Dauernebel

Zeitschriften sind geheftete oder gelumbeckte Periodika, die man am Kiosk, im Bahnhof, in der Tanke, wenn man schon kein Auto fährt, oder beim Rewe kauft, oder vielleicht sogar abonniert hat, und die dann meist ungelesen herumliegen oder aus einem Regalfach herauslappen. Das ist ja auch nicht weiter schlimm.

Betrunkene mit verrutschen Masken und quarkfetten Stimmen wankten mir am U-Bahnhof Spichernstraße entgegen, wo ich in die 3 stieg, die mich getreulich Oskar-Helene-Heim absetzte. Dort in den 115er, Neuruppiner. Feierabend.
Wenn ich wach genug bin, lese ich im Novemberheft der MusikTexte, das einen Schwerpunkt zum Thema Akustische Ökologie hat (von der ich vorher noch nie gehört hatte, aber ich kenne mich auch nicht aus). In seinem frei zugänglichen Beitrag Der wohltemperierte Regenwurm. Zur Naturbeziehung digitaler Musik erklärt Bernhard König mit Bezug auf den Schweizer Klangforscher Markus Maeder, was das zum Beispiel heißen kann: „den Trockenstress verdurstender Bäume oder die Fruchtbarkeit von Böden hörbar [machen]”.

Freude hatte ich auch an dem – Adornos Das Altern der Neuen Musik (1954) (das höre ich mir jetzt aber nicht an …) aufgreifenden – Essay „Vom Neuern der alten Musik” von Christoph Haffter, der auf anregende Weise das Phänomen der breiten Präsenz der Musik vergangener Zeiten im Musikleben der Gegenwart beleuchtet. Der Autor wendet die Frage: Ist das noch Musik?, mit der neue Musik häufig konfrontiert ist, gegen die alte Musik, denn:
„Kunsterfahrung ist das Gegenteil von Bescheidwissen.”
Wenn man aber nach einem Takt schon weiß, wie es weitergeht, dann ist wohl eher Trivialität als Kunst im Spiel.
Ist alte Musik also tot? – Nicht unbedingt, beruhigt der Verfasser, und rekapituliert einige neuere Klassikinterpretationen (Vivaldi, Tschaikowsky), die etwas vom Schock (Choc, hätte Adorno snobistisch geschrieben) erfahrbar machen, die die betreffenden Kompositionen einmal ausgelöst haben müssen. Allerdings gibt er zu bedenken, dass die Deutung der Alten als Zeitgenossen (aus) der Vergangenheit möglicherweise nicht statthaft ist.
„Eine echte Erneuerung der alten Musik müsste die Musik nicht neu, sondern alt erscheinen lassen.”

Das oben verlinkte Stück von Adam O’Ferrill und seines Stranger Days genannten Quartetts hatte die New York Times neulich vorgestellt. Unter den versammelten fünfzehn Tracks aus Pop und Jazz von Taylor Swift bis Moor Mother gefiel mir Ducks am besten.
Und weil ich in DJ-Laune bin, hier noch zwei Videos aus Great Britain, einmal die aberwitzig fingerflinke Band von Squarepusher, Shobaleader One, mit einem längeren Live-Set, und Dua Lipa (wie kann man hier Herzchen einfügen?) mit – na, ihr seht’s ja.

Leisheit, Klang, Verklingen, Stille

„The only one who can speak of boredom is the one who isn’t really paying attention to what’s happening.” – John Cage

Neulich entdeckte ich, dass die Radiogespräche, die John Cage und Morton Feldman in den 60er Jahren geführt haben, im Internet als Audiodateien verfügbar sind. (Ich sah sie erst bei YouTube, aber UbuWeb hat sie auch.) Die zweisprachige Buchausgabe in der Kölner Edition MusikTexte (1993), die ich mir damals gekauft hatte, Radio Happenings, hätte ich wahrscheinlich nie komplett gelesen, aber jetzt habe ich mir vorgenommen, mir die Interviews anzuhören und mitzulesen. – In der Transkription tauchen regelmäßig die Kommentare auf: „(laughs)” und „(both laugh)”. Gehören Humor und Geist zusammen? Ich würde es unbedingt bejahen, aber vermutlich gibt es Gegenbeispiele.
Morton Feldman, der als 18-jähriger in die Firma seines Vaters eintrat, eines Herstellers von Kindermänteln, und daneben auch in der Trockenreinigung seines Onkels arbeitete, erzählte, wie sein Mentor Stefan Wolpe, der aus Nazi-Deutschland emigriert war, in einer Kompositionsstunde an das Fenster seiner Wohnung in Greenwich Village trat, nach draußen wies und von seinem Schüler forderte, er müsse für den Mann auf der Straße komponieren – worauf Feldman auch nach draußen guckte und Jackson Pollock vorbeigehen sah, den Maler des Abstrakten Expressionismus, und, na, für diesen Mann auf der Straße wollte er den Rat wohl beherzigen. (Dies lese ich bei Alex Ross, The Rest is Noise. Listening to the Twentieth Century.)
Feldmans zweiter Mentor war Edgard Varèse. Der hatte ebenfalls einen Rat für seinen Schüler: Musik als Anordnung von Objekten im Raum zu begreifen. Damit konnte „Morty” (wie er wohl allgemein genannt wurde) etwas anfangen.
So kam es, dass ausgerechnet Varèse, dessen Werke reichlich Schlagzeug und oft auch Sirenengeheul verwenden und durch eine enorme Schallhärte charakterisiert sind, Varèse, der als einer der ersten für Schlagzeug solo komponierte (nur Schostakowitsch war schneller), zu einer wichtigen Inspiration für einen Komponisten wurde, dessen Werke selten über den Piano-Pianissimo-Bereich hinausgehen.
Im persönlichen Umgang muss Feldman übrigens ganz anders gewesen sein als sein introvertiertes Klanguniversum es vermuten lässt. Ich zitiere Alex Ross:
„As a conversationalist, he was verbose, egoistical, domineering, insulting, playful, flirtatious, and richly poetic – one of the great talkers in the modern history of New York City.”
In den Radiogesprächen zeigen sich, beinahe spielerisch, die unterschiedlichen künstlerischen Auffassungen Cages und Feldmans. Cage sagt zum Beispiel, Feldman möge sich vorstellen, irgendwo würde seine Musik aufgeführt, und eine Tür zu einem Nebenraum stünde offen, und von dort wäre ein Radio zu hören:
„Let’s imagine, just to make the conversation consistent, that the concert is in a room, and that one door from that room is open, and in the room upon which it opens, radio music is audible. Now, must that door be closed or may it be left open?”
„I would like the door to be left open, but without the radio (burst of laughter from Cage). You see, I want to leave the door open, but of course …”
Während Cage an den Strand fährt, die Leute haben ihre plärrenden Transitorradios dabei, und er denkt: Hey, die spielen meine Musik!

Gut, das scheint mir also ein schönes Kulturprogramm für die Weihnachtszeit.
Und wieder schätze ich mich glücklich, dass ich den Computer einschalten und Rothko Chapel hören kann, oder Dua Lipas Tiny Desk (Home) Concert, oder irgendetwas anderes, das mir gerade einfällt. Vielfalt und Kontrast sind immer belebend.
(Ich würde mich nicht als Fan von Dua Lipa bezeichnen, habe aber Respekt vor ihrer Pop-Startum-Schwerarbeit, freue mich, dass sie gut mit ihren Leuten umgeht und bin ihr dankbar, dass sie viele Menschen, nicht zuletzt in den USA und in England, für eine Weile ihre Misere vergessen ließ und lässt. – Erst gestern las ich in der taz, dass zum Jahreswechsel „bis zu 30 Millionen Menschen” in den USA der Wohnungsverlust droht – ist das zu glauben?!)

Gebt mir mehr Zeit, schreib ich auch mehr.

Wer neugierig geworden ist:
John Cage bei Mode Records, New York
Morton Feldman bei Mode Records, New York
Alex Ross The Rest is Noise (Summary)
John Cage / Morton Feldman Radio Happenings (MusikTexte, mit den Originalaufnahmen)
UbuWeb Sound – Morton Feldman
UbuWeb Sound – John Cage