Regen war morgen

Nicht sorgen, wenn dies Logbuch für längere Zeit nicht mit neuem Stoff gefüttert werden sollte (sollte). Ich werde nicht gestorben sein. Ich verreise bloß, ich überschreite eine geographische (eine Staats- und Sprach-) Grenze, was für mich zwar außergewöhnlich, aber immerhin kein nur einmaliges/letztmaliges/letztes Ereignis wie Geburt oder zu den Meinigen versammelt werden a/k/a Tod ist. Also Ball flachhalten.
Über die Reiselektüre, ihr habt mich ja gefragt, ist bis jetzt folgendes klar: Gustave Flaubert, Madame Bovary (Französisch), Friedrich Hölderlin, Hyperion oder der Eremit in Griechenland (Ausgabe Stroemfeld/Roter Stern), Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften. Sollte ich das alles schaffen – wenn es auch im Urlaub nicht um Schaffen gehen soll, sondern um Lassen, vielleicht sogar um Zulassen, Zulassen im öffnenden Sinn (hier ist eine Tür) -, hätte ich immer noch was zu lesen. Wobei, würde dann eher noch was Französisches koofen, will ja produktiv faulenzen!

Tagebuch schreibe ich nicht, aber ich werde kritzeln, so in der Art: das lesen, das hören.
Diese Kritzeleien dienen meiner Bildung.
Die Bildung ankert in der Zukunft oder geht dort baden.

Ich möchte etwas Verschwindendes schaffen, es geht (mir) um den Move, die Energie. Was (stehen)bleibt, ist (för möch) witzlos, außer es schafft es, die Bewegung in sich zu bannen.

Zeitung lesen über Smartie, und hin und wieder als klassisches Papier, auch wegen der sozialen Interaktion. Le Monde, s’il vous plaît.

À propos:
„Wir erforschen die Natur, um sie besser auszubeuten.” (Bernhard Pötter, zitiert in der taz am wochenende, 2/3. Juli 2022, S. 24, „briefe”)
„Für alle, die unseren Kindern die Welt erklären, damit sie die Welt erobern können.” (Werbekampagne der BILD-Zeitung, 2022)
Ausbeuten, erobern, das hat die Welt zerstört und zerstört sie weiterhin.
Verstehen, entdecken, okay, aber dann bitte lassen! Nicht anrühren!

Mein einer Bruder hat sich {vorvorgestern} gemeldet, er sei {am Wochenende} in Berlin, er würde sich freuen mich zu sehen. Ich dankte ihm postwendend, dass er sich gemeldet habe und schrieb ihm, ich sei {am Wochenende} in Bonn, käme aber {gestern} gegen Mitternacht wieder in Berlin an und sei dann aufgelegt, irgendwohin zu kommen, er solle sagen, wie es ihm passe. Diese E-Mail blieb unbeantwortet.
Der Wohnort meines einen Bruders liegt in einer anderen Zeitzone.
Wohingegen mein anderer Bruder, aus Oberbayern, neulich von der Autobahn aus anrief, ob es mir recht sei, wenn er kurz vorbeikomme. Es war an einem Arbeitstag zu den Bürostunden, ich gab meinen Teamkollegen Bescheid, und die Sache war geritzt. Hat mich sehr gefreut. Den sehe ich nicht oft, muss man die Gelegenheit gleich ergreifen. Die Leute sterben auch, die andern, oder man selbst.
Er ist 65 Jahre alt, pensioniert. Seine Frau und er besitzen eine Segelyacht, sind im übrigen genügsam. Er hat seinen Nachnamen geändert. Er macht sich Gedanken. Seine Kinder habe ich früher gesehen.
Auch mein Rad fahrender Berliner Bruder kommt gelegentlich auf ein Käffchen.
Ich habe mich für ein zurückgezogenes Leben entschieden, bin aber geselligkeitsbereit.

Wer sich nicht über WhatsApp verabreden kann, lässt es.
Ich lasse mich nicht von Anwendungen schurigeln.

Hendrik Jackson fragte sich einmal, ob es etwas zu bedeuten habe, dass er drei meiner Geschwister und mich selbst unabhängig voneinander zu verschiedenen Jahren an verschiedenen Orten kennengelernt habe. Ja, das konnte ich ihm auch nicht beantworten. (Vielleicht habe ich diese Anekdote schon mal erzählt.)

Ihr könnt auch Fragen stellen.

Adam O’Farrill Blackening Skies

Ein spukhaftes Animations-Video von Elenor Kopka zu Blackening Skies, dem spröden, doch spannungsreichen Schluss-Stück des Albums Visions of Your Other von Adam O’Farrill’s Stranger Days, das ich an diesem blitzblauen Tag, der möglicherweise eher nach Surfmusik verlangt (aber nicht im Hause Meinolf), nur darum poste, weil es bei meiner gestrigen Suche nach adam o’farrill angezeigt wurde. Albträume sind garantiert! Und wenn nicht, ist auch gut. Es gibt eine Chas Addams-Stimmung in den Bildern, verhängnisvoll, vielleicht auch ‚lustig‘. Eine Lustigkeit, die nichts Gutes vorhat. Roland Topor fällt mir noch ein. Aber was sollen die Vergleiche! Dies ist von Elenor Kopka, vermutlich die Arbeit von Wochen, oder Monaten.

Aus dem Begleittext zur CD (die aber, aus Gründen der Ressourcenschonung und der Müllvermeidung, als CD oder LP gar nicht existiert, sondern nur als Audio-Datei + Booklet, das dann doch): „And the closing track, „Blackening Skies“, was written from a climate change-induced anxiety, having experienced a scorching heatwave in NY within days of a summer monsoon in LA.” (Kevin Sun, s. hier)

Das Rückepferd

„Das Rückepferd Geert bereitet das Saatbett vor.”

Was für schöne Sätze sich doch finden lassen!
Quelle: Insektenbündnis Hannover.

Neulich mindestens fünfzehn Minuten darauf verwandt, eine Hummel, die sich in die Buchhandlung verirrt hatte, einzufangen und in die Freiheit zu entlassen. Zwischendrin einer Kundin den Fall erklärt, sie auch anteilnehmend, lachend, als ich sagte: Ich bleib dran.

Es war ein Tip meiner Konversationslehrerin, mir die Arte-Serie En thérapie anzusehen. Die erste Staffel hatte ich im letzten Jahr nur bis zur dritten oder vierten Folge geguckt, nun habe ich die zweite angefangen und bin bereits bei Folge 14 angelangt (von 35). Wenn ich nicht zu müde bin, sehe ich drei Episoden hintereinander, Französisch mit französischen Untertiteln für Gehörlose und Hörgeschädigte, drücke hin und wieder auf Pause, um ein Wort nachzusehen, la frichedie Brache, oder um einen Satz aufzuschreiben: À la fête foraine des angoisses, n’essayez pas tous les manègesWenn Sie auf der Angstkirmes sind, gehen Sie nicht auf jedes Gerät. (Wie heißt es wohl in der synchronisierten Fassung?)

Letztes Mal haben wir über Schimpfwörter gesprochen, von denen mir nur wenige einfielen, und die waren von der Art, wie sie bestenfalls in vornehmen Pariser Arrondissements von älteren Damen noch verwendet werden (sagte sie).
Da gab es einiges Neues. Mir wurde ernstlich davon abgeraten, vom Gelernten Gebrauch zu machen.

Auf der Suche nach sTiL.e(vir) Lyrik, Glückswürdigkeit (2021), dem Abschlussband der sTiL.e-Tetralogie von Konstantin Ames, stieß ich auch auf Rosmarie Waldrops Pippins Tochters Taschentuch, ein Geschenk meines Chefs (zum Geburtstag? zu Weihnachten?), einige Monate, nachdem ich besagtes Buch aus eigener Tasche erworben hatte. Wenn ich wem eine Freude mit dem überzähligen Exemplar machen kann, bitte melden (per Mail an reul@imdickicht.blog, oder über Signal, oder über Snapchat, oder telefonisch, oder oder).

Aus dem Newsletter von everwave, dem Aachener Verein zur Säuberung der Flüsse von Plastik:

Es ist noch gar nicht lange her, da ist unsere erste HiveX Flussplattform feierlich in Bremen eingeweiht worden – und jetzt? Feiert HiveX bereits ihren Piloteinsatz im Bacchiglione, einem Fluss nahe Padua in Italien. Ein so wichtiger Meilenstein für everwave und unsere Vision sauberer Gewässer weltweit!

HiveX nutzt die Strömung des Flusses, um schwimmende Abfälle umzuleiten und aufzunehmen. Ihre passive interne Architektur ist energieeffizient und umweltfreundlich. Das Ziel: Verhindern, dass Abfälle in den Golf von Venedig gelangen, während Umwelt und Tieren nichts geschieht.

Gut zu wissen, dass an Lösungen für die Probleme gearbeitet wird, in denen wir schwimmen.

Reise nach Westen

Welche Tiere genau von Futter und Wasser profitieren, man weiß es ja nicht. Es gibt einen Igel, der sich unters Vogelhaus setzt, abends, und die heruntergefallenen Haferflocken frisst – oder doch die Schnecken, die er vielleicht dort findet?

Die Schnecke ist ein Lieblingstier von Issa, hier eins seiner Haikus in der Übersetzung von Géza S. Dombrady.

Kleine Schnecke!
Musst du denn den Fuji besteigen?
Dann aber ganz langsam!

Die Wasserschale wird von Spatz, Meise, Specht, Star, Taube und Krähe besucht, Eichelhäher nicht zu vergessen, Bienen setzen sich auf den Rand und neigen sich ganz hinein, fliegen dann zurück zur Hortensie, summender Hut auf dem zugewachsenen Schuppen.

In Brasilien verschlimmert sich die Lage für Mensch und Natur (ein Ganzes) unter der Regierung des rechtsradikalen (Noch-) Machthabers in beängstigender Weise. Sachwalter der indigenen Bevölkerung ‚verschwinden‘, zuletzt der Journalist Dom Phillips und sein Mitstreiter Bruno Pereira. Unbekümmert wird das Paradies zerstört, um die Hölle zu schaffen. Viele Wege führen darauf zu und werden rüstig beschritten.
Im Kleinen geschieht auch Gutes, s. hier.

Zwei Musiken: Das Tyshawn Sorey Trio (Tyshawn Sorey, dr, Aaron Diehl, p, Matt Brewer, b) mit einer Komposition von Muhal Richard Abrams, Two Over One, ein friedliches Stück, das an John Coltrane (vor seiner späten Free Jazz-Phase) erinnert.

https://tyshawn-sorey.bandcamp.com/album/mesmerism

Und das Marta Sánchez Quintet aus New York mit dem zweiten Stück aus SAAM (Spanish American Art Museum), eine der besten Jazz-Veröffentlichungen des Jahres. (Ebenfalls top: Partenika (2015), Danza Imposible (2017), El Rayo de Luz (2019).)
Die Band besteht aus Marta Sánchez, p & comp, Alex LoRe, as, Román Filiú, ts, Rashaan Carter, b, Allan Mednard, dr.

Nächsten Monat geht’s auf Reisen, erst nach Bonn, zu einem nachgeholten 65. Geburtstag, möglicherweise auch einer Emeritierung, dann nach Limoges und Aubusson (und, voraussichtlich, Brest).

Das Schmollen der Regale

Einstieg vorne, keine Graufahrt. Der Fahrer längst im Rentenalter.
Anschlussticket, wie geht denn das hier. Die Hand auf dem Display. Zwei Euro liegen auf dem Teller und wurden noch nicht eingeholt. Der Zeigefinger kann mit dem Tastenfeld nichts anfangen, dieser nikotingefärbte Finger, was wie wo. Näher rangehen, um besser zu sehen: hilft nichts.
Oder Sie nehmen mich so mit.
Ja, gehen Sie mal durch, murmelt es nach kurzem Stocken.
Der Fahrgast, wirklich jetzt, steckt die Münze wieder ein.

Die junge Frau in schwarzen Jeansshorts über schwarzen Jeans, vor dem Klappsitz am Wagenkopf lehnend – schwarzlackierte Fingernägel -, hört auf, auf dem Smartphone zu tippen und huscht in die schräg gegenüberliegende Ecke, um dem Lieferdienstmann Platz zu machen, der gerade sein Fahrrad hereingeschoben hat. Er schält sich den wattierten türkisfarbenen Transportwürfel vom Rücken und legt ihn neben das Rad. Er setzt sich, ruht ein bisschen, verrückt die Brille. Des einen Bequemlichkeit des andern Sklaverei.

Kästchen des Geistes

„da dachte ich, schlicht und streng anzufangen so: sie rief ihn an, innezuhalten mit einem Satzzeichen, und dann wie selbstverständlich hinzuzufügen: […]”
(Uwe Johnson, Das dritte Buch über Achim (1961), erster Satz.)
Aber es war gar kein Anruf, sondern eine Nachricht über Signal, in der meine baden-württembergische Freundin fragte, ob ich mir vorstellen könne, den Monat in Montpellier mit ihr zu verbringen.
Das verändert die Sache.
Wäre ich allein gereist, hätte ich halb gearbeitet, und halb Ferien gemacht, so aber erscheint mir Arbeiten unhöflich.
„Ich werde mich opfern”, sagte ich spaßeshalber zu Sylvie, auf Deutsch, weil mir das französische Wort für opfern nicht einfiel. Sie tippte den Satz in die Übersetzungsmaschine und lachte: Je vais me sacrifier.
Der Nachteil ist, dass ich dann voraussichtlich mehr Deutsch als Französisch sprechen werde, aber wer weiß. Ebensogut ist möglich, dass ich mehr in Kontakt mit Leuten komme als es sonst der Fall gewesen wäre. Ich vertraue jedenfalls darauf, dass mich die Reise sprachlich voranbringen wird. Vor allem darf ich nicht vergessen, mengenweise Walnüsse, Haselnüsse und Mandeln zu essen, als Nervennahrung (brain food), denn meine Freundin hat einen sehr hohen IQ – als Jugendliche war sie auf einer Hochbegabtenschule -, und ich will ihr einigermaßen folgen können.

Ein Buch von Stéphane Mallarmé ist angekommen, das ich vor mehr als einem Jahr bestellt hatte – ein Nachruf (in Form eines Vortrags) auf seinen Kollegen Villiers de l’Isle-Adam.
Übersetzt hat das Bändchen Ronald Voullié. Ob es die Vorahnung des eigenen Todes war, dass er sein Nachwort mit den (angeblich) letzten Worten Villiers‘ abschließt?
„Nun gut, ich werde mich an diesen Planeten erinnern.”
Der Titel dieses Beitrags ist einigermaßen wahllos dem Buch entnommen.

everwave hat ein Projekt in Kambodscha gestartet und eine kleine Videoreihe in Fortsetzung bei YouTube gepostet. Ich schätze ihre konkrete Art, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Aufgabe ist unermesslich.

Da ich inzwischen wieder in Kevelaer gewesen bin (im März), kann ich sagen, dass sich die Neugestaltung des Kapellenplatzes weitaus positiver anlässt als ich befürchtet hatte. Die Pflasterung scheint nicht großartig anders zu sein als vorher, und auch die meisten Bäume standen noch und waren mit Latten vor Beschädigung durch Baumaschinen geschützt, was ja wohl bedeutet, dass sie stehenbleiben werden.
Das Gehäuse des aufgegebenen Hotels Zum Goldenen Apfel sah so schmuck aus wie ehedem, und die Eisdiele (Europa Eiscafé), so wurde gemunkelt, soll nächstes Jahr wiederauferstehen, weil sich die pensionierte Besitzerin in Italien langweilt. Das höre ich gern.

I prefer to stubenhock

Mit diesem schönen Satz schlug meine Nichte die Einladung ihrer Mama zum Eisessen aus. Ich kann mich insofern damit identifizieren als auch ich gerne zu Hause bin. Nur dass ich mich, selbst wenn kein Eis im Spiel ist, regelmäßig dazu verlocken lasse, doch vor die Tür zu gehen. (In der Buchhandlung fragen sie, ob ich in Urlaub war.) Irgendwann im Spätfrühling oder Frühsommer werde ich sogar den Kleinmachnower Breitengrad verlassen, um das freundliche Angebot einer Freundin anzunehmen, ein paar Tage mit ihr im Allgäu zu verbringen. (Wir hatten uns 1993 beim Studium kennengelernt. Sie war nur gerade so lang an der Philosophischen Fakultät eingeschrieben, dass unsere Wege sich kreuzen konnten, dann wechselte sie zu den Wirtschaftswissenschaften (Volkswirtschaftslehre).) Ich freue mich auf diese Zeit in der Hütte. (Ich meine, sie hätte Hütte gesagt.)
Außerdem strebe ich an, für einen Monat von Frankreich aus zu arbeiten, bzw. dort auch Ferien zu machen, in Montpellier, um genau zu sein. Ich meine mich zu erinnern, dass meine Eltern in den 80er Jahren einmal zu mir meinten, die Stadt würde mir gefallen. Ich bin sogar schon einmal dort gewesen, könnte 1990 gewesen sein, nur ein paar Stunden, bei einem Zwischenhalt auf dem Weg in die Camargue (Kursfahrt).
Sicher habe ich einmal erwähnt, dass ich auf dem Gymnasium sehr gut in Französisch stand? In einem Akt der Selbstsabotage habe ich nach dem Abitur nichts daraus gemacht. Ich habe einen kaufmännischen Beruf gelernt (Buchhändler), ohne im geringsten die Begabung zum Kaufmann zu haben. Danach habe ich endlos studiert, obwohl ich mit der akademischen Welt nichts anfangen kann (zu akademisch). Allerdings hatte ich ein Motiv: die Französisch-Kenntnisse vertiefen. Da habe ich mich nur leider geschnitten, weil die Kölner Romanistik vollständig auf Deutsch betrieben wurde – heute vielleicht auch noch?
Ich bin also mindestens einmal falsch abgebogen und dann dem Holzweg treu gefolgt. Jetzt möchte ich aber wieder auf die Hauptstraße gelangen (die Französisch-Kenntnisse vertiefen). Darum seit Anfang des Jahres die halbstündigen Skypetreffen, und darum die Idee, einen Zeh nach Frankreich auszustrecken. Auf meine alten Tage komme ich mir also doch noch auf die Spur.

Ich mag runde Klammern.


Als ich nach Charlottenburg fuhr, um die Pflanzen zu versorgen und nach der Post zu sehen, packte ich mir Lektüre ein (Musil, Norbert Lange, Lilian Peter, Nastassja Martin), was ich mir hätte sparen können, denn das Zuhause der Pflanzen und der Post ist ein Schriftstellerinnenhaushalt.
Ich war so müde, dass ich als erstes ein Nickerchen machte.
Dann fand ich in einem der zahlreichen Bücherregale das Buch Weiß von Han Kang, und dies wollte gelesen werden. (Ich werd’s morgen meinem Chef empfehlen, wie ich ja überhaupt hin und wieder meine kleine Macht ausspiele und Bücher in den Laden bringe, die sonst vielleicht nicht da wären, Tomer Gardi, Andrea Scrima, Ally Klein, Levin Westermann, übrigens auch die o.g. Bücher von N. Lange und L. Peter, und weitere.)

Auf dem Mierendorffplatz traf ich zufällig Frau Dr. Lange vom Haus für Poesie. Ich kenne sie nur als gelegentlicher Veranstaltungsgast, auch als – selten, jetzt nie – Besucher des open mike, und in den paar Jahren, seit ich Lesungen in der Kulturbrauerei (wo das Haus für Poesie untergebracht ist) besuche, haben wir uns immer nur knapp zugenickt und maximal hallo gesagt, woraus nun zur Abwechslung ein kaum artikulierter Vokal-Konsonanten-Cluster wurde, deutbar als Morgen.

Charlottenburg-Nord ist ein dubioses Pflaster. Es gibt da eine Schiffahrtsversicherung, einen Vogeldoktor und Ayurvedische Lebensmittel, aber wer Schrippen will, findet erst mal nur das Industriebackzeug in der U-Bahn-Gruft, sonst Leerstand, Lottostellen, Thaimassage, eine Syrische Kirche, Kneipen, Autos, Autos, Autos, Autos (die meisten lungern kalt am Straßenrand), idiotisch lange Ampelrotphasen. Dies Quartier hat keinen Sinn und Verstand, es existiert nur als Ausbreitung. (Andreas von Wald und Höhle wird mir vielleicht widersprechen.)

Interessehalber habe ich nachgesehen, wie teuer ein Flug von Berlin nach Odessa ist. Es ist so billig, dass man die nächste Berliner Friedensdemonstration nach dort verlegen könnte.

Ostereier oder Zögern ist okay

1965 brachte das Archie Shepp Quintet das Album Four for Trane heraus. Es enthielt vier Coverversionen von Stücken John Coltranes (im Bild links, mit Jackett) sowie eine Originalkomposition des Bandleaders. Der vergleichsweise weniger prominente Altsaxophonist Marion Brown fand das Konzept gut und veröffentlichte 1966 beim gleichen Label (Impulse) die Platte Three for Shepp, mit drei Eigenkompositionen und drei Kompositionen von (mit Strickmütze:) Shepp.
Coltrane hatte sich um Mitte der 60er Jahre dem Free Jazz angeschlossen. Als sein Produzent bei Impulse, Bob Thiele, den Meister fragte, welche Musiker er ihm empfehlen könne, kam Coltrane mit einer Liste von dreihundert Namen.
Vielleicht erzähle ich die Anekdote nicht ganz korrekt, aber die Richtung stimmt. Coltrane warf seine gesamte Autorität in die Waagschale – in den USA sind ihm Kirchen geweiht, wenn ich nicht irre -, um Leute zu unterstützen, und einer von ihnen war Marion Brown.
Aus dessen nur etwa halbstündigem Album Three for Shepp hier nun das Stück The Shadow Knows. Nach Vorstellung des Themas (2x), geht es sogleich in die Vollen. Dave Burrell malträtiert das Klavier, das irgendwie schwammig aufgenommen wurde, Marion Brown spielt ein aufgeregtes, quirliges Solo, das vom freien, quirligen Spiel des Posaunisten Grachan Moncur III sekundiert wird (immer Burrell im Hintergrund, mit aller Kraft Schlamm aufwirbelnd). Bei 2:30 Trommelschlag und Wiederholung des Themas, bei 3:00 ist Schluss. Sehr erfrischend!
Danach Rosalía mit dem Alphabet-Stück Abcdefg aus ihrem aktuellen Werk Motomami, gefolgt von einer anderen Individualistin, Kelly Lee Owens. Arthur stammt aus ihrem selbstbetitelten Debütalbum, über das sie hier ein bisschen erzählt: Kelly Lee Owens unravels her weird world. Die Formulierung „song in your heart and poetry in your blood” hat es mir besonders angetan.
Esperanza Spalding hat mit Kelly Lee Owens die Überzeugung gemein, dass Musik heilend sein kann, bestimmte Harmonien, Schwingungen. Earth to Heaven ist aus Emily’s D+Evolution und hat mit dieser Idee vielleicht weniger zu tun. Bei den hier folgenden Songs ist das aber anders. Sie sind aus Twelve Little Spells: jedes der zwölf Stücke ist einem jeweils anderen Körperteil gewidmet. (Für ihr jüngstes Album hat Esperanza Spalding u.a. mit Neurowissenschaftlern zusammengearbeitet, sie will es wissen!)
You Have to Dance muss man laut hören.

Jetzt ein kleiner Cut: Das Sonny Rollins Quartet mit einem ‚klassischen‘ Stück von anno 1962, The Bridge. Sonny Rollins hatte sich vor Veröffentlichung der gleichnamigen Schallplatte, auf dem Höhepunkt seiner Karriere (Saxophone Colossus), für drei Jahre aus der musikalischen Öffentlichkeit zurückgezogen, um an seiner Spieltechnik und seinem Konzept zu arbeiten (er pflegte in jener Zeit stundenlang auf einer Brücke zu üben, wahrscheinlich in New York) – ein Rückzug, der zweifellos damit zusammenhing, dass Ende der 50er Jahre Ornette Coleman die Szene betreten hatte: Wenn neben dir ein Komet einschlägt, musst du dir was überlegen. Rollins fühlte, dass er nicht so weitermachen konnte wie bisher, er ging in Klausur und sortierte sich neu.
Das Marta Sánchez Quintet setzt den Schlusspunkt mit Eternal Stillness.

Dies sind meine Musikvorschläge für Ostern.

Und das Zögern im Titel? Na, heute mal keine politischen Themen.

Ich hör dir zu, erzähl, erzähl!

Diese freundliche Aufforderung, und auch Versicherung, die zudem in eine rhythmisch ansprechende Form gebracht war, hörte ich heute am U-Bahn-Aufgang Mierendorffplatz in Berlin-Charlottenburg, eine junge Frau sprach sie ins Handy.
Ich war in der Gegend, um einen Wohnungsschlüssel in Empfang zu nehmen, eine Freundin hatte mich eingeladen, für einen Monat eine „Stadt-Residenz” zu beziehen. Anders als beim vorigen Mal gibt es keinen Wald von Tomatenpflanzen auf dem Balkon, der zu tränken ist, nur eine Zimmerorchidee (braucht nicht viel) und eine Art Wassergras, das an japanische Holzschnitte und Haikus erinnert; ist aber nicht japanisch.
Ich habe mir noch nicht genau überlegt, wie ich’s mache. Zerrissenheit vermeiden, oder begrenzen!

Rosalías El Mal Querer und Motomami höre ich, wie ich ein Jazzalbum oder ein Streichquartett anhören würde: in der von ihr vorgesehenen Reihenfolge, von A nach Z. Warum der Kritiker von AllMusic, Thom Jurek, dem ersten Album (nur) vier Sterne und dem zweiten viereinhalb Sterne gibt (von fünf), ist mir nicht klar, hat aber seine Folgerichtigkeit, denn das Debüt, Los Ángeles, ist mit dreieinhalb Sternen bewertet – eine steigende Kurve.
El Mal Querer erzählt eine zusammenhängende Geschichte in elf Kapiteln. Motomami ist so kunstvoll gemixt, dass es in einem gehört werden will, ungefähr wie die zweite Seite von Abbey Road.
Beides sind, auf ihre Art, Konzeptalben. Das finde ich einen überraschenden Ansatz für eine Popmusikerin, die ihr dreißigstes Lebensjahr noch nicht erreicht hat.

Rosalía (oder Dua Lipa 🙂 ) zu hören zähle ich zu den Lichtblicken in diesem Jahr, das sich sonst düster anlässt. (Eine gute Freundin von mir ist seit Wochen krank, jetzt gehe es ihr allmählich besser, „nur Atmung und Gedächtnis lassen noch zu wünschen übrig”: So Sachen kommen hinzu.)
Es fällt mir schwer, bei all dem Bedrückenden, das um uns ist, den inneren Raum herzustellen, den es braucht, um zum Beispiel arbeiten zu können.
Politische Fehlentscheidungen gegen besseres Wissen, wie die Freigabe eines Ölbohrfeldes vor Neufundland, das dann über Jahrzehnte hin ausgebeutet werden und unfehlbar die Erderhitzung weiter beschleunigen wird, machen mich rasend. (Angeblich sind die Umweltschutzauflagen bei diesem Projekt die härtesten, die Kanada je erlassen hat, so Justin Trudeau.)
Andererseits gibt es Persönlichkeiten wie Tony Rinaudo, über den Volker Schlöndorff den Film Der Waldmacher gedreht hat – jetzt in den Kinos -, die Hoffnung machen, dass der Selbstmord der Menschheit auf einem zugrundegerichteten Planeten misslingen wird.
Wenn dann noch im Oktober der brasilianische Teufel abgewählt werden sollte, werde ich vielleicht wieder gnädiger auf die Zeitläufte blicken. (Der chinesische, russische, syrische und der nordkoreanische Diktator – sicher habe ich ein paar vergessen – sind leider putzmunter und können noch viel kaputtmachen.)

[Hier war ein Video: Hard Balance des Marta Sánchez Quintet – leider gesperrt.]

An den Bundeskanzler

(Ich habe die untenstehende Mail in der Nacht geschrieben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die richtigen Worte und die richtige Form gefunden habe.)

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Ministerinnen und Minister,

bei allem Respekt für Ihr abwägendes Verhalten hinsichtlich eines Importstopps für fossile Energien aus Russland - die Verbrechen, die die russische Armee im Namen des russischen Diktators seit Kriegsbeginn verübt hat, und die spätestens mit den Bildern aus Butscha in ihrem himmelschreienden Ausmaß für alle Welt offen zu Tage liegen, fordern eine rigorose Antwort.
Eine weiterhin - nicht zuletzt auch uns selbst - schonende Reaktion, so honorig Ihre Gründe sind, ist der Lage nicht angemessen. Sie ist, mit Verlaub, nicht seriös.
Die deutsche Bevölkerung wird eine aufrüttelnde Ansprache, mit der Sie einen Einfuhrstopp kommunizieren müssten, verstehen.
Sie können nicht Heidschi Bumbeidschi singen, wenn in Europa Krieg ist.
Drehen Sie den Gashahn zu!

Die Wahrheit ist uns Deutschen zumutbar.
Den Menschen etwas zuzumuten heißt, ihnen Mut zuzusprechen, ihren Mut anzuerkennen und sie nicht als Feiglinge zu behandeln. Zumutung bedeutet nicht in den Rücken fallen, sondern auf die Füße stellen: mündig machen.
Als unerträglich und entmündigend empfinde ich es hingegen, wenn vor mir die Wahrheit - nämlich dass wir von unserem Wohlstandsbett heruntermüssen - unter tausend Drucksereien versteckt wird.
Polen, Georgien, Moldawien, die baltischen Republiken haben Angst, als nächste von Russland angegriffen zu werden. Davor muss die Sorge um die deutsche Wirtschaft, um deutsche Arbeitsplätze zurückstehen. Sie und die Bundesregierung werden in der Lage sein, Härten abzufedern, darauf vertraue ich.
Das Frieden garantierende Modell liberaler Demokratien steht auf dem Spiel - das ist der Einsatz.
Stoppen Sie jetzt die Energie-Importe aus Russland, finanzieren Sie nicht weiter einen Krieg, der Leid und Zerstörung bringt und neues Leid und noch mehr Zerstörung.
Ein sofortiges Embargo wird uns teuer zu stehen kommen - in einer von Wohlstand in Deutschland geprägten Situation. Umbringen wird es uns nicht.
Ein weiteres Zuwarten allerdings wird den Preis, den wir alle zu zahlen haben, ins Unermessliche steigern, und der dann folgende Fall wird ungleich härter sein.

Ich hoffe, dass der kühne, doch alternativlose Schritt, ab sofort keine Energie mehr aus Russland zu beziehen, bald auch das weithin verblendete, träge russische Volk aufwecken wird, und es, zum Wohle Europas und der Welt, seinen Tyrannen stürzt.

Mit freundlichen Grüßen, Dank und guten Wünschen,