Füllwörter müssen nicht kurz sein

Sie können auch lang sein. Das derzeitige Modewort ist „tatsächlich” – wird zu jeder passenden und, vor allem, unpassenden Gelegenheit benutzt, allmählich entwickele ich einen Widerwillen dagegen, allerdings mehr im medialen Zusammenhang, privat ist es mir einigermaßen gleichgültig. Als Ann-Kathrin Büüsker vom Deutschlandfunk in den ersten Sätzen des „Interview[s] der Woche”, das ich mir andernfalls möglicherweise angehört hätte, das ominöse Wort mindestens vier Mal unterbrachte, zwei Mal davon im selben Satz, schaltete ich das Radio reflexhaft aus. Sie ist eine gute Journalistin, aber es gibt Grenzen der Toleranz. Wenn ich auch sonst kein besonders empfindlicher Mensch bin: hinsichtlich des Sprachgebrauchs bin ich es, bis zur Überempfindlichkeit.

Mein Plan, mich mehr mit Französisch zu beschäftigen, ist bisher gut aufgegangen. Ich habe Bücher auf Französisch gelesen, französische Serien (Nona et ses filles von Valérie Donzelli, u.a. mit Miou-Miou als schwangere Alt-Feministin, Rüdiger Vogler als würdiger Docteur Marcel Trüffel und Barnaby Metschurat als Hebamme; die vierte Staffel von Dix pour cent alias Call My Agent!) und Filme geguckt, war inzwischen auch wieder bei Zadig, wo ich kurze Sätze gesprochen habe („Vous avez deux livres pour moi”, „Je paie comptant”) – lächerlich, aber ein Anfang.
Über einen Vokabelfehler in einer E-Mail an das Zadig-Team habe ich mich geärgert.
Ich werde sie morgen abholen kommen: „Je viendrai les chercher demain”, so muss es heißen, und nicht „Je verrai les chercher demain”. Aber na gut, immerhin ist es mir aufgefallen. Es besteht Hoffnung.
Als nächstes werde ich ein Online-Konversationsprogramm mit einer Dame in Nordfrankreich starten. Ein Skype-Konto habe ich jetzt eingerichtet (Spitzname: Snoopy12), es nur noch nicht getestet. Wenn diese technische Hürde genommen ist, kann es losgehen.

In der Buchhandlung hat mein neuntes Jahr angefangen. Ich tu die Arbeit immer noch gerne, es spricht also nichts dagegen, dass ich die Montage zwei bis vier auch fürderhin bei Shakespeare and Company verbringen werde.

Die andere Firma wünscht sich, dass ich smart bin und will Beweise. Meine Arbeitstage werden aber von regulären Tätigkeiten aufgezehrt, so dass ich mein „berufliches Wachstum” aufs Wochenende werde verschieben müssen – oder ich setze mich jeweils vor Arbeitsbeginn an den Computer, das ginge auch (theoretisch).

Ein Buch, in dem ich blättere, doch vielleicht entschließe ich mich ja, es ordentlich zu lesen, sind die Gespräche von und mit Julien Gracq. (Ein Mensch, der stur sein Ding macht, hat immer meine Anerkennung.) Gleich, wo man diese Gespräche aufschlägt – man könnte mit einem Messer irgendwo hineinstechen und aufs Geratewohl lesen -, immer findet man eine bemerkenswerte Aussage:
„Ich schreibe langsam und mühsam, ein bißchen schneeballartig.” (S. 6)
„Leider gibt es kein großes gesellschaftliches Leben oberhalb von 4000 Metern Höhe!” (S. 28)
„Ansonsten glaubt ein Schriftsteller natürlich immer an das, was er tut – was für eine traurige Beschäftigung wäre das andernfalls! Wollte man näher definieren, was es heißt, ‚an das zu glauben, was man tut‘, dann müßte man recht komplizierte Überlegungen anstellen.” (S. 119)
Usw. usw. Alles super!

Julien Gracq (bürgerlich: Louis Poirier), Gespräche. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. 248 Seiten. Literaturverlag Droschl, Graz – Wien 2007. 23,00 Euro

Möppkes

Hier waren Wildschweine zugange

Eine Tasse Kaffee, Möppkes (= Plätzchen) und ein Buch vor der Nase: das scheint mir ein Muster des Idealen.

Silvester war ich bei einer Freundin. Draußen eine Wärme, dass ich meinen ferrariroten Kapuzenpullover ausziehen musste, aber die Wohnung war kühl, da habe ich ihn wieder gebraucht. Zwei weitere Gäste waren geladen, kamen nicht.
Wir besprachen Ideen für das Neue Jahr, Job wechseln (nicht ich), wegfahren, Fremdsprachen pflegen: für sie Hebräisch (und Englisch; Französisch gibt sie für verloren, vielleicht etwas voreilig?), für mich Französisch (Italienisch Englisch), Buch an den Start bringen (nicht ich), wichtige Leute treffen (nicht ich), eine Freundin finden (gleich im Januar, ich), das ließ sie unkommentiert, Privatheiten offenbar nicht in ihrem Fokus.
„It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.” (Jane Austen, Pride and Prejudice)
Na, heiraten, lieber nicht.

Gegen Mitternacht rüber zur Verwandtschaft in der Oderberger, Feuerwerk, ohrenbetäubendes Geknalle, Kinder mit Wunderkerzen konzentriert andächtig, Champagner aus Plastikbechern, in Richtung Friedrich Ludwig (Turnvater) Jahn-Sportpark hatte die Feuerwehr ihre Löschfahrzeuge vor die Garage gefahren und das blaue Partylicht angeschaltet, ein aus Richtung Kastanienallee ansausender Rettungswagen mit der Durchsage: „Frohes Neues Jahr!”.
Die aus den oberen Fenstern abgeschossenen Raketen knallten gegen die Fassade auf der anderen Straßenseite.
Ich dachte an die Tiere.
In Zehlendorf waren alle Taxis ausgeflogen, also lief ich zu Fuß nach Hause, vierzig Minuten. Viertel nach zwei kam ich an.

In Afghanistan wächst die Wüste. Im Jemen sterben Kinder an Unterernährung. Auf Madagaskar herrscht Hunger. In Europa ertrinken Flüchtlinge. Die Erde geht kaputt, mächtige Männer machen sich Gedanken darüber, wie Konflikte am Köcheln gehalten werden können, andere mächtige Männer freuen sich wie die Kinder, dass sie den Weltraum erobern können. Der Gründer von Spotify investiert in Militärtechnik (ich habe Spotify von meinem Telefon gelöscht). Die alte Bundesregierung genehmigt kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt Waffenexporte in Milliardenhöhe.
Es ist vor diesem Hintergrund, dass wir uns ein Frohes Neues Jahr wünschen.
Ich will nicht pessimistisch sein.

Freude bereiten mir Balzac (Gobseck), Snakefinger (Greener Postures – nicht grünere Weiden/pastures, sondern (Körper-)Haltungen) und Jacques Becker, dessen Film Goldhelm ich mir heute nachmittag angesehen habe: ein Genuss!
Im übrigen bin ich zufrieden, dass wir eine neue Regierung haben.

Zum Schluss ein in gleichem Maße staubtrockenes und fesselndes Stück des Quartetts von Adam O’Farrill … womit es seine Bewandtnis hat: „Blackening Skies, was written from a climate change-induced anxiety, having experienced a scorching heatwave in NY within days of a summer monsoon in LA.” – Kevin Sun („Blackening Skies wurde aus einer durch den Klimawandel verursachten Angst heraus geschrieben, und der Erfahrung einer sengenden Hitzewelle in New York, nur Tage nach einem Sommermonsun in Los Angeles.”)
Etwa eine Minute und zwanzig Sekunden tritt die Musik auf der Stelle, dann kommt mehr Bewegung hinein, sie bleibt aber faszinierend sparsam und spröde in ihren Mitteln. Etwa bei der Hälfte scheint die Musik zu verebben, ehe das Solo des Saxophonisten Xavier del Castillo beginnt.
Visions of Your Other ist eine tolle Platte, und ich beglückwünsche alle, die sie hören können. (Das Label verschickt übrigens nur Booklets und – statt einer CD – einen Download-Code.)
„Die Mischung aus Struktur, Feuer und Lakonie ist einzigartig. Herausragend”, schrieb ein Kritiker bei Bandcamp. Dem kann ich mich nur anschließen 😉

Fuchs und Hase

Gut, Hasen sieht man hier nun gerade nicht, aber neulich waren, innerhalb weniger Tage, zwei Füchse bei uns im Garten und auf der Terrasse. Ich hatte in Kleinmachnow Füchse schon gesehen, zum Beispiel auf den Wendemarken, aber da war es dämmerig. Auch bei Sonnenschein lassen sie sich, wie hier zu sehen, blicken, und scheinen nicht sonderlich scheu.
Meine Mitbewohnerin bemerkte, sie hätten etwas Märchenhaftes. (Den Fuchs, den alten, der zuerst erschienen war, kannte sie.) Sie sorgte sich um die Mäuse, die unter der Eibe wohnen.

Das Vogelhäuschen ist lädiert, weil sich in der Nacht zu vorgestern vielleicht drei oder vier Wildschweine eine Schwachstelle in der Metallumzäunung zunutze gemacht haben, um in den Garten einzudringen und dort rabaukenhaft, und auf furchterregende Weise grunzend, nach Fressbarem zu graben. Ich war auf dem Sofa beim Radiohören kurz eingenickt, die „Kultur vom Tage” hat mich noch jedes Mal eingeschläfert, das Geräusch des gewaltsam aufgedrückten und nach Passieren mit einem klong ungefähr in die alte Position zurückfallenden Zauns hatte mich wieder wach gemacht. Die Tiere bewegten sich ungezwungen, waren nur schemenhaft zu erkennen.
Am nächsten Tag ein großes Loch im hinteren Teil des Gartens, ein anderes seitlich, vom Vogelfutter ließen sie das grüne Netz zurück, das Häuschen lag umgestoßen, das Dach abgerissen.
Wenn sie wenigstens wieder zumachen würden, kommentierte meine Mitbewohnerin die aufgerissenen Rasenplatten.

Weihnachten war ich allein, konnte ich gut haben.
Mein Zimmer hatte ich vorher über ein paar Tage hinweg aufgeräumt, ich werde mich bemühen, es in Ordnung zu halten. Als nächstes das Arbeitszimmer!
Weihnachtssüßigkeiten habe ich gekauft, aber auch zugeschickt bekommen, selbstgemachte, herzlichen Dank! – und gebacken: Husarenkrapferl und Anisplätzchen, wie geplant, die werden alle noch einige Zeit vorhalten.
Eine Freundin schenkte mir Rosmarie Waldrops Pippins Tochters Taschentuch. Ich war mir sicher, dass ich es schon hätte, ich hab doch so ziemlich alles von Ann Cotten (die es übersetzt hat), aber da ich nichts fand, muss ich mich wohl getäuscht haben.
Meine Weihnachtslektüre war Nastassja Martins An das Wilde glauben – sehr gutes Buch. In vier Kapitel unterteilt, eines je Jahreszeit, erzählt es von dem (kann man hier sagen) schicksalhaften Aufeinandertreffen einer Anthropologin, eben Nastassja Martin, mit einem Bären, so passiert in der Wildnis Kamtschatkas – genauer gesagt handelt es von dem, was danach/daraus folgte. Trotz des dramatischen Geschehens nicht ohne Humor, von Liebe zu Mensch und Natur (und zur Forschung) geprägt.
Eine andere Freundin schickte mir Kaffee und Honigkuchen – beides aus Kevelaer, aber dort wohnt sie gar nicht. Auch dieser Gruß aus der Heimat hat mich sehr gefreut.
Freitag und Montag war frei, seit Dienstag arbeite ich wieder, morgen nur den halben Tag.

Bei dem harten Wettbewerb um das nächste zu lesende Buch hat jetzt erst einmal Balzac gewonnen, dessen Geschichte über den Wucherer Gobseck ich angefangen habe.

Das Rad der Dinge

Als ich den letzten Absatz von Mein Leben als Witz gelesen hatte, war ich drauf und dran, eine neue Packung Chips aufzureißen (bildlich gesprochen). Robert Mattheis hat es hinterhältigerweise bei dem Cliffhanger belassen. (Schlau! So hält man seine Fanbase zusammen!)

„[…] ein halbes Leben mit Leid und Haß und Traum und Arbeit und Stolz, was muß man alles durchmachen, um es zu einem schönen, plausiblen, durchgearbeiteten, gepflegten Schiffbruch zu bringen […]”

„Wirkliches Leben heißt: neue Stellen zu erfinden, wo man stranden kann …”

Das lese ich beides in Der Kapitän von Roberto (Bobi) Bazlen, übersetzt von Ilse Pollack [Edit 18.12.2021. Hier irre ich, denn: „Die hier vorliegende Fassung des Textes ‚Der Kapitän‘ folgt dem deutschsprachigen Originalmanuskript, wie es dem Wieser Verlag vom Adelphi Verlag, Mailand, zur Verfügung gestellt wurde. Eigenwillige Interpunktion, Orthographie, Grammatik, Satzstellung, Semantik wurden belassen und nur an einigen Stellen, wo es die Lesbarkeit erforderte, behutsam verändert. Einzelne, wenige italienische Wörter und Sätze wurden ins Deutsche übersetzt.”] – ein herrliches, Fragment gebliebenes Buch, 1993 im Wieser Verlag von Lojze Wieser erschienen und dort immer noch lieferbar. (Lojze Wieser hatte bei den Buchmessen immer einen Schinken dabei. Wer ihn in seiner Verlagskoje besuchte, bekam von ihm persönlich eine dünne Scheibe abgeschnitten.)

Das Nachwort der Übersetzerin – „Das Schweigen der Sirenen” – gibt Aufschluss über Bazlens literarische Vorlieben (Hauptkriterium: Originalität) und Wertmaßstäbe – „Erstmaligkeit” steht an vorderster Stelle.
Es ist sicher zehn Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe, wahrscheinlich länger. Gestern kam es mir wieder zwischen die Finger. Vor einigen Monaten hatte ich meine italienischen Bücher ausgeräumt, um eine Treppe (trap) zu bauen, die an den Rand eines Eimers führte, in dem Futter ausgestreut war, so wollte ich eine Maus einfangen, die ich gesehen hatte oder meinte, gesehen zu haben. Vielleicht ein Phantom? – Irgendwann, eigentlich recht bald, baute ich die Treppe wieder ab und warf das Futter weg. Die Bücher räumte ich aber nicht zurück, sondern ließ sie gestapelt auf dem Boden, bis gestern.
Das Rad der Dinge – Bobi Bazlen.
Es gibt zwei Tagebücher, beide unveröffentlicht.

Armer schwarzer Kater

„Armer schwarzer Kater!”, sagte meine Freundin [unleserlich] spöttisch, als ich festgestellt hatte, dass ich mit der Mütze nichts höre. Im Wohnzimmer hatte ihr Handy geklingelt. („Das kannst du von hier hören?”) (hier = Küche)
„Beklag dich noch!”
Die Mütze hatte sie mir gerade geschenkt, eine Strickmütze mit ‚Ohren‘ und zwei Bommeln links und rechts, wie man sie in Kaurismäki-Filmen sieht, oder in romantischen Komödien, die in New York spielen, eine Woche vor Weihnachten: der etwas trottelige Freund der chaotischen alleinerziehenden Mutter trägt sie, während er unerschütterlich versucht, das Auto in Gang zu bringen, am Ende klappt’s, oder sie nehmen die U-Bahn. So eine Mütze.
„Die ist lustig. Passt zu dir.”
Aber vom Spaziergang waren wir zurück, draußen hatte ich sie nicht auf, nur drinnen, jetze, in der Küche.
Tee: Thymian.
Hab den Geschmack schon wieder vergessen, interessierte mich aber, trinke ja (als Kräutertees) meist Pfefferminz oder Salbei (SALbei, nicht salBEI). Und jetzt im Dezember auch viele fancy Tees aus einem Tee-Adventskalender, den mir eine Freundin vom Niederrhein Jahr für Jahr schickt: Ingwer Kurkuma, Holunderbeere & Echinacea, Black Chai, Love Me Truly, Lebkuchen-Zeit, Happiness Is.
Teezember. (Kein Tee, nur eine Spontanbildung.)
Kaffee hatte sie auch, macchinetta für den Gasherd, Milch von mir mitgebracht, abgefüllt in einem Gals Landliebe-Joghurt. Glas. Glas.
Ihr Fuß steckte in einer cyborgmäßigen Verkleidung, Gehen mühsam, nur mit Krücken.
Ich holte es.
„Kannst du mir bitte das Telefon aus dem Wohnzimmer holen? Es hat geklingelt.”
„Das kannst du von hier hören?”

Meine nicht schwere Erkältung kuriere ich mit
Ingwer (roh geknabbert, oder aufgebrüht)
Limonaden. Die Zitronenschale raspele ich ab, nützlich fürs Backen.
Grog.
Ich trage drei Pullover.

Love me truly


Nilüfer Yanya (ˈnɪləfər ˈjænjə) ist eine junge (26) Musikerin aus London mit markanter Stimme. Dies ist ein flottes Stück, Vorbote ihres kommenden Albums Painless, das für Februar/März 2022 angekündigt ist. Like. – Eine markante Stimme (eine Glasschneiderstimme) hat natürlich auch Michelle Zauner alias Japanese Breakfast, von der ich vielleicht was in meinem Weihnachtsmix bringe.

UpToTen – codices

[Fortsetzung von Handschuhe, Mütze, Schal und Die taubenfütternde Hand]

Für bis zu zehn Musiker – das war die Vorgabe, darum up to ten. „* Die Kompositionsaufträge sind finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung”, ist auf der letzten Seite des Programms zu lesen, so klein gedruckt – Weiß auf Grün -, dass ich die Deckenlampe, die Schreibtischlampe und die Samsunggalaxis anschalten muss, um es lesen zu können. Das Sternchen steht in der Programmübersicht neben dem zweiten Werk des Abends (Schlachten 1: Arie, von Sebastian Claren) und bezieht sich zweifellos auch auf die anderen uraufgeführten Stücke, von Martin Schüttler einerseits, von Enno Poppe, Michael Lentz und Wolfgang Heiniger anderseits. Verstehe ich es richtig, dass Irene Galindo Quero leer ausgegangen ist?

Martin Schüttlers Schweine zitiert einen Text des Missionars und Völkerkundlers Stephan Lehner (1877-1947), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Stamm der Bukawa in Kaiser-Wilhelms-Land (heute Papua-Neuguinea) gereist ist. Es ist (mir) nicht ganz klar, ob das Wort auf eine eventuelle Tierhaltung der Bukawa gemünzt ist oder diese selbst meint (dann also als Beschimpfung).
Der Komponist wird mit den Worten zitiert: „Die Schweine kommen einerseits direkt im Text vor, vor allem aber sind wir es, die ‚Schweine‘. Der Text über die Mission [den Jakob Diehl zum Schluss von Schweine vorträgt, Anm. v. MR] ist natürlich der Spiegel, in dem wir uns selber sehen (müssen).”
Mehrfach wurde die Komposition von elektronischen Störgeräuschen zerschossen – eigentlich das, was man in Konzerten gerade nicht haben will, so wenig wie Rückkopplungen, Übersteuerungen oder kaputtgesungene Mikrophone -: klanglich reizvoll (Industrial!) und witzig (i.S. v. intelligent): Das, was normalerweise unterdrückt wird, wird nicht nur eingebaut, sondern prominent ausgestellt.
Sicher, nach der Emanzipation der Dissonanz ist die Emanzipation des Geräuschs ein alter Hut in der N/neuen Musik, aber man kann immer noch schöne Kaninchen daraus hervorziehen.

obwohl für Stimmperformer, Schlagzeug, Streicher und digitale Instrumente (2021) von Enno Poppe, Michael Lentz und Wolfgang Heiniger bildete den Abschluss des Abends.
Michael Lentz – kahlköpfig, hager, dunkel gekleidet, mit großen schwarzen Schuhen, die Spitzen leicht nach oben gebogen, Kohlenaugen – trat wie Nosferatu ans Mikrophon und sprach-/sprechmusizierte artikulationsstark, dynamisch variabel, mit teilweise tyrannischer Schärfe einen Text, in dem er den Tod seines Bruders ‚verarbeitet‘.
Er knüpfte damit an Muttersterben an, womit er 2001 den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen hatte.
Dieses Wiederanknüpfen habe ich als Schwachpunkt wahrgenommen.
Dennoch, Michael Lentz ist ein ganzer Künstler, Auftritte von ihm (sind) ein Ereignis (Entschuldigung für die abgedroschene Formulierung). Wer die Gelegenheit hat: hingehen.
Musikalisch blieb obwohl für meine Begriffe allerdings eher enttäuschend, den Schlagzeugpart (Roland Neffe) ausgenommen. Geiger Chatschatur Kanajan und Bratschistin Karen Lorenz wurden zum Cellospielen degradiert – ich habe nichts gegen das Instrument, doch hier wurde es (nur) als Klangfarbe gebraucht, man hätte es auch sampeln und über Lautsprecher einfüttern können. Das solistische Potential des ensemble mosaik wurde, mit der genannten Ausnahme, links liegengelassen – es diente letztlich als Staffage für die Solo-Performance von Michael Lentz.
Außerdem war das Stück zu lang, was ich auch schon bei der Arie bemängelt habe.
Wie auch immer, wieder zu Hause, habe ich mich für den Newsletter des ensemble mosaik angemeldet. Ich wurde gebeten, meine „Menschlichkeit [zu] bestätigen”.

Eigentlich hätte ich drei Tage am Stück frei, aber jetzt hat mich mein Chef angerufen, ob ich nicht doch Montag kommen könnte. Ich bin nicht begeistert, wenn mein Wunsch nach Frieden missachtet wird, habe aber als guter Arbeitgeber für einen halben Tag zugesagt und ärgere mich trotzdem, weil das die schöne Dreitagestrecke zerreißt. (Ich träume von einer Welt, in der niemand mehr als zwanzig Stunden arbeiten muss – bei vollem Lohnausgleich, versteht sich. Allerdings haben von dieser Welt auch schon Paul Lafargue und Bertrand Russell und manch andere geträumt, die gegen den Würgegriff des Kapitals aber auch nichts ausrichten konnten, leider. Es gäbe hierzu vieles zu sagen … … … … .)

Als Musik zum Wochenende zwei Instrumentalstücke von Voyou (Thibaud Vanhooland), dem einen oder der anderen vielleicht ein Begriff von seiner Zusammenarbeit mit Yelle: Les Bruits de la Ville, das fröhlichste Stück, das ich im Repertoire habe.

In der taz heute eine ganzseitige Anzeige der Deutschen Homöopathie-Union:
„[…] Unterschiedliche Erkrankungen und gesundheitliche Herausforderungen erfordern unterschiedliche medizinische Maßnahmen. Dabei geht es auch immer um ein Abwägen zwischen individuellen Präferenzen und medizinischer Notwendigkeit.
Im Hinblick auf die aktuell größte gesundheitliche Herausforderung unserer Gesellschaft, die Coronapandemie, gibt es für uns als Deutsche Homöopathie-Union deshalb kein Vertun: Die Immunisierung der Bevölkerung mit zugelassenen Impfstoffen ist der einzige Weg, der uns aus der Pandemie führen wird.
Deshalb: Lassen Sie sich impfen!
Zu Ihrem Schutz und dem Ihrer Mitmenschen.”

Je m’excuse auprès de mes lecteurs et lectrices que j’écris encore une fois en français, chose artificielle étant donné que je suis allemand et que ce blog est écrit en allemand (ça se voit). Mais je pense que ce soit la plus simple et la plus effective manière de pratiquer un peu cette langue que je parlais fluemment quand j’étais lycéen – tempi passati. Plus tard, à l’université, j’ai largement oublié ce que j’avais su avant puisque la faculté qui enseignait la langue et la littérature françaises s’obstinait à tenir ses cours en allemand – la règle la plus stupide que j’aie jamais rencontrée. Ce que je peux dire de positif sur mes études est d’avoir appris l’italien en contrepartie. Bref, le plan est de garder l’italien (que pourtant je suis en train d’oublier aussi) et de me rattraper en français tout en parlant anglais au travail, ah ah.

Es ging schon gegen halb eins, als ich vom Plätzchenbacken nach Hause kam // Ich habe dem Taxifahrer („Ich bin doch nicht die BVG” (verdiente sich wohl was zur mageren Rente hinzu)) vorgesagt, wie er fahren musste, hatte nicht den Eindruck, dass er gut sah, aber war sonst niemand unterwegs, also, Ruhe bewahren! // wobei sich mein Beitrag diesmal darin erschöpfte, ein Backbuch (Backvergnügen wie noch nie. Das große Bild-Backbuch. 400 Farbfotos, 1978, 7. Auflage 1981) und eine Mandelmühle mitzubringen, die dann aber doch nicht gebraucht wurde.
Ich half auch, mit zwei Teelöffeln Makronenteig auf Backoblaten zu setzen, ansonsten erfreute ich mich müßig der kleinen Geselligkeit, bei der Olivenpaste, Lakritztee und spanischer Rotwein aufgeboten wurden, und mehr, was ich vergessen habe.
Nachmittags war ich negativ getestet worden (Lateral Flow Method), ich geh da ja nicht so hin.
Das heißt nicht, dass ich dies Jahr nicht backen wollte! Zutaten für Husaren-Krapferl, Anisplätzchen und Schokoladen-Makronen habe ich ungefähr da, bis auf Zartbitterschokolade und, schon wieder!, (kleine) Backoblaten. Wo krieg ich die?

Update [8.12.2021] Zartbitterschokolade und Oblaten (50 mm) habe ich inzwischen bekommen, und – wie gerufen – hat mir Fit Analytics (a Snap Company) zum 5-jährigen Jubiläum einen Rührbesen (Rührblitz) geschenkt, auch einen Snoopy-Kalender, der mir beim Backen nicht helfen wird, mir aber Freude macht.

Die taubenfütternde Hand

(Wie oft, hat der Titel nichts mit dem Beitrag zu tun. Texte müssen eben irgendwie heißen. Irgendein Name, egal.)

Aber das Konzert ging noch weiter, oder?
Doch, doch.
In der Pause hatte ich herausgefunden, dass das Theater im Delphi auch Kartenzahlung akzeptiert, also kam ich mit einem Bier zurück zu meinem Platz in der zweiten Reihe. Leider konnte ich der Bedienung kein Trinkgeld geben, sie musste kostengenau abrechnen.
Vier Euro für so ein Fläschchen ist nicht billig, aber kann sie nix für.
Nächstens Münzen mitnehmen.
Das Theater im Delphi soll weiterbestehen und gedeihen als Ort der Kultur. (Für Meinolf Reul, der Kunst wirklich liebt, der arme Irre, widmete mir ringlundmatz unlängst einen Text.)

Die zweite Uraufführung: Schweine (2020) für Sprecher, künstliche Stimmen, Ensemble und Live-Elektronik von Martin Schüttler.
Pelze & Restposten heißt eine Porträt-CD des Komponisten in der Edition Zeitgenössische Musik (bei Wergo). Ich habe mich gefragt, ob die elektronischen Beats, die mit Beginn des Stücks losrappelten, wohl als so eine Art Restposten verstanden werden können: irgendwie Billigware. – Ist Martin Schüttlers Blick auf Populärmusik ironisch, nüchtern oder wertschätzend? Müsste man gelegentlich mal nachfragen. Wie auch immer, dem Stück wurde eine dicke Schicht Rambazamba eingezogen. Mochte ich!
Im Abstand von zwei Tagen merke ich (aber), dass ich Schwierigkeiten habe, mich zu erinnern, was das Ensemble gemacht hat, das gab’s ja auch. Geriet es zwischen Live-Elektronik und Band-Zuspiel zur Staffage? (Wohl kaum.)

Der Sprecher (Jakob Diehl), von Anfang an präsent, rückte erst im Schlussteil der Komposition ins Zentrum, kurz zuvor hatte der Dirigent, Enno Poppe, sein Dirigierpult in Richtung Parkett verlassen (wurde nicht mehr gebraucht): Martin Schüttler hat ihm einen Haydn’schen Move in die Partitur geschrieben (Stichwort Abschiedssinfonie), das hatte Witz und bot ein Überraschungsmoment.

Nicht nur meine Überschriften, auch die eingebauten Musiken haben nichts mit dem Geschriebenen zu tun. Ich mach das wie Stolterfoht. 🙂
Ab 3:45 kommt mir das Stück irgendwie bekannt vor. Irgendein Klassikzitat, bilde ich mir ein. Andreas Wolf weiß das, aber ob er Lust hat, Jazz zu hören, ist die Frage, und ob er das hier liest, ist auch eine Frage. Oder Lilian Peter. Hallo, weißt Du’s?
Auch wenn wir dies hier nicht klären können, möchte ich festhalten, dass für mich Visions of Your Other zu den besten Platten des Jahres zählt. Hit Hit Hit Hit!

Okay, Martin Schüttler. Ich muss ins Programm gucken, hier:

Nein, ich esse erst mal was zu Abend, mach nachher weiter.

Handschuhe, Mütze, Schal

„Handschuhe, Mütze, Schal!”, rief mir die Freundin meiner Mitbewohnerin zu, als ich mich anschickte, aus dem Haus zu gehen. „Draußen kann es glatt sein!”
Diese halbironische Fürsorglichkeit hat mich belustigt, fand ich aber nett.
So glatt war es übrigens nicht.
Die Handschuhe habe ich letzten Montag in der Buchhandlung vergessen, jetzt habe ich sie wieder.

Mon intention était d’acheter quelque disque du rayon chanson française (aussi pop, pourquoi pas), ou un classique (je ne supporte que quelques-uns) ou une chansonnière de nos jours. Je ne pouvais pas me décider de choisir une anthologie (Juliette Gréco, Georges Brassens, Georges Moustaki, Boris Vian, Barbara, et cétéra) mais je tombais sur une pochette qui me plaisait. Je ne connaissais pas l’artiste, Mesparrow, le mot sparrow me – ach, wie sagt man das jetzt, nicht souvenait de sondern … kann mich nicht erinnern … – Edith Piaf et je pensais prions qu’elle ne chante pas comme elle (je ne suis pas fan d’Edith Piaf).

Mir gefällt’s. Die Stimme ein bisschen mehlig (kann man das sagen?), find ick juut.

Soll ich jetzt vom Konzert des ensemble mosaik erzählen? Ist schon so spät, kann ja nicht jeden Abend bis 2 aufbleiben.
Es fand gestern abend im Theater im Delphi statt, einem früheren Kino. Der Raum strahlte den abgeblätterten Charme alten Glanzes aus. (Den Charme abgeblätterten Glanzes? Na, ihr versteht schon. Ein in Würde gealterter Bau.) Illuminierte Bögen gaben den Blick nicht auf ein Sakralobjekt frei, sondern auf eine Backsteinwand.
Die Musiker waren davor postiert, zwischen den Notenpulten hier und da Laptops.
Vier Stücke wurden gegeben, drei davon Uraufführungen.
si callalo pudié sentirsas (2020) [„Wenn du es leise spüren könntest”] für Ensemble und Elektronik von Irene Galindo Quero machte den Anfang. Ich kann dazu so wenig Verlässliches sagen wie zu den anderen Werken. Rhythmische und melodische Verschleierung schienen ein Thema zu sein, vielleicht auch semantische Verschleierung, denn ein Gedicht (von Ángela Segovia Soriano) war, auf zwei Sprechstimmen verteilt, in die Musik integriert – wie überhaupt der ganze Abend unter dem Zeichen von Text und Sprache stand. Ligeti fiel mir ein, wegen der Eleganz und Mysteriösität, die das Ganze für mich hatte. Eine gute Komposition, glaube ich.

Es folgte, als erste der Uraufführungen, Schlachten 1: Arie für Bariton und Ensemble (2019) von Sebastian Claren, nach einer Textvorlage von Rainald Goetz. Spektakulär die Gesangspartie (Zitat Programmheft: „So bewegt sich der Bariton zwischen Falsett- und Bruststimme, Strohbass oder Sprechgesang, verfällt mitunter in expressive Koloraturen, manisches Murmeln oder in Jodeln, Rufen, Schreien, Raunen, Schluckauf …”.)
(Strohbass nachgucken.)
Und das Ensemble? Dem farbigen Vokalpart wurde ein karges Tömmern (würden wir in Kevelaer sagen) zur Seite gestellt, dem ich – auf die Dauer des Stücks – wenig abgewinnen konnte. Als ginge ein Filmabend mit Kubrick feurig los, würde dann aber von der Ödheit Straub-Huillets jäh abgelöscht. (Chronik der Anna Magdalena Bach: grauenhaft.)
Die karge koreanische Trommel des Schlagzeugers war nicht der einzige Verweis auf (von uns aus gesehen) Fernost, auch Spieltechniken der Bläser wiesen in diese Richtung. Dazu Kaskaden schraffurartiger Pizzicati. Schilfrohr-/Bambus-Sounds. Ein stimmiges Klangbild.
Das ensemble mosaik hat das alles phantastisch gespielt, Bariton Fabian Hemmelmann halsbrecherisch gut gesungen – aber es gab Längen, Redundanzen, die einen Teil der Wirkung vermasselt haben. [Fortsetzung folgt]