Bewölkt

„Guten Tag! Bevor hier Bomben fallen, hätte ich gern noch einen Haarschnitt. Passt Samstag? Grüße! Ohren steif halten!”
„Hallöle … Samstag arbeite ich nicht mehr ! Nächste Woche ab Mittwoch wäre cool, bin noch unterwegs !”

Friseurtermine werden heute über Signal klargemacht.

Mir sind die französischen Ausrufungszeichen aufgefallen, mit der Leerstelle davor, dabei ist sie eine Berliner Pflanze –

Am Toreingang seitlich eine blitzneue Klingel, vom übrigen Klingelfeld etwas abgesetzt: Yvette. Ich schellte, die Tür ging auf. Yvette lenkte mich durch den leergeräumten Salon in einen rückwärtigen Raum, ihren auf zwei Frisierplätze verkleinerten Laden. Ein wandgroßes Farbfoto (Wald), zwei rosa Waschbecken, Haarschneidebesteck, Capes. Den Mantel hängte ich an der Garderobe im Durchgang auf. Keine Haftung, aber außer einem Grüppchen Nachbarn, die auf einer Seite des Vorderzimmers in einem tischlosen Kreis saßen und miteinander plauderten und flachsten, war niemand da und kam keiner rein, war ja auch schon sieben. Der Cut wie immer tadellos, die politischen Ansichten beherzt („an die Wand stellen”, „Dritter Weltkrieg”, die Sorge, andere Länder könnten im Schatten der Schweinerei eigene Schweinereien veranstalten). Ich zahlte fünfzehn Euro und gab ihr erst den Zehn-Euro-Schein, zwinkernd: stimmt so. Sie verabschiedete sich, nahm Bestellungen für den Pizzaservice auf.
Ich gehe seit Jahren zu Yvette, auch wenn ich längst nicht mehr in Moabit wohne.
Ich bin eine treue Tomate.

Der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar – wohin soll, wohin wird das führen? Unstrittig scheint mir, dass ‚der Westen‘ auf diesen Angriff reagieren muss. Wie eine ‚richtige‘ Reaktion auszusehen hätte, lässt sich vermutlich nicht beantworten. Jede Bewegung wird falsch sein. Es ist immer gefährlich, wenn der Gegner eine narzisstische Persönlichkeit ist (erweiterter Selbstmord nicht ausgeschlossen; bei den anzusetzenden Opferverhältnissen eine unzulängliche Formulierung). Das Beste schiene mir, wenn sich im Land selbst eine Opposition bilden würde: Die Friedensdemonstrationen mit Zehntausenden von Teilnehmern – man wünschte sie sich auch in Sankt Petersburg und Moskau. Aber wegen Androhung und Durchsetzung von Geld- oder Gefängnisstrafen verstehe ich, dass der Protest nicht so stark ist wie bei uns, die wir im Warmen sitzen. Außerdem, verlässliche Informationskanäle wurden gekappt. (Die irregeleiteten Schafsköpfe, die hierzulande über die sogenannten ‚Mainstreammedien‘ quengeln – neben all dem anderen, das sie benörgeln und anfeinden -, könnten ihre Aufmerksamkeit einmal auf die Situation in Russland richten, es wäre sicher eine erhellende Erfahrung.)
Wenn die russische Zivilgesellschaft gestärkt werden kann, sollte dies versucht werden.
Ich wäre auch für einen sofortigen Stop der Öl- und Gasimporte aus Russland, auch wenn das für Deutschland rumpelig werden dürfte. Mit den Einnahmen aus fossilen Energien wird russisches Kriegsgerät finanziert – wer kann das wollen?

Die Entscheidung der Bundesregierung, 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr bereitzustellen, finde ich übrigens richtig. (Ob die Summe gut gewählt ist, kann ich nicht beurteilen.) Wenn sich Deutschland eine Armee hält, sollte sie auch funktionieren.
Ich erinnere allerdings an die Berateraffäre aus Zeiten von Ursula von der Leyen (die auch in ihrem neuen Amt ihre Handydaten löscht, sicher ist sicher).
Wenn Geld fließt, dann muss es eine starke Finanzkontrolle geben. Halsabschneider wie damals Katrin Suder oder Timo Noetzel, die auf Staatskosten Geld scheffeln – und deren Raffgier straflos bleibt -, dürfen keinen Fuß in die Tür kriegen. Auch wundersame Kostenexplosionen (Sanierung der Gorch Fock: aus den veranschlagten 10 Millionen Euro wurden 135 Millionen Euro) müssten ausgeschlossen werden.
Sollte dies nicht gewährleistet werden können, kann man sich das Sondervermögen (die Sonderschulden) sparen.
100 Milliarden für Bildung würde ich ebenfalls befürworten, aber davon ist – noch – keine Rede. Kommt vielleicht noch.

Eine positive Nachricht von heute:

In Deutschland wird gerade eine großangelegte Hilfsaktion für die Menschen in der Ukraine vorbereitet. Laut Bundesverkehrsminister Wissing ist eine so genannte „Schienenbrücke” geplant. Zur Zeit sammele die Deutsche Bahn im ganzen Land Hilfsgüter bei Herstellern und Großhändlern. Die gesammelte Ware werde zu Containerzügen zusammengestellt, die dann in die Ukraine fahren sollen, sagte Wissing der Bild am Sonntag.

rbb info

Letzten Sonntag war ich auf der großen Friedensdemonstration auf der Straße des 17. Juni, habe auch Geld gespendet (nächsten Monat wieder). Heute mache ich nichts, aber nächste, spätestens übernächste Woche nehme ich wahrscheinlich das Angebot meiner Firma wahr, mir ein paar Stunden für soziale Arbeit freizunehmen.

Wie Berliner den Ukrainern helfen können – und was jetzt sinnvoll ist (Der Tagesspiegel, 5.3.2022)

Bald machen wir ein Familientreffen, das erste seit – schätzungsweise – fünf Jahren.
„Norden Süden Westen, zu Hause ist am besten” lautete die betreffende Einladung, die mein Arztbruder herumgeschickt hatte. Ich freue mich, meine Geschwister (nicht alle zehn kommen, aber acht immerhin, einer guckt zu), Neffen und Nichten wiederzusehen – eher eine Seltenheit. Auch Freundinnen und Freunde werde ich treffen, worauf ich mich ebenfalls freue.
Anreise mit dem Zug.
Bei Café Nederkorn am Kapellenplatz in Kevelaer habe ich eine Schwedische Apfeltorte bestellt, die werde ich spendieren, vielleicht auch eine Flasche Fernet-Branca. Meine Brüder trinken eher (wenn Kräuterlikör) Ramazzotti, nicht so mein Geschmack. Fernet-Branca kann man natürlich auch nicht trinken, es sei denn gemischt mit Pampelmusensaft.
Ich fürchte mich ein bisschen davor zu sehen, wie der Kapellenplatz jetzt aussieht. Das alte Kopfsteinpflaster sollte, als ich das letzte Mal zu Besuch war, teilweise entfernt und durch ein rollatorfreundlicheres Material ersetzt werden, auch Linden waren zum Fällen freigegeben worden. Das Eiscafé Europa, in das ich schon als Schüler ging, hat nach Jahrzehnten dauerhaft geschlossen, ebenso das Hotel Zum Goldenen Apfel mit seiner (hoffe ich doch!?) denkmalgeschützten Fassade. Hinter der Fassade wird es sicher brachial umgebaut … Immerhin wird es nicht für einen Tennisplatz abgerissen (nicht nur auf geopolitischem, auch auf architektonischem Gebiet sind Verbrechen zu beklagen). Es kann eigentlich nur ein schrecklicher Anblick sein. Hoffentlich vertreibt es nicht die Dohlen.

PS: Das Video von Kimbra habe ich nachträglich eingefügt. (Einem Kommentar zufolge wurde es in Oaxaca, Mexiko, aufgenommen.) „Woke up in a decent mood, I don’t want to hear the news, turn the volume down. Don’t know if it’s even true, there’s nothing I can do, so turn the volume down” … passt doch ganz gut. Abgesehen von der schönen Melodie, der paradiesischen Landschaft und der erfreulichen Idee von Sommer, die sie transportiert – die Temperatur in Berlin liegt knapp über dem Gefrierpunkt -, finde ich die Schlichtheit des Videos bemerkenswert. Der Kameramann sagt Action, Kimbra sammelt sich einen Moment und fängt an zu singen (den Text hat sie ausgedruckt neben ihrem linken Fuß, schätze ich, das ist okay). Das Mikrophon zweifellos das beste und teuerste, wie es einer professionellen Musikerin angemessen ist, die irgendwann in diesem Jahr ihr viertes Album herausbringen wird. Kimbra ist erst 31 … Die Kleidung, ein weißer Bodysuit, minimalistisch, aber nicht indezent. Unschuld, Schönheit, Verletzlichkeit, Trauer – dies drückt das Video für mich aus. Zum Schluss holt Kimbra tief Luft, als Antwort schüttelt ein Windzug das Grün, dann blickt sie stumm und ohne einen Mucks in die Kamera.

Sprachlosigkeitsschutt

Das Wort habe ich vom Blog Bücher sind doch egal geklaut (Eintrag vom 23. Februar, Jedes Mal, bevor ich etwas) – durfte ich doch?

Ist es der Wetterumschwung oder die Weltlage, was mir Kopfschmerzen bereitet? Die Monitor-Augen?

pösele – auch ein bedächtiges gemütliches Trinken.
Hej pöselnde in de Loop van den Oawend drij Flässe Winn opp.

pösele – ein langsames Essen.

Zitiert nach: Van Aewerdäss bes Wilewaj. Mundartwörterbuch. Boss-Verlag, Kleve 1995 (im Vertrieb des Mercator Verlags Duisburg).

Robert hatte mich ja schon gewarnt, dass es vielleicht voreilig war zu schreiben, ich sähe mir keine Filme an, die Monsieur im Titel haben. (Er erwähnte Chaplins Monsieur Verdoux.) – Oft ist es eine Sache des deutschen Verleihs. Der geheime Roman des Monsieur Pick von Rémi Bezançon heißt im Original Le Mystère Henri Pick, also ‚Das Rätsel Henri Pick‘ oder ‚Der rätselhafte Henri Pick‘. Fabrice Luchini und Camille Cottin spielen in den Hauptrollen, schlecht wird’s also nicht sein.

Es kann mir als leichtsinnig oder ignorant ausgelegt werden, dass ich mich dies Jahr hauptsächlich auf Komödien verlegt habe, aber ich bleibe dabei: Möglichst wenig Extragewalt auf die real bestehende Gewalt draufpacken. Keinen Tatort, keinen Polizeiruf, keinen Städtekrimi.
Vor einigen Tagen habe ich Jour de Fête von Jacques Tati geguckt und sehr gelacht.

Degens, Selfie ohne SelbstDer Titel von Marc Degens‘ Essay Selfie ohne Selbst (Leseprobe hier) – auf den ersten Seiten wird eine Freundin zitiert, die keine nachbearbeiteten Tagebücher schätzt, sondern nur ungeglättete Originale: „so als ob die Erstfassung die Wahrheit wäre und nicht selbst schon Literatur”, schaltet sich der Autor ein, für den auch Briefe und Tagebücher (auto)fiktionale Texte sind – hat mit den „Landschaftsaufnahmen mit eigenem Schatten” zu tun, die ein wiederkehrendes Fotomotiv von Michael Rutschky waren – „Gestellte Aufnahmen ohne eigenes Abbild. Schattenporträts […]” – was auf „R.” ebenso gemünzt sein könnte wie auf die vielen, die er in seinem Tagebuch porträtiert und doch ausgeblendet oder verfehlt hat.

Neben seiner Idee, die drei Tagebücher als Romanwerk aufzufassen – Mitgeschrieben als Angestelltenroman, In die neue Zeit als Wenderoman, und Gegen Ende als Künstlerroman -, werde ich Marc Degens‘ Mutmaßung im Hinterkopf behalten, dass „ein schriftstellerischer Mangel” hinter der geballten Negativität von Gegen Ende stecken könnte: weil „es einfacher ist über schreckliche Dinge zu schreiben als über schöne.” (In seinen eigenen Romanen hat M.D. den schwierigeren Weg gewählt.)
Auch Kreuzchen gemacht bei Lektüretips: Chris Kraus, Thomas Melle.

Im Buch versichert der Verleger, es werde kein vierter Tagebuch-Band erscheinen. Auf der Website lese ich aber: BISHER ERSCHIENEN: […]
Nun, wir werden sehen, was passiert.
Du kommst auch drin vor, der Titel der Autobiographie von Hanns Dieter Hüsch: unter Umständen flößt es Angst ein, ruft mindestens Unbehagen hervor.

Neulich im Kino. Es lief Die rote Wüste (1964) von Michelangelo Antonioni – ein Film wie Zahnschmerzen. Der Soundtrack direkt aus irgendeinem der elektronischen Studios jener Zeit, im Wechsel mit ohrenbetäubenden Fabrikgeräuschen, betont harsch.
Wundervolle Aufnahmen von bildsprengenden Dampfwolken, sonst alles möglichst scheußlich und unwirtlich. Ist Ravenna nicht die Stadt mit den Mosaiken? Antonioni zeigt nur die Rinnsteine.
Monica Vitti ist natürlich eine Leinwandgöttin …
Es hat mich geärgert, dass der Film seinen Kunstanspruch so laut vor sich herträgt.
Kunst ist super, aber bitte nicht aufdrehen.
Gut gefallen hat mir das Kino selbst, Il Kino in Kreuzberg, war auch schon mal da. Vor der Vorstellung kann man was essen und trinken. (Essen wird frisch zubereitet.) Zum Einlass bimmelt eine Portiersglocke.

Nachbehandlung

[Bei der Textredaktion war ein kurzer Abschnitt verloren gegangen:]

Raise a glass in a season of ash. Gutes Motto! schrieb ich meiner kritischen Freundin, eine Songzeile aus Cate Le Bon’s Wheel zitierend, dem mit ruhiger Majestät voranschreitenden Schluss-Stück ihres Pompeii-Albums. Sie widersprach: Ein Motto, das von Asche spricht?

In der Buchhandlung kaufte ich mir Marc Degens‘ Selfie ohne Selbst (heute erschienen).
Darin geht es unter anderem um Marc Degens in der literarisierenden, verzerrenden Spiegelung durch den verstorbenen Schriftsteller Michael Rutschky: In seinem dreibändigen Tagebuch-Werk (Mitgeschrieben, 2015, In die neue Zeit, 2017, Gegen Ende, 2019) hatte „Herr Rutschky” (wie er hier meist apostrophiert wird) offenbar wenig wohlwollend über seine Freunde, unter ihnen Marc Degens, geschrieben – was mich zweifeln lässt, ob er ihnen wirklich freund war.
Ich hab noch nicht sehr weit gelesen … Mein erster Eindruck ist, man hätte dem nachsinnenden Buch den (à la) Bernhard’schen Untertitel Eine Irritation beigeben können.
Die Noblesse, mit der Marc Degens einen Verrat protokolliert, ist bemerkenswert, ebenso die traurige Verwunderung dieser Seiten. Niederschrift und Löschung einer Seelenlast.
Übrigens kann ich mich erinnern, wie ich 2017 zur Vorstellung des zweiten Rutschky-Tagebuchbandes mit meinem Chef im Literaturhaus Berlin war, das zu der Zeit noch von Ernest Wichner geleitet wurde. Kurt Scheel, der Rutschky-Freund und nachmalige Herausgeber von Gegen Ende, war da und saß auf dem Podium, im Publikum unter anderen die Kritikerin und Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig, die ich nach Fotos erkannte, ebenso wie ihren Mann. Kurt Scheel habe ich als etwas säuerlich in Bezug auf sein Rutschky-Double in Erinnerung, aber hier galt es, einen Literaturabend zu bestreiten, da war er professionell und gewissermaßen schmerzlos.
Wie ein Schnappschuss ist mir eine kurze Szene nach der Buchvorstellung in Erinnerung geblieben. Kurt Scheel, mein Chef und ich standen einen Moment beisammen, der Verleger, Heinrich von Berenberg, hatte Wein gestiftet, ich dankte Herrn Scheel für den anregenden Abend, er lachte übers Gesicht, seine Augen blitzten, und blitzte nicht auch ein Zahn?
Er schien die Geselligkeit des Abends zu genießen.
War Herr Rutschky eigentlich auch da? Ich kann mich nicht erinnern, ich habe nichts notiert.

„Je me demande bien comment tu as connaissance de ces groupes assez confidentiels. Mystère”, schreibt mir meine Konversationslehrerin aus der Bretagne. Sie frage sich, wie ich an diese Geheimtips komme – das bezog sich auf das Duo Arlt: Ich hatte vorgeschlagen, dass wir ihren Song Oh bagnole besprechen. Er war mir bei Bandcamp vorgeschlagen worden, weil ich vorher eine andere Veröffentlichung des Labels Objet Disque gekauft hatte (Fabio Viscogliosi). Das ist das ganze, simple Geheimnis, ich werde es ihr nächstes Mal verraten.
Freundlicherweise hatte sie ihrerseits einen Musiktip für mich, die Pariser Band Feu! Chatterton.


Pudding kochen 3 l Milch

Ich dachte, es gäbe ein – rheinisches oder niederrheinisches – Wort poselen in der Bedeutung von „naschen”. Hab’s nicht gefunden, die Suchmaschinen bieten „porcelain” an. (Das O ein geschlossenes langes O. Nie gehört?)
Gut, ich hab auch andere Probleme, zum Beispiel die Frage, ob der Abwärtslauf am Beginn von The Clashs The Magnificent Seven ein Snakefinger-Zitat sein könnte, der in seinem Song Don’t Lie einen ebensolchen Lauf verwendet (0’45“, 1’16“, 2’19“, 2’50“). Sandinista! ist am 12. Dezember 1980 erschienen, Greener Postures kam im Oktober 1980 heraus.
Na ja, ich muss es nicht wissen, mir fiel die Parallele auf, das ist alles.
In Musikerkreisen erfolgt die Aufnahme des Neuen zuweilen im Handumdrehen. Wenn ich nicht irre, hat Jimi Hendrix All Along the Watchtower in einem Club gespielt, als Dylan’s Platte (John Wesley Harding) gerade einen Tag draußen war.

Am Wochenende komme ich hoffentlich mal wieder ein bisschen zum Lesen. Ich könnte beispielsweise die MusikTexte zur Hand nehmen, deren Februar-Heft eine ausführliche Würdigung des verstorbenen Komponisten Alvin Lucier enthält. Der Rest ist, fürchte ich, ebenfalls interessant. (Mara Genschels geflüsterte Laudatio auf die Donaueschinger Kulturtage ist abgedruckt, und Nicolaus A. Huber erzählt unter dem treffenden Titel „Ghost-Zuspielung”, wie der Geist des verstorbenen Karlheinz Stockhausen zu verschiedenen Malen noch um ihn webte (hätte Goethe gesagt).)

(Ich würde zu dieser späten Stunde wahrscheinlich gar nichts schreiben, wenn nicht die 76- oder 77-jährige Mutter meiner Mitbewohnerin zu Besuch wäre und im angrenzenden Wohnzimmer herumwuseln würde, wodurch ich in gewisser Weise in meinen Raum einsperrt bin. Diese schreckliche Nähe ebenso wie die gedämpft zu mir durchdringenden Geräusche – ich trage Kopfhörer – erdulde ich wie ein Märtyrer, sie wird ja auch wieder abreisen, vielleicht morgen.
In der Firma kursierte der Witz, dass die Skandinavier ganz froh wären, dass die 2 Meter-Abstandsregel abgeschafft wäre und sie endlich wieder zu ihrer angestammten 5 Meter-Distanz zurückkehren dürften. Ich konnte mich völlig damit identifizieren.)

Deutschlandfunk Kultur hatte heute bereits einen Sommerhit im Programm:

Mit Begeisterung höre ich Squarepusher mit Hard Normal Daddy – hier hat AllMusic einmal die seltene Höchstwertung vergeben. Übrigens kenne ich Squarepusher über Klaus Fiehe und seine Radiosendungen bei 1 Live. Klaus Fiehe war und ist ein großer Squarepusher-Fan. Seinen Tip greife ich aber erst jetzt auf, mehr als zehn Jahre später.

Heute hatte ich wieder Konversationstraining (eine halbe Stunde). Gegenstand war unter anderem eine E-Mail von mir, die meine Lehrerin Korrektur gelesen hatte. Sie befand, meine Ausdrucksweise ginge manchmal in Richtung Madame de Sévigné (1626-1696). Sie hat vor, mich sprachlich meiner Zeit näherzubringen 🙂
Außerdem sollte ich einige Reportagephotographien von Robert Doisneau beschreiben, in denen es, neben anderem, um Wahrsagerinnen, spiritistische Sitzungen und den Zwiebelorden ging.
la pendule = Pendel (Uhr)
le pendule = Pendel (Spiritismus)
Verwechselt habe ich d’ailleurs (übrigens) und par ailleurs (außerdem).
Es blieb noch Zeit, etwas über das (Ost-) Berliner Ampelmännchen und den Bären von Renée Sintenis zu sagen. Le trophée. (Wieder ein Fehler!)

Graue Energie

Zum 5-jährigen Firmenjubiläum im Dezember schenkte mir mein Arbeitgeber – wahrscheinlich beraten durch meine Managerin -, neben anderem, einen sogenannten Rührblitz der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF), einen Schneebesen, dessen Stäbe in Kügelchen auslaufen, die mich von fern an das Brüsseler Atomium erinnern, und auch an diese Skulptur von, warte. Genau, an die Hans Uhlmann-Plastik im Berliner Hansaviertel (um 1957 dort aufgestellt, laut Wikipedia). Immer, wenn ich in der Ecke bin, suche ich diese Skulptur auf und sage hallo, nicht anders wie ich der Dicken Marie hallo sage, wenn es sich ergibt. Hallo, hallo.

Die Lektüre von Bonjour tristesse habe ich immer mehr verlangsamt, weil ich die Intrige, mit der Cécile die Beziehung ihres Vaters zu Anne zu zerstören gedenkt, nicht gut ertragen kann. (In der genannten Online-Enzyklopädie ist zu lesen, dass seinerzeit der Literaturnobelpreisträger François Mauriac, 69, auf der Titelseite des konservativen Figaro Françoise Sagan einen Verriss widmete, in dem er sie ein „charmantes kleines Monster von achtzehn Jahren“ nannte – reizend! Mit Monstern kennt sich die katholische Kirche gut aus, um so größer ihr Empörungswille.)

Diese Woche gab es einen neuen Song von Rosalía, Saoko, aus ihrem demnächst erscheinenden Album Motomami (ET: 18.3.2022). Krawallig und um eine Minute kürzer als radioüblich. Zwischen 1’30“ und 1’40“ eine kleine Jazz-Einlage, was für sie, glaube ich, neu ist. Das aufreizend gemachte Video nicht so meins, aber wahrscheinlich gut für den Verkauf. (Oh, ich bewundere Rosalías Schönheit, so ist es nicht, maar wat te veel is, is te veel.)

„Das sagen sie natürlich erst, wenn man in der Falle sitzt“, flüsterte ich meinem gitarrespielenden Bruder zu, der mit zum Konzert im Pierre Boulez Saal gekommen war, wo eine Lautsprecherstimme gerade verkündet hatte, dass Ned Rothenberg (Klarinette, Bassklarinette, Altsaxophon) wegen Krankheit leider ausfalle. Nun war ich aber sowieso wegen Mary Halvorson gekommen, die zusammen mit Sylvie Courvoisier die erste Hälfte des Programms bestritt: Gitarre Klavier. Sie spielten Stücke aus ihrem Duo-Album Searching for the Disappeared Hour (2021), Musik, die kaum klassifizierbar ist, eine, wenn überhaupt, abstrahierte Form von Jazz, keine Melodien zum Nachpfeifen.
Bewunderungswürdige Unisono-Passagen. Sylvie Courvoisiers Hände flogen nur so über die Tasten. Sie setzte auch die Handrücken ein: in der Bewegung fließend wie bei Max und Moritz, nachdem sie in den Teig gefallen waren, zum ersten Mal habe ich das bei Don Pullen gesehen, YouTube. Hin und wieder beugte sie sich vor und zupfte die Saiten (es gibt ein Wort dafür), während Mary Halvorson Art, Dauer und Dichte der Gitarrenklänge mit Bottleneck und Wah-WahExpression-Pedal, Loops, Zuspiel, Anreißen der Saiten nahe am Steg, Flageoletts usw. vielschichtig gestaltete, und natürlich mit ihrem Anschlag, mal mit, mal ohne Plektrum, sanft oder zupackend, je nach Erfordernis.

Der Mann in der ersten Reihe, der vor Beginn des Konzerts Wasserflaschen neben Klavier, Gitarrenständer und Schlagzeug abgestellt hatte, und den ich für den Roadie gehalten hatte, entpuppte sich als der Schlagzeuger, Julian Sartorius, der nun, im zweiten Teil des Abends (die Pianistin hatte die Zeit mit dem Smartphone abgenommen, das sie hinter die Tastatur in den Flügel gelegt hatte), das Sylvie Courvoisier 4tet vervollständigen half, soweit mit drei Leuten möglich. Bevor er anfing zu spielen, steckte er sich ein ganzes Bündel Schlegel (Schlägel) in die Tasche, die er im Laufe des Sets nach und nach herausfischte, wie Pfeile aus einem Köcher.
Lässt sich Mary Halvorsons aufgeräumter Gesichtsausdruck auf die Formel „Aufmerksamer Blick zu Sylvie Courvoisier“ bringen, fiel beim Drummer eine überspringende Freude auf, abzulesen an einem großen Lächeln, das ihn selten einmal verließ. Sind Schweizer so? Aber Sylvie Courvoisier ist ja auch Schweizerin. Ihr Gesicht konnte ich allerdings nicht sehen (außer bei den Ansagen, da wirkte sie bestens gelaunt, sagte, auf Englisch, Dinge wie: „Die Melodie müssen Sie sich dazudenken!“ oder: „Von der Maske kriege ich Pickel!“), stellte es mir aber hochkonzentriert vor, wie bei einer Operation im Wettlauf gegen die Zeit. Da lacht man nicht.
War das Duospiel schon dicht gewebt, brachte das Schlagzeug zusätzliche Komplexität – und Energie. Hervorragende Bühnenkommunikation. Das feine Interplay konnte ich besonders gut genießen, wenn ich die Augen schloss, wobei ich nicht in den ‚Fehler‘ verfiel, einzuschlafen, wie der Sitznachbar meines Bruders.

Hostessen überreichten Blumen. Sylvie Courvoisier dankte mit leichter Verneigung – und reichte ihre Blumen gleich ins Publikum weiter. Mary Halvorson behielt ihre in der Hand (verschenkte sie vielleicht auch, später, unbemerkt). Julian Sartorius stopfte den Strauß in eine Öffnung oben in der Basstrommel. Dann verließen sie die Bühne, kamen für eine Zugabe wieder (Mary ohne Blumen).
Ein tolles Konzert. Ehrlich gesagt, ich hätte es mir etwas weniger ungezuckert gewünscht, etwas süffiger, aber es war schon sehr, sehr gut.
Auch der Saal selbst: wunderbar!

Das Atomium als Rührbesen

Das Album Pompeii („a jaw-dropping, eyebrow-raising, swoon-inducing record”, wie das Label auf Twitter et passim schreibt (mal kurz den Philologen herauskehren 🙂 ), grob übersetzt: toll, krass, zum Niederknien) von Cate Le Bon traf am Tag der Veröffentlichung selbst ein, gestern, der Paketbote zeigte es mir aber nur her und nahm es wieder mit, weil auf die Sendung aus einer östlichen Ecke der Vereinigten Staaten von Amerika: Brooklyn, New York, eine Zollgebühr fällig wird (4,20 Euro), die er aus Hygienegründen nicht an der Haustür kassieren durfte. Er gab mir bedauernd eine Zustellbenachrichtigung in die Hand („Eine persönliche Zustellung … leider nicht möglich”), auf der auch eine Auslagenpauschale (6,00 Euro) ausgewiesen war, von der ich nicht weiß, wofür sie ist: vielleicht für die Umstände, die mir DHL bereitet, denn ich muss nun zum Zehlendorfer Damm.
Wie geh ich denn da? Ach so, Ernst Thälmann-Straße, dann Karl Marx-Straße in südlicher Richtung, links (Am Fuchsbau), rechts (Meiereifeld), wieder links (Im Kamp), wieder rechts (Blachfeld), et voilà, easy peasy.
New York würde mich übrigens interessieren, klar, auch Neuengland, während mir San Francisco im Grunde schnuppe ist, würde nicht eine Arbeitskollegin da in der Nähe wohnen, Liane, na ja, Oakland, vielleicht doch nicht gleich um die Ecke.

Ich war noch nie in den USA. Vielleicht kommt das noch. Dringender wäre mir England.
(Ich war noch nie in England.)
Dies Spiel: Ich war noch nie in / auf [Land / Insel] ließe sich beliebig fortsetzen. Ich bin nicht so häuslich wie Kant, aber. Das hat auch mit dem Bewusstsein zu tun, dass der Mensch, sobald er sich fortbewegt, Schaden anrichtet. Touristen zerstören, was sie zu sehen wünschen: Binsenweisheit.
Pompeii – welche Untergänge haben wir zu gewärtigen?

Einlegekarte zu Das erzählerische Gesamtwerk von Denis Diderot. Vier Bände. Herausgegeben von Hans Hinterhäuser. Übertragen von Hans Hinterhäuser, Guido Meister und Raimund Rütten. Propyläen Verlag, Berlin 1966. – Foto: privat

Hier die Auflösung des Rätsels aus dem letzten Beitrag.
Der gesuchte Schriftsteller ist Denis Diderot.
Ich bin etwas verwirrt, da ich mir den Satz anders eingeprägt hatte, aber egal, der Sinn bleibt der gleiche: Ein strubbeliger Kopf ist mir lieber als ein wohlgekämmter.
Weiß nicht mehr, wo ich das her habe, Diderot jedenfalls, ein offenbar gefährlicher Autor.

Bloggerkollege Phorkyas beklagte neulich, dass im Radio so viel von der Krankheit die Rede ist, ohne dass die Wiederholungen der Sache etwas Dienliches hinzufügen würden. Das meine ich auch. Es wird zu viel geredet, wo es nicht viel zu sagen gibt.

Ich habe große Ferien, von gestern nachmittag bis Montag einschließlich. Morgen schreibe ich schon wieder. Ihr könnt mich stummschalten.
Ich gehe zur Post.

Die Collies sehen alle aus wie Richard Gere

Musste ich neulich wieder dran denken, als ich eines dieser gleichmütigen Tiere sah, das vor der Heckklappe eines Autos wartete, bis ein anderer, etwas ungebärdiger, Hund endlich auf die Ladefläche gesprungen war.
Die Tannenbäume, die überall am Straßenrand und auf den Grüninseln liegen, dabei Mariä Lichtmess mit Blasiussegen erst am 2. Februar, und das Russisch-Orthodoxe Weihnachten oder Epiphanias, je nachdem, ist nicht mal einen Monat her, wie auch die mannigfaltigen Illuminationen in Hausnähe brachten mir die Formulierung der „hingekrümpelten Lichtfiguren” wieder in Erinnerung, die ich immer noch gut finde, ha, ha. Diesen Eindruck machen sie (die Lämpchenrentiere, -schlitten usw.) aber eben erst nach dem Fest, das in meinem Fall übrigens besinnlich ausfiel, vorher scheinen sie strahlender und stolzer. (Besinnlichkeit, oder Besinnung, sollte man sich öfter als einmal im Jahr gönnen, beispielsweise im Wochentakt.)

Infolge des Sturms der vergangenen Nacht sehen die ausrangierten Weihnachtsbäume heute gebürstet aus, verdichteter (‚Nadia‘ hat sie zusammengeschoben) und dunkler grün. Kleinere pflanzliche Fetzen liegen auf den Straßen und Wegen, geben diesen einen struppigen Anstrich, steht ihnen gut. Une tête ébouriffée me plaît plus qu’une tête bien peignée. Kleine Rätselaufgabe: Wer hat’s gesagt?

Das Label Mexican Summer hat mir mitgeteilt, dass sie das neue Album (Pompeii) von Cate Le Bon jetzt verschickt haben. Irgendwann im Februar wird es eintreffen – freu ich mich. (Erscheinungstermin ist der 4.2.)

Da schon mein Geburtstagsprogramm ins Wasser fällt, werde ich nächste Tage ein Konzert von Mary Halvorson besuchen, das sie zusammen mit der Pianistin Sylvie Courvoisier, zudem mit Ned Rothenberg (Klarinette, Saxophon, Shakuhachi) (Shakuhachi?) – nicht zu verwechseln mit dem Nachtigallenforscher David Rothenberg – und Julian Sartorius (Schlagzeug) bestreiten wird.
Da mir Mary Halvorson und ihr verbeulter Gitarrensound sympathisch sind, freue ich mich auch hierauf. Außerdem wird es mein erster Besuch im Pierre Boulez Saal sein, auf den ich schon lange neugierig bin.
(Aber in der Philharmonie war ich auch das letzte Mal, als Gennadij Roždestvenskij dort die Uraufführung von Sofija Gubajldulinas Stimmen … verstummen … dirigierte (und die 10. Sinfonie von Dmitrij Šostakovič), das war 1986. Den Kammermusiksaal kenne ich noch gar nicht, der wurde 1987 eröffnet.)

Eine volle Packung Hochkultur also.
Daneben fröne ich weiterhin der Leichten Muse.
Überhaupt werde ich dies Jahr nur Komödien und Musicals gucken, wenn schon draußen alle mit Kanonen herumrennen.

Füllwörter müssen nicht kurz sein

Sie können auch lang sein. Das derzeitige Modewort ist „tatsächlich” – wird zu jeder passenden und, vor allem, unpassenden Gelegenheit benutzt, allmählich entwickele ich einen Widerwillen dagegen, allerdings mehr im medialen Zusammenhang, privat ist es mir einigermaßen gleichgültig. Als Ann-Kathrin Büüsker vom Deutschlandfunk in den ersten Sätzen des „Interview[s] der Woche”, das ich mir andernfalls möglicherweise angehört hätte, das ominöse Wort mindestens vier Mal unterbrachte, zwei Mal davon im selben Satz, schaltete ich das Radio reflexhaft aus. Sie ist eine gute Journalistin, aber es gibt Grenzen der Toleranz. Wenn ich auch sonst kein besonders empfindlicher Mensch bin: hinsichtlich des Sprachgebrauchs bin ich es, bis zur Überempfindlichkeit.

Mein Plan, mich mehr mit Französisch zu beschäftigen, ist bisher gut aufgegangen. Ich habe Bücher auf Französisch gelesen, französische Serien (Nona et ses filles von Valérie Donzelli, u.a. mit Miou-Miou als schwangere Alt-Feministin, Rüdiger Vogler als würdiger Docteur Marcel Trüffel und Barnaby Metschurat als Hebamme; die vierte Staffel von Dix pour cent alias Call My Agent!) und Filme geguckt, war inzwischen auch wieder bei Zadig, wo ich kurze Sätze gesprochen habe („Vous avez deux livres pour moi”, „Je paie comptant”) – lächerlich, aber ein Anfang.
Über einen Vokabelfehler in einer E-Mail an das Zadig-Team habe ich mich geärgert.
Ich werde sie morgen abholen kommen: „Je viendrai les chercher demain”, so muss es heißen, und nicht „Je verrai les chercher demain”. Aber na gut, immerhin ist es mir aufgefallen. Es besteht Hoffnung.
Als nächstes werde ich ein Online-Konversationsprogramm mit einer Dame in Nordfrankreich starten. Ein Skype-Konto habe ich jetzt eingerichtet (Spitzname: Snoopy12), es nur noch nicht getestet. Wenn diese technische Hürde genommen ist, kann es losgehen.

In der Buchhandlung hat mein neuntes Jahr angefangen. Ich tu die Arbeit immer noch gerne, es spricht also nichts dagegen, dass ich die Montage zwei bis vier auch fürderhin bei Shakespeare and Company verbringen werde.

Die andere Firma wünscht sich, dass ich smart bin und will Beweise. Meine Arbeitstage werden aber von regulären Tätigkeiten aufgezehrt, so dass ich mein „berufliches Wachstum” aufs Wochenende werde verschieben müssen – oder ich setze mich jeweils vor Arbeitsbeginn an den Computer, das ginge auch (theoretisch).

Ein Buch, in dem ich blättere, doch vielleicht entschließe ich mich ja, es ordentlich zu lesen, sind die Gespräche von und mit Julien Gracq. (Ein Mensch, der stur sein Ding macht, hat immer meine Anerkennung.) Gleich, wo man diese Gespräche aufschlägt – man könnte mit einem Messer irgendwo hineinstechen und aufs Geratewohl lesen -, immer findet man eine bemerkenswerte Aussage:
„Ich schreibe langsam und mühsam, ein bißchen schneeballartig.” (S. 6)
„Leider gibt es kein großes gesellschaftliches Leben oberhalb von 4000 Metern Höhe!” (S. 28)
„Ansonsten glaubt ein Schriftsteller natürlich immer an das, was er tut – was für eine traurige Beschäftigung wäre das andernfalls! Wollte man näher definieren, was es heißt, ‚an das zu glauben, was man tut‘, dann müßte man recht komplizierte Überlegungen anstellen.” (S. 119)
Usw. usw. Alles super!

Julien Gracq (bürgerlich: Louis Poirier), Gespräche. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. 248 Seiten. Literaturverlag Droschl, Graz – Wien 2007. 23,00 Euro

Möppkes

Hier waren Wildschweine zugange

Eine Tasse Kaffee, Möppkes (= Plätzchen) und ein Buch vor der Nase: das scheint mir ein Muster des Idealen.

Silvester war ich bei einer Freundin. Draußen eine Wärme, dass ich meinen ferrariroten Kapuzenpullover ausziehen musste, aber die Wohnung war kühl, da habe ich ihn wieder gebraucht. Zwei weitere Gäste waren geladen, kamen nicht.
Wir besprachen Ideen für das Neue Jahr, Job wechseln (nicht ich), wegfahren, Fremdsprachen pflegen: für sie Hebräisch (und Englisch; Französisch gibt sie für verloren, vielleicht etwas voreilig?), für mich Französisch (Italienisch Englisch), Buch an den Start bringen (nicht ich), wichtige Leute treffen (nicht ich), eine Freundin finden (gleich im Januar, ich), das ließ sie unkommentiert, Privatheiten offenbar nicht in ihrem Fokus.
„It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.” (Jane Austen, Pride and Prejudice)
Na, heiraten, lieber nicht.

Gegen Mitternacht rüber zur Verwandtschaft in der Oderberger, Feuerwerk, ohrenbetäubendes Geknalle, Kinder mit Wunderkerzen konzentriert andächtig, Champagner aus Plastikbechern, in Richtung Friedrich Ludwig (Turnvater) Jahn-Sportpark hatte die Feuerwehr ihre Löschfahrzeuge vor die Garage gefahren und das blaue Partylicht angeschaltet, ein aus Richtung Kastanienallee ansausender Rettungswagen mit der Durchsage: „Frohes Neues Jahr!”.
Die aus den oberen Fenstern abgeschossenen Raketen knallten gegen die Fassade auf der anderen Straßenseite.
Ich dachte an die Tiere.
In Zehlendorf waren alle Taxis ausgeflogen, also lief ich zu Fuß nach Hause, vierzig Minuten. Viertel nach zwei kam ich an.

In Afghanistan wächst die Wüste. Im Jemen sterben Kinder an Unterernährung. Auf Madagaskar herrscht Hunger. In Europa ertrinken Flüchtlinge. Die Erde geht kaputt, mächtige Männer machen sich Gedanken darüber, wie Konflikte am Köcheln gehalten werden können, andere mächtige Männer freuen sich wie die Kinder, dass sie den Weltraum erobern können. Der Gründer von Spotify investiert in Militärtechnik (ich habe Spotify von meinem Telefon gelöscht). Die alte Bundesregierung genehmigt kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt Waffenexporte in Milliardenhöhe.
Es ist vor diesem Hintergrund, dass wir uns ein Frohes Neues Jahr wünschen.
Ich will nicht pessimistisch sein.

Freude bereiten mir Balzac (Gobseck), Snakefinger (Greener Postures – nicht grünere Weiden/pastures, sondern (Körper-)Haltungen) und Jacques Becker, dessen Film Goldhelm ich mir heute nachmittag angesehen habe: ein Genuss!
Im übrigen bin ich zufrieden, dass wir eine neue Regierung haben.

Zum Schluss ein in gleichem Maße staubtrockenes und fesselndes Stück des Quartetts von Adam O’Farrill … womit es seine Bewandtnis hat: „Blackening Skies, was written from a climate change-induced anxiety, having experienced a scorching heatwave in NY within days of a summer monsoon in LA.” – Kevin Sun („Blackening Skies wurde aus einer durch den Klimawandel verursachten Angst heraus geschrieben, und der Erfahrung einer sengenden Hitzewelle in New York, nur Tage nach einem Sommermonsun in Los Angeles.”)
Etwa eine Minute und zwanzig Sekunden tritt die Musik auf der Stelle, dann kommt mehr Bewegung hinein, sie bleibt aber faszinierend sparsam und spröde in ihren Mitteln. Etwa bei der Hälfte scheint die Musik zu verebben, ehe das Solo des Saxophonisten Xavier del Castillo beginnt.
Visions of Your Other ist eine tolle Platte, und ich beglückwünsche alle, die sie hören können. (Das Label verschickt übrigens nur Booklets und – statt einer CD – einen Download-Code.)
„Die Mischung aus Struktur, Feuer und Lakonie ist einzigartig. Herausragend”, schrieb ein Kritiker bei Bandcamp. Dem kann ich mich nur anschließen 😉