Das Schmollen der Regale

Einstieg vorne, keine Graufahrt. Der Fahrer längst im Rentenalter.
Anschlussticket, wie geht denn das hier. Die Hand auf dem Display. Zwei Euro liegen auf dem Teller und wurden noch nicht eingeholt. Der Zeigefinger kann mit dem Tastenfeld nichts anfangen, dieser nikotingefärbte Finger, was wie wo. Näher rangehen, um besser zu sehen: hilft nichts.
Oder Sie nehmen mich so mit.
Ja, gehen Sie mal durch, murmelt es nach kurzem Stocken.
Der Fahrgast, wirklich jetzt, steckt die Münze wieder ein.

Die junge Frau in schwarzen Jeansshorts über schwarzen Jeans, vor dem Klappsitz am Wagenkopf lehnend – schwarzlackierte Fingernägel -, hört auf, auf dem Smartphone zu tippen und huscht in die schräg gegenüberliegende Ecke, um dem Lieferdienstmann Platz zu machen, der gerade sein Fahrrad hereingeschoben hat. Er schält sich den wattierten türkisfarbenen Transportwürfel vom Rücken und legt ihn neben das Rad. Er setzt sich, ruht ein bisschen, verrückt die Brille. Des einen Bequemlichkeit des andern Sklaverei.

Kästchen des Geistes

„da dachte ich, schlicht und streng anzufangen so: sie rief ihn an, innezuhalten mit einem Satzzeichen, und dann wie selbstverständlich hinzuzufügen: […]”
(Uwe Johnson, Das dritte Buch über Achim (1961), erster Satz.)
Aber es war gar kein Anruf, sondern eine Nachricht über Signal, in der meine baden-württembergische Freundin fragte, ob ich mir vorstellen könne, den Monat in Montpellier mit ihr zu verbringen.
Das verändert die Sache.
Wäre ich allein gereist, hätte ich halb gearbeitet, und halb Ferien gemacht, so aber erscheint mir Arbeiten unhöflich.
„Ich werde mich opfern”, sagte ich spaßeshalber zu Sylvie, auf Deutsch, weil mir das französische Wort für opfern nicht einfiel. Sie tippte den Satz in die Übersetzungsmaschine und lachte: Je vais me sacrifier.
Der Nachteil ist, dass ich dann voraussichtlich mehr Deutsch als Französisch sprechen werde, aber wer weiß. Ebensogut ist möglich, dass ich mehr in Kontakt mit Leuten komme als es sonst der Fall gewesen wäre. Ich vertraue jedenfalls darauf, dass mich die Reise sprachlich voranbringen wird. Vor allem darf ich nicht vergessen, mengenweise Walnüsse, Haselnüsse und Mandeln zu essen, als Nervennahrung (brain food), denn meine Freundin hat einen sehr hohen IQ – als Jugendliche war sie auf einer Hochbegabtenschule -, und ich will ihr einigermaßen folgen können.

Ein Buch von Stéphane Mallarmé ist angekommen, das ich vor mehr als einem Jahr bestellt hatte – ein Nachruf (in Form eines Vortrags) auf seinen Kollegen Villiers de l’Isle-Adam.
Übersetzt hat das Bändchen Ronald Voullié. Ob es die Vorahnung des eigenen Todes war, dass er sein Nachwort mit den (angeblich) letzten Worten Villiers‘ abschließt?
„Nun gut, ich werde mich an diesen Planeten erinnern.”
Der Titel dieses Beitrags ist einigermaßen wahllos dem Buch entnommen.

everwave hat ein Projekt in Kambodscha gestartet und eine kleine Videoreihe in Fortsetzung bei YouTube gepostet. Ich schätze ihre konkrete Art, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Aufgabe ist unermesslich.

Da ich inzwischen wieder in Kevelaer gewesen bin (im März), kann ich sagen, dass sich die Neugestaltung des Kapellenplatzes weitaus positiver anlässt als ich befürchtet hatte. Die Pflasterung scheint nicht großartig anders zu sein als vorher, und auch die meisten Bäume standen noch und waren mit Latten vor Beschädigung durch Baumaschinen geschützt, was ja wohl bedeutet, dass sie stehenbleiben werden.
Das Gehäuse des aufgegebenen Hotels Zum Goldenen Apfel sah so schmuck aus wie ehedem, und die Eisdiele (Europa Eiscafé), so wurde gemunkelt, soll nächstes Jahr wiederauferstehen, weil sich die pensionierte Besitzerin in Italien langweilt. Das höre ich gern.

I prefer to stubenhock

Mit diesem schönen Satz schlug meine Nichte die Einladung ihrer Mama zum Eisessen aus. Ich kann mich insofern damit identifizieren als auch ich gerne zu Hause bin. Nur dass ich mich, selbst wenn kein Eis im Spiel ist, regelmäßig dazu verlocken lasse, doch vor die Tür zu gehen. (In der Buchhandlung fragen sie, ob ich in Urlaub war.) Irgendwann im Spätfrühling oder Frühsommer werde ich sogar den Kleinmachnower Breitengrad verlassen, um das freundliche Angebot einer Freundin anzunehmen, ein paar Tage mit ihr im Allgäu zu verbringen. (Wir hatten uns 1993 beim Studium kennengelernt. Sie war nur gerade so lang an der Philosophischen Fakultät eingeschrieben, dass unsere Wege sich kreuzen konnten, dann wechselte sie zu den Wirtschaftswissenschaften (Volkswirtschaftslehre).) Ich freue mich auf diese Zeit in der Hütte. (Ich meine, sie hätte Hütte gesagt.)
Außerdem strebe ich an, für einen Monat von Frankreich aus zu arbeiten, bzw. dort auch Ferien zu machen, in Montpellier, um genau zu sein. Ich meine mich zu erinnern, dass meine Eltern in den 80er Jahren einmal zu mir meinten, die Stadt würde mir gefallen. Ich bin sogar schon einmal dort gewesen, könnte 1990 gewesen sein, nur ein paar Stunden, bei einem Zwischenhalt auf dem Weg in die Camargue (Kursfahrt).
Sicher habe ich einmal erwähnt, dass ich auf dem Gymnasium sehr gut in Französisch stand? In einem Akt der Selbstsabotage habe ich nach dem Abitur nichts daraus gemacht. Ich habe einen kaufmännischen Beruf gelernt (Buchhändler), ohne im geringsten die Begabung zum Kaufmann zu haben. Danach habe ich endlos studiert, obwohl ich mit der akademischen Welt nichts anfangen kann (zu akademisch). Allerdings hatte ich ein Motiv: die Französisch-Kenntnisse vertiefen. Da habe ich mich nur leider geschnitten, weil die Kölner Romanistik vollständig auf Deutsch betrieben wurde – heute vielleicht auch noch?
Ich bin also mindestens einmal falsch abgebogen und dann dem Holzweg treu gefolgt. Jetzt möchte ich aber wieder auf die Hauptstraße gelangen (die Französisch-Kenntnisse vertiefen). Darum seit Anfang des Jahres die halbstündigen Skypetreffen, und darum die Idee, einen Zeh nach Frankreich auszustrecken. Auf meine alten Tage komme ich mir also doch noch auf die Spur.

Ich mag runde Klammern.


Als ich nach Charlottenburg fuhr, um die Pflanzen zu versorgen und nach der Post zu sehen, packte ich mir Lektüre ein (Musil, Norbert Lange, Lilian Peter, Nastassja Martin), was ich mir hätte sparen können, denn das Zuhause der Pflanzen und der Post ist ein Schriftstellerinnenhaushalt.
Ich war so müde, dass ich als erstes ein Nickerchen machte.
Dann fand ich in einem der zahlreichen Bücherregale das Buch Weiß von Han Kang, und dies wollte gelesen werden. (Ich werd’s morgen meinem Chef empfehlen, wie ich ja überhaupt hin und wieder meine kleine Macht ausspiele und Bücher in den Laden bringe, die sonst vielleicht nicht da wären, Tomer Gardi, Andrea Scrima, Ally Klein, Levin Westermann, übrigens auch die o.g. Bücher von N. Lange und L. Peter, und weitere.)

Auf dem Mierendorffplatz traf ich zufällig Frau Dr. Lange vom Haus für Poesie. Ich kenne sie nur als gelegentlicher Veranstaltungsgast, auch als – selten, jetzt nie – Besucher des open mike, und in den paar Jahren, seit ich Lesungen in der Kulturbrauerei (wo das Haus für Poesie untergebracht ist) besuche, haben wir uns immer nur knapp zugenickt und maximal hallo gesagt, woraus nun zur Abwechslung ein kaum artikulierter Vokal-Konsonanten-Cluster wurde, deutbar als Morgen.

Charlottenburg-Nord ist ein dubioses Pflaster. Es gibt da eine Schiffahrtsversicherung, einen Vogeldoktor und Ayurvedische Lebensmittel, aber wer Schrippen will, findet erst mal nur das Industriebackzeug in der U-Bahn-Gruft, sonst Leerstand, Lottostellen, Thaimassage, eine Syrische Kirche, Kneipen, Autos, Autos, Autos, Autos (die meisten lungern kalt am Straßenrand), idiotisch lange Ampelrotphasen. Dies Quartier hat keinen Sinn und Verstand, es existiert nur als Ausbreitung. (Andreas von Wald und Höhle wird mir vielleicht widersprechen.)

Interessehalber habe ich nachgesehen, wie teuer ein Flug von Berlin nach Odessa ist. Es ist so billig, dass man die nächste Berliner Friedensdemonstration nach dort verlegen könnte.

Ostereier oder Zögern ist okay

1965 brachte das Archie Shepp Quintet das Album Four for Trane heraus. Es enthielt vier Coverversionen von Stücken John Coltranes (im Bild links, mit Jackett) sowie eine Originalkomposition des Bandleaders. Der vergleichsweise weniger prominente Altsaxophonist Marion Brown fand das Konzept gut und veröffentlichte 1966 beim gleichen Label (Impulse) die Platte Three for Shepp, mit drei Eigenkompositionen und drei Kompositionen von (mit Strickmütze:) Shepp.
Coltrane hatte sich um Mitte der 60er Jahre dem Free Jazz angeschlossen. Als sein Produzent bei Impulse, Bob Thiele, den Meister fragte, welche Musiker er ihm empfehlen könne, kam Coltrane mit einer Liste von dreihundert Namen.
Vielleicht erzähle ich die Anekdote nicht ganz korrekt, aber die Richtung stimmt. Coltrane warf seine gesamte Autorität in die Waagschale – in den USA sind ihm Kirchen geweiht, wenn ich nicht irre -, um Leute zu unterstützen, und einer von ihnen war Marion Brown.
Aus dessen nur etwa halbstündigem Album Three for Shepp hier nun das Stück The Shadow Knows. Nach Vorstellung des Themas (2x), geht es sogleich in die Vollen. Dave Burrell malträtiert das Klavier, das irgendwie schwammig aufgenommen wurde, Marion Brown spielt ein aufgeregtes, quirliges Solo, das vom freien, quirligen Spiel des Posaunisten Grachan Moncur III sekundiert wird (immer Burrell im Hintergrund, mit aller Kraft Schlamm aufwirbelnd). Bei 2:30 Trommelschlag und Wiederholung des Themas, bei 3:00 ist Schluss. Sehr erfrischend!
Danach Rosalía mit dem Alphabet-Stück Abcdefg aus ihrem aktuellen Werk Motomami, gefolgt von einer anderen Individualistin, Kelly Lee Owens. Arthur stammt aus ihrem selbstbetitelten Debütalbum, über das sie hier ein bisschen erzählt: Kelly Lee Owens unravels her weird world. Die Formulierung „song in your heart and poetry in your blood” hat es mir besonders angetan.
Esperanza Spalding hat mit Kelly Lee Owens die Überzeugung gemein, dass Musik heilend sein kann, bestimmte Harmonien, Schwingungen. Earth to Heaven ist aus Emily’s D+Evolution und hat mit dieser Idee vielleicht weniger zu tun. Bei den hier folgenden Songs ist das aber anders. Sie sind aus Twelve Little Spells: jedes der zwölf Stücke ist einem jeweils anderen Körperteil gewidmet. (Für ihr jüngstes Album hat Esperanza Spalding u.a. mit Neurowissenschaftlern zusammengearbeitet, sie will es wissen!)
You Have to Dance muss man laut hören.

Jetzt ein kleiner Cut: Das Sonny Rollins Quartet mit einem ‚klassischen‘ Stück von anno 1962, The Bridge. Sonny Rollins hatte sich vor Veröffentlichung der gleichnamigen Schallplatte, auf dem Höhepunkt seiner Karriere (Saxophone Colossus), für drei Jahre aus der musikalischen Öffentlichkeit zurückgezogen, um an seiner Spieltechnik und seinem Konzept zu arbeiten (er pflegte in jener Zeit stundenlang auf einer Brücke zu üben, wahrscheinlich in New York) – ein Rückzug, der zweifellos damit zusammenhing, dass Ende der 50er Jahre Ornette Coleman die Szene betreten hatte: Wenn neben dir ein Komet einschlägt, musst du dir was überlegen. Rollins fühlte, dass er nicht so weitermachen konnte wie bisher, er ging in Klausur und sortierte sich neu.
Das Marta Sánchez Quintet setzt den Schlusspunkt mit Eternal Stillness.

Dies sind meine Musikvorschläge für Ostern.

Und das Zögern im Titel? Na, heute mal keine politischen Themen.

Ich hör dir zu, erzähl, erzähl!

Diese freundliche Aufforderung, und auch Versicherung, die zudem in eine rhythmisch ansprechende Form gebracht war, hörte ich heute am U-Bahn-Aufgang Mierendorffplatz in Berlin-Charlottenburg, eine junge Frau sprach sie ins Handy.
Ich war in der Gegend, um einen Wohnungsschlüssel in Empfang zu nehmen, eine Freundin hatte mich eingeladen, für einen Monat eine „Stadt-Residenz” zu beziehen. Anders als beim vorigen Mal gibt es keinen Wald von Tomatenpflanzen auf dem Balkon, der zu tränken ist, nur eine Zimmerorchidee (braucht nicht viel) und eine Art Wassergras, das an japanische Holzschnitte und Haikus erinnert; ist aber nicht japanisch.
Ich habe mir noch nicht genau überlegt, wie ich’s mache. Zerrissenheit vermeiden, oder begrenzen!

Rosalías El Mal Querer und Motomami höre ich, wie ich ein Jazzalbum oder ein Streichquartett anhören würde: in der von ihr vorgesehenen Reihenfolge, von A nach Z. Warum der Kritiker von AllMusic, Thom Jurek, dem ersten Album (nur) vier Sterne und dem zweiten viereinhalb Sterne gibt (von fünf), ist mir nicht klar, hat aber seine Folgerichtigkeit, denn das Debüt, Los Ángeles, ist mit dreieinhalb Sternen bewertet – eine steigende Kurve.
El Mal Querer erzählt eine zusammenhängende Geschichte in elf Kapiteln. Motomami ist so kunstvoll gemixt, dass es in einem gehört werden will, ungefähr wie die zweite Seite von Abbey Road.
Beides sind, auf ihre Art, Konzeptalben. Das finde ich einen überraschenden Ansatz für eine Popmusikerin, die ihr dreißigstes Lebensjahr noch nicht erreicht hat.

Rosalía (oder Dua Lipa 🙂 ) zu hören zähle ich zu den Lichtblicken in diesem Jahr, das sich sonst düster anlässt. (Eine gute Freundin von mir ist seit Wochen krank, jetzt gehe es ihr allmählich besser, „nur Atmung und Gedächtnis lassen noch zu wünschen übrig”: So Sachen kommen hinzu.)
Es fällt mir schwer, bei all dem Bedrückenden, das um uns ist, den inneren Raum herzustellen, den es braucht, um zum Beispiel arbeiten zu können.
Politische Fehlentscheidungen gegen besseres Wissen, wie die Freigabe eines Ölbohrfeldes vor Neufundland, das dann über Jahrzehnte hin ausgebeutet werden und unfehlbar die Erderhitzung weiter beschleunigen wird, machen mich rasend. (Angeblich sind die Umweltschutzauflagen bei diesem Projekt die härtesten, die Kanada je erlassen hat, so Justin Trudeau.)
Andererseits gibt es Persönlichkeiten wie Tony Rinaudo, über den Volker Schlöndorff den Film Der Waldmacher gedreht hat – jetzt in den Kinos -, die Hoffnung machen, dass der Selbstmord der Menschheit auf einem zugrundegerichteten Planeten misslingen wird.
Wenn dann noch im Oktober der brasilianische Teufel abgewählt werden sollte, werde ich vielleicht wieder gnädiger auf die Zeitläufte blicken. (Der chinesische, russische, syrische und der nordkoreanische Diktator – sicher habe ich ein paar vergessen – sind leider putzmunter und können noch viel kaputtmachen.)

[Hier war ein Video: Hard Balance des Marta Sánchez Quintet – leider gesperrt.]

An den Bundeskanzler

(Ich habe die untenstehende Mail in der Nacht geschrieben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die richtigen Worte und die richtige Form gefunden habe.)

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Ministerinnen und Minister,

bei allem Respekt für Ihr abwägendes Verhalten hinsichtlich eines Importstopps für fossile Energien aus Russland - die Verbrechen, die die russische Armee im Namen des russischen Diktators seit Kriegsbeginn verübt hat, und die spätestens mit den Bildern aus Butscha in ihrem himmelschreienden Ausmaß für alle Welt offen zu Tage liegen, fordern eine rigorose Antwort.
Eine weiterhin - nicht zuletzt auch uns selbst - schonende Reaktion, so honorig Ihre Gründe sind, ist der Lage nicht angemessen. Sie ist, mit Verlaub, nicht seriös.
Die deutsche Bevölkerung wird eine aufrüttelnde Ansprache, mit der Sie einen Einfuhrstopp kommunizieren müssten, verstehen.
Sie können nicht Heidschi Bumbeidschi singen, wenn in Europa Krieg ist.
Drehen Sie den Gashahn zu!

Die Wahrheit ist uns Deutschen zumutbar.
Den Menschen etwas zuzumuten heißt, ihnen Mut zuzusprechen, ihren Mut anzuerkennen und sie nicht als Feiglinge zu behandeln. Zumutung bedeutet nicht in den Rücken fallen, sondern auf die Füße stellen: mündig machen.
Als unerträglich und entmündigend empfinde ich es hingegen, wenn vor mir die Wahrheit - nämlich dass wir von unserem Wohlstandsbett heruntermüssen - unter tausend Drucksereien versteckt wird.
Polen, Georgien, Moldawien, die baltischen Republiken haben Angst, als nächste von Russland angegriffen zu werden. Davor muss die Sorge um die deutsche Wirtschaft, um deutsche Arbeitsplätze zurückstehen. Sie und die Bundesregierung werden in der Lage sein, Härten abzufedern, darauf vertraue ich.
Das Frieden garantierende Modell liberaler Demokratien steht auf dem Spiel - das ist der Einsatz.
Stoppen Sie jetzt die Energie-Importe aus Russland, finanzieren Sie nicht weiter einen Krieg, der Leid und Zerstörung bringt und neues Leid und noch mehr Zerstörung.
Ein sofortiges Embargo wird uns teuer zu stehen kommen - in einer von Wohlstand in Deutschland geprägten Situation. Umbringen wird es uns nicht.
Ein weiteres Zuwarten allerdings wird den Preis, den wir alle zu zahlen haben, ins Unermessliche steigern, und der dann folgende Fall wird ungleich härter sein.

Ich hoffe, dass der kühne, doch alternativlose Schritt, ab sofort keine Energie mehr aus Russland zu beziehen, bald auch das weithin verblendete, träge russische Volk aufwecken wird, und es, zum Wohle Europas und der Welt, seinen Tyrannen stürzt.

Mit freundlichen Grüßen, Dank und guten Wünschen,

Erdstunde

Es ist ja nicht so, dass es immer etwas zu sagen gäbe, und schon gar nicht etwas, auf das irgendjemand warten würde.

Als ich um Viertel nach acht das Licht ausschaltete, um die Earth Hour mitzumachen, bin ich eingeschlafen.
Ich überspringe ein paar Stunden.
Die Uhr stand noch nicht einmal auf fünf, anscheinend war ich mit Schlafen fertig. Ich streute den Vögeln Futter hin und füllte frisches Wasser in ihre Trinkschale. Ich machte mir einen Kaffee.
Für morgen habe ich den Wecker auf sieben Uhr gestellt, sechs Uhr Winterzeit. Es wird ein paar Tage brauchen, bis ich mich umgewöhnt habe. (Wenn ich Uhr und Wecker sage, meine ich die entsprechenden Funktionen meines Smartphones.)

El Mal Querer (2018)

Das Benefizkonzert im silent green hat mich mit Unbehagen erfüllt. Das Programmheft enthielt keinen Hinweis, was gespielt wurde, die Interpreten haben die Stücke nicht angesagt. Die Kompositionen extrem karg und verneinend: als versagten es sich die Tonsetzer, Töne zu setzen. Die Instrumente wurden so behandelt, als wären sie andere Instrumente, oder als wären sie nicht dazu gemacht, überhaupt zu klingen. Musik als Klangvermeidung, meist knapp an der Hörbarkeitsgrenze, und fast immer leiser als die rauschende Klimaanlage. Überraschenderweise kam zum Schluss dann doch noch eine Komposition, in der sich Schall ausbreiten durfte – eine Ausnahme in einem im übrigen konsequent klaustrophobischen Setting. (Gut gefiel mir auch ein suggestives Stück, das Bombardements und Sirenengeheul zitierte, und das Schlagen der Totenglocke.)

Seltsame Zeiten, in denen in Talkshows die Möglichkeit eines Dritten Weltkriegs erörtert wird.
Ich habe lange hin und her überlegt, wie ich zu einer Einfuhrsperre fossiler Energien aus Russland stehe. Was Deutschland betrifft, würde ich dies richtig finden, auch weil ich mir von einer solchen Maßnahme erhoffe, dass Russland gänzlich aufwacht und seinen Tyrannen absetzt. (Träumen darf man ja.)
Unbeheizte Krankenhäuser und Altenheime sind nicht schön, aber wenn es hilft, den Beschuss von Krankenhäusern und Altenheimen zu beenden … Die Frage ist, ob andere Länder der Europäischen Union einen Lieferstopp ebensogut verkraften könnten wie wir.
Natürlich ist es auch nicht toll, auf Fracking-Gas auszuweichen oder neue Allianzen mit neuen Schurken zu schmieden.
Autofahrer zu entlasten: ebenso falsch. Verzicht wäre angezeigt! Car is over. (Ich habe nichts gegen Autos, aber die Idee des Autoindividualverkehrs ist wahnsinnig. Man müsste das herumstehende Blech genauso einsammeln wie dies Müllsammelboot Plastik einsammelt -> hier.)

Wird die Erde die Barbarei des Menschen überleben?

Mit einer Freundin habe ich den Plan gefasst, wenn die Waffen endlich schweigen und die Städte noch stehen, eine Reise nach Lemberg und Odessa zu unternehmen.

Walgesänge der einfahrenden Bahn

Eine Meldung ließ mich aufhorchen: Trotz interner Warnungen. Verteidigungsministerium kauft deutlich überteuerte Tankschiffe. Wie kann das sein? Der Bundesrechnungshof und interne Prüfberichte des Beschaffungsamts warnen vor dem (um schätzungsweise 250 Millionen Euro) überteuerten Kauf zweier Tankschiffe beim Bremer Rüstungsunternehmen NVL – und die Leitung des Beschaffungsamts empfiehlt den Deal, und wünscht sich von der Belegschaft, die Entscheidung loyal mitzutragen (laut Notiz des Deutschlandfunks, siehe oben). Das Bundesverteidigungsministerium stimmt zu.
Christine Lambrecht ist mir ebenso unsympathisch wie ihre Vorvorgängerin Ursula von der Leyen, und ich finde, dass sie dumm aussieht. Doch ich glaube nicht, dass sie korrupt ist (allerdings glaube ich auch nicht, dass sie Korruption bekämpft). Aber bei Dr. Ruth Brand (Präsidentin) und Karsten Scholtz (Abteilungsleiter Beschaffungen) vom Beschaffungsamt würde ich doch einmal auf ungewöhnliche Kontobewegungen und/oder Urlaubseinladungen achten – zum Beispiel seitens der Geschäftsführung von NVL oder der Lürssen-Werft.

Zum Weiterlesen: Korruption (Wikipedia).

Esperanza Spalding, Funk the Fear – Live your Life

Gestern vom Familientreffen zurückgekommen. Es war schön, die Bagage mal wiederzusehen. Der Austausch eher oberflächlich, war aber okay. Was soll man auch reden? Erzählen, was in den drei oder vier Jahren seit dem letzten Mal gewesen ist? Das wäre ein Anfang, verlangt aber eine Konzentration auf den anderen, die außerhalb einer Zweierkonstellation weder möglich ist noch höflich wäre.

Ich klinge negativ, wenn ich über Familie schreibe … (haha, das meiste, was ich geschrieben habe, habe ich gelöscht) – doch als die Doodle-Umfrage gestartet wurde, habe ich jeden Termin angekreuzt. So schlimm kann es um meinen Familiensinn also nicht stehen. Dennoch halte ich Familie (und Ehe) für überschätzt, übrigens auch für überholt. Wir fahren ja auch nicht mehr im Fiaker durch die Gegend.
Nicht für überschätzt halte ich das freie Bekenntnis zu einem Menschen, und die damit einhergehende Entscheidung für Verantwortung, Verlässlichkeit und Treue.

Die CD von Cate Le Bon (Pompeii), die ich H schenkte, in deren Gästezimmer ich unterkommen durfte, hat ihr nicht gefallen, dafür die CD von Rosalía (El Mal Querer), die ich erst kurz vor Abfahrt gekauft und darum mit eingepackt hatte. Diese wollte ich jedoch nicht abgeben, konnte sie in Kevelaer aber auch nicht nachkaufen (nicht einmal bestellen). Jetzt wird H Pompeii an F weiterverschenken und dafür die neue Platte Rosalías bekommen, Motomami, wenn sie dann ankommt.
Im Jazz begeistert mich gerade Adam O’Farrill am meisten. (Oh, Tomeka Reid ist auch toll.) Ich nehme es als Kompliment, dass der zuständige Juror für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik meine Formulierung bei Bandcamp etwas verändert aufgegriffen hat.
Bei mir heißt es: „Die Mischung aus Struktur, Feuer und Lakonie ist einzigartig.”
Er spricht von einem „Wechselbad von Struktur und Freiheit, Feuer und Lakonie.” Na bitte!
Auch das frühere Album des Adam O’Farrill Quartetts, El Maquech, ist phantastisch.

Rosalía feat. Tokischa, LA COMBI VERSACE

Über die Rotbuchen-Pflanzaktion im Norden Berlins vielleicht ein anderes Mal.

Sonntag mittag findet im silent green (Betonhalle) ein Benefizkonzert für die Ukraine statt.

A Garden of Forking Paths – Finale 2

Ukraine Fund Raising Konzert

Mehr zum Programm hier. Der Eintritt ist frei.
„Vor Ort werden Geldspenden in bar gesammelt und es wird zu Spenden auf ein eigens eingerichtetes Konto (Empfänger: Wir packen’s an; GLS Bank; IBAN DE46 4306 0967 1059 2396 02) aufgerufen. Diese kommen dem Brandenburger Verein „Wir packen’s an e.V.“ zugute, der musikpädagogische Projekte für durch Krieg und Flucht traumatisierte Kinder und Jugendliche organisiert.”

Das Konzert wird hier direkt übertragen (und kann später auch nachgehört werden).

Wir packen’s an – Nothilfe für Geflüchtete

Haben wir Vollmond, oder warum schlafe ich nicht?

In der kalten Sonne

8°C Sonnig, steht in der Fußzeile des Bildschirmfensters neben einem sonnengelben Kreis. Am Niederrhein wahrscheinlich milder. Gerade draußen, um die Sonnenwärme zu testen. Kalt. Meine Schwester hatte mir ein paar Zigarillos in einen Briefumschlag getan, bei einem der letzten Male, ich nahm einen heraus, entzündete ihn zwischen Tür und Angel, denn es ist etwas windig – Ostwind, fürchte ich. Ungefähr auf Höhe der Mülltonnen war es am besten. Beim Nachbarn surrte ein Stromgenerator oder sonst eine nervensägende Maschine. Hier kein Feiertag? Zwei Schwebfliegen kamen ganz nah an mich heran. Gelb beflaggt, wie ich in diesen Tagen manchmal bin, prüften sie den Hoodie auf seine Pflanzlichkeit, drehten dann bei. Ich mach mir nichts mehr aus Zigarillos, will sie nur nicht schlecht werden lassen. Gerade kam ein Briefträger, nicht von der Post, anderer Verein, Autochen wie vom Golfplatz, mittig zwischen den Lippen eine Zigarette, die nicht qualmte, klipp klapp, Abflug. Mal sehen.
Als ich still da draußen stand, damit sich nicht bei kleinster Bewegung die lose um mich hängende fadenscheinige Wärme ganz wieder losriss, dachte ich: Ruhe vor dem Sturm.
Ich dachte: Der Selbstmordtrieb der Menschheit ist bedenklich.
Ein Sportflugzeug zog einen Strich übers Blau, nur als Bewegung, nicht als Zeichnung. Auf Flightradar24 sieht das nicht so ordentlich aus.

In einem Einspielfilm der Tagesschau eine junge Frau mit Stofftasche: It’s ok to not be ok. In der Buchhandlung sind Bücher über Russland und die Ukraine gefragt: Andreas Kappeler, Kleine Geschichte der Ukraine, derselbe, Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Karl Schlögel, Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen, Catherine Belton, Putins Netz, und andere. Alle sind ernsthaft besorgt.
Zwischendurch war ich kurz bei Wagenbach, um einen Vasari abzuholen, nur einen Band, der uns fehlte. Wegen des Brückentags waren alle ausgeflogen. Den Lieferschein schrieb ein Mann aus der Buchhaltung, den ich noch nie gesehen hatte. In der Wartezeit bewunderte ich den Anschlag im Eingang: „Auch du trägst Maske, hältst Abstand und wäschst dir die Hände, Genosse!”, dazu das Bild eines Rotkittels mit schwarzer Mund-Nasen-Bedeckung – die Wagenbach-Farben.
„Unsere Herstellung war kreativ!”, sagte der Mann lachend.
Sonst bringt eine Praktikantin die Bücher vorbei, meist nach Feierabend auf dem Nachhauseweg. Ihr Hundchen kommt hinter die Theke, bleibt einen Moment, lässt sich dann wegrufen, brav gehorchend.

Abgesehen vom Krieg in der Ukraine, sieht es auch sonst nicht gut aus. In Australien sintflutartige Regenfälle, in Brasilien steht der Regenwald davor, zu ‚kippen‘. Hier in Brandenburg geht die Tesla-Autofabrik an den Start, wird Unmengen Autos produzieren und aberwitzige Mengen Wassers verbrauchen, vielleicht weniger als andere Autobauer, aber eben: im trockenen Brandenburg … Bedenken, die Ministerpräsident Dietmar Woidke wegwischt, und über die sich der irrsinnige Elon Musk schlapp lacht. Ich sehe schwarz.


Erfreulich immerhin – andere Baustelle – die Arbeit von everwave, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Gewässer von Plastik zu befreien – eine Jahrhundertaufgabe. (Mehr Informationen hier und hier: Mitgliedschaft ab einem Jahresbeitrag von 12,00 Euro.)

„Meinolfo, die Mediathek Arte hält wunderbare Vampirfilme bereit”, schreibt mir eine Freundin. Ich werde darauf zurückkommen! Es ist auch eine zweite Staffel der norwegischen Serie Beforeigners herausgekommen, die mich mehr interessiert.

Was können wir tun? Nicht viel. Die Vögel füttern, ihnen ein Stück Apfel kleinschneiden. Samstag geh ich Buchen pflanzen – eine tolle Idee von Isabel Fargo Cole, die Initiatorin von Waldschaffen.