Destination … Out!

Am 3.6.2022 starb, an seinem 85. Geburtstag, der Posaunist und Komponist Grachan Moncur III. Love and Hate aus dem Album Destination … Out! ist eine seiner berühmtesten Kompositionen – legendär! (Blue Note, New York 1964).

Die Musiker:
Jackie McLean, as
Grachan Moncur III, tb & comp
Bobby Hutcherson, vib
Larry Ridley, b
Roy Haynes, dr

Was sonst noch wichtig war: Die Fische in der Oder sind tot (alle). Merkwürdigerweise weiß niemand, woran es liegt. War es die Unsichtbare Hand? Oder hat es mit der Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość zu tun (frei übersetzt: Law and Order)? Möglich, dass ein Parteifreund von Jarosław Kaczyński aus Kostenersparnis seine hochgiftigen Abfälle in die Oder verklappt hat und dann zum Telefonhörer gegriffen hat: „Hey, Jarosław, ich bin’s. Pass auf, ich hab ein Problem … Du musst mir helfen!”
Na ja, wundern darf man sich, dass nicht nur großes Rätselraten herrscht, wer und was für das Verbrechen verantwortlich ist, sondern dass auch nicht ermittelt wurde, wo sich die Vergiftung ereignete. Ist beim Ausbaggern des Flusses etwas schiefgelaufen? Dann besteht erst recht Grund zur Vertuschung, um das Infrastruktur-Projekt nicht zu gefährden.
Wie geht’s eigentlich dem Białowieża-Urwald? Auch da schafft die PiS Tatsachen.
Es wird Zeit, dass diese Leute abgewählt werden.

Auch dies stimmt nicht froh: Bei Waldbränden in diesem Jahr mehr als 660.000 Hektar Land in Flammen aufgegangen. [Diese Zahl bezieht sich nur auf Europa, Stand jetzt, zur Mitte der Waldbrandsaison.] (Nicht, dass es dadurch einfacher wird, sich den Schaden vorzustellen, aber 1 Hektar sind 10.000 Quadratmeter.) Die Waldflächen, die auf Grund von Trockenheit kaputtgehen werden, darf man hinzuaddieren.

Eine Woche Krankschreibung, das reicht doch hoffentlich? Mal sehen, was die Teststelle sagt.

Flucht aus Byzanz (keine Abbildung vorhanden), lesenswert, aber nicht alles gleichermaßen interessant. Konstantin Kavafis – boring! Besser wäre es, die Essays zum Silbernen Zeitalter zusammenzufassen, und fertig.

Auf dem Sprengplatz

Einen Sprengplatz – so was hat wahrscheinlich auch nur Berlin. 25 Tonnen Dynamit dort zu horten … gut, kein Dynamit, aber Bomben, Munition und Feuerwerk …, im „beliebten Naherholungsgebiet”, wie das ZDF mit einem Unterton der Missbilligung berichtet, das scheint, mit einem Wort des geschätzten Altkanzlers, suboptimal. Immerhin war die Avus ein paar Tage lang gesperrt, die berühmte Rennstrecke. Das hat den Autosüchtigen sicher nicht geschmeckt, aber vielleicht doch auch einmal ganz gut getan.

À propos: Die heute von ihrem Amt zurückgetretene Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg gehört mit einem Jahresgehalt von 300.000 Euro wahrscheinlich, wie ich selbst (oder Friedrich Merz), zur bedrohten Mittelschicht. Wie gut, dass es das Dienstwagenprivileg gibt. Dadurch lassen sich Härten abfedern.
Massage-Sitze in die Luxuskarosse montieren lassen ist ja nicht billig.
(Ein Revolverblatt wie Im Dickicht lässt sich ein solches Detail nicht entgehen, klar.)
Man darf gespannt sein, welcher Regierung die Ehre zukommen wird, es eines Tages abzuschaffen. Vermutlich muss zunächst einmal der kleine Koalitionspartner abgeschafft werden.
Ulrike Herrmann von der taz gibt zu bedenken, dass die gesamte Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, kurz ARD, der „Selbstbedienungsmentalität” frönt, und fordert, damit müsse Schluss sein.
Träumen darf man!
In einem anderen Artikel zum Thema verlinkt die taz diese beiden lesenswerten Blogeinträge der Freien beim rbb, die die Unverfrorenheit und Schamlosigkeit der (gewesenen) Intendantin noch einmal ins rechte Licht rücken. (Wie gesagt: Ähnliche Stories gibt’s bestimmt auch unter, zum Beispiel, Tom Buhrow.)
Löffelhäppchen + Schlagzeilen + Belegschaftsversammlung
Vorwürfe + Bestandsschutz + Energiepreispauschale

In der Ukraine ist ein Atomkraftwerk beschossen worden – das größte Europas.
Unser kleiner Sprengplatz im Grunewald ist ein Sandkasten dagegen.

Der Landwirtschaftsminister (von den Grünen) verschiebt das EU-Artenschutzprogramm ein bisschen, damit die Landwirte mehr Getreide anbauen können. Der Oberlobbyist der Landwirte ist erleichtert. Er sorgt sich um die Ernährung der Weltbevölkerung, guter Mann! Es wäre aber auch möglich, die Ackerflächen, die jetzt zur Produktion von Biotreibstoff und Futtermitteln für die Fleischindustrie benutzt werden, umzuwidmen. (Möglicherweise hat sich der kleine Koalitionspartner dagegen gesperrt. Oder die Agrarlobby, oder beide.)

Für die Nachgeborenen: Insekten, das waren diese kleinen Dingerchen ->
Insekten.

Fazit: Auch nach dem Urlaub ist die Selbstabschaffung des Menschen – einschließlich der Vernichtung aller anderen Arten – eine denkbare, und man darf sagen: eine aktiv betriebene, Sache und, wie es aussieht, der wahrscheinliche Ausgang des Dramas. Schade.

Kimbra hat zusammen mit dem mexikanischen Jazzdrummer Antonio Sánchez einen neuen Song veröffentlicht. Leider ist nach drei Minuten Schluss. Trotzdem toll!

Steingrün

Der Bus, der 34er, fährt um 8.55 Uhr. Das Wetter diesig. Es nieselt. Später wird sich der Dunst auflösen, die Sonne herauskommen, und das, und die Bewegung auf schmalem Pfad entlang der Steilküste, wird den Wanderer um halb neun abends aufs Bett werfen, bis nachts um eins. Im Fenster dann ein grauschwarzes Bild, mit Lichtern löchrig überhängt: Schummer, unstetes Blinken; Starrlicht; großflächig gelblicher Schein als schwebender Deckel obendrauf.

Am Kopfende des Bettes eine Graphik, deren Titel in ungarischer Sprache guten Schlaf bzw. schöne Träume wünscht.

Die Hitzewarnung gilt nicht für Finistère, heiß ist es trotzdem. Die Jeans viel zu dick, nützlich aber bei dem Hundert-Meter-Irrweg durch zähes, kratziges Ufergebüsch. Google Maps.

Leute, alle mit Bonjour grüßend und begrüßt, überschaubar an Zahl.

Zerstörerische Ausmaße scheint der Tourismus in der Bretagne nicht angenommen zu haben, außer, dass jedes Sträßchen asphaltiert ist. Barcelona, Venedig, das sind Orte, die dreihundert Jahre Ruhe brauchen. Brest und Umgebung aber darf man ein bisschen stören, ohne dass es schadet.

PS. Mit diesem Eintrag endet das kleine Frankreich-Reise-Bordbuch. Freitag morgen geht es über Paris (alles geht hier über Paris) zurück nach Berlin-Brandenburg – auch schön.

Portsall

Wer Abwechslung zum Steingrau der Stadt sucht, kann den 14er-Bus nach Ploudalmézeau nehmen, an der Endhaltestelle, Portsall Église, aussteigen und ein Stück des Küstenwanderwegs laufen, der eine andere Farbpalette bietet.

Innerhalb einer Stunde ist man da, läuft die Rue de l’Église herunter und nimmt den Weg zwischen Crêperie (links) und Restaurant (rechts). Bereits im Mesolithikum, in der Mittelsteinzeit, war die Gegend besiedelt. Steingrauschattierungen auch hier.

Zurück am Ausgangspunkt, hat die Crêperie leider geschlossen, aber nicht weit von der Stelle, an der ein schwarzer Anker und ein kleines Museum an die Havarie des Öltankers Amoco Cadiz (1978) erinnern, die den Küstenstreifen verdreckte und Zehntausende Vögel umbrachte, gibt’s noch eine andere. Die Zucker-Butter-Crêpe ist absolut zu empfehlen.

Am besten unternimmt man diesen Ausflug samstags, weil dann der Bus schon mittags fährt und man abends wieder zurückkommt.

Abfahrtszeiten bis 31.8.: 12.00 Uhr, 17.05 Uhr, 18.20 Uhr; der letzte Bus zurück: 18.05 Uhr. Trampen ginge auch.

Das – geschätzte! – Steingrau erweist sich übrigens bei genauerer Betrachtung als überraschend nuanciert; womöglich gibt es außerhalb des Farblabors Monochromie so wenig wie absolute Stille.

Die Worte sind die sichtbare Hand des Schweigens, die Form, die es annimmt, um von uns verstanden zu werden, schreibt Antoine Wauters. Sicher hat sich schon jemand die Übersetzungsrechte gesichert.

mouette – goéland

Der kleine Stolz, das Wort für Möwe noch gewusst zu haben: mouette! Doch nein, korrigiert die Lehrerin freundlich – Genauigkeit muss sein – so heißen die kleineren Vertreter mit feinem geradem Schnabel, die über den Schlick laufen und nur Muscheln und Würmer fressen. Die größere und wenig wählerische Art, die auch Mülleimer durchsucht, wird goéland genannt. Diese sieht und hört man in Brest. Auch häufig: Elstern. Die Krähen sind schwarz.

Brest ist keine schöne Stadt, aber reizvoll allemal. Im Zweiten Weltkrieg – hier hört die Zählung hoffentlich auf – von der Royal Air Force vollständig zerstört, um die deutschen Besatzer zu überwinden (hatte da wieder Bomber-Harris seine Finger im Spiel, der Psychopath im Dienste der Guten?), wurde sie in den folgenden Jahrzehnten neu gebaut und neu erfunden. Das Leid, das die Deutschen über das Land gebracht haben, begegnet einem auf Schritt und Tritt. Erinnerungen an Widerstandskämpfer, die standrechtlich erschossen wurden (noch die Rechtsbrecher berufen sich auf das Recht), an U-Boot-Besatzungen, die hier umkamen … Das alte Brest, in Photographien festgehalten, musealisiert.

Legende:
1. Pont de Recouvrance

2. Seilbahn (Téléphérique)

3. Université de Bretagne Occidentale

4. Rue de Siam (für Straßenbahn, Fußgänger und vermutlich Radfahrerinnen reserviert, wie übrigens auch die Rue Jean Jaurès)

5. Les Capucins (www.ateliersdescapucins.fr), ehemaliges Arsenal, heute zivil genutzt)

6. Bahnhof (der Busbahnhof ist auch dort)

7. Zur Crêperie de Cornouaille, Rue St Marc, nahbei

Brest

Nach kurzem, leichtem Schlaf gegen vier Uhr aufgestanden, alles für die Abfahrt vorbereitet. Viertel nach fünf durch den schlafenden Ort zum Busbahnhof.

Zweite Etappe: La Souterraine – Paris Gare d’Austerlitz.

Zwei Stunden Umsteigezeit, kann man glatt zu Fuß gehen.

Paris Gare Montparnasse – Brest. (Brest hat nur einen Bahnhof, kein Beiname erforderlich.)

Anders als die komfortablen ICEs, sparen die TGVs an Platz für die Passagiere. Wie Sardinen werden sie in die schmale Zugbüchse gesteckt und auf jagende Fahrt geschickt.

Brest, Bretagne. Vom Bahnhof noch 15 Minuten Fußweg. Im vierten Stock drei Wohnungstüren, alle ohne Namensschild. Mal die neben dem Aufzug probieren.

Wasser in Winkweite

Gestern abend Einladung zum Essen. (Die Leute vorgestern kennengelernt. Gleich den neuen Hühnerstall bewundert. Über dem Tor eine kleine Lenin-Statue, daneben groß der gallische Hahn.) Als Aperitif Rum / 55 %, von Eisklümpchen kaum verdünnt, dazu geröstete Kokosnussflocken und halbkreisförmige Nüsse, die auch irgendwie heißen, Kidney nicht, Chutney nicht, aber in die Richtung. Zum Hauptgang wurde Schweinefleisch mit Reis serviert, Rotwein. Lebhafte Gespräche über Macron und Mélenchon.

Zwischendrin Sichtung eines jungen Igels. Freudige Begrüßung. Die Nachbarin lief ihm vor Entzücken entgegen und nahm ihn auf die Hand, doch da hatte er sich schon zur Kugel eingerollt. Kann er ja nicht wissen, dass das eine ganz ganz freundliche Tante ist, die sich einfach freut, mal wieder einen Igel zu sehen, diesen selten gewordenen Gast. Wieder im Gras abgesetzt, blieb er einige Minuten Kugel und lief davon, als keiner guckte.

Am letzten Abend

Musik war länger nicht mehr, darum hier ein Stück von Charlotte Adigéry und Bolis Pupul.

NYTimes: Congo to Auction Land to Oil Companies: ‘Our Priority Is Not to Save the Planet’

Deprimierende Nachrichten … Sie zur Kenntnis zu nehmen, hilft nicht; sie zu ignorieren, hilft auch nicht.

Congo to Auction Land to Oil Companies: ‘Our Priority Is Not to Save the Planet’ https://nyti.ms/3BmPADM

Tausend Kühe

Bei Felletin, südlich von Aubusson gelegen, beginnt der Parc Naturel Régional de Millevaches (Landschaftspark Millevaches).

Wer ohne Auto unterwegs ist, wird fürs erste nur einen Zipfel davon erhaschen können, denn die letzten Busse fahren früh. Oder: Fahrrad fahren!

Die Kirche mit Tapisserie-Ausstellung stünde offen. Ein Denkmal für einen Herrn Quinault, Dichter, Sohn der Stadt dank Fehlinterpretation der Quellen, keinerlei biographischer Bezug zu Felletin. Aber würdig ist es. Das steinerne Monument mit Gitarre und Cello bleibt unangetastet, das Touristenbüro kennt die historischen Fakten.

Übrigens gibt es auch Zugverbindungen. Auf dem Gleisbett wächst Gras.