Dorothee Elmiger Aus der Zuckerfabrik

Heute schließt das Büro für einen Monat, ich habe die Pflanze, die auf meinem Schreibtisch stand, mit nach Hause genommen, den Bürocomputer zusammengesteckt und probehalber eingeschaltet – funktioniert.
Rückblickend bin ich froh, im Frühjahr – nach zwei Monaten working from home (doch so lange!) – entschieden zu haben, wieder im office zu arbeiten. Jetzt also neuerlich zu Hause, einen Monat, vielleicht zwei.

Der Apple-Konzern hat sich bequemt, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Corona-Warn-App auch auf älteren Geräten läuft (die Entwickler arbeiten daran) – gnädig! Aber erst musste die Zahl der Covid-19-Neuinfektionen auf 30.000 steigen. Heute ist sie schon überholt.

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In anderen Literaturen ist es gängiger, dem hergebrachten Modell des Erzähltextes neue Schläuche zu legen (ich stelle mir den Roman als einen Kranken vor, der versorgt werden muss: eine Krankheit so alt wie das 20. und 21. Jahrhundert zusammen). Die Ergebnisse werden dann vielleicht Autofiktion oder Romanessay genannt.
Uwe Johnson hatte sich für Das dritte Buch über Achim (1961) den Titel Beschreibung einer Beschreibung gewünscht, und Hans Erich Nossack untertitelte seinen im selben Jahr (und im selben Verlag) erschienenen und in eisgraues Papier eingeschlagenen Roman Nach dem letzten Aufstand: „Ein Bericht”, und für Bereitschaftsdienst (1973) abermals: „Bericht über die Epidemie”.
Dieser Zug ins Sachliche, der die schöne Literatur (Belletristik) in das kühle Laborlicht der „harten Naturwissenschaften” rückt, wie Denis Scheck am Ende des Büchermarkts immer die nachfolgende Sendung Forschung aktuell anzukündigen pflegte, ist also nicht neu. – 1840 verriet Stendhal in einem Brief an Balzac, er habe, als er Die Kartause von Parma (1839) schrieb, jeden Morgen zwei oder drei Seiten im Bürgerlichen Gesetzbuch (Code Civil) gelesen, um seinen Stil nüchtern zu halten. [„En composant la Chartreuse, pour prendre le ton, je lisais chaque matin deux ou trois pages du code civil, afin d’être toujours naturel; je ne veux pas, par des moyens factices, fasciner l’âme du lecteur.”]
Die Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger befindet sich also in guter Gesellschaft – auch Maggie Nelson und Annie Ernaux seien in diesem Zusammenhang genannt -, wenn sie ihr Buch Aus der Zuckerfabrik einen „Recherchebericht” nennt. (Auf dem Umschlag ist es überhaupt nicht getaggt.)
Worum geht es? – Nicht leicht zu beantworten! Vielleicht so: Es handelt von der Vernetzung der Welt und der Verstrickung des Westens, von seiner unauflösbaren und unaufhörlichen Schuld.
„… and when I come to Consider and See the Conduct of the Most Learned, Polite, and Rich Nations of the World, I find them to be the Most Tyranacal, Cruel, and inhuman oppressors of their Fellow Creatures in the World, these make all the confusions and distructions among the Nations of the Whole World …” (Samson Occom, 1783)
Geld spielt eine Rolle, ist ein wichtiger Treiber, sei es als Besitz oder als Sehnsuchtsobjekt. Einem Schweizer Lottomillionär der späten 70er/frühen 80er Jahre gilt die besondere Aufmerksamkeit der Autorin – vielleicht weniger, weil er sich mit seinem Spielerglück in eine Position katapultiert hat, die der Kapitalismus für einen wie ihn (Sanitärinstallateur) nicht vorgesehen hat, als deswegen, weil sich der „Lottokönig” von seinem Geld unter anderem zwei kleine Skulpturen aus Kenia gekauft hat, die dann wenige Jahre später, als alles Geld weg ist, am Ufer des Thuner Sees bei einer schaurigen Bieterversammlung unter den Hammer kommen. Kolonialismus und Sklaverei schieben sich ins Bild, Rassismus, Sexismus. Die Zuckerfabrik bietet vor allem Bitterkeiten.
Sublimere Seiten des Menschseins, denen Dorothee Elmiger ebenfalls nachforscht, sind die Liebe, oder der Liebeswunsch, und, am Beispiel der Teresa von Ávila, religiöse Begeisterung (auch diesseitig motiviert: der Gang ins Kloster als Vermeidung der Ehe).

Hat das Personal des Berichts (das Romanpersonal) auf vielerlei Weise mit Überbordendem zu tun, mit Überschreitung (Transzendenz, Eroberung), Überschwang und Gier, bleibt die Erzählerin selbst – die kunstvoll alle passenden Disparatheiten in Gestern und Heute, die ihr, als hätte sie ein Zauberwort getroffen, zustreben, zu einem schlüssigen Bild legt – gemessen, reserviert und nüchtern.
Die Kolonialware Zucker taucht in allen Zusammenhängen auf, als stibitzter Zucker in herrschaftlichen Häusern, abends heimlich im Bett verzehrt, als Zuckerrohr auf überseeischen Plantagen, als exzessiv verwendeter Süßstoff im Tee des Ökonomen Adam Smith, als Traumsymbol bei Sigmund Freud, als Versuchung in Form der glasierten Bonbonnière im obersten unerreichbaren Winkel des großelterlichen Büfetts.

Aus der Zuckerfabrik, ein „Journal voller Beobachtungen, Befragungen und Ermittlungen” (Verlag), trägt mit seinen Haupt- und Nebenhandlungen, den Zentral- und Randfiguren durchaus romanhafte Züge, erlaubt sich sogar kurze Ausflüge ins Erzählen und lässt – selten – poetische Bilder zu:
„Ich lag am Fenster und sah zu, wie der Schnee, vom Wind beschleunigt, in hohem Tempo auf mich zustürzte, als bestürmten mich die Flocken lautlos, als wären sie alle Trägerinnen ein und derselben Nachricht, die sie so lange inständig wiederholten, bis ich sie schließlich entschlüsselt haben würde.”
(Das „lautlos” hätte ich noch gestrichen. Na, einerlei: gut geschrieben!)
Fiktionalisierung und Synthetisierung aber scheinen die Autorin nicht zu interessieren, vielleicht glaubt sie auch einfach nicht daran. Kein spannungsreicher Plot also, keine Charakterzeichnung, keine Naturmalerei oder ähnliches. Sie sammelt ihre Fundstücke und lädt dazu ein, diese gemeinsam mit ihr zu betrachten und daraus zu lernen.

Aus der Zuckerfabrik ist ein sehr gutes, aber auch sprödes Buch, das hinsichtlich seiner Literarizität keine großen Vergleiche zu scheuen braucht.

Dorothee Elmiger, Aus der Zuckerfabrik. 272 Seiten, gebunden. Hanser Verlag, München 2020. 23,00 Euro

Ben Lerner Die Topeka-Schule

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„Adam Gordon geht auf die Topeka High School, er steht kurz vorm Abschluss. Seine Mutter Jane ist eine berühmte feministische Autorin, sein Vater Jonathan ein Experte darin, ‚verlorene Jungs’ wieder zum Sprechen zu bringen. Sie beide sind in einer psychiatrischen Einrichtung tätig, in der Therapeuten und Patienten aus der ganzen Welt zusammenkommen. Adam selbst ist ein bekannter Debattierer, alle rechnen damit, dass er die Landesmeisterschaft gewinnt, bevor er auf die Uni geht. Er ist ein beliebter Typ, cool und ausschreitungsbereit, besonders sprachlich, damit keiner auf die Idee kommt, er könnte auch schwach sein. Adam hat ein Herz für Außenseiter, und so freundet er sich mit Darren an – er weiß nicht, dass der einer der Patienten seines Vaters ist –, und führt ihn in seine Kreise ein. Mit desaströsen Folgen.” (Text: Suhrkamp Verlag)

Keine Besprechung, nur kurz an den Rand gekritzelt.
Der Roman wird im kapitelweisen Wechsel von Adam und seinen Eltern erzählt, die Erzählstränge zusammengeflochten wie ein Hefezopf. Es gibt wirklich drei voneinander verschiedene Stimmen, das ist ja nicht immer so, wenn Mehrstimmigkeit behauptet wird (ein Negativbeispiel wäre Glücklich die Glücklichen, ein doch recht albernes Buch von Yasmina Réza, in vielen Stimmen erzählt, die alle identisch klingen, nämlich wie Yasmina Réza). Kompliment dafür!
Diese Darren-Geschichte wird vom Verlag ungebührlich aufgebauscht. Lerner erzählt die Episode (mehr ist es nicht) fortlaufend an den Knickstellen des Romans, zwischen den Kapiteln, relativ abgelöst von diesen, was durch Kursivsatz betont wird. Aufgrund der Streckung ist der Effekt beim Lesen antiklimaktisch, verlangsamend, nicht beschleunigend. (Nebenbei, Lerner bedient sich hier teilweise der Mittel der Zeitlupe, auch des Vor- und Zurückspulens.) Dennoch ist Darren eine wichtige Person: Als Sonderling wird er von der Gruppe gebraucht und definiert sie vielleicht erst. In der Gruppe sein heißt: nicht sein wie Darren.

„Die Zukunft des Romans ist angebrochen”, so Sally Rooney. Der Verlag zitiert noch weitere Berühmtheiten, schreibt von „einer an Wundern reichen Sprache” – ich finde alles übertrieben, wenngleich es richtig ist, dass Lerner etwas mit der Sprache macht: im Romancier zeigt sich der Dichter.
Allerdings hatte ich selbst auch ein übertriebenes Urteil abgegeben, als ich von einem ausgezeichneten oder hervorragenden Roman sprach. Jetzt würde ich eher sagen, dass Die Topeka-Schule ein guter Roman ist, ein wenig zu lang, ein bisschen zäh manchmal, aber mit einprägsamen Szenen (Highschool-Debattierwettbewerb, Besuch bei der dementen Verwandtschaft im Heim, Machtspiele auf dem Kinderspielplatz).
Zwei zeittypische Themen: die Frage nach dem, was ‚den’ Mann ausmacht und, vielleicht damit zusammenhängend, die Vorgeschichte des Trumpismus (eine Gruppe seiner Unterstützer nennt sich proud boys) – und es ist ein kluger Schachzug von Ben Lerner, dies am Beispiel der (öffentlichen) Rede zu erzählen. Zum einen kennt er sich als ehemaliger Landesmeister im Debattieren gut damit aus, zum anderen ist klar ersichtlich, auf welch beklagenswertes und gefährliches Niveau die sprachliche Auseinandersetzung beispielsweise auf den Plattformen der Internetkonzerne, die merkwürdigerweise „soziale Netzwerke” genannt werden, hinabgesunken ist. (Selbst in der Friede-Freude-Eierkuchen-Welt der Blogger sind Hass und Verachtung nur einen Klick entfernt.) So weit sind wir in Lerners Romanwelt aber noch nicht, die großenteils in der Zeit vor Facebook und Twitter liegt. Doch der Gebrauch der Redemacht zu schändlichen Zwecken zeichnet sich schon ab, und beim Lesen spürt man Adams Trauer darüber.
Es ist klar, dass ein Roman, der ein so feines Sensorium für die Inhumanität und Seelenkrankheit einer gespaltenen Gesellschaft hat, selbst von einer stark ausgebildeten Humanität getragen ist, und auch darum würde ich sagen, dass sich die Lektüre lohnt. Ob das Buch die Welt „heller gemacht” hat, wie der berühmte Leser Barack Obama behauptet, möchte ich bezweifeln. Erhellend aber ist es.

Ben Lerner, Die Topeka-Schule. Roman. Aus dem Englischen (USA) von Nikolaus Stingl. 395 Seiten, gebunden. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 24,00 Euro

Angekündigt:
Warum hassen wir die Lyrik?. Essay. Aus dem Englischen (USA) von Nikolaus Stingl. 120 Seiten, broschiert. Suhrkamp Verlag, Berlin [19.4.] 2021. 13,00 Euro
No Art. Poems/Gedichte. Aus dem Englischen (USA) von Steffen Popp in Zusammenarbeit mit Monika Rinck. Mit einem Vorwort von Alexander Kluge. 280 Seiten, Leinen. Suhrkamp Verlag, Berlin [19.4.] 2021. 26,00 Euro

Hier ein Stück aus dem Instrumental-Album Modern Yesterdays der US-amerikanischen Gitarristin Kaki King. Musik für unser dystopisches Jahr 2020.

Nebenbei: Ich bastel zur Zeit an einem Silvester-Mixtape.
(Silvester und Weihnachten werde ich eingeigelt zu Hause verbringen. Hab mir vorhin schon vorsorgend bei GEA in Charlottenburg Socken aus Schurwolle gekauft – und mir versichern lassen, dass ihre Kreuzberger Filiale Wolldecken im Angebot hat.)
Vermutlich wird meine Musikzusammenstellung von einer gewissen Verhaltenheit, auch einer Spur Schmerzlichkeit, geprägt sein, aber auch der Party-Aspekt soll nicht zu kurz kommen. 🙂 Übrigens habe ich Download-Codes von Tanukichan, Sundays, und Julia Holter, Aviary, zu verschenken. Falls wer Interesse hat, bitte melden.

Auf dem Rückweg vom Haareschneiden sah ich Leute vor einem Laden anstehen. Über dem Eingang: „Brot-Werk”. Ich selbst würde ja grundsätzlich einen prägnanten Ausdruck bevorzugen („Bäckerei”), werde mich aber wohl damit abfinden müssen, dass andere eine gezwirbelte Sprache besser finden.

Beim Nudelkochen

Den Deckel erst aufsetzen, wenn das Wasser eine Temperatur von 60° C erreicht hat, sagte mein Bruder.
Aber warum?

Eine Nachricht von Francesca Naibo zum heutigen Bandcamp Friday:
Cari amici,
my promotion is active today: for every purchase of Namatoulee you can get a free 30 min video lesson with me. We can talk about guitar, technique, sound, improvisation and many any other things.
Hope you’ll enjoy this, spread the word with friends and thank you for all your support so far. Have a nice sonic shopping!

Ein Mann schlurfte vorbei, eine Maske am Kinn, sein Hund recht munter vorneweg.
Den ganzen Tag sah es wie Nachmittag aus, aber der Nachmittag selbst war zappenduster. Jetzt ist es Nacht.
Immerhin, das gelbe Laternenlicht ist treu zur Stelle (elektronisch gesteuert), im Fenster des Nachbarn hängt ein roter Stern, die Fenster selbst auch erleuchtet, teilweise. Autoscheinwerfer streifen vorbei. Der holländische Nachbar hat eine Lichterkette um seine Hecke gelegt.
Wenn jetzt noch Hunde gassi geführt werden, haben sie auch eine Lichterkette um den Hals, man sieht nur die Lämpchen. Das hätte ich gestern ja wissen können, als ich die Berlepschstraße entlangfuhr und rechts auf dem grauschattigen Grünstreifen ein bulliges Tier ins Blickfeld kam, unbelichtet, und näher zum Wäldchen hin noch mehr von der Art. Die ganze Zeit hatte ich vor Kälte „Brrr” gemacht, wie ein Kutscher, doch bei der Begegnung mit der Rotte war ich besser durchblutet, freute mich, als ich zu Hause ankam und mein Pferdchen Curtis in den Schuppen schieben konnte.
Arg durchfroren, trank ich zwei Fingerbreit Cointreau. (Eins von den Likörgläsern meines Chemielehrers ist zum Glück noch ganz, das andere scheint reparabel. Falke Fichtner, Lichtstreuungsmessungen am System Polymethacrylsäure + Wasser im Konformationsänderungsbereich. Zur Titration von Polysäuren.
Na, wie auch immer, er hat mir diese Gläschen geschenkt, in einem goldenen Karton der Aachener Printenbäcker Reul-Lauffs, als ich die Buchhandlung hatte. Sehr freundlich von ihm! Den Karton besitze ich noch.)

Meine Beobachtung beim Vogelfüttern ist, dass in der Mischung aus Fettfutter, Streufutter und Erdnusskernen (die auch im Fettfutter enthalten sind) diese am beliebtesten sind, auch die Sonnenblumenkerne.

Montag war ich nicht ganz fit, zu Hause kam es mir so vor, als hätte ich einen Teil der Bestellungen vergessen.
Mein Chef schrieb, zu nächtlicher Stunde, ganz entspannt zurück:
„Lieber Meinolf,
ja … so ganz auf der Höhe des Geschehens warst du nicht.
Lass es mich so formulieren:
Höhen und Tiefen liegen oft dicht beieinander, halten weniger als 1,5 Meter Abstand zueinander, tragen vorbildlichen Mund-Nasenschutz und kommen aus einem Haushalt.
Das zu wissen beruhigt.”

Luise Volkmann hat eine neue Platte gemacht, diesmal mit ihrem Ensemble Été Large – eine rockige Hommage an die 68er-Generation. Hier ein Stück daraus, sehr vital, sehr temperamentvoll:

Francesca Naibo Namatoulee

„Auf die Frage, wie die Arbeit vonstatten gehen solle und welche Stücke ich aufnehmen wolle, antwortete ich, ganz Improvisatorin, dass ich das nicht wüsste. Aber in einem Punkt war meine Vorstellung davon, wie das fertige Produkt aussehen sollte, klar: es sollte sich von Live-Auftritten unterscheiden, bei denen die Stücke oft sehr lang ausfallen. Also kürzere Tracks, kleine Gemälde, Klangbilder.”*

Dies schreibt Francesca Naibo, Gitarristin aus Mailand, zu ihrem zumeist ganz ungitarristisch klingenden Schallplatten-Debüt Namatoulee (Aut Records, Berlin 2020), dessen vierzehn Stücke alle improvisiert sind und von der Musikerin – vielleicht um ihren jeweiligen Klangkosmos auf eine zugleich prägnante und offene Formel zu bringen – mit Titeln in Phantasiesprache versehen wurden („Mae Lougon”, „Teing Dol”, „Groff” u.a.).

Die knappe Angabe auf dem Cover zum verwendeten Instrumentarium: „guitar, objects, effects” –
wird in dem genannten Essay genau ausgeführt:

  • eine halbakustische Gitarre des Typs Godin 5th Avenue Kingpin für Linkshänder
  • ein Röhrenverstärker
  • eine klassische Gitarre
  • verschiedene Objekte (Präparierungen)
  • Effektgeräte („delay, overdrive, sound retainer, ring modulator”),

deren jeweiliges Funktionieren mir nicht klar ist, die aber mit dafür sorgen, dass die Musik auf Namatoulee nach allem möglichen klingt – nach einem Violoncello zum Beispiel -, aber selten an eine Gitarre denken lässt, jedenfalls nicht, wenn man (vergleichsweise!) konservativ ist wie ich und einen bestimmten klassischen Gitarrenklang im Kopf hat, den die Klangforscherin Francesca Naibo aber gerade vermeidet.
Sie ist auf neue Klänge aus, was auch mit ein Grund dafür ist, weshalb sie sich für eine halbakustische Gitarre entschieden hat: die Vermischung akustischer und elektrischer Klänge sei ein Eckpfeiler ihrer künstlerischen Arbeit.

Vielleicht schreibe ich einmal ausführlicher über Namatoulee, aber nicht heute. Übrigens singt Francesca Naibo auf zwei oder drei Stücken, ohne Text.

Hier ein Blick ins Aufnahmestudio:

* „Alla richiesta di chiarimenti circa l’organizzazione del lavoro e la tipologia di brani che avrei voluto registrare risposi, in perfetto stile d’improvvisatrice, che non lo sapevo. Un elemento era però chiaro nell’idea che avevo del prodotto finito: desideravo qualcosa di diverso dalle performance live, dove spesso i brani sono molto lunghi e sviluppati, e che includesse quindi dei pezzi di durata più contenuta che potessero costituire dei piccoli quadri, delle immagini sonore.”

Francesca Naibo Website
Aut Records Website
Francesca Naibo, „Namatoulee”, in: d.a.t. 7/2020, S. 108-124 [pdf]

Francesca Naibo Namatoulee. Francesca Naibo, Gitarre, Objekte, Effekte, Komposition. [46:32 Minuten]. Aut Records, Berlin [Juni] 2020. 12,00 Euro [Auflage: 300]

radio satt #6 – Veronika Reichl

Seit heute ist die neue Folge von radio satt online, siehe hier:

http://www.satt.org/literatur/20_11_radiosatt-06.html

radio satt bringt Lesungen und Gespräche zur Literatur. Zu Gast in der Folge #6 ist Veronika Reichl, die für sich eine besondere, schwer zu kategorisierende Form des Schreibens gefunden hat: Ihre Geschichten handeln von realen, vorab in Interviews mitgeteilten, Lektüreerfahrungen von Philosophinnen und Philosophen mit – hier vor allem – Hegel. „Hegel zu lesen ist anstrengend, manchmal zermürbend“, weiß Veronika Reichl.
Im Schaum dieser Sprache. Hegel lesen erzählt von jenen, die die Herausforderung angenommen haben – und in den Lesepausen vielleicht „House of Cards“ weitergucken. Doch auch dort finden sich Hegelsche Denkfiguren.
Eine mit feiner Ironie versetzte Hommage an Hegel, die in dieser Ambivalenz, aus feministischem und postkolonialem Blickwinkel, auch im Gespräch mit Lilian Peter aufgegriffen wird.

Siehe auch Patrick Eiden-Offe, „Der ewig Unzeitgemäße. Zum 250. Geburtstag von Hegel“ (die tageszeitung):

„Wir werden hier mit Lektüren konfrontiert, die bisher Gedachtes erschüttern und Ungedachtes aufbrechen lassen; Lektüren, in denen Hegels Denken weitaus plastischer vor uns ersteht als in allen Biografien und Aktualisierungen.”

Veronika Reichl lebt als Illustratorin, Dozentin und Autorin in Berlin.
Sie studierte Kommunikationsdesign und European Media an der Merz Akademie in Stuttgart. Promotion im Fach Art, Design and Media bei Diedrich Diederichsen und Paul Newland über die Visualisierbarkeit philosophischer Texte an der University of Portsmouth.
2008 erschien bei Merz & Solitude das Buch Sprachkino: Zur Schnittstelle zwischen abstrakter Sprache und Bildlichkeit, eine zeichentheoretische Untersuchung mit einer Serie experimenteller Animationsfilme.
Forschungsaufenthalt in Oslo. 2003 Preisträgerin des 11. open mike. Veröffentlichungen u.a. in Circumference, Bella Triste, Idiome, Mantis, LIT, RealPoetics. Literarische Vortrags-Performances und Installationen, u.a. bei European Media Art Festival 2017, Am Nerv der Demokratie, Performance-Philosophie Festival 2019, Eröffnung der Ausstellung Hegel und seine Freunde in Marbach 2019 etc.
Website: https://veronikareichl.com/

Lilian Peter lebt in Berlin. Sie studierte zunächst als Jungstudentin Klavier (RSK/Musikhochschule München), anschließend Philosophie, Altgriechisch und Musikwissenschaften in Wien, Tübingen und Heidelberg, später noch Literatur am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Studienaufenthalte in Prag, Paris und New York. Verdient ihr Brot hauptsächlich als Übersetzerin, Radioautorin, Klavierlehrerin, stellt derzeit den literarischen Essayband Mutter geht aus fertig, daneben Arbeit an verschiedenen anderen Prosaformen. Seit Januar 2020 schreibt sie die auf ein Jahr begrenzte monatliche Kolumne How To Cook A Phallus für fixpoetry.com. Derzeit läuft zudem ein Briefwechsel mit der japanischen Schriftstellerin Yui Tanizaki, kuratiert vom Goethe-Institut Kyoto/Osaka (die Texte erscheinen fortlaufend online auf den Seiten des Goethe-Instituts und werden von Literaturübersetzerinnen in die jeweils andere Sprache übersetzt). Für ihren Essay „Diebinnen im Paradies“ erhielt sie 2017 den Edit Essaypreis. 2019 war sie Stipendiatin der Villa Kamogawa in Kyoto, 2020 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 2021 ein Arbeitsstipendium im Künstlerhaus Edenkoben. Ihre Texte erschienen bisher u.a. in Lettre International, Still Magazine, Edit, BELLA triste und bei Matthes & Seitz Berlin.
Sie betreibt das Blog peterslilie.

Veronika Reichl, Im Schaum dieser Sprache. Hegel lesen. Texte und Zeichnungen. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sandra Potsch. Begleitband zur Ausstellung „Idealismusschmiede in der Philosophen-WG. Hegel, Hölderlin und ihre Tübinger Studienjahre“. 104 Seiten mit zahlreichen farbigen Illustrationen, Klappenbroschur. Museum Hölderlinturm Tübingen, Tübingen 2020. 12,50 Euro
ISBN 978-3-941818-43-9

Beziehbar über das Museum (Bestell-Nr. 0189).

Playlist zur Wahl, und Street Art

Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich noch heute mit einer Schrottpresse durch die Straßen fahren und alle SUVs zusammenfalten.
Schrott ist ein niederrheinisches Wort, siehe Wikipedia.
Ich denke an Césars hydraulisch zerquetschte Autos. Er hat das schon 1960 gemacht. – Bei dieser Gelegenheit auch Gruß an Wolf Vostell, der anlässlich seiner Skulptur Ruhender Verkehr (1969) erklärt: „Das Auto in Zement einzufrieren ist eine Möglichkeit, mit dem Auto umzugehen […].”

Vostells Berliner Arbeit Zwei Beton-Cadillacs in Form der Nackten Maja von 1987 dagegen leider weniger überzeugend.

„Mehr als eineinhalb Millionen unerforschte Virenarten leben weltweit in Wildtieren und wenn es ganz schlecht kommt, könnten 850.000 davon auf Haustiere oder Menschen überspringen”, referiert in einem Kommentar zum Bericht des Weltdiversitätsrats die Wirtschaftsredakteurin des Deutschlandfunks Jule Reimer, nachzulesen hier. Just so you know. Und jetzt wähle: Noch weitere hundert Jahre Straßen und Flugverkehr und Intensiv-Landwirtschaft, oder doch mal wieder Wald und Wiesen, nicht bis ins letzte ausgebeutete Böden?
Die politisch Verantwortlichen, die ihre Weiterbeschäftigung in der Wirtschaft nicht gefährden wollen, wenn ihre politische Laufbahn einmal zu Ende geht, wird der Warnruf selbstverständlich nicht erreichen, und, tut mir leid, solange sie sich weigern, verantwortlich zu handeln, muss ich jenen Störenfrieden Recht geben, die sich von Autobahnbrücken abseilen, Wälder besetzen, Kunstblut vergießen und mit Sitzblockaden versuchen, die um neun Jahre verspätete Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg weiter zu verzögern (was ihnen natürlich nicht gelungen ist).
Warum hat es eigentlich so lange mit dem BER gedauert?
In einem Bericht des RBB wurde erwähnt, dass die Arbeiter jahrelang nach Stunden bezahlt wurden.

Zur Beruhigung der Nerven anlässlich der Wahlen in den USA hier eine kleine kommentierte Musikauswahl, die nicht unbedingt themenbezogen ist, außer dass die meisten Stücke von US-amerikanischen Künstlerinnen und Künstlern stammen. Ausnahmen sind Snakefinger (England) und Yelle (Frankreich). Die Reihenfolge des Hörens – wer den Wunsch hätte, alle Stücke zu hören – ist frei, aber Thelonious Monks Hymne sollte als erstes gespielt werden, um den dem Anlass angemessenen feierlichen Ton zu setzen.
Ich habe die Stücke so ausgewählt, dass (hoffentlich) ein positiver Vibe überwiegt.

Teddy Charles Laura (1957)
Teddy Charles, einer der Leute, die in den 50er Jahren Improvisation und Komposition verbunden haben, eher zulasten der improvisierten Teile, was Charles Mingus genervt hat, der hier sehr schön Bass spielt. Die Platte, auf der das Stück enthalten ist, trägt den Titel Word from Bird.
Miles Davis & Milt Jackson Quintet Changes (1955)
Ein entspanntes Stück, mit einem feinen Klaviersolo am Schluss von Ray Bryant.
Bill Frisell Is It Sweet? (1992)
‚Amerikanische’ Musik, ziemlich clean (klinisch) gespielt und aufgenommen, aber doch schön und als Auslöser innerer Bilder sehr gelungen.
Dizzy Gillespie Something In Your Smile (1967)
Dizzy Gillespie als Sänger. Meine Lieblingszeile: „Something in you is everything that I never knew before …”
Angel Olsen California (2017)
Ich hätte auch ein anderes Stück aus Phases wählen können, z.B. „For You” oder „How Many Disasters”, aber hier kommt Angel Olsens ein bisschen meckernder, ein bisschen schluchzender Gesang gut zur Geltung, und es gibt auch einen kleinen Blueseinschlag, den ich sehr mag.
Annette Peacock Pony (1972)
Nicht Annette Peacock vergessen!
Nina Simone Baltimore (1978)
Noch ein Klassiker. In Baltimore sieht’s heute hoffentlich besser aus, aber weiß man’s?
Snakefinger Bring Back Reality (1982)
Wegen des Titels, klar, aber auch sonst sehr cool.
Solange Rise / Weary (2016)
Solange hab ich ganz gern. Das Überkandidelte und auch Übersexualisierte, das sonst in ihrer musikalischen Familie anzutreffen ist, fehlt ihr weitgehend. Sie scheint ein vergleichsweise nüchterner Patron zu sein, mit einem guten Geschmack. Aaliyah ist ja leider tot, aber Aaliyahs zurückhaltender Gesangsstil lebt hier weiter.
Sun Ra Retrospect (1984)
Sun Ra hat bei einem Fernsehauftritt dieses Stück (aus dem Album Nuclear War) mit dem – positiven, friedenschaffenden – Potential der Menschheit in Verbindung gebracht, also ein must nicht nur für diese Wahlnacht.
Lennie Tristano Lullaby Of The Leaves (1965)
Von Lennie Tristanos Klavierabend gibt’s noch mehr Material im Internet, jeden Clip guckt man sich gefesselt an. Herbst ist ja jetzt.
James Blood Ulmer Are You Glad To Be In America? (1980)
Im Kontext dieser Playlist eines der wildesten Stücke. Der mittlerweile 78-jährige Gitarrist hat denselben Song mindestens noch einmal aufgenommen, Link folgt.
Yelle Émancipense (2020)
Ganz ganz ganz ganz selten höre ich elektronische Tanzmusik, z.B. Yelle, hier aus ihrem jüngsten Werk.
Lester Young, Roy Eldrige and Harry Edison Please Don’t Talk About Me When I’m Gone (1958)
Lester Young spielt recht müde, es ging ihm auch nicht gut, aber ich will keine Note verpassen. Die anderen Musiker unendlich rücksichtsvoll, ziehen nach Pres‘ Solo langsam das Tempo an – rührend!

Sendehinweis: Salon Dilletantisme

Ohne Zweifel hat die Coronakrise institutionskritische Qualitäten. Den Konzertbetrieb hat sie faktisch lahmgelegt. Der Sommer ist vorbei und mit ihm auch die letzten Open-Air Konzepte. Was viele Veranstalter*innen aber nicht wissen: In Ermangelung echter Konzerte, hat das Publikum längst angefangen, kanonisierte Highlights der Neuen Musik auf seinen Instrumenten zu Hause nachzubauen.
Mit ihrem „Salon Dilletantisme” präsentiert Mara Genschel einen welken Strauß akustischer Stippvisiten – mitten aus den Übezellen zahlreicher ausgewählter Enthusiast*innen. Es spielen Christian Filips, Michael Kunkel, Florian Neuner, Monika Nuber, Bertram Reinecke, Meinolf Reul und Mathias Traxler. [Text: Mara Genschel/SWR2]

Mara Genschel Salon Dilletantisme
SWR2 JetztMusik, 2.11.2020, 23.03 Uhr

Machen Sie 13

„Alle wollen Sloterdijk lesen”, stellte mein Chef fest.
„Ich nicht”, beeilte ich mich zu sagen.
Es war sonst keiner im Laden.
Der Psychoanalytiker hatte das letzte Exemplar aus dem Fenster gekauft und noch einen Blick auf den Stapel Remittenden geworfen, der vor mir lag. Gerade schob er Füchse zur Seite.
„Ich warte auf Igel!” sagte ich, vermutlich hatte ich (m)einen vorlauten Tag.
Da gebe es ja ein Märchen, griff er meinen Einwurf auf.
„Von den Grimms?”
Wieder vorlaut!
„Ja, von den Brüdern Grimm”, bestätigte er, beinahe versonnen, und in einer ordentlicheren Formulierung als ich sie gewählt hatte, und dann erzählte er in groben Zügen das Märchen Hans mein Igel („Es war einmal ein Bauer, der hatte Geld und Gut genug, aber wie reich er war, so fehlte doch etwas an seinem Glück: er hatte mit seiner Frau keine Kinder. Öfters, wenn er mit den andern Bauern in die Stadt ging, spotteten sie und fragten, warum er keine Kinder hätte. Da ward er endlich zornig, und als er nach Haus kam, sprach er ‚ich will ein Kind haben, und sollts ein Igel sein’. Da kriegte seine Frau ein Kind, das war oben ein Igel und unten ein Junge, und als sie das Kind sah, erschrak sie und sprach ‚siehst du, du hast uns verwünscht.’”),
und als er geendet hatte, blieb mir gerade noch Zeit zu sagen, das sei ja eine tiefgründige Geschichte.

In einer Buchhandlung kriegt man immer was erzählt, wie hier ein Märchen, oder vielleicht auch ein kleines Referat über die zahlreichen Veröffentlichungen Hans Blumenbergs in katholischen Periodika, womit aber irgendwann recht plötzlich Schluss war, ohne dass Hans Blumenberg in seinem späteren Leben je einen Mucks über den Grund für diesen Bruch mit der katholischen Seite gemacht hätte. Bettina Blumenberg, die Tochter, habe diese katholischen Anfänge ihres Vaters rundweg abgestritten. Dazu eine abwinkende, resignative Bewegung. Solche Sachen. Eine Universität, aber informell, schon der nächste Satz handelt vielleicht vom BVB.

„Sloterdijk schlottert leicht”, diesen hübschen Vers kann ich wohl aufsagen. Dachte erst, er sei von Brigitta Falkner, aber jetzt glaube ich doch eher, dass er von Birgit Kempker stammt (aus Mike und Jane).

Samstag waren eine Freundin und ich in Mitte oder Prenzl’berg unterwegs, um Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen (nur Kaffee für sie), aber der Laden hatte auch Scones, weswegen dann neben dem Bienenstich auch ein Apfel-Zimt-Scone auf meinem Teller lag und später von dort verschwand.
Der Kassenmann tippte alles ein, „12.50” erschien auf dem Display.
„Machen Sie 13”, sagte ich.
Der Kassierer zögerte.
War ja eigentlich ein bisschen viel für nur zwei Kaffees und einen Kuchen (und einen Scone).
Gab’s ein Problem?
Dann fiel mir auf, dass die Kasse das Rückgeld anzeigte, ha ha.

Schön, wenn die Fahrradreifen über das Herbstlaub fitschen. Neulich muss es auch gestürmt haben, die Straßen waren ganz struppig.