Fall nicht in den Jammersack

Eine Redewendung, die meine Mutter benutzt hat: in den Jammersack fallen – kam mir neulich wieder in den Sinn. Was sie genau bedeutet, weiß ich nicht, ahne aber, bei welchen Gelegenheiten sie angebracht wäre. Problem nur, dass sie vielleicht nicht verstanden wird (wenn das ein Problem ist).

Ich finde, der Verzicht auf
– eine Reichensteuer
– ein Tempolimit auf Autobahnen
– Aussetzung der Schuldenbremse
ist Zugeständnis genug an die FDP in einer Ampelkoalition, da muss Christian Lindner nicht auch noch Finanzminister werden (und der Schrecken der EU – mit Ausnahme Schwedens, Dänemarks, der Niederlande und Österreichs: de vrekkige vier).
„Die Ampel steht auf Gelb”, wo habe ich diese Überschrift gelesen?
„Jetzt fehlt noch die Kohle”, titelte die taz am wochenende.

Der neue Song von Adele, Easy On Me, hat bei YouTube schon 67 Millionen Aufrufe – oder ist da ein Bot am Werk?
Ich habe mir auch die neue Single von James Blake angehört, aber diese englischen Sänger … Heulbojen (Thom Yorke, Chris Martin), immer leidend oder euphorisch, ich kann das nicht gut hören.

Über ihren Newsletter schickte Kimbra Johnson einen Download-Link zu ihrem neuen Song, den sie gestern veröffentlicht hat, verbunden mit den großzügigen Zeilen:
„Whichever way you chose to get involved, the song is yours. Go copy it, upload it, share it, leak it, whatever you want.”
Der Betreiber des YouTube-Kanals Kimbra Fans Forever hat sich das nicht zweimal sagen lassen und Different Story postwendend hochgeladen, mit der visuellen Umsetzung (sozusagen das Bad einlassend und zugleich das Kind hineinsetzend) von Patrick Rowe, die von Kimbra als sogenanntes Nun-Fungible Token (digitales Eigentumszertifikat) gedacht war und nur in einer Auflage von fünf Exemplaren existiert – vielleicht durch Kimbras Worte legitimiert, wer weiß.

Nachdem ich große Freude an dem Roman Der Sonnenschirm des Terroristen von Iori Fujiwara hatte – sehr zu empfehlen -, habe ich mir aus dem Programm des Cass Verlags zwei weitere Bücher ausgeguckt: Aufzeichnungen eines Serienmörders von Kim Young-ha und Das Romanverbot ist nur zu begrüßen von Seiko Ito.
Nicht, dass ich sonst nichts zu lesen hätte: Modellfliegen (Marcel Möring), Das Haus mit den sieben Giebeln (Nathaniel Hawthorne), Streulicht (Deniz Ohde), Unter Orangen (Norbert Lange), Der dritte Versuch (Julia Veihelmann) … liegt alles hier und will gelesen werden, und noch mehr, und noch mehr dazu.

Ich würde gern einmal das Polarlicht sehen, in den Norden Finnlands und auf die Orkney Inseln reisen. Konkret plane ich aber eine Fahrt zum Niederrhein, wo ich lange nicht war.

Der Jazz ist so weiß geworden

Ich interessiere mich zwar immer noch für diese Musik, stelle aber fest, dass es schwieriger geworden ist, Jazz von people of colour zu finden. Sicher, ein Schritt zurück wäre möglich, da gäbe es viele Schätze zu heben. Aber (physisch) darankommen … schwierig. Beispielsweise würde ich gern mehr von Andrew Hill hören. Bei YouTube gibt es auch vieles, aber dasselbe als Schallplatte?
Aktuelles muss es aber doch auch geben! Möglich, dass ich einfach nicht gründlich genug gesucht habe. Ein paar Leute fallen mir ein: Tyshawn Sorey (dessen Musik mir allerdings zu ruhig ist), Nicole Mitchell, Tomeka Reid, James Brandon Lewis …

„Ich glaube, dass die Produkte von Facebook Kindern schaden, Spaltung anheizen und unsere Demokratie schwächen.” – Frances Haugen, Whistleblowerin (zit. nach Der Spiegel)

Das Sondierungsteam von CDU/CSU besteht aus Armin Laschet, Paul Ziemiak, Ralph Brinkhaus, Volker Bouffier, Reiner Haseloff, Daniel Günther, Thomas Strobl, Julia Klöckner, Sylvia Breher und Jens Spahn. Wer von ihnen hat einen so guten Draht zur Bild?
Wer immer für die Indiskretionen verantwortlich ist, die gerade für Aufregung sorgen: Möge der Verräter enttarnt werden!
Nicht, dass ich ein Anhänger einer Koalition aus Union, Grünen und FDP wäre. Im Gegenteil, ich bin gelinde entsetzt, dass sie überhaupt erwogen wird, schließlich haben CDU/CSU 8,9% der Stimmen gegenüber der letzten Bundestagswahl eingebüßt (und die SPD 5,2% hinzugewonnen), und sie hatten sechzehn Jahre lang Zeit, das Land zu modernisieren, den Klimaschutz voranzubringen usw., was sie angeblich jetzt so dringend tun wollen, vielleicht mit Friedrich Merz und Dorothee Bär. Nein, danke.
Die SPD will natürlich auch keinen Klimaschutz. Deswegen gehe ich ja demonstrieren!

Übrigens: Ich bin ein Gegner von Nord Stream 2.

Zu den Pandora Papers sage ich nichts. Ich möchte nur anregen, nicht mehr die possierlichen Wörter Steueroase und Steuerparadies zu verwenden, die genauso unpassend sind wie das Wort Schummelei zur Bezeichnung oder Nichtbezeichnung des bandenmäßigen Betrugs bei Volkswagen und anderen Autobauern. – In einem Leserbrief an die taz hatte ich einmal alternativ Steuerpfuhl oder mindestens Steuerversteck vorgeschlagen. Das wird sich aber kaum durchsetzen, und ich schließe eine Wette darauf ab – kein Vergleich, bloß ein weiteres Beispiel -, dass (die) Journalisten, wenn ich schon längst ins Gras gebissen haben werde, den Dreck der Rechten immer noch mit dem beschönigenden Wort „Gedankengut” ehren werden. Gegen Sprachschablonen ist eben schwer anzukommen.

PS. Glückwünsche zu meinem Namenstag nehme ich bis 24.00 Uhr entgegen. Bis jetzt hat nur Conrad Electronic gratuliert.

Wasserschwein am Rechner

Das Segelschulschiff Gorch Fock ist an die Marine übergeben worden. Aus diesem Anlass wurde noch einmal an die erstaunliche Kostenexplosion erinnert, die es seit Beginn der Grundinstandsetzung gegeben hat. Aus den ursprünglich veranschlagten zehn Millionen Euro wurden 135 Millionen Euro – hoppla! Der Wikipedia ist zu entnehmen, dass die maximalen Kosten bereits drei Jahre vor Ende der Arbeiten auf eben diese 135 Millionen Euro beziffert worden waren. Dieser Kostenrahmen wurde ausgeschöpft.
Auch unser schöner Hauptstadtflughafen BER ist teurer geworden als gedacht. Einst waren ca. zwei Milliarden Euro kalkuliert worden, zuletzt war von mehr als sieben Milliarden Euro die Rede, und es werden sicher noch mehr. Dies weiß alles die Wikipedia. Der Artikel Bau des Flughafens Berlin Brandenburg ist so lesenswert wie deprimierend:

„Des Weiteren sei Alfredo di Mauro kein Ingenieur, wie bisher in Berlin allgemein angenommen, sondern verfüge lediglich über einen Gesellenbrief als Technischer Zeichner.”

„Am 28. September 2015 gab Flughafenchef Mühlenfeld bekannt, dass rund 600 Wände eingerissen werden müssten, die als Brandschutzwände vorgesehen waren, „aber so nicht gebaut wurden“.”

Über den Ausbau der Berliner Stadtautobahn A100, den die zukünftige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey befürwortet, ließe sich auch einiges sagen, s. den Beitrag Kostenexplosion am 16. Bauabschnitt usw.
Janine Wissler hatte im Wahlkampf zurecht darauf hingewiesen, dass die Union kein Problem in Enteignungen sieht, wenn sie dem Bau von Autobahnen und der Förderung von Kohle dienen (Stichwort Lützerath) – aber Enteignungen von Wohnungskonzernen zwecks Entlastung von Mietern? Nicht mit der Union!

Am 22. Oktober findet der nächste Klimastreik statt.

Hier ein toller Song von Charlotte Adigéry & Bolis Pupul.

Gestern abend in Friedrichshain, um eine Kollegin zu verabschieden, die in ein anderes Team wechselt, und eine weitere Kollegin, die in der Computerspiele-Branche angeheuert hat und Berlin verlassen wird.
Die erste, nicht nur technisch-mathematisch begabt, sondern auch eine professionelle Schneiderin und wunderbare Zeichnerin, überreichte mir den Zweifarbdruck eines ihrer Werke (worum ich sie gebeten hatte): Es zeigt ein Wasserschwein mit mittelalterlicher Brille, das – eine Pfote auf der Tastatur – am Computer sitzt und höchst konzentriert auf den Bildschirm blickt. (Wasserschweine, Capybaras, auch Carpinchos genannt, gehören zur Tierwelt ihrer Heimatstadt. – Vor einiger Zeit war zu lesen, dass mehrere Individuen dieser Spezies in eine Gated Community vorgedrungen sind … invaded by … destroyed manicured lawns, bitten dogs and caused traffic accidents … – wobei ein Umweltschützer, den der Guardian zitiert, zu bedenken gibt, dass es sich umgekehrt verhält: Die Reichen haben sich im Revier der Wasserschweine breitgemacht, und diese kehren einfach dorthin zurück, wo sie vorher schon gewesen waren.
„Wealthy real-estate developers with government backing have to destroy nature in order to sell clients the dream of living in the wild – because the people who buy those homes want nature, but without the mosquitoes, snakes or carpinchos.”)

Kaoss Pad (Partymix zur Wahl)

(Die Überschrift bezieht sich auf das Effektgerät, das Kimbra im unten verlinkten Song – Miracle – bedient.)

Jemand sagte neulich, als Bundesumweltministerin habe Angela Merkel gemahnt, wir bräuchten das Drei-Liter-Auto, und als Bundeskanzlerin habe sie dann den SUVs den Weg gebahnt, von denen von Jahr zu Jahr mehr zugelassen werden.
Andreas Malm beginnt sein Buch Wie man eine Pipeline in die Luft jagt mit einem Zitat des englischen Schriftstellers John Lanchester, der sich in einer Sammelrezension für die London Review of Books bereits 2007 darüber verwundert zeigte, dass sich die Klimaaktivisten bislang so brav verhalten haben anstatt zu militanten Strategien überzugehen wie z.B. das Zerkratzen von SUV-Fahrertüren mit einem Schlüssel:
„[…] in a city the size of London, a few dozen people could in a short space of time make the ownership of these cars effectively impossible, just by running keys down the side of them, at a cost to the owner of several thousand pounds a time. Say fifty people vandalising four cars each every night for a month: six thousand trashed SUVs in a month and the Chelsea tractors would soon be disappearing from our streets. So why don’t these things happen?”
Gut, für mich wäre das nichts, aber ich würde mich öffentlich darüber freuen, falls es jemals geschehen sollte. Einstweilen tun’s auch Aufkleber, die das Bild eines Erdballs in Flammen mit dem Satz „Ich bin ein Verbrenner” kombinieren (gestern auf der Demo gesehen). Oder die – immerhin – Versechsfachung der Parkgebühr für Automobile, die schwerer als ich weiß nicht wie viel Tonnen sind, wie sie der Tübinger Oberbürgermeister kürzlich durchgesetzt hat. Auf ein Fahrverbot von SUVs in Innenstädten können wir aber vermutlich lange warten, das wäre auch eine effiziente Maßnahme, um der Plage Herr zu werden.

Die Rede von Greta Thunberg habe ich seltsamerweise verpasst, obwohl ich pünktlich am Bundestag war. Wann hat sie sie gehalten? Zu Beginn oder am Ende der Demonstration? Auch Luisa Neubauer: nicht mitgekriegt. Das Grußwort von Maja Göpel aber wenigstens doch, auch eine prägnante Rede von Emilia Roig.
20000 Protestierende waren in Berlin angemeldet gewesen, die tatsächliche Teilnehmerzahl lag deutlich höher, je nach Schätzung bei rund 50000 bis 100000 Leuten, wobei die kleinere Zahl natürlich von der Polizei stammt.
Ich kann nur hoffen, dass auch weitere Streiks und Aktionen von Fridays for Future und anderen Gruppen der Klimabewegung viel Zulauf, viel Unterstützung haben werden. – Ich dachte an eine Formulierung, die vor ein paar Tagen Robert Mattheis hingeworfen hat, lässig: in den Abgrund gähnen. Das fand ich eine hervorragende Zustandsbeschreibung. Wir blicken in einen (gähnenden) Abgrund, und was wir tun ist: gähnen. (Wir – damit meine ich diejenigen, die dringend ihren (selbst-)zerstörerischen way of life ändern müssen.)
„Und immer gibt es Leute, die bringen den Ernst, der angebracht ist, nicht an”, möchte ich den großen Uwe Johnson (aus dem Gedächtnis) zitieren.

„HUCH! Alles kaputt” (Plakat beim Klimastreik gestern)

Nach dieser langen Vorrede: Morgen ist Bundestagswahl.
Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, gab es bei vergangenen Bundestagswahlen schon zwei Mal eine rechnerische Mehrheit für Rot-Rot-Grün. Die Aussichten, dass morgen aller guten Dinge drei werden, stehen nicht schlecht – „Linksrutsch jetzt!” (Plakat) -, aber da die Linken von allen anderen Parteien als Schmuddelkinder angesehen werden, müssen sie wohl wieder an den Katzentisch. Sehr bedauerlich, und sehr dumm. Bleibt zu hoffen, dass Armin Laschet abblitzen wird. Wer noch im Jahr 2020 ein Steinkohlekraftwerk eröffnet, darf keine Verantwortung übertragen bekommen, so einfach ist das.
Was immer die Verhandlungen nach der Wahl ergeben werden, einige der Lobby-Minister werden nicht mehr weitermachen: Peter Altmaier, Andreas Scheuer, Julia Klöckner, das ist schon mal beruhigend. Auch das Milchbrötchen aus dem Außenministerium dürfte seinen Posten verlassen. Jetzt schnell noch ein paar Leute befördern!

In Fortsetzung einer Tradition hier eine kleine Musikzusammenstellung, wird möglicherweise noch erweitert. Die Belgierin (Belgien, yeah!) Charlotte Adigéry tauchte in der Playlist der NY Times auf, ihr Compagnon, Bolis Pupul, trägt ein T-Shirt mit ihrem Bild, ihrerseits ein T-Shirt mit seinem Konterfei tragend, am Schluss schütteln sie sich die Hand.
Kimbra mit einem poppigeren ihrer Songs, recht zurückhaltend gesungen, aber die Spitzen exakt getroffen, was bei der anderen Studioaufnahme – von Yelle – leider nicht der Fall ist, aber eigentlich macht es auch nichts, wir wollen ja keine Maschinen. Mir gefällt der fröhliche Blödsinn, den sie und ihre Schlagzeug-Elektro-Partner veranstalten. (Der modische Auftritt von Charlotte Adigéry, Kimbra und Yelle ist hervorzuheben – prima!)
Claire Laffut, Tip von Deutschlandfunk Kultur, genau dies Lied. Heisere Stimmen hab ich immer gern.
Wiki und Navy Blue, wieder aus der erwähnten Playlist geklaut. (Wiki ist der mit den eingeschlagenen oder weggerauchten Zähnen.)
Nach dem Tod des Gang of Four-Gitarristen Andy Gill gab es ein Tribute-Album, daraus das Stück Forever Starts Now, gefolgt von einem Original von anno 1979. Es klingt kein bisschen angestaubt.
Metronomy mit einem Lied zum Sonntag, das die Sonntagsstimmung ganz gut wiedergibt, finde ich.

Charlotte Adigéry & Bolis Pupul High Lights *** Kimbra (Live at Radio New Zealand) Miracle *** Metronomy Month of Sundays *** Yelle Complètement fou (Live on KEXP) *** Claire Laffut Vérité *** Wiki feat. Navy Blue Can’t Do This Alone *** Gang of Four (Killing Joke Dub) Forever Starts Now *** Gang of Four Natural’s Not in it *** Kelly Lee Owens Arpeggi *** Charlotte Adigéry & Bolis Pupul The Best Thing

Ornette Coleman Free Jazz

Die berühmte Schallplatte erschien im September 1961. Die Band besteht aus Ornette Coleman, Don Cherry, Freddie Hubbard, Eric Dolphy, Scott LaFaro, Charlie Haden, Ed Blackwell und Billy Higgins.

Zum Lesen und Hören:
Free Jazz: A Collective Improvisation (Wikipedia)
Steve Huey Free Jazz Review (AllMusic)
Gunther Schuller Free jazz: the explorations of Ornette Coleman (Encyclopedia Britannica)
Das Album, dem der Free Jazz seinen Namen verdankt (Ö1)

Der Status von Pflanzen in moralischer Hinsicht

Ich übernehme die Überschrift aus der Rezension des Buchs Tiere wie wir der Philosophin Christine M. Korsgaard von taz-Kulturredakteur Tim Caspar Boehme, siehe hier. (Muss ich einer Freundin schicken, die ihr Fleischessen mit dem Argument verteidigt, die Veganer würden ihrerseits ja schamlos Pflanzen essen, die doch auch leben wollten. Das mag durchaus so sein, und doch würde ich behaupten, dass die Haltung von Pflanzen zu menschlichem Nutzen ethisch weniger bedenklich ist als Haltung, Ausbeutung, Schlachtung und Verzehr sogenannter ‚Nutztiere’, von der Biene bis zum Pferd.) (Seit meinem Vegetarierwerden 2009 in Graz habe ich übrigens ganz vereinzelt Meerestiere gegessen, Sardellen und Muscheln z.B., was mein Karma hoffentlich nicht zu sehr belastet.)

Die problematischen Folgen des industriell betriebenen Pflanzenanbaus lassen sich unter anderem in Spanien beobachten, wo unlängst 70000 Menschen in einer (laut Berichten) 73 Kilometer langen Menschenkette die Salzlagune Mar Menor symbolisch umarmt haben, die – einstmals ein schöner Ort -, heute ein stinkender Pfuhl ist, an dessen Gestade tonnenweise verendete Meereslebewesen landen.
Diese Leute haben protestiert, aber sie haben auch ihrer Trauer darüber Ausdruck verliehen, dass die schöne Natur zuschanden geht. (Trauer über das Leiden der Natur empfinde ich auch, nicht täglich, aber wiederkehrend – wie sollte es auch anders sein?)
Diese symbolische Umarmung hat mir als Geste gefallen.
Ich bin ein Anhänger des Animismus.
Ich bedanke mich abends bei meinem Fahrrad.
Die Blätter jagen einander und tanzen (die toten auf der Straße).

Die taz hatte neulich ein Interview mit dem Politologen Volker M. Heins zum Thema Grenzen/Migration. Darin der bedenkenswerte Satz:
„Militarisierte Grenzregimes […] sind […] der vergebliche Versuch, eine „weiße“ Parallelgesellschaft auf der Erde zu erhalten oder wiederherzustellen.”

Ich stelle mir vor, dass es aus mancherlei Gründen (Armut, Klimakatastrophe, unfaire Chancenverteilung) immer schwieriger werden wird, das Konzept streng gegeneinander abgeschotterter Nationalstaaten aufrechtzuerhalten. Es erscheint mir sowieso künstlich und unorganisch. Ein identitär angelegter Staat wie Dänemark dürfte – ich hoffe es zumindest – ein Auslaufmodell sein. Am Ende werden nur natürliche Grenzen übrigbleiben: die Alpen, der Rhein, der Ärmelkanal, usw.
Mich schreckt die Aussicht, dass unsere Gesellschaft vielfältiger werden wird, nicht. Anders wäre es furchtbar.

Da ich neulich vom Bauen geschrieben habe – Scholzi möchte bekanntlich 400000 Wohnungen jährlich hochziehen lassen -: wird da nur das schädliche B-Material Beton verwendet werden, oder bekommt vielleicht, im Sinne der Kreislaufwirtschaft, das A-Material Lehm eine Chance?

Zur Feier ihres 10-jährigen Bestehens hat unsere Firma einen tennisballgelben Kapuzenpullover mit aufgesticktem Gespenst und ein schwarzes T-Shirt mit gelb-rot-orangem Design ins Dickicht geschickt. Nice 🙂

Denk ma an die Liebe

(Wandschrift Berlin-Friedenau)

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schreibt mir eben diese Zeitung, die 1973 von Jean-Paul Sartre gegründet wurde. Ein Herr de Rothschild hält Anteile (als Hauptaktionär). In Kürze wird sie wohl freigeschaltet werden, wenn meine zwei Euro angekommen sind.
Den Newsletter bekomme ich bereits, Freitag widmete er sich dem Thema der Datenvergiftung. Offenbar gibt es Programme, mit denen man, zum Schutz seiner Persönlichkeitsrechte, Abbildungen seines Gesichts überkrickeln kann: damit unbrauchbar für die Gafa alias Google, Apple, Facebook (!), Amazon. In Zeiten der Gesichtserkennung sicherlich ein nützliches Werkzeug.

Eine positive Meldung der letzten Tage war, dass eine geplante Kupfermine in Norwegen nach dem Rückzug eines deutschen Produzenten nun möglicherweise doch nicht gebaut werden wird. Der Bericht erläuterte, dass „die Regierung in Oslo genehmigt hatte, den gesamten mit Schwermetallen und giftigen Chemikalien belasteten Grubenschlamm einfach in den Fjord zu leiten”, und zwar über die gesamte, mit fünfzehn Jahren angegebene, Laufzeit der Mine hinweg, s. hier.
Die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg sah darin kein Problem, und auf die Rechte der Samen hat sie auch keine Rücksicht genommen.
Es ist doch immer wieder verblüffend, wie skrupellos und niederträchtig manche Leute handeln. Erna Solberg ist sicherlich nicht einmal die Schlimmste in diesem Verein.
Zusammen mit den guten Nachrichten aus Grönland gibt das – hoffentlich! – Aus für die Kupfermine der Hoffnung Nahrung, dass ein Umdenken einsetzt und es mit der Ausbeutung von z.B. Bodenschätzen vielleicht doch einmal ein Ende nimmt. (Wobei der Chef der US-amerikanischen Verwaltung ja ein Freund des Frackings ist, leider.)
Ich wünsche mir, dass uns ein besseres ökonomisches Modell einfallen möge als das der Räuber- und Plünderwirtschaft.

Nicht nur Bob Dylan, Captain Beefheart und Charlie Watts wurden 1941 geboren wurden, sondern auch Annette Peacock, die Anfang der 70er Jahre groß in den Musikzirkus hätte einsteigen können (an der Seite David Bowies), sich aber dagegen entschied. Aus Anlass ihres Geburtstages – wann der genau ist, weiß ich nicht – sind zwei ihrer Platten wiederveröffentlicht worden, X-Dreams und The Perfect Release.


Bei meinem Versuch, Licht in die mir dunkle Bedeutung des Worts – und einstigen Berufs – Seneschall zu bringen, das ich in den schönen Erzählungen der Marie de France gelesen hatte, wurde ich auf das Wort Truchseß verwiesen.

Demnächst trifft sich, allerdings nur per Computer, die Rebellionsgruppe der Extinction Rebellion, der ich mich anzuschließen gedenke, es sei denn, ich würde zum Ergebnis gelangen, dort nicht gut aufgehoben zu sein. Die Bezeichnung meiner Rebellionsgruppe ist ganz friedlich: Earth Holders. Mal sehen. Eine Arbeitsgruppe würde mich ebenfalls interessieren: Regenerative Kultur. – Alles Neuland für mich, mehr als dieses Internet, und vielleicht finde ich es auch schrecklich, das sehe ich dann.
So, wie es geht, geht es nicht weiter.

Gestern habe ich mir das ‚Triell‘ mit Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet angesehen. „Anne Will” war ich drauf und dran ebenfalls zu gucken, aber allein schon die Präsenz Christiane Hoffmanns vom Spiegel und Jana Hensels von der Zeit haben mich davon abgebracht. Kevin Kühnert wirkte aschgrau und hatte eine Bittermiene aufgesetzt, die ich auch nicht leiden kann. , möchte ich da mit einem Ausdruck meiner Freundin Hanna sagen und das Thema abschließen.

Galimathias

Das Wort, das so viel wie „Kauderwelsch, unverständliche Rede” bedeutet, kam mir in den Sinn, als ich Mallarmés Anmerkungen zur Sprache las oder zu lesen versuchte.
rendre au mot […] sa mobilité – okay, damit kann ich was anfangen. Dem Wort seine Beweglichkeit zurückgeben.

Gestern war ich bei Zadig, zum Abschluss einer kleinen Spazierrunde der auf drei Köpfe geschrumpften hiking group unserer Firma in Hermsdorf im Berliner Norden (Bezirk Reinickendorf), um mir Mallarmés Gelegenheitsgedichte (Vers de circonstance) abzuholen, und das Buch von Nastassja Martin, aber ich glaube, ich lasse Mallarmé jetzt erst einmal liegen und lese stattdessen etwas anderes, etwas, bei dem sich das Gehirn nicht wie ein Saugnapf über das Geschriebene stülpt, sondern schlendrig darüber hinweggehen kann. Ich dachte an Comics (Bastien Vivès).

Immer, wenn ich „Geimpfte und Genesene” höre, denke ich: Erniedrigte und Beleidigte, aus rhythmischen, nicht inhaltlichen, Gründen.

Der Außenminister mit dem klimpernden Dackelblick und der zuen Nase ist von den Entwicklungen in Afghanistan vollkommen überrascht.

Josephine Baker wird pantheonisiert.

Aus Anlass des Wahlkampfauftritts von Angela Merkel, Armin Laschet und Markus Söder in Berlin gab es gestern, im Zusammenhang mit dem August RiseUp!, eine Demonstration von Umweltschützern. Sie veranstalteten unter anderem – mit Blick auf die 230 Opfer, die die Überschwemmungen im Juli forderten – ein Die-in, ein Transparent zitierte Herrn Laschet mit dem Satz: „Nur weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht die Politik.”

Die Plagiatsvorwürfe gegen Franziska Giffey, Kandidatin der SPD bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin (leider darf ich als Brandenburger nicht abstimmen), sind mir egal. Ich würde sie aus politischen Gründen nicht wählen, z.B. wegen ihrer vorgestrigen Verkehrs- und Baukonzepte.
Ich denke an einen Beitrag, den Jan Böhmermann und sein Recherche-Team vor gar nicht langer Zeit zum Thema Sand gebracht haben.
Ein Zitat daraus: „In Indien wird – Schätzungen zufolge – an mehr als 7000 Stellen illegal Sand gewonnen.” (Pascal Peduzzi, UN Environment Programme)
Dieser Bericht (von 2018) zitiert die Vereinten Nationen mit der Mutmaßung, „dass inzwischen etwa doppelt so viel Sand abgebaut wird, wie die Natur nachliefern kann.”
Sandkriege werden noch nicht geführt.
Auch Touris stehlen Sand, für’s Aquarium oder das Trophäenregal daheim.

Es ist überwältigend, in welchen Schwierigkeiten wir stecken. Es muss sich etwas ändern, überall, alles, sofort. – Ich hoffe, dass die Demonstrationen am 24. September groß werden, denn das hat Greta Thunberg wieder einmal ganz richtig gesagt:
„Echte Veränderung wird nicht durch Konferenzen herbeigeführt, sondern von Menschen auf der Straße und von Menschen, die den Wandel einfordern.” (zit. n. Augsburger Allgemeine, 20.8.2021)

Als ich Freitag abend vom Haus der Kulturen der Welt zurückkam, es muss schon spät gewesen sein, denn auf dem Weg waren die Ampeln ausgeschaltet, trabte ein Fuchs vor mir her auf das eingezäunte Gelände eines Autohauses, ich blieb stehen für ein kurzes hallo, er tat ein paar Schritte auf mich zu, nur konnte ich ihm nichts zu fressen anbieten, wer trägt schon Würstchen mit sich herum, ich sprach leise, mahnte ihn, auf den Verkehr aufzupassen und wünschte ihm einen guten Abend, indessen er das Gras beschnüffelte.
Vom Wald her das Grunzen von Wildschweinen.
Nur eine schwarze Katze sah ich noch auf dem letzten Stück des Wegs, Wendemarken, die Augen cyberartig kalt im Schein der Fahrradlampe.

Die Playlist der Zeitung aus New York hatte schon länger nichts mehr, das mich aus den Schuhen gehauen hätte.

Als wir Mitte Dezember aus dem Büro geschickt wurden, um von zu Hause zu arbeiten, dachte ich, es wäre für nur kurze Zeit. Ab September wollte ich halbe-halbe arbeiten, mal sehen, ob die Zahlen es erlauben.

Abschluss mit Die-in und Tanz

Samstag am Marx-Engels-Forum, wo ich an einem sogenannten NVDA-Training teilnahm – die Abkürzung steht für Non-Violent Direct Action. Es hat, mit Pausen, so lang gedauert wie eine Wagner-Oper, von ein Uhr mittags bis halb neun abends.
Mein Chef reagierte mit dem ihm eigenen Humor auf mein kurzfristig vorgebrachtes Ansinnen, bei einer Übung Zivilen Ungehorsams zum Auftakt des August RiseUp! teilzunehmen – der Aktionswoche verschiedener Umweltgruppen, die derzeit in Berlin stattfindet.
Vorsichtig hatte ich am Sonntag gefragt, ob – und wenn ja – für wie lange er mich an meinem Arbeitstag zum Demonstrieren freistellen würde.
Über einen Messengerdienst antwortete er trocken:
„Ein Tag plus folgend eine Nacht in einer Gefangenen-Sammelstelle sollte in jeder gutbürgerlichen Biografie verzeichnet sein.”
Er riet mir, auf dem Telefon die Nummer eines Rechtsanwalts abzuspeichern (der mich dann aus der Gesa herausholen würde), aber ich hatte gar nicht vor, das Handy mitzunehmen (auch beim Training war es nicht dabei gewesen).
Sonntag abend und Montag morgen bereitete ich mein Gepäck vor: Eine Tupperdose mit Johannisbeeren, Heidelbeeren und Apfelscheiben, eine Plastikflasche Wasser (mitgeführtes Glas sieht die Polizei nicht gern; noch ein harmloser Fahrradhelm würde als Bewaffnung gedeutet), eine kleine Blechdose mit Nüssen, eine Packung Paracetamol, einen zugeschnittenen Müllsack als Regenschutz, ein Sitzpolster (Pullover, Wolldecke), ein Reclamheft (Une saison en enfer), einen Emailleteller, eine Tasse, einen Löffel und ein kleines Pappschild (16 x 9 cm) mit der Aufschrift: „Wenn die Emissionen aufhören müssen, dann müssen wir die Emissionen stoppen. (Greta Thunberg)”
Außerdem natürlich eine FFP2-Maske – bloß nicht mit den Nichtdenkern um Herrn Ballweg verwechselt werden!
Geschlafen habe ich dann nur wenig, um pünktlich am vereinbarten Treffpunkt zu sein, wo unserer Kleingruppe der Einsatzort mitgeteilt werden sollte – eine Mitteilung, die dann verwirrend lange auf sich warten ließ. „Team Blau” hatte Material beschlagnahmt und unsere Pläne durchkreuzt. Schließlich gab es dann aber doch eine Sitzblockade am Platz des 18. März. Später verlagerte sich der Protest zum Monbijoupark, alles nicht ohne Schwierigkeiten, weil die Polizei (einschließlich Sondereinsatzkommando) im Verhältnis zu uns in dreifacher Stärke auflief – uns, die wir daran erinnern wollten, dass wir nur diesen einen zerbrechlichen Planeten E haben, der gerade vor die Hunde geht, was merkwürdigerweise die Mehrheitsgesellschaft nicht zu stören scheint.
Gerade hat Olaf Scholz erklärt, dass für ihn ein Ausstieg aus der Kohle vor 2038 nicht in Frage komme. Und Armin Laschet –
„Armin Laschet auf den Mond – das ist Raumfahrt, die sich lohnt!” (Ein Chor.)
„Dass die Politik nicht handelt, obwohl wir in die Klimakrise hineinrasen, ist unglaublich”, sagt Annemarie Botzki, eine der Organisatorinnen des August RiseUp!, im Gespräch mit der taz. Das sehe ich auch so. Mindestens würde ich erwarten, dass autofreie Sonntage ‚verhängt‘ werden – nichts dergleichen geschieht.