Weiter im Text

„Sehr geehrte Fahrgäste, der Zug endet hier. Die Türen öffnen automatisch. Ich wünsche Ihnen einen schönen Freitagabend. Ihr Lokführer”. – Dies Wunder ereignete sich gestern abend gegen 22.00 Uhr in Berlin-Zehlendorf.
„Das ist ja ungewöhnlich!” sprachen gleichzeitig drei Damen, die mit mir an der letzten Tür des letzten Wagens standen, oder es kam mir nur so vor, dass es drei waren (oder ich sage drei als Katholik, weil es eine heilige Zahl ist), denn ich erinnere mich jetzt nur an eine, das herbe Gesicht aufgehellt von den freundlichen Worten aus Wagen eins.
(Es waren sieben, sieben oder zwölf.)

In der Buchhandlung blätterte ein Herr (er hatte vorher angerufen und stellte sich im weiteren Verlauf seines Besuchs als Mathematiker vor) in Anita Albus‘ Bild-Text-Buch Sonnenfalter und Mondmotten, lobte es über den grünen Klee (blätterte auch sehr vorsichtig), monierte aber, dass Frau Albus nicht die Maße der Originalblätter angibt (an Sibylla Maria Merian reicht sie nicht heran). Das finde ich auch doof.
Er seufzte. Nicht wenige der abgebildeten Schmetterlinge sind nun ausgestorben/im Aussterben begriffen/werden aussterben.
Von seinem Stuhl her nannte er eine mir nicht bekannte Art. „In Europa ausgestorben”, sagte er.
„Aber anderswo noch da?”, fragte ich dumm.
„Nein, das war eine europäische Art”, sagte er betrübt.
Unverdrießlicher Hoffer, der ich bin (das Wort gibt es nicht, ich werde es hier einmalig benutzen, und dann nie wieder), meinte ich, dass eine Verringerung des Pestizidverbrauchs das Artensterben vielleicht aufhalten könne, aber das stritt er ab. Der Mensch habe die Welt so tiefgreifend verändert

Let’s not even go there, würde mein englischer Arbeitskollege sagen.*
Der Herr war nun an die Theke gekommen und bezahlte.
Auch der Begriff der Realität löse sich ja auf, setzte er das Gespräch fort, während er die PIN eintippte (es sei denn, er bezahlte bar, es waren so viele Kunden an dem Tag, alles verwirrt sich im Rückblick).
Sein Gehirn unterscheide nicht, ob ich ein Mensch oder ein hochauflösendes Pixelbild sei.
„Ich bin kein Roboter”, erklärte ich amüsiert.
Er aber meinte, diesen Satz könne auch ein Roboter sagen, oder ein Hologramm. Doch dann kam eine Kundin, die einen Kalender über den Harz haben wollte, „für die Verwandtschaft”, und da lachte er sehr freundlich und ging.

* Ich lerne auf der Arbeit manch nützliche Ausdrücke und Redewendungen. Meine Favoriten diese Woche:
discombobulated (= verwirrt, verworren)
and bobs Bob’s your uncle (= das war’s schon).
Ich bin es so gewöhnt, Englisch von Nicht-Engländern gesprochen zu hören, dass ich Schwierigkeiten habe, Muttersprachler zu verstehen. Gilt auch in umgekehrte Richtung. „Say it again”: das hört man öfter.

12 Kommentare zu „Weiter im Text“

  1. den hoffer finde ich gut und möchte ich doch gern wieder lesen.
    ich mag deine „schnipsel“ hier.
    letzte woche war ich übrigens in kevelaer. ich hab grüße von dir
    bestellt, ich hoffe, das war richtig so.
    🙂
    ein gutes wochenende dir!
    die englischen ausdrücke habe ich übrigens zuvor noch nie gehört
    und immerhin habe ich ein jahr in england gelebt. insofern verstehe
    ich das „say it again, please“ gut, hätte ich vermutlich auch gesagt,
    hättest du es hier nicht aufgeschrieben.

  2. Ich finde das Wort „Hoffer“ nicht gut (ist der Name „Hoffa“ schön?), denke aber, es könnte in Reisegedichten manchem Poeten als „Koffer“-Paarling gute Dienste leisten. Was ich hingegen sehr gut finde, ist der Denkmuff-Stil, auch wenn er sich im Dickicht versteckt. (Auch „im Dickicht“ finde ich nicht gut, aber darüber haben wir uns ja schon mal ausgetauscht.) Der Denkmuff hat einen Eigensinn und eine Trotzigkeit, die mich jedes Mal beglücken, weil sie gepaart sind mit einer Menschenfreundlichkeit, die man nicht für möglich hält!
    Eine Frage noch: „And Bob’s your uncle“, oder? Oder ist das ein Verb?

  3. Der Hoffer klingt nach einer Handke-Figur. („Lange Zeit hatte Hoffer den Farbwechseln der Fjorde mit den Augen nachgelauscht, bevor er seine Frau erschlug und aus dem Iglu schleifte, eine Spur wie von toten Heulern zurücklassend.“)

  4. Na, Robert, jetzt erinnerst Du mich an Klaus Hoffer und an sein Buch Bei den Bieresch, das ich lange schon mal lesen wollte (https://www.droschl.com/buch/bei-den-bieresch/). – Vielleicht klingt „Der Hoffer” nach einer Handke-Figur, aber das Pseudozitat klingt nicht nach Handke, bzw.: Ich wünschte, dass das Suhrkamp-Lektorat, von dem ich nicht weiß, ob es seinen berühmten Autor überhaupt lektoriert, diesen Satz angestrichen (durchgestrichen) hätte. Handke schreibt seine Sachen aber meines Wissens mit Bleistift und fügt Zeichnungen ein, und ich kann mir nicht vorstellen, dass da jemand reinmalt.

  5. Let’s not even go there bedeutet so viel wie: Lass uns nicht darüber sprechen. – Im obigen Zusammenhang eher: Und was das bedeutet, möchte ich mir lieber nicht vorstellen.
    @wolkenbeobachterin Das hast Du gut gemacht! Danke. – Selbst als Zweifler (der ich vor allem bin) würde ich es mir sogar gefallen lassen, wenn jemand dreißig Cent in den Opferstock werfen wollte, um an der Kerzenkapelle eine Kerze für mich anzuzünden, verbunden mit den entsprechenden guten Wünschen (Liebe, Liebe, usw., Gesundheit, $). Aber vielleicht müsste man da nicht mal in Kevelaer sein, vielleicht ginge auch Wedding oder Charlottenburg-Nord, wer weiß.
    Dir auch einen schönen Sonntag! – Wo in England warst Du denn, wenn ich fragen darf? – Ich war noch nie in England, aber möchte gerne mal hin. Meine nächste Auslandsreise geht aber wahrscheinlich nach Belgien. Viele Grüße!

  6. Liebe Gerda, das Liken geht, glaube ich, nur noch über den Reader (wo ich allerdings nicht sehen kann, wer geliked hat). Hier im Blog habe ich es im Mai (ich meine, Mai war’s) abgeschafft, zusammen mit der Teilen-Funktion. Ich wollte nicht, dass mir innerlich fern stehende Leute ihr Bild unablösbar unter die Beiträge kleben, um für ihr eigenes Blog zu werben. Es ging mir also darum, die Knalltüten zu entwaffnen und uninteressant für die zu werden, die mich nicht interessieren. (Einer meiner jüngst hinzugekommenen sog. Follower ist es nur darum, um mir durch die Blume zu sagen, dass er auf seinem Blog zeigt, wie man schöne Gestecke macht.) – Für die freundlichen Leute z.B. aus dem norddeutschen Flachland, vom linken Niederrhein, aus Bayern, Berlin oder aus dem Mittelmeerraum, zu denen ein Band besteht, tut es mir leid.
    Die Teilen-Funktion gibt es nicht mehr, damit die Big Brother-Konzerne möglichst nicht von mir profitieren. (Schlimm genug, dass Google hier so präsent ist, über YouTube.)
    Niemand muss etwas Gescheites zu meinen Posts sagen. Die sachbezogene Reaktion an sich freut mich schon! Viele Grüße und eine schöne Vorweihnachtszeit! Meinolf

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