Rin Enter

Glückwunsch zum Jahrestag mit WordPress.com!
Du hast dich vor 7 Jahren auf WordPress.com registriert.
Danke für dein Vertrauen. Weiter viel Erfolg beim Bloggen!

Diese Nachricht kam gestern.

Woran bemisst sich der Erfolg beim Bloggen? Wahrscheinlich an den Klicks. – Ich glaube, dass seit Februar 2013 kein Tag vergangen ist, an dem die Seite nicht wenigstens ein-zweimal angeklickt worden wäre. – Der meistbesuchte Beitrag war [geschwärzt]. Diesen Erfolg möchte ich nicht wiederholen, denn die Aufrufe verdankten sich einem Troll, der dann gottlob nicht weiter in Erscheinung getreten ist. Er hat mich sehr geärgert.
Wer genau hier vorbeikommt, weiß ich nur in wenigen Fällen. Von meinen Geschwistern sind es zwei, die verfolgen, was ich mache. Acht Ignoranten, im Umkehrschluss, ich werde das im Testament berücksichtigen.
Ich habe immer mal wieder mit dem Bloggen gehadert, es gab eine einjährige Pause und mehrfache Unterbrechungen. Inzwischen bin ich ganz zufrieden. Ich nehme das Tempo langsam. Ich weiß, dass wenig zurückkommt.
Ich werde das Ding hier fortsetzen, so lange ich Lust dazu habe.
Danke für’s Folgen (für’s wirkliche, tätige Folgen)!

Übrigens ist gestern unter dem Titel „wie geschnitten Pink”. Neue Sprachkunst von Charlotte Warsen meine Kritik zu ihrem Gedichtband Plage veröffentlicht worden, nachzulesen

hier.

Weil es doch zuletzt viel Text gab – und zur Feier des Jubiläums – ein flottes Stück von Cate Le Bon, die ich in diesem Blog ja schon mehrmals habe hochleben lassen. Da Duke auch ein super Song ist, poste ich den auch, und – aller guten Dinge sind drei – Heat Rises von Nilüfer Yanya. Nilüfer Yanyas Musik hat Pop Appeal, geht aber nicht ganz darin auf.

Bleibt abschließend zu erwähnen, dass ich meine Aufnahmeanträge für den VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.) und die Bundessparte Übersetzer im Verband deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di abgeschickt habe und mich auf Abbuchungen einstelle. Das ist okay.
Außerdem habe ich die Absicht, mich bei der VG Wort (Verwertungsgesellschaft Wort) anzumelden, auf dass die brotlose Kunst des Kritikenschreibens zum Jahresende doch noch etwas einbringe. Auch wenn ich mir dann nur einen Bratapfel kaufen kann, ist ja egal. Nicht egal ist aber, in einer Gesellschaft, in der alles auf Geld hin orientiert ist, darauf zu pochen, dass eine geldwerte Leistung entlohnt wird, und zwar mit Geld. Das ist mehr so eine grundsätzliche Haltung. Denn meine Miete verdiene ich ja als Buchhändler und Dateneingabefuzzi.

An der Fassade des Ringcenters Frankfurter Allee waren das G und das C ausgefallen, so dass zwei Versionen von „Hereinspaziert!” übrigblieben, nämlich RIN und ENTER. Nur falls sich einer wundert.

In der Zwischenzeit

Während eine Kritik zum zweiten Gedichtband von Charlotte Warsen – Plage – in Arbeit ist, hier meine Besprechung ihres Erstlings.

Vom Speerwurf zu Pferde

„es ging los mit dem abstrakten da war ich acht“
Linus Westheuser, zitiert von Charlotte Warsen

Wer sagt denn, dass der Sinn eines Gedichtes in den Worten liegt? Vielleicht liegt er in der Form? Vom Speerwurf zu Pferde ist das Debüt von Charlotte Warsen. Bei seiner Veröffentlichung 2014 fand es wenig Aufmerksamkeit – Jan Kuhlbrodts Kritik im Signaturen Magazin und Fabian Thomas‘ Kritik bei Fixpoetry waren Ausnahmen (beide online). Darum mag es vertretbar sein, obgleich mit Verspätung, nun noch eine dritte Besprechung nachzuliefern, zumal ein zweiter Gedichtband angekündigt wird.

Ein Zyklus, „flu flu fieder“, so fluffig und fluid wie sein Name, steht am Anfang: zwölf zeichenartige Gedichte von zwischen fünfzehn und fünfunddreißig Wörtern Umfang, auf je drei Verse verteilt, kurz – lang – kurz. Einrückungen, Kursivierungen, Leerstellen und ein weitgehender Verzicht auf Satzzeichen – übrigens wiederkehrende Charakteristika der Gedichte in Vom Speerwurf – ergeben eine hohe formale Variabilität, Beweglichkeit und Vieldeutigkeit. Teilweise kehrt sich die Leserichtung um oder sie wird suspendiert. Die Sprache rückt selbst als Gegenstand ins Bild. Sie wahrt größtmögliche Abstraktheit, lässt Raum für Assoziationen, z.B. wenn in der Fügung „meine mode ist ganz hautig“ nicht nur ein Mit-der-Mode-Gehen aufgerufen wird (heutig), sondern auch Material (Leder) und Zuschnitt (skinny fit), und natürlich die Haute Couture.

In den nächsten Kapiteln weitet und verdichtet sich die Textur. „Für die Gedichte in ͵die tellerʹ habe ich die Sprüche meiner Oma gesampelt“, sagte Charlotte Warsen bei einer Lesung. Doch bis auf eine regional gefärbte Wendung – „macht schwach auf die beine“ – ist davon kaum eine Spur zu finden. Bilder und Begriffe, die an einen Krankenhausaufenthalt denken lassen, kontrastieren mit sparsam gesetzten Reminiszenzen an die Natur. Aber das ist eine verkürzte und verfälschende Lesart, denn Warsens Gedichte erzählen nichts. Ein „gefetteter lockruf“, „souffleusen“ und „mayaforscher“, die wie selbstverständlich auftauchen, sollten nicht als pittoreskes Detail missverstanden werden; sie stehen für einen Farbwert und (vielleicht) -auftrag, der in Relation zu den Wertigkeiten der anderen Wörter steht, diese bestimmt und von ihnen bestimmt wird.

Der, rein formal-technisch, malerische Bezugspunkt der Gedichte ist auch in der Zwischenüberschrift „farbe und funktion“ angezeigt. „Chardin noch musste – wie wir von Diderot wissen – verzweifelt auf einen Hasen warten, der seine Ansprüche auf die geforderte Farbigkeit erfüllte“ – das Epigraph des Kunsthistorikers Max Imdahl gibt den Ton an für die nun folgenden zehn Gedichte (Naturgedichte vielleicht), die ein ganzes phantastisches Farbspektrum auffächern, um z.B. einen Sonnenuntergang zu schildern, mit Farbbezeichnungen, wie sie so im Farbsystem Pantones (das Warsen zitiert) nicht vorkommen: „schleppbeige“, „devotes rot“, „zwiepink“, „mitterschwarz“, „blattschwarz“, „nassschwarz“. Eingefügt „ein leichtes / gelb am horizont […] rollt eins zwei ballen blau“, und starke, assoziationsreiche Ausdrücke: „frotteesonne“. Darin klingt eine bestimmte Stofflichkeit des Lichts an, aber auch die künstlerische Technik der Frottage, wie sie aus dem Werk ihres Erfinders Max Ernst bekannt ist.

Wie ein Intermezzo dagegen die von verspielter Rasanz, Begeisterung und Übermut geprägten Gedichte in „vom speerwurf zu pferde“, deren Leichtsinn und greller Jux im Titelgedicht und im Gedicht „himmel“ in einen zurückgenommenen, versonnenen Duktus überführt und abgeblendet werden.

Die Texttafeln in „die karelischen grenzen“ – ein weiterer Höhepunkt des Bandes – feiern die Welt als Lautverkettung und Klangdickicht, berühren aber zugleich die Sphäre der bildenden Kunst, sind somit, wie es der Klappentext formuliert, „synästhetische Gedichte“ auf „die Freundschaft von Wort und Farbe“, wobei Wort eben auch als Wort-Laut zu verstehen ist. Mit ihrem jeweils seitenfüllenden Blocksatz können sie als quasi-monochrome Gemäldegedichte oder als Gedichtgemälde auf den Spuren Ad Reinhardts gelten; bei genauerem Hinsehen erkennt man eine starke Binnenbewegung und Riffelung. „die stadt“, „der wald“, „schwappen“ sind durch Wiederholung und Variation besonders herausgehoben.

Das (augenscheinlich) Monolithische wird dann wieder zurückgenommen zugunsten knapperer und/oder mehr aussparender Formen, die als erweiterte Reprise der „flu flu fieder“-und der „farbe und funktion“-Gedichte gesehen werden können. Sie leiten zum letzten, lapidaren, Kapitel über, „türme“.

i am radio

1
hetz
1über
abseits
ab
1arg
ins um
liegende
ätsch
metallischer
balladen

i am
radio

„i am radio“ kann als Notation eines Sendersuchlaufs gelesen werden. Das Ausnutzen der typographischen Ähnlichkeit von 1, t, l und i, ergänzt durch den Stamm der Buchstaben h, b und d, erzeugt gleichzeitig formale Geschlossenheit und Mobilität. Die Schriftzeichen ‚kippeln‘, passend zum Zappen durch das Programm: „1/hetz[en]“. Auffällig der zweimalig auftretende Doppelkonsonant „ll“ am Ende der ersten Strophe, der, zusammen mit der Dynamik einer tendenziell zunehmenden Zeichenzahl je Vers (1, 4, 5, 7, 2, 4, 5, 8, 5, 12, 8), einen Schwerpunkt zu bezeichnen scheint.
Die „metallische[n] / balladen“ verweisen auf das Radioprogramm, je nach Lesart auf ein schepperndes Klangbild oder auf das Genre der Metalballade (bekanntes Beispiel: Metallicas „Nothing else matters“).
Der Text durchkreuzt die Aufgabe des Empfängers (Lesers), die darin bestünde, den gewünschten Sender von den nicht gewünschten Sendern zu trennen. Er interessiert sich für die Übergänge zwischen den einzelnen Frequenzen, für die Störgeräusche („ätsch“). Das durch Leerzeilen – Stille – isolierte „i am / radio“ ist sozusagen die Moral zu der kurzatmigen Reihung abgerissener Sprachfetzen. Es ist auch eine Selbstbehauptung, die Signatur eines Ichs, das für sich in Anspruch nimmt, noch das scheinbar Ungefügte schöpferisch zu durchdringen, in jeden Vers auszustrahlen (lat. radius „Strahl“).
Ebenso ist „i am“ als Zeitangabe lesbar: 1 Uhr nachts.*


* Ich verdanke diesen Hinweis Norbert Lange, der außerdem zu bedenken gibt, ob das „türme“-Kapitel nicht als Textband aufgefasst werden könnte statt als Aufeinanderfolge einzelner Texte.


„wir haben jetzt ein gehöft“ ließe sich wie eine Komposition analysieren. Tatsächlich gibt es die Vortragsangabe: „[singend:]“. „das geht nicht mehr raus“ lautet das in Wiederholungen und Abwandlungen wiederkehrende Hauptmotiv. Dann kommt ein „über-“ hinzu. Wie das Wort weitergeht, erfährt der Leser nicht sofort, ein zweites und drittes Mal heißt es „über-“ bzw. „über-“, erst dann folgt, etwas darunter, „raschen“, das in „rascheln“ und „rasches“ aufgenommen und variiert wird. Am Anfang, in der Mitte und am Ende des Gedichts steht: „im haus“ – die wörtliche Übersetzung der aus der DJ Culture stammenden Floskel „in the house“ –: hineingescratchter Hinweis auf Warsens Samplingtechnik. Bei ihr klingt es aber nicht nach Party, sondern nach Aktenvermerk – ein Beispiel für ihren trockenen Humor.

Vom Speerwurf zu Pferde ist eine verschwenderische Sprachschöpfung aus dem Geist der Malerei und der Musik. Hochkomplex und schwierig, sind die Texte dennoch, über Duktus und rhythmische und klangliche Gestalt, zugänglich, überraschen immer wieder, inmitten rasanter Beschleunigungen und Überstürzungen, mit prägnanten Sprachbildern: „das meer hängt an häkchen über dem meer“ heißt es z.B. über die kabbelige See; ein Himmelsgedicht dekliniert subtil die Wolkenphasen, ist ganz zarte, behutsame Empfindung des Fließens und Vergehens, von Farbverläufen und Volumina. Trotz dieser Spuren der wirklichen Welt (Karl Mays Schut kommt auch vor) dürfte ein Verständnis der Gedichte auf der Deutungsebene ins Leere führen; vielversprechender scheint es, sich dem Sog der Abstraktion anzuvertrauen.

„es ging los mit dem abstrakten da war ich acht.“ Dies Buch ist ein erstes sichtbares literarisches Zeichen für den von Charlotte Warsen – auch als Malerin und Zeichnerin – beharrlich verfolgten Weg. Wir freuen uns auf das nächste.

[2018]

wie geschnitten Pink

Noch einmal ein Zitat aus Charlotte Warsens Großgedicht Plage, das im letzten Herbst bei kookbooks erschienen ist, siehe auch den vorletzten Beitrag. Und ganz passend, denn heute geht es – unter anderem – um Schweine: Schweine als sogenannte Nutztiere; nämlich: Die Verbraucherschutzorganisation foodwatch hat eine Petition gestartet, bei der es darum geht, die geplante Verlängerung – um siebzehn Jahre – der sogenannten Kastenstandhaltung in der Ferkelzucht (s. Abb.) zu unterbinden.
Ich zitiere foodwatch:

Eingezwängt zwischen Metallstangen, ohne jeden Bewegungsspielraum – so verbringen Sauen in der Ferkelzucht ihr halbes Leben. Zu Hunderten aneinander gepfercht in engen Metallkorsetts, die ihnen nicht einmal erlauben sich umzudrehen. Auch nach der Geburt werden die intelligenten und fürsorglichen Tiere so davon abgehalten, sich um ihre Ferkel zu kümmern. Und das alles nur, um Schweinefleisch in Deutschland weiterhin so billig wie möglich zu produzieren. In Schweden und Großbritannien ist diese Praxis seit Jahrzehnten verboten, in Deutschland hat ein Gericht sie schon vor Jahren für tierschutzwidrig erklärt. Doch statt nun endlich ein Verbot durchzusetzen, will die Regierung den sogenannten „Kastenstand“ für weitere 17 (!) Jahre erlauben. Am 14. Februar soll der Bundesrat abstimmen. Das ist unsere letzte Chance, diese Tierqual zu beenden und dafür brauchen wir Ihre Stimme! Die Grünen haben die Kastenstandhaltung in der Vergangenheit scharf kritisiert. Nun haben sie im Bundesrat die Chance, das Gesetz zu stoppen. Schreiben Sie deshalb mit uns an die Parteivorsitzenden und die Grünen Ländervertreter im Bundesrat und fordern Sie: Beenden Sie diese tierquälerische Praxis JETZT!

Ich möchte die Leser/innen dieses Blogs herzlich darum bitten, sich mit ihrer Unterschrift für diese gute Sache einzusetzen und gegebenenfalls in den sozialen Netzwerken (die hier ihrem Namen einmal gerecht werden können) und/oder im privaten Umfeld die Trommel dafür zu rühren. Und dann kann man nur das beste hoffen. – Julia Klöckner und Peter Altmaier finden es ja okay, dass Ferkel ohne Betäubung kastriert werden, von diesen ist nichts zu erwarten. Wenn sie aber Widerstand spüren, besteht vielleicht doch Hoffnung, dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden (crossing fingers).

Hier geht es zur Petition:
https://www.foodwatch.org/de/mitmachen/das-halbe-leben-zwangsfixiert-schweinequal-beenden/

Illustration: Falk Nordmann

Danke für’s Mitmachen! – Übrigens, wer sich für Schweine als lebendige Gesellen interessiert, sei auf das Porträt verwiesen, das Thomas Macho in der Reihe Naturkunden veröffentlicht hat.

Thomas Macho, Schweine. Ein Portrait. 155 Seiten, gebunden. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2015. 18,00 Euro

Jetzt ein harter Cut: Das Onlinemagazin fixpoetry freut sich über Unterstützung.
Aufgrund seines Zuschnitts von Förderung weitgehend ausgeschlossen, leidet es unter der Umsonstkultur. (Ich selbst gehörte ja bis vor zwei Tagen zu den indolenten Leuten, die sich keine Gedanken darüber machten, wie sich so ein hervorragendes Angebot eigentlich trägt – hab aber immer fröhlich gelesen.)

Julietta Fix schreibt:
Wir haben zu Spitzenzeiten mehr als 2000 Visitors täglich. 2019 haben wir über 140 Lyrikbände besprochen und unsere Kolumnen ausgebaut. Und trotzdem haben wir auf steady nicht mehr als 48 Mitglieder.
(Steady ist ein in Berlin ansässiges Mikrobezahlsystem-Unternehmen.)

Ihr Aufruf im vollen Wortlaut:
danke sehr; gracias; grazie; thanx; teşekkürler; merci; efcharistó; arigatō; tack; takk; madloba; xièxiè; תודה; spasíbo; obrigada;

… und hier geht’s zu Steady -> FIXPOETRY unterstützen!

und rauchend und schruppwasserschluckend

(Zitat aus Charlotte Warsens Gedichtzyklus Plage, der im letzten Herbst bei kookbooks erschienen ist.)

Es wird jetzt immer schwieriger, die Berichterstattung zum Ultraschall Berlin Festival fortzuführen, zu der mich natürlich niemand aufgefordert hat, denn die Welt dreht sich weiter, und ich bin kaum noch in Hörweite zu dem, der ich am Freitag, den 17.1.2020, war. An diesem Tag nämlich (nachmittags) spielte die Klarinettistin Nina Janßen-Deinzer ein Solo-Recital im Heimathafen Neukölln, wozu sie – wenn das wichtig ist (ich meine, ja) – nicht geradezu barfuß, aber doch ohne Schuhe auf die Bühne trat. Mir gefiel diese unprätentiöse, einfache und wirksame Art, Stand zu haben.
Nina Janßen-Deinzer performte vier Stücke: zwei für Klarinette (Franco Donatoni, Helmut Lachenmann) und je eines für Bassklarinette (Bertram Wee) und Kontrabassklarinette (Bernhard Gander) – letztere ein acht oder neun Kilogramm schweres, unhandliches Teil, über das ich mir noch kein abschließendes Urteil gebildet habe, auch wenn ich dazu neige, es für überflüssig zu halten: der Mehrwert, den eine Kontrabassklarinette gegenüber einer Bassklarinette hat, scheint mir vergleichbar dem eines vierfachen gegenüber einem dreifachen Forte. – Ein zunächst angekündigtes zweites Stück für dies ungeschlachte Instrument, Solo des Franko-Griechen Georges Aperghis (2013/14), das mit einer Aufführungsdauer von zwanzig Minuten das mit Abstand längste des Abends (Nachmittags) gewesen wäre, wurde ohne genauere Erklärung gestrichen. Mein Nachbar zur Rechten nahm es bedauernd zur Kenntnis, wahrscheinlich kannte er es schon und hatte sich darauf gefreut; ich selbst hatte keine Meinung dazu, finde allerdings, dass, wenn ein Konzert (hinsichtlich seiner Dauer) um ein Drittel gekürzt wird, ein Kaffee oder ein Bier vom direkt benachbarten Café Rix fällig gewesen wären. Doch auch ohne Aperghis war es ein anspruchsvolles und (für die Musikerin) zweifellos anstrengendes Programm.
Übrigens, wie ich hier ohne Zusammenhang anbringe, gibt es eine Uniform der Neue Musik-Hörer, und die verlangt Schwarz, mindestens gedeckte Farben. (Ich vermute, dieses Outfit wird auch von den Anhängern neuester Kunst getragen.) Ich bildete unglücklicherweise keine Ausnahme, habe mir aber für nächstes Mal vorgenommen, mir etwas (zum Beispiel) Rotes anzuschaffen, um die Konformität zu stören, gegen die ich allergisch bin.

Clair von Franco Donatoni (1927-2000): dies vierzig Jahre alte Werk eröffnete das Recital. Es besteht aus zwei Teilen, die sich spiegelbildlich zueinander verhalten: im ersten fängt sich das Licht, im zweiten der Schatten; clair-obscur wäre so gesehen der passendere Titel gewesen. Gerade hab ich’s mir noch einmal auf YouTube angehört (interpretiert von Edmondo Tedesco). Die hohen, quiekenden, stechenden Töne des Anfangs hatte ich schon vergessen gehabt, auch die Läufe … Keine schlechte Musik, gewiss, aber auch keine Musik, die mich vom Hocker reißen würde. – Der Schattenpart war mehr was für mich.
Kam jetzt schon Lachenmann, oder erst Gander? morbidable (2014) von Bernhard Gander war jedenfalls das Stück für Kontrabassklarinette. Das Programmheft – ich hab’s hier liegen – zeigt das Bild eines stark tätowierten Mannes mit Iro, der ein Treppengeländer umarmt; die zugehörige biographische Skizze weist ihn als Heavy Metal-Fan aus, und dagegen ist ja nichts einzuwenden. Die Musik habe ich aber als irgendwie bieder und einfallslos in Erinnerung – das heißt, der Einfall erschöpft sich in der Wahl des Instruments. Sicher bin ich zu streng, aber: so hab ich’s wahrgenommen. Ein Rebellentum wurde behauptet, aber nicht eingelöst.
Ganz anders Dal Niente (Interieur III) (1970) von Helmut Lachenmann. Lachenmanns geniale Erfindung, das Augenmerk nicht zuerst auf die Töne selbst zu richten, sondern auf die Artikulation derselben, auf Begleitgeräusche des Atmens, der Klappen, des Mundstücks und so weiter, bedeutet nicht nur einen Bruch mit alten Gepflogenheiten (keinen Bruch mit der Tradition selbst), sondern vor allem eine Myriadisierung des Klangspektrums, eine welteröffnende Erweiterung des Hörbaren (des für das Hören wert Befundenen), klangsinnlich und farbenreich. Nina Janßen-Deinzer hat all diese Facetten und Nuancen fabelhaft ausgespielt.
Auch der junge Bertram Wee, dessen etwas dubios smegma betitelte Komposition (2019) – ich denke da gleich an einen schrecklichen Auftritt von Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray in der Harald Schmidt Show (damals mit dem Schwachmaten Oliver Pocher als Sidekick) – den exaltierten Abschluss des Konzerts bildete, konnte sich auf Nina Janßen-Deinzer verlassen, die das zehnminütige Werk für verstärkte Bassklarinette mit Furor und Risikobereitschaft zur glänzenden Uraufführung brachte. Viel Applaus.

Trio Accanto bei Ultraschall Berlin

Kompositionen* von Yu Kubawara, Christian Wolff, Johannes Schöllhorn und Georges Aperghis standen auf dem Programm des Trio Accanto, das in der Besetzung Saxophon, Klavier und Schlagzeug spielt und seit seiner Gründung vor fünfundzwanzig Jahren zahlreiche einschlägige Werke angeregt und aus der Taufe gehoben hat – auch beim Ultraschall-Auftritt war eine Uraufführung dabei: die Exercises 37 und 38 von Christian Wolff (neben seinem Renommée als Komponist bei Literaturfreunden auch als Sohn des Verlegerpaars Kurt und Helen Wolff bekannt: fünfundachtzig Jahre alt inzwischen).
Die beiden Exercises (2018) sind nicht nur hinsichtlich der Besetzung („Zwei oder mehr Spieler, alle denkbaren Instrumente”) frei: Christian Wolff geht es in seiner 1973 begonnenen Werkreihe (laut Auskunft des Programmtexts) um die Fragen von Autorschaft und Freiheit der Interpreten. – Sein Kollege Frederic Rzewski resümierte: „These scores do not de/prescribe the final resulting sound picture, but provide a map along which the players may travel.” – Zitiert nach AllMusic.
Der Komponist (ich paraphrasiere wieder Eckhard Webers Programmtext) stattet die Interpreten mit dem gleichen Notenmaterial aus, Taktstriche und Notenschlüssel fehlen darin, es gibt keine Hierarchisierung von Solo- und Begleitstimmen – was sie aus dem Notentext zu Gehör bringen und wer was spielt, steht ihnen frei.
Vermutlich haben die Musiker den Kuchen schon bei der Einstudierung des Werks unter sich aufgeteilt, jedenfalls brachten sie es in einer tadellos geschlossenen Form zu Gehör – oder wäre gerade das dann zu ‘tadeln’? -, die nichts von diesen abenteuerlichen Freiheiten ahnen ließ. Für mich aber kein Problem, mir hat’s gefallen, wozu – wie immer bei neuer Musik – auch der Schauwert z.B. eines großen Schlagzeugs beigetragen haben mag. (Dies gilt mehr noch für das spektakulär virtuose Trio Funambule [Seiltänzer-Trio] von Georges Aperghis, mit dem das Konzert seinen furiosen Abschluss fand.)
Das Konzert des Trio Accanto liegt jetzt länger als eine Woche zurück, den Mitschnitt habe ich mir noch nicht angehört. Bilde ich mir es nur ein, dass die Darbietung der Exercises eine jazzige Lässigkeit ausstrahlte (darin wäre ja dann doch etwas von der vermissten Freiheit bewahrt)?

In Between von Yu Kuwabara (geb. 1984): befremdlich, sonderbar. Ein Stück, bei dem ich ‘draußen’ blieb; ich hätte es gern ein zweites Mal gehört. – Fremdheit und Härte sind Programm:
„In meinen Kompositionen untersuche ich meine eigene musikalische Sprache zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ebenso wie zwischen Japan und der Welt. Ich versuche dabei immer zu reflektieren, was die Essenz und die Natur japanischer Musik ist”, zitiert das Programmheft die Komponistin.
Die produktive Enttäuschung, dass Musik in Japan nicht gleich (=) altmodischer Jazz und Wiener Klassik ist (wie bei Haruki Murakami), sondern z.B. das Spiel auf der Bambusflöte Shakuhachi (hier von Marcus Weiss am Saxophon zitiert), buddhistische Gesänge, hohltönende Trommeln (vom teilweise präparierten Klavier nachgeahmt) und Glocken, war nur um den Preis des Nicht-Gefälligen, des Nicht-Gefallenmüssens zu haben. Respekt! Wie mutig, und wie selbstbewusst!
Die im Begleittext erwähnte Überlagerung zweier ‘sich beißender’ Musiken habe ich nicht wahrgenommen. Ich werde mir In Between noch einmal anhören.

Zu faul, etwas zu Sinaïa 1916 von Johannes Schöllhorn zu schreiben, verweise ich wieder auf das Programmheft. Außerdem bin ich kein Komplettist, und Geld kriege ich ja auch keins.

* Erläuterungen zu den aufgeführten Werken können hier nachgelesen werden.

Intermezzo

Die Vögel haben verabredet, Nester zu bauen, ab heute, Sonntag. Gestern noch nicht, oder ich hab’s nicht bemerkt. – Ein Baumstumpf – geplündert. Fasern für weiche Bettung. Vielfältige Flugbewegungen, Graslandungen. Interessiertes Abschreiten des Grüns. Feines Gehacke in die Erdkrume. – Da wippen auf kahlen Zweigen vier, die ich nicht kenne (Größe von Eichelhähern, ungefähr), beißen Sachen ab, Rindiges, Nestnützliches. Auch Kippenverwertung (allgemein, nicht dickichtspezifisch). – Sonnenblumen-, Erdnusskerne, Fettfutter streue ich in lückenloser Schicht ins Futterhaus, so genau streiche ich auch meine Butterbrote.

trunk