Unkategorisierbare Fehler

Die Praktikantin, die nach Feierabend die Bücher des Verlags vorbeibringt, für den wir ausliefern (wir liefern für zwei Verlage aus, von daher ist mein Satz ungenau, aber das ist er sowieso), ist Österreicherin. Sie nimmt die Bücherpacken aus ihrem roten Stoffbeutel und verabschiedet sich mit einer freundlichen Höflichkeit, die in Berlin Seltenheitswert hat.

Was die Leute kaufen: Sigmund Freud, Unglaube auf der Akropolis. Ein Urtext und seine Geschichte, Klaus Heinrich, wie eine religion der anderen die wahrheit wegnimmt, Elif Shafak, Hört einander zu!, Donatella Di Cesare, Souveränes Virus? Die Atemnot des Kapitalismus, Franziska Meier, Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie, Andreas Reckwitz, Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Slavoj Žižek, Ein Linker wagt sich aus der Deckung. Für einen neuen Kommunismus, Dirk von Gehlen, Meme.

Bildungsbürgertum, ich sag’s ja.

Kohlhaases Erfindung einer Sprache und andere Erzählungen hätte ich auch verkauft, ist aber gerade im Nachdruck und wird erst Ende April/Anfang Mai wieder lieferbar sein, wie ein Anruf bei Prolit ergab.

Kein Wunder, dass ich abends müde bin.

Nach ungefähr vier Stunden wurde ich von einem leisen Knall geweckt.
Zwanzig vor drei, verriet mir das Display. Die PK war noch brühwarm.
Smartie war natürlich zur Wandseite hin gefallen.
In den Nachrichten stach das Wort „Intensivbetten” heraus.
Auf den letzten Stufen zum Bad schon das Morselicht der elektrischen Zahnbürste auf der Ladestation.
Um halb fünf wieder hingelegt, nicht aus Müdigkeit, sondern aus Vernunft, um acht das Wecksignal, halb neun auf. Kaffee, Arbeit, noch mal Kaffee.
Ich habe ein kräftiges Über-Ich.
Irgendwann mittags fiel mir ein, dass ich am frühen Abend eine kleine Präsentation zum Thema „Uncategorizable Errors” für einige der US-Kolleg*innen machen sollte. Das hat mich ein bisschen gestresst, denn ich rede nicht gern, und Erklären ist auch nicht meine Sache, aber es lief dann ganz gut, unkategorisierbare Fehler hab ich ja öfter.

Ich werde meine Ostereinkäufe Montag, spätestens Dienstag erledigen.

„Diese Zahl von 100.000 Satelliten ist leider realistisch.”
(„Vor lauter Satelliten keine Sterne mehr. Megakonstellationen bedrohen Astronomie”).

Kimbra Everybody Knows

Kimbra bekommt nie einen Grammy, ist das fair? Hier ein Stück aus ihrer EP Songs from Primal Heart: Reimagined, die 2018 erschien (leider nur digital).

Auf der Arbeit gab es eine Veränderung: Unsere Firma hat die Eigentümer gewechselt und gehört nun zu Snap Inc., vor allem durch Snapchat bekannt, der App, deren Nachrichten nach einer Weile verschwinden. Fit Analytics wird unter dem neuen Dach als eigenständiges Unternehmen fortgeführt, mit den beiden Sitzen Berlin und Chicago.

Sind doch Krokusse?

Als ich von der Arbeit kam, war ich fix und foxy. Vielleicht, weil ich es nicht mehr gewohnt bin, so viele Leute zu sehen, in der Stadt unterwegs zu sein, mit den Öffis zu fahren? Na, so doll viele waren’s ja nicht.
Montags geh ich um zehne aus dem Haus, hole Curtis aus dem Schuppen, pass auf, dass wir nicht die Krokusse plattmachen, die wie Pilze aus dem Boden (Rasen) schießen.
Ich denke, es sind Krokusse. – Gibt es bunte Schneeglöckchen?
Das ist ja immer die frohe Botschaft, die ein Sprachlehrer seinen Schüler*innen verkünden kann: Die Mehrzahl der Verkleinerungsform ist genau gleich wie die Einzahl der Verkleinerungsform:
das Büdchen – die Büdchen
das Blümchen – die Blümchen
das Häuschen – die Häuschen
das Süppchen – die Süppchen
und so weiter.
Dass das ich-ch so schwer auszusprechen ist, gut, das ist wieder blöd. Und die Umlaute! Ich hab’s aber nicht erfunden.
Nebenbei bemerkt, ist auch das ach-ch nicht einfach.
ch ch
Als Mehrzahl von Krokus gestattet der Duden auch: die Krokus. Bisschen komisch, aber mir soll’s recht sein. Verwirrt wär ich über „Safran”.
Übrigens brauche ich nicht den Segen des Duden(s), die Sprache soll so frei sein, wie sie Lust hat. Tendenziell ist der Sprachgebrauch ja nicht sehr frei. – Lasst die Wörter los!, so würd ich immer sagen.
Hab mich ja auch sehr gefreut, als Hanna mal „bei ihmchen” sagte. Der rheinische Diminutiv macht auch vor Personalpronomen nicht Halt. Toll!
Und jetzt habe ich in meinen Büchertürmen doch glatt nach dem Niederrhein-Büchel von Joseph Roth gesucht – Kleve Xanten Kalkar – das seltsamerweise einmal in Rom gedruckt wurde (1986). Erstmals erschienen die drei kleinen Texte im Mai 1925 in der Frankfurter Zeitung.
„In Kleve am Niederrhein erzeugt man Margarine, ohne damit der Schönheit der Stadt zu schaden. Sie lag einmal am Rhein. Der Fluß hat sich selbst von ihr entfernt, was unrecht von ihm war. Schon im 11. Jahrhundert mußten die Klever Bürger einen Kanal bauen, um die Beziehungen zum Rhein wiederaufzunehmen.”
Ich komm drauf, weil Roth den Niederrhein als landschaftlichen Ausdruck des Pazifismus beschreibt, und so Verkleinerungsformen erscheinen mir doch auch ganz friedlich.

Wenn ich so mäandernd schreibe wie hier, denkt meine Schwester, ich wäre betüddelt. Das ist natürlich nicht der Fall.

Vom Dickicht aus -> Stadtplan Kleinmachnow (wir sind das letzte Haus in der Straße) fahre ich über die Wendemarken und An der Stammbahn zur Karl Marx-Straße (ich lehne es ab, sie mit zwei Bindestrichen zu schreiben, denn sie ist schließlich nicht nach Karl und Marx benannt, sondern nach Karl Marx – kann mich damit im Freundeskreis aber nicht durchsetzen … – Johnson würde mich verstehen), die in Zehlendorf selbstverständlich nicht mehr so heißt, sondern Benschallee. Die brauch ich aber gar nicht, weil ich vorher rechts in die Berlepschstraße einbiege, die mich zum S-Bahnhof bringt. Dort mache ich mein Pferdchen fest und fahre –
Aber will das wer überhaupt so genau wissen?
Am Rathaus Steglitz Umstieg in die U9 Richtung Osloer Straße, Spichernstraße steige ich aus, die Kachelwände visualisieren ein Musikstück, die Universität der Künste (Musikabteilung) und das Haus der Berliner Festspiele sind nicht weit.
Hier werde ich meinen Weg zur Arbeit unterbrechen, denn es ist Viertel vor drei, und morgen muss ich arbeiten.

Das Eichkatzerl war wieder da, jetzt gerade. Aber keine Erdnüsse! Morgen lege ich nach.

[brace] Inseln

Heute, aus Anlass des Internationalen Frauentags, ein Doppelprogramm mit zwei Arbeiten aus (Film-)Kunst und Literatur, die mir sehr gut gefallen.

„Es verhält sich mit der deutschsprachigen Poesie wie mit dem bundesdeutschen Fußball: An Torhütern mangelt es nie.”
So moserte Michael Lentz vor nunmehr sechzehn Jahren, man kann seine „Thesen zur Poesie” hier nachlesen.

Ich möchte zu bedenken geben, dass es vielleicht nicht die Schreibenden sind, die die angebliche, von Lentz bemängelte „Windstille” vorrangig zu verantworten haben, sondern verwechselbar, langweilig und träge gewordene Verlage (Rundfunkredaktionen, Zeitungsredaktionen und wer immer sonst Pfründe zu verteidigen hat), die bräsig ihr Erbe verwalten (oder in ihren Archiven vergammeln lassen: Was macht Hoffmann & Campe mit dem Pfund seines Autors Heinrich Heine? – Nichts!) und das Neue nur dann durchlassen, wenn es sie hinreichend an das Alte erinnert.
Oder bin ich ungerecht?

Andere Verlage wiederum mögen grundsätzlich willens sein, Neues zu wagen, sind empfänglich für Qualität, sehen sich aber wegen zu geringer Kapazitäten (zu wenig Geld, zu wenig Leute, zu kleines Programm) außerstande, ihm ein Forum zu geben.

Wie auch immer: Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Plätze für genreübergreifende Literatur. Kästchen sind doch witzlos!

Im folgenden ein Ausschnitt aus dem Text Inseln von Lilian Peter, Teil eines Buchmanuskripts: Mutter geht aus, für das die Autorin u.a. 2020 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats erhielt. Es geht um Klicker und Murmeln, Klackern, Rinnen und Perlen, um Rauschen, unter anderem. Der Text spricht davon, und er bildet es nach: eine Sinn- und eine Sinneserfahrung. Auch ein landeskundlicher Beitrag zu Japan.

Auszug aus Inseln

[…] Ich bewahrte die Murmeln in einer kleinen Schatztruhe auf, spielte jedoch selten mit ihnen, nur manchmal öffnete ich die Truhe, griff hinein und versuchte, möglichst viele in der Hand zu halten und sie dann ganz langsam und vorsichtig gen Boden, oder mit einer schnellen Bewegung des Unterarms, wie man sie auch beim Kegeln macht, in den Raum gleiten zu lassen, denn ich liebte das perlende Geräusch, das sie dabei machten, und wenn ich ganz viel Glück hatte, stießen sich beim anschließenden Kullern manche der Murmeln noch einmal an und ergaben ein leises, klackerndes Geräusch, bis sie schließlich ruhig liegen blieben und ein mal weiter, mal weniger weit verstreutes Muster ergaben. Ein leises, klackerndes Geräusch machen auch Bambuswälder, wenn der Wind durch sie hindurchrauscht, auf einer kleinen Insel in der japanischen Präfektur Kagawa stand ich einmal lange in einem Bambuswald und lauschte dem zarten Klack-Klack-Klack-Klack-Klack, dem Murmeln der Bäume im Wind, später stand ich an einem Fluss und lauschte dem Plätschern, das dem Klack-Klack-Klack-Klack-Klack der Bambuswälder erstaunlich ähnlich ist, später stand ich in einem Museum, das kein Kunstwerk beherbergt, sondern selbst eines ist, es heißt 母型, „Matrix“, und stammt von der Künstlerin Rei Naito, es ist ein sehr großer, flach gewölbter Raum, muschelförmig und mit zwei großen Öffnungen, durch die man jeweils ein sehr präzise inszeniertes Stück Natur sieht, die Sonne kann hineinscheinen und große runde Lichtflecken auf den weißen Betonboden werfen, Regen kann hereinprasseln, sich in Pfützen sammeln und langsam, langsam über den Boden zu rinnen beginnen, der nirgends ganz eben ist, zudem drängen aus winzigen Poren im Boden kleinste, kleine, größere und große Wassertropfen, die anschließend wie kleine Murmeln, in verschiedenen Geschwindigkeiten, innehaltend, Fahrt aufnehmend, sich zusammensammelnd aus verschiedenen Tropfen, über den Boden kullern, ein Spiel, das mit sich selbst spielt, Spieler sind nicht vonnöten, und man hat unmittelbar das Gefühl, Zuschauer braucht dieses Spiel auch nicht, es ist ganz zufrieden mit sich selbst; „Matrix“ lädt einen ein, man darf sich in ihr aufhalten, aber sie verlangt ein großes Maß an Zurückhaltung, Höflichkeit und Respekt, als Vergleich fällt mir nur eine Kirche ein, dabei ist der Unterschied zu einer Kirche, jedenfalls einer christlichen, gewaltig: Denn dieser Raum maßregelt nicht, urteilt nicht, hierarchisiert nicht, predigt nicht, unterwirft nicht, häuft keinen Reichtum an und fordert nicht im Gegenzug die Verschuldung seiner Leser, „Matrix“ zeigt lediglich ein Hier und Jetzt, in aller Schlichtheit, Schönheit, Verbundenheit und Stille. Bevor man sie betreten darf, zieht man die Schuhe aus und schlüpft in Filzpantoffeln, die meisten Besucher bleiben sehr lang, stellen oder setzen sich nacheinander an verschiedene Orte im Raum, niemand spricht, man beobachtet die sich stetig verändernde Natur jenseits der Öffnungen, die man ganz unterschiedlich wahrnimmt, je nachdem, in welche Perspektive im Raum man sich begibt, oder man beobachtet die Lichteinfälle, die nie bleiben, was sie sind, sondern mit wanderndem Sonnenstand stetig andere Formen annehmen, oder man beobachtet das lautlose Klack-Klack-Klack-Klack-Klack der Wasserperlen am Boden und ihr glasklares Murmeln, oder man lauscht dem Wind, der an den flachen Rundungen des Gebäudes entlangrauscht wie ein Meer, verstärkt durch die Akustik des Raumes; ein japanischer Traum, ein Traum von Japan – und eine Wirklichkeit, die sich nicht ausspielen lässt wie Murmeln in der Hand eines Spielers, der nur aufs rechte Loch zu zielen braucht. „Matrix“ (Plural „matrices“, davon die „Matrizen“) kommt aus dem Lateinischen, ist verwandt mit der „mater“ und der „materia“ und heißt soviel wie: „Gebärmutter, Mutterleib, Muttertier, Zuchttier“. Als „Matrize“ oder „Mater“ bezeichnet man, zum Beispiel, im Zusammenhang der Schriftgießerei die Gussform, in die der Schriftgießer Satzmetall (meist Blei) gießt, um Lettern oder Bleisatzzeilen zu erzeugen.

[brace]

[brace] ist ein s/w-Kurzanimationsfilm von Anja Großwig (Buch, Regie, Produktion, Produzentin, Kamera, Schnitt), Absolventin der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, der zwischen 2013 und 2018 entstanden und aus fünftausendvierzig Einzelbildern montiert ist. Der Film wurde beim Durban International Film Festival 2018 erstaufgeführt.
Prädikat besonders wertvoll (Deutsche Film- und Medienbewertung).

„BRACE zeigt eine dysfunktionale Beziehung zweier völlig gegensätzlicher Charaktere. Chaos und Ordnung, Akribie und Lässigkeit, Pedanterie und Großzügigkeit als Persönlichkeitsmerkmale stehen unvereinbar gegeneinander wie Lärm, Hektik und Wirrnis der Großstadt zu Ruhe, Geschütztheit und Kontrollierbarkeit des eigenen Heims.” (zitiert nach: Produktionsspiegel nordmedia)

Ich wünsche einen schönen Feiertag!

Dank an Lilian Peter und Anja Großwig.

Die große Schalte

Sollte sich unter der Leserschaft jemand befinden, für den dies Stellenangebot von Fit Analytics interessant sein könnte? Na, ich teile es mal für alle Fälle. Gesucht wird ein Back-end Developer – API (m/f/d). – Weitere Jobs werden ansonsten hier angezeigt, und ich glaube, auch Initiativbewerbungen sind möglich.

Um 11 war ich bei Yvette.
„Heute berechne ich nach Gramm.”
Erst seit ein paar Tagen hat ihr Laden in der Elberfelder Straße wieder geöffnet – gerade ist es ja wieder erlaubt. Arbeitsbeginn Viertel nach fünf, so die ganze Woche. – Von Bruno habe ich nichts gesehen. Entweder schlief er irgendwo, oder sie hat ihn vorübergehend in eine Hundepension gegeben.
Sie rechnet damit, bald wieder zu schließen, „so, wie sich die Leute verhalten”.

Als Pause von der vielen Arbeit hat sich unser Team neulich zum Filmegucken verabredet. Der Großvater einer Arbeitskollegin war Filmregisseur, und so sahen wir eine griechische Komödie von 1957, Griechisch mit englischen Untertiteln, über einen ehemaligen General, der streng über seine vier Töchter wacht und sie mit Trillerpfeife herumkommandiert. Dann kommt die titelgebende Tante aus Chicago und bringt frischen Wind ins Haus, setzt an die Stelle des alten klobigen Mobiliars elegantes neues, auch der Flügel kommt weg, ein Schallplattenspieler ist viel schicker! – vor allem: Komm mal mit auf den Balkon, spricht sie zwinkernd zu ihrer ältesten Nichte. Ob ihr einer von den vorbeilaufenden Männern gefalle? Die Nichte wählt recht zügig, resolut bringt die Tante den Glückspilz zum Halt. Die herabgeworfene Amphore hat ihn gottlob verfehlt, aber immerhin kann man ihn ins Haus komplimentieren, das Wasser lässt sich sicher schnell herausbügeln (im Bügelzimmer kurzer Check der Personalien), inzwischen ein kleiner Whiskey, und ach, Rock’n’Roll tanzt er auch? Ja dann bitte, unsere Tochter … Dann Schnitt, Kirche, Pfarrer, Festgesellschaft, ein strahlendes Paar, ein stolzer Papa.
Für solche kleinen Gruppentreffen stellt die Company netterweise ein Budget zur Verfügung, ich wählte ein Überraschungspaket und fand mich überreich bedacht mit einem Kilogramm Lakritz (ohne Gelatine), einem Kilogramm Mandeln, vier Tüten Sahnetoffees und einer Tafel Schokolade 🙂 Ein Viertel dessen hätte mir schon gereicht, aber die Mandeln halten sich, und mit den Toffees hilft mir sicher jemand.

Neulich war wieder Bandcamp Friday, eine Initiative besagter Plattform, bei der alle Einnahmen an die beteiligten Künstler ‚ausgekehrt’ werden. Die Idee ist, ihnen Geld zu sichern, wo sie schon nicht auftreten dürfen. Ich habe drei Alben gekauft (zwei als Datei, eines als CD).
Das erste: Camera von Fabio Viscogliosi, vor gerade einer Woche erschienen. Ich kenne Fabio Viscogliosi, weil die Spex (das war eine snobistische und eigentlich grundunsympathische Musikzeitschrift, die ich regelmäßig gekauft habe, als ich in Köln lebte, gibt’s nicht mehr) vor zwanzig Jahren einen seiner Songs, Quasi nello spazio, auf einer ihrer CD-Beigaben hatte (Kompilationen neuer Songs). – Außer dass er ein phantastischer Musiker ist, ist er auch ein toller Zeichner. (Das Album-Cover ist von ihm.) Top!

Die zweite Platte ist von Nazareno Caputo, einem italienischen (Fabio Viscogliosi ist Franzose italienischer Herkunft, singt meist auf Italienisch) Schlagzeuger, der sich auf Vibraphon spezialisiert hat, was eines meiner Lieblingsinstrumente ist. (Deswegen u.a. ist auch eine Band wie Tortoise für mich interessant.) Phylum – ebenfalls ganz neu – ist eine Trioplatte (vib/perc, b, dr). Der Titel wird auf der Label-Seite erklärt, siehe auch -> Stamm.

Jazz unterhält nicht erst seit gestern enge Beziehungen zur neuen Musik (umgekehrt gilt es auch!), was okay ist, nur dass dabei oft Vitalität und Freiheit auf der Strecke bleiben: zu viel Kontrolle. Das ist bei Nazareno Caputo nicht so. Er hat zwar neben seinem Musikstudium auch ein Architekturstudium absolviert – ein konstruktivistisches Moment ist seiner Musik anzuhören -, aber Phylum wurde nicht am Reißbrett entworfen – die Musik atmet, sie hat Drive und Attacke.
Wie bin ich auf ihn gekommen? Über das Label (Aut Records).

Non c’è due senza tre: ’68 von Robert Wyatt macht meinen kleinen Einkauf perfekt. Die Aufnahmen aus dem besagten berühmten Jahr sind erst mit 45-jähriger Verspätung veröffentlicht worden, was sich dem Engagement eines anderen Independent-Labels verdankt, Cuneiform Records.
Robert Wyatt war bisher nicht so auf meinem Schirm, Soft Machine kenne ich als Namen, von der Musik weiß ich nichts. Das mag sich ändern. Aber er hat bei drei Stücken auf Mary Halvorsons (kommt am 23. April vielleicht nach Berlin) Album Artlessly Falling gesungen, und im aktuellen Heft des Jazz Podiums ist ein Interview mit ihm, und das hat mich doch neugierig gemacht. – Die Musik trifft, was sich Cuneiform Records zum Programm gewählt hat: adventurous, boundary-bursting music.

Ja, drei sehr unterschiedliche Platten, ganz verschieden auch zu Cate Le Bon, Julia Holter oder Kelly Lee Owens, die ich alle auch gern höre. Mein Kollege Sean sagt immer, ich sei ein „dark horse”. („Your inner wutbuerger pops up again” – ein anderer auf mich gemünzter Spruch.) Er spricht ein so gewähltes Englisch, schmuggelt auch in seine Slack-Nachrichten Zitate von Shakespeare oder Christopher Marlowe, die jemand aus dem Team vielleicht erkennt, dass selbst Gem manchmal nachschlagen muss.

Seit kurzem bin ich dazu übergegangen, die Hälfte meines Milchkonsums auf Hafermilch umzustellen (Oatley Barista Edition wurde mir empfohlen). Auf der Packung wird erklärt, dass die Lebensmittelindustrie für 25% der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich ist, gegenüber 14%, die auf das Konto des Verkehrs gehen.

Die Enttäuschung des Eichelhähers, kaum rührt er die Kralle. Warum ist hier noch nicht gedeckt?

Binnen eines Tages

I-wet-te, meldete sie sich am Telefon, meine Friseurin Yvette aus Moabit. Gerade war die Öffnung der Friseursalons ab dem 1. März beschlossen worden und sie rief ihre „Stammis” an, damit die alle einen Termin bekämen. Ich hoffe, sie darf nun wieder regulär öffnen. Denn über das Detail, dass der Inzidenzwert von 35 außer Reichweite scheint (von 0 ganz zu schweigen), darf man nicht übersehen, dass auch der Inzidenzwert von 50 in kaum einem Bundesland erreicht wird. In Berlin liegt er jetzt bei 66.3 %, im Brandenburger Landkreis Potsdam-Mittelmark bei 47.6 %, mit der Einschränkung: „Aufgrund einer Anpassung der Meldesysteme weichen derzeit die veröffentlichten Zahlen des LAVG von denen des Robert-Koch-Institutes (RKI) ab. Maßgeblich für das Agieren der Landesregierung und der Landkreise bzw. kreisfreien Städte sind jedoch die vom LAVG veröffentlichten Daten.” (Potsdamer Neueste Nachrichten)
Ob die veröffentlichten Zahlen nach oben oder nach unten hin abweichen, hätte man natürlich auch gern gewusst.

LAVG = Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit.
Die Reihenfolge lässt argwöhnen, dass die Gesundheit nicht als absolut, sondern nur als relativ wertvoll betrachtet wird, nämlich insofern als die Gesunden arbeiten und konsumieren können, die Kranken aber nicht, oder nur eingeschränkt.
Hinsichtlich der Inzidenzwerte wird immer betont, ab der Zahl 50 oder 35 seien die Gesundheitsämter in der Lage, Ansteckungsfälle zurückzuverfolgen, und die Krankenhäuser würden nicht überlastet. Auch hier geht es also nur nachgeordnet um die Gesundheit (der Arbeiter und Verbraucher) und vorrangig darum, das System kaputtgesparter Ämter und auf Rendite getrimmter Krankenhäuser auf diesem desolaten Niveau zu konservieren. Das ist doch sehr enttäuschend.
Richtig wäre es, Krankenhäuser nicht als wirtschaftliche, sondern als soziale Betriebe zu definieren und zu führen, gute Löhne zu zahlen, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und Gesundheitsämter finanziell und personell gut auszustatten. Für Beides muss (müsste) der Staat Geld bereitstellen.

Ich dachte, nur Joanna Newsom verwende Blockflöten, aber nein, auch für Cate Le Bon (nicht mit dem Duran Duran-Sänger Simon Le Bon verwandt) scheint dies zuzutreffen, wenn ich mir den Song Here It Comes Again aus ihrer gleichnamigen EP (2019, zusammen mit dem Duo Group Listening und dem Sänger Ed Dowie) anhöre.
Cate Le Bon ist nie langweilig. Bedauerlicherweise verbietet sie es sich, bei Auftritten zu lächeln. Aber wenn das die Bedingung dafür ist, dass sie auftritt, ist es mir recht.

Die Thanatophoren. Gastbeitrag von Robert Mattheis

Robert Mattheis hat mein Blog schon einmal mit einem Gastbeitrag beehrt, hier legt er nach – herzlichen Dank dafür!
Wir kennen uns aus Kölner Zeiten. Vor einigen Jahren las er in meiner gewesenen Buchhandlung Reul (aus seinem Roman Hohlkörper). Es war eine schöne Veranstaltung. Ohne Murren hat der Autor später auf dem Boden geschlafen, die schwierigen Umstände, die mein Leben zu jener Zeit prägten – ich habe sie im Beitrag Privatentnahme skizziert -, ließen die komfortable Unterbringung im Goldenen Löwen leider nicht zu.
Übrigens gibt es ein neues Buch von Robert Mattheis: Ich sah die blödesten Idioten meiner Generation. Ich empfehle es!
Hier nun aber Die Thanatophoren, ein durchaus ungemütlicher Text –

Die Thanatophoren oder: Hunde, wollt ihr ewig leben?

Es wird Abend, und die Thanatophoren schwärmen wieder aus über den Dächern der Stadt. Diese Idee kam mir irgendwann, nachdem ich in „What Should We Be Worried About?“ … oder nein, fangen wir anders an.
Kennen Sie John Brockman?
Sein deutscher Verlag, S. Fischer, nennt ihn einen „Wissenschaftsaktivisten“, was ein schön vieldeutig schillerndes Wort ist. Denn von John Brockman stammt die Idee der „Dritten Kultur“, „die großspurig inszenierte Verschmelzung von Geistes- und Naturwissenschaft im Dienst der digitalen Zukunft“, wie die FAZ sie im Vorspann zu einem Text des Techkritikers Evgeny Morozov nennt. Des Weiteren ist Brockman der Gründer und Herausgeber von edge.org, einem Tummelplatz der avanciertesten wissenschaftlichen Ideen unserer Zeit.
Er ist ein brillanter Mann und einer der wichtigsten Literaturagenten der USA.
Daneben war er allerdings auch mit Jeffrey Epstein … nun, es gab Verbindungen zwischen John Brockman und dem infamen Investmentbanker (der sich offenbar im gleichen Maße für Durchbrüche in den Wissenschaften wie für Massagen durch minderjährige Mädchen interessierte). Es gab allerdings auch Verbindungen zwischen Epstein und dem Massachusetts Institute of Technologie (MIT), es gab Verbindungen zwischen Epstein und der Harvard University …
Naja, vielleicht ist auch das ein Gesetz unserer Gesellschaft: Vom Hochplateau geht es steil abwärts.

Wie auch immer. John Brockman gibt jedenfalls regelmäßig Sammelbände mit Beiträgen von Menschen heraus, die man früher als „erlauchte Geister“ bezeichnet hätte, die auf jeden Fall aber helle Köpfe sind, im PR-Sprech „today’s leading thinkers“, Leute wie Steven Pinker, Mary Catherine Bateson, Nassim N. Taleb, Natalie Angier, Jaron Lanier, Barbara Tversky, Daniel C. Dennett und Richard Dawkins, aber auch Ai Weiwei oder Jesse Dylan, Filmemacher und Sohn von Bob Dylan. Ein illustrer Kreis.

Brockman veranstaltet auch regelmäßig intellektuelle Bankette, auf denen die Klugen die noch Klügeren kennenlernen können und die Genies Journalisten.
Dabei stehen die von Brockman kuratierten Sammelbände immer unter einem angeschärften Motto (das auf Deutsch dann oft wieder entschärft wird), beispielsweise: „What to Think About Machines That Think?“, „This Idea Must Die“, „This Explains Everything“ oder „This Will Make You Smarter“.

Nun, jedenfalls stieß ich in „What Should We Be Worried About?“ auf eine alarmierende Zahl. Demnach würden meine Kinder sich in einer Welt wiederfinden, die zu mindestens einem Fünftel von Dementen bevölkert wäre.* Zwei davon wären eventuell meine Frau und ich. Mir schien das eine besonders gruselige Form von Zombieland zu sein, das da heraufdämmerte.
Die Körper machen weiter.
Aber der Geist in der Maschine hat sich verflüchtigt.

Auf der Fahrt ins Büro fiel mir eines Morgens die Lösung für dieses Horrorproblem ein: die Thanatophoren**.
Eine Truppe von Kriegern, die staatlich beauftragt werden, Leuten beim Erreichen des 65. Lebensjahres den Saft abzudrehen.
Eine brutale, eine scheußliche Idee.
Aber irgendwie erschien sie mir einerseits unvermeidlich, andererseits auch auf dunkle Weise romanesk.
Die Vorstellung erinnerte mich an Robert Harris und seine Vision von einem „Vaterland“, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat.
Auch Philip K. Dick hat diese Idee vom Triumph der Bösen in seinem „Das Orakel vom Berge“ (im Original: „The Man in the High Castle“) ja ausgesponnen.
Sind es nicht gerade solche düsteren Gedankenbilder, denen die größte Faszination eignet?
Stephen King, wurde er mit der Schilderung von friedlichen Idyllen zum Weltstar, den auch Frank Schirrmacher in den literarischen Adelsrang erheben wollte?

Keine Frage: In den Thanatophoren steckte etwas.
Eine Netflix-Serie.
Und eine Wahrheit.
Natürlich muss man sich fragen, wer sich für so einen Job hergeben würde.
Menschen kaltzumachen, nur weil sie ein gewisses Alter erreicht haben?
Andererseits ist es eine Form von Gerechtigkeit. Dass mit 18 Jahren automatisch alle wählen dürfen, regt ja auch niemanden auf. Dabei gibt es keine Gewähr, dass jemand mit der Volljährigkeit auch die Vollzähligkeit seiner Sinne erreicht hat. Oder?
65 Jahre für jeden.
Das hat etwas von einem Bedingungslosen Grundeinkommen.
„Hier haben Sie Ihre 65 Jahre. Und jetzt machen Sie etwas draus. Viel Glück.“
Und ist es nicht auch so, dass man für jede Scheußlichkeit jemanden findet, der bereit ist, sie auszuführen? Gegen entsprechendes Salär?
Was ist mit den Söldnern von Blackwater?
Was ist mit den Söldnern von BlackRock?
Wären nicht auch die Thanatophoren lediglich ein „Dienstleister für Regierungsbehörden, Justiz und Bürger“?
Obwohl ich die Idee also gruselig fand, setzte ich sie in einem Romanmanuskript um. Allerdings nur am Rande. Als Story innerhalb einer Story, als mögliche Welt in einem Spiegelkabinett möglicher Welten (sorry, ja, solche Sachen schreibe ich, eigentlich zu meinem Privatvergnügen):

Die Story ging folgendermaßen: Laufpaß, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, Feldwebel, den man nach der Explosion einer Munitionskiste während einer Übung im Westerwald in den Vorruhestand geschickt hatte, machte sich in seiner plötzlich vielen freien Zeit Sorgen wegen der grassierenden Überalterung seines deutschen Vaterlandes. (Eventuell nagte auch das schlechte Gewissen an ihm, denn ein Rekrut hatte bei der Explosion zwischen den Bäumen sein Augenlicht verloren, ein anderer ein paar Finger.) Da er kein Dummkopf war, erkannte er hinter den nüchternen demografischen Zahlen schnell eine Verschwörung der Achtundsechziger. Immer schon darauf versessen, sich ein Maximum an Lust, Drogen und Privilegien abzugreifen, weiteten diese ihre Gier jetzt, am Ende ihres Lebensweges, auch auf die Lebenszeit aus.
Denn was diese Bastarde nie gelernt hatten, war Verzicht!
Darum hatten sie eine Lektion verdient.
In seinem Phantasiereich bildete sich aus ausgedachten besorgten Bürgern – größtenteils ehemalige Soldaten wie er – eine Eliteeinheit, deren selbstgesetztes Ziel es war, den Altersschnitt in der Bevölkerung zu senken. Deutschland anno 2023 brauchte die Thanatophoren. Oder das größte Vaterland aller Zeiten würde das größte Altersheim aller Zeiten werden!
Allein die Schilderung der Initiationsriten dieser elitären Truppe verschlang 20 Seiten. Laufpaß war wirklich verliebt in sein Projekt.
Die Thanatophoren machten es sich zur Aufgabe, alle Menschen im 65. Lebensjahr zu töten. Damit die Rentenlast nicht die junge, heranwachsende, aufstrebende neue Generation bereits in ihren Anfängen erdrückte. Dabei mussten sie natürlich diskret vorgehen. Energisch, schnell, diskret. Eine echte Elitetruppe. Wie das SEK. Wie die GSG 9. Nein: Wie die Speznas, die berüchtigten russischen Alpha-Krieger, vor denen der Feldwebel sich immer so gefürchtet hatte. Schon bei deren Auswahlverfahren gab es regelmäßig Tote, so gnadenlos wurde ausgesiebt.
Eine Riesenwelle des Todes schwappte durchs Land, sobald die Thanatophoren sich ans Werk machten. Die Todesfälle ereigneten sich ausnahmslos aus heiterem Himmel, und sie ereigneten sich ausnahmslos bei Menschen, die gerade die Grenze zum 65. Lebensjahr überquert hatten. Dass der Tod auf 65-Jährige fixiert sei, war neu. Die investigativen Medien, immer auf der Suche nach einer Erklärung, setzten das Gerücht in Umlauf, man habe es mit einer Pandemie zu tun. Ein Virus. Ausgebrütet vermutlich in Laboren irgendwo in den frostigen Tiefen des russischen Reiches. Eine Attacke mit Bio-Kampfstoffen.
„Natürlich ist das Quatsch“, erklärte Robert Mattheis. „Davon ganz abgesehen, dass die Russen sicher kein Interesse daran haben, uns von der Überalterung abzuhalten: Man kann kein Virus züchten, das exklusiv die Alten umbringt. Wissenschaftlich ist das unmöglich.“
„Aber Menschen können es tun“, murmelte Rex Granit düster. Ihm schmeichelte die Vorstellung keineswegs, zum Handlanger des Jugendwahns auserkoren worden zu sein.
(Aus dem ausschließlich per WhatsApp veröffentlichten Roman „What’s App, Doc?“, Nürnberg 2020.)

Ein bisschen ging es mir mit meiner Idee so wie Edvard Munch offenbar mit seinem berühmten Gemälde „Der Schrei“ („Skrik“). Mit Bleistift schrieb er nämlich auf die Farbe: „Kann nur von einem Verrückten gemalt worden sein!“
Ist das Entsetzen? Ironie? Stolz gar?
Das Gemälde vom schreienden Mann auf der Brücke hat es ja sogar zu einem Emoji gebracht. Und wohin könnten die Thanatophoren es bringen?

Virginia Woolf unkte, hätte ihr Vater weiter und immer weitergelebt, neben ihr hergelebt, dann hätte sie keines ihrer Bücher geschrieben. Sie wäre, könnte man auch sagen, verkümmert, ein Opfer des väterlichen Willens geworden. Machen wir uns nichts vor: Nicht jede Familiengeschichte ist ein unendlicher Spaß, auch wenn es nicht immer gleich so dramatisch und traumatisch wie bei Thomas Vinterbergs „Fest“ zugehen muss … Ein Lektor von Suhrkamp fing mich mal mit dem Satz ab: „Sie müssen Ihren Vater umbringen!“
Er bezog sich dabei auf Freud, meinte einen symbolischen Vatermord, die Abnabelung von Hamlets Geist.
Zumindest hoffe ich das.
Wenn es der einzige Sinn unseres Lebens ist, immer noch ein Jährchen (und eine Busreise) draufzusetzen, dann haben wir ein Problem.
Aber es ist auch ein Problem, dem man sich als 51-Jähriger nicht mehr so unbefangen in Stürmer-und-Dränger-Manier nähert wie mit 21, 31 oder 41.
Jetzt frage ich mich: Soll ich meine Thanatophoren-Idee sterben lassen?
Mache ich daraus doch noch einmal ein großes Gesellschaftspanorama?
Oder setze ich sie gar mit einer realen Söldnertruppe als Geschäftsidee um?
Als ein Erik Prince der Greisendezimierung?

Vielleicht hat ja der eine oder die andere „Im Dickicht“-Leser/in einen Rat für mich? Hinterlassen Sie ihn doch bitte einfach im Kommentarfeld.

PS: Wissen Sie übrigens, welche Sorge Hans Ulrich Obrist, den Hans-Dampf-in-allen-Ecken des deutschen Kunstkuratoriumswesens, umtreibt? „Die relative Unbekanntheit der Schriften von Édouard Glissant“.
Okay. So hat jeder seine Sorgen.

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*„For example, out of the 9 billion people expected when the Earth’s population peaks in 2050, the World Health Organization expects 2 billion – more than one person in five – to suffer from dementia“, schreibt der Journalist und Erfolgsautor David Berreby in seinem Beitrag „Global Graying“.
**Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet wörtlich: „die Todesbringer“.


Zum Weiterlesen:

Robert Mattheis, Ich sah die blödesten Idioten meiner Generation. Gedichte. 84 Seiten, broschiert. Songdog Verlag, Bern und Wien 2020. 18,00 Euro

Robert Mattheis, Hohlkörper. Roman aus der Medienwelt. 228 Seiten, broschiert. Acabus Verlag, Hamburg 2009. 16,90 Euro (Das E-Book ist zum Preis von 1,99 Euro erhältlich.)

Danger Doom No Names (Black Debbie)

Draußen steigen die Temperaturen in den Keller, ich bin gespannt. Die Natur beißt zu, und der Mensch lernt.
Was ist so schwer daran zu verstehen, dass wir Teil des Ganzen sind und nicht Herr über alles?

Von MF Doom habe ich zum ersten Mal an Silvester gehört. An dem Tag wurde sein Tod bekannt, der bereits zwei Monate zuvor erfolgt war, am 31. Oktober.
MF Doom verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in den USA, wohin seine Familie kurz nach seiner Geburt (1971) ausgewandert war. Er besaß nur einen britischen Pass. 2010, auf der Rückkehr von einer Europatournee, wurde ihm die Einreise verweigert und er ging nach England. Frau und Kinder folgten ihm zwei Jahre später.

Für seine Bühnenfigur entlieh sich der Künstler Namen und Charakter eines Comic-Bösewichts. MF Doom war sein bekanntestes Pseudonym.
Er trat stets mit einer Metallmaske auf (Metal Face).

Er sei in einem Jahr gestorben, als alle eine Maske hätten tragen müssen, kommentierte ein Fan. Er sei an Halloween gestorben, ergänzte ein anderer. Die Bekanntgabe der Todesnachricht an Silvester habe ihm Neujahr vermiest, schrieb ein Dritter. Sie waren sich einig, dass dies alles eines MF Doom würdig sei.

MF Dooms Zusammenarbeit mit Danger Mouse (2005), den die Welt als Schöpfer des Überhits Crazy kennt, lief unter dem Namen Danger Doom. Ich verstehe kaum ein Wort, aber ich höre das Album rauf und runter (Bandcamp hat es in guter Klangqualität, hier jetzt nur in mittelmäßigem Google-Sound, sorry).

Sonja vom Brocke Ohne Tiere

Als letzte der drei Kritiken aus den Jahren 2012 und 2015 zu Ann Cotten, Sonja vom Brocke und Christoph Wenzel veröffentliche ich heute die Kritik zu S.v.B. (2015) – wie auch die anderen unverändert, bis auf eine Stelle kurz vor Schluss, an der ich das Wort „Bezeichnetes” durch „Bezeichnendes” ersetzt habe.
Die Texte sind nach wie vor auch bei lyrikkritik.de nachzulesen – man muss ein bisschen suchen -, die betreffenden Archive sind hier (2004-2012) und hier (2014-2017) verlinkt.

Sonja vom Brocke, Ohne Tiere

Mit ihrem Gedichtbuch Venice singt (2015) wurde Sonja vom Brocke einem breiteren Lyrik-Lesepublikum bekannt. Ihr Debüt war 2010 das bemerkenswerte (doch bei seiner Veröffentlichung weitgehend unbemerkt gebliebene) Bändchen Ohne Tiere, das Texte von abstrahierender Reduktion und kieselhartem Gestus enthält, wie sie einem in Venice singt wiederbegegnen („Kameen“) – hermetisch verschlossene Sprachobjekte mit realen Einschlüssen: Vögel; Mieterhöhungsschreiben; Fotos; Lichter; die Glör, die durch Hagen fließt.
Von Ohne Tiere soll hier die Rede sein.

Am Titel bleibt man schon hängen, denn in welchem Kontext könnte jemand sagen: „Ohne Tiere”? Die für sich genommen harmlosen Wörter haben in der Kombination etwas Verunsicherndes, vage Bedrohliches.
Es ließe sich ein apokalyptisches Szenario denken (eine Welt ohne Tiere), Ernährungszusammenhänge, Kindheitserinnerungen (ohne Tiere aufwachsen).
Möglicherweise schlägt Sonja vom Brocke mit der Fügung „Ohne Tiere” aber auch nur einen listigen Haken, denn würde man nicht eher erwarten: Ohne Titel, wie man es v. a. von moderner Kunst kennt? Das würde ganz gut passen, wie das 2011 von ihr gemeinsam mit Christina Kramer herausgegebene Künstlerbuch thoughts fall / ins Fell und das Kapitel „Gemäldegalerie“ in Venice singt, in dem sie die schöne und lebendige Tradition des Gemäldegedichts fortsetzt, beweisen.

Ohne Tiere ist eine Folge von 18 verschieden langen, miteinander zusammenhängenden Texten, die formal als Zwischending zwischen Gedicht, Kurzprosa und Notiz beschrieben werden können. Die (drei) kürzesten bestehen aus je einem Vers und zählen sechs bzw. sieben Wörter, der längste umfasst 21 Verse (170 Wörter).
Ein Thema ist schwer zu bestimmen. Bei wiederholter Lektüre stellt sich der Eindruck eines Epitaphs zu Lebzeiten ein. Körperlichkeit wird benannt, anatomisch („Ohrhöhlen“, „Hirn“, „Knochen“, „Mark“, „Rippen“) oder diagnostisch („sie kommt nicht hinterher mit den Fingern“, „das holprige Klopfen vom Herzen“), Shakespeare zitiert – das 146. Sonett, ein Gedicht über Vergänglichkeit und Tod („Poor soul, the centre of my sinful earth“) – auch ein Vers aus Rimbauds „Das trunkene Schiff“, das den Menschen als Gescheiterten, als Ausgesetzten, als Wrack zeichnet („geworfen vom Orkan in vogellosen Raum“). In einem der Texte, dem siebenten, der ein Dutzend amtlicher Belege aufzählt, vom „Gehaltsnachweis“ bis zur „Energieabschlagsrechnung“, heißt es dreimal: „der letzten 3 Monate“. Verweist dies stumpfe Insistieren auf eine bestimmte Frist, die doch etwas Akzidentielles ist, auf das existentielle Faktum einer nur noch kurzen Lebensspanne?
Es ist die Frage, wie sich der vergleichsweise geheimnislose Duktus dieses Gedichts in die im übrigen ganz und gar verschwiegene, alle Deutlichkeit meidende Erzählung von Siechtum, die Ohne Tiere vielleicht ist, einfügt. Hat es zu tun mit dem Spruch, den der Rezensent früher seinen Vater sagen hörte: „Formulare, Formulare, von der Wiege bis zur Bahre“?

„Alles vollgesogen von Tod[.]“, heißt es im unmittelbar nachfolgenden Gedicht. Darin und an anderer Stelle gibt es Hinweise auf Bettlägerigkeit und den damit verbundenen eingeschränkten Bewegungs- und Aktionsradius: „Gestern Lichter gefilmt, so lange es ging, aus dem Bett durch / das dreckige Fensterglas […].“ – „Verschiebungen stellen sich ein, auch wenn sie im Bett / liegen bleibt.“ – Doch letzten Endes bleibt Ohne Tiere schwer zu deuten, zumal nicht auf eindeutige Weise. Immerhin lässt sich sagen, dass es Texte am Krisenpunkt sind. „Eine Leere hat sich ergeben[.]“, „Entwürfe habe sie nicht, sagte sie[.]“, „Transparente Hüllen verschwinden wie eine Illusion“, „[D]as Wildern für heute vorbei“, „Hier ist Exit“: Es sind dies alles Formulierungen des Aufhörens, des Nichts oder des Nichtlänger – und wenn dann doch einmal ein Lächeln vorkommt, dann ist es eines, „von / dem man sich nichts mehr versprechen kann // nichts“.

Im folgenden sollen drei Texte näher betrachtet werden.
Das humorvolle und auch anrührende Dialogstück „PAR CŒUR“ beginnt mit einem szenischen Hinweis: „Hagen, durchgesessenes Sofa. 90 und 89, aus Ulmumgebung verzogen, beim Anschauen von alten Photographien“. Die Stadt Hagen ist also Ort des Geschehens: Zwei uralte Leute sitzen auf einem durchgesessenen Sofa und blättern in einem Photoalbum und erinnern sich an früher. Das Erinnern wird jeweils durch den Staunlaut „oO“ eingeleitet. Jeder der zwölf Verse beginnt so und vermittelt auf diese Weise, dass die alten Leute das Gesehene identifizieren und in gewisser Weise begrüßen, ihm neu begegnen, es in ihrer Erinnerung erneuern, ihm auch – wo Auslassungspunkte folgen – schweigend nachsinnen.

oO(Desch is der Hirschwirt g’we’en, Karl)
oO(den hen i au no‘ gut g’kennt)
oO(…)
oO(…)

Der Großbuchstabe wäre normalerweise an erster Stelle zu erwarten; indem er an zweiter Stelle steht, wird „oO“ als Notierung kenntlich – zumindest ist anzunehmen, dass das große O lauter artikuliert wird als das kleine, und beide O’s miteinander verschliffen werden.
Wer die beiden sind, die sich da gemeinsam erinnern, bleibt offen. Vielleicht sind es Eheleute (dann wäre Karl der Name des Ehemanns, und nicht der Name des Hirschwirts), vielleicht Geschwister oder Nachbarn – sicher ist nur, dass sie Erinnerungen an früher teilen.
Nur am Rande sei erwähnt, dass Doppel-O in der Schreibung o.O. auch für „ohne Ort“ steht und in bibliographischen Angaben verwendet wird. Es ist außerdem die Abkürzung für „ohne Obligo“: ohne Haftung, ohne Gewähr. Beides spielt aber für das Gedicht keine Rolle, auch nicht als versteckter Hinweis darauf, dass das Erinnern der beiden Alten unter Umständen Irrtümer einschließt.
„Par cœur“ heißt wörtlich „mit dem Herzen“. Im Deutschen wird es mit „auswendig“ wiedergegeben; treffender wäre „inwendig“.
„Connaître quelque chose par cœur“ (im Titel auf die beiden letzten Wörter reduziert) wäre so einerseits „etwas auswendig kennen“, andererseits „etwas im Herzen tragen“, „etwas verinnerlicht haben“ – da hätte es einer photographischen Erinnerungsstütze wohl gar nicht bedurft.
Die Ulmer Photographien treten zum Ende des Textes dann auch ganz in den Hintergrund, zugunsten der Hagener Gegenwart, in der das gemeinsam Erlebte und gemeinsam Bestandene aufgehoben ist und eine alte Liebe speist. In dieser vermischt sich das „PAR CŒUR“ mit dem lautlich naheliegenden, wenn auch nicht ausdrücklich erwähnten, Parcours, der – wörtlich übersetzt – „durchlaufenen Strecke“.

oO(i bin nimmer viel wert.)
oO(Hauptsach‘, du bischt noch da.)

oO(…)

Ist in diesem Dialektgedicht die Situation einigermaßen deutlich, so stellt sie sich im folgenden lapidaren, ‚einsilbigen‘ Text als unergründlich dar. Jeder erzählerische Ansatz ist getilgt:

[hier kann der Text nicht geheilt werden]

Eckige Klammern werden in der Regel für ergänzende, erläuternde Einfügungen gesetzt. Die Worte scheinen sich also auf einen anderen – realen oder fingierten – Text/Kontext zu beziehen. Möglicherweise ist der Bezug der letzte Vers des vorherigen Gedichts: „Und schon splittert’s.“
Oder sind pauschal die anderen Texte aus Ohne Tiere die Referenz? Oder heißt „hier“: in der Schrift?
Noch interessanter ist die Frage, was das Verb „heilen“ zu bedeuten hat.
Ist der Text der Kranke, oder ist er die Krankheit (die Wunde)?
Anders gefragt: Geht es darum, den Text ‚gesund‘ zu machen, oder ihn zum Verschwinden zu bringen, oder ihn von etwas Schädlichem zu befreien?
Vielleicht spielt bei „[hier […]]“ das hinein, was Jan Kuhlbrodt in seiner Besprechung von Venice singt als das Dilemma einer Dichtung festhält, die auf „die Vielfalt semantischer Möglichkeiten am Rande der Sprache“ abzielt:
„Sprache wird niemals zum reinen Geräusch, andernfalls hört sie auf, Sprache zu sein. Die Semantik hängt ihr an […].“
In dieser Lesart wäre das Schädliche der Wortinhalt, den die Wortform immer mit sich trägt – wie abgerockt auch immer.
Das (auch gemäß der Anordnung im Buch) folgende Gedicht scheint direkt hierauf zu antworten, denn es beginnt mit dem Terminus „Therapie“. – Die Heilbehandlung für den an seiner semantischen Last krankenden Text sieht vor, gar nicht mehr zu schreiben, und stattdessen zu zeichnen, ohne dass dies ausdrücklich benannt wäre; aber auch das nicht gesagte, geschriebene, Wort ist Teil der Aussage, wenn die tatsächlich geäußerten Worte – und der sie liest oder hört – dies wollen.

Therapie

erst Linien, dann Kreise, dann Häuser, dann Wolken
dass nichts

uneindeutiger        sein kann

Beuys‘ Diktum „Auch wenn ich meinen Namen schreibe, zeichne ich“ gilt ebenso in der Umkehrung: Das Zeichnen ist wieder ein Schreiben und Aussagen, weil auch das Gezeichnete etwas bezeichnet (Linien, Kreise, Häuser, Wolken) und ein Bezeichnendes im Schlepptau führt.

Abschließend ein Wort zur Buchgestalt. Die Anmutung des Bändchens ist harsch. Der weiße, glänzend-glatte Einband vermerkt nur den Namen der Autorin, Titel und Verlag / Verlagsort. Innen kommt der Copyrighthinweis hinzu, und der Vermerk: „Printed in Gemany“ – keine Genrebezeichnung, keine Textnumerierung, keine Seitenzahlen, keine biographische Notiz, kein Bild. – Es ist aber gerade diese auffällige und unüblich gewordene Abwesenheit von Paratext (ausgenommen Titelei und Impressum), die die Textpräparate voll zur Geltung kommen lässt und ihnen alle nötige Aufmerksamkeit sichert. –

Meinolf Reul

Sonja vom Brocke, Ohne Tiere. Gedichte. [Ohne Paginierung, 40 Seiten]. Broschur. 20,5 x 13 cm. Verlag Heckler und Koch, Berlin 2010. 7,00 Euro

Christoph Wenzel weg vom fenster

Mit freundlicher Genehmigung von Hendrik Jackson veröffentliche ich an dieser Stelle drei Kritiken aus den Jahren 2012 und 2015 zu Ann Cotten, Sonja vom Brocke und Christoph Wenzel. Diese sind nach wie vor auch bei lyrikkritik.de nachzulesen – man muss ein bisschen suchen -, die betreffenden Archive sind hier (2004-2012) und hier (2014-2017) verlinkt.
Nach A.C. gestern, geht es heute weiter mit C.W. (2012).

Lange belichtet, guter Abzug. weg vom fenster, Christoph Wenzels dritter Lyrikband

31 Gedichte versammelt weg vom fenster, Christoph Wenzels, nach zeit aus der karte (2005) und tagebrüche (2010), dritter Lyrikband. Der Titel kündigt es schon an: Wenzel wirft einen Blick auf Westfalen und Münsterland als ehemalige Bergbauregionen. Die Alten, die nach Abschluss ihrer Berufslaufbahn mit Staublunge am Fenster saßen, um ihre Atemnot zu lindern – und eines Tages gestorben, „weg vom Fenster“ waren: sie sind die proletarischen Penaten, die über die meisten dieser Texte wachen, in denen sich soziologische und poetische Genauigkeit verbinden.
Der Band beginnt mit einer Erinnerung an einen Sommer – Sex, Aufräumen der Festplatte, Fensterputzen; eine leichte Intro. Die letzten Verse sprechen von „den farbverläufen / dem aufgehobenen fraktionszwang eines sonnenuntergangs“ und leiten über zu den „deklinationen der sonne“ des nachfolgenden „fièvre marrakechien“. Marrakesch markiert den topographisch fernsten Ort, der in weg vom fenster beschworen wird. Das titelgebende Fieber äußert sich in Empfindungen von Kälte und Hitze; „schnee“ und „feuer“ treffen sich auf der Haut des Kranken, von draußen schallen Hahnenschrei, das Flötenspiel eines Schlangenbeschwörers und der Ruf des Muezzin herein bis an sein Lager: ein Fieberbild, wie geträumt.
Von Marrakesch geht es nach Amsterdam und an die Nordsee: „lenkdrachen drehen an der sichtbarkeit / des windes – ihr motorengeräusch und / der klang alter scharniere mit dem die vögel / […] rufen“. Schafe auf dem Deich, Seesalz, das in der Luft liegt und, „lungengängig“, vielleicht den Husten lindert, der in den Bronchien überwintert hat: So schön ist ein Tag am Meer, und man bekommt Lust, hinzufahren.

Zentral der zehnteilige Zyklus „das schwarzbuch die farbfotos“, für den Wenzel beim diesjährigen Lyrikpreis Meran ausgezeichnet wurde. Ein Album in Worten, in dem in dokumentarischer Präzision eine kleine Welt fortlebt, die über Jahrhunderte für die Region zwischen Ruhr, Lippe und Emscher prägend war.
Gute Gedichte sind – nicht prinzipiell, aber oft – auch Wortaufbewahrungsstellen, und so finden sich im „schwarzbuch“ spezialsprachliche Begriffe wie „kaue“, „sauberjunge“, „strecke“ (waagerechter Grubenbau, der von einem anderen Grubenbau ausgeht), „grubensocken“ (auch als Pütt-Socken bekannt), die, untermischt mit Regiolekt („lorenz“ für „Mond“, „jaust“ für „Bengel“, „klümmchen“ für „Bonbon“) und Soziolekt („vadda“, „pulle“), eine Quasi-O-Ton-Qualität und -Funktion haben. Die erwähnte soziologische Genauigkeit kommt auch und vor allem da zum Tragen, wo die Texte vom Alltagsleben und von den Hobbies der Bergarbeiter handeln, dem Brieftaubensport zum Beispiel (Wenzel hat dessen Sprache recherchiert und u. a. für das IX. Gedicht des Zyklus‘ („BERGAUF“) fruchtbar gemacht.) Kein Wunder eigentlich, dass die Männer, die ihr Arbeitsleben unter Tage verbringen („schwarze ringe / um die augen um die nase eine blässe glänzend“), in ihrer Freizeit „kröpper“ und „duwen“ in den Himmel werfen, dessen „dürre lichtausbeute“ 1961 Thema einer Wahlkampfrede Willy Brandts war: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“ (Hinweis und Zitat finden sich in einem Glossar am Ende des Büchleins.)
Typisch auch der „pitter“ (Schrott- bzw. Lumpensammler) (VIII), und natürlich der Bolzplatz (VI): eine „abstiegsgefahr“ bestand schließlich nicht nur in Bezug auf den Bergbau; da aber besonders: „manch guten kameraden deckt / schon längst der grüne rasen“, zitiert Wenzel einen einschlägigen Vers.

Zwei thematisch verwandte Gedichte, die mit vier weiteren aus dem vorherigen Band, tagebrüche, übernommen wurden, „GLÜCK AUF“ und „NEUE HEIMAT“, leiten über zu Texten, in denen sich Wenzel seiner westfälischen Heimat in Erinnerungsbildern nähert. Sie weiten den Blick in die Landschaft und in die neue Zeit, in der die Industriekultur der Kulturindustrie Platz machte; Wenzel bringt den Strukturwandel in der Fügung „das ausgestellte förderrad“ bündig zum Ausdruck. Dem Leser kommen hier vielleicht die Becher-Photographien von Industriedenkmälern in den Sinn, oder die, zeitlich früher liegenden, Reportageaufnahmen eines Alfred Renger-Patzsch oder Heinrich Hauser. Photo-, auch filmkünstlerische Bezugspunkte sind in der Bauart der Gedichte selbst auszumachen. Überblendungen und Doppelbelichtungen verdichten und entwickeln die Worte und Bilder zu komplexen Sprachgebilden, die sich aber immer im Rahmen einer Linearität bewegen, nicht die Fragmentierung, sondern gewissermaßen eine ‚Sämigkeit‘ suchen. Die Bilder/Worte werden beim Lesen eins nach dem andern ‚angeschlagen‘, hallen nach, überdecken sich in einem Bildcluster.
„EIN INSEKTENSTICH“ mit seinen semantischen und syntaktischen Überlappungen ist hierfür ein gutes Beispiel.

Selten erliegt Wenzel der Versuchung einer Pointe – so am Schluss von „IM NICHTS HAUSEN“, das von einem Vers Ernst Meisters ausgeht. Pointiert sind Wenzels Beobachtungen ohnehin. Worte wie „trinkhalle“, „kühlturm“, „spannungsmasten“, „silos“, „kühe“ lassen im Kopf des Lesers Stadträume und Landschaften erstehen – Landschaften, von denen es an einer Stelle heißt, sie seien „wie kopfschmerzen“.

Eins der schönsten Gedichte des Bandes ist „spielplatz, abends, am kamp“. Die Jungs „ziehen hektisch an den zichten“, aus dem Sand „wachsen kippen, scherben“, „kronkorken“ blitzen im Abendlicht auf. Der öde Ort bietet Raum für „lachen“, „wut“, „harte debatten“, „ärger“. Die Kleineren gehen auf die Geräte. Vom Schaukeln bleibt ein „schwankend herz“, vom Karussellfahren „ein drehwurm, der noch anhält bis nach haus / zum abendbrot mit mutters dick mit / spätem licht bestrichnen kniften“.

// Meinolf Reul

Christoph Wenzel, weg vom fenster. Gedichte. 32 Seiten, Klappenbroschur. vorsatz verlag, Dortmund 2012 (roterfadenlyrik / Edition Haus Nottbeck, Oelde). 5,00 Euro