„don’t kill me i’m in love”

lautet der Text einer Postkarte, die ich als Lesezeichen verwende (es gibt weitere Lesezeichen zwischen den Seiten des dicken Buches, Servietten römischer Cafés, ein Papiertaschentuch, eine Postkarte mit der Aufschrift „December” und andere), ich habe sie mal bei Drucken Heften Laden gekauft, der Ausstellung von Do it yourself-Verlegern und Herstellern von Kleinstauflagen (10 Exemplare je Veröffentlichung oder mehr). Ich wollte immer mal für Nachschub sorgen, vielleicht auch das „don’t kill me i’m in love”-T-Shirt kaufen, gar nicht von Nachteil in einer Aggrostadt wie Berlin. Wobei die meisten Leute ja friedlich sind, aber gestern habe ich gesehen, wie ein Mann mit Halstattoo einen anderen Mann getreten und niedergebrüllt hat, der ging zu Boden, fing sich mit einer Hand ab, konnte sich retten. Manche würden töten.
Was man sonst so miterlebt, sind eher Gespräche zwischen älteren Damen über den Nutzen der Schüßlersalze oder endlose Telefonate mit der Versicherung wegen eines Baustellenschilds, das beim letzten großen Sturm auf ein vielleicht nicht einwandfrei geparktes Auto gekippt ist.
In der Bahn sang einer zur Gitarre „White Christmas”. Es wird kaum der Wham-Song gewesen sein, und wenn doch, dann war es ein sehr freies Cover, denn es traten erkennbar nur diese beiden Worte heraus aus einer ansonsten undurchdringlichen Lautdecke, übrigens mit guter Singstimme vorgetragen. Der Mann nahm die Münzen mit knapper Verbeugung entgegen und stieg in den nächsten Waggon. Das letzte Mal, als ich ihn sah, hatte er „O Tannenbaum” gesungen.
Es gibt auch lausige Musiker, oder gute, die „Halleluja” auf Oboe oder Saxophon verschnulzen, und an den U-Bahn-Abgängen sitzen Russen mit selbstproduzierten CDs auf dem Akkordeonkoffer und spielen (meistens) Vivaldi, aber in Kreuzberg/Neukölln, Schönleinstraße, ist es ein Türke, Urberliner wohl, der empfindungsvolle Lieder singt, da wünscht man sich längere Wartezeiten bis zur nächsten Bahn und schaut verwundert die Treppe hoch, wenn die Musik schweigt, aber da hängt das Akkordeon bloß über dem Bauch, weil der Spieler telefoniert. Denn mögen aus den Liedern die Schmerzen der Jahrhunderte sprechen, oder Schmerzen, die über Jahrhunderte gleich geblieben sind, Smartphones haben die Leute, und das soll ja ruhig so sein.
„in love” bin ich nicht, außer vielleicht in entlegenem Sinn, also zum Beispiel, dass ich den Duft abgebrannter Streichhölzer mag oder den Ruf der Wildgänse – in Dunkelheit und Nebel waren sie nicht zu erkennen, als ich die lange Berlepschstraße lang lief, aber ich hatte keinen Zweifel, dass sie über mir ihre kurznasige Eins flogen.
Ich bin diese Strecke in der letzten Zeit öfter gelaufen, vierzig Minuten, wenn ich keine Lust hatte, in Zehlendorf auf den Bus zu warten.
Die Elstern: immer topschick angezogen.

Die besagte Postkarte ist von Bruno Nagel, brunonagel.de, (c) 2006

4 Kommentare zu „„don’t kill me i’m in love”“

  1. Liebster Meinolf, wenn es ‚White Christmas‘ war, dann dieses: https://de.wikipedia.org/wiki/White_Christmas wenn es von ‚Wham‘ war dann hieße es ‚Last Christmas‘ (das wird irgendwann als ‚der schlimmste Ohrwurm aller Zeiten‘ in das Guiness Buch der Rekorde einziehen)…..
    T-Shirt-Botschaften haben mich immer schon fasziniert, auf Halde liegt bei mir noch ‚Guantanamo Holiday 2001 – Central Intelligence Airways (CIA)‘ der große Renner auf dem Höhepunkt des Ballermann Hypes war „Alles Schlampen – außer Mutti!“ , Immer doof bleibt sowas wie „Bier schuf diesen vollendeten Körper“ oder „Pornoproduzent“ , der Musiksender MTV warb mit dem Bild eines Mädels mit „Verwöhntes Blag“ oder einfach „Zicke“ von mir gab es eines mit „Wer glaubt ein Volksvertreter vertritt das Volk, der glaubt auch dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet“
    ‚In Love‘ bin ick ooch…
    Een heel mooie zondag nog
    Tobias

  2. Lieve deugd, beste Tobias, ik hebb Irving Berlin met George Michael verwisseld! Maar dat kan voorkomen. Danke für die Aufklärung! Bei den T-Shirt-Aufschriften, die Du nennst, fällt mir eine englische Modeschöpferin ein, die politische Slogans zu ihrem Markenzeichen erhoben hat (was ich heikel finde, weil eine Antihaltung nicht für kapitalistische Verwertung geeignet ist – da machen es die Femen-Aktivistinnen, für die ich ansonsten keine Sympathien hege, besser). Grundsätzlich ist dagegen aber nichts zu sagen, und wenn zum Beispiel der Spruch „Jute statt Plastik”, den ich aus Kindheitstagen kenne, wieder stärker ins Bewusstsein dringen würde, wäre viel gewonnen. (Mir gefällt Günther Oettingers Idee, Plastik zu besteuern.) Ich habe nur zwei ‚Botschaften‘-T-Shirts; auf dem einen steht „Drawing A Goddess” und zeigt einen Pfeife rauchenden Mann an der Staffelei, der konzentriert eine Rita Hayworth ähnlich sehende Frau zeichnet; das andere ist ein Tourihemd aus Italien: „Università di Roma”. – In der U-Bahn manchmal zu sehen junge Frauen mit einem „Not cute but psycho”-Top. Die meisten Leute tragen einfach Markennamen herum, was eine Plage ist. Nicht, dass es mich stören würde; ich kann es nur nicht verstehen.
    Was anderes: Habt ihr in eurer Filmrunde schon den Dokumentarfilm „Tomorrow” gesehen? Wenn nein, schicke ich ihn euch die Tage zu.
    Liebe Grüße, Meinolf
    PS. Schweinekalt heute, aber sonnig.

  3. Lieber Meinolf, Charlotte hat diesen Film einmal zu den MiFis mitgebracht, man kann den durchaus öfter ansehen, das bemerkenswerte daran ist ja der Fokus auf das Mögliche und nicht der Ärger über das ‚Unmögliche‘ (…)
    Hier ist auch sonnig – für die Karnevalisten in Geldern zum Vorteil, wie es morgen Mittag für die zu Kevelaer sein wird weiß ich nicht, die Wetterprofis drohen mit Schneefall schon seit Tagen. Wie schrieb schon Dylan : „We ain’t need no weathermen to see how the weather is like…“
    Liebe Grüße in die Randgefilde der Hauptstadt
    Tobias

  4. Lieber Tobias,
    der Film hält sich gerade am Niederrhein auf, in Walbeck vermutlich, denn dahin hatte ich ihn geschickt. Ja, ich werde ihn mir auch noch einmal ansehen. Der positive Akzent hat mir gut gefallen, es ist ja sonst zum Verzweifeln. (Gerade ist ein Dokumentarfilm über Landraub in, glaube ich, Äthiopien heraugekommen – als „Entwicklungshilfe” getarnt und von der Weltbank finanziert, die natürlich ganz ahnungslos ist: Das grüne Gold.)
    Ich wünsche allen Karnevalisten lustige Tage! Mit dem Wetter werden sie sicher klarkommen. Nächsten Monat ist auch Frühlingsanfang, merkt man das nicht schon?
    Liebe Grüße zum Niederrhein
    Meinolf

    Ist Charlotte noch bei den Mitfindern? Wenn sich eine Gelegenheit ergibt: grüß sie bitte.

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