Tinte

Ich war schon drauf und dran, in die Fußstapfen meines Großvaters mütterlicherseits, Heinrich Schröer (1875-1951), zu treten und einen Liter Pelikan-Tinte zu kaufen.
Die schöne Glasflasche aus den 20ern (geschätzt) ist leider in einer meiner ehemaligen Kevelaerer Wohnungen verblieben.
1000 ml, diese Abfüllmenge kommt längst in Plastik.
Aber dann fand sich in dem Schränkchen mit Schreibkram – Bleistifte noch aus Rom, Einwickelpapier mit Spuren abgelöster Tesastreifen, Beutelklammern, Couverts, Blankokarten, Schreibblöcke, Radiergummis – ein noch nicht angebrochenes 30 ml-Glas. Damit komme ich erst einmal weiter.

Manchmal frage ich mich, ob ich hinsichtlich meiner Lebenserwartung mehr nach meiner Mutter (mit 76 Jahren gestorben) oder nach meinem Vater (mit 96 Jahren gestorben) komme. Das kann mir natürlich kein Schwein sagen.
Wenn ich es wüsste – würde es Veränderungen in meiner Lebensführung nach sich ziehen? Vielleicht. Wahrscheinlich nicht. Doch wäre es nicht so oder so schlau, mit einem kurzen Leben zu rechnen? Wahrscheinlich. Vielleicht nicht.

Das Arbeiten von zu Hause wird wohl noch einige Monate andauern.
Ich gehöre zu den Glücklichen, deren Erwerbsleben bruchlos weiterläuft, mit dem zusätzlichen Vorteil, keine zwölf Stunden Wochen-Fahrtzeit mehr zu haben. Mein Radel (Curtis) kann durchschlafen im Schuppen. Auch für die Vögel schön, die nun mehrmals täglich Futter kriegen statt nur einmal, morgens. – Nicht für die halbstündigen Teambesprechungen, aber für die ‚geselligen’ Events, die ebenfalls über Computer laufen, habe ich wegen einer Webcam nachgefragt. Deepu kümmert sich.

Den Freundinnen der Rubrik Zehn letzte Lektüren und zwei aktuelle muss ich die ernüchternde Mitteilung machen, dass die langsame Umschlagbewegung dort vorläufig zum Ruhen gekommen ist. Manche Bücher brauchen eben Zeit.

In der Wikipedia, die ich in ihrem zwanzigsten Jahr erstmalig mit einem kleinen Geldbetrag unterstützt habe, lese ich über Herrn Spinozas Erkenntnistheorie:
„Spinozas Konzept von rationaler Erkenntnis ist von einem ungetrübten, radikalen Optimismus bezüglich der Fähigkeiten des menschlichen Geistes gekennzeichnet. Er meinte, wir könnten nicht nur sämtliche Geheimnisse der Natur klären, sondern auch Gott adäquat erkennen.”
Auch darin ist er ein guter Schüler Descartes‘, der ein Vierteljahrhundert vor der „Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes” (Tractatus de intellectus emendatione, 1661/62) seinerseits eine „Methode des richtigen Vernunftgebrauchs” (Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, & chercher la vérité dans les sciences, 1637) veröffentlicht hatte, in der er so ungefähr sagt: Bitte, Leute, vergesst nicht, dass ich nur sehr wenig weiß! Allerdings habe ich die Hoffnung, noch alles lernen zu können. („[J]e veux bien qu’on sache que le peu que j’ai appris jusques ici n’est presque rien, à comparaison de ce que j’ignore, et que je ne désespère pas de pouvoir apprendre.”) Eine schöne Mischung aus Demut und Größenwahn.

Nach dieser Textwüste wäre jetzt eigentlich ein bisschen Musik fällig, aber mir fällt gerade nichts ein. King Hannah (Meal Deal), die neulich nachts im Radio liefen, machen zwar süffige Musik, aber ich hab’s auch schon mal gehört.
Übrigens wird diese Richtung, Stimme vor Breitwand-Gitarren, shoegaze genannt – angeblich, weil ihre Vertreter auf der Bühne schüchtern auf ihre Schuhe starren, tatsächlich aber wohl, weil auf dem Boden die Effektgeräte stehen (die sie mit ihren Schuhen an- und ausschalten). Tanukichan zählt auch dazu.
Der neue Song von Billie Eilish und Rosalía, Lo Vas A Olvidar, ist gut, aber merkwürdig richtungslos.
Also: Heute keine Musik.

Morgen Blaue Tonne

Von Ray eye – Photograph by Ray eye, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2192065
Als Überraschungsgast tauchte gestern ein rotes Eichkatzerl (ab und zu österreichische Wörter verwenden!) an meinem Fenster auf, Luftlinie 1 Meter vom Bildschirm entfernt, oder weniger. Was es da wohl knusperte? Doch hoffentlich nicht den abgesprungenen Lack? – Wusste gar nicht, dass das Fensterbrett zum Spielfeld gehört. Sonst turnen sie immer auf der Kiefer herum, rennen über den Metallzaun oder kreuzen huschend-wuschend die Straße, auf deren anderer Seite noch viel mehr interessante Bäume stehen (Kiefern, Kiefern).
Aber gut, dachte ich mir, griff die Erdnusstüte, ging nach draußen und: „Jetzt guck!” sagte ich franziskanisch zum Eichhörnchen, das oben auf dem zusammengeklappten Fensterladen saß.
Es jagte davon.
Ich ließ mich nicht davon beeindrucken und streute einige Erdnüsse aufs Blech, für einen nächsten Besuch. (Die Meisen dürfen sich auch bedienen.)

Das Januar-Konzert von Mary Halvorson (mit Sylvie Courvoisier) in Berlin ist – erwartungsgemäß – abgesagt worden.
Es gibt aber einen neuen Termin, am 23.4.: dann treten Myra Melford, Mary Halvorson, Ingrid Laubrock, Tomeka Reid und Susie Ibarra im Maison de France auf – wenn’s dabei bleibt.

Dieser perfekte Song ist aus dem Album Code Girl (2018) von Mary Halvorsons gleichnamiger Band – ein ausgezeichnetes und, mit einer Spieldauer von eineinhalb Stunden, ziemlich ‚üppiges’ Werk. (Die Sängerin ist Amirtha Kidambi.) Wer mehr hören will, sei auf das epische Storm Cloud verwiesen – toll! Aber, wie gesagt, Code Girl als ganzes ist absolut zu empfehlen, und das Nachfolgeralbum Artlessly Falling (2020) auch.

Zur Abwechslung habe ich zuletzt ein mir bislang unbekanntes Buch von Baruch de Spinoza gelesen: Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes.
„Spinozas unvollendet gebliebene Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes (1661/62) bildet eine – unter praktischem Aspekt – unerläßliche Einführung zur Ethik: denn nur hier hat Spinoza sich die Aufgabe gestellt, dem Laien zu zeigen, daß der Aufstieg aus dem Irrtum zum Wissen möglich und methodisch nachvollziehbar ist.” (Klappentext)
Die Datierung, die Übersetzer und Herausgeber Bartuschat hier mit Pokermiene ausspielt, ist durchaus umstritten. In der Einleitung wird dies genauer dargelegt. (Ich glaube ihm aber.)
Ich werde noch bei Spinoza bleiben (der einzige neuzeitliche Philosoph, neben Descartes, der mich interessiert) und mit dem Kurzen Traktat über Gott, den Menschen und dessen Glück fortfahren.
„May you be even closer to what’s important to you”, hatte meine brasilianische Arbeitskollegin auf ihre selbst gestaltete Glückwunschkarte (Feliz Ano Novo) geschrieben.
Ich glaube, dass meine sehr amateurhafte Beschäftigung mit dem Werk dieses Herrn mit dazugehört.

Hinsichtlich der Pandemie richte ich mich darauf ein, bis mindestens April einschließlich entweder ganz oder doch wenigstens überwiegend von zu Hause zu arbeiten.
(Zum Glück sind nun auch die Haslacher Filzpantoffeln eingetroffen!)
Der Ethikrat hat ja entschieden, dass zuerst die Alten geimpft werden, die aber am wenigsten Sozialkontakte haben. Wohl auch deswegen ist die Ansteckungsrate seit Beginn des Jahres kaum gesunken und wird vermutlich auch so lange hoch bleiben, bis weite Teile der jüngeren Bevölkerungsgruppen ebenfalls geimpft wurden (wenn sie es denn wollen). – Bedauerlicherweise sind grundlegende Parameter des Pandemiegeschehens unbekannt, z.B. wo Infektionen erfolgen, oder welche Virusvariante bei den Erkrankungen jeweils vorliegt. Solange dies so ist und die Zahl der Neuerkrankungen pro Hunderttausend Einwohner bei über 130 liegt, wenn weniger als 50 angestrebt werden, oder gar 0 (wie Zero Covid fordert), solange aktuelle Daten per Fax an das Robert Koch Institut geschickt werden (aber auch nicht jeden Tag), viel zu wenig getestet wird, S- und U-Bahn-Türen sich nur auf Knopfdruck öffnen und so weiter, glaube ich, dass wir nicht weiterkommen.
Um mir mache ich mir keine Sorgen, aber wie geht es den Obdachlosen bei all dem? (Zum Beispiel.) Was macht Nemo?

Ich verlinke hier zum Schluss einen Beitrag des Meteorologen Simon Trippler vom Deutschen Wetterdienst, der sich fröhlich liest und eine Reihe schöner, poesiefähiger Wörter rund um den Schnee enthält: Schneedeckentage, schneesicher, Stundenschnee, Neuschnee, Berglandwinter.
Endlich der erste Schnee!

Genug ist genug ist genug

Gut, hinsichtlich meiner eigenen digitalen Repräsentation nutze ich seit Jahr und Tag die Karikatur, die Christian Schulteisz einmal von mir und meinem Aufpass-Kater Harli gezeichnet hat. Ich würde sagen, wir beide haben uns seither wenig verändert, nur dass Harli jetzt wahrscheinlich in einem jüngeren Band von Warrior Cats liest, wenn er nicht im Hof unterm Auto kauert und mit rußigem Fell die Spatzen belauert.
Für meine Bandcamp-Seite, auf der mehr los ist als hier (näh, ich übertreibe), verwende ich ein Farbfoto, das mein Bruder Bernward geschossen hat, das sieht mir auch ziemlich ähnlich. Seit B. mich, selbst erst zehn Jahre alt, als Zweijährigen zum ersten Mal fotografiert hat, ist er es erstaunlicherweise noch nicht müde geworden, weitere Lichtbilder von mir herzustellen. Dann man tau.
(Tip: Mindestens je ein Stück meiner 54 daungelodeten Alben – ich verdeutsch es mal – ist auch für Nicht-User hörbar. Wer die Nerven hat – denn man braucht Nerven dafür – kann sich einmal das Stück Heavy Mental zu Gemüte führen, von Tim Berne und seiner Band Science Friction, eine weitere Entdeckung, die ich der jüngsten „The Playlist” der New York Times verdanke: Taylor Swift’s Ode to Moving On, and 9 More New Songs, in diesem speziellen Fall dem Musikkritiker Giovanni Russonello. (Ich hoffe, der Beitrag ist frei zugänglich.) Das s/w-Porträt von Taylor Swift (von Beth Garrabrant) ist bezaubernd, aber ihre Musik, auch wenn die letzten beiden Alben allgemein sehr gut bewertet wurden und in den 2020er Jahreslisten mit Bestnote abschnitten, ist mir zu glatt.)

Mir fiel noch ein, da ich gestern die Amsterdamer Designerin erwähnte, dass vor einigen Tagen irgendwo von einem Modeschöpfer berichtet wurde, ebenfalls Niederländer, Bas Timmer mit Namen, der warme und wasserabweisende Winterjacken mit Schlafsack für Obdachlose herstellt und kostenlos an diese verteilt (was natürlich nur dank Material- und Geldspenden möglich ist). Sheltersuit heißen die Teile, die schon viele auf der Straße lebende Menschen vor dem Frieren (und Erfrieren) bewahrt haben.
Bas Timmer hatte davon geträumt, klassische Outdoorkleidung zu machen, aber es kam anders.
Obdachlosigkeit ist ein unüberschaubar großes Problem, im Lager Lipa in Bosnien ebenso wie in Berlin oder Los Angeles. Darum: Bravo!

Weiter mit den nützlichen Erfindungen: Der Aachener Verein Pacific Garbage Screening, der sich einer anderen riesenhaften Aufgabe verschrieben hat, nämlich Flüsse und Meere von Plastik zu befreien, hat sich einen neuen Namen gegeben: everwave. Einen guten Eindruck von der praktischen Arbeit dieser Initiative gibt dies Video:

Mir gefällt der umfassende Ansatz von everwave – dass sie beispielsweise auch auf Umweltbildung setzen.
Keiner kann die Welt retten, aber alle müssen es versuchen!

Verhalten optimistisch

Im Arte-Magazin Tracks wurde eine niederländische Modeschöpferin vorgestellt, Amber Jae Slooten, die sich Gedanken über die negativen Auswirkungen der Modeindustrie (Fast Fashion) auf die Natur gemacht und für sich daraus den Schluss gezogen hat, ihre Entwürfe überhaupt nicht mehr wirklich nähen zu lassen, sondern sie rein digital zu produzieren: zweifellos ressourcenschonend. „Es gibt Mode, die nur digital existiert. Aber warum? Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig digitale Repräsentation ist, sei es im Videocall oder auf dem Profilbild. Die Amsterdamer Designerin für digitale Mode Amber Jae Slooten hat diesen Bedarf erkannt. 2019 verkaufte ihr Studio ein rein digitales Kleid für 9.500 Dollar.” Sie benötigt allerdings Strom, damit ihre Computerprogramme laufen, aber was ist das schon im Vergleich zu den 8000 Litern Wasser, die für die Herstellung einer Jeans verbraucht werden?

„Wir müssen die Welt anders bewohnen”, meinte jemand im Radio.

Die Feiertage habe ich in wundervoller Ruhe verbracht: Lektüre, Musik, Kaffee (Tee), Möppkes. Spazieren war ich nicht – mit wem auch? -, machte nur die paar Schritte zum Vogelhaus, das neuerdings von einer Amsel besucht wird.
Heute wagte ich mich weiter in den Garten vor.
Schön die violette Schattierung der verrottenden Blätter auf dem spärlichen Rasengrün. Am Ende des Grundstücks sind sie zu einem Haufen aufgetürmt, als Schlafangebot für Igel.
Als ich abends die Braune und die Blaue Tonne an die Straße schob, sagte eine Nachbarin, die mit ihrem kleinen schwarzen Hund eine Runde drehte, Papier werde nicht abgeholt.
Morgen sehen wir weiter.

„An Schöpfungsfähigkeit überragt er Stendhal und Flaubert, an Intelligenz ist er dem ersteren, an Zucht dem letzteren unterlegen” beendet Hugo Friedrich sein Balzac-Kapitel in Drei Klassiker des französischen Romans (1961, zitiert nach der 8. Auflage 1980). Was für ein merkwürdiger Tadel!

Eigentlich schade, dass der Alltag schon wieder angerollt ist. Ich hätte eine längere Pause gut vertragen.

Hier ein (weiteres) Stück von Kelly Lee Owens – wunderbare Wintermusik, oder Nachtmusik auch.

Das Jahresende

„Der Himmel klart nicht auf. Es ist bewölkt, aber es regnet nicht – ein trüb-verhangenes Jahresende. Auch an unserem Haus sind Kiefern aufgestellt, die man auf dem Berge geschlagen hat. An Bord der Schiffe, die im Fluss vor uns festgemacht haben, sind ebenfalls Kiefern und Neujahrsgebinde zu sehen. Im Lande ist alles friedlich, auch bei uns zu Hause ist alles friedlich, wir haben weder Gäste noch Schuldeneintreiber, aber auch kein überflüssiges Vermögen. Ganz schlicht und einfach geht das Jahr still zu Ende.”

Tokutomi Roka, Natur und Menschenleben. Aus dem Japanischen übersetzt und kommentiert von Ekkehard May. 192 Seiten. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2008.

Kelly Lee Owens Corner Of My Sky (feat. John Cale)

In einer der jüngsten Folgen von Tracks, der Popkultur-Sendung auf Arte, die ich mir nie ganz angucke, und schon gar nicht regelmäßig, weil mich irgendetwas an dem Format stört (der kumpelhafte Moderationston?), tauchte – neben anderen Leuten, die mich null interessieren (H.P. Baxxter, David Guetta) – die mir bis dahin unbekannte walisische Musikerin Kelly Lee Owens auf. Im Gegensatz zu den Genannten – reine Nervensägen mit ihrer schamlosen Dummheit, Sattheit und Feierlaune – machte sie einen vernünftigen und reflektierten Eindruck (ich bin ein Vernunft-Fan!) und wirkte individuell und eigen.
Bei Google fand ich ein Video zu ihrem aktuellen, zweiten, Album Inner Song, das ich hier teile: Ein humorvoller und mysteriöser, vielleicht etwas unheimlicher, Kommentar zu diesem verhexten Jahr. Kelly Lee Owens taucht in Person erst in der zweiten Hälfte des Songs auf, in einem 19.-Jahrhundert-Kleid, und hilft schließlich Michael Sheen beim Toaströsten und -essen. Wenigstens im Deutschen steckt darin Trost (trösten).

Und sonst
Cher monsieur ***,

je voudrais commander le livre suivant:

Honoré de Balzac, La Comédie humaine, tome 1
ISBN 978-2-07-010851-0

Si vous m’indiquez un compte bancaire je peux payer en avance.

Joyeuses fêtes et tous les meilleurs vœux pour la Nouvelle Année!

Bien à vous

***

P.-S. Dites-moi, s’il vous plaît, en cas vous connaissez quelqu’un qui serait intéressé à faire un tandem franco-allemand (oralement ou par écrit). Mes connaissances de français se dégradent de jour en jour et si je ne prends pas des contre-mesures je peux les enterrer l’année prochaine. Ne serait-il pas trop triste?

Und sonst
„Blumiger Kurkuma Tee” aus A.’s Tee-Adventskalender: Das erinnert mich daran, dass einer meiner Deutschlehrer meine Aufsätze immer zu „blumig” fand. Derselbe hat mir auch überflüssigerweise Rechtschreibfehler angestrichen, jedes Mal, wenn ein k vorkam, das in meiner Handschrift wie ein h aussah.


Entgegen der bisherigen Planung werde ich morgen doch in der Buchhandlung arbeiten, allerdings nur den halben Tag.


Baruch de Spinoza, Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes – liegt auch hier. 45 Seiten + 30 Seiten Einleitung: wahrscheinlich zu schaffen.

Leisheit, Klang, Verklingen, Stille

„The only one who can speak of boredom is the one who isn’t really paying attention to what’s happening.” – John Cage

Neulich entdeckte ich, dass die Radiogespräche, die John Cage und Morton Feldman in den 60er Jahren geführt haben, im Internet als Audiodateien verfügbar sind. (Ich sah sie erst bei YouTube, aber UbuWeb hat sie auch.) Die zweisprachige Buchausgabe in der Kölner Edition MusikTexte (1993), die ich mir damals gekauft hatte, Radio Happenings, hätte ich wahrscheinlich nie komplett gelesen, aber jetzt habe ich mir vorgenommen, mir die Interviews anzuhören und mitzulesen. – In der Transkription tauchen regelmäßig die Kommentare auf: „(laughs)” und „(both laugh)”. Gehören Humor und Geist zusammen? Ich würde es unbedingt bejahen, aber vermutlich gibt es Gegenbeispiele.
Morton Feldman, der als 18-jähriger in die Firma seines Vaters eintrat, eines Herstellers von Kindermänteln, und daneben auch in der Trockenreinigung seines Onkels arbeitete, erzählte, wie sein Mentor Stefan Wolpe, der aus Nazi-Deutschland emigriert war, in einer Kompositionsstunde an das Fenster seiner Wohnung in Greenwich Village trat, nach draußen wies und von seinem Schüler forderte, er müsse für den Mann auf der Straße komponieren – worauf Feldman auch nach draußen guckte und Jackson Pollock vorbeigehen sah, den Maler des Abstrakten Expressionismus, und, na, für diesen Mann auf der Straße wollte er den Rat wohl beherzigen. (Dies lese ich bei Alex Ross, The Rest is Noise. Listening to the Twentieth Century.)
Feldmans zweiter Mentor war Edgard Varèse. Der hatte ebenfalls einen Rat für seinen Schüler: Musik als Anordnung von Objekten im Raum zu begreifen. Damit konnte „Morty” (wie er wohl allgemein genannt wurde) etwas anfangen.
So kam es, dass ausgerechnet Varèse, dessen Werke reichlich Schlagzeug und oft auch Sirenengeheul verwenden und durch eine enorme Schallhärte charakterisiert sind, Varèse, der als einer der ersten für Schlagzeug solo komponierte (nur Schostakowitsch war schneller), zu einer wichtigen Inspiration für einen Komponisten wurde, dessen Werke selten über den Piano-Pianissimo-Bereich hinausgehen.
Im persönlichen Umgang muss Feldman übrigens ganz anders gewesen sein als sein introvertiertes Klanguniversum es vermuten lässt. Ich zitiere Alex Ross:
„As a conversationalist, he was verbose, egoistical, domineering, insulting, playful, flirtatious, and richly poetic – one of the great talkers in the modern history of New York City.”
In den Radiogesprächen zeigen sich, beinahe spielerisch, die unterschiedlichen künstlerischen Auffassungen Cages und Feldmans. Cage sagt zum Beispiel, Feldman möge sich vorstellen, irgendwo würde seine Musik aufgeführt, und eine Tür zu einem Nebenraum stünde offen, und von dort wäre ein Radio zu hören:
„Let’s imagine, just to make the conversation consistent, that the concert is in a room, and that one door from that room is open, and in the room upon which it opens, radio music is audible. Now, must that door be closed or may it be left open?”
„I would like the door to be left open, but without the radio (burst of laughter from Cage). You see, I want to leave the door open, but of course …”
Während Cage an den Strand fährt, die Leute haben ihre plärrenden Transitorradios dabei, und er denkt: Hey, die spielen meine Musik!

Gut, das scheint mir also ein schönes Kulturprogramm für die Weihnachtszeit.
Und wieder schätze ich mich glücklich, dass ich den Computer einschalten und Rothko Chapel hören kann, oder Dua Lipas Tiny Desk (Home) Concert, oder irgendetwas anderes, das mir gerade einfällt. Vielfalt und Kontrast sind immer belebend.
(Ich würde mich nicht als Fan von Dua Lipa bezeichnen, habe aber Respekt vor ihrer Pop-Startum-Schwerarbeit, freue mich, dass sie gut mit ihren Leuten umgeht und bin ihr dankbar, dass sie viele Menschen, nicht zuletzt in den USA und in England, für eine Weile ihre Misere vergessen ließ und lässt. – Erst gestern las ich in der taz, dass zum Jahreswechsel „bis zu 30 Millionen Menschen” in den USA der Wohnungsverlust droht – ist das zu glauben?!)

Gebt mir mehr Zeit, schreib ich auch mehr.

Wer neugierig geworden ist:
John Cage bei Mode Records, New York
Morton Feldman bei Mode Records, New York
Alex Ross The Rest is Noise (Summary)
John Cage / Morton Feldman Radio Happenings (MusikTexte, mit den Originalaufnahmen)
UbuWeb Sound – Morton Feldman
UbuWeb Sound – John Cage

Beim Nudelkochen

Den Deckel erst aufsetzen, wenn das Wasser eine Temperatur von 60° C erreicht hat, sagte mein Bruder.
Aber warum?

Eine Nachricht von Francesca Naibo zum heutigen Bandcamp Friday:
Cari amici,
my promotion is active today: for every purchase of Namatoulee you can get a free 30 min video lesson with me. We can talk about guitar, technique, sound, improvisation and many any other things.
Hope you’ll enjoy this, spread the word with friends and thank you for all your support so far. Have a nice sonic shopping!

Ein Mann schlurfte vorbei, eine Maske am Kinn, sein Hund recht munter vorneweg.
Den ganzen Tag sah es wie Nachmittag aus, aber der Nachmittag selbst war zappenduster. Jetzt ist es Nacht.
Immerhin, das gelbe Laternenlicht ist treu zur Stelle (elektronisch gesteuert), im Fenster des Nachbarn hängt ein roter Stern, die Fenster selbst auch erleuchtet, teilweise. Autoscheinwerfer streifen vorbei. Der holländische Nachbar hat eine Lichterkette um seine Hecke gelegt.
Wenn jetzt noch Hunde gassi geführt werden, haben sie auch eine Lichterkette um den Hals, man sieht nur die Lämpchen. Das hätte ich gestern ja wissen können, als ich die Berlepschstraße entlangfuhr und rechts auf dem grauschattigen Grünstreifen ein bulliges Tier ins Blickfeld kam, unbelichtet, und näher zum Wäldchen hin noch mehr von der Art. Die ganze Zeit hatte ich vor Kälte „Brrr” gemacht, wie ein Kutscher, doch bei der Begegnung mit der Rotte war ich besser durchblutet, freute mich, als ich zu Hause ankam und mein Pferdchen Curtis in den Schuppen schieben konnte.
Arg durchfroren, trank ich zwei Fingerbreit Cointreau. (Eins von den Likörgläsern meines Chemielehrers ist zum Glück noch ganz, das andere scheint reparabel. Falke Fichtner, Lichtstreuungsmessungen am System Polymethacrylsäure + Wasser im Konformationsänderungsbereich. Zur Titration von Polysäuren.
Na, wie auch immer, er hat mir diese Gläschen geschenkt, in einem goldenen Karton der Aachener Printenbäcker Reul-Lauffs, als ich die Buchhandlung hatte. Sehr freundlich von ihm! Den Karton besitze ich noch.)

Meine Beobachtung beim Vogelfüttern ist, dass in der Mischung aus Fettfutter, Streufutter und Erdnusskernen (die auch im Fettfutter enthalten sind) diese am beliebtesten sind, auch die Sonnenblumenkerne.

Montag war ich nicht ganz fit, zu Hause kam es mir so vor, als hätte ich einen Teil der Bestellungen vergessen.
Mein Chef schrieb, zu nächtlicher Stunde, ganz entspannt zurück:
„Lieber Meinolf,
ja … so ganz auf der Höhe des Geschehens warst du nicht.
Lass es mich so formulieren:
Höhen und Tiefen liegen oft dicht beieinander, halten weniger als 1,5 Meter Abstand zueinander, tragen vorbildlichen Mund-Nasenschutz und kommen aus einem Haushalt.
Das zu wissen beruhigt.”

Luise Volkmann hat eine neue Platte gemacht, diesmal mit ihrem Ensemble Été Large – eine rockige Hommage an die 68er-Generation. Hier ein Stück daraus, sehr vital, sehr temperamentvoll:

Francesca Naibo Namatoulee

„Auf die Frage, wie die Arbeit vonstatten gehen solle und welche Stücke ich aufnehmen wolle, antwortete ich, ganz Improvisatorin, dass ich das nicht wüsste. Aber in einem Punkt war meine Vorstellung davon, wie das fertige Produkt aussehen sollte, klar: es sollte sich von Live-Auftritten unterscheiden, bei denen die Stücke oft sehr lang ausfallen. Also kürzere Tracks, kleine Gemälde, Klangbilder.”*

Dies schreibt Francesca Naibo, Gitarristin aus Mailand, zu ihrem zumeist ganz ungitarristisch klingenden Schallplatten-Debüt Namatoulee (Aut Records, Berlin 2020), dessen vierzehn Stücke alle improvisiert sind und von der Musikerin – vielleicht um ihren jeweiligen Klangkosmos auf eine zugleich prägnante und offene Formel zu bringen – mit Titeln in Phantasiesprache versehen wurden („Mae Lougon”, „Teing Dol”, „Groff” u.a.).

Die knappe Angabe auf dem Cover zum verwendeten Instrumentarium: „guitar, objects, effects” –
wird in dem genannten Essay genau ausgeführt:

  • eine halbakustische Gitarre des Typs Godin 5th Avenue Kingpin für Linkshänder
  • ein Röhrenverstärker
  • eine klassische Gitarre
  • verschiedene Objekte (Präparierungen)
  • Effektgeräte („delay, overdrive, sound retainer, ring modulator”),

deren jeweiliges Funktionieren mir nicht klar ist, die aber mit dafür sorgen, dass die Musik auf Namatoulee nach allem möglichen klingt – nach einem Violoncello zum Beispiel -, aber selten an eine Gitarre denken lässt, jedenfalls nicht, wenn man (vergleichsweise!) konservativ ist wie ich und einen bestimmten klassischen Gitarrenklang im Kopf hat, den die Klangforscherin Francesca Naibo aber gerade vermeidet.
Sie ist auf neue Klänge aus, was auch mit ein Grund dafür ist, weshalb sie sich für eine halbakustische Gitarre entschieden hat: die Vermischung akustischer und elektrischer Klänge sei ein Eckpfeiler ihrer künstlerischen Arbeit.

Vielleicht schreibe ich einmal ausführlicher über Namatoulee, aber nicht heute. Übrigens singt Francesca Naibo auf zwei oder drei Stücken, ohne Text.

Hier ein Blick ins Aufnahmestudio:

* „Alla richiesta di chiarimenti circa l’organizzazione del lavoro e la tipologia di brani che avrei voluto registrare risposi, in perfetto stile d’improvvisatrice, che non lo sapevo. Un elemento era però chiaro nell’idea che avevo del prodotto finito: desideravo qualcosa di diverso dalle performance live, dove spesso i brani sono molto lunghi e sviluppati, e che includesse quindi dei pezzi di durata più contenuta che potessero costituire dei piccoli quadri, delle immagini sonore.”

Francesca Naibo Website
Aut Records Website
Francesca Naibo, „Namatoulee”, in: d.a.t. 7/2020, S. 108-124 [pdf]

Francesca Naibo Namatoulee. Francesca Naibo, Gitarre, Objekte, Effekte, Komposition. [46:32 Minuten]. Aut Records, Berlin [Juni] 2020. 12,00 Euro [Auflage: 300]