Leichtmütig bleiben

– eine Übung.

[gestrichen]

Eine weitere Mail, schon einige Tage her, von Kimbra, mit der schwungvollen Anrede: „Kimbro’s!”
Sie beeilt sich, hinzuzufügen: „IRL I call everyone bro (it’s a very Kiwi thing) so feels apt.” – Wieder eine Abkürzung, die ich nachgucken muss, aber kein Problem. In real life.

„… features some of the most evocative processed vocals since Imogen Heap’s „Hide and Seek.“ ” – Heather Phares, AllMusic

Im wesentlichen verkündete sie, dass dies Jahr neue Musik von ihr erscheinen wird.
Sie verlinkte auch einen Podcast, Switched On Pop, eine knappe Stunde über einen zehn Jahre alten Hit und über das, was für sie daraus folgte. „I just believed in the power of possibility” – vielleicht durch das Alter begünstigt, sie war damals 20 oder 21 Jahre alt.

Ich lese zur Zeit (wieder) eine Fragment gebliebene Erzählung Mallarmés, Igitur ou La Folie d’Elbehnon. Igitur ist als Personenname zu verstehen, ebenso (wahrscheinlich) Elbehnon. Mallarmé hat vor allem in den Jahren 1869/1870 an dem Text gearbeitet, möglicherweise auch schon früher und später noch. Die Editionslage ist kompliziert, das Buch vermittelt einen Eindruck davon, indem zum Beispiel eingangs eines Absatzes vermerkt ist: [fos 32 ro, 33 ro, 34 ro, 35 ro, 36 ro], was heißt, dass sich der gedruckte Text auf den jeweiligen Vorderseiten der genannten Blätter eines wohl recht unübersichtlichen Manuskripts befindet, das insgesamt ungefähr fünfzig Blätter umfasst, in verschiedenen Größen, mal mit Tinte, mal mit Bleistift beschrieben, und natürlich mit Durchstreichungen, Überschreibungen … Die erste Edition datiert von 1925, Herausgeber war Dr. Edmond Bonniot, Mallarmés Schwiegersohn. Ich lese die neuere von Bertrand Marchal. [Sie basiert auf der von ihm erarbeiteten zweibändigen Mallarmé-Werkausgabe in der Bibliothèque de la Pléiade (1998/2003). Inzwischen (2006) hat der schottische Mallarmé-Forscher Gordon Millan den Text neu herausgegeben, siehe – bei Interesse – hier.] Während sich le Dr Bonniot darum bemüht hatte, eine glatte Lesefassung herzustellen, liefert Bertrand Marchal mehr einen Bausatz, beispielsweise enthält ein Kapitel gleich fünf, mit griechischen Buchstaben ’numerierte‘, Versionen der Szene, wie Igitur (Also) das Zimmer verlässt, um sich in den Keller des Hauses zu begeben, wo es einen Würfelwurf auszuführen gilt.
Auch die gestrichenen Passagen bleiben erhalten, werden nur als solche kenntlich gemacht.
Mallarmé ist eine mysteriöse, sich entziehende Gestalt. Als vor einigen Jahren eine Biographie über ihn erschien, war eine Kritik überschrieben: „Mallarmé gets a life.”

Im Fernsehen war ich sehr von der norwegischen Serie Beforeigners angetan, die davon handelt, wie weltweit – auch in Oslo – Flüchtlinge aus vergangenen Zeiten ankommen, Wikinger, Steinzeitmenschen und Leute aus dem 19. Jahrhundert, die sich, so gut es geht, in die Gesellschaft einfügen und, darum geht es in erster Linie, der Osloer Polizei bei der Verbrechensaufklärung helfen. Originell, witzig, gut gemacht.
Da ich Zarah – wilde Jahre und Unit 42 bereits gesehen habe, zur Zeit keine weitere Serienkost für mich (was sonst im Angebot ist, spricht mich nicht an).

Mit meiner Schwester bei Dussmann, wo ich mir das neue Album von Françoiz Breut gekauft habe, Flux Flou de la Foule. Daraus hier die Single.

Heute nachmittag lag wie eine hübsche, wenngleich überraschende, Bordüre eine Ringelnatter vor dem Eingang zum Wohnzimmer, züngelnd. Sie nahm in einer schönen Schlängelbewegung etwas Abstand zum Haus, kroch dann die Mauer entlang, die die Terrasse vom Garten trennt, und entschwand durch eine schmale Öffnung ins Grüne. Très joli!

8 Kommentare zu „Leichtmütig bleiben“

    1. Danke! Ich brauchte ein Wort, das schwerer war als leichtsinnig (mir wesensfremd). Was konnte da besser passen als eines, in dem sich das Gegenwort, schwermütig, durchdrückt!

      1. Das ist ja (für mich) das Schöne an diesem Wort, dass es etwas ganz anderes ist als Leichtsinn, kaum zu glauben, dass noch niemand zuvor auf die Idee gekommen ist das Leichte mit Mut zu koppeln, aber vielleicht auch wieder nicht. Jedenfalls sehr schön, dass es dank dir dieses Wort jetzt gibt!

        1. My pleasure! (Entschuldige, ich rede und schreibe an vier Tagen in der Woche Englisch, das muss abfärben …) Ich entlasse es hiermit in die Freiheit 🙂 Prima, dass Du an Mut denkst, während ich mich auf Gemüt beziehe. So soll es sein! Ein Wort zieht seine Bedeutungen an, und die, die es anzieht, stimmen dann auch.

  1. Diese ganzen Doppel- und Mehrdeutigkeiten der Worte. Ich finde das nach wie vor aufregend. Du kennst sicher Uljana Wolfs „Meine schönste Lengevitch“. Da spielt sie so meisterhaft mit diesem Phänomen. Auf den Mut des Gemütes zu sein, was es gerade sein will.

    1. Nein, ich kenne nur ihre ersten beiden Bücher, kochanie ich habe brot gekauft (2005) und Falsche Freunde (2009). Darüber hinaus teilen wir uns den Geburtstag. Ich habe also einiges nachzuholen. Danke für die Anregung!
      PS. Ich frage mich, ob außerhalb der Bereiche der Musik und des Sports – Instrumenten-/Körperbeherrschung – die Verbindung von Spiel und Meisterschaft stimmig ist, und ob es nicht mehr die fehlende Meisterschaft ist, das (potentielle) Ausrutschen und Fehlgehen – Ausrutschen und Fehlgehen sind gemäß dieser Auffassung falsche Ausdrücke -, die das Spielerische ausmachen, auch die Unwiederholbarkeit vielleicht. (Dann würden auch Spiel und Verschwendung (von Ideen) zusammenhängen, die nur einmalige ‚Verwertung‘ eines Geistesblitzes. H.C. Artmann kann z.B. schreiben, dass Mäuse fledern – und das ist toll! – aber diese Sprachverwendung ist damit ausgespielt und kann nicht wiederholt werden.)

      1. Im Gegensatz zu dir sehe ich da keinen wesentlichen Unterschied zwischen Sport, Musik und Literatur. Die Frage ist vielleicht auch, ob Meisterschaft das Spielerische ausschließen muss? Könnte man nicht Meisterschaft erlangen im Spielerischen? Für mich eine ganz wesentliche Eigenschaft, um das zu schreiben, was für mich relevante Literatur ausmacht (ich denke da ganz besonders an Anne Carson z.B.) Und was Uljana Wolf und ihre „Meisterschaft“ ausmacht, ist – glaube ich – gerade die Zurücknahme des Eigenen, auch der Idee, dass etwas richtig und allgemeingültig sein könnte, und an diese Stelle ein sehr genaues Hinschauen und Hinhören zu setzen, die Sprache selbst zu Wort kommen zu lassen, sozusagen.
        Über Verschwendung denke ich noch nach. Ich glaube, das ist auch ein ganz wichtiger Punkt.

        1. Schließt Meisterschaft das Spielerische aus? – Nein. Die phantastischen Erzählungen von Borges oder Calvino, die Gedichte von Morgenstern und Ringelnatz (oder Brigitta Falkner) haben zweifellos ein spielerisches Moment. Dennoch ist mir im Zusammenhang mit dem Spielerischen das Meisterliche erst einmal egal.
          Du kennst doch diese Pappbücher mit waagerecht zerschnittenen Seiten, mit denen man absurde, wohlgebaute Sätze legen kann: „Das nachtblaue Wasserschwein raucht eine gemütliche Erdbeere.” Da würdest Du auch nicht nach Meisterschaft fragen …
          Ich würde – wenn – die Frage umkehren, in dem Sinne, ob das Spielerische sich nicht auch (aus Versehen) als Meisterschaft manifestieren könnte.
          Aber das, wie gesagt, interessiert mich nicht. Das Entscheidende ist (in meinen Augen) das Spielen, ins Blaue hinein. Bestimmt lässt es sich darin auch zur Meisterschaft bringen. Aber was soll’s! Die Beweglichkeit der Sprache zu erleben, ihre Formbarkeit, ihren Eigensinn … auch ihre immerwährende Einladung anzunehmen, von allen Teilnehmern der Sprachgemeinschaften miterfunden zu werden – darum geht’s (mir).

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