Gesegnete Kreide

Spichernstraße, da war ich schlafen gegangen.
Meist komme ich aus der U9. Auch die U3 steht zur Verfügung, aber Rathaus Steglitz ist kürzer als Oskar-Helene-Heim, diese U3 braucht ewig.

Aus den Übezellen tönt es.

Da die Stele, die der Gefallenen des Ersten Weltkriegs gedenkt – bei weitem nicht allen.
„Den treuen / Toten des / XXII. Reserve / Korps / 1914-1918.”
Auf einer Seite die Länderliste: „Belgien / Frankreich / Rußland / Galicien / Serbien”. Da haben sie wohl gekämpft. (Wofür?)
„Saat / von Gott / gesät, / dem Tage / der Garben / zu reifen.”
Ob sich den Quatsch Gerhart Hauptmann ausgedacht hat, dessen Bronzekopf ein paar Meter weiter steht? Kann (will) so ein Vers irgend jemandes Leid lindern?

Auf der Wiese kreiselt ein Wölkchen Hunde, in gebrochener Aufstellung darum herum ein ebenfalls kreiselnder Reifen aus Herrchen und Frauchen.

Jetzt geht’s ein Stück
An der Stelle habe ich auch mal Anne getroffen, mit ihrem schwarzen Pudel – Bobbie? – Ich erinnere mich, ihn mit „Eddie!” begrüßt zu haben, woraufhin sie sagte: „Nein, das ist doch Bobbie!” – Sie war wegen einer Juryarbeit in Berlin und trug Glitzermakeup. Das ist alles schon mal erzählt worden.
Sie hatten vermutlich im Haus der Berliner Festspiele zusammengesessen, auf das man geradewegs zusteuern würde, spazierte man denn am Ende der Meierottostraße

Jetzt geht’s ein Stück die Meierottostraße entlang: So hatte der Satz nämlich lauten sollen, doch der Hund sprang dazwischen.

über den Fasanenplatz und hielte sich dann rechts. Die Buchhandlung Shakespeare and Company liegt aber in der Ludwigkirchstraße, und das heißt: links.

Eddie und Bobbie waren aus einem Wurf, man konnte sie wirklich verwechseln, außer man sah sie zusammen auf einem Fleck. Das war jedoch nur in Wemb möglich, da bin ich selten.

Über die Uhlandstraße muss man rüber. Die Kirche St. Ludwig weist den Weg. Links und rechts Standblech.
Entweder noch vor Arbeitsbeginn oder im Laufe des Tages gehe ich hinüber ins Café Magnifique und kaufe einen Kaffee (Tasse bringe ich mit) und ein Stück Kuchen, vielleicht noch eine Belgische Waffel. Für den Fall, dass ich ungefrühstückt aus dem Haus gehe, ist das das einzige, was ich bis halb neun abends zu mir nehme. Dann bin ich wieder im Dickicht.

Das ist mein Weg zur Buchhandlung, drei Mal im Monat, seit dem 6.1.2014. (Dies Jahr durften sie nicht umherziehen, die Heiligen Drei Könige. Die Kirchengemeinden hatten für die Hausbewohner „gesegnete Kreide” – so sagten sie im Radio – bereitgehalten. Konnte man sich abholen und dann selber C + M + B auf die Tür schreiben. Also Kreide segnen sie, bei den Menschen werden Unterschiede gemacht – wenn es nach dem Willen des Vatikans ginge.)

Das Titelstück aus dem 2016 erschienenen Album Away With You von Mary Halvorson, das ich mir neulich aus Anlass meines Geburtstages bestellt habe, und zwar ganz luxuriös als Doppel-LP im Klappcover (nachdem ich mich vorher davon überzeugte, dass mein Schallplattenspieler mit 45 RPM klarkommt). Irgendwann voraussichtlich im Mai wird es hier ankommen. – Das Oktett besteht aus: Mary Halvorson guitar, Susan Alcorn pedal steel guitar, Jonathan Finlayson trumpet, Jon Irabagon alto saxophone, Ingrid Laubrock tenor saxophone, Jacob Garchik trombone, John Hébert bass, Ches Smith drums.
Ich habe das von Bandcamp hier reinkopiert und hätte gern die Instrumentenbezeichnungen gekürzt zu g, tp, as, ts, tb, b, dr, wovon ich abgekommen bin, weil ich nicht weiß, was das Kürzel für pedal steel guitar ist.

Das Mary Halvorson Quintet (g tp as b dr) ist vor einigen Jahren (2013) in der Reihe Tiny Desk Concert aufgetreten – hier anzusehen. Ein tolles Konzert, auch mit einem ganz besonderen Witz, wenn sich beispielsweise in der achten Minute alle (bis auf den Trompeter, der nur in seiner sonst kerzengeraden Haltung etwas nachgibt) zu Ches Smith umdrehen, der dann sein Zweiminutensolo hat.

Hatte ich von dem Drummer Joey Baron erzählt, der einmal im koreanischen Teehaus DaBangg in Friedenau aufgetreten ist (zusammen mit Greg Cohen und Elias Stemeseder), mit seinem Drumset eingeklemmt zwischen Außenfenster und Zimmerpflanze und eines seiner Soli damit beendete, dass er die Schlegel weglegte und mit seinen Händen über die Blätter der Pflanze strich?
Wahrscheinlich.

Heute ist Bents Geburtstag. Er wäre 68 Jahre geworden.

Fabio Viscogliosi Françoiz Breut

Die Nacht war kurz. Meine Mitbewohnerin, nachdem sie gestern einen Test hatte machen lassen, war heute für einen Filmdreh engagiert. Das geht noch weiter die nächsten Tage. Genaueres weiß ich nicht.
Gegen 5.00 Uhr verließ sie das Haus.
Sie war leise, aber ich spürte eine große Unruhe (das Wetter schlug Kapriolen). Gegen 3.00 Uhr bin ich wachgeworden, eine Zeit, zu der nicht viel möglich ist.
Ich wünschte mir, die Radionacht würde von Aglaia Dane moderiert. Ich schaltete das Radio an.
Das war wirklich Aglaia Dane am Mikrophon.
Jetzt die Frage: Glück/Zufall? Oder hat sich dies mir vor dem Einschalten schon über den Äther mitgeteilt (Schwingungen?), oder hilft Wünschen?
Von fünf bis halb acht habe ich dann wieder geschlafen. Nicht sehr lang alles in allem, aber hinreichend.

Nächstes Mal beschreibe ich meinen Weg zur Buchhandlung zu Ende, ab Spichernstraße.

Ich suche eine Aufnahme des E. E. Cummings-Gedichts In Just- / spring, gelesen von ihm selbst. Aber gibt es überhaupt eine? – Zu finden ist seine Rezitation von Spring is like a perhaps hand, ebenfalls ein tolles Gedicht, hier.

Ostermusik

Zu Ostern überraschenderweise ein kleines spanisches Musikprogramm mit der stimmgewaltigen Rosalía.
Zuerst ein Stück, das besser zum gestrigen Karfreitag gepasst hätte, La Llorona (= Die Wehklagende).
Im nachfolgenden Song, De Plata, wird die Energie deutlich intensiviert. Hier, wie auch in dem abschließenden Studioset, ist der Gitarrist Raül Refree beteiligt.
Ich werde noch ein paar mehr Ostereier ins Nest legen, wenn’s recht ist, z.B. ein fröhliches Baumpflanzvideo von Jim O’Rourke (lebt er immer noch in Tokyo?), ein live dargebotenes Jazz-Funk-Stück der Sängerin und Bassistin Esperanza Spalding und, als Intro, ein anderthalbminütiges Liedtext-Video des New Yorker Rappers Aesop Rock (hohe Schwierigkeitsstufe beim Karaoke), das eines meiner Lieblingstiere im Titel trägt.
Jetzt ist die Aufzählung beinahe vollständig, dann erwähne ich auch noch die französische Sängerin Françoiz Breut (brö gesprochen), die übrigens auch Illustratorin von Kinderbüchern ist.
Zum Schluss ein Big Band-Stück in klassischer Manier von Marike van Dijk, I Am Not a Robot.
Der ungehobelte Rausschmeißer kommt von Captain Beefheart: Big Eyed Beans from Venus (1972).
Sollte ich nicht vorher noch einmal Laut geben, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein geruhsames Osterfest!

Aesop Rock Dog At The Door ° Rosalía La Llorona / De Plata ° Rosalía & Raül Refree ‚Los Ángeles‘ Live Acoustic Session 2018 ° Françoiz Breut La nuit repose ° Jim O’Rourke Something Big ° Esperanza Spalding Good Lava ° Marike van Dijk I Am Not a Robot ° Captain Beefheart and The Magic Band Big Eyed Beans from Venus

Marcel Beyer Dämonenräumdienst

Dämonenräumdienst, das neue Gedichtbuch von Marcel Beyer. Sechsundsiebzig Gedichte zu je zehn Strophen zu je vier Versen. Das formale Gerüst erinnert vage an die fachsprachen Ulf Stolterfohts, der da auch immer ganz strikt ist – im strengen Geviert hellicht stiebend dann ein anarchischer Flohzirkus voller Witz und Aberwitz.

Vielleicht wollte sich Marcel Beyer von Ballast befreien, die Fesseln des vielfach preisgekrönten Schriftstellers zu Springseilen machen.
„[…] ich schreibe diese Gedichte / wie ein Kind, das heimlich / tut und einfach froh ist, wenn / niemand mit ihm schimpft.”
Das hat ja im großen und ganzen auch geklappt, allerdings um den Preis, dass die Texte mit Leichtgut verwechselt werden können. Hier wird eine Verwechslung vorliegen.
Es gibt Ausnahmen.

Übrigens lässt sich eine Peter Huchel-Preis-Jury (2021 sind dies: Michael Braun, Kristina Maidt-Zinke, Wiebke Porombka, Hubert Spiegel, Stefanie Stegmann, Beate Tröger, Evi Zemanek, Ekkehard Skoruppa (ohne Stimme), Andreas Schüle (ohne Stimme)) von dieser – also doch? – geringen Einwaage nicht beeindrucken und zeichnet Marcel Beyer aus:

„Marcel Beyers Gedichte sind Abenteuerexpeditionen in vertrautes Gelände, das plötzlich fremd und unheimlich erscheint. Elternhaus und Elvis, die Eindrücke der Kindheit, magische Begegnungen mit den Phänomenen der Popkultur und den Helden der Klatschspalten – all das wird in Beyers streng komponierten Gedichten aufgegriffen, in unerhörte Zusammenhänge gerückt, verfremdet und mit den Mitteln von Zitat, Collage, Komik und ironischer Brechung neu arrangiert. Der Titel Dämonenräumdienst ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Hier werden die Geister der jüngeren deutschen Vergangenheit aufgerufen, um sie durcheinanderzuwirbeln und einer poetischen Choreographie zu unterwerfen: Aufräumarbeiten vor dem inneren Auge eines erfindungsreichen Dichters.“

Das kann man so sagen, es ist nicht falsch, aber doch ein bisschen retuschiert.
Sicher sind die Gedichte gut gemacht, und der Kritiker Franz Hofner (ein Pseudonym?) spricht Richtiges aus, wenn er im Signaturen-Magazin festhält, „dass es manchen Lyrikbänden sehr gut tut, wenn sie nicht zu lang auf der Herdplatte schmurgeln”, dennoch vermisse ich Dringlichkeit, etwas Zwingendes.
Das war mindestens in Beyers Gedichtbänden Graphit (2014) und Erdkunde (2002) anders: sie haben lange auf der Herdplatte geschmurgelt.

In Dämonenräumdienst hat Marcel Beyer aufgehört, so zu schreiben, als sähe Thomas Kling ihm über die Schulter. Vielleicht war das ein notwendiger Schritt, aber ich beäuge ihn mit Skepsis. – Nächstes Buch abwarten!

Herausragend der Zyklus „Die Bunkerkönigin”.
Sehr gut auch „In Gesellschaft”, „November” und „Orange”.

[…] Irgendwer zieht die
rechte Hand aus der Presse
für Kartonagen. Er sieht seine
Finger an, als wären sie nicht

mehr da. Als sähe er in die feuchte
stinkende Luft. […]

Marcel Beyer, Dämonenräumdienst. Gedichte. 174 Seiten, Leinen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 23,00 Euro

Unkategorisierbare Fehler

Die Praktikantin, die nach Feierabend die Bücher des Verlags vorbeibringt, für den wir ausliefern (wir liefern für zwei Verlage aus, von daher ist mein Satz ungenau, aber das ist er sowieso), ist Österreicherin. Sie nimmt die Bücherpacken aus ihrem roten Stoffbeutel und verabschiedet sich mit einer freundlichen Höflichkeit, die in Berlin Seltenheitswert hat.

Was die Leute kaufen: Sigmund Freud, Unglaube auf der Akropolis. Ein Urtext und seine Geschichte, Klaus Heinrich, wie eine religion der anderen die wahrheit wegnimmt, Elif Shafak, Hört einander zu!, Donatella Di Cesare, Souveränes Virus? Die Atemnot des Kapitalismus, Franziska Meier, Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie, Andreas Reckwitz, Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Slavoj Žižek, Ein Linker wagt sich aus der Deckung. Für einen neuen Kommunismus, Dirk von Gehlen, Meme.

Bildungsbürgertum, ich sag’s ja.

Kohlhaases Erfindung einer Sprache und andere Erzählungen hätte ich auch verkauft, ist aber gerade im Nachdruck und wird erst Ende April/Anfang Mai wieder lieferbar sein, wie ein Anruf bei Prolit ergab.

Kein Wunder, dass ich abends müde bin.

Nach ungefähr vier Stunden wurde ich von einem leisen Knall geweckt.
Zwanzig vor drei, verriet mir das Display. Die PK war noch brühwarm.
Smartie war natürlich zur Wandseite hin gefallen.
In den Nachrichten stach das Wort „Intensivbetten” heraus.
Auf den letzten Stufen zum Bad schon das Morselicht der elektrischen Zahnbürste auf der Ladestation.
Um halb fünf wieder hingelegt, nicht aus Müdigkeit, sondern aus Vernunft, um acht das Wecksignal, halb neun auf. Kaffee, Arbeit, noch mal Kaffee.
Ich habe ein kräftiges Über-Ich.
Irgendwann mittags fiel mir ein, dass ich am frühen Abend eine kleine Präsentation zum Thema „Uncategorizable Errors” für einige der US-Kolleg*innen machen sollte. Das hat mich ein bisschen gestresst, denn ich rede nicht gern, und Erklären ist auch nicht meine Sache, aber es lief dann ganz gut, unkategorisierbare Fehler hab ich ja öfter.

Ich werde meine Ostereinkäufe Montag, spätestens Dienstag erledigen.

„Diese Zahl von 100.000 Satelliten ist leider realistisch.”
(„Vor lauter Satelliten keine Sterne mehr. Megakonstellationen bedrohen Astronomie”).

Strohlicht. Weiteres zu Anja Utler

Die Assoziation mit Josua, der den Lauf der Sonne anhält, ist leider eine kalte Spur, denn in kommen sehen geht die Sonne weiter auf und unter (was wir so nennen, der Einfachheit halber), nur einen Wetterwechsel gibt es nicht mehr. Apriltage wie jetzt im März, mit Sonne, Regen, Schneeregen und Hagel im Wechsel – passé. Bäume stehen noch, aber vertrocknet, entlaubt: skelettiert, so wie manches in dieser unwirtlichen Welt skelettiert ist. Sogar „die skelettierten Wasser”, ein geologisches Datum: „Steine mit Wasser- Quellverbiss”, „Bissspuren vergangener Flüssigkeit”.
Wasser ist etwas Zählbares geworden, so gering und so rar.
„Flüssigkeitsanteil”, „Tau”, das lässt sich noch sagen.
Was da glitzert: wahrscheinlich Sand. Statt des erquickenden Nass‘ bukolischer Dichtung „eine Gestanksgravur des ver- / trockneten Wehrs”.

Einmal war die Erde von Ozeanen bedeckt gewesen.

„zur Sonne zum Schlamm” – ist das ein Echo auf den Aufbruchs-Elan von „zur Sonne, zur Freiheit”?
Und dieser andere Vers, der fast allein auf der Seite steht: „Mutter um Himmels willen Mutter / Warum bist du hier?” – Die Tochter redet zu ihrer Mutter, panisch vielleicht, ärgerlich. Es ist aber auch eine (groteske?) Umkehrung von -. Aber ich will nicht wieder die Bibel zitieren.
Wer so spricht wie hier die Tochter, scheint wirklich dem Untergang nahe zu sein.
Ist es Zufall, dass kommen sehen aus sieben Abschnitten besteht?

Ja, Schlamm gibt’s offenbar noch, aber das erzählende Ich registriert auch, „wie Flecken um Flecken das Gras kollabiert”, es blinzelt ins „Strohlicht”, es hat jene drei Jahre Sommer erlebt, von denen gleich zu Beginn die Rede ist, und die sich durch ein Fauchen ankündigten:
„und dann kommt die Sonne Stück / Kieferleiste das lodert den Horizont zu be- // saugen beginnt”

Diese expressiven, bildstarken Wendungen sind immer überraschend, weil sie neben sachlichen („durch den Umbau von Männern zu Frauen”) oder technischen, auch bürokratischen Ausdrucksweisen stehen – eine eigenartige Mischung, und gerade richtig, um der wüstenhaften Existenz in einer unlebbar gewordenen Welt eine adäquate sprachliche Form zu geben.
Anja Utlers Sprache bewegt sich am Rand, kippelt ins Abstrakte, in dessen Überhelligkeit sich Konturen und Begriffe verwischen, verebbt im Stummsein.

Kimbra Everybody Knows

Kimbra bekommt nie einen Grammy, ist das fair? Hier ein Stück aus ihrer EP Songs from Primal Heart: Reimagined, die 2018 erschien (leider nur digital).

Auf der Arbeit gab es eine Veränderung: Unsere Firma hat die Eigentümer gewechselt und gehört nun zu Snap Inc., vor allem durch Snapchat bekannt, der App, deren Nachrichten nach einer Weile verschwinden. Fit Analytics wird unter dem neuen Dach als eigenständiges Unternehmen fortgeführt, mit den beiden Sitzen Berlin und Chicago.

Sind doch Krokusse?

Als ich von der Arbeit kam, war ich fix und foxy. Vielleicht, weil ich es nicht mehr gewohnt bin, so viele Leute zu sehen, in der Stadt unterwegs zu sein, mit den Öffis zu fahren? Na, so doll viele waren’s ja nicht.
Montags geh ich um zehne aus dem Haus, hole Curtis aus dem Schuppen, pass auf, dass wir nicht die Krokusse plattmachen, die wie Pilze aus dem Boden (Rasen) schießen.
Ich denke, es sind Krokusse. – Gibt es bunte Schneeglöckchen?
Das ist ja immer die frohe Botschaft, die ein Sprachlehrer seinen Schüler*innen verkünden kann: Die Mehrzahl der Verkleinerungsform ist genau gleich wie die Einzahl der Verkleinerungsform:
das Büdchen – die Büdchen
das Blümchen – die Blümchen
das Häuschen – die Häuschen
das Süppchen – die Süppchen
und so weiter.
Dass das ich-ch so schwer auszusprechen ist, gut, das ist wieder blöd. Und die Umlaute! Ich hab’s aber nicht erfunden.
Nebenbei bemerkt, ist auch das ach-ch nicht einfach.
ch ch
Als Mehrzahl von Krokus gestattet der Duden auch: die Krokus. Bisschen komisch, aber mir soll’s recht sein. Verwirrt wär ich über „Safran”.
Übrigens brauche ich nicht den Segen des Duden(s), die Sprache soll so frei sein, wie sie Lust hat. Tendenziell ist der Sprachgebrauch ja nicht sehr frei. – Lasst die Wörter los!, so würd ich immer sagen.
Hab mich ja auch sehr gefreut, als Hanna mal „bei ihmchen” sagte. Der rheinische Diminutiv macht auch vor Personalpronomen nicht Halt. Toll!
Und jetzt habe ich in meinen Büchertürmen doch glatt nach dem Niederrhein-Büchel von Joseph Roth gesucht – Kleve Xanten Kalkar – das seltsamerweise einmal in Rom gedruckt wurde (1986). Erstmals erschienen die drei kleinen Texte im Mai 1925 in der Frankfurter Zeitung.
„In Kleve am Niederrhein erzeugt man Margarine, ohne damit der Schönheit der Stadt zu schaden. Sie lag einmal am Rhein. Der Fluß hat sich selbst von ihr entfernt, was unrecht von ihm war. Schon im 11. Jahrhundert mußten die Klever Bürger einen Kanal bauen, um die Beziehungen zum Rhein wiederaufzunehmen.”
Ich komm drauf, weil Roth den Niederrhein als landschaftlichen Ausdruck des Pazifismus beschreibt, und so Verkleinerungsformen erscheinen mir doch auch ganz friedlich.

Wenn ich so mäandernd schreibe wie hier, denkt meine Schwester, ich wäre betüddelt. Das ist natürlich nicht der Fall.

Vom Dickicht aus -> Stadtplan Kleinmachnow (wir sind das letzte Haus in der Straße) fahre ich über die Wendemarken und An der Stammbahn zur Karl Marx-Straße (ich lehne es ab, sie mit zwei Bindestrichen zu schreiben, denn sie ist schließlich nicht nach Karl und Marx benannt, sondern nach Karl Marx – kann mich damit im Freundeskreis aber nicht durchsetzen … – Johnson würde mich verstehen), die in Zehlendorf selbstverständlich nicht mehr so heißt, sondern Benschallee. Die brauch ich aber gar nicht, weil ich vorher rechts in die Berlepschstraße einbiege, die mich zum S-Bahnhof bringt. Dort mache ich mein Pferdchen fest und fahre –
Aber will das wer überhaupt so genau wissen?
Am Rathaus Steglitz Umstieg in die U9 Richtung Osloer Straße, Spichernstraße steige ich aus, die Kachelwände visualisieren ein Musikstück, die Universität der Künste (Musikabteilung) und das Haus der Berliner Festspiele sind nicht weit.
Hier werde ich meinen Weg zur Arbeit unterbrechen, denn es ist Viertel vor drei, und morgen muss ich arbeiten.

Das Eichkatzerl war wieder da, jetzt gerade. Aber keine Erdnüsse! Morgen lege ich nach.

Anja Utler kommen sehen

„It’s not what you would call a relaxed and laid back Friday”, stellte ich fest, wir waren schon im Nachmittag des Tages angekommen, den unser Agile Coach mit einem fröhlichen TGIF eröffnet hatte. Die Kolleginnen reagierten auf meine Bemerkung mit :duck_no und :party_no Emojis (das erste zeigt eine Ente, die ihren Schnabel vehement verneinend bewegt, das zweite ein in Neonfarben blinkendes NO).
Aber ich will gar nicht von der Arbeit schreiben, das macht mein Patenkind sowieso besser:
„As for work, it appears as if not just our new clients but especially longtime clients are filled with springtime zeal, happily sending us horrendous data that have all the hallmarks of the messy mistakes of a new season that haven’t been ironed out yet.”

Neulich war im Radio zu hören, dass der Sommer des Jahres 2100 fast ein halbes Jahr dauern könnte, sollte die Erderwärmung einen besonders ungünstigen Verlauf nehmen – und das wird sie vermutlich.
Anja Utler dreht in ihrem „Lobgesang” kommen sehen die Uhr vor: Es ist so weit.

Über das Wort „Lobgesang” müsste man diskutieren. Vom Sonnengesang des Franz von Assisi sind wir weit entfernt. Das Gedicht ist eher ein Gegenentwurf dazu, ein Nachruf, eine Grabrede auf den lebenden Leichnam. „Weil Untergang wie sich herausstellt immerzu un- / vollkommen ist.” – Die ‚Idee’ Josuas, die Sonne anzuhalten (um in Ruhe die Feinde töten zu können) – Josua 10, 12-13 – wird in kommen sehen, das von einer Mutter, ihrer Tochter und deren „Mädchen” erzählt, eskaliert: Die Sonne hört gar nicht mehr auf zu strahlen.
Gut, so ist es mit der Sonne, aber das Wetter hatte noch mehr Abwechslungen, Wolken, Regen …

Im Kontrast zum aufwühlenden Setting, tritt einem der Text gleichförmig, unterkühlt und trocken entgegen, eher abweisend, wie ein Objekt von Donald Judd. Fast alle Verse sind zweizeilig angeordnet, mit vereinzelten Einzeilern, die teilweise wiederum nur ein Wort enthalten. Es gibt zwölf leere Seiten, die das Gedicht strukturieren, dazu mehrere fast leere. Die Schrift auf dem Weiß kann als formale Übertragung des Sehens gegen Licht gedeutet werden, das zu Anfang beschrieben wird:
„[…] ruft zu den Mädchen / zwischen denen ist es so hell dass die Haare / Gesichter der Sand in das Licht hinein // kollabieren”
Und etwas weiter:
„die Arme der Mädchen / flimmern die Finger wie viele gerußte Wimpern / um dieses Ei aus Licht das losrollt zunimmt und kommt es / kommt”

Die Verse sind von Leerzeichen durchsetzt.
In Fortführung des vorher Gesagten ließe sich mutmaßen, das Licht habe hier Löcher hineingebrannt. Die plausiblere (und wenig überraschende) Erklärung ist aber, dass die Leerzeichen Sprechpausen bezeichnen, so wie die kursiv gesetzten Wörter eine andere Betonung anzeigen, und die blanken Seiten Stille. Es stellt sich schnell heraus, dass die Sprechmelodie ins Stocken geraten ist, oft ist die Rede ein Stammeln und Stottern, ein Ansetzen und Wiederabbrechen, und vieles von dem, was Mutter oder Tochter sagen wollen, bleibt ungesagt – weil die Wörter falsch klingen würden? Weil sie verletzen würden? Weil es komisch wäre, etwas zu sagen, von dem so lange keine Rede gewesen war? Weil ihnen die Zunge im Mund verdorrt ist?
Es hat etwas von Wladimir und Estragon, die sagen: Komm, wir gehen, und sich nicht von der Stelle rühren.

kommen sehen zeichnet eine postapokalyptische Welt ewigen Sommers. Die spröde, ungastliche Sprachform, die Anja Utler gewählt hat, trägt sowohl die Spuren der Versehrung wie auch die der darauf folgenden Reparaturmaßnahmen (auf andere Weise grausam) und ist notwendigerweise bizarr. Das Buch ist ein subtiler Horrorfilm in Worten: Der Schrecken sitzt zwischen den Zeilen. Er zeigt sich nicht gleich, und beim ersten Lesen entgeht einem sowieso vieles. Aber dann …

Vielleicht extemporiere ich morgen noch ein bisschen weiter. Heute vorerst nur die Leseempfehlung:

Anja Utler, kommen sehen. Lobgesang. 128 Seiten. Edition Korrespondenzen, Wien 2020. 18,00 Euro

[brace] Inseln

Heute, aus Anlass des Internationalen Frauentags, ein Doppelprogramm mit zwei Arbeiten aus (Film-)Kunst und Literatur, die mir sehr gut gefallen.

„Es verhält sich mit der deutschsprachigen Poesie wie mit dem bundesdeutschen Fußball: An Torhütern mangelt es nie.”
So moserte Michael Lentz vor nunmehr sechzehn Jahren, man kann seine „Thesen zur Poesie” hier nachlesen.

Ich möchte zu bedenken geben, dass es vielleicht nicht die Schreibenden sind, die die angebliche, von Lentz bemängelte „Windstille” vorrangig zu verantworten haben, sondern verwechselbar, langweilig und träge gewordene Verlage (Rundfunkredaktionen, Zeitungsredaktionen und wer immer sonst Pfründe zu verteidigen hat), die bräsig ihr Erbe verwalten (oder in ihren Archiven vergammeln lassen: Was macht Hoffmann & Campe mit dem Pfund seines Autors Heinrich Heine? – Nichts!) und das Neue nur dann durchlassen, wenn es sie hinreichend an das Alte erinnert.
Oder bin ich ungerecht?

Andere Verlage wiederum mögen grundsätzlich willens sein, Neues zu wagen, sind empfänglich für Qualität, sehen sich aber wegen zu geringer Kapazitäten (zu wenig Geld, zu wenig Leute, zu kleines Programm) außerstande, ihm ein Forum zu geben.

Wie auch immer: Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Plätze für genreübergreifende Literatur. Kästchen sind doch witzlos!

Im folgenden ein Ausschnitt aus dem Text Inseln von Lilian Peter, Teil eines Buchmanuskripts: Mutter geht aus, für das die Autorin u.a. 2020 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats erhielt. Es geht um Klicker und Murmeln, Klackern, Rinnen und Perlen, um Rauschen, unter anderem. Der Text spricht davon, und er bildet es nach: eine Sinn- und eine Sinneserfahrung. Auch ein landeskundlicher Beitrag zu Japan.

Auszug aus Inseln

[…] Ich bewahrte die Murmeln in einer kleinen Schatztruhe auf, spielte jedoch selten mit ihnen, nur manchmal öffnete ich die Truhe, griff hinein und versuchte, möglichst viele in der Hand zu halten und sie dann ganz langsam und vorsichtig gen Boden, oder mit einer schnellen Bewegung des Unterarms, wie man sie auch beim Kegeln macht, in den Raum gleiten zu lassen, denn ich liebte das perlende Geräusch, das sie dabei machten, und wenn ich ganz viel Glück hatte, stießen sich beim anschließenden Kullern manche der Murmeln noch einmal an und ergaben ein leises, klackerndes Geräusch, bis sie schließlich ruhig liegen blieben und ein mal weiter, mal weniger weit verstreutes Muster ergaben. Ein leises, klackerndes Geräusch machen auch Bambuswälder, wenn der Wind durch sie hindurchrauscht, auf einer kleinen Insel in der japanischen Präfektur Kagawa stand ich einmal lange in einem Bambuswald und lauschte dem zarten Klack-Klack-Klack-Klack-Klack, dem Murmeln der Bäume im Wind, später stand ich an einem Fluss und lauschte dem Plätschern, das dem Klack-Klack-Klack-Klack-Klack der Bambuswälder erstaunlich ähnlich ist, später stand ich in einem Museum, das kein Kunstwerk beherbergt, sondern selbst eines ist, es heißt 母型, „Matrix“, und stammt von der Künstlerin Rei Naito, es ist ein sehr großer, flach gewölbter Raum, muschelförmig und mit zwei großen Öffnungen, durch die man jeweils ein sehr präzise inszeniertes Stück Natur sieht, die Sonne kann hineinscheinen und große runde Lichtflecken auf den weißen Betonboden werfen, Regen kann hereinprasseln, sich in Pfützen sammeln und langsam, langsam über den Boden zu rinnen beginnen, der nirgends ganz eben ist, zudem drängen aus winzigen Poren im Boden kleinste, kleine, größere und große Wassertropfen, die anschließend wie kleine Murmeln, in verschiedenen Geschwindigkeiten, innehaltend, Fahrt aufnehmend, sich zusammensammelnd aus verschiedenen Tropfen, über den Boden kullern, ein Spiel, das mit sich selbst spielt, Spieler sind nicht vonnöten, und man hat unmittelbar das Gefühl, Zuschauer braucht dieses Spiel auch nicht, es ist ganz zufrieden mit sich selbst; „Matrix“ lädt einen ein, man darf sich in ihr aufhalten, aber sie verlangt ein großes Maß an Zurückhaltung, Höflichkeit und Respekt, als Vergleich fällt mir nur eine Kirche ein, dabei ist der Unterschied zu einer Kirche, jedenfalls einer christlichen, gewaltig: Denn dieser Raum maßregelt nicht, urteilt nicht, hierarchisiert nicht, predigt nicht, unterwirft nicht, häuft keinen Reichtum an und fordert nicht im Gegenzug die Verschuldung seiner Leser, „Matrix“ zeigt lediglich ein Hier und Jetzt, in aller Schlichtheit, Schönheit, Verbundenheit und Stille. Bevor man sie betreten darf, zieht man die Schuhe aus und schlüpft in Filzpantoffeln, die meisten Besucher bleiben sehr lang, stellen oder setzen sich nacheinander an verschiedene Orte im Raum, niemand spricht, man beobachtet die sich stetig verändernde Natur jenseits der Öffnungen, die man ganz unterschiedlich wahrnimmt, je nachdem, in welche Perspektive im Raum man sich begibt, oder man beobachtet die Lichteinfälle, die nie bleiben, was sie sind, sondern mit wanderndem Sonnenstand stetig andere Formen annehmen, oder man beobachtet das lautlose Klack-Klack-Klack-Klack-Klack der Wasserperlen am Boden und ihr glasklares Murmeln, oder man lauscht dem Wind, der an den flachen Rundungen des Gebäudes entlangrauscht wie ein Meer, verstärkt durch die Akustik des Raumes; ein japanischer Traum, ein Traum von Japan – und eine Wirklichkeit, die sich nicht ausspielen lässt wie Murmeln in der Hand eines Spielers, der nur aufs rechte Loch zu zielen braucht. „Matrix“ (Plural „matrices“, davon die „Matrizen“) kommt aus dem Lateinischen, ist verwandt mit der „mater“ und der „materia“ und heißt soviel wie: „Gebärmutter, Mutterleib, Muttertier, Zuchttier“. Als „Matrize“ oder „Mater“ bezeichnet man, zum Beispiel, im Zusammenhang der Schriftgießerei die Gussform, in die der Schriftgießer Satzmetall (meist Blei) gießt, um Lettern oder Bleisatzzeilen zu erzeugen.

[brace]

[brace] ist ein s/w-Kurzanimationsfilm von Anja Großwig (Buch, Regie, Produktion, Produzentin, Kamera, Schnitt), Absolventin der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, der zwischen 2013 und 2018 entstanden und aus fünftausendvierzig Einzelbildern montiert ist. Der Film wurde beim Durban International Film Festival 2018 erstaufgeführt.
Prädikat besonders wertvoll (Deutsche Film- und Medienbewertung).

„BRACE zeigt eine dysfunktionale Beziehung zweier völlig gegensätzlicher Charaktere. Chaos und Ordnung, Akribie und Lässigkeit, Pedanterie und Großzügigkeit als Persönlichkeitsmerkmale stehen unvereinbar gegeneinander wie Lärm, Hektik und Wirrnis der Großstadt zu Ruhe, Geschütztheit und Kontrollierbarkeit des eigenen Heims.” (zitiert nach: Produktionsspiegel nordmedia)

Ich wünsche einen schönen Feiertag!

Dank an Lilian Peter und Anja Großwig.