Stolterfoht, Ames, Cotten, Genschel. Vier ‚Experimentelle‘

Vor acht Jahren erschien unter dem oben zitierten Titel in der Zeitschrift Gegenstrophe ein längerer Text von mir über Ulf Stolterfoht, Konstantin Ames, Ann Cotten und Mara Genschel. Das betreffende Heft ist vergriffen und die Zeitschrift meines Wissens eingestellt worden (bin mir nicht sicher).
Im Moment habe ich keine Ruhe für eine Aktualisierung, möchte den Aufsatz aber als Fragment – als welches er jetzt erscheinen muss – wieder zugänglich machen.
Der Anfang hier als Blog-Post, die vollständige Lieferung hier.
Die Formatierung lasse ich (ebenfalls) unverändert.
Danke an Michael Braun, der mir damals den Auftrag zum Schreiben erteilt hat.

Stolterfoht, Ames, Cotten, Genschel. Vier ‚Experimentelle‘

»I do not write experimental music. My experimenting is done before
I make the music. Afterwards, it is the listener who must experiment.«
– Edgar Varèse

Ulf Stolterfoht

Gibt es eine spezifisch schwäbische Sprachverliebtheit, und wenn ja, woran ließe sie sich festmachen? Eine lohnende philologische Fragestellung, für die hier leider nicht der Ort ist. Dennoch: Ulf Stolterfoht, der 1963 in Stuttgart geboren wurde und seit vielen Jahren in Berlin lebt, dürfte in einer solchen Untersuchung keineswegs fehlen. Nur bekäme ein Germanist dann Schwierigkeiten mit dem Adjektiv »spezifisch«, denn mindestens bei Stolterfoht kommt auch eine Sprachversessenheit ins Spiel, deren notorische Vertreter man eher weiter südlich suchen würde. Kein Wunder, dass er seinem – während eines Romaufenthalts entstandenen – Stuttgart-Buch holzrauch über heslach (2007) und dem für diesen Herbst angekündigten Berlin-Band neu-jerusalem ein Buch über Wien folgen lassen möchte.

›Österreichisch‹ ist vielleicht auch Stolterfohts prononcierte Sprachskepsis.

»Ich hab ja schon in der Alltagssprache große Probleme zu begreifen, was Referenz eigentlich sein soll, was eigentlich passiert, wenn einer »Apfel« sagt, was der damit meint […]«, formuliert Stolterfoht in einem Interview mit Guido Graf ein fundamentales »erkenntnistheoretisches Dilemma«, das über die Frage: »[W]arum sagt man überhaupt was, wenn es eigentlich nichts zu sagen gibt« geradewegs in die Schreibverweigerung führen könnte. Bei Stolterfoht, als studierter Linguist mit sprachwissenschaftlichen und sprachphilosophischen Problemen wohlvertraut, markiert es den Ausgangspunkt des Schreibens – und begründet dessen erklärtermaßen »antisemantische[n] Impuls«.

fachsprachen

Es scheint darum ein Widerspruch, wenn die Arbeit an den fachsprachen-Gedichten (1998/2002/2005/2009; der Zyklus ist auf neun Bände angelegt, vier davon sind erschienen, ein fünfter abgeschlossen) mit umfangreicher Lektüre von sozusagen hochsemantischer, nämlich eben fachsprachlicher Literatur verbunden ist; die Spanne reicht von psychologischer Fachliteratur und Büchern zu Radiotechnik und CB- Funk bis zu Wörterbüchern, Mitschriften von Vorträgen, Songtexten und Liner Notes.

Dabei dürfte die Tatsache, dass in der Terminologie vielleicht am ehesten der ideale Zustand erreicht ist, in dem ein bedeutendes Wort mit einem bedeuteten Ding übereinstimmt – aber was heißt das schon, wenn fraglich ist, was unter »Welt« zu verstehen ist –, eher nebensächlich sein, zumal sich Stolterfoht nicht für die semantische Klarheit, sondern für Uneindeutigkeiten und Unschärfen interessiert, z. B. für die Sinninterferenzen, die sich durch Homonymik mit alltagssprachlichen Ausdrücken ergeben (der Plural »Lichter« mag eindeutig sein – in der Sondersprache der Jäger steht er für »Augen«).

Der Rückgriff auf einen fachsprachlichen semantischen Block erleichtert ihm vielmehr die gewünschte De-Semantisierung seiner syntaktisch getakteten Gedichte. Der forcierte Bedeutungsextremismus mündet in das Nicht(mehr)bedeuten. Stolterfoht mischt gewissermaßen alle Farben zusammen, ›beschleunigt‹ sie – diese Technik der Sprachbeschleunigung verbindet ihn mit Thomas Kling – und erzielt auf diese Weise einen ›weißen‹ Text, d. h. einen Text aus Zeichen, die nicht (mehr) zeigend sind. Die Saussuresche Dichotomie zwischen Bezeichnendem (Wort) und Bezeichnetem (Sache) entfällt, es bleiben nur noch Wörter, von denen sich allenfalls sagen lässt:

»JEDES WORT IST EINE VERPACKUNG. aber: auch / verpackungen haben eine verpackung. einige sind unge- / hobelt. gebildet aus sperrigen lettern, spenstige, mit / diphtongierung, mit ablaut-mißbrauch, strukturen von / mißmut und passung. andere sind sanfter, von liebens- / werter anklangsgleiche, sie praktizieren den wohllaut / im guttakt reinster ausform: stäblich nämlich. es ist ein / klarer fall von meta-meta. in diesen instruktiven mor- / phen ventiliert ein quecksilber seinen verstörenden sang.« (traktat vom widergang, Nr. 27)

Wenn Stolterfoht einen noch unbearbeiteten Ursprungstext bereits wie einen Rotwelsch-Text wahrnimmt, bedarf es nur eines weiteren Drehens an der Schraube, um aus der Ballung von Konkreta ein Abstraktum zu schaffen (man denke an die »Anhäufung von Kannen« [1961] von Arman), das in dem Maße, wie man von vielleicht trotzdem Herauszulesendem, Verstandenem absieht, (be)greifbar wird als abstraktes formales Ereignis, als rein strukturales ›Schönes‹. Dies aber ist es, was sich Stolterfoht von der sprachskeptisch grundierten Dichtung erwartet, »dass die Struktur wieder mehr in den Blick gerät«. Die jeweils 81 Gedichte jedes Bandes der fachsprachen – paritätisch auf neun Kapitel verteilt – sind in die Zweidimensionalität gebannte Wortkonstrukte, ihre Ausbauchung in die bedeutende Dingwelt ist nur Schein: die Sprache ist das Ding.

In der Großform und in ihrer Ausführung im Detail sind die fachsprachen von einmaliger konzeptueller Strenge und Stringenz. Ihre (phänotypische) Realisierung ist, bei unvoreingenommener Lektüre, unmittelbar zugänglich, unterhaltend, ja lustig. Die aus Sicht des Laien absurdesten Inhalte (Anweisungen zur Schweinezucht für Volkseigene Betriebe in der DDR zum Beispiel) bringt Stolterfoht »mit pragmatischer syntax und einem schlacks«.

Kritik A. Utler & Musik

Seit gestern abend ist meine Kritik zum Gedichtband kommen sehen von Anja Utler online:
s. lyrikkritik.de -> Reversbär -> hier

Weiteres zum Buch
– Björn Hayer Klimakollaps in Langgedichten (Deutschlandfunk Kultur, 16.9.2020)
– Bernhard Malkmus Die Tiefenzeit der Zukunft (Der Freitag, 22.12.2020)
– Guido Graf Theorien der Literatur – Folge 9: kommen sehen (5.1.2021)
– Michael Braun/Beate Tröger (Mod. Insa Wilke) Lyrikkritik zu Anja Utler und Yevgenij Breyger (Deutschlandfunk, 19.1.2021)
– Jan Kuhlbrodt Zu Anja Utler: kommen sehen (Signaturen Magazin, 5.3.2021)

Das nachfolgende Stück ist einer 6 LP-Box entnommen, die im vergangenen Jahr beim Label Newvelle Records erschienen ist, leider unerschwinglich, aber man muss auch nicht alles haben.

María Grand Now, Take, Your, Day

Von der freitäglichen Playlist der New York Times kommt dieser Tip.

https://mariagrand.bandcamp.com/

Die Musikerinnen sind
María Grand, ts, voc
Kanoa Mendenhall, b, voc
Savannah Harris, dr, voc

Das Stück ist aus María Grands Album Reciprocity, das gestern beim New Yorker Label Biophilia Records erschienen ist. Dies verkauft überraschenderweise keine CDs oder andere Tonträger, sondern Download-Codes, die zusammen mit sogenannten Biopholios geliefert werden („a double-sided, 20-panel origami-inspired medium, bursting with vibrant artwork and liner notes; each one made entirely out of FSC-certified, robust paper, hand-folded and printed using plant-based inks”).

Sonst nichts Neues. Ich habe Bücher aussortiert (Peter Handke, Felicitas Hoppe) – noch nicht genug -, mit einer Baumschere auf dem Rasen meinen Teppich zerschnitten (er war hinüber) und einen orangenen Staubsauger gekauft, weil ich den Lärm, den der Staubsauger meiner Mitbewohnerin macht, nicht ertragen kann – ich bin sehr zufrieden! Meine Freizeit nutze ich unter anderem dazu, meine zwei Zimmer – Wohn- und Arbeits- – auf Vordermann zu bringen.
Reduzieren ist das Zauberwort.

Die Gedichte von Petr Borkovec habe ich gern gelesen. Von mir aus hätte sein Nadelbuch schmaler ausfallen können, aber okay – sehr gutes Teil.

„Die Zauntür aus Maschendraht scheuert auf dem Beton. / Kurz klirrt der metallene Schließhaken.”

Aus Berufsgründen habe ich einen Account bei Snapchat gestartet. Hab ich Spaß dran / Stresst mich nicht. Die Nachrichten verschwinden, entweder gleich nach Betrachten oder nach 24 Stunden.
Im wirklichen Leben ist das natürlich anders.

Frühjahrsbelebung

Im rbb inforadio hörte ich heute morgen einen Bericht der ARD-Korrespondentin für Nordwestafrika Dunja Sadaqi über eine Kautschukplantage in Kamerun -> Kautschuk-Anbau in Kamerun. Greenwashing bei der Deutschen Bank?, für deren Ausbau am Rand eines Biosphärenreservats die Deutsche Bank („Eine neue Zeit braucht neue Antworten. Wir haben sie”) dem Konzern Halcyon Agri Corporation einen Kredit von 25 Millionen US-Dollar gewährt hat.
Wie einem diesbezüglichen Bericht von Greenpeace zu entnehmen ist, geschah dies in bester Absicht:
„Vertraglich wurden dabei Ziele zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsstandards bei der Bewirtschaftung ihrer Kautschuk-Plantagen in Kamerun und Malaysia vereinbart”, so ein Unternehmenssprecher.
Wie sich das in der Wirklichkeit ausnimmt, davon gibt das Beitragsfoto auf erwähnter Greenpeace-Seite einen ungefähren Eindruck.
Die Umweltschutzorganisation hat den Facebook-Kanal der Bank gespammt, um diesen Skandal anzuprangern – ob’s hilft? Negative Publicity kann jedenfalls nicht schaden.

Übrigens habe ich beschlossen – wie im letzten Beitrag angedeutet -, via atmosfair vierteljährlich eine CO2-Kompensation zu zahlen (‚kompensieren’ – vermutlich eine Selbsttäuschung).
Mir liegt daran, dass es besser wird auf der Welt!
Werde trotzdem einmal nachhören, welche Bäume gepflanzt werden, denn irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass für Wiederaufforstungen häufig Eukalyptus verwendet wird, der viel Wasser zieht, das dann den Leuten fehlt.

Was würde Bruno Manser zur Lage des Waldes sagen?
Nicht auszuschließen, dass sein – mutmaßlicher – Tod in Malaysia auf das Konto ebenjener Firma Corrie MacColl geht, der die Deutsche Bank ihren schmutzigen Kredit gegeben hat, damit sie auf ihren wachsenden Kautschuk-Plantagen in Kamerun und Malaysia den Kahlschlag, wie bisher, nachhaltig betreiben kann.

Eine positive Nachricht inmitten dieser fortgesetzten Tragödie ist, dass sich das französische Parlament dafür ausgesprochen hat, Ökozid zum Straftatbestand zu erklären, worüber in diesem Monat die Nationalversammlung abstimmen wird. Ich wünsche viel Erfolg! – und auf dass das Beispiel Schule mache.
In Deutschland werden es Minister P. Altmaier und Ministerin J. Klöckner zu verhindern wissen, doch ihre Zeit wird mit der kommenden Bundestagswahl ablaufen (wie auch die von Straßenbau-Champion A. Scheuer, Gott sei Dank).

Was sonst geschah: Ich habe mir nach vielen Jahren mal wieder eine Germanistik-Vorlesung an der Freien Universität Berlin angehört (online) – prima! Muss ich mir aber noch mal zu Gemüte führen.
„Alle Hände voll zu deuten haben”, habe ich (u.a.) mitgeschrieben.
Gestern lud Kimbra kurzfristig zu einem Chat ein, der um 23.00 Uhr Berliner Zeit stattfand (17.00 Uhr New Yorker Zeit).
Sie wollte die Meinungen ihrer Fans zu einer noch zu treffenden künstlerischen Entscheidung einholen (I’d love to get my core fanbases‘ thoughts!).
Die Teilnehmerzahl lag um 50, viele Leute aus Europa, schien mir, alle tippten fleißig ihre Kommentare.
Schlechte Internetverbindung.
Unabhängig von der Musikindustrie produzieren und veröffentlichen.
Dafür sind wir da!, wurde in die Kommentarspalte getippt.

Hier nun aber ein schöner, majestätischer Song von Julia Holter (auf die sich mein Fantum ebenfalls erstreckt) aus ihrem letzten Album Aviary.
Vielleicht höre ich die falschen Sender, aber Musik dieser Qualität begegnet mir nie, wenn ich das Radio einschalte. Mein Verdacht ist, dass der Maßstab der Redaktionen ist: Wir spielen nicht die Musik, die gut ist, sondern die, die nicht so mies ist, dass die Leute abschalten.
À propos: Ich kann es der Komponistin Rebecca Saunders nicht verzeihen, dass sie als einziges Pop-Stück in der ihr gewidmeten Ausgabe der Zwischentöne ausgerechnet das unsägliche Killing me softly der Fugees spielen ließ – der Ausverkauf des Ausverkaufs /smh.
Zu solcher Ignoranz fällt mir nichts mehr ein.

Julia Holter tauchte neulich im Fernsehen auf, in Tracks: Die Ungerechtigkeiten des Musikgeschäfts. Sie war dort auf einer Demonstration in Los Angeles zu sehen, im Rahmen eines internationalen Protesttags gegen den Verteilmechanismus der Streamingdienste. Auf Plakaten wurde 1 Cent per Stream gefordert – jetzt sind es 0,02 oder 0,03 Cent, wenn ich mich richtig erinnere.
„Beutet uns nicht aus mit euerem Algorithmus!” (Transparent auf der Berliner Demo).

Staus im gesamten Bereich

Es ist Wochenende, Freitag hat die New York Times ihre wöchentliche Playlist veröffentlicht, von der ich hier ein bisschen abkupfere (Arooj Aftab, John Grant). – John Grant, ist zu lesen, hat u.a. an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert und lebt zur Zeit in Reykjavík. Seine Deutschkenntnisse sind im sehr lustigen Songtext prominent vertreten. – „This is a song about my love of language and rhetorical figures and what a turn-on it is when someone wields language in a very capable manner”, erklärt der Musiker dazu auf seiner Website.
(Wield musste ich nachsehen = ’schwingen‘. Die Sprache schwingen, aha. Die Übersetzungsmaschine DeepL schlägt vor: „… wenn jemand die Sprache auf eine sehr gekonnte Weise einsetzt”.)
[siehe unten]

Gestern habe ich mir an der Poststelle Karl Marx-Straße die Schallplatte Away With You des Mary Halvorson Octet abgeholt (auf die ich leider Zollgebühren entrichten musste). Sie enthält ihre Kompositionen Nr. 52-59.
Mary Halvorson ist methodisch, gründlich, fleißig und ehrgeizig.
Als ich das Beiheft zu ihrer letzten Platte, Artlessly Falling, aufschlug, um ihre Songtexte nachzulesen, dachte ich, okay, das sind jetzt irgendwelche Lyrics – aber weit gefehlt: auch hier höchster Anspruch! Akribisch unterhalb der Texte vermerkt: double tanka, pantoum, villanelle, ghazal, haibun, free verse, sestina … Auch ein found poem, mit Zitaten aus der Anhörung des berüchtigten Richters Brett Kavanaugh vor dem US-Senat.

Auf dem Cover zu Away With You der Vermerk, dass der Kauf eine CO2-Kompensation umfasst (carbon offset), mit Link zur Non-Profit-Organisation carbonfund.org. – Das habe ich mir mal angeguckt, auch das deutsche Pendant, atmosfair, wo ich las, dass die Pro-Kopf-CO2-Jahresemission in Deutschland 11.000 kg beträgt, in Äthiopien 560 kg.
Als klimaverträgliches Jahresbudget wird 1.500 kg pro Person angegeben.
Anhand einer integrierten Rechenfunktion lässt sich ermitteln, dass die Kompensation meines durchschnittlichen Verschmutzungsanteils (11.000 kg) am globalen Klimadebakel 253,00 Euro jährlich kosten würde. Niemand stellt mir dies in Rechnung, aber ich kann überlegen … Bliebe allerdings weiterhin Umweltsünder, allein schon deswegen, weil ich den westlich-industriellen Lebensstil mittrage, ob ich will oder nicht. (Ich wäre bereit, mit elf anderen Leuten in einem Lehmhaus zu wohnen.)
Mit dem Geld aus dem Norden werden Klimaschutzprojekte im Süden finanziert.
Dies Modell der freiwilligen CO2-Bepreisung wurde als „Ablasshandel” kritisiert, als ein Sichfreikaufen von einem im übrigen bruchlos fortgesetzten Konsumieren zu Lasten der Erde.
Die Kritik scheint mir nicht ganz unberechtigt. Aber es ist doch ein Schritt, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sich unser Lebensstil (Überkonsum) zerstörerisch auswirkt, und uns dazu zu ermuntern, dafür zu zahlen.

Das neue Block-Design bei WordPress erlaubt leider keine Bilder mehr, jedenfalls wüsste ich nicht, wie ich sie einfügen sollte, darum nur die Links (langweilig!).

John Grant Rhetorical Figure (Lyric Video)
Ghetts Mozambique (feat. Jaykae & Moonchild Sanelly)
Arooj Aftab Mohabbat

Eine Freundin hat mir (nebst Tee) zwei mit eigenen Zeichnungen versehene Tütchen mit Pflanzensamen geschickt: Jungfer im Grünen und Sainfoin. Tolle Sache! Wenn sie noch ausgesät werden können, wird dies bald geschehen.
Des weiteren habe ich, eingedenk der Krefelder Studie, Heiligenkraut für meine Fensterbank gekauft. „Auf Insekten wirkt der Geruch von Heiligenkraut eher abwehrend”, las ich dann aber zu meinem Bedauern. (Grundsätzlich geeignet für diese trockene Region, einmal gießen pro Woche.)

Gestern beobachtete ich ein Grüppchen von fünf Staren, die wippend übers Gras liefen, sich, wie von einer Windbö erfasst, in die Luft hoben und ein paar Meter weiter wieder abgesetzt wurden, sich absetzten, ihre Suche fortsetzten, dann wieder auf, und wieder ab, und weiter.

Kimbra Like They Do On The TV

Ich bin neugierig, wie das Königsdrama ausgeht, sagte ich zu Dr. B., den ich heute nach längerem mal wieder gesehen habe (er lebt also noch). Aber jetzt haben wir ja eine Königin! erwiderte er gutgelaunt und schob sich vor den Sachbuch-Neuheitentisch, wo er natürlich nichts für ihn Interessantes fand.
Dr. B. lässt wenig gelten.
Bücher drucken ist zu einfach, befand er.
Von Königen zu reden, war im Falle von Herrn L. und Herrn S. natürlich maßlos übertrieben. Wie mir diese Alphatierchen auf die Nerven gehen! Sollen sie nach Hause und schmollen!
Besonders staunte ich über die Darbietung des Franken. Der Narzisst liebt es zu zerstören! Dass er mit einem Privatflugzeug von München nach Berlin geflogen ist (und zurück), ist nur ein weiterer Beweis für seine Skrupellosigkeit.

NB. Ich habe noch einmal nachgesehen, wie viel Staatshilfe das Touristikunternehmen TUI 2020 und 2021 erhalten hat: 4.8 Milliarden Euro laut Süddeutsche(r) Zeitung. So wird das nichts mit den Klimaschutz-Zielen!
Hatte ich nicht neulich schon Günter Eich zitiert?
„Denke daran, daß nach den großen Zerstörungen / jedermann beweisen wird, daß er unschuldig war.”
Wie listig von ihm, diese Worte über den Äther zu schicken, als gerade alle damit beschäftigt waren, Buttercremetorte zu essen und Cognac zu trinken, oder kam das erst später?

Nachdem Fixpoetry leider seinen Dienst eingestellt hat, habe ich meinen sehr geringen monatlichen Förderbeitrag nun umgeleitet zu einer in New York lebenden Musikerin namens Kimbra Lee Johnson, die ich schon seit einigen Jahren höre. Mit einem Plattenvertrag von Warner Bros. in der Tasche, muss sie hoffentlich nicht darüber nachdenken, sich einen anderen Beruf zu suchen, aber weiß man’s?
Ihr Fanclub bei Patreon (dem ich nun angehöre) weist eine erstaunlich geringe Mitgliederzahl aus [280, Stand 22.4.2021], wenn man bedenkt, dass ihre Zusammenarbeit mit Gotye 1.6 Milliarden Aufrufe bei YouTube hat – Somebody That I Used To Know trug ihr und ihrem Landsmann (ich korrigiere: Gotye ist Australier belgischer Herkunft, Kimbra ist Neuseeländerin) einen Grammy ein: kein Geringerer als Prince hat ihn damals überreicht.

Hier ein Stück aus ihrem Album Primal Heart, das an einem 20. April (2018) erschien – daher die Anspielung zu Anfang des Videos, bei dem ich mich übrigens frage, ob es in Berlin gedreht wurde. Diese kaputte Ostigkeit kommt mir irgendwie bekannt vor.

Glückwunsch an Ann Cotten zum Gert Jonke-Preis!
Heute erschien ihre Übersetzung von Pippins Tochters Taschentuch von Rosmarie Waldrop, die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.

Gesegnete Kreide

Spichernstraße, da war ich schlafen gegangen.
Meist komme ich aus der U9. Auch die U3 steht zur Verfügung, aber Rathaus Steglitz ist kürzer als Oskar-Helene-Heim, diese U3 braucht ewig.

Aus den Übezellen tönt es.

Da die Stele, die der Gefallenen des Ersten Weltkriegs gedenkt – bei weitem nicht allen.
„Den treuen / Toten des / XXII. Reserve / Korps / 1914-1918.”
Auf einer Seite die Länderliste: „Belgien / Frankreich / Rußland / Galicien / Serbien”. Da haben sie wohl gekämpft. (Wofür?)
„Saat / von Gott / gesät, / dem Tage / der Garben / zu reifen.”
Ob sich den Quatsch Gerhart Hauptmann ausgedacht hat, dessen Bronzekopf ein paar Meter weiter steht? Kann (will) so ein Vers irgend jemandes Leid lindern?

Auf der Wiese kreiselt ein Wölkchen Hunde, in gebrochener Aufstellung darum herum ein ebenfalls kreiselnder Reifen aus Herrchen und Frauchen.

Jetzt geht’s ein Stück
An der Stelle habe ich auch mal Anne getroffen, mit ihrem schwarzen Pudel – Bobbie? – Ich erinnere mich, ihn mit „Eddie!” begrüßt zu haben, woraufhin sie sagte: „Nein, das ist doch Bobbie!” – Sie war wegen einer Juryarbeit in Berlin und trug Glitzermakeup. Das ist alles schon mal erzählt worden.
Sie hatten vermutlich im Haus der Berliner Festspiele zusammengesessen, auf das man geradewegs zusteuern würde, spazierte man denn am Ende der Meierottostraße

Jetzt geht’s ein Stück die Meierottostraße entlang: So hatte der Satz nämlich lauten sollen, doch der Hund sprang dazwischen.

über den Fasanenplatz und hielte sich dann rechts. Die Buchhandlung Shakespeare and Company liegt aber in der Ludwigkirchstraße, und das heißt: links.

Eddie und Bobbie waren aus einem Wurf, man konnte sie wirklich verwechseln, außer man sah sie zusammen auf einem Fleck. Das war jedoch nur in Wemb möglich.

Über die Uhlandstraße muss man rüber. Die Kirche St. Ludwig weist den Weg. Links und rechts Standblech.
Entweder noch vor Arbeitsbeginn oder im Laufe des Tages gehe ich hinüber ins Café Magnifique und kaufe einen Kaffee (Tasse bringe ich mit) und ein Stück Kuchen, vielleicht noch eine Belgische Waffel. Für den Fall, dass ich ungefrühstückt aus dem Haus gehe, ist das das einzige, was ich bis halb neun abends zu mir nehme. Dann bin ich wieder im Dickicht.

Das ist mein Weg zur Buchhandlung, drei Mal im Monat, seit dem 6.1.2014. (Dies Jahr durften sie nicht umherziehen, die Heiligen Drei Könige. Die Kirchengemeinden hatten für die Hausbewohner „gesegnete Kreide” – so sagten sie im Radio – bereitgehalten. Konnte man sich abholen und dann selber C + M + B auf die Tür schreiben. Also Kreide segnen sie, bei den Menschen werden Unterschiede gemacht – wenn es nach dem Willen des Vatikans ginge.)

Das Titelstück aus dem 2016 erschienenen Album Away With You von Mary Halvorson, das ich mir neulich aus Anlass meines Geburtstages bestellt habe, und zwar ganz luxuriös als Doppel-LP im Klappcover (nachdem ich mich vorher davon überzeugte, dass mein Schallplattenspieler mit 45 RPM klarkommt). Irgendwann voraussichtlich im Mai wird es hier ankommen. – Das Oktett besteht aus: Mary Halvorson guitar, Susan Alcorn pedal steel guitar, Jonathan Finlayson trumpet, Jon Irabagon alto saxophone, Ingrid Laubrock tenor saxophone, Jacob Garchik trombone, John Hébert bass, Ches Smith drums.
Ich habe das von Bandcamp hier reinkopiert und hätte gern die Instrumentenbezeichnungen gekürzt zu g, tp, as, ts, tb, b, dr, wovon ich abgekommen bin, weil ich nicht weiß, was das Kürzel für pedal steel guitar ist.

Das Mary Halvorson Quintet (g tp as b dr) ist vor einigen Jahren (2013) in der Reihe Tiny Desk Concert aufgetreten – hier anzusehen. Ein tolles Konzert, auch mit einem ganz besonderen Witz, wenn sich beispielsweise in der achten Minute alle (bis auf den Trompeter, der nur in seiner sonst kerzengeraden Haltung etwas nachgibt) zu Ches Smith umdrehen, der dann sein Zweiminutensolo hat.

Hatte ich von dem Drummer Joey Baron erzählt, der einmal im koreanischen Teehaus DaBangg in Friedenau aufgetreten ist (zusammen mit Greg Cohen und Elias Stemeseder), mit seinem Drumset eingeklemmt zwischen Außenfenster und Zimmerpflanze und eines seiner Soli damit beendete, dass er die Schlegel weglegte und mit seinen Händen über die Blätter der Pflanze strich?
Wahrscheinlich.

Heute ist Bents Geburtstag. Er wäre 68 Jahre geworden.

Fabio Viscogliosi Françoiz Breut

Die Nacht war kurz. Meine Mitbewohnerin, nachdem sie gestern einen Test hatte machen lassen, war heute für einen Filmdreh engagiert. Das geht noch weiter die nächsten Tage. Genaueres weiß ich nicht.
Gegen 5.00 Uhr verließ sie das Haus.
Sie war leise, aber ich spürte eine große Unruhe (das Wetter schlug Kapriolen). Gegen 3.00 Uhr bin ich wachgeworden, eine Zeit, zu der nicht viel möglich ist.
Ich wünschte mir, die Radionacht würde von Aglaia Dane moderiert. Ich schaltete das Radio an.
Das war wirklich Aglaia Dane am Mikrophon.
Jetzt die Frage: Glück/Zufall? Oder hat sich dies mir vor dem Einschalten schon über den Äther mitgeteilt (Schwingungen?), oder hilft Wünschen?
Von fünf bis halb acht habe ich dann wieder geschlafen. Nicht sehr lang alles in allem, aber hinreichend.

Nächstes Mal beschreibe ich meinen Weg zur Buchhandlung zu Ende, ab Spichernstraße.

Ich suche eine Aufnahme des E. E. Cummings-Gedichts In Just- / spring, gelesen von ihm selbst. Aber gibt es überhaupt eine? – Zu finden ist seine Rezitation von Spring is like a perhaps hand, ebenfalls ein tolles Gedicht, hier.

Ostermusik

Zu Ostern überraschenderweise ein kleines spanisches Musikprogramm mit der stimmgewaltigen Rosalía.
Zuerst ein Stück, das besser zum gestrigen Karfreitag gepasst hätte, La Llorona (= Die Wehklagende).
Im nachfolgenden Song, De Plata, wird die Energie deutlich intensiviert. Hier, wie auch in dem abschließenden Studioset:

ist der Gitarrist Raül Refree beteiligt.
Ich werde noch ein paar mehr Ostereier ins Nest legen, wenn’s recht ist, z.B. ein fröhliches Baumpflanzvideo von Jim O’Rourke (lebt er immer noch in Tokyo?), ein live dargebotenes Jazz-Funk-Stück der Sängerin und Bassistin Esperanza Spalding und, als Intro, ein anderthalbminütiges Liedtext-Video des New Yorker Rappers Aesop Rock (hohe Schwierigkeitsstufe beim Karaoke), das eines meiner Lieblingstiere im Titel trägt.
Jetzt ist die Aufzählung beinahe vollständig, dann erwähne ich auch noch die französische Sängerin Françoiz Breut (brö gesprochen), die übrigens auch Illustratorin von Kinderbüchern ist.
Zum Schluss ein Big Band-Stück in klassischer Manier von Marike van Dijk, I Am Not a Robot.
Der ungehobelte Rausschmeißer kommt von Captain Beefheart: Big Eyed Beans from Venus (1972).
Sollte ich nicht vorher noch einmal Laut geben, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein geruhsames Osterfest!

Aesop Rock Dog At The Door ° Rosalía La Llorona / De Plata ° Rosalía & Raül Refree ‚Los Ángeles‘ Live Acoustic Session 2018 ° Françoiz Breut La nuit repose ° Jim O’Rourke Something Big ° Esperanza Spalding Good Lava ° Marike van Dijk I Am Not a Robot ° Captain Beefheart and The Magic Band Big Eyed Beans from Venus

Marcel Beyer Dämonenräumdienst

Dämonenräumdienst, das neue Gedichtbuch von Marcel Beyer. Sechsundsiebzig Gedichte zu je zehn Strophen zu je vier Versen. Das formale Gerüst erinnert vage an die fachsprachen Ulf Stolterfohts, der da auch immer ganz strikt ist – im strengen Geviert hellicht stiebend dann ein anarchischer Flohzirkus voller Witz und Aberwitz.

Vielleicht wollte sich Marcel Beyer von Ballast befreien, die Fesseln des vielfach preisgekrönten Schriftstellers zu Springseilen machen.
„[…] ich schreibe diese Gedichte / wie ein Kind, das heimlich / tut und einfach froh ist, wenn / niemand mit ihm schimpft.”
Das hat ja im großen und ganzen auch geklappt, allerdings um den Preis, dass die Texte mit Leichtgut verwechselt werden können. Hier wird eine Verwechslung vorliegen.
Es gibt Ausnahmen.

Übrigens lässt sich eine Peter Huchel-Preis-Jury (2021 sind dies: Michael Braun, Kristina Maidt-Zinke, Wiebke Porombka, Hubert Spiegel, Stefanie Stegmann, Beate Tröger, Evi Zemanek, Ekkehard Skoruppa (ohne Stimme), Andreas Schüle (ohne Stimme)) von dieser – also doch? – geringen Einwaage nicht beeindrucken und zeichnet Marcel Beyer aus:

„Marcel Beyers Gedichte sind Abenteuerexpeditionen in vertrautes Gelände, das plötzlich fremd und unheimlich erscheint. Elternhaus und Elvis, die Eindrücke der Kindheit, magische Begegnungen mit den Phänomenen der Popkultur und den Helden der Klatschspalten – all das wird in Beyers streng komponierten Gedichten aufgegriffen, in unerhörte Zusammenhänge gerückt, verfremdet und mit den Mitteln von Zitat, Collage, Komik und ironischer Brechung neu arrangiert. Der Titel Dämonenräumdienst ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Hier werden die Geister der jüngeren deutschen Vergangenheit aufgerufen, um sie durcheinanderzuwirbeln und einer poetischen Choreographie zu unterwerfen: Aufräumarbeiten vor dem inneren Auge eines erfindungsreichen Dichters.“

Das kann man so sagen, es ist nicht falsch, aber doch ein bisschen retuschiert.
Sicher sind die Gedichte gut gemacht, und der Kritiker Franz Hofner (ein Pseudonym?) spricht Richtiges aus, wenn er im Signaturen-Magazin festhält, „dass es manchen Lyrikbänden sehr gut tut, wenn sie nicht zu lang auf der Herdplatte schmurgeln”, dennoch vermisse ich Dringlichkeit, etwas Zwingendes.
Das war mindestens in Beyers Gedichtbänden Graphit (2014) und Erdkunde (2002) anders: sie haben lange auf der Herdplatte geschmurgelt.

In Dämonenräumdienst hat Marcel Beyer aufgehört, so zu schreiben, als sähe Thomas Kling ihm über die Schulter. Vielleicht war das ein notwendiger Schritt, aber ich beäuge ihn mit Skepsis. – Nächstes Buch abwarten!

Herausragend der Zyklus „Die Bunkerkönigin”.
Sehr gut auch „In Gesellschaft”, „November” und „Orange”.

[…] Irgendwer zieht die
rechte Hand aus der Presse
für Kartonagen. Er sieht seine
Finger an, als wären sie nicht

mehr da. Als sähe er in die feuchte
stinkende Luft. […]

Marcel Beyer, Dämonenräumdienst. Gedichte. 174 Seiten, Leinen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 23,00 Euro