Leichtmütig bleiben

– eine Übung.

[gestrichen]

Eine weitere Mail, schon einige Tage her, von Kimbra, mit der schwungvollen Anrede: „Kimbro’s!”
Sie beeilt sich, hinzuzufügen: „IRL I call everyone bro (it’s a very Kiwi thing) so feels apt.” – Wieder eine Abkürzung, die ich nachgucken muss, aber kein Problem. In real life.

„… features some of the most evocative processed vocals since Imogen Heap’s „Hide and Seek.“ ” – Heather Phares, AllMusic

Im wesentlichen verkündete sie, dass dies Jahr neue Musik von ihr erscheinen wird.
Sie verlinkte auch einen Podcast, Switched On Pop, eine knappe Stunde über einen zehn Jahre alten Hit und über das, was für sie daraus folgte. „I just believed in the power of possibility” – vielleicht durch das Alter begünstigt, sie war damals 20 oder 21 Jahre alt.

Ich lese zur Zeit (wieder) eine Fragment gebliebene Erzählung Mallarmés, Igitur ou La Folie d’Elbehnon. Igitur ist als Personenname zu verstehen, ebenso (wahrscheinlich) Elbehnon. Mallarmé hat vor allem in den Jahren 1869/1870 an dem Text gearbeitet, möglicherweise auch schon früher und später noch. Die Editionslage ist kompliziert, das Buch vermittelt einen Eindruck davon, indem zum Beispiel eingangs eines Absatzes vermerkt ist: [fos 32 ro, 33 ro, 34 ro, 35 ro, 36 ro], was heißt, dass sich der gedruckte Text auf den jeweiligen Vorderseiten der genannten Blätter eines wohl recht unübersichtlichen Manuskripts befindet, das insgesamt ungefähr fünfzig Blätter umfasst, in verschiedenen Größen, mal mit Tinte, mal mit Bleistift beschrieben, und natürlich mit Durchstreichungen, Überschreibungen … Die erste Edition datiert von 1925, Herausgeber war Dr. Edmond Bonniot, Mallarmés Schwiegersohn. Ich lese die neuere von Bertrand Marchal. [Sie basiert auf der von ihm erarbeiteten zweibändigen Mallarmé-Werkausgabe in der Bibliothèque de la Pléiade (1998/2003). Inzwischen (2006) hat der schottische Mallarmé-Forscher Gordon Millan den Text neu herausgegeben, siehe – bei Interesse – hier.] Während sich le Dr Bonniot darum bemüht hatte, eine glatte Lesefassung herzustellen, liefert Bertrand Marchal mehr einen Bausatz, beispielsweise enthält ein Kapitel gleich fünf, mit griechischen Buchstaben ’numerierte‘, Versionen der Szene, wie Igitur (Also) das Zimmer verlässt, um sich in den Keller des Hauses zu begeben, wo es einen Würfelwurf auszuführen gilt.
Auch die gestrichenen Passagen bleiben erhalten, werden nur als solche kenntlich gemacht.
Mallarmé ist eine mysteriöse, sich entziehende Gestalt. Als vor einigen Jahren eine Biographie über ihn erschien, war eine Kritik überschrieben: „Mallarmé gets a life.”

Im Fernsehen war ich sehr von der norwegischen Serie Beforeigners angetan, die davon handelt, wie weltweit – auch in Oslo – Flüchtlinge aus vergangenen Zeiten ankommen, Wikinger, Steinzeitmenschen und Leute aus dem 19. Jahrhundert, die sich, so gut es geht, in die Gesellschaft einfügen und, darum geht es in erster Linie, der Osloer Polizei bei der Verbrechensaufklärung helfen. Originell, witzig, gut gemacht.
Da ich Zarah – wilde Jahre und Unit 42 bereits gesehen habe, zur Zeit keine weitere Serienkost für mich (was sonst im Angebot ist, spricht mich nicht an).

Mit meiner Schwester bei Dussmann, wo ich mir das neue Album von Françoiz Breut gekauft habe, Flux Flou de la Foule. Daraus hier die Single.

Heute nachmittag lag wie eine hübsche, wenngleich überraschende, Bordüre eine Ringelnatter vor dem Eingang zum Wohnzimmer, züngelnd. Sie nahm in einer schönen Schlängelbewegung etwas Abstand zum Haus, kroch dann die Mauer entlang, die die Terrasse vom Garten trennt, und entschwand durch eine schmale Öffnung ins Grüne. Très joli!

re Apollinaire

Anfang des Jahres hatte ich mich an einem Übersetzungswettbewerb beteiligt, im Juli wurde die Preisträgerin gekürt, Françoise Sorel – herzlichen Glückwunsch!
Die FAZ hat ihre Übersetzung zweier Liebesbriefe von Guillaume Apollinaire an seine Geliebte Louise de Coligny-Châtillon alias Lou mit einem lesenswerten kleinen Essay von Marie Luise Knott abgedruckt, siehe -> hier.
Apollinaire verwendet den Namen Lou in Verbindung mit dem männlichen Artikel: Lou ist phonetisch mit loup (Wolf) identisch. Die Entscheidung der Preisträgerin, stattdessen ein anderes Tier ins Spiel zu bringen, nämlich den Luchs, ist clever – Lu – Lux. Ob Luchs ein Kosewort unter Liebenden ist, wage ich nicht zu beurteilen. Apollinaire hatte fraglos den Wolf im Sinn, aber für jemanden, der nicht weiß, dass lou(p) Wolf heißt, ist Luchs möglicherweise plausibler. – Sartre hat Simone de Beauvoir castor (Biber) genannt, also was soll’s.

Hier meine Übersetzung:

10. Xber 1914

Mein Wölfchen, ich schreibe Dir aus der Kantine. Das Papier hat schon Flecken, bald wird es noch viel mehr davon haben, aber nur hier habe ich in dem ganzen Tohuwabohu ein wenig Ruhe. Heute morgen Aufstehen bei Nacht, Appell im Regen. Zwischendurch Kaffee, nach dem Appell gibt man Brot und eine Tafel Schokolade an uns aus. Der Brigadeführer stellt mich mit einem anderen Soldaten für den Küchendienst ab. Um halb sieben zeigt man mir das Satteln im Stall, der wie Liebe duftet. Um halb neun in der Reitbahn, wo ich sehe, wie meine Kameraden den Pferden auf den Hintern schlagen. Ich werde nachmittags gehen. Um 9 ½, Marschübung, man lässt mich gesondert exerzieren. Um halb elf hole ich mir die Suppe und den Fraß in der Küche. Nicht sehr lustig. Alle futtern. Ich bringe die Schüssel mit den Essensresten allein zurück, ich mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub, damit man mich nicht diesen Dreck auskratzen lässt. So steht’s, Wölfchen. Ich habe nur noch ein paar Minuten, ich esse eine Birne und trinke einen Schoppen. Um Viertel vor zwölf muss ich gewaschen und rasiert sein, um zu satteln. Es ist Viertel nach elf. Das Quartier ist bis 5 ½ h zugesperrt. Wölfchen, ich verspreche Dir, Dich mein Leben lang zu lieben und nie jemand andern zu lieben als Dich. Du bist meine einzige Frau auf immer und ewig, ewig werde ich Dir treu sein. Ich erhielt die beiden Karten im Umschlag und habe sehr gelacht.
Heute nacht, Lou, habe ich bemerkt, dass meine Kette gerissen war. Alle Medaillons waren in meinem Bett verstreut und ich habe sie alle eines nach dem anderen aufgelesen, eingezwängt in meinem kleinen Bett, dann steckte ich sie in mein Portemonnaie. Deine habe ich lange geküsst, Wölflein. Ich denke an Dich, an Deinen herrlichen Körper, an Deine liebe Seele, die so einfach ist und so tief. Auf Wiedersehen, kleiner Wolf, auf bald.
Ich werde arbeiten.
Man hat mir das Paket ausgehändigt. Mein Wolf ist köstlich, mein Wolf ist alles für mich, meine Lippen sind für immer mit Deinen vereint, Liebe, Du, liebster Teil meiner selbst. Ich trinke mein letztes Glas Wein auf Deine Gesundheit und küsse Dich von ganzem Herzen.
Bis heute abend.

Guillaume Apollinaire
und Guillaume Kostrowitzky
2er Geschützführer
38stes Artillerieregiment
78ste Batterie
Nîmes

24. Mai 1915

Nach einigen Tagen Ruhe erleben wir heute in der Pfingstnacht unser blaues Wunder. Es ist ein Uhr früh. Gestern morgen besuchte ich unsere Artilleristen, die in die Schützengräben abkommandiert waren. Ich brachte ihnen den Sold. Toller Spaziergang. Pferd bei den Küchen gelassen. Zurück über Wiesen, die buchstäblich golden von Butterblumen waren. Ich hörte dumpfes Kanonengrollen. Auf der Straße sehe ich eine reizende kleine Ringelnatter mit gelbem Ring, als ich sie berührte, richtete sie sich sehr tapfer auf und züngelte, sie kroch, indem sie sich mal so, mal so wand, [Piktogramm Schlange] oder [Piktogramm Schlange].
Da kommt ein Militärbischof angeritten, ich hatte ihn nicht kommen hören. Ich höre:„Suchen Sie Spuren oder eine Fährte?“ Ich hebe den Kopf und sehe einen alten Mann mit weißem Bart, Augen sehr sanft, Polizeimütze mit vier goldenen Winkeln, großes veilchenblaues Ding um den Hals, Bischofskreuz auf der Brust, schwarze wallende Soutane, schwarze Lackstiefel, Sporen. Ich antworte: „Ich sehe mir eine Ringelnatter an.“ Er sah mich mit sehr sanften Augen an und ritt vorbei. Auch die Ringelnatter machte sich davon, guter kleiner Geist, den ich als gutes Omen nehme, zurück dann gegessen, darauf in den Park, um das Konzert zu hören, von dem ich Dir erzählt habe, dann heimgekehrt, Briefe, nichts von Dir, dafür der Brief eines Freundes, ein interessanter italienischer Schriftsteller, interessanter als der künstliche D’Annunzio mit seinen überlebten Reizen einer alten Kokotte. Ich schicke Dir den Brief in einem anderen Umschlag, adressiert an G. Apollinaire. Dann zum Abendessen in der Stadt, ich war eingeladen (1), ich habe reizende Mädchen gesehen, die eine vor allem wirklich entzückend und sehr sehr kokett, aber mit mir nichts zu machen, die Keuschheit selbst, dann gab man telefonisch die Entscheidung Italiens durch (2), und ich trottete nach Hause. Um ein Uhr hat die ganze Front eine Ehrensalve abgegeben, zu Ehren des neuen Verbündeten, es war prachtvoll, die Nacht war hereingebrochen, die Schützengräben waren von Jubel erfüllt. Und jetzt schlagen die Boches zurück – Ich kann es kaum erwarten, die Zeitungen zu lesen, um zu erfahren, was sich an der neuen italienischen Front tut, nach der Kriegserklärung. Natürlich wird das viele von den Boches beschäftigen. Na, um so besser, je mehr Leute mitspielen, desto kürzer, hoffe ich, wird der Krieg dauern, und um so früher werden wir zu unseren häuslichen Beschäftigungen zurückkehren können.
Ich könnte mir vorstellen, dass die Deutschen jetzt versuchen werden, mit aller Gewalt ihre ganze Flotte gegen England aufzufahren, um zu versuchen, es zu brechen, seine Seemacht zu zerstören.
Ich habe mich fotografieren lassen, als ich vom Konzert zurückkam, von einem Unteroffizier der Jäger, den ich kenne, ich bin bei Berthier, der das Krankenrevier verlassen hat und der mit mir beim Konzert war. Wenn das Foto gelungen ist, werde ich es Dir schicken.
Auf dem Weg zum Konzert kam ich durch ein Dorf, in dem Teile der Truppe untergebracht sind, ich sah an der Kirche ein Schild mit der Aufschrift „Gefängnis“, es schaudert einen, vor allem, wo man jetzt sehr sehr streng ist.
So viel f. heute, auf Wiedersehen, mein Wölfchen, bis morgen, ich schicke Dir ein Insekt, es ist ganz golden, ein Fund aus den Schützengräben. Ich weiß nicht seinen Namen.

Gui.

Aus: Guillaume Apollinaire, „Lettres à Lou“ © Éditions Gallimard, Paris, 1969

1) Wahrscheinlich beim Buchhändler Henri Matot, dessen Geschäftsbogen er für diesen Brief verwendet hat.
2) Der Kriegseintritt Italiens, der seit einigen Tagen erwartet worden war, trat am 24. Mai in Kraft.

Aus einem Brief:

„Ich habe ein weiteres Argument gegen das Übersetzen (als Tätigkeit für mich) gefunden: Ich würde immer wieder im Deutschen landen. Mein Plan ist aber, ins Französische abzuspringen und dort zu bleiben. Also glaube ich, dass es nicht falsch gedacht ist, wenn ich möglichst viel Französisch lese und höre, hin und wieder auch spreche – und bei Gelegenheit nach (z.B.) Lyon fahre, um dort, so Gott will, mehr zu lesen, zu hören und zu sprechen.
Eine App serviert mir jeden Tag ein Mot du jour: le facteur, l’enquête, le banc des accusés …
Das Französische (Italienische, Englische) ist mein Privatvergnügen und ein soziales Interesse mehr denn ein berufliches.”

Aus einem Brief:

„Schade, dass Du die Ergebnisse des Übersetzungswettbewerbs nicht weiter verfolgt hast. Aus Respekt vor Deinem Engagement ist es doch spannend zu sehen, wie bestimmte Stellen ‚offiziell‘ übersetzt worden sind. Das kann doch zur Weiterbildung beitragen. Autodidaktsein heißt ja, Erfahrungen nie als Niederlage anzusehen, sondern prinzipiell als Chance, was dazu zu lernen, auch wenn man gar keinen Plan hat, wozu so ein Wissen nützlich sein könnte.”

Chairlifts Caroline Polachek (Chairlift – Amanaemonesia, Bruises, Ghost Tonight, Met Before u.a. – haben sich 2017 getrennt) hat ein neues Video draußen, wie ich aus der jüngsten Playlist der New York Times erfahren habe: Bunny Is A Rider. Im Rahmen der vorgestellten Songs einer der besseren. Dennoch ist Kimbra – die hinsichtlich Experimentierfreude manchem Jazzer voraus ist – für mich interessanter, sie steht ihrem Idol Prince in nichts nach und geht doch eigene Wege, z.B. rauht sie in der Stockholmer Live-Aufnahme von Version of Me den Sound zum Schluss hin immer mehr auf und bewegt sich so weit in Richtung Industrial, wie es im Pop noch gerade erlaubt sein mag. „Letting her inner Trent Reznor out! Superb”, schreibt dann auch ein Kommentator in Anspielung auf Nine Inch Nails.
Das strahlend-schimmernde, makellos produzierte Waltz Me to the Grave – Schluss-Stück von The Golden Echo (2014) – steigert sich zur knalligen Hochglanz-Oper inclusive Chor und (Synthie-) Streichern, ändert dann (4:45) recht abrupt den Charakter, der Gesang plötzlich piano (5:10), dann ganz weg (5:35), ein langes Ausklingen bis 7:20, gefolgt von zehn Sekunden Stille. Ein ungewöhnlicher Popsong, und natürlich zu lang fürs Radio, wo Kimbra aber ohnehin keine Rolle spielt – vermutlich ist ihre Musik nicht überraschungsarm genug.

Hier nun aber wirklich – als Post – ein Song von Mrs. Johnson, Goldmine. Das Video hat Chester Travis geschaffen, der auch für das Video zu Like They Do on the TV zuständig war.

Frühjahrsbelebung

Im rbb inforadio hörte ich heute morgen einen Bericht der ARD-Korrespondentin für Nordwestafrika Dunja Sadaqi über eine Kautschukplantage in Kamerun -> Kautschuk-Anbau in Kamerun. Greenwashing bei der Deutschen Bank?, für deren Ausbau am Rand eines Biosphärenreservats die Deutsche Bank („Eine neue Zeit braucht neue Antworten. Wir haben sie”) dem Konzern Halcyon Agri Corporation einen Kredit von 25 Millionen US-Dollar gewährt hat.
Wie einem diesbezüglichen Bericht von Greenpeace zu entnehmen ist, geschah dies in bester Absicht:
„Vertraglich wurden dabei Ziele zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsstandards bei der Bewirtschaftung ihrer Kautschuk-Plantagen in Kamerun und Malaysia vereinbart”, so ein Unternehmenssprecher.
Wie sich das in der Wirklichkeit ausnimmt, davon gibt das Beitragsfoto auf erwähnter Greenpeace-Seite einen ungefähren Eindruck.
Die Umweltschutzorganisation hat den Facebook-Kanal der Bank gespammt, um diesen Skandal anzuprangern – ob’s hilft? Negative Publicity kann jedenfalls nicht schaden.

Übrigens habe ich beschlossen – wie im letzten Beitrag angedeutet -, via atmosfair vierteljährlich eine CO2-Kompensation zu zahlen (‚kompensieren’ – vermutlich eine Selbsttäuschung).
Mir liegt daran, dass es besser wird auf der Welt!
Werde trotzdem einmal nachhören, welche Bäume gepflanzt werden, denn irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass für Wiederaufforstungen häufig Eukalyptus verwendet wird, der viel Wasser zieht, das dann den Leuten fehlt.

Was würde Bruno Manser zur Lage des Waldes sagen?
Nicht auszuschließen, dass sein – mutmaßlicher – Tod in Malaysia auf das Konto ebenjener Firma Corrie MacColl geht, der die Deutsche Bank ihren schmutzigen Kredit gegeben hat, damit sie auf ihren wachsenden Kautschuk-Plantagen in Kamerun und Malaysia den Kahlschlag, wie bisher, nachhaltig betreiben kann.

Eine positive Nachricht inmitten dieser fortgesetzten Tragödie ist, dass sich das französische Parlament dafür ausgesprochen hat, Ökozid zum Straftatbestand zu erklären, worüber in diesem Monat die Nationalversammlung abstimmen wird. Ich wünsche viel Erfolg! – und auf dass das Beispiel Schule mache.
In Deutschland werden es Minister P. Altmaier und Ministerin J. Klöckner zu verhindern wissen, doch ihre Zeit wird mit der kommenden Bundestagswahl ablaufen (wie auch die von Straßenbau-Champion A. Scheuer, Gott sei Dank).

Was sonst geschah: Ich habe mir nach vielen Jahren mal wieder eine Germanistik-Vorlesung an der Freien Universität Berlin angehört (online) – prima! Muss ich mir aber noch mal zu Gemüte führen.
„Alle Hände voll zu deuten haben”, habe ich (u.a.) mitgeschrieben.
Gestern lud Kimbra kurzfristig zu einem Chat ein, der um 23.00 Uhr Berliner Zeit stattfand (17.00 Uhr New Yorker Zeit).
Sie wollte die Meinungen ihrer Fans zu einer noch zu treffenden künstlerischen Entscheidung einholen (I’d love to get my core fanbases‘ thoughts!).
Die Teilnehmerzahl lag um 50, viele Leute aus Europa, schien mir, alle tippten fleißig ihre Kommentare.
Schlechte Internetverbindung.
Unabhängig von der Musikindustrie produzieren und veröffentlichen.
Dafür sind wir da!, wurde in die Kommentarspalte getippt.

Hier nun aber ein schöner, majestätischer Song von Julia Holter (auf die sich mein Fantum ebenfalls erstreckt) aus ihrem letzten Album Aviary.
Vielleicht höre ich die falschen Sender, aber Musik dieser Qualität begegnet mir nie, wenn ich das Radio einschalte. Mein Verdacht ist, dass der Maßstab der Redaktionen ist: Wir spielen nicht die Musik, die gut ist, sondern die, die nicht so mies ist, dass die Leute abschalten.
À propos: Ich kann es der Komponistin Rebecca Saunders nicht verzeihen, dass sie als einziges Pop-Stück in der ihr gewidmeten Ausgabe der Zwischentöne ausgerechnet das unsägliche Killing me softly der Fugees spielen ließ – der Ausverkauf des Ausverkaufs /smh.
Zu solcher Ignoranz fällt mir nichts mehr ein.

Julia Holter tauchte neulich im Fernsehen auf, in Tracks: Die Ungerechtigkeiten des Musikgeschäfts. Sie war dort auf einer Demonstration in Los Angeles zu sehen, im Rahmen eines internationalen Protesttags gegen den Verteilmechanismus der Streamingdienste. Auf Plakaten wurde 1 Cent per Stream gefordert – jetzt sind es 0,02 oder 0,03 Cent, wenn ich mich richtig erinnere.
„Beutet uns nicht aus mit euerem Algorithmus!” (Transparent auf der Berliner Demo).

Kimbra Like They Do On The TV

Ich bin neugierig, wie das Königsdrama ausgeht, sagte ich zu Dr. B., den ich heute nach längerem mal wieder gesehen habe (er lebt also noch). Aber jetzt haben wir ja eine Königin! erwiderte er gutgelaunt und schob sich vor den Sachbuch-Neuheitentisch, wo er natürlich nichts für ihn Interessantes fand.
Dr. B. lässt wenig gelten.
Bücher drucken ist zu einfach, befand er.
Von Königen zu reden, war im Falle von Herrn L. und Herrn S. natürlich maßlos übertrieben. Wie mir diese Alphatierchen auf die Nerven gehen! Sollen sie nach Hause und schmollen!
Besonders staunte ich über die Darbietung des Franken. Der Narzisst liebt es zu zerstören! Dass er mit einem Privatflugzeug von München nach Berlin geflogen ist (und zurück), ist nur ein weiterer Beweis für seine Skrupellosigkeit.

NB. Ich habe noch einmal nachgesehen, wie viel Staatshilfe das Touristikunternehmen TUI 2020 und 2021 erhalten hat: 4.8 Milliarden Euro laut Süddeutsche(r) Zeitung. So wird das nichts mit den Klimaschutz-Zielen!
Hatte ich nicht neulich schon Günter Eich zitiert?
„Denke daran, daß nach den großen Zerstörungen / jedermann beweisen wird, daß er unschuldig war.”
Wie listig von ihm, diese Worte über den Äther zu schicken, als gerade alle damit beschäftigt waren, Buttercremetorte zu essen und Cognac zu trinken, oder kam das erst später?

Nachdem Fixpoetry leider seinen Dienst eingestellt hat, habe ich meinen sehr geringen monatlichen Förderbeitrag nun umgeleitet zu einer in New York lebenden Musikerin namens Kimbra Lee Johnson, die ich schon seit einigen Jahren höre. Mit einem Plattenvertrag von Warner Bros. in der Tasche, muss sie hoffentlich nicht darüber nachdenken, sich einen anderen Beruf zu suchen, aber weiß man’s?
Ihr Fanclub bei Patreon (dem ich nun angehöre) weist eine erstaunlich geringe Mitgliederzahl aus [280, Stand 22.4.2021], wenn man bedenkt, dass ihre Zusammenarbeit mit Gotye 1.6 Milliarden Aufrufe bei YouTube hat – Somebody That I Used To Know trug ihr und ihrem Landsmann (ich korrigiere: Gotye ist Australier belgischer Herkunft, Kimbra ist Neuseeländerin) einen Grammy ein: kein Geringerer als Prince hat ihn damals überreicht.

Hier ein Stück aus ihrem Album Primal Heart, das an einem 20. April (2018) erschien – daher die Anspielung zu Anfang des Videos, bei dem ich mich übrigens frage, ob es in Berlin gedreht wurde. Diese kaputte Ostigkeit kommt mir irgendwie bekannt vor.

Glückwunsch an Ann Cotten zum Gert Jonke-Preis!
Heute erschien ihre Übersetzung von Pippins Tochters Taschentuch von Rosmarie Waldrop, die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.

Unkategorisierbare Fehler

Die Praktikantin, die nach Feierabend die Bücher des Verlags vorbeibringt, für den wir ausliefern (wir liefern für zwei Verlage aus, von daher ist mein Satz ungenau, aber das ist er sowieso), ist Österreicherin. Sie nimmt die Bücherpacken aus ihrem roten Stoffbeutel und verabschiedet sich mit einer freundlichen Höflichkeit, die in Berlin Seltenheitswert hat.

Was die Leute kaufen: Sigmund Freud, Unglaube auf der Akropolis. Ein Urtext und seine Geschichte, Klaus Heinrich, wie eine religion der anderen die wahrheit wegnimmt, Elif Shafak, Hört einander zu!, Donatella Di Cesare, Souveränes Virus? Die Atemnot des Kapitalismus, Franziska Meier, Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie, Andreas Reckwitz, Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Slavoj Žižek, Ein Linker wagt sich aus der Deckung. Für einen neuen Kommunismus, Dirk von Gehlen, Meme.

Bildungsbürgertum, ich sag’s ja.

Kohlhaases Erfindung einer Sprache und andere Erzählungen hätte ich auch verkauft, ist aber gerade im Nachdruck und wird erst Ende April/Anfang Mai wieder lieferbar sein, wie ein Anruf bei Prolit ergab.

Kein Wunder, dass ich abends müde bin.

Nach ungefähr vier Stunden wurde ich von einem leisen Knall geweckt.
Zwanzig vor drei, verriet mir das Display. Die PK war noch brühwarm.
Smartie war natürlich zur Wandseite hin gefallen.
In den Nachrichten stach das Wort „Intensivbetten” heraus.
Auf den letzten Stufen zum Bad schon das Morselicht der elektrischen Zahnbürste auf der Ladestation.
Um halb fünf wieder hingelegt, nicht aus Müdigkeit, sondern aus Vernunft, um acht das Wecksignal, halb neun auf. Kaffee, Arbeit, noch mal Kaffee.
Ich habe ein kräftiges Über-Ich.
Irgendwann mittags fiel mir ein, dass ich am frühen Abend eine kleine Präsentation zum Thema „Uncategorizable Errors” für einige der US-Kolleg*innen machen sollte. Das hat mich ein bisschen gestresst, denn ich rede nicht gern, und Erklären ist auch nicht meine Sache, aber es lief dann ganz gut, unkategorisierbare Fehler hab ich ja öfter.

Ich werde meine Ostereinkäufe Montag, spätestens Dienstag erledigen.

„Diese Zahl von 100.000 Satelliten ist leider realistisch.”
(„Vor lauter Satelliten keine Sterne mehr. Megakonstellationen bedrohen Astronomie”).

Kimbra Everybody Knows

Kimbra bekommt nie einen Grammy, ist das fair? Hier ein Stück aus ihrer EP Songs from Primal Heart: Reimagined, die 2018 erschien (leider nur digital).

Auf der Arbeit gab es eine Veränderung: Unsere Firma hat die Eigentümer gewechselt und gehört nun zu Snap Inc., vor allem durch Snapchat bekannt, der App, deren Nachrichten nach einer Weile verschwinden. Fit Analytics wird unter dem neuen Dach als eigenständiges Unternehmen fortgeführt, mit den beiden Sitzen Berlin und Chicago.