Francesca Naibo Namatoulee

„Auf die Frage, wie die Arbeit vonstatten gehen solle und welche Stücke ich aufnehmen wolle, antwortete ich, ganz Improvisatorin, dass ich das nicht wüsste. Aber in einem Punkt war meine Vorstellung davon, wie das fertige Produkt aussehen sollte, klar: es sollte sich von Live-Auftritten unterscheiden, bei denen die Stücke oft sehr lang ausfallen. Also kürzere Tracks, kleine Gemälde, Klangbilder.”*

Dies schreibt Francesca Naibo, Gitarristin aus Mailand, zu ihrem zumeist ganz ungitarristisch klingenden Schallplatten-Debüt Namatoulee (Aut Records, Berlin 2020), dessen vierzehn Stücke alle improvisiert sind und von der Musikerin – vielleicht um ihren jeweiligen Klangkosmos auf eine zugleich prägnante und offene Formel zu bringen – mit Titeln in Phantasiesprache versehen wurden („Mae Lougon”, „Teing Dol”, „Groff” u.a.).

Die knappe Angabe auf dem Cover zum verwendeten Instrumentarium: „guitar, objects, effects” –
wird in dem genannten Essay genau ausgeführt:

  • eine halbakustische Gitarre des Typs Godin 5th Avenue Kingpin für Linkshänder
  • ein Röhrenverstärker
  • eine klassische Gitarre
  • verschiedene Objekte (Präparierungen)
  • Effektgeräte („delay, overdrive, sound retainer, ring modulator”),

deren jeweiliges Funktionieren mir nicht klar ist, die aber mit dafür sorgen, dass die Musik auf Namatoulee nach allem möglichen klingt – nach einem Violoncello zum Beispiel -, aber selten an eine Gitarre denken lässt, jedenfalls nicht, wenn man (vergleichsweise!) konservativ ist wie ich und einen bestimmten klassischen Gitarrenklang im Kopf hat, den die Klangforscherin Francesca Naibo aber gerade vermeidet.
Sie ist auf neue Klänge aus, was auch mit ein Grund dafür ist, weshalb sie sich für eine halbakustische Gitarre entschieden hat: die Vermischung akustischer und elektrischer Klänge sei ein Eckpfeiler ihrer künstlerischen Arbeit.

Vielleicht schreibe ich einmal ausführlicher über Namatoulee, aber nicht heute. Übrigens singt Francesca Naibo auf zwei oder drei Stücken, ohne Text.

Hier ein Blick ins Aufnahmestudio:

* „Alla richiesta di chiarimenti circa l’organizzazione del lavoro e la tipologia di brani che avrei voluto registrare risposi, in perfetto stile d’improvvisatrice, che non lo sapevo. Un elemento era però chiaro nell’idea che avevo del prodotto finito: desideravo qualcosa di diverso dalle performance live, dove spesso i brani sono molto lunghi e sviluppati, e che includesse quindi dei pezzi di durata più contenuta che potessero costituire dei piccoli quadri, delle immagini sonore.”

Francesca Naibo Website
Aut Records Website
Francesca Naibo, „Namatoulee”, in: d.a.t. 7/2020, S. 108-124 [pdf]

Francesca Naibo Namatoulee. Francesca Naibo, Gitarre, Objekte, Effekte, Komposition. [46:32 Minuten]. Aut Records, Berlin [Juni] 2020. 12,00 Euro [Auflage: 300]

radio satt #6 – Veronika Reichl

Seit heute ist die neue Folge von radio satt online, siehe hier:

http://www.satt.org/literatur/20_11_radiosatt-06.html

radio satt bringt Lesungen und Gespräche zur Literatur. Zu Gast in der Folge #6 ist Veronika Reichl, die für sich eine besondere, schwer zu kategorisierende Form des Schreibens gefunden hat: Ihre Geschichten handeln von realen, vorab in Interviews mitgeteilten, Lektüreerfahrungen von Philosophinnen und Philosophen mit – hier vor allem – Hegel. „Hegel zu lesen ist anstrengend, manchmal zermürbend“, weiß Veronika Reichl.
Im Schaum dieser Sprache. Hegel lesen erzählt von jenen, die die Herausforderung angenommen haben – und in den Lesepausen vielleicht „House of Cards“ weitergucken. Doch auch dort finden sich Hegelsche Denkfiguren.
Eine mit feiner Ironie versetzte Hommage an Hegel, die in dieser Ambivalenz, aus feministischem und postkolonialem Blickwinkel, auch im Gespräch mit Lilian Peter aufgegriffen wird.

Siehe auch Patrick Eiden-Offe, „Der ewig Unzeitgemäße. Zum 250. Geburtstag von Hegel“ (die tageszeitung):

„Wir werden hier mit Lektüren konfrontiert, die bisher Gedachtes erschüttern und Ungedachtes aufbrechen lassen; Lektüren, in denen Hegels Denken weitaus plastischer vor uns ersteht als in allen Biografien und Aktualisierungen.”

Veronika Reichl lebt als Illustratorin, Dozentin und Autorin in Berlin.
Sie studierte Kommunikationsdesign und European Media an der Merz Akademie in Stuttgart. Promotion im Fach Art, Design and Media bei Diedrich Diederichsen und Paul Newland über die Visualisierbarkeit philosophischer Texte an der University of Portsmouth.
2008 erschien bei Merz & Solitude das Buch Sprachkino: Zur Schnittstelle zwischen abstrakter Sprache und Bildlichkeit, eine zeichentheoretische Untersuchung mit einer Serie experimenteller Animationsfilme.
Forschungsaufenthalt in Oslo. 2003 Preisträgerin des 11. open mike. Veröffentlichungen u.a. in Circumference, Bella Triste, Idiome, Mantis, LIT, RealPoetics. Literarische Vortrags-Performances und Installationen, u.a. bei European Media Art Festival 2017, Am Nerv der Demokratie, Performance-Philosophie Festival 2019, Eröffnung der Ausstellung Hegel und seine Freunde in Marbach 2019 etc.
Website: https://veronikareichl.com/

Lilian Peter lebt in Berlin. Sie studierte zunächst als Jungstudentin Klavier (RSK/Musikhochschule München), anschließend Philosophie, Altgriechisch und Musikwissenschaften in Wien, Tübingen und Heidelberg, später noch Literatur am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Studienaufenthalte in Prag, Paris und New York. Verdient ihr Brot hauptsächlich als Übersetzerin, Radioautorin, Klavierlehrerin, stellt derzeit den literarischen Essayband Mutter geht aus fertig, daneben Arbeit an verschiedenen anderen Prosaformen. Seit Januar 2020 schreibt sie die auf ein Jahr begrenzte monatliche Kolumne How To Cook A Phallus für fixpoetry.com. Derzeit läuft zudem ein Briefwechsel mit der japanischen Schriftstellerin Yui Tanizaki, kuratiert vom Goethe-Institut Kyoto/Osaka (die Texte erscheinen fortlaufend online auf den Seiten des Goethe-Instituts und werden von Literaturübersetzerinnen in die jeweils andere Sprache übersetzt). Für ihren Essay „Diebinnen im Paradies“ erhielt sie 2017 den Edit Essaypreis. 2019 war sie Stipendiatin der Villa Kamogawa in Kyoto, 2020 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 2021 ein Arbeitsstipendium im Künstlerhaus Edenkoben. Ihre Texte erschienen bisher u.a. in Lettre International, Still Magazine, Edit, BELLA triste und bei Matthes & Seitz Berlin.
Sie betreibt das Blog peterslilie.

Veronika Reichl, Im Schaum dieser Sprache. Hegel lesen. Texte und Zeichnungen. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sandra Potsch. Begleitband zur Ausstellung „Idealismusschmiede in der Philosophen-WG. Hegel, Hölderlin und ihre Tübinger Studienjahre“. 104 Seiten mit zahlreichen farbigen Illustrationen, Klappenbroschur. Museum Hölderlinturm Tübingen, Tübingen 2020. 12,50 Euro
ISBN 978-3-941818-43-9

Beziehbar über das Museum (Bestell-Nr. 0189).

Playlist zur Wahl, und Street Art

Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich noch heute mit einer Schrottpresse durch die Straßen fahren und alle SUVs zusammenfalten.
Schrott ist ein niederrheinisches Wort, siehe Wikipedia.
Ich denke an Césars hydraulisch zerquetschte Autos. Er hat das schon 1960 gemacht. – Bei dieser Gelegenheit auch Gruß an Wolf Vostell, der anlässlich seiner Skulptur Ruhender Verkehr (1969) erklärt: „Das Auto in Zement einzufrieren ist eine Möglichkeit, mit dem Auto umzugehen […].”

Vostells Berliner Arbeit Zwei Beton-Cadillacs in Form der Nackten Maja von 1987 dagegen leider weniger überzeugend.

„Mehr als eineinhalb Millionen unerforschte Virenarten leben weltweit in Wildtieren und wenn es ganz schlecht kommt, könnten 850.000 davon auf Haustiere oder Menschen überspringen”, referiert in einem Kommentar zum Bericht des Weltdiversitätsrats die Wirtschaftsredakteurin des Deutschlandfunks Jule Reimer, nachzulesen hier. Just so you know. Und jetzt wähle: Noch weitere hundert Jahre Straßen und Flugverkehr und Intensiv-Landwirtschaft, oder doch mal wieder Wald und Wiesen, nicht bis ins letzte ausgebeutete Böden?
Die politisch Verantwortlichen, die ihre Weiterbeschäftigung in der Wirtschaft nicht gefährden wollen, wenn ihre politische Laufbahn einmal zu Ende geht, wird der Warnruf selbstverständlich nicht erreichen, und, tut mir leid, solange sie sich weigern, verantwortlich zu handeln, muss ich jenen Störenfrieden Recht geben, die sich von Autobahnbrücken abseilen, Wälder besetzen, Kunstblut vergießen und mit Sitzblockaden versuchen, die um neun Jahre verspätete Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg weiter zu verzögern (was ihnen natürlich nicht gelungen ist).
Warum hat es eigentlich so lange mit dem BER gedauert?
In einem Bericht des RBB wurde erwähnt, dass die Arbeiter jahrelang nach Stunden bezahlt wurden.

Zur Beruhigung der Nerven anlässlich der Wahlen in den USA hier eine kleine kommentierte Musikauswahl, die nicht unbedingt themenbezogen ist, außer dass die meisten Stücke von US-amerikanischen Künstlerinnen und Künstlern stammen. Ausnahmen sind Snakefinger (England) und Yelle (Frankreich). Die Reihenfolge des Hörens – wer den Wunsch hätte, alle Stücke zu hören – ist frei, aber Thelonious Monks Hymne sollte als erstes gespielt werden, um den dem Anlass angemessenen feierlichen Ton zu setzen.
Ich habe die Stücke so ausgewählt, dass (hoffentlich) ein positiver Vibe überwiegt.

Teddy Charles Laura (1957)
Teddy Charles, einer der Leute, die in den 50er Jahren Improvisation und Komposition verbunden haben, eher zulasten der improvisierten Teile, was Charles Mingus genervt hat, der hier sehr schön Bass spielt. Die Platte, auf der das Stück enthalten ist, trägt den Titel Word from Bird.
Miles Davis & Milt Jackson Quintet Changes (1955)
Ein entspanntes Stück, mit einem feinen Klaviersolo am Schluss von Ray Bryant.
Bill Frisell Is It Sweet? (1992)
‚Amerikanische’ Musik, ziemlich clean (klinisch) gespielt und aufgenommen, aber doch schön und als Auslöser innerer Bilder sehr gelungen.
Dizzy Gillespie Something In Your Smile (1967)
Dizzy Gillespie als Sänger. Meine Lieblingszeile: „Something in you is everything that I never knew before …”
Angel Olsen California (2017)
Ich hätte auch ein anderes Stück aus Phases wählen können, z.B. „For You” oder „How Many Disasters”, aber hier kommt Angel Olsens ein bisschen meckernder, ein bisschen schluchzender Gesang gut zur Geltung, und es gibt auch einen kleinen Blueseinschlag, den ich sehr mag.
Annette Peacock Pony (1972)
Nicht Annette Peacock vergessen!
Nina Simone Baltimore (1978)
Noch ein Klassiker. In Baltimore sieht’s heute hoffentlich besser aus, aber weiß man’s?
Snakefinger Bring Back Reality (1982)
Wegen des Titels, klar, aber auch sonst sehr cool.
Solange Rise / Weary (2016)
Solange hab ich ganz gern. Das Überkandidelte und auch Übersexualisierte, das sonst in ihrer musikalischen Familie anzutreffen ist, fehlt ihr weitgehend. Sie scheint ein vergleichsweise nüchterner Patron zu sein, mit einem guten Geschmack. Aaliyah ist ja leider tot, aber Aaliyahs zurückhaltender Gesangsstil lebt hier weiter.
Sun Ra Retrospect (1984)
Sun Ra hat bei einem Fernsehauftritt dieses Stück (aus dem Album Nuclear War) mit dem – positiven, friedenschaffenden – Potential der Menschheit in Verbindung gebracht, also ein must nicht nur für diese Wahlnacht.
Lennie Tristano Lullaby Of The Leaves (1965)
Von Lennie Tristanos Klavierabend gibt’s noch mehr Material im Internet, jeden Clip guckt man sich gefesselt an. Herbst ist ja jetzt.
James Blood Ulmer Are You Glad To Be In America? (1980)
Im Kontext dieser Playlist eines der wildesten Stücke. Der mittlerweile 78-jährige Gitarrist hat denselben Song mindestens noch einmal aufgenommen, Link folgt.
Yelle Émancipense (2020)
Ganz ganz ganz ganz selten höre ich elektronische Tanzmusik, z.B. Yelle, hier aus ihrem jüngsten Werk.
Lester Young, Roy Eldrige and Harry Edison Please Don’t Talk About Me When I’m Gone (1958)
Lester Young spielt recht müde, es ging ihm auch nicht gut, aber ich will keine Note verpassen. Die anderen Musiker unendlich rücksichtsvoll, ziehen nach Pres‘ Solo langsam das Tempo an – rührend!

Sendehinweis: Salon Dilletantisme

Ohne Zweifel hat die Coronakrise institutionskritische Qualitäten. Den Konzertbetrieb hat sie faktisch lahmgelegt. Der Sommer ist vorbei und mit ihm auch die letzten Open-Air Konzepte. Was viele Veranstalter*innen aber nicht wissen: In Ermangelung echter Konzerte, hat das Publikum längst angefangen, kanonisierte Highlights der Neuen Musik auf seinen Instrumenten zu Hause nachzubauen.
Mit ihrem „Salon Dilletantisme” präsentiert Mara Genschel einen welken Strauß akustischer Stippvisiten – mitten aus den Übezellen zahlreicher ausgewählter Enthusiast*innen. Es spielen Christian Filips, Michael Kunkel, Florian Neuner, Monika Nuber, Bertram Reinecke, Meinolf Reul und Mathias Traxler. [Text: Mara Genschel/SWR2]

Mara Genschel Salon Dilletantisme
SWR2 JetztMusik, 2.11.2020, 23.03 Uhr

Machen Sie 13

„Alle wollen Sloterdijk lesen”, stellte mein Chef fest.
„Ich nicht”, beeilte ich mich zu sagen.
Es war sonst keiner im Laden.
Der Psychoanalytiker hatte das letzte Exemplar aus dem Fenster gekauft und noch einen Blick auf den Stapel Remittenden geworfen, der vor mir lag. Gerade schob er Füchse zur Seite.
„Ich warte auf Igel!” sagte ich, vermutlich hatte ich (m)einen vorlauten Tag.
Da gebe es ja ein Märchen, griff er meinen Einwurf auf.
„Von den Grimms?”
Wieder vorlaut!
„Ja, von den Brüdern Grimm”, bestätigte er, beinahe versonnen, und in einer ordentlicheren Formulierung als ich sie gewählt hatte, und dann erzählte er in groben Zügen das Märchen Hans mein Igel („Es war einmal ein Bauer, der hatte Geld und Gut genug, aber wie reich er war, so fehlte doch etwas an seinem Glück: er hatte mit seiner Frau keine Kinder. Öfters, wenn er mit den andern Bauern in die Stadt ging, spotteten sie und fragten, warum er keine Kinder hätte. Da ward er endlich zornig, und als er nach Haus kam, sprach er ‚ich will ein Kind haben, und sollts ein Igel sein’. Da kriegte seine Frau ein Kind, das war oben ein Igel und unten ein Junge, und als sie das Kind sah, erschrak sie und sprach ‚siehst du, du hast uns verwünscht.’”),
und als er geendet hatte, blieb mir gerade noch Zeit zu sagen, das sei ja eine tiefgründige Geschichte.

In einer Buchhandlung kriegt man immer was erzählt, wie hier ein Märchen, oder vielleicht auch ein kleines Referat über die zahlreichen Veröffentlichungen Hans Blumenbergs in katholischen Periodika, womit aber irgendwann recht plötzlich Schluss war, ohne dass Hans Blumenberg in seinem späteren Leben je einen Mucks über den Grund für diesen Bruch mit der katholischen Seite gemacht hätte. Bettina Blumenberg, die Tochter, habe diese katholischen Anfänge ihres Vaters rundweg abgestritten. Dazu eine abwinkende, resignative Bewegung. Solche Sachen. Eine Universität, aber informell, schon der nächste Satz handelt vielleicht vom BVB.

„Sloterdijk schlottert leicht”, diesen hübschen Vers kann ich wohl aufsagen. Dachte erst, er sei von Brigitta Falkner, aber jetzt glaube ich doch eher, dass er von Birgit Kempker stammt (aus Mike und Jane).

Samstag waren eine Freundin und ich in Mitte oder Prenzl’berg unterwegs, um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen (nur Kaffee für sie), aber der Laden hatte auch Scones, weswegen dann neben dem Bienenstich auch ein Apfel-Zimt-Scone auf meinem Teller lag und später von dort verschwand.
Der Kassenmann tippte alles ein, „12.50” erschien auf dem Display.
„Machen Sie 13”, sagte ich.
Der Kassierer zögerte.
War ja eigentlich ein bisschen viel für nur zwei Kaffees und einen Kuchen (und einen Scone).
Gab’s ein Problem?
Dann fiel mir auf, dass die Kasse das Rückgeld anzeigte, ha ha.

Schön, wenn die Fahrradreifen über das Herbstlaub fitschen. Neulich muss es auch gestürmt haben, die Straßen waren ganz struppig.

Solve problems, then decorate

[Aufschrift auf einer Stofftasche]

„Liebe Runde,

niemand außer Meinolf hat sich bereit erklärt zum Stammtisch zu kommen, daher sage ich hiermit unsere Oktober-Sitzung leider ab.”

Die SWR2-Sendung Extinction Events, die heute noch online ist, werde ich mir ein zweites Mal anhören. Nicht nur konnte ich mir bis dahin nicht bekannte Komponistinnen – und einen Komponisten – entdecken: Malin Bång, Ying Wang, Julia Mihály, Ole Hübner. Auch die Thematik ist denkbar aktuell (und wird aktuell bleiben).

Uns ist eine schlechte Prognose gestellt worden:
„Die Welt hat ohne den Menschen begonnen und sie wird ohne ihn enden.” – Claude Lévi-Strauss, 1955.

Sicher werde ich Mountain & Maiden (2020) von Sarah Nemtsov noch einmal nachhören (aber wo kann ich das?), das kein pures Musikstück ist, sondern ein Film-Musik-Hybrid:
„Ein Film von Shmuel Hoffman & Anton von Heiseler mit einer Komposition von Sarah Nemtsov für Keyboard solo (mit verstärktem Klavier und Stimme)”, so der vollständige Titel.
Der Berg ist ein rauchender Müllberg in Indien, auf dem ein Mädchen seiner Arbeit nachgeht: Müll sortieren. Dirk Wieschollek, der Autor der Sendung, wies darauf hin, dass der Titel eine Anspielung auf Schuberts „Der Tod und das Mädchen” ist.

Terminal X – Building Our Future (2020) von Julia Mihály und Maria Huber mischt sich aktiv in die Proteste gegen den geplanten (und beschlossenen) Ausbau des Frankfurter Flughafens ein, dem von Ministerpräsident Volker Bouffier so genannten „Herzmuskel der Wirtschaft”, der gepflegt werden müsse.
Bei der Uraufführung wurde der Frankfurter Stadtwald „mit einer mobilen Performance ‚besetzt’, um dort anhand von Musik und Bewegung der Kritik gegen die Flughafen-Erweiterung einen künstlerischen (Klang)Raum zu geben.”
Die Sendung bringt einen Ausschnitt, bei dem eine E-Gitarre über den Waldboden gezogen wird – die Idee der E-Gitarre als Protest-Instrument verbindend mit dem Bild der von Polizisten weggeschleiften Demonstranten, wie Wieschollek anmerkt.

Meine Vertretungswoche bei Shakespeare & Company ist vorbei, es war ziemlich anstrengend: fünfzig Stunden Arbeit, dazu zwölf Stunden Fahrtzeit.
Heute ist Entspannung angesagt: Kaffee und Kuchen mit meinen Berliner Geschwistern im Café Buchwald.

Fies Tüch, wat siche lecker

Manchmal sind plötzlich Sätze da, beim Zähneputzen oder Nudelkochen.

„Fies Tüch, wat siche lecker” würde ich meinem Vater zuordnen, beim Trinken von Kräuterlikör – wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob er je Kräuterlikör getrunken hat, ich erinnere mich nur an Eierlikör, der in dickwandigen Gläschen kredenzt wurde. Ich benutzte sie, um Shrewsbury Biscuits auszustechen, welche ich zu meinen Zeiten als Schüler des öfteren backte (buk), 500 g Mehl, 300 g Zucker, 300 g Butter, je eine Messerspitze Salz und Zimt, ein echtes 70er-Jahre-Rezept.
Mit Rotwein, den meine Mutter trank – ein Glas am (Feier-) Abend: denn sie war ihr Leben lang, trotz der zwölf Kinder (wegen, wie manche meiner Brüder behaupten), berufstätig -, konnte mein Vater wenig anfangen, dass er aber Zucker in sein Glas rührte, um mit der Süße nachzuhelfen, mag eine Legende sein, wiewohl es ihm, der mit Schokolade belegte Brötchen aß und für uns Kinder Nudelsuppe kochte (Sahnepudding mit Spaghetti), wahrhaftig zuzutrauen gewesen wäre.
Jahrelang schwärmte er aber von Tokajer, dem ungarischen Dessertwein. Einmal hatte er Gelegenheit gehabt, davon zu kosten, vielleicht im Krieg (vier Jahre), kaum in Gefangenschaft (vier Jahre). Einen Führer und vier Bundeskanzler später gab’s Tokajer bei Aldi, aber er schmeckte nicht wie erhofft: eine Enttäuschung. Der erinnerte Wein war längst zu einem Traumwein geworden.

Hier versuche ich nun, im neuen WordPress Editor, der mir auf die Nerven geht, die neue Single von Goat Girl zu verlinken, die am 29. September veröffentlicht wurde. Produzent ist wieder Dan Carey, der aus der Band von K. Tempest bekannt ist, aber u.a. auch mit Emiliana Torrini, Chairlift und La Roux gearbeitet hat. Die Zusammensetzung der Band hat sich verändert, auf dem Pressefoto erkenne ich nur Clottie Cream und Rosy Bones, Naima Jelly und L.E.D. sind offenbar ausgestiegen, schade.

Goat Girl, Sad Cowboy

You crawl over seas of granite, ein Kompositionsauftrag des JACK Quartets […] ist das neueste und radikalste Streichquartett von Clara Iannotta“, lese ich im Booklet zur jüngst erschienenen CD Earthing (Wergo, Mainz 2020). „So radikal, dass die vier Musiker zur Sicherheit auf Billiginstrumente umstiegen.” Von diesem Zaubertrick habe ich natürlich nichts mitbekommen, als das Werk im Januar beim Ultraschall Festival uraufgeführt wurde. Die Instrumente werden um mehr als eine Oktave nach unten gestimmt und die Saiten mit Büroklammern präpariert. Dies sind die äußeren Mittel, mit denen die Komponistin eine bildstarke Musik erschafft, die den Hörer im Nu auf den Grund des Marianengrabens versetzt, elf Kilometer unter dem Meeresspiegel – jene Tiefe, in die die Ozeanographen Jacques Piccard und Don Walsh, mit denen Theresa Beyer ihren schönen Einführungstext beginnt, im Jahr 1960 hinabtauchten. Am Meeresgrund gibt es kein natürliches Licht, kein Sonnenlicht, und doch ist es nicht vollkommen finster: die dort lebenden Tiere und Organismen emittieren ein irreales Leuchten. Schummer, Schlamm, Wasserdruck, der das U-Boot knacken und knirschen macht, Mulmigkeit, Ausgesetztsein, ins Unendliche gedehnte Zeit, all dies ist in den ozeanischen Kompositionen Clara Iannottas zu hören und körperlich zu erfahren – atemberaubend.
Reizvoll an speziell diesem Werk, You crawl over seas of granite (2019/20), das die altehrwürdige Gattung Streichquartett bis auf die Wurzel neu aufzieht, ist auch, dass die Komponistin hier etwas von ihrer Kontrolle abgibt. Extrem heruntergestimmte Instrumente entwickeln eine nicht bis ins einzelne steuerbare Eigendynamik. Paradoxerweise hat genau dies Leinelassen die Künstlerin ihrer Vision näher gebracht.

Damit nicht in direktem Zusammenhang stehend, aber ich muss dennoch daran denken: Im aktuellen Heft des Jazzpodiums schreibt der Komponist Bernhard Lang von dem Problem, dass die Partituren neuer Musik oft so kompliziert sind, dass die Interpreten „mehr dem Leseprozess als dem sich gegenseitig Hören verpflichtet” seien. Sein Kollege Georg Friedrich Haas habe gerade daraus (dies zumindest Langs Vermutung) die Idee entwickelt, in seiner Komposition In Vain „das Ensemble über weite Strecken auswendig im Dunkeln” spielen zu lassen.

Es fehlt noch ein Schluss-Satz. Ich zitiere ein Schild am Rolltreppenaufgang U-Bahnhof Turmstraße, Moabit: „Handlasten und Tiere müssen getragen werden.”

Mary Halvorson Quintet Saturn Sings

Zur Feier des Tages ein Stück aus meiner letzten Neuerwerbung (als Datei gekauft): „Moon Traps In Seven Rings” des Mary Halvorson Quintet, mit Jonathan Finlayson, tp, Jon Irabagon, as, Mary Halvorson, g/comp, John Hébert, b, Ches Smith, dr. Das Stück stammt aus dem ersten Album dieses Quintetts, Saturn Sings, das am 5.10.2010 bei Firehouse 12 Records, New Haven, Connecticut, veröffentlicht wurde. („Firehouse 12 Records was created to ambitiously document the creative ethos of some of improvised music’s most innovative practitioners.”) Wer will, kann das Album bei Bandcamp streamen oder – besser – kaufen.
Ich mag Mary Halvorsons knotiges, verbeultes Gitarrenspiel.
Sie wird übrigens am 29.1.2021, zusammen mit Sylvie Courvoisier, im Berliner Maison de France auftreten, wenn nichts dazwischenkommt.

Veröffentlicht in Musik