Binnen eines Tages

I-wet-te, meldete sie sich am Telefon, meine Friseurin Yvette aus Moabit. Gerade war die Öffnung der Friseursalons ab dem 1. März beschlossen worden und sie rief ihre „Stammis” an, damit die alle einen Termin bekämen. Ich hoffe, sie darf nun wieder regulär öffnen. Denn über das Detail, dass der Inzidenzwert von 35 außer Reichweite scheint (von 0 ganz zu schweigen), darf man nicht übersehen, dass auch der Inzidenzwert von 50 in kaum einem Bundesland erreicht wird. In Berlin liegt er jetzt bei 66.3 %, im Brandenburger Landkreis Potsdam-Mittelmark bei 47.6 %, mit der Einschränkung: „Aufgrund einer Anpassung der Meldesysteme weichen derzeit die veröffentlichten Zahlen des LAVG von denen des Robert-Koch-Institutes (RKI) ab. Maßgeblich für das Agieren der Landesregierung und der Landkreise bzw. kreisfreien Städte sind jedoch die vom LAVG veröffentlichten Daten.” (Potsdamer Neueste Nachrichten)
Ob die veröffentlichten Zahlen nach oben oder nach unten hin abweichen, hätte man natürlich auch gern gewusst.

LAVG = Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit.
Die Reihenfolge lässt argwöhnen, dass die Gesundheit nicht als absolut, sondern nur als relativ wertvoll betrachtet wird, nämlich insofern als die Gesunden arbeiten und konsumieren können, die Kranken aber nicht, oder nur eingeschränkt.
Hinsichtlich der Inzidenzwerte wird immer betont, ab der Zahl 50 oder 35 seien die Gesundheitsämter in der Lage, Ansteckungsfälle zurückzuverfolgen, und die Krankenhäuser würden nicht überlastet. Auch hier geht es also nur nachgeordnet um die Gesundheit (der Arbeiter und Verbraucher) und vorrangig darum, das System kaputtgesparter Ämter und auf Rendite getrimmter Krankenhäuser auf diesem desolaten Niveau zu konservieren. Das ist doch sehr enttäuschend.
Richtig wäre es, Krankenhäuser nicht als wirtschaftliche, sondern als soziale Betriebe zu definieren und zu führen, gute Löhne zu zahlen, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und Gesundheitsämter finanziell und personell gut auszustatten. Für Beides muss (müsste) der Staat Geld bereitstellen.

Ich dachte, nur Joanna Newsom verwende Blockflöten, aber nein, auch für Cate Le Bon (nicht mit dem Duran Duran-Sänger Simon Le Bon verwandt) scheint dies zuzutreffen, wenn ich mir den Song Here It Comes Again aus ihrer gleichnamigen EP (2019, zusammen mit dem Duo Group Listening und dem Sänger Ed Dowie) anhöre.
Cate Le Bon ist nie langweilig. Bedauerlicherweise verbietet sie es sich, bei Auftritten zu lächeln. Aber wenn das die Bedingung dafür ist, dass sie auftritt, ist es mir recht.

Die Thanatophoren. Gastbeitrag von Robert Mattheis

Robert Mattheis hat mein Blog schon einmal mit einem Gastbeitrag beehrt, hier legt er nach – herzlichen Dank dafür!
Wir kennen uns aus Kölner Zeiten. Vor einigen Jahren las er in meiner gewesenen Buchhandlung Reul (aus seinem Roman Hohlkörper). Es war eine schöne Veranstaltung. Ohne Murren hat der Autor später auf dem Boden geschlafen, die schwierigen Umstände, die mein Leben zu jener Zeit prägten – ich habe sie im Beitrag Privatentnahme skizziert -, ließen die komfortable Unterbringung im Goldenen Löwen leider nicht zu.
Übrigens gibt es ein neues Buch von Robert Mattheis: Ich sah die blödesten Idioten meiner Generation. Ich empfehle es!
Hier nun aber Die Thanatophoren, ein durchaus ungemütlicher Text –

Die Thanatophoren oder: Hunde, wollt ihr ewig leben?

Es wird Abend, und die Thanatophoren schwärmen wieder aus über den Dächern der Stadt. Diese Idee kam mir irgendwann, nachdem ich in „What Should We Be Worried About?“ … oder nein, fangen wir anders an.
Kennen Sie John Brockman?
Sein deutscher Verlag, S. Fischer, nennt ihn einen „Wissenschaftsaktivisten“, was ein schön vieldeutig schillerndes Wort ist. Denn von John Brockman stammt die Idee der „Dritten Kultur“, „die großspurig inszenierte Verschmelzung von Geistes- und Naturwissenschaft im Dienst der digitalen Zukunft“, wie die FAZ sie im Vorspann zu einem Text des Techkritikers Evgeny Morozov nennt. Des Weiteren ist Brockman der Gründer und Herausgeber von edge.org, einem Tummelplatz der avanciertesten wissenschaftlichen Ideen unserer Zeit.
Er ist ein brillanter Mann und einer der wichtigsten Literaturagenten der USA.
Daneben war er allerdings auch mit Jeffrey Epstein … nun, es gab Verbindungen zwischen John Brockman und dem infamen Investmentbanker (der sich offenbar im gleichen Maße für Durchbrüche in den Wissenschaften wie für Massagen durch minderjährige Mädchen interessierte). Es gab allerdings auch Verbindungen zwischen Epstein und dem Massachusetts Institute of Technologie (MIT), es gab Verbindungen zwischen Epstein und der Harvard University …
Naja, vielleicht ist auch das ein Gesetz unserer Gesellschaft: Vom Hochplateau geht es steil abwärts.

Wie auch immer. John Brockman gibt jedenfalls regelmäßig Sammelbände mit Beiträgen von Menschen heraus, die man früher als „erlauchte Geister“ bezeichnet hätte, die auf jeden Fall aber helle Köpfe sind, im PR-Sprech „today’s leading thinkers“, Leute wie Steven Pinker, Mary Catherine Bateson, Nassim N. Taleb, Natalie Angier, Jaron Lanier, Barbara Tversky, Daniel C. Dennett und Richard Dawkins, aber auch Ai Weiwei oder Jesse Dylan, Filmemacher und Sohn von Bob Dylan. Ein illustrer Kreis.

Brockman veranstaltet auch regelmäßig intellektuelle Bankette, auf denen die Klugen die noch Klügeren kennenlernen können und die Genies Journalisten.
Dabei stehen die von Brockman kuratierten Sammelbände immer unter einem angeschärften Motto (das auf Deutsch dann oft wieder entschärft wird), beispielsweise: „What to Think About Machines That Think?“, „This Idea Must Die“, „This Explains Everything“ oder „This Will Make You Smarter“.

Nun, jedenfalls stieß ich in „What Should We Be Worried About?“ auf eine alarmierende Zahl. Demnach würden meine Kinder sich in einer Welt wiederfinden, die zu mindestens einem Fünftel von Dementen bevölkert wäre.* Zwei davon wären eventuell meine Frau und ich. Mir schien das eine besonders gruselige Form von Zombieland zu sein, das da heraufdämmerte.
Die Körper machen weiter.
Aber der Geist in der Maschine hat sich verflüchtigt.

Auf der Fahrt ins Büro fiel mir eines Morgens die Lösung für dieses Horrorproblem ein: die Thanatophoren**.
Eine Truppe von Kriegern, die staatlich beauftragt werden, Leuten beim Erreichen des 65. Lebensjahres den Saft abzudrehen.
Eine brutale, eine scheußliche Idee.
Aber irgendwie erschien sie mir einerseits unvermeidlich, andererseits auch auf dunkle Weise romanesk.
Die Vorstellung erinnerte mich an Robert Harris und seine Vision von einem „Vaterland“, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat.
Auch Philip K. Dick hat diese Idee vom Triumph der Bösen in seinem „Das Orakel vom Berge“ (im Original: „The Man in the High Castle“) ja ausgesponnen.
Sind es nicht gerade solche düsteren Gedankenbilder, denen die größte Faszination eignet?
Stephen King, wurde er mit der Schilderung von friedlichen Idyllen zum Weltstar, den auch Frank Schirrmacher in den literarischen Adelsrang erheben wollte?

Keine Frage: In den Thanatophoren steckte etwas.
Eine Netflix-Serie.
Und eine Wahrheit.
Natürlich muss man sich fragen, wer sich für so einen Job hergeben würde.
Menschen kaltzumachen, nur weil sie ein gewisses Alter erreicht haben?
Andererseits ist es eine Form von Gerechtigkeit. Dass mit 18 Jahren automatisch alle wählen dürfen, regt ja auch niemanden auf. Dabei gibt es keine Gewähr, dass jemand mit der Volljährigkeit auch die Vollzähligkeit seiner Sinne erreicht hat. Oder?
65 Jahre für jeden.
Das hat etwas von einem Bedingungslosen Grundeinkommen.
„Hier haben Sie Ihre 65 Jahre. Und jetzt machen Sie etwas draus. Viel Glück.“
Und ist es nicht auch so, dass man für jede Scheußlichkeit jemanden findet, der bereit ist, sie auszuführen? Gegen entsprechendes Salär?
Was ist mit den Söldnern von Blackwater?
Was ist mit den Söldnern von BlackRock?
Wären nicht auch die Thanatophoren lediglich ein „Dienstleister für Regierungsbehörden, Justiz und Bürger“?
Obwohl ich die Idee also gruselig fand, setzte ich sie in einem Romanmanuskript um. Allerdings nur am Rande. Als Story innerhalb einer Story, als mögliche Welt in einem Spiegelkabinett möglicher Welten (sorry, ja, solche Sachen schreibe ich, eigentlich zu meinem Privatvergnügen):

Die Story ging folgendermaßen: Laufpaß, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, Feldwebel, den man nach der Explosion einer Munitionskiste während einer Übung im Westerwald in den Vorruhestand geschickt hatte, machte sich in seiner plötzlich vielen freien Zeit Sorgen wegen der grassierenden Überalterung seines deutschen Vaterlandes. (Eventuell nagte auch das schlechte Gewissen an ihm, denn ein Rekrut hatte bei der Explosion zwischen den Bäumen sein Augenlicht verloren, ein anderer ein paar Finger.) Da er kein Dummkopf war, erkannte er hinter den nüchternen demografischen Zahlen schnell eine Verschwörung der Achtundsechziger. Immer schon darauf versessen, sich ein Maximum an Lust, Drogen und Privilegien abzugreifen, weiteten diese ihre Gier jetzt, am Ende ihres Lebensweges, auch auf die Lebenszeit aus.
Denn was diese Bastarde nie gelernt hatten, war Verzicht!
Darum hatten sie eine Lektion verdient.
In seinem Phantasiereich bildete sich aus ausgedachten besorgten Bürgern – größtenteils ehemalige Soldaten wie er – eine Eliteeinheit, deren selbstgesetztes Ziel es war, den Altersschnitt in der Bevölkerung zu senken. Deutschland anno 2023 brauchte die Thanatophoren. Oder das größte Vaterland aller Zeiten würde das größte Altersheim aller Zeiten werden!
Allein die Schilderung der Initiationsriten dieser elitären Truppe verschlang 20 Seiten. Laufpaß war wirklich verliebt in sein Projekt.
Die Thanatophoren machten es sich zur Aufgabe, alle Menschen im 65. Lebensjahr zu töten. Damit die Rentenlast nicht die junge, heranwachsende, aufstrebende neue Generation bereits in ihren Anfängen erdrückte. Dabei mussten sie natürlich diskret vorgehen. Energisch, schnell, diskret. Eine echte Elitetruppe. Wie das SEK. Wie die GSG 9. Nein: Wie die Speznas, die berüchtigten russischen Alpha-Krieger, vor denen der Feldwebel sich immer so gefürchtet hatte. Schon bei deren Auswahlverfahren gab es regelmäßig Tote, so gnadenlos wurde ausgesiebt.
Eine Riesenwelle des Todes schwappte durchs Land, sobald die Thanatophoren sich ans Werk machten. Die Todesfälle ereigneten sich ausnahmslos aus heiterem Himmel, und sie ereigneten sich ausnahmslos bei Menschen, die gerade die Grenze zum 65. Lebensjahr überquert hatten. Dass der Tod auf 65-Jährige fixiert sei, war neu. Die investigativen Medien, immer auf der Suche nach einer Erklärung, setzten das Gerücht in Umlauf, man habe es mit einer Pandemie zu tun. Ein Virus. Ausgebrütet vermutlich in Laboren irgendwo in den frostigen Tiefen des russischen Reiches. Eine Attacke mit Bio-Kampfstoffen.
„Natürlich ist das Quatsch“, erklärte Robert Mattheis. „Davon ganz abgesehen, dass die Russen sicher kein Interesse daran haben, uns von der Überalterung abzuhalten: Man kann kein Virus züchten, das exklusiv die Alten umbringt. Wissenschaftlich ist das unmöglich.“
„Aber Menschen können es tun“, murmelte Rex Granit düster. Ihm schmeichelte die Vorstellung keineswegs, zum Handlanger des Jugendwahns auserkoren worden zu sein.
(Aus dem ausschließlich per WhatsApp veröffentlichten Roman „What’s App, Doc?“, Nürnberg 2020.)

Ein bisschen ging es mir mit meiner Idee so wie Edvard Munch offenbar mit seinem berühmten Gemälde „Der Schrei“ („Skrik“). Mit Bleistift schrieb er nämlich auf die Farbe: „Kann nur von einem Verrückten gemalt worden sein!“
Ist das Entsetzen? Ironie? Stolz gar?
Das Gemälde vom schreienden Mann auf der Brücke hat es ja sogar zu einem Emoji gebracht. Und wohin könnten die Thanatophoren es bringen?

Virginia Woolf unkte, hätte ihr Vater weiter und immer weitergelebt, neben ihr hergelebt, dann hätte sie keines ihrer Bücher geschrieben. Sie wäre, könnte man auch sagen, verkümmert, ein Opfer des väterlichen Willens geworden. Machen wir uns nichts vor: Nicht jede Familiengeschichte ist ein unendlicher Spaß, auch wenn es nicht immer gleich so dramatisch und traumatisch wie bei Thomas Vinterbergs „Fest“ zugehen muss … Ein Lektor von Suhrkamp fing mich mal mit dem Satz ab: „Sie müssen Ihren Vater umbringen!“
Er bezog sich dabei auf Freud, meinte einen symbolischen Vatermord, die Abnabelung von Hamlets Geist.
Zumindest hoffe ich das.
Wenn es der einzige Sinn unseres Lebens ist, immer noch ein Jährchen (und eine Busreise) draufzusetzen, dann haben wir ein Problem.
Aber es ist auch ein Problem, dem man sich als 51-Jähriger nicht mehr so unbefangen in Stürmer-und-Dränger-Manier nähert wie mit 21, 31 oder 41.
Jetzt frage ich mich: Soll ich meine Thanatophoren-Idee sterben lassen?
Mache ich daraus doch noch einmal ein großes Gesellschaftspanorama?
Oder setze ich sie gar mit einer realen Söldnertruppe als Geschäftsidee um?
Als ein Erik Prince der Greisendezimierung?

Vielleicht hat ja der eine oder die andere „Im Dickicht“-Leser/in einen Rat für mich? Hinterlassen Sie ihn doch bitte einfach im Kommentarfeld.

PS: Wissen Sie übrigens, welche Sorge Hans Ulrich Obrist, den Hans-Dampf-in-allen-Ecken des deutschen Kunstkuratoriumswesens, umtreibt? „Die relative Unbekanntheit der Schriften von Édouard Glissant“.
Okay. So hat jeder seine Sorgen.

___________
*„For example, out of the 9 billion people expected when the Earth’s population peaks in 2050, the World Health Organization expects 2 billion – more than one person in five – to suffer from dementia“, schreibt der Journalist und Erfolgsautor David Berreby in seinem Beitrag „Global Graying“.
**Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet wörtlich: „die Todesbringer“.


Zum Weiterlesen:

Robert Mattheis, Ich sah die blödesten Idioten meiner Generation. Gedichte. 84 Seiten, broschiert. Songdog Verlag, Bern und Wien 2020. 18,00 Euro

Robert Mattheis, Hohlkörper. Roman aus der Medienwelt. 228 Seiten, broschiert. Acabus Verlag, Hamburg 2009. 16,90 Euro (Das E-Book ist zum Preis von 1,99 Euro erhältlich.)

Danger Doom No Names (Black Debbie)

Draußen steigen die Temperaturen in den Keller, ich bin gespannt. Die Natur beißt zu, und der Mensch lernt.
Was ist so schwer daran zu verstehen, dass wir Teil des Ganzen sind und nicht Herr über alles?

Von MF Doom habe ich zum ersten Mal an Silvester gehört. An dem Tag wurde sein Tod bekannt, der bereits zwei Monate zuvor erfolgt war, am 31. Oktober.
MF Doom verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in den USA, wohin seine Familie kurz nach seiner Geburt (1971) ausgewandert war. Er besaß nur einen britischen Pass. 2010, auf der Rückkehr von einer Europatournee, wurde ihm die Einreise verweigert und er ging nach England. Frau und Kinder folgten ihm zwei Jahre später.

Für seine Bühnenfigur entlieh sich der Künstler Namen und Charakter eines Comic-Bösewichts. MF Doom war sein bekanntestes Pseudonym.
Er trat stets mit einer Metallmaske auf (Metal Face).

Er sei in einem Jahr gestorben, als alle eine Maske hätten tragen müssen, kommentierte ein Fan. Er sei an Halloween gestorben, ergänzte ein anderer. Die Bekanntgabe der Todesnachricht an Silvester habe ihm Neujahr vermiest, schrieb ein Dritter. Sie waren sich einig, dass dies alles eines MF Doom würdig sei.

MF Dooms Zusammenarbeit mit Danger Mouse (2005), den die Welt als Schöpfer des Überhits Crazy kennt, lief unter dem Namen Danger Doom. Ich verstehe kaum ein Wort, aber ich höre das Album rauf und runter (Bandcamp hat es in guter Klangqualität, hier jetzt nur in mittelmäßigem Google-Sound, sorry).

Sonja vom Brocke Ohne Tiere

Als letzte der drei Kritiken aus den Jahren 2012 und 2015 zu Ann Cotten, Sonja vom Brocke und Christoph Wenzel veröffentliche ich heute die Kritik zu S.v.B. (2015) – wie auch die anderen unverändert, bis auf eine Stelle kurz vor Schluss, an der ich das Wort „Bezeichnetes” durch „Bezeichnendes” ersetzt habe.
Die Texte sind nach wie vor auch bei lyrikkritik.de nachzulesen – man muss ein bisschen suchen -, die betreffenden Archive sind hier (2004-2012) und hier (2014-2017) verlinkt.

Sonja vom Brocke, Ohne Tiere

Mit ihrem Gedichtbuch Venice singt (2015) wurde Sonja vom Brocke einem breiteren Lyrik-Lesepublikum bekannt. Ihr Debüt war 2010 das bemerkenswerte (doch bei seiner Veröffentlichung weitgehend unbemerkt gebliebene) Bändchen Ohne Tiere, das Texte von abstrahierender Reduktion und kieselhartem Gestus enthält, wie sie einem in Venice singt wiederbegegnen („Kameen“) – hermetisch verschlossene Sprachobjekte mit realen Einschlüssen: Vögel; Mieterhöhungsschreiben; Fotos; Lichter; die Glör, die durch Hagen fließt.
Von Ohne Tiere soll hier die Rede sein.

Am Titel bleibt man schon hängen, denn in welchem Kontext könnte jemand sagen: „Ohne Tiere”? Die für sich genommen harmlosen Wörter haben in der Kombination etwas Verunsicherndes, vage Bedrohliches.
Es ließe sich ein apokalyptisches Szenario denken (eine Welt ohne Tiere), Ernährungszusammenhänge, Kindheitserinnerungen (ohne Tiere aufwachsen).
Möglicherweise schlägt Sonja vom Brocke mit der Fügung „Ohne Tiere” aber auch nur einen listigen Haken, denn würde man nicht eher erwarten: Ohne Titel, wie man es v. a. von moderner Kunst kennt? Das würde ganz gut passen, wie das 2011 von ihr gemeinsam mit Christina Kramer herausgegebene Künstlerbuch thoughts fall / ins Fell und das Kapitel „Gemäldegalerie“ in Venice singt, in dem sie die schöne und lebendige Tradition des Gemäldegedichts fortsetzt, beweisen.

Ohne Tiere ist eine Folge von 18 verschieden langen, miteinander zusammenhängenden Texten, die formal als Zwischending zwischen Gedicht, Kurzprosa und Notiz beschrieben werden können. Die (drei) kürzesten bestehen aus je einem Vers und zählen sechs bzw. sieben Wörter, der längste umfasst 21 Verse (170 Wörter).
Ein Thema ist schwer zu bestimmen. Bei wiederholter Lektüre stellt sich der Eindruck eines Epitaphs zu Lebzeiten ein. Körperlichkeit wird benannt, anatomisch („Ohrhöhlen“, „Hirn“, „Knochen“, „Mark“, „Rippen“) oder diagnostisch („sie kommt nicht hinterher mit den Fingern“, „das holprige Klopfen vom Herzen“), Shakespeare zitiert – das 146. Sonett, ein Gedicht über Vergänglichkeit und Tod („Poor soul, the centre of my sinful earth“) – auch ein Vers aus Rimbauds „Das trunkene Schiff“, das den Menschen als Gescheiterten, als Ausgesetzten, als Wrack zeichnet („geworfen vom Orkan in vogellosen Raum“). In einem der Texte, dem siebenten, der ein Dutzend amtlicher Belege aufzählt, vom „Gehaltsnachweis“ bis zur „Energieabschlagsrechnung“, heißt es dreimal: „der letzten 3 Monate“. Verweist dies stumpfe Insistieren auf eine bestimmte Frist, die doch etwas Akzidentielles ist, auf das existentielle Faktum einer nur noch kurzen Lebensspanne?
Es ist die Frage, wie sich der vergleichsweise geheimnislose Duktus dieses Gedichts in die im übrigen ganz und gar verschwiegene, alle Deutlichkeit meidende Erzählung von Siechtum, die Ohne Tiere vielleicht ist, einfügt. Hat es zu tun mit dem Spruch, den der Rezensent früher seinen Vater sagen hörte: „Formulare, Formulare, von der Wiege bis zur Bahre“?

„Alles vollgesogen von Tod[.]“, heißt es im unmittelbar nachfolgenden Gedicht. Darin und an anderer Stelle gibt es Hinweise auf Bettlägerigkeit und den damit verbundenen eingeschränkten Bewegungs- und Aktionsradius: „Gestern Lichter gefilmt, so lange es ging, aus dem Bett durch / das dreckige Fensterglas […].“ – „Verschiebungen stellen sich ein, auch wenn sie im Bett / liegen bleibt.“ – Doch letzten Endes bleibt Ohne Tiere schwer zu deuten, zumal nicht auf eindeutige Weise. Immerhin lässt sich sagen, dass es Texte am Krisenpunkt sind. „Eine Leere hat sich ergeben[.]“, „Entwürfe habe sie nicht, sagte sie[.]“, „Transparente Hüllen verschwinden wie eine Illusion“, „[D]as Wildern für heute vorbei“, „Hier ist Exit“: Es sind dies alles Formulierungen des Aufhörens, des Nichts oder des Nichtlänger – und wenn dann doch einmal ein Lächeln vorkommt, dann ist es eines, „von / dem man sich nichts mehr versprechen kann // nichts“.

Im folgenden sollen drei Texte näher betrachtet werden.
Das humorvolle und auch anrührende Dialogstück „PAR CŒUR“ beginnt mit einem szenischen Hinweis: „Hagen, durchgesessenes Sofa. 90 und 89, aus Ulmumgebung verzogen, beim Anschauen von alten Photographien“. Die Stadt Hagen ist also Ort des Geschehens: Zwei uralte Leute sitzen auf einem durchgesessenen Sofa und blättern in einem Photoalbum und erinnern sich an früher. Das Erinnern wird jeweils durch den Staunlaut „oO“ eingeleitet. Jeder der zwölf Verse beginnt so und vermittelt auf diese Weise, dass die alten Leute das Gesehene identifizieren und in gewisser Weise begrüßen, ihm neu begegnen, es in ihrer Erinnerung erneuern, ihm auch – wo Auslassungspunkte folgen – schweigend nachsinnen.

oO(Desch is der Hirschwirt g’we’en, Karl)
oO(den hen i au no‘ gut g’kennt)
oO(…)
oO(…)

Der Großbuchstabe wäre normalerweise an erster Stelle zu erwarten; indem er an zweiter Stelle steht, wird „oO“ als Notierung kenntlich – zumindest ist anzunehmen, dass das große O lauter artikuliert wird als das kleine, und beide O’s miteinander verschliffen werden.
Wer die beiden sind, die sich da gemeinsam erinnern, bleibt offen. Vielleicht sind es Eheleute (dann wäre Karl der Name des Ehemanns, und nicht der Name des Hirschwirts), vielleicht Geschwister oder Nachbarn – sicher ist nur, dass sie Erinnerungen an früher teilen.
Nur am Rande sei erwähnt, dass Doppel-O in der Schreibung o.O. auch für „ohne Ort“ steht und in bibliographischen Angaben verwendet wird. Es ist außerdem die Abkürzung für „ohne Obligo“: ohne Haftung, ohne Gewähr. Beides spielt aber für das Gedicht keine Rolle, auch nicht als versteckter Hinweis darauf, dass das Erinnern der beiden Alten unter Umständen Irrtümer einschließt.
„Par cœur“ heißt wörtlich „mit dem Herzen“. Im Deutschen wird es mit „auswendig“ wiedergegeben; treffender wäre „inwendig“.
„Connaître quelque chose par cœur“ (im Titel auf die beiden letzten Wörter reduziert) wäre so einerseits „etwas auswendig kennen“, andererseits „etwas im Herzen tragen“, „etwas verinnerlicht haben“ – da hätte es einer photographischen Erinnerungsstütze wohl gar nicht bedurft.
Die Ulmer Photographien treten zum Ende des Textes dann auch ganz in den Hintergrund, zugunsten der Hagener Gegenwart, in der das gemeinsam Erlebte und gemeinsam Bestandene aufgehoben ist und eine alte Liebe speist. In dieser vermischt sich das „PAR CŒUR“ mit dem lautlich naheliegenden, wenn auch nicht ausdrücklich erwähnten, Parcours, der – wörtlich übersetzt – „durchlaufenen Strecke“.

oO(i bin nimmer viel wert.)
oO(Hauptsach‘, du bischt noch da.)

oO(…)

Ist in diesem Dialektgedicht die Situation einigermaßen deutlich, so stellt sie sich im folgenden lapidaren, ‚einsilbigen‘ Text als unergründlich dar. Jeder erzählerische Ansatz ist getilgt:

[hier kann der Text nicht geheilt werden]

Eckige Klammern werden in der Regel für ergänzende, erläuternde Einfügungen gesetzt. Die Worte scheinen sich also auf einen anderen – realen oder fingierten – Text/Kontext zu beziehen. Möglicherweise ist der Bezug der letzte Vers des vorherigen Gedichts: „Und schon splittert’s.“
Oder sind pauschal die anderen Texte aus Ohne Tiere die Referenz? Oder heißt „hier“: in der Schrift?
Noch interessanter ist die Frage, was das Verb „heilen“ zu bedeuten hat.
Ist der Text der Kranke, oder ist er die Krankheit (die Wunde)?
Anders gefragt: Geht es darum, den Text ‚gesund‘ zu machen, oder ihn zum Verschwinden zu bringen, oder ihn von etwas Schädlichem zu befreien?
Vielleicht spielt bei „[hier […]]“ das hinein, was Jan Kuhlbrodt in seiner Besprechung von Venice singt als das Dilemma einer Dichtung festhält, die auf „die Vielfalt semantischer Möglichkeiten am Rande der Sprache“ abzielt:
„Sprache wird niemals zum reinen Geräusch, andernfalls hört sie auf, Sprache zu sein. Die Semantik hängt ihr an […].“
In dieser Lesart wäre das Schädliche der Wortinhalt, den die Wortform immer mit sich trägt – wie abgerockt auch immer.
Das (auch gemäß der Anordnung im Buch) folgende Gedicht scheint direkt hierauf zu antworten, denn es beginnt mit dem Terminus „Therapie“. – Die Heilbehandlung für den an seiner semantischen Last krankenden Text sieht vor, gar nicht mehr zu schreiben, und stattdessen zu zeichnen, ohne dass dies ausdrücklich benannt wäre; aber auch das nicht gesagte, geschriebene, Wort ist Teil der Aussage, wenn die tatsächlich geäußerten Worte – und der sie liest oder hört – dies wollen.

Therapie

erst Linien, dann Kreise, dann Häuser, dann Wolken
dass nichts

uneindeutiger        sein kann

Beuys‘ Diktum „Auch wenn ich meinen Namen schreibe, zeichne ich“ gilt ebenso in der Umkehrung: Das Zeichnen ist wieder ein Schreiben und Aussagen, weil auch das Gezeichnete etwas bezeichnet (Linien, Kreise, Häuser, Wolken) und ein Bezeichnendes im Schlepptau führt.

Abschließend ein Wort zur Buchgestalt. Die Anmutung des Bändchens ist harsch. Der weiße, glänzend-glatte Einband vermerkt nur den Namen der Autorin, Titel und Verlag / Verlagsort. Innen kommt der Copyrighthinweis hinzu, und der Vermerk: „Printed in Gemany“ – keine Genrebezeichnung, keine Textnumerierung, keine Seitenzahlen, keine biographische Notiz, kein Bild. – Es ist aber gerade diese auffällige und unüblich gewordene Abwesenheit von Paratext (ausgenommen Titelei und Impressum), die die Textpräparate voll zur Geltung kommen lässt und ihnen alle nötige Aufmerksamkeit sichert. –

Meinolf Reul

Sonja vom Brocke, Ohne Tiere. Gedichte. [Ohne Paginierung, 40 Seiten]. Broschur. 20,5 x 13 cm. Verlag Heckler und Koch, Berlin 2010. 7,00 Euro

Christoph Wenzel weg vom fenster

Mit freundlicher Genehmigung von Hendrik Jackson veröffentliche ich an dieser Stelle drei Kritiken aus den Jahren 2012 und 2015 zu Ann Cotten, Sonja vom Brocke und Christoph Wenzel. Diese sind nach wie vor auch bei lyrikkritik.de nachzulesen – man muss ein bisschen suchen -, die betreffenden Archive sind hier (2004-2012) und hier (2014-2017) verlinkt.
Nach A.C. gestern, geht es heute weiter mit C.W. (2012).

Lange belichtet, guter Abzug. weg vom fenster, Christoph Wenzels dritter Lyrikband

31 Gedichte versammelt weg vom fenster, Christoph Wenzels, nach zeit aus der karte (2005) und tagebrüche (2010), dritter Lyrikband. Der Titel kündigt es schon an: Wenzel wirft einen Blick auf Westfalen und Münsterland als ehemalige Bergbauregionen. Die Alten, die nach Abschluss ihrer Berufslaufbahn mit Staublunge am Fenster saßen, um ihre Atemnot zu lindern – und eines Tages gestorben, „weg vom Fenster“ waren: sie sind die proletarischen Penaten, die über die meisten dieser Texte wachen, in denen sich soziologische und poetische Genauigkeit verbinden.
Der Band beginnt mit einer Erinnerung an einen Sommer – Sex, Aufräumen der Festplatte, Fensterputzen; eine leichte Intro. Die letzten Verse sprechen von „den farbverläufen / dem aufgehobenen fraktionszwang eines sonnenuntergangs“ und leiten über zu den „deklinationen der sonne“ des nachfolgenden „fièvre marrakechien“. Marrakesch markiert den topographisch fernsten Ort, der in weg vom fenster beschworen wird. Das titelgebende Fieber äußert sich in Empfindungen von Kälte und Hitze; „schnee“ und „feuer“ treffen sich auf der Haut des Kranken, von draußen schallen Hahnenschrei, das Flötenspiel eines Schlangenbeschwörers und der Ruf des Muezzin herein bis an sein Lager: ein Fieberbild, wie geträumt.
Von Marrakesch geht es nach Amsterdam und an die Nordsee: „lenkdrachen drehen an der sichtbarkeit / des windes – ihr motorengeräusch und / der klang alter scharniere mit dem die vögel / […] rufen“. Schafe auf dem Deich, Seesalz, das in der Luft liegt und, „lungengängig“, vielleicht den Husten lindert, der in den Bronchien überwintert hat: So schön ist ein Tag am Meer, und man bekommt Lust, hinzufahren.

Zentral der zehnteilige Zyklus „das schwarzbuch die farbfotos“, für den Wenzel beim diesjährigen Lyrikpreis Meran ausgezeichnet wurde. Ein Album in Worten, in dem in dokumentarischer Präzision eine kleine Welt fortlebt, die über Jahrhunderte für die Region zwischen Ruhr, Lippe und Emscher prägend war.
Gute Gedichte sind – nicht prinzipiell, aber oft – auch Wortaufbewahrungsstellen, und so finden sich im „schwarzbuch“ spezialsprachliche Begriffe wie „kaue“, „sauberjunge“, „strecke“ (waagerechter Grubenbau, der von einem anderen Grubenbau ausgeht), „grubensocken“ (auch als Pütt-Socken bekannt), die, untermischt mit Regiolekt („lorenz“ für „Mond“, „jaust“ für „Bengel“, „klümmchen“ für „Bonbon“) und Soziolekt („vadda“, „pulle“), eine Quasi-O-Ton-Qualität und -Funktion haben. Die erwähnte soziologische Genauigkeit kommt auch und vor allem da zum Tragen, wo die Texte vom Alltagsleben und von den Hobbies der Bergarbeiter handeln, dem Brieftaubensport zum Beispiel (Wenzel hat dessen Sprache recherchiert und u. a. für das IX. Gedicht des Zyklus‘ („BERGAUF“) fruchtbar gemacht.) Kein Wunder eigentlich, dass die Männer, die ihr Arbeitsleben unter Tage verbringen („schwarze ringe / um die augen um die nase eine blässe glänzend“), in ihrer Freizeit „kröpper“ und „duwen“ in den Himmel werfen, dessen „dürre lichtausbeute“ 1961 Thema einer Wahlkampfrede Willy Brandts war: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“ (Hinweis und Zitat finden sich in einem Glossar am Ende des Büchleins.)
Typisch auch der „pitter“ (Schrott- bzw. Lumpensammler) (VIII), und natürlich der Bolzplatz (VI): eine „abstiegsgefahr“ bestand schließlich nicht nur in Bezug auf den Bergbau; da aber besonders: „manch guten kameraden deckt / schon längst der grüne rasen“, zitiert Wenzel einen einschlägigen Vers.

Zwei thematisch verwandte Gedichte, die mit vier weiteren aus dem vorherigen Band, tagebrüche, übernommen wurden, „GLÜCK AUF“ und „NEUE HEIMAT“, leiten über zu Texten, in denen sich Wenzel seiner westfälischen Heimat in Erinnerungsbildern nähert. Sie weiten den Blick in die Landschaft und in die neue Zeit, in der die Industriekultur der Kulturindustrie Platz machte; Wenzel bringt den Strukturwandel in der Fügung „das ausgestellte förderrad“ bündig zum Ausdruck. Dem Leser kommen hier vielleicht die Becher-Photographien von Industriedenkmälern in den Sinn, oder die, zeitlich früher liegenden, Reportageaufnahmen eines Alfred Renger-Patzsch oder Heinrich Hauser. Photo-, auch filmkünstlerische Bezugspunkte sind in der Bauart der Gedichte selbst auszumachen. Überblendungen und Doppelbelichtungen verdichten und entwickeln die Worte und Bilder zu komplexen Sprachgebilden, die sich aber immer im Rahmen einer Linearität bewegen, nicht die Fragmentierung, sondern gewissermaßen eine ‚Sämigkeit‘ suchen. Die Bilder/Worte werden beim Lesen eins nach dem andern ‚angeschlagen‘, hallen nach, überdecken sich in einem Bildcluster.
„EIN INSEKTENSTICH“ mit seinen semantischen und syntaktischen Überlappungen ist hierfür ein gutes Beispiel.

Selten erliegt Wenzel der Versuchung einer Pointe – so am Schluss von „IM NICHTS HAUSEN“, das von einem Vers Ernst Meisters ausgeht. Pointiert sind Wenzels Beobachtungen ohnehin. Worte wie „trinkhalle“, „kühlturm“, „spannungsmasten“, „silos“, „kühe“ lassen im Kopf des Lesers Stadträume und Landschaften erstehen – Landschaften, von denen es an einer Stelle heißt, sie seien „wie kopfschmerzen“.

Eins der schönsten Gedichte des Bandes ist „spielplatz, abends, am kamp“. Die Jungs „ziehen hektisch an den zichten“, aus dem Sand „wachsen kippen, scherben“, „kronkorken“ blitzen im Abendlicht auf. Der öde Ort bietet Raum für „lachen“, „wut“, „harte debatten“, „ärger“. Die Kleineren gehen auf die Geräte. Vom Schaukeln bleibt ein „schwankend herz“, vom Karussellfahren „ein drehwurm, der noch anhält bis nach haus / zum abendbrot mit mutters dick mit / spätem licht bestrichnen kniften“.

// Meinolf Reul

Christoph Wenzel, weg vom fenster. Gedichte. 32 Seiten, Klappenbroschur. vorsatz verlag, Dortmund 2012 (roterfadenlyrik / Edition Haus Nottbeck, Oelde). 5,00 Euro

Ann Cotten Das Pferd. Eine Elegie

Mit freundlicher Genehmigung von Hendrik Jackson veröffentliche ich an dieser Stelle heute und an den folgenden Tagen Kritiken aus den Jahren 2012 und 2015 zu Ann Cotten, Sonja vom Brocke und Christoph Wenzel. Diese sind nach wie vor auch bei lyrikkritik.de nachzulesen – man muss ein bisschen suchen -, die betreffenden Archive sind hier (2004-2012) und hier (2014-2017) verlinkt.
Den Anfang macht heute der Text zu A.C. (2012).

Ich sah, ich lag richtig, allen im Weg

Die rund 350 Verse der Elegie Das Pferd haben mit einem Pferd so viel zu tun wie das Theaterstück Die kahle Sängerin von Eugène Ionesco mit einer kahlen Sängerin: „Übrigens, was macht die kahle Sängerin?“ – „Sie trägt immer noch dieselbe Frisur[.]“ – über diese Replik hinaus wird die Titelfigur weder erwähnt noch tritt sie gar selbst in Erscheinung.
Ähnlich hier: Zweimal kommt „Pferd“ vor, dreimal, wenn man das Cover mitzählt. Dennoch offenbart der Titel seinen Sinn, wenn es im vierten Vers heißt (mit dem das Tier dann vielsagend aus dem Buch verschwindet): „[A]lso bauen wir auf Pferde, die uns alles erklären sollen.“ Gerade dies jedoch kann und will die Dichterin nicht leisten – „erklärt wird nicht“ –, nicht von ungefähr reimt sie „kapiert“ auf „kupiert“.
Sie gibt aber den Hinweis auf den Science Fiction-Autor William Gibson, Verfasser der Neuromancer-Trilogie, bei dem ein ‚Pferd’ vorkomme, das „so etwas wie ein Datenhighway ist, ein Trip, eine virtuelle Identität, ein Wind im Cyberspace.“
Cottens Idee von einem Gedicht ist die eines Inkommensurablen, es soll ein unauflösbarer Rest bleiben, für jeden Leser ein anderer. Passend dazu ziert dann auch kein Pferd, sondern ein Rabenvogel, eine Dohle vermutlich, den Umschlag des Hefts (Zeichnung: Ann Cotten).

Warum überhaupt eine Elegie? „[W]as wollen wir von Elegien, außer sie näher / kennenlernen, ihren Kajal umkurven, voller Empathie“, fragt (ohne Fragezeichen) das lyrische Wir, das an wenigen Stellen von einem lyrischen Ich abgelöst wird, das aber ungreifbar bleibt: „Ich, weißt du wer das ist?“

Es scheint Cotten zunächst einmal darum zu gehen, die Tauglichkeit der Form zu prüfen. Rilke, Brecht haben im vergangenen Jahrhundert Elegien geschrieben, vielleicht lässt sich mit der alten Tante ja was anfangen. Cotten wählt einen guten Ansatz, um dem klassischen Modell Leben einzuhauchen: Sie nähert sich ihm ohne Scheu, respektlos, ein bisschen rotzig, sie befragt es, und sie befragt uns, die wir es lesen:
„Glaubt ihr, was ich da sage? Kann man euch jeden / letzten Scheiß in diesem angedeuteten Metrum einidrucken?“ (Wobei das österreichische „eini“ für „hinein“ und „drucken“ für „drücken“ steht, der Ausdruck also als „reindrücken“ zu lesen ist.)
Einige Verse darunter eine weitere Frage, die einen schrecklichen klaustrophobischen Verdacht formuliert:
„Kann man etwa vielleicht nur Fragen stellen in Elegien?“
Wenn die Form so eng ist, muss sie weiter gemacht werden. „Flegeln in Elegien“ wird als Losung ausgegeben.

Ein Charakteristikum der Elegie wird am Schluss des ersten Kapitels benannt: Sie sei „[b]estechend in ihrer Geschwätzigkeit, die sich aus einer Trauer / heraushebt.“
Das Motiv wird im dritten Kapitel aufgegriffen: „Sind wir geschwätzig? Dann lass die Geschwätzigkeit nützen! / Druckerpatrone, sei wie Ambrosia! […].“ Nun ist Das Pferd nicht gerade ein trauriges Büchlein, es hat Witz (nicht schenkelklopfend, nur unmerklich die Lippen verziehend), und es hat Grips, beiläufig, wie zum Spaß, oder wie um den Spaß nicht zu verderben.
Doch legt man Schillers „Das Distichon“ zu Grunde – „Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule, / Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab“ – dann scheint doch eher die herabfallende Bewegung vorzuherrschen, eben das ‚Elegische’.

„IDIOTEN. DISTICHEN“ steht in Versalien über dem allerersten Kapitel (fünf sind es insgesamt) und scheint den Buchtitel abzulösen. Es kommt hierin eine gewisse unwirsche Aggression zum Ausdruck, die immer wieder in den Versen auftaucht und die Trauer in Schach hält. Eine Aggression, die, mag sein, kurz davor ist, sich in Lachen aufzulösen, aber das Lachen kommt nicht, nur vielleicht ein angedeutetes Lächeln, fein genug, um noch das Trotzgesicht darin zu wahren.

Wenngleich es nicht einfach ist zu sagen, worum es in dieser Elegie geht – es scheint sich eine poetologische Position damit zu verbinden. Diese wird mit Streitlust vorgebracht, wie sie bereits in Cottens Essay „Etwas mehr“ aufblitzte. Die Kritik richtet sich gegen „die erschlafften Buntschriftsteller“ (welcher Typus sich auch immer dahinter verbergen mag) und die „grauen, verhärmten / eines Erfolges harrenden, oder auf Erklärung von oben spekulierenden / Betriebsheinis“.
Dies Austeilen könnte eine Pose sein, ein Knurren, um die Falschen abzuschrecken. Gewichtiger als autopoetische Aussage ist da schon eine Passage wie: „[…] Alles, was unausweichlich erscheint, / erschießen. Alles, was uns bemüht, behutsam / unterwandern, wollen es nicht verraten müssen, nie. / Diesen Gegenstand unserer Treue aber sezieren, / liebevoll also zu einsichtigen, landstrichartigen Scheiben / […] zusammenfügen […].“ Das heißt – könnte heißen –, Gedichte nicht für unmittelbare Tagebuchnotate missbrauchen, sondern im Gegenteil das, was ausgesprochen zu werden sich aufdrängt, weglassen, krasse Unmittelbarkeit vermeiden. Abgekühlt, seziert, transformiert lässt sich etwas mit dem „Gegenstand unserer Treue“ anfangen.
„In der Kunst sollte es keine Aufgeregtheit geben. Wahre Kunst ist kalt“, Schönberg dixit. Oder Schwitters („Banalitäten aus dem Chinesischen“): „Nicht alles, was man Expressionismus nennt, ist Ausdruckskunst.“
Die Sentenz, die das vierte Kapitel einleitet, weist in dieselbe Richtung: „Ist dir die Schulter kalt? Zieh dich doch vollständig aus. / Diese Kälte ist mehr, und du bist eine faule Grenze.“ ‚Faule Gans’, klingt da durch, Bequemlichkeit und Dummheit gleichermaßen schmähend, und wirklich: Eine Einladung zu Lauheit ist dies nicht. In „gemächlichen Zimmern“ sitzen, „Verse verbiegen, zu veristischen Posen“, „einsichtig, schön und zugedeckt gerne von leichterem Greinen“ – das sind doch halbe Sachen! Mörikes („Gebet“) „Doch in der Mitten / liegt holdes Bescheiden[.]“ würde Cotten jedenfalls nicht unterschreiben.

Hingegen spricht aus manchen Versen der Geist der Revolte. So überlegt das lyrische Wir, „was […] auf die Feuermauern geschrieben gehörte.“ Die Gattungsbezeichnung „Elegie“ wird bald verworfen und durch „Kampfschrift“ ersetzt, das Wort „Revolution“ blitzt auf, „ne heiße Botschaft von Marianne“ wird imaginiert – Marianne, die Freiheitsgestalt, Personifikation der französischen Republik (die berühmteste Darstellung jene von Delacroix, „La liberté guidant le peuple“, 1830 [Die Freiheit führt das Volk an]). Auch die „Locken“ scheinen ihre aufmüpfige Bedeutung zu haben.

Reminiszenzen ans Kino (Der dritte Mann), an eine Kindheit in den USA – eine wunderschöne Passage, mit einem ironischen Schlenker zum Schluss: „Die Cowboys / werden sentimental und hören / tiefe Balladen von Greenhorns und schluchzen total.“ Es kommt dann ein schön und liebst genannter Genosse ins Spiel, „der ihn immer wacker hinhält für die hochfahrenden Frauen“, und der damit leben kann, dass „wir lieber provisorisch, / […] und immer schlechte Liebhaber sind.“
Heine zitierend, reimt Cotten „gebissen“ auf „Küssen“ – bei ihr kommt noch ein „gerissen“ hinzu, das dem Genossen zugeschrieben wird („dem mit der Fahne, mit dem gerissenen Witz“). Die subtile Emotionalität, die in diesen Versen enthalten ist, würde dem Zeitalter der Empfindsamkeit zur Ehre gereichen, doch wird dieser Kontextrahmen auch gebrochen, etwa durch die beiläufige Einfügung des Worts „wichsen“.

Überhaupt, die Wörter – nicht alle sind sie elegiabel (oder doch?): „Arschlöcher“, „Flittchen“, „Furzkissen“, „Problemstellencoach“… „[G]elernte Prinzessin“ klingt beleidigend, immerhin. Dies Feuer tut der überkommenen Gedichtform gut.
„Kunst braucht mehr Zähne“, hat der Rezensent an anderer Stelle proklamiert. Nein, die Elegie ist nicht tot, dies beweist Ann Cotten mit Das Pferd aufs schönste, auch wenn es kaum in ihrer Absicht gelegen haben düfte, irgend jemandem irgend etwas zu beweisen, es sei denn sich selbst. Keck ließe sich behaupten: Das Werk ist die Lebendmaske der Konzeption.
So frisch liest es sich.
Es ist natürlich auch kein „Alterswerk“ wie bei Brecht (Buckower Elegien) oder Goethe (Marienbader Elegien) – die Autorin war in ihren Zwanzigern, als Das Pferd erschien. Auch birgt es kein „Altersweh“, wie es in einem schönen Parallelismus heißt, „sondern ein Tangieren / dessen, was uns schmerzen wird und auf eine Weise schon schmerzt. […] Und die Zeilen ragen / raus wie kobaltblaue Fäden aus etwas längst Geheiltem.“
Sehr gut gesagt, und schön.

Am Anfang der Elegie heißt es: „Gott, wie bräuchten wir andere Vokabel […].“ Das macht stutzig, es müsste doch da stehen: „andere Vokabeln“!? Ein Druckfehler vielleicht? Doch bei der Sorgfalt, die der SuKuLTuR Verlag in seine Heftchenreihe „Schöner Lesen“ und in seine übrigen Publikationen legt, ist das wenig wahrscheinlich. Also, wer von einer déformation professionelle betroffen ist, kringelt sich das ein und fährt mit Lesen fort – um am Ende auf die Verse zu stoßen:
„[…] und ich scheute mich nicht mehr vor dem Vokabel / dieser gescheiterten Maße, ich sah, ich lag richtig, / allen im Weg.“
Und nun wird auch klar, wie das (!) „Vokabel“, das „allen im Weg“ liegt, zu lesen ist, nämlich als Verschmelzung aus „Vokabel“ und „Kabel“, als Kontamination.

Das ergibt Sinn: Elektrisierte Wörter, elektrisierend. Leichtes Krisseln, Knistern, der Geist auf Empfang.

// Meinolf Reul

Ann Cotten, Das Pferd. Elegie. 20 Seiten, geheftet. Mit einer [Umschlag-]Zeichnung der Autorin. SuKuLTuR Verlag, Berlin 2009. 1,00 Euro (Reihe „Schöner Lesen“, Nr. 84). Der Band ist zum Preis von 0,99 Euro auch als E-Book erhältlich.

Weißer Tee

Auf der Straße war der Schnee vereist. Ich sah das Nachbarskind mit einem Hammer vorsichtig zuschlagen.
Eispfützenforschung, unter dem harten Auge der Krähe.
Mit dem Neuschnee war es schnell wieder vorbei, aber es ist ja schön, dass der alte an vielen Stellen liegengeblieben und nicht abgeschmolzen ist.
Ich erinnere mich, dass es in meiner Kindheit Winter gab, in denen man im Schnee waten konnte. – Auch wenn diese Winter vorbei zu sein scheinen: Ich habe es in den vergangenen Tagen genossen, das Knautschen oder Knacken wiederzuhören, das beim Gehen über Eis und Schnee entsteht. Ja, das ist ein schönes, menschenfreundliches Geräusch, so wie das Rascheln, wenn man durchs Laub schuffelt, das Rieseln von Birken bei leichtem Wind.
Sicher gibt es Leute, die unter Schnee leiden, meine griechische Arbeitskollegin hasst Schnee sogar, aber für mich … von mir aus könnte es den ganzen Winter über Schnee geben, und im Herbst dicken Nebel!

„Die grelle Helle des Bewusstseins dämpfen” lief als Laufschrift über den Monitor meines Profs, damals in Köln.

Kein Neuschnee also, aber wenn ein Vogel über die Dachrinne lief, rieselte es fein herab und die Schneekristalle schienen kurz in der Sonne auf wie ein Mückenschwarm oder ein verborgenes Spinnennetz, wenn ein Finger Licht es trifft. [Ich habe überlegt, dass dies wahrscheinlich Kitsch ist … Na, und wenn schon. Außerdem, in der Weihnachtszeit ist Kitsch erlaubt, und Mariä Lichtmess ist ja erst morgen.]
Im Garten verschiedenfarbige Weißtönungen, aber dann auch das Amselchen mit seinem gelborangen Schnabel: saß da artig auf der Stufe – eine indirekte Aufforderung, Rosinen nachzustreuen? Davon hat der weiße Mensch ja offenbar viele auf Lager, liegen jedenfalls immer welche parat, nah bei dem Nadelbaum, dessen Namen ich nicht kenne, von dem aus die Meisen zum Vogelhaus starten. Da gab’s auch ein Huschen, nur im trockenen Rascheln der momentlang verwirbelten Blätter erahnbar. Könnte ein Mäuschen sein.

Ich habe mich an einem Übersetzungswettbewerb beteiligt. Der Freund, den ich um Korrekturlesen gebeten hatte, überraschte mich auf halbem Wege mit der Mitteilung:
Lieber Meinolf,
ich fürchte, jetzt werden wir Konkurrenten im edlen Wettstreit: Gestern nacht kam mir die Idee, selber den Handschuh in den Ring zu werfen […].

Gestern war auch die Meldefrist für die VG Wort, bei der ich mich im vergangenen Jahr angemeldet hatte, um einen kleinen Ertrag aus meinen ertragslosen Arbeiten zu gewinnen.

Wann geht eigentlich kookbooks wieder online? [shaking my head]

Wie auch künftig an jedem ersten Montag im Monat, habe ich heute frei. Das hatte ich mir ja gewünscht: mehr Zeit zum Spielen zu haben, und ich bin zufrieden mit mir, dass ich dies so effektiv in die Tat umsetzen konnte.

Die Firma hatte uns ein Paket geschickt, darin waren unter anderem ein Gameboy (kann da jemand was mit anfangen?), ein Hoodie und eine Packung mit Teekugeln („Erblüh-Tee”).
Eine Kanne Weißer Tee ist an einem frostigen Tag genau das richtige! Irgendwann im Laufe des Jahres darf ich hoffentlich auch wieder ins DaBangg, Maulbeerblütentee trinken.

Glossar
schuffeln = h. intrans. mit »haben«, -ef- drübergleiten, nicht tief pflügen, vom Pfluge Monsch-Rollesbr; -uf- mit »sein«, ohne gehöriges Schuhwerk gehen, schluffen Monsch-Stdt; heropsch. Mörs-Rheinbg. — Abl.: die Schuffel(er)ei, dat Geschuffel(s). – Rheinisches Wörterbuch

Tinte

Ich war schon drauf und dran, in die Fußstapfen meines Großvaters mütterlicherseits, Heinrich Schröer (1875-1951), zu treten und einen Liter Pelikan-Tinte zu kaufen.
Die schöne Glasflasche aus den 20ern (geschätzt) ist leider in einer meiner ehemaligen Kevelaerer Wohnungen verblieben.
1000 ml, diese Abfüllmenge kommt längst in Plastik.
Aber dann fand sich in dem Schränkchen mit Schreibkram – Bleistifte noch aus Rom, Einwickelpapier mit Spuren abgelöster Tesastreifen, Beutelklammern, Couverts, Blankokarten, Schreibblöcke, Radiergummis – ein noch nicht angebrochenes 30 ml-Glas. Damit komme ich erst einmal weiter.

Manchmal frage ich mich, ob ich hinsichtlich meiner Lebenserwartung mehr nach meiner Mutter (mit 76 Jahren gestorben) oder nach meinem Vater (mit 96 Jahren gestorben) komme. Das kann mir natürlich kein Schwein sagen.
Wenn ich es wüsste – würde es Veränderungen in meiner Lebensführung nach sich ziehen? Vielleicht. Wahrscheinlich nicht. Doch wäre es nicht so oder so schlau, mit einem kurzen Leben zu rechnen? Wahrscheinlich. Vielleicht nicht.

Das Arbeiten von zu Hause wird wohl noch einige Monate andauern.
Ich gehöre zu den Glücklichen, deren Erwerbsleben bruchlos weiterläuft, mit dem zusätzlichen Vorteil, keine zwölf Stunden Wochen-Fahrtzeit mehr zu haben. Mein Radel (Curtis) kann durchschlafen im Schuppen. Auch für die Vögel schön, die nun mehrmals täglich Futter kriegen statt nur einmal, morgens. – Nicht für die halbstündigen Teambesprechungen, aber für die ‚geselligen’ Events, die ebenfalls über Computer laufen, habe ich wegen einer Webcam nachgefragt. Deepu kümmert sich.

Den Freundinnen der Rubrik Zehn letzte Lektüren und zwei aktuelle muss ich die ernüchternde Mitteilung machen, dass die langsame Umschlagbewegung dort vorläufig zum Ruhen gekommen ist. Manche Bücher brauchen eben Zeit.

In der Wikipedia, die ich in ihrem zwanzigsten Jahr erstmalig mit einem kleinen Geldbetrag unterstützt habe, lese ich über Herrn Spinozas Erkenntnistheorie:
„Spinozas Konzept von rationaler Erkenntnis ist von einem ungetrübten, radikalen Optimismus bezüglich der Fähigkeiten des menschlichen Geistes gekennzeichnet. Er meinte, wir könnten nicht nur sämtliche Geheimnisse der Natur klären, sondern auch Gott adäquat erkennen.”
Auch darin ist er ein guter Schüler Descartes‘, der ein Vierteljahrhundert vor der „Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes” (Tractatus de intellectus emendatione, 1661/62) seinerseits eine „Methode des richtigen Vernunftgebrauchs” (Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, & chercher la vérité dans les sciences, 1637) veröffentlicht hatte, in der er so ungefähr sagt: Bitte, Leute, vergesst nicht, dass ich nur sehr wenig weiß! Allerdings habe ich die Hoffnung, noch alles lernen zu können. („[J]e veux bien qu’on sache que le peu que j’ai appris jusques ici n’est presque rien, à comparaison de ce que j’ignore, et que je ne désespère pas de pouvoir apprendre.”) Eine schöne Mischung aus Demut und Größenwahn.

Nach dieser Textwüste wäre jetzt eigentlich ein bisschen Musik fällig, aber mir fällt gerade nichts ein. King Hannah (Meal Deal), die neulich nachts im Radio liefen, machen zwar süffige Musik, aber ich hab’s auch schon mal gehört.
Übrigens wird diese Richtung, Stimme vor Breitwand-Gitarren, shoegaze genannt – angeblich, weil ihre Vertreter auf der Bühne schüchtern auf ihre Schuhe starren, tatsächlich aber wohl, weil auf dem Boden die Effektgeräte stehen (die sie mit ihren Schuhen an- und ausschalten). Tanukichan zählt auch dazu.
Der neue Song von Billie Eilish und Rosalía, Lo Vas A Olvidar, ist gut, aber merkwürdig richtungslos.
Also: Heute keine Musik.

Morgen Blaue Tonne

Von Ray eye – Photograph by Ray eye, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2192065
Als Überraschungsgast tauchte gestern ein rotes Eichkatzerl (ab und zu österreichische Wörter verwenden!) an meinem Fenster auf, Luftlinie 1 Meter vom Bildschirm entfernt, oder weniger. Was es da wohl knusperte? Doch hoffentlich nicht den abgesprungenen Lack? – Wusste gar nicht, dass das Fensterbrett zum Spielfeld gehört. Sonst turnen sie immer auf der Kiefer herum, rennen über den Metallzaun oder kreuzen huschend-wuschend die Straße, auf deren anderer Seite noch viel mehr interessante Bäume stehen (Kiefern, Kiefern).
Aber gut, dachte ich mir, griff die Erdnusstüte, ging nach draußen und: „Jetzt guck!” sagte ich franziskanisch zum Eichhörnchen, das oben auf dem zusammengeklappten Fensterladen saß.
Es jagte davon.
Ich ließ mich nicht davon beeindrucken und streute einige Erdnüsse aufs Blech, für einen nächsten Besuch. (Die Meisen dürfen sich auch bedienen.)

Das Januar-Konzert von Mary Halvorson (mit Sylvie Courvoisier) in Berlin ist – erwartungsgemäß – abgesagt worden.
Es gibt aber einen neuen Termin, am 23.4.: dann treten Myra Melford, Mary Halvorson, Ingrid Laubrock, Tomeka Reid und Susie Ibarra im Maison de France auf – wenn’s dabei bleibt.

Dieser perfekte Song ist aus dem Album Code Girl (2018) von Mary Halvorsons gleichnamiger Band – ein ausgezeichnetes und, mit einer Spieldauer von eineinhalb Stunden, ziemlich ‚üppiges’ Werk. (Die Sängerin ist Amirtha Kidambi.) Wer mehr hören will, sei auf das epische Storm Cloud verwiesen – toll! Aber, wie gesagt, Code Girl als ganzes ist absolut zu empfehlen, und das Nachfolgeralbum Artlessly Falling (2020) auch.

Zur Abwechslung habe ich zuletzt ein mir bislang unbekanntes Buch von Baruch de Spinoza gelesen: Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes.
„Spinozas unvollendet gebliebene Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes (1661/62) bildet eine – unter praktischem Aspekt – unerläßliche Einführung zur Ethik: denn nur hier hat Spinoza sich die Aufgabe gestellt, dem Laien zu zeigen, daß der Aufstieg aus dem Irrtum zum Wissen möglich und methodisch nachvollziehbar ist.” (Klappentext)
Die Datierung, die Übersetzer und Herausgeber Bartuschat hier mit Pokermiene ausspielt, ist durchaus umstritten. In der Einleitung wird dies genauer dargelegt. (Ich glaube ihm aber.)
Ich werde noch bei Spinoza bleiben (der einzige neuzeitliche Philosoph, neben Descartes, der mich interessiert) und mit dem Kurzen Traktat über Gott, den Menschen und dessen Glück fortfahren.
„May you be even closer to what’s important to you”, hatte meine brasilianische Arbeitskollegin auf ihre selbst gestaltete Glückwunschkarte (Feliz Ano Novo) geschrieben.
Ich glaube, dass meine sehr amateurhafte Beschäftigung mit dem Werk dieses Herrn mit dazugehört.

Hinsichtlich der Pandemie richte ich mich darauf ein, bis mindestens April einschließlich entweder ganz oder doch wenigstens überwiegend von zu Hause zu arbeiten.
(Zum Glück sind nun auch die Haslacher Filzpantoffeln eingetroffen!)
Der Ethikrat hat ja entschieden, dass zuerst die Alten geimpft werden, die aber am wenigsten Sozialkontakte haben. Wohl auch deswegen ist die Ansteckungsrate seit Beginn des Jahres kaum gesunken und wird vermutlich auch so lange hoch bleiben, bis weite Teile der jüngeren Bevölkerungsgruppen ebenfalls geimpft wurden (wenn sie es denn wollen). – Bedauerlicherweise sind grundlegende Parameter des Pandemiegeschehens unbekannt, z.B. wo Infektionen erfolgen, oder welche Virusvariante bei den Erkrankungen jeweils vorliegt. Solange dies so ist und die Zahl der Neuerkrankungen pro Hunderttausend Einwohner bei über 130 liegt, wenn weniger als 50 angestrebt werden, oder gar 0 (wie Zero Covid fordert), solange aktuelle Daten per Fax an das Robert Koch Institut geschickt werden (aber auch nicht jeden Tag), viel zu wenig getestet wird, S- und U-Bahn-Türen sich nur auf Knopfdruck öffnen und so weiter, glaube ich, dass wir nicht weiterkommen.
Um mir mache ich mir keine Sorgen, aber wie geht es den Obdachlosen bei all dem? (Zum Beispiel.) Was macht Nemo?

Ich verlinke hier zum Schluss einen Beitrag des Meteorologen Simon Trippler vom Deutschen Wetterdienst, der sich fröhlich liest und eine Reihe schöner, poesiefähiger Wörter rund um den Schnee enthält: Schneedeckentage, schneesicher, Stundenschnee, Neuschnee, Berglandwinter.
Endlich der erste Schnee!

Genug ist genug ist genug

Gut, hinsichtlich meiner eigenen digitalen Repräsentation nutze ich seit Jahr und Tag die Karikatur, die Christian Schulteisz einmal von mir und meinem Aufpass-Kater Harli gezeichnet hat. Ich würde sagen, wir beide haben uns seither wenig verändert, nur dass Harli jetzt wahrscheinlich in einem jüngeren Band von Warrior Cats liest, wenn er nicht im Hof unterm Auto kauert und mit rußigem Fell die Spatzen belauert.
Für meine Bandcamp-Seite, auf der mehr los ist als hier (näh, ich übertreibe), verwende ich ein Farbfoto, das mein Bruder Bernward geschossen hat, das sieht mir auch ziemlich ähnlich. Seit B. mich, selbst erst zehn Jahre alt, als Zweijährigen zum ersten Mal fotografiert hat, ist er es erstaunlicherweise noch nicht müde geworden, weitere Lichtbilder von mir herzustellen. Dann man tau.
(Tip: Mindestens je ein Stück meiner 54 daungelodeten Alben – ich verdeutsch es mal – ist auch für Nicht-User hörbar. Wer die Nerven hat – denn man braucht Nerven dafür – kann sich einmal das Stück Heavy Mental zu Gemüte führen, von Tim Berne und seiner Band Science Friction, eine weitere Entdeckung, die ich der jüngsten „The Playlist” der New York Times verdanke: Taylor Swift’s Ode to Moving On, and 9 More New Songs, in diesem speziellen Fall dem Musikkritiker Giovanni Russonello. (Ich hoffe, der Beitrag ist frei zugänglich.) Das s/w-Porträt von Taylor Swift (von Beth Garrabrant) ist bezaubernd, aber ihre Musik, auch wenn die letzten beiden Alben allgemein sehr gut bewertet wurden und in den 2020er Jahreslisten mit Bestnote abschnitten, ist mir zu glatt.)

Mir fiel noch ein, da ich gestern die Amsterdamer Designerin erwähnte, dass vor einigen Tagen irgendwo von einem Modeschöpfer berichtet wurde, ebenfalls Niederländer, Bas Timmer mit Namen, der warme und wasserabweisende Winterjacken mit Schlafsack für Obdachlose herstellt und kostenlos an diese verteilt (was natürlich nur dank Material- und Geldspenden möglich ist). Sheltersuit heißen die Teile, die schon viele auf der Straße lebende Menschen vor dem Frieren (und Erfrieren) bewahrt haben.
Bas Timmer hatte davon geträumt, klassische Outdoorkleidung zu machen, aber es kam anders.
Obdachlosigkeit ist ein unüberschaubar großes Problem, im Lager Lipa in Bosnien ebenso wie in Berlin oder Los Angeles. Darum: Bravo!

Weiter mit den nützlichen Erfindungen: Der Aachener Verein Pacific Garbage Screening, der sich einer anderen riesenhaften Aufgabe verschrieben hat, nämlich Flüsse und Meere von Plastik zu befreien, hat sich einen neuen Namen gegeben: everwave. Einen guten Eindruck von der praktischen Arbeit dieser Initiative gibt dies Video:

Mir gefällt der umfassende Ansatz von everwave – dass sie beispielsweise auch auf Umweltbildung setzen.
Keiner kann die Welt retten, aber alle müssen es versuchen!