigste Satz in Marguerite Duras‘ Sammlung von Beiträgen für die Zeitung Libération – in der sie 1980 für kurze Zeit eine Kolumne hatte – steht am Beginn des ersten Beitrags: Il faudrait écrire pour un journal comme on marche dans la rue. (Man müsste so für eine Zeitung schreiben wie man über eine Straße läuft.) Das ist vielleicht gar nicht so weit von Stendhal entfernt (Le roman est un miroir qui se promène sur une grande route […]), nur dass dessen Vergleich des Romans mit einem eine Straße entlang spazierenden Spiegel das Widergespiegelte betont – den Bildinhalt (Himmelsblau, Modder) -, während Duras den Akzent auf die erzählerische Haltung/Gangart setzt, den Bildrahmen. Selbstverständlich kommt auch bei ihr Gesehenes ins Spiel, aber eben gefiltert durch einen Rhythmus – und durch ein Subjekt/Temperament. Ein Spiegel hat kein Temperament.
Nur, schief wird die Sache in dem Augenblick, als sich die Autorin entschließt, aus den Zeitungsbeiträgen ein Buch zu machen. Als wenn sich so einfach das Medium wechseln ließe!
Aber gut, ich bin auch darum kritisch, weil ich mit Marguerite Duras‘ lauem Stil nichts anfangen kann, der in diesen Kolumnen zudem etwas Brabbeliges, Blasenwerfendes, Schaumschlägerisches hat.

Ein neuer Song von Charlotte Adigéry und Boris Zeebroek alias Bolis Pupul.

Blätter auf der Straße

Die Firma hatte mir noch einen Abendtermin reingedrückt, halb sieben bis halb acht, neuer Kollege im Chicago Office. War aber okay.
Ich bin Onboarding Buddy.
Dann nach Kreuzberg, 10 Minuten mit dem Bus, 22 Stationen mit der U3 (halbe Stunde grob), 10 Minuten laufen – schon da.

Die SMS war von einer Nummer gekommen, zu der ich keinen Kontakt gespeichert hatte:
Hallo lieber Meinolf, erinnerst du dich an den Besuch von %, §, & und / aus $ vor 4 Jahren. Die sind hier für ein paar Tage zu Besuch. % hat am Dienstag Geburtstag und wir machen ein Feuer am Abend um 20.00 Uhr. Alle würden sich wie Bolle freuen, wenn du kämst. Lieben Gruß, =

Feuer gab’s vor vier Jahren auch schon. Einen Teil der Eingeladenen kannte ich von daher, andere sah ich zum ersten Mal. Zwei waren mir von vor dreißig Jahren her vertraut, hab beide nicht erkannt.
Und wer bist Du? lehnte sich eine Frau mit blonden Dreadlocks zu mir herüber.
Mein Nachbar zur Linken antwortete.

19. November, Performance: hab ich mir notiert.

Mich vor der Haustür abzusetzen, war natürlich supernett. Immerhin, ich lag auf dem Weg. Kleinmachnow, Potsdam, kein Problem. Der Fahrer erinnerte sich im Verlauf der Fahrt besser an mich. Er verband mit mir eine einzelgängerische Person, nicht richtig dazugehörend, aber geschätzt. Hij is anders dan de andere mannen, zitierte ich einen Satz aus dem VHS-Kurs Niederländisch. (Charakterisiere deinen Sitznachbarn.) Seine Frau stellte auch ein paar Fragen.

Was hab ich mit Wasserschweinen? Ich könnte den ganzen Abend Videos von Wasserschweinen gucken, die Mate trinken. So nette Gesellen!

Ist es etwa der Algorithmus, der mir Don Omar – Danza Kuduro | REMIX vorschlägt, oder kriegt ihr das auch? (Ist mir zu lang: vier Minuten.)

Manchmal liegen Blätter auf der Straße, die einen anleuchten. Dann muss man sie aufheben und mitnehmen, oder stehenbleiben und mit ihnen ‚reden‘, bevor man weitergeht. Neulich war da so eins.

Musik!

Fall nicht in den Jammersack

Eine Redewendung, die meine Mutter benutzt hat: in den Jammersack fallen – kam mir neulich wieder in den Sinn. Was sie genau bedeutet, weiß ich nicht, ahne aber, bei welchen Gelegenheiten sie angebracht wäre. Problem nur, dass sie vielleicht nicht verstanden wird (wenn das ein Problem ist).

Ich finde, der Verzicht auf
– eine Reichensteuer
– ein Tempolimit auf Autobahnen
– Aussetzung der Schuldenbremse
ist Zugeständnis genug an die FDP in einer Ampelkoalition, da muss Christian Lindner nicht auch noch Finanzminister werden (und der Schrecken der EU – mit Ausnahme Schwedens, Dänemarks, der Niederlande und Österreichs: de vrekkige vier).
„Die Ampel steht auf Gelb”, wo habe ich diese Überschrift gelesen?
„Jetzt fehlt noch die Kohle”, titelte die taz am wochenende.

Der neue Song von Adele, Easy On Me, hat bei YouTube schon 67 Millionen Aufrufe – oder ist da ein Bot am Werk?
Ich habe mir auch die neue Single von James Blake angehört, aber diese englischen Sänger … Heulbojen (Thom Yorke, Chris Martin), immer leidend oder euphorisch, ich kann das nicht gut hören.

Über ihren Newsletter schickte Kimbra Johnson einen Download-Link zu ihrem neuen Song, den sie gestern veröffentlicht hat, verbunden mit den großzügigen Zeilen:
„Whichever way you chose to get involved, the song is yours. Go copy it, upload it, share it, leak it, whatever you want.”
Der Betreiber des YouTube-Kanals Kimbra Fans Forever hat sich das nicht zweimal sagen lassen und Different Story postwendend hochgeladen, mit der visuellen Umsetzung (sozusagen das Bad einlassend und zugleich das Kind hineinsetzend) von Patrick Rowe, die von Kimbra als sogenanntes Nun-Fungible Token (digitales Eigentumszertifikat) gedacht war und nur in einer Auflage von fünf Exemplaren existiert – vielleicht durch Kimbras Worte legitimiert, wer weiß.

Nachdem ich große Freude an dem Roman Der Sonnenschirm des Terroristen von Iori Fujiwara hatte – sehr zu empfehlen -, habe ich mir aus dem Programm des Cass Verlags zwei weitere Bücher ausgeguckt: Aufzeichnungen eines Serienmörders von Kim Young-ha und Das Romanverbot ist nur zu begrüßen von Seiko Ito.
Nicht, dass ich sonst nichts zu lesen hätte: Modellfliegen (Marcel Möring), Das Haus mit den sieben Giebeln (Nathaniel Hawthorne), Streulicht (Deniz Ohde), Unter Orangen (Norbert Lange), Der dritte Versuch (Julia Veihelmann) … liegt alles hier und will gelesen werden, und noch mehr, und noch mehr dazu.

Ich würde gern einmal das Polarlicht sehen, in den Norden Finnlands und auf die Orkney Inseln reisen. Konkret plane ich aber eine Fahrt zum Niederrhein, wo ich lange nicht war.

Der Jazz ist so weiß geworden

Ich interessiere mich zwar immer noch für diese Musik, stelle aber fest, dass es schwieriger geworden ist, Jazz von people of colour zu finden. Sicher, ein Schritt zurück wäre möglich, da gäbe es viele Schätze zu heben. Aber (physisch) darankommen … schwierig. Beispielsweise würde ich gern mehr von Andrew Hill hören. Bei YouTube gibt es auch vieles, aber dasselbe als Schallplatte?
Aktuelles muss es aber doch auch geben! Möglich, dass ich einfach nicht gründlich genug gesucht habe. Ein paar Leute fallen mir ein: Tyshawn Sorey (dessen Musik mir allerdings zu ruhig ist), Nicole Mitchell, Tomeka Reid, James Brandon Lewis …

„Ich glaube, dass die Produkte von Facebook Kindern schaden, Spaltung anheizen und unsere Demokratie schwächen.” – Frances Haugen, Whistleblowerin (zit. nach Der Spiegel)

Das Sondierungsteam von CDU/CSU besteht aus Armin Laschet, Paul Ziemiak, Ralph Brinkhaus, Volker Bouffier, Reiner Haseloff, Daniel Günther, Thomas Strobl, Julia Klöckner, Sylvia Breher und Jens Spahn. Wer von ihnen hat einen so guten Draht zur Bild?
Wer immer für die Indiskretionen verantwortlich ist, die gerade für Aufregung sorgen: Möge der Verräter enttarnt werden!
Nicht, dass ich ein Anhänger einer Koalition aus Union, Grünen und FDP wäre. Im Gegenteil, ich bin gelinde entsetzt, dass sie überhaupt erwogen wird, schließlich haben CDU/CSU 8,9% der Stimmen gegenüber der letzten Bundestagswahl eingebüßt (und die SPD 5,2% hinzugewonnen), und sie hatten sechzehn Jahre lang Zeit, das Land zu modernisieren, den Klimaschutz voranzubringen usw., was sie angeblich jetzt so dringend tun wollen, vielleicht mit Friedrich Merz und Dorothee Bär. Nein, danke.
Die SPD will natürlich auch keinen Klimaschutz. Deswegen gehe ich ja demonstrieren!

Übrigens: Ich bin ein Gegner von Nord Stream 2.

Zu den Pandora Papers sage ich nichts. Ich möchte nur anregen, nicht mehr die possierlichen Wörter Steueroase und Steuerparadies zu verwenden, die genauso unpassend sind wie das Wort Schummelei zur Bezeichnung oder Nichtbezeichnung des bandenmäßigen Betrugs bei Volkswagen und anderen Autobauern. – In einem Leserbrief an die taz hatte ich einmal alternativ Steuerpfuhl oder mindestens Steuerversteck vorgeschlagen. Das wird sich aber kaum durchsetzen, und ich schließe eine Wette darauf ab – kein Vergleich, bloß ein weiteres Beispiel -, dass (die) Journalisten, wenn ich schon längst ins Gras gebissen haben werde, den Dreck der Rechten immer noch mit dem beschönigenden Wort „Gedankengut” ehren werden. Gegen Sprachschablonen ist eben schwer anzukommen.

PS. Glückwünsche zu meinem Namenstag nehme ich bis 24.00 Uhr entgegen. Bis jetzt hat nur Conrad Electronic gratuliert.

Wasserschwein am Rechner

Das Segelschulschiff Gorch Fock ist an die Marine übergeben worden. Aus diesem Anlass wurde noch einmal an die erstaunliche Kostenexplosion erinnert, die es seit Beginn der Grundinstandsetzung gegeben hat. Aus den ursprünglich veranschlagten zehn Millionen Euro wurden 135 Millionen Euro – hoppla! Der Wikipedia ist zu entnehmen, dass die maximalen Kosten bereits drei Jahre vor Ende der Arbeiten auf eben diese 135 Millionen Euro beziffert worden waren. Dieser Kostenrahmen wurde ausgeschöpft.
Auch unser schöner Hauptstadtflughafen BER ist teurer geworden als gedacht. Einst waren ca. zwei Milliarden Euro kalkuliert worden, zuletzt war von mehr als sieben Milliarden Euro die Rede, und es werden sicher noch mehr. Dies weiß alles die Wikipedia. Der Artikel Bau des Flughafens Berlin Brandenburg ist so lesenswert wie deprimierend:

„Des Weiteren sei Alfredo di Mauro kein Ingenieur, wie bisher in Berlin allgemein angenommen, sondern verfüge lediglich über einen Gesellenbrief als Technischer Zeichner.”

„Am 28. September 2015 gab Flughafenchef Mühlenfeld bekannt, dass rund 600 Wände eingerissen werden müssten, die als Brandschutzwände vorgesehen waren, „aber so nicht gebaut wurden“.”

Über den Ausbau der Berliner Stadtautobahn A100, den die zukünftige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey befürwortet, ließe sich auch einiges sagen, s. den Beitrag Kostenexplosion am 16. Bauabschnitt usw.
Janine Wissler hatte im Wahlkampf zurecht darauf hingewiesen, dass die Union kein Problem in Enteignungen sieht, wenn sie dem Bau von Autobahnen und der Förderung von Kohle dienen (Stichwort Lützerath) – aber Enteignungen von Wohnungskonzernen zwecks Entlastung von Mietern? Nicht mit der Union!

Am 22. Oktober findet der nächste Klimastreik statt.

Hier ein toller Song von Charlotte Adigéry & Bolis Pupul.

Gestern abend in Friedrichshain, um eine Kollegin zu verabschieden, die in ein anderes Team wechselt, und eine weitere Kollegin, die in der Computerspiele-Branche angeheuert hat und Berlin verlassen wird.
Die erste, nicht nur technisch-mathematisch begabt, sondern auch eine professionelle Schneiderin und wunderbare Zeichnerin, überreichte mir den Zweifarbdruck eines ihrer Werke (worum ich sie gebeten hatte): Es zeigt ein Wasserschwein mit mittelalterlicher Brille, das – eine Pfote auf der Tastatur – am Computer sitzt und höchst konzentriert auf den Bildschirm blickt. (Wasserschweine, Capybaras, auch Carpinchos genannt, gehören zur Tierwelt ihrer Heimatstadt. – Vor einiger Zeit war zu lesen, dass mehrere Individuen dieser Spezies in eine Gated Community vorgedrungen sind … invaded by … destroyed manicured lawns, bitten dogs and caused traffic accidents … – wobei ein Umweltschützer, den der Guardian zitiert, zu bedenken gibt, dass es sich umgekehrt verhält: Die Reichen haben sich im Revier der Wasserschweine breitgemacht, und diese kehren einfach dorthin zurück, wo sie vorher schon gewesen waren.
„Wealthy real-estate developers with government backing have to destroy nature in order to sell clients the dream of living in the wild – because the people who buy those homes want nature, but without the mosquitoes, snakes or carpinchos.”)

Kaoss Pad (Partymix zur Wahl)

(Die Überschrift bezieht sich auf das Effektgerät, das Kimbra im unten verlinkten Song – Miracle – bedient.)

Jemand sagte neulich, als Bundesumweltministerin habe Angela Merkel gemahnt, wir bräuchten das Drei-Liter-Auto, und als Bundeskanzlerin habe sie dann den SUVs den Weg gebahnt, von denen von Jahr zu Jahr mehr zugelassen werden.
Andreas Malm beginnt sein Buch Wie man eine Pipeline in die Luft jagt mit einem Zitat des englischen Schriftstellers John Lanchester, der sich in einer Sammelrezension für die London Review of Books bereits 2007 darüber verwundert zeigte, dass sich die Klimaaktivisten bislang so brav verhalten haben anstatt zu militanten Strategien überzugehen wie z.B. das Zerkratzen von SUV-Fahrertüren mit einem Schlüssel:
„[…] in a city the size of London, a few dozen people could in a short space of time make the ownership of these cars effectively impossible, just by running keys down the side of them, at a cost to the owner of several thousand pounds a time. Say fifty people vandalising four cars each every night for a month: six thousand trashed SUVs in a month and the Chelsea tractors would soon be disappearing from our streets. So why don’t these things happen?”
Gut, für mich wäre das nichts, aber ich würde mich öffentlich darüber freuen, falls es jemals geschehen sollte. Einstweilen tun’s auch Aufkleber, die das Bild eines Erdballs in Flammen mit dem Satz „Ich bin ein Verbrenner” kombinieren (gestern auf der Demo gesehen). Oder die – immerhin – Versechsfachung der Parkgebühr für Automobile, die schwerer als ich weiß nicht wie viel Tonnen sind, wie sie der Tübinger Oberbürgermeister kürzlich durchgesetzt hat. Auf ein Fahrverbot von SUVs in Innenstädten können wir aber vermutlich lange warten, das wäre auch eine effiziente Maßnahme, um der Plage Herr zu werden.

Die Rede von Greta Thunberg habe ich seltsamerweise verpasst, obwohl ich pünktlich am Bundestag war. Wann hat sie sie gehalten? Zu Beginn oder am Ende der Demonstration? Auch Luisa Neubauer: nicht mitgekriegt. Das Grußwort von Maja Göpel aber wenigstens doch, auch eine prägnante Rede von Emilia Roig.
20000 Protestierende waren in Berlin angemeldet gewesen, die tatsächliche Teilnehmerzahl lag deutlich höher, je nach Schätzung bei rund 50000 bis 100000 Leuten, wobei die kleinere Zahl natürlich von der Polizei stammt.
Ich kann nur hoffen, dass auch weitere Streiks und Aktionen von Fridays for Future und anderen Gruppen der Klimabewegung viel Zulauf, viel Unterstützung haben werden. – Ich dachte an eine Formulierung, die vor ein paar Tagen Robert Mattheis hingeworfen hat, lässig: in den Abgrund gähnen. Das fand ich eine hervorragende Zustandsbeschreibung. Wir blicken in einen (gähnenden) Abgrund, und was wir tun ist: gähnen. (Wir – damit meine ich diejenigen, die dringend ihren (selbst-)zerstörerischen way of life ändern müssen.)
„Und immer gibt es Leute, die bringen den Ernst, der angebracht ist, nicht an”, möchte ich den großen Uwe Johnson (aus dem Gedächtnis) zitieren.

„HUCH! Alles kaputt” (Plakat beim Klimastreik gestern)

Nach dieser langen Vorrede: Morgen ist Bundestagswahl.
Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, gab es bei vergangenen Bundestagswahlen schon zwei Mal eine rechnerische Mehrheit für Rot-Rot-Grün. Die Aussichten, dass morgen aller guten Dinge drei werden, stehen nicht schlecht – „Linksrutsch jetzt!” (Plakat) -, aber da die Linken von allen anderen Parteien als Schmuddelkinder angesehen werden, müssen sie wohl wieder an den Katzentisch. Sehr bedauerlich, und sehr dumm. Bleibt zu hoffen, dass Armin Laschet abblitzen wird. Wer noch im Jahr 2020 ein Steinkohlekraftwerk eröffnet, darf keine Verantwortung übertragen bekommen, so einfach ist das.
Was immer die Verhandlungen nach der Wahl ergeben werden, einige der Lobby-Minister werden nicht mehr weitermachen: Peter Altmaier, Andreas Scheuer, Julia Klöckner, das ist schon mal beruhigend. Auch das Milchbrötchen aus dem Außenministerium dürfte seinen Posten verlassen. Jetzt schnell noch ein paar Leute befördern!

In Fortsetzung einer Tradition hier eine kleine Musikzusammenstellung, wird möglicherweise noch erweitert. Die Belgierin (Belgien, yeah!) Charlotte Adigéry tauchte in der Playlist der NY Times auf, ihr Compagnon, Bolis Pupul, trägt ein T-Shirt mit ihrem Bild, ihrerseits ein T-Shirt mit seinem Konterfei tragend, am Schluss schütteln sie sich die Hand.
Kimbra mit einem poppigeren ihrer Songs, recht zurückhaltend gesungen, aber die Spitzen exakt getroffen, was bei der anderen Studioaufnahme – von Yelle – leider nicht der Fall ist, aber eigentlich macht es auch nichts, wir wollen ja keine Maschinen. Mir gefällt der fröhliche Blödsinn, den sie und ihre Schlagzeug-Elektro-Partner veranstalten. (Der modische Auftritt von Charlotte Adigéry, Kimbra und Yelle ist hervorzuheben – prima!)
Claire Laffut, Tip von Deutschlandfunk Kultur, genau dies Lied. Heisere Stimmen hab ich immer gern.
Wiki und Navy Blue, wieder aus der erwähnten Playlist geklaut. (Wiki ist der mit den eingeschlagenen oder weggerauchten Zähnen.)
Nach dem Tod des Gang of Four-Gitarristen Andy Gill gab es ein Tribute-Album, daraus das Stück Forever Starts Now, gefolgt von einem Original von anno 1979. Es klingt kein bisschen angestaubt.
Metronomy mit einem Lied zum Sonntag, das die Sonntagsstimmung ganz gut wiedergibt, finde ich.

Charlotte Adigéry & Bolis Pupul High Lights *** Kimbra (Live at Radio New Zealand) Miracle *** Metronomy Month of Sundays *** Yelle Complètement fou (Live on KEXP) *** Claire Laffut Vérité *** Wiki feat. Navy Blue Can’t Do This Alone *** Gang of Four (Killing Joke Dub) Forever Starts Now *** Gang of Four Natural’s Not in it *** Kelly Lee Owens Arpeggi *** Charlotte Adigéry & Bolis Pupul The Best Thing