Es gibt auch gute Nachrichten

Zum Beispiel: In Brasilien gehen die Leute gegen Jair Bolsonaro auf die Straße. (Er lebt noch, das ist die schlechte Nachricht.) Oder, aus hiesigen Breiten: everwave hat in der Weser erfolgreich eine Plastiksammelplattform getestet:

Es wird Zeit, dass diese Teile serienmäßig produziert und rund um den Globus zu Wasser gelassen werden, denn – okay, wieder eine schlechte Nachricht – allein in China fallen jeden Tag 240 Tonnen Kunststoffabfall an.

Am 26. September finden die Wahlen zum 20. Deutschen Bundestag statt. Nach dem, was man hört, hat der Kandidat der CDU/CSU gute Aussichten, Angela Merkels Nachfolge anzutreten. Hoffentlich täuschen sich die Kommentatoren. Soeben einen taz-Artikel über die rechte (!) Hand der Frohnatur gelesen, heiliger Bimbam! Hier, für Freunde des Horrors: Die rechte Hand Laschets. Nathanael Liminski in NRW.
Meine Stimme kriegt er nicht, der lustige Rheinländer.
Leider bin ich mit meiner Entscheidungsfindung noch nicht viel weiter.
Als Bundeskanzler wäre mir Scholzi am liebsten, muss ich sagen. Bedauerlicherweise schwächelt seine Partei sehr, prozentual. Dabei haben er selbst, aber auch Arbeitsminister Hubertus Heil und Umweltministerin Svenja Schulze (die mir mit ihrer penetrant guten Laune auf die Nerven geht) gute Dinge auf den Weg gebracht, soweit ich das beurteilen kann. Man vergleiche ihre Bilanz mit der des Verkehrsministers, der Landwirtschaftsministerin oder des Wirtschaftsministers! Gut, über den Außenminister kann ich ebenfalls nichts Positives sagen, SPD hin oder her.
Ich gratuliere allen zur Pension, die sie dereinst beziehen werden.

Annalena Baerbock müsste sich sehr anstrengen, um mich dazu zu bewegen, sie zu wählen. Sie ist genauso ungreifbar wischiwaschi wie ihr lachender Mitbewerber. Die 300 (?) Toten des Hochwassers hätte sie meiner Ansicht nach zum Anlass nehmen dürfen, für ihre Ziele zu trommeln. Hat sie nicht gemacht. Ihr Kollege von Notz hat etwas getwittert und dann wieder gelöscht, das war auch nicht klug. Mein Eindruck: Die Grünen haben sich aufgegeben.
Vielleicht haben Scholzi und die Sozen also doch eine Chance?
In zwei Monaten wissen wir mehr.

Die zweite Staffel von Unit 42 habe ich zu Ende geguckt, leider bot das ZDF nur die Synchronfassung an, aber immerhin. Eine gute Serie. Jetzt muss ich mir was Neues überlegen.

Buongiorno, Adorno! begrüßte mich blödelnd eine Bekannte, deren Namen ich nicht weiß.
Ich: Come va?
Sie war schon weitergegangen, drehte sich noch mal um, lachend: Va bene tutto, e tutto va bene!

re Apollinaire

Anfang des Jahres hatte ich mich an einem Übersetzungswettbewerb beteiligt, im Juli wurde die Preisträgerin gekürt, Françoise Sorel – herzlichen Glückwunsch!
Die FAZ hat ihre Übersetzung zweier Liebesbriefe von Guillaume Apollinaire an seine Geliebte Louise de Coligny-Châtillon alias Lou mit einem lesenswerten kleinen Essay von Marie Luise Knott abgedruckt, siehe -> hier.
Apollinaire verwendet den Namen Lou in Verbindung mit dem männlichen Artikel: Lou ist phonetisch mit loup (Wolf) identisch. Die Entscheidung der Preisträgerin, stattdessen ein anderes Tier ins Spiel zu bringen, nämlich den Luchs, ist clever – Lu – Lux. Ob Luchs ein Kosewort unter Liebenden ist, wage ich nicht zu beurteilen. Apollinaire hatte fraglos den Wolf im Sinn, aber für jemanden, der nicht weiß, dass lou(p) Wolf heißt, ist Luchs möglicherweise plausibler. – Sartre hat Simone de Beauvoir castor (Biber) genannt, also was soll’s.

Hier meine Übersetzung:

10. Xber 1914

Mein Wölfchen, ich schreibe Dir aus der Kantine. Das Papier hat schon Flecken, bald wird es noch viel mehr davon haben, aber nur hier habe ich in dem ganzen Tohuwabohu ein wenig Ruhe. Heute morgen Aufstehen bei Nacht, Appell im Regen. Zwischendurch Kaffee, nach dem Appell gibt man Brot und eine Tafel Schokolade an uns aus. Der Brigadeführer stellt mich mit einem anderen Soldaten für den Küchendienst ab. Um halb sieben zeigt man mir das Satteln im Stall, der wie Liebe duftet. Um halb neun in der Reitbahn, wo ich sehe, wie meine Kameraden den Pferden auf den Hintern schlagen. Ich werde nachmittags gehen. Um 9 ½, Marschübung, man lässt mich gesondert exerzieren. Um halb elf hole ich mir die Suppe und den Fraß in der Küche. Nicht sehr lustig. Alle futtern. Ich bringe die Schüssel mit den Essensresten allein zurück, ich mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub, damit man mich nicht diesen Dreck auskratzen lässt. So steht’s, Wölfchen. Ich habe nur noch ein paar Minuten, ich esse eine Birne und trinke einen Schoppen. Um Viertel vor zwölf muss ich gewaschen und rasiert sein, um zu satteln. Es ist Viertel nach elf. Das Quartier ist bis 5 ½ h zugesperrt. Wölfchen, ich verspreche Dir, Dich mein Leben lang zu lieben und nie jemand andern zu lieben als Dich. Du bist meine einzige Frau auf immer und ewig, ewig werde ich Dir treu sein. Ich erhielt die beiden Karten im Umschlag und habe sehr gelacht.
Heute nacht, Lou, habe ich bemerkt, dass meine Kette gerissen war. Alle Medaillons waren in meinem Bett verstreut und ich habe sie alle eines nach dem anderen aufgelesen, eingezwängt in meinem kleinen Bett, dann steckte ich sie in mein Portemonnaie. Deine habe ich lange geküsst, Wölflein. Ich denke an Dich, an Deinen herrlichen Körper, an Deine liebe Seele, die so einfach ist und so tief. Auf Wiedersehen, kleiner Wolf, auf bald.
Ich werde arbeiten.
Man hat mir das Paket ausgehändigt. Mein Wolf ist köstlich, mein Wolf ist alles für mich, meine Lippen sind für immer mit Deinen vereint, Liebe, Du, liebster Teil meiner selbst. Ich trinke mein letztes Glas Wein auf Deine Gesundheit und küsse Dich von ganzem Herzen.
Bis heute abend.

Guillaume Apollinaire
und Guillaume Kostrowitzky
2er Geschützführer
38stes Artillerieregiment
78ste Batterie
Nîmes

24. Mai 1915

Nach einigen Tagen Ruhe erleben wir heute in der Pfingstnacht unser blaues Wunder. Es ist ein Uhr früh. Gestern morgen besuchte ich unsere Artilleristen, die in die Schützengräben abkommandiert waren. Ich brachte ihnen den Sold. Toller Spaziergang. Pferd bei den Küchen gelassen. Zurück über Wiesen, die buchstäblich golden von Butterblumen waren. Ich hörte dumpfes Kanonengrollen. Auf der Straße sehe ich eine reizende kleine Ringelnatter mit gelbem Ring, als ich sie berührte, richtete sie sich sehr tapfer auf und züngelte, sie kroch, indem sie sich mal so, mal so wand, [Piktogramm Schlange] oder [Piktogramm Schlange].
Da kommt ein Militärbischof angeritten, ich hatte ihn nicht kommen hören. Ich höre:„Suchen Sie Spuren oder eine Fährte?“ Ich hebe den Kopf und sehe einen alten Mann mit weißem Bart, Augen sehr sanft, Polizeimütze mit vier goldenen Winkeln, großes veilchenblaues Ding um den Hals, Bischofskreuz auf der Brust, schwarze wallende Soutane, schwarze Lackstiefel, Sporen. Ich antworte: „Ich sehe mir eine Ringelnatter an.“ Er sah mich mit sehr sanften Augen an und ritt vorbei. Auch die Ringelnatter machte sich davon, guter kleiner Geist, den ich als gutes Omen nehme, zurück dann gegessen, darauf in den Park, um das Konzert zu hören, von dem ich Dir erzählt habe, dann heimgekehrt, Briefe, nichts von Dir, dafür der Brief eines Freundes, ein interessanter italienischer Schriftsteller, interessanter als der künstliche D’Annunzio mit seinen überlebten Reizen einer alten Kokotte. Ich schicke Dir den Brief in einem anderen Umschlag, adressiert an G. Apollinaire. Dann zum Abendessen in der Stadt, ich war eingeladen (1), ich habe reizende Mädchen gesehen, die eine vor allem wirklich entzückend und sehr sehr kokett, aber mit mir nichts zu machen, die Keuschheit selbst, dann gab man telefonisch die Entscheidung Italiens durch (2), und ich trottete nach Hause. Um ein Uhr hat die ganze Front eine Ehrensalve abgegeben, zu Ehren des neuen Verbündeten, es war prachtvoll, die Nacht war hereingebrochen, die Schützengräben waren von Jubel erfüllt. Und jetzt schlagen die Boches zurück – Ich kann es kaum erwarten, die Zeitungen zu lesen, um zu erfahren, was sich an der neuen italienischen Front tut, nach der Kriegserklärung. Natürlich wird das viele von den Boches beschäftigen. Na, um so besser, je mehr Leute mitspielen, desto kürzer, hoffe ich, wird der Krieg dauern, und um so früher werden wir zu unseren häuslichen Beschäftigungen zurückkehren können.
Ich könnte mir vorstellen, dass die Deutschen jetzt versuchen werden, mit aller Gewalt ihre ganze Flotte gegen England aufzufahren, um zu versuchen, es zu brechen, seine Seemacht zu zerstören.
Ich habe mich fotografieren lassen, als ich vom Konzert zurückkam, von einem Unteroffizier der Jäger, den ich kenne, ich bin bei Berthier, der das Krankenrevier verlassen hat und der mit mir beim Konzert war. Wenn das Foto gelungen ist, werde ich es Dir schicken.
Auf dem Weg zum Konzert kam ich durch ein Dorf, in dem Teile der Truppe untergebracht sind, ich sah an der Kirche ein Schild mit der Aufschrift „Gefängnis“, es schaudert einen, vor allem, wo man jetzt sehr sehr streng ist.
So viel f. heute, auf Wiedersehen, mein Wölfchen, bis morgen, ich schicke Dir ein Insekt, es ist ganz golden, ein Fund aus den Schützengräben. Ich weiß nicht seinen Namen.

Gui.

Aus: Guillaume Apollinaire, „Lettres à Lou“ © Éditions Gallimard, Paris, 1969

1) Wahrscheinlich beim Buchhändler Henri Matot, dessen Geschäftsbogen er für diesen Brief verwendet hat.
2) Der Kriegseintritt Italiens, der seit einigen Tagen erwartet worden war, trat am 24. Mai in Kraft.

Aus einem Brief:

„Ich habe ein weiteres Argument gegen das Übersetzen (als Tätigkeit für mich) gefunden: Ich würde immer wieder im Deutschen landen. Mein Plan ist aber, ins Französische abzuspringen und dort zu bleiben. Also glaube ich, dass es nicht falsch gedacht ist, wenn ich möglichst viel Französisch lese und höre, hin und wieder auch spreche – und bei Gelegenheit nach (z.B.) Lyon fahre, um dort, so Gott will, mehr zu lesen, zu hören und zu sprechen.
Eine App serviert mir jeden Tag ein Mot du jour: le facteur, l’enquête, le banc des accusés …
Das Französische (Italienische, Englische) ist mein Privatvergnügen und ein soziales Interesse mehr denn ein berufliches.”

Aus einem Brief:

„Schade, dass Du die Ergebnisse des Übersetzungswettbewerbs nicht weiter verfolgt hast. Aus Respekt vor Deinem Engagement ist es doch spannend zu sehen, wie bestimmte Stellen ‚offiziell‘ übersetzt worden sind. Das kann doch zur Weiterbildung beitragen. Autodidaktsein heißt ja, Erfahrungen nie als Niederlage anzusehen, sondern prinzipiell als Chance, was dazu zu lernen, auch wenn man gar keinen Plan hat, wozu so ein Wissen nützlich sein könnte.”

Chairlifts Caroline Polachek (Chairlift – Amanaemonesia, Bruises, Ghost Tonight, Met Before u.a. – haben sich 2017 getrennt) hat ein neues Video draußen, wie ich aus der jüngsten Playlist der New York Times erfahren habe: Bunny Is A Rider. Im Rahmen der vorgestellten Songs einer der besseren. Dennoch ist Kimbra – die hinsichtlich Experimentierfreude manchem Jazzer voraus ist – für mich interessanter, sie steht ihrem Idol Prince in nichts nach und geht doch eigene Wege, z.B. rauht sie in der Stockholmer Live-Aufnahme von Version of Me den Sound zum Schluss hin immer mehr auf und bewegt sich so weit in Richtung Industrial, wie es im Pop noch gerade erlaubt sein mag. „Letting her inner Trent Reznor out! Superb”, schreibt dann auch ein Kommentator in Anspielung auf Nine Inch Nails.
Das strahlend-schimmernde, makellos produzierte Waltz Me to the Grave – Schluss-Stück von The Golden Echo (2014) – steigert sich zur knalligen Hochglanz-Oper inclusive Chor und (Synthie-) Streichern, ändert dann (4:45) recht abrupt den Charakter, der Gesang plötzlich piano (5:10), dann ganz weg (5:35), ein langes Ausklingen bis 7:20, gefolgt von zehn Sekunden Stille. Ein ungewöhnlicher Popsong, und natürlich zu lang fürs Radio, wo Kimbra aber ohnehin keine Rolle spielt – vermutlich ist ihre Musik nicht überraschungsarm genug.

Hier nun aber wirklich – als Post – ein Song von Mrs. Johnson, Goldmine. Das Video hat Chester Travis geschaffen, der auch für das Video zu Like They Do on the TV zuständig war.

Wildes Lesen

Meine Mitbewohnerin ist in Ferien gefahren. Ich nutze die Gelegenheit, um mich ein bisschen mehr auszubreiten als sonst und Musik über Lautsprecher zu hören.

Lesen gerade ein bisschen ungeordnet, zum Beispiel gucke ich in meine eselsohrigen Mallarmé-Bücher. Vor fünf, sechs Jahren habe ich mich eingehend mit ihm beschäftigt, jetzt also ein kleines Revival, unter Zuhilfenahme der Übersetzung von Carl Fischer, die 1957 veröffentlicht wurde, zuerst im Verlag Lambert Schneider in Heidelberg, der dem Namen nach noch existiert, dann im Verlag Jakob Hegner in Köln, 1969 – diese Ausgabe habe ich.
Eine herausfordernde Lektüre, aber bereichernd, auch ist mir der Mensch sympathisch.
Mit Marcel Proust sollen sich andere herumschlagen. (Gestern ungefähr zehn Minuten in die Lange Nacht reingehört – zum Einschlafen!)
Außer Mallarmé lese ich Die großen Hymnen (wie sie der Herausgeber nennt) von Johann Wolfgang von Goethe, die er als Twen geschrieben hat, und die in die Zeit des Sturm und Drang fallen. Kann man immer noch lesen!
Kurzes Zögern bei „Deukalions Flutschlamm” (Wandrers Sturmlied, 1772): Wer oder was ist Deukalion? Und dann – ach so! Langes u, also sozusagen Schlammflut, auf links gedreht, um die Doppelung mit Schlammpfad in Vers 11 zu vermeiden. Ist aber nicht sein bestes Gedicht, Wandrers Sturmlied.

Es ist natürlich eigenartig, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, während die Welt an der einen Ecke in Flammen steht und an der anderen im Wasser versinkt und die Munition und die Chemieabfälle am Meeresgrund zwar noch nicht hochgegangen, doch auch ohne dies bereits Milliarden Meereslebewesen eingegangen sind – aber ich hab auch keine bessere Idee.
Was es indes ebenfalls gibt: Renaturierung, Entsiegelung, Abriss von Autobahnen, um zerrissene Nachbarschaften wieder zusammenzufügen.

Heute abend Endspiel der Europa-Fußballmeisterschaft Italien-England. Weil ich es hasse, wie England den Sieg gegen Dänemark geschenkt bekommen hat und ich es auch nicht schätze, wenn beim Absingen der Nationalhymne – auch wenn mir persönlich nationale Symbole gleichgültig sind – des gegnerischen Teams gebuht und bei Elfmetern der Torhüter (hier: Kasper Schmeichel) mit Laserpointern abgelenkt wird, wünsche ich dem englischen Team von Herzen die Niederlage und den Italienern den Sieg. Sie haben sich ihn im Lauf des Turniers vor allem spielerisch und weniger taktisch (durch häufiges Niedersinken in der gegnerischen Hälfte) verdient.

„wie geschnitten Pink“. Neue Sprachkunst von Charlotte Warsen

Vorbemerkung: Von wegen das Internet vergisst nicht – meine am 19.2.2020 bei Fixpoetry erschienene Kritik zum Band Plage ist – zusammen mit Fixpoetry – aus dem www verschwunden. Hier zum Nachlesen.

Charlotte Warsen gibt selbst einen Hinweis darauf, wie Plage zu lesen ist: „Ein Mobile – das ist ein kleines, örtlich begrenztes Fest, ein nur durch seine Bewegung bestimmter Gegenstand […]“. So zitiert sie aus Jean-Paul Sartres Schriften zur bildenden Kunst.

Nicht nur das Zitat selbst ist ein Wink, auch der Titel, dem es entnommen ist: Die Suche nach dem Absoluten. In der Tat führt Charlotte Warsen ihr kühnes, 2014 mit dem Gedichtband Vom Speerwurf zu Pferde [wer diesem Link folgt: das Eingangszitat ist nicht – wie angegeben – von Ch. W. sondern von Linus Westheuser] begonnenes Programm fort, nämlich mit konkretem Stoff: Wörtern, Satzzeichen (sehr wenige nur) und deren Bildhintergrund, abstrakte Sprachkunst zu machen. Es ist aber eine durchaus bodenständige Abstraktion, die des sinnlichen Reizes nicht entbehrt, wenn zum Beispiel zu lesen ist: „von innen her bläulich leise wummernd“.

Dennoch, mögen die Wörter für sich genommen („Singsang“, „Bammel“, „Butterlöffel“), oder in syntagmatischer Fügung („alle fandens schad“, „die / Polizei auf Twitter“), bedeutsam sein – in eine Aussage laufen sie nicht zusammen. Sie bleiben suspendiert, werden nicht festgemacht an einem interpretierbaren Motiv. – Von der Last der Deutung befreit, hat der Leser eine leichte Lektüre vor sich. Einen Bleistift bereitzuhalten, kann trotzdem nicht schaden, sowenig wie mehrmaliges Lesen: Dann wird sichtbar, wie genau Charlotte Warsen das Buch gearbeitet hat, das aufgrund des pludrig wolkenhaften Layouts der meisten Gedichte doch auch etwas Verwischtes, in Verwandlung Befindliches, Ungreifbares abbildet – man kann es, wie Nico Bleutge in seiner Besprechung in der SZ, „jazzig“ nennen.

Plage ist klar aufgebaut: zwei Hauptteile – „Seufzergruppen“ und „Jauchzergruppen“ überschrieben –, dazu ein Prolog, ein ‚Scharnier‘-Gedicht und ein Epilog, neunundfünfzig Gedichte insgesamt, deren Titel den jeweiligen Gedichtanfängen folgen.

Man würde bei Charlotte Warsen, die Malerei studiert und im vergangenen Jahr einen Band Kulturtechnik Malen. Die Welt aus Farbe erschaffen, mitherausgegeben hat, vermuten, dass es sich bei dem genannten Begriffspaar um kunstgeschichtliche Fachtermini handelt. Man könnte sich Altarbilder vorstellen, wo die Sünder in der Hölle verschwinden, oben auf dem Rasen von Seufzergruppen beklagt, die Heiligmäßigen aber gen Himmel auffahren, Jauchzergruppen ihnen nachsehend. Doch Kompendien und Lexika geben nichts her. Eine Nachfrage bei der Dichterin ergab: „[…] soweit ich weiß, handelt es sich bei Seufzer-und Jauchzergruppen um zwei Spezialbegriffe, die ich selbst erfunden habe. Plage begann als eine Art Klagegesang, dessen Strophen keine Strophen sondern gruppierte Seufzer waren. Dann sollte eine fröhliche B-Seite mit den entsprechenden Jauchzergruppen entstehen.“

Wir haben es also mit einer Art Diptychon zu tun, nur dass dessen ursprünglicher Charakter als Devotionsobjekt wegfällt, will man nicht den Gegenstand der Verehrung in der titelgebenden Plage selbst sehen. Der Titel muss aber auch nicht überbetont werden: „Ich glaube, […], dass Titel nur so tun, als würden sie sich auf etwas, auf ein Werk, beziehen. In Wahrheit sind Titel natürlich sprachliche Gegenstände und verweisen auf überhaupt nichts.“ (Ulf Stolterfoht) – Eine Schallplatte also, gut. Allerdings scheinen A- und B-Seite stimmungsmäßig nicht auffällig verschieden, A und A‘ würde vielleicht eher passen. So wird die Formulierung „mich hat dieses Erlebnis // beunruhigt zurückgelassen“, die relativ zu Anfang in den „Seufzergruppen“ erscheint, im letzten Gedicht der „Jauchzergruppen“ kaum verändert wiederaufgenommen: „so hat mich das Erlebnis / ganz im Ungewissen liegen lassen“ – (fast) gleich, und doch anders, denn die – entfernt voneinander positionierten – Gedichte als solche sind verschieden, außerdem haben die Worte die Fließschicht all der anderen Worte durchquert, die zwischen diesen Seiten 20 und 94 liegen, und sind durch die Lasuren dieser Textstrecke getrübt, oder anders getönt.

Plage ist in einer undefiniert wabernden ‚Kugelzeit‘ (im Sinne Bernd Alois Zimmermanns) angesiedelt, in der jedes Sprachzeichen im gleichen Abstand zum gedachten Mittelpunkt steht, der aber eben nicht gedacht werden kann, so wenig wie „Gott“ gedacht werden kann (auch wenn Charlotte Warsen ihm am Schluss des Buchs einen wundervollen Auftritt verschafft). Mit dieser Feststellung selbst aber implodiert die ganze schöne Referenz-Sphäre, und es bleibt ein absolutes, weltabgelöstes, planes Sprachkunstwerk übrig, ein „nur durch seine Bewegung bestimmter Gegenstand“. – Charlotte Warsen gibt nun gar keine Gelegenheit, den Weltverlust zu beklagen – und war die Welt nicht überhaupt schon immer verloren, wenn es zur Sprache ging? –, weil auf der anderen Seite eine Sprachexplosion steht, die diese unwiderrufliche Auflösung der Weltanbindung vergessen macht. Mit unerschöpflicher Imagination erschafft Charlotte Warsen einen frischen eigenen expandierenden Kosmos, der auf dem Papier – und nur das interessiert uns – ebensoviel taugt wie der alte, und vermutlich auch verlässlicher ist.

Es gibt ein Gemäldegedicht zu Tizians Porträt des Don Fernando Álvarez de Toledo, Spuren von Jahreszeitengedichten (in den „erster Reigen“ und „zweiter Reigen“ genannten Zyklen), sogar die Form des mittelalterlichen Tagelieds wird zitiert, allerdings aufgerauht und ins Ironische gewendet. Geht es im Tagelied klassischerweise um den frühmorgendlichen Abschied zweier Liebender nach gemeinsam verbrachter Nacht, liest man bei Charlotte Warsen: „seit Anbruch des Tages schon / konzentrierte Arbeit an einer / Theorie des Zerwürfnisses als Prinzip der Freundschaft“. Und das – das Gedicht steht in den „Jauchzergruppen“ – ist schon lustig. Ein bisschen grimmig vielleicht, wie auch die mindestens sechsmal wörtlich oder abgewandelt wiederkehrende Wendung „was sonst noch / zum Tod führt“ nicht freundlich klingt – im genannten Tagelied ebenfalls präsent.

Zitate bekannter und unbekannter Persönlichkeiten dienen als Samples, strukturieren die Textfelder, geben ihnen zwischen den einzelnen Kapiteln (zwölf an der Zahl) einen neuen Dreh. Ein Textschnipsel aus einem naturkundlichen Traktat des 19. Jahrhunderts wird durchgereicht; auch der Begriff „Borwelt“ weist in diese Epoche, wenn man ihn sich in Fraktur geschrieben vorstellt, mit dem B als falsch gelesenes V. – Falsch gelesen von wem? Von Google Books vermutlich. Der Techgigant kommt selbst nicht ausdrücklich vor, dafür ein allbekanntes Signum der Smartphonewelt, das Selfie („restlos fotogen nur sich selbst zugeneigt“). Desgleichen haben ihren Auftritt: die „Mailbox“, das „Darknet“, „Twitter“ (s.o.) und die „NSA“ – Gegenwartspartikel, die indes keine größere Präsenz oder Wertigkeit auszeichnet als zum Beispiel „Ophelia“, das „Urpferd“, der sagenhafte „Hagen“ oder die „Witwe von Zarpat“.

Charlotte Warsen knüpft in Plage an ihre bewegliche, fluktuierende Schreibweise, wie sie schon die Gedichte in Vom Speerwurf zu Pferde gekennzeichnet hatten, an. Bei durchgehend  hohem Abstraktionsgrad, hat der Leser doch keinen Moment lang die Empfindung, außen vor zu bleiben. Die Sprache schimmert in fremder, anziehender Farbigkeit, „dillgrün-indigo-spektral“, auf jeder Seite begegnen Wörter oder Wortgruppen, die – im besten Sinne – merkwürdig sind („als ob Apostellöffel zögernd fragend auf flambierte Zuckerhauben schlagen“) und durch ihre Bildstärke und Stringenz beeindrucken. Neben den ausgreifenden, ausscherenden Gedichten, die den Hauptteil des Bandes ausmachen, gibt es auch formal knapp gefasste, typographisch stärker gezäunte Formen, die eine andere Facette von Charlotte Warsens Schreiben zeigen. Zu diesen gehört das untenstehende Gedicht, das sich wie ein apokryphes Gedicht zur Menschheitsdämmerung liest, Kurt Pinthus‘ vor hundert Jahren erschienener Sammlung expressionistischer Dichtung. Dadaeske Trauer in der Art Jakob van Hoddis‘: auch die gibt es in Plage.

Ein in jeder Hinsicht phantastisches Buch. – Meinolf Reul

längs der Schläfen
wo sie wehrlos werden

geht die traberkranke Herde
ranken klamme Abkehrfransen

und der hohe kerzengerade Schlaf
schwenkt in der Takelage und liebt keinen

Ein- und Ausschleichen der Mahner
ohne Elan unter Schweinen

Charlotte Warsen, Plage. Gedichte. 104 Seiten, gebunden. kookbooks, Berlin 2019. 19,90 Euro (= Reihe Lyrik Bd. 68)

Confused Dog

Der Aplomb, mit dem der Eichelhäher auf dem Fensterbrett landet! Ist es immer derselbe? Er wirft einen Blick durchs Fenster, ich fang ihn auf. Was sieht er? Wie sieht er es? In Farbe, scharf?

Ich bin ein bisschen gestresst, weil Google eine Mail geschickt hat, ich solle mich in (m)einer Domain anmelden, sonst werde sie verfallen. Die Domain heißt imdickicht.blog. Das ist verwirrend. Es scheint, dass sie nicht identisch mit dem Blog ist, denn in den logge ich mich ja regelmäßig ein. Der Login, der für die Verlängerung erforderlich war, schlug fehl. Überraschenderweise habe ich eine Möglichkeit gefunden, mich bemerkbar zu machen. Heute vormittag wurde ich auf dem Smartphone angerufen, das war erst recht überraschend. Später kam eine Mail mit einem CNAME-Datensatz und einem kleinen Fragenkatalog. (Ich habe versucht, die Fragen richtig zu beantworten, und kann doch nicht für die Richtigkeit der Antworten garantieren. Hoffentlich geht alles gut. Sonst … sollte dies Blog plötzlich verschwinden … ihr wisst Bescheid. Ich würde dann ein neues beginnen, wie ein neues Heft.)

Gestern – aufgepasst, tikerscherk! – bin ich zu meiner Hausärztin geradelt, wo ich meine erste Impfung erhielt. Schlechte Straßenverhältnisse, Regen Regen. Ein vorüberfahrendes Auto gab mir eine Woge Pfützenwasser mit, auf dem Rückweg schnitt mir ein Taxifahrer die Vorfahrt – die haben nichts gemerkt.
Später über die steil aufgestellte Leiter auf den Dachboden, um den beuysischen Aufbau mit Handtüchern, Farbeimern und einer um den Balken geknoteten Hose zu prüfen, den meine Mitbewohnerin arrangiert hatte, nachdem sie in ihrem Schlafzimmer ein Tropfen wahrgenommen hatte. Der Dachdecker mochte bei der Witterung keine Reparatur beginnen, vielleicht nächste Woche.

Arbeitsbezogen habe ich heute noch ein weiteres Telefongespräch mit einem Kundendienst geführt. Über ein Zahlenmenü konnte ich mir aussuchen, ob auf Englisch, Deutsch, Französisch – ich drückte die 2, doch wer sich meldete, sprach dann doch Englisch.
Auch hier, übrigens, ging es um eine fehlschlagende Anmeldung.
Sicher bilde ich mir es nur ein, aber das Leben kommt mir gerade wie ein Hindernisparcours vor.

Wer stolpert, kommt schneller voran.

Gestern habe ich Champignons gebraten.

Heute schickte mir eine Kritikerkollegin ein Buch, das sie überzählig hatte, Gespräche zwischen Jean-Luc Godard und Marguerite Duras – freut mich total!

Der Druck einer Visitenkarte scheiterte immer daran, dass ich nicht wusste, wie ich mich nennen sollte. Kritiker? Mit bloß einer Kritik pro Jahr? Übersetzer? Mit bloß einem übersetzten (und vergriffenen) Buch? Blogger? Bei einem Blog, das nicht groß herauskommen will? Buchhändler? Bei nur drei Tagen im Monat?
Jetzt dämmert mir, dass eine Visitenkarte die Projektion des eigenen Ichs in eine angestrebte Zukunft ist.
Aber Zukünfte verändern sich, je nach Lage der Gegenwart.
„Willst du Lehrer werden, für die letzten Jahre?” (Mein Neffe, um 2016.)

Ein Arbeitskollege: I am overjoyed to discern from the above that the proclivity innate, to relish in all forms of intrigue and gossip subsists between so many colleagues here, ergo staving away boredom ad infinitum

Ich: I’ll post this in a translation machine to get a common English sentence out of it

Was will ich ungefähr? – Ich weiß, dass mir Sprache, Sprachen wichtig sind.
Tu ich genug dafür? Verräterische Frage!
Reisen ins Ausland wären angezeigt, Frankreich, Italien, England, in dieser Reihenfolge.
Aber wann soll das sein?
Erst mal die zweite Impfung abwarten (Mitte August). Doch dann kommt schon Black Friday –

Jérôme Minière ist ein französischer Künstler, Musiker unter anderem, der seit langem in Montréal lebt. Die Stücke oben sind ein paar Jahre alt, in Kürze erscheint ein neues Album.

Bildungslücken (Auswahl)

In den letzten Wochen habe ich mich ausführlicher mit den Gedichten Paul Celans beschäftigt – nur mit den Gedichten, nicht mit Sekundärliteratur. Paul Celan gehört ja zu den gemeindebildenden Autoren, als Literaturfreund muss man da eine gewisse Striktheit walten lassen. Bislang kannte ich bloß ein ganz paar Celan-Gedichte, von der Schulzeit her, und aus dem Großen Conradi. Es war an der Zeit, ein breiteres Bild zu gewinnen. Doch muss ich nach dem ersten Lesen feststellen, dass ich kein großes Lektüreerlebnis mit Celan hatte, kaum eines der Gedichte hat mir tieferen Eindruck gemacht.
Damit ist nichts gegen die Gedichte gesagt: seit wann hätte die einmalige Lektüre von Gedichten Aussagekraft? Ich werde also einige Monate oder Jahre verstreichen lassen und dann wieder darauf zurückkommen, vielleicht.
Die Philologie habe erwiesen, welch genauer Zeitungsleser Celan gewesen sei, stand irgendwo zu lesen. Das wird wohl so sein, aber ich kenne nur die Gedichte selbst, und wenn Celan die eine oder andere Tagesaktualität in seine Texte hineingeheimnist hat, so muss ich, dem die Zeitungen der Adenauer-Ära nicht vorliegen, doch gleichgültig gegenüber dieser verschlüsselten Politisierung sein und mit den nackten Worten auskommen, den Zeilenbrüchen und Klängen.
Wahrscheinlich ist mir Celans Dichtung alles in allem zu streng, zu abweisend, auf weite Strecken auch zu konservativ. Am besten gefiel mir Sprachgitter (1959).

Mit der Spaziergeh-Gruppe unserer Firma waren wir nach mindestens fünfzehnmonatiger Pause mal wieder in Berliner Parks unterwegs, diesmal im Tegeler Forst, mit obligatorischem Besuch bei der Dicken Marie, die sich berappelt zu haben scheint, nachdem sie zwischendurch doch recht hinfällig wirkte.

Die Pflicht, von zu Hause aus zu arbeiten, ist aufgehoben worden oder wird bald aufgehoben werden (bis auf weiteres), aber ich werde wohl erst wieder ins Büro fahren, wenn ich vollständig geimpft bin – noch bin ich zwei Spritzen davon entfernt.
Ich bin weiterhin vorsichtig, sehe mittlerweile aber schon wieder mehr Leute. Der intensivste Kontakt besteht vielleicht zu den Eichelhähern und Meisen, die meine Fensterbank anfliegen oder an die Tür zu meinem Arbeitszimmer kommen, wo sie sich ihr Futter abholen, das ich ihnen getreulich ausstreue.
Vor einigen Wochen lag ein toter Eichelhäher vor dem Vogelhäuschen, meine Mitbewohnerin hatte ihn am Morgen verletzt im Wald gesehen, sich zu ihm niedergehockt und ihm freundlich zugeredet. Offenbar wusste er, wo wir wohnen und kämpfte sich noch bis zu unserem Garten, da liegt er nun begraben.

Ich habe Der Sonnenschirm des Terroristen immer noch nicht zu Ende gelesen, und es könnte so aussehen, als gefalle mir der Roman nicht, doch das stimmt nicht, im Gegenteil – ein gutes Buch.
Auch Unser Leben in den Wäldern von Marie Darrieussecq hat mir gefallen. Warum es noch keine Taschenbuchausgabe gibt, ist mir ein Rätsel. (Auch den Krimi gibt es nur als Hardcover.)

Hinsichtlich Musik habe ich nach María Grand keine neuen Entdeckungen gemacht. Die New York Times empfahl in einer ihrer letzten Playlists den Song Solar Power von Lorde. Ich habe ihn mir angehört, und es kam mir vor, als sei er vom ersten bis zum letzten Ton abgekupfert.

Zum Schluss kann ich noch die Fernsehserie Zahra – Wilde Jahre (2017) empfehlen, die es in der ZDF Mediathek gibt, mit Claudia Eisinger in der Hauptrolle.
Wie ich sehe, ist auch Unit 42 wieder online, eine belgische Serie, ebenfalls zu empfehlen.

Stolterfoht, Ames, Cotten, Genschel. Vier ‚Experimentelle‘

Vor acht Jahren erschien unter dem oben zitierten Titel in der Zeitschrift Gegenstrophe ein längerer Text von mir über Ulf Stolterfoht, Konstantin Ames, Ann Cotten und Mara Genschel. Das betreffende Heft ist vergriffen und die Zeitschrift meines Wissens eingestellt worden (bin mir nicht sicher).
Im Moment habe ich keine Ruhe für eine Aktualisierung, möchte den Aufsatz aber als Fragment – als welches er jetzt erscheinen muss – wieder zugänglich machen.
Der Anfang hier als Blog-Post, die vollständige Lieferung hier.
Die Formatierung lasse ich (ebenfalls) unverändert.
Danke an Michael Braun, der mir damals den Auftrag zum Schreiben erteilt hat.

Stolterfoht, Ames, Cotten, Genschel. Vier ‚Experimentelle‘

»I do not write experimental music. My experimenting is done before
I make the music. Afterwards, it is the listener who must experiment.«
– Edgar Varèse

Ulf Stolterfoht

Gibt es eine spezifisch schwäbische Sprachverliebtheit, und wenn ja, woran ließe sie sich festmachen? Eine lohnende philologische Fragestellung, für die hier leider nicht der Ort ist. Dennoch: Ulf Stolterfoht, der 1963 in Stuttgart geboren wurde und seit vielen Jahren in Berlin lebt, dürfte in einer solchen Untersuchung keineswegs fehlen. Nur bekäme ein Germanist dann Schwierigkeiten mit dem Adjektiv »spezifisch«, denn mindestens bei Stolterfoht kommt auch eine Sprachversessenheit ins Spiel, deren notorische Vertreter man eher weiter südlich suchen würde. Kein Wunder, dass er seinem – während eines Romaufenthalts entstandenen – Stuttgart-Buch holzrauch über heslach (2007) und dem für diesen Herbst angekündigten Berlin-Band neu-jerusalem ein Buch über Wien folgen lassen möchte.

›Österreichisch‹ ist vielleicht auch Stolterfohts prononcierte Sprachskepsis.

»Ich hab ja schon in der Alltagssprache große Probleme zu begreifen, was Referenz eigentlich sein soll, was eigentlich passiert, wenn einer »Apfel« sagt, was der damit meint […]«, formuliert Stolterfoht in einem Interview mit Guido Graf ein fundamentales »erkenntnistheoretisches Dilemma«, das über die Frage: »[W]arum sagt man überhaupt was, wenn es eigentlich nichts zu sagen gibt« geradewegs in die Schreibverweigerung führen könnte. Bei Stolterfoht, als studierter Linguist mit sprachwissenschaftlichen und sprachphilosophischen Problemen wohlvertraut, markiert es den Ausgangspunkt des Schreibens – und begründet dessen erklärtermaßen »antisemantische[n] Impuls«.

fachsprachen

Es scheint darum ein Widerspruch, wenn die Arbeit an den fachsprachen-Gedichten (1998/2002/2005/2009; der Zyklus ist auf neun Bände angelegt, vier davon sind erschienen, ein fünfter abgeschlossen) mit umfangreicher Lektüre von sozusagen hochsemantischer, nämlich eben fachsprachlicher Literatur verbunden ist; die Spanne reicht von psychologischer Fachliteratur und Büchern zu Radiotechnik und CB- Funk bis zu Wörterbüchern, Mitschriften von Vorträgen, Songtexten und Liner Notes.

Dabei dürfte die Tatsache, dass in der Terminologie vielleicht am ehesten der ideale Zustand erreicht ist, in dem ein bedeutendes Wort mit einem bedeuteten Ding übereinstimmt – aber was heißt das schon, wenn fraglich ist, was unter »Welt« zu verstehen ist –, eher nebensächlich sein, zumal sich Stolterfoht nicht für die semantische Klarheit, sondern für Uneindeutigkeiten und Unschärfen interessiert, z. B. für die Sinninterferenzen, die sich durch Homonymik mit alltagssprachlichen Ausdrücken ergeben (der Plural »Lichter« mag eindeutig sein – in der Sondersprache der Jäger steht er für »Augen«).

Der Rückgriff auf einen fachsprachlichen semantischen Block erleichtert ihm vielmehr die gewünschte De-Semantisierung seiner syntaktisch getakteten Gedichte. Der forcierte Bedeutungsextremismus mündet in das Nicht(mehr)bedeuten. Stolterfoht mischt gewissermaßen alle Farben zusammen, ›beschleunigt‹ sie – diese Technik der Sprachbeschleunigung verbindet ihn mit Thomas Kling – und erzielt auf diese Weise einen ›weißen‹ Text, d. h. einen Text aus Zeichen, die nicht (mehr) zeigend sind. Die Saussuresche Dichotomie zwischen Bezeichnendem (Wort) und Bezeichnetem (Sache) entfällt, es bleiben nur noch Wörter, von denen sich allenfalls sagen lässt:

»JEDES WORT IST EINE VERPACKUNG. aber: auch / verpackungen haben eine verpackung. einige sind unge- / hobelt. gebildet aus sperrigen lettern, spenstige, mit / diphtongierung, mit ablaut-mißbrauch, strukturen von / mißmut und passung. andere sind sanfter, von liebens- / werter anklangsgleiche, sie praktizieren den wohllaut / im guttakt reinster ausform: stäblich nämlich. es ist ein / klarer fall von meta-meta. in diesen instruktiven mor- / phen ventiliert ein quecksilber seinen verstörenden sang.« (traktat vom widergang, Nr. 27)

Wenn Stolterfoht einen noch unbearbeiteten Ursprungstext bereits wie einen Rotwelsch-Text wahrnimmt, bedarf es nur eines weiteren Drehens an der Schraube, um aus der Ballung von Konkreta ein Abstraktum zu schaffen (man denke an die »Anhäufung von Kannen« [1961] von Arman), das in dem Maße, wie man von vielleicht trotzdem Herauszulesendem, Verstandenem absieht, (be)greifbar wird als abstraktes formales Ereignis, als rein strukturales ›Schönes‹. Dies aber ist es, was sich Stolterfoht von der sprachskeptisch grundierten Dichtung erwartet, »dass die Struktur wieder mehr in den Blick gerät«. Die jeweils 81 Gedichte jedes Bandes der fachsprachen – paritätisch auf neun Kapitel verteilt – sind in die Zweidimensionalität gebannte Wortkonstrukte, ihre Ausbauchung in die bedeutende Dingwelt ist nur Schein: die Sprache ist das Ding.

In der Großform und in ihrer Ausführung im Detail sind die fachsprachen von einmaliger konzeptueller Strenge und Stringenz. Ihre (phänotypische) Realisierung ist, bei unvoreingenommener Lektüre, unmittelbar zugänglich, unterhaltend, ja lustig. Die aus Sicht des Laien absurdesten Inhalte (Anweisungen zur Schweinezucht für Volkseigene Betriebe in der DDR zum Beispiel) bringt Stolterfoht »mit pragmatischer syntax und einem schlacks«.

Kritik A. Utler & Musik

Seit gestern abend ist meine Kritik zum Gedichtband kommen sehen von Anja Utler online:
s. lyrikkritik.de -> Reversbär -> hier

Weiteres zum Buch
– Björn Hayer Klimakollaps in Langgedichten (Deutschlandfunk Kultur, 16.9.2020)
– Bernhard Malkmus Die Tiefenzeit der Zukunft (Der Freitag, 22.12.2020)
– Guido Graf Theorien der Literatur – Folge 9: kommen sehen (5.1.2021)
– Michael Braun/Beate Tröger (Mod. Insa Wilke) Lyrikkritik zu Anja Utler und Yevgenij Breyger (Deutschlandfunk, 19.1.2021)
– Jan Kuhlbrodt Zu Anja Utler: kommen sehen (Signaturen Magazin, 5.3.2021)

Das nachfolgende Stück ist einer 6 LP-Box entnommen, die im vergangenen Jahr beim Label Newvelle Records erschienen ist, leider unerschwinglich, aber man muss auch nicht alles haben.

María Grand Now, Take, Your, Day

Von der freitäglichen Playlist der New York Times kommt dieser Tip.

https://mariagrand.bandcamp.com/

Die Musikerinnen sind
María Grand, ts, voc
Kanoa Mendenhall, b, voc
Savannah Harris, dr, voc

Das Stück ist aus María Grands Album Reciprocity, das gestern beim New Yorker Label Biophilia Records erschienen ist. Dies verkauft überraschenderweise keine CDs oder andere Tonträger, sondern Download-Codes, die zusammen mit sogenannten Biopholios geliefert werden („a double-sided, 20-panel origami-inspired medium, bursting with vibrant artwork and liner notes; each one made entirely out of FSC-certified, robust paper, hand-folded and printed using plant-based inks”).

Sonst nichts Neues. Ich habe Bücher aussortiert (Peter Handke, Felicitas Hoppe) – noch nicht genug -, mit einer Baumschere auf dem Rasen meinen Teppich zerschnitten (er war hinüber) und einen orangenen Staubsauger gekauft, weil ich den Lärm, den der Staubsauger meiner Mitbewohnerin macht, nicht ertragen kann – ich bin sehr zufrieden! Meine Freizeit nutze ich unter anderem dazu, meine zwei Zimmer – Wohn- und Arbeits- – auf Vordermann zu bringen.
Reduzieren ist das Zauberwort.

Die Gedichte von Petr Borkovec habe ich gern gelesen. Von mir aus hätte sein Nadelbuch schmaler ausfallen können, aber okay – sehr gutes Teil.

„Die Zauntür aus Maschendraht scheuert auf dem Beton. / Kurz klirrt der metallene Schließhaken.”

Aus Berufsgründen habe ich einen Account bei Snapchat gestartet. Hab ich Spaß dran / Stresst mich nicht. Die Nachrichten verschwinden, entweder gleich nach Betrachten oder nach 24 Stunden.
Im wirklichen Leben ist das natürlich anders.

Frühjahrsbelebung

Im rbb inforadio hörte ich heute morgen einen Bericht der ARD-Korrespondentin für Nordwestafrika Dunja Sadaqi über eine Kautschukplantage in Kamerun -> Kautschuk-Anbau in Kamerun. Greenwashing bei der Deutschen Bank?, für deren Ausbau am Rand eines Biosphärenreservats die Deutsche Bank („Eine neue Zeit braucht neue Antworten. Wir haben sie”) dem Konzern Halcyon Agri Corporation einen Kredit von 25 Millionen US-Dollar gewährt hat.
Wie einem diesbezüglichen Bericht von Greenpeace zu entnehmen ist, geschah dies in bester Absicht:
„Vertraglich wurden dabei Ziele zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsstandards bei der Bewirtschaftung ihrer Kautschuk-Plantagen in Kamerun und Malaysia vereinbart”, so ein Unternehmenssprecher.
Wie sich das in der Wirklichkeit ausnimmt, davon gibt das Beitragsfoto auf erwähnter Greenpeace-Seite einen ungefähren Eindruck.
Die Umweltschutzorganisation hat den Facebook-Kanal der Bank gespammt, um diesen Skandal anzuprangern – ob’s hilft? Negative Publicity kann jedenfalls nicht schaden.

Übrigens habe ich beschlossen – wie im letzten Beitrag angedeutet -, via atmosfair vierteljährlich eine CO2-Kompensation zu zahlen (‚kompensieren’ – vermutlich eine Selbsttäuschung).
Mir liegt daran, dass es besser wird auf der Welt!
Werde trotzdem einmal nachhören, welche Bäume gepflanzt werden, denn irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass für Wiederaufforstungen häufig Eukalyptus verwendet wird, der viel Wasser zieht, das dann den Leuten fehlt.

Was würde Bruno Manser zur Lage des Waldes sagen?
Nicht auszuschließen, dass sein – mutmaßlicher – Tod in Malaysia auf das Konto ebenjener Firma Corrie MacColl geht, der die Deutsche Bank ihren schmutzigen Kredit gegeben hat, damit sie auf ihren wachsenden Kautschuk-Plantagen in Kamerun und Malaysia den Kahlschlag, wie bisher, nachhaltig betreiben kann.

Eine positive Nachricht inmitten dieser fortgesetzten Tragödie ist, dass sich das französische Parlament dafür ausgesprochen hat, Ökozid zum Straftatbestand zu erklären, worüber in diesem Monat die Nationalversammlung abstimmen wird. Ich wünsche viel Erfolg! – und auf dass das Beispiel Schule mache.
In Deutschland werden es Minister P. Altmaier und Ministerin J. Klöckner zu verhindern wissen, doch ihre Zeit wird mit der kommenden Bundestagswahl ablaufen (wie auch die von Straßenbau-Champion A. Scheuer, Gott sei Dank).

Was sonst geschah: Ich habe mir nach vielen Jahren mal wieder eine Germanistik-Vorlesung an der Freien Universität Berlin angehört (online) – prima! Muss ich mir aber noch mal zu Gemüte führen.
„Alle Hände voll zu deuten haben”, habe ich (u.a.) mitgeschrieben.
Gestern lud Kimbra kurzfristig zu einem Chat ein, der um 23.00 Uhr Berliner Zeit stattfand (17.00 Uhr New Yorker Zeit).
Sie wollte die Meinungen ihrer Fans zu einer noch zu treffenden künstlerischen Entscheidung einholen (I’d love to get my core fanbases‘ thoughts!).
Die Teilnehmerzahl lag um 50, viele Leute aus Europa, schien mir, alle tippten fleißig ihre Kommentare.
Schlechte Internetverbindung.
Unabhängig von der Musikindustrie produzieren und veröffentlichen.
Dafür sind wir da!, wurde in die Kommentarspalte getippt.

Hier nun aber ein schöner, majestätischer Song von Julia Holter (auf die sich mein Fantum ebenfalls erstreckt) aus ihrem letzten Album Aviary.
Vielleicht höre ich die falschen Sender, aber Musik dieser Qualität begegnet mir nie, wenn ich das Radio einschalte. Mein Verdacht ist, dass der Maßstab der Redaktionen ist: Wir spielen nicht die Musik, die gut ist, sondern die, die nicht so mies ist, dass die Leute abschalten.
À propos: Ich kann es der Komponistin Rebecca Saunders nicht verzeihen, dass sie als einziges Pop-Stück in der ihr gewidmeten Ausgabe der Zwischentöne ausgerechnet das unsägliche Killing me softly der Fugees spielen ließ – der Ausverkauf des Ausverkaufs /smh.
Zu solcher Ignoranz fällt mir nichts mehr ein.

Julia Holter tauchte neulich im Fernsehen auf, in Tracks: Die Ungerechtigkeiten des Musikgeschäfts. Sie war dort auf einer Demonstration in Los Angeles zu sehen, im Rahmen eines internationalen Protesttags gegen den Verteilmechanismus der Streamingdienste. Auf Plakaten wurde 1 Cent per Stream gefordert – jetzt sind es 0,02 oder 0,03 Cent, wenn ich mich richtig erinnere.
„Beutet uns nicht aus mit euerem Algorithmus!” (Transparent auf der Berliner Demo).