Mariä Lichtmess

Wo kann man Schuhe kaufen?, fragte ich, als ich Das Kopfkissenbuch einer Hofdame bezahlte.
Bei Deichmann, sagte (aus Provokationslust, vermute ich) der befreundete Übersetzer, der sich neben der Theke postiert hatte.
Nein, nein, winkte ich ab.
Mein Chef hatte eine Idee.
GEA kannte ich nicht, aber Gemeinwohl-Ökonomie ist eine gute Sache, mal ausprobieren! Er suchte mir die Adresse heraus und ich ging zu Fuß hin, Grolmannstraße 14. Vor den aufgetürmten Schuhkartons lagen handbeschriebene Zettel mit den jeweiligen Größen. Ich zog ein Paar grüner Schuhe aus einem der untersten Kartons, probierte sie an, ging ein paar Schritte und behielt sie gleich an den Füßen.
Haben Sie eine Karte? fragte ich die Schuhverkäuferin. Sie nahm eine Postkarte, stempelte sie und bemerkte, da habe ich zugleich noch ein schönes Gedicht.
Auf der Karte stand:

Es saß ein klein‘ wild‘ Vögelein auf einem grünen Ästchen.
Es sang die ganze Winternacht, sein Stimm tät laut erklingen.
„O sing mir noch, o sing mir noch, du kleines wildes Vögelein!
Ich will um deine Federchen dir Gold und Seide winden.”
„Behalt dein Gold, behalt dein Seid, ich will dir nimmer singen;
ich bin ein klein wild Vögelein, und niemand kann mich zwingen.”
Minnelied aus Siebenbürgen, vor 1516

Die alten Schuhe trug ich in der Hand, stellte sie in der U-Bahn neben mir ab, hob sie an meiner Haltestelle wieder auf … ein bisschen surreal, performanceartig, aber warum nicht. Später Kaffee im Lass uns Freunde bleiben. – Auf dem Nachhauseweg Station bei meiner Schwester; Tee, Rauchen, Reden, dann zurück aufs Dorf.

Neben meiner Begeisterung für The Orielles bin ich weiterhin auch Jazzfan, und nachdem ich, von der Arbeit kommend, meine abendlichen YouTube-Schleifen gedreht, mich von Alice Fredenhams Interpretation von My Funny Valentine habe hinreißen lassen, auf der Rückbank mit Duffy auf der sehr retro klingenden Warwick Avenue unterwegs war oder mir gar das ein oder andere Sangestalent der jüngsten Ausgabe von DSDS angehört habe (Shamia, Jayla), schwenke ich zurück zur Black Classical Music.

Von Andrew Hill, der ihnen 1963 vorgestellt worden war, waren die beiden Blue Note-Chefs Alfred Lion und Francis Wolff so elektrisiert, dass sie innerhalb von fünf Monaten dessen ersten vier Schallplatten für das Label aufnahmen – bevor auch nur eine davon veröffentlicht wurde. (So ist es in der deutschen Wikipedia zu lesen, s. unter Judgment!.)
Das nachfolgende, knapp zehnminütige Spectrum eröffnet die zweite Seite des Albums Point of Departure (1964). Andrew Hill hatte sich vorgenommen, eine möglichst große Bandbreite emotionaler Zustände in ein einziges Stück zu bannen. Nachdem die Band das eckige Thema vorgestellt und er das erste Solo gespielt hat, Trommelwirbel Tony Williams [1:40]. – Hatte sich der Vorhang nicht schon gehoben? Und wenn schon! Jetzt wird ein neuer Vorhang gelüftet! Das Tempo zieht an, Eric Dolphy auf der Bassklarinette, unterlegt von einem Ostinato des Bassisten Richard Davis (später wird ein weiteres Solo auf dem Altsaxophon folgen): brillant, beredt wie immer; Joe Henderson bringt, fetzenhaft zerrissen, neues Feuer, macht Licht für Richard Davis. Darauf [5:40] wieder eine Kehrtwende, wieder mit Dolphy, der wie ausgewechselt klingt, zurückgelehnt .. Andrew Hill meldet sich kurz zu Wort, und dann [6:47] der verrückteste Moment, schnelle Liveschalte zu wer weiß welchem Stern. Kenny Dorham mischt der Musik eine weitere Farbe hinzu – ist das wirklich eine Trompete? -, Tony Williams trommelt gemessen, bevor das Ensemble mit einer kurzen Reprise des Themas die Wundertüte zumacht.

In einem Supermarkt in Mitte las ich fasziniert das Schild:
„Hunden ist gemäß Hygieneverordnung der Aufenthalt in Vorräumen und Verkaufsräumen des Marktes verboten.”
Welcher Hund wird so gelehrig sein, das zu verstehen?

4 Kommentare zu „Mariä Lichtmess“

  1. Ich habe immer wieder viel Spaß an Deinen bruchstückhaften Berichten eines Niederrheiners in der großen Stadt, in der großen Welt. Aber ich vermute auch: Kevelaer in seiner Surrealität ist überall.
    Liebe Grüße
    Juergen

  2. ‚Funny Valentine‘ schönes Wortspiel, meint er eine Frau selbigen Namens oder das Geschenk, das Liebende im angelsächsischen Raum einander zukommen lassen, siehe ‚Beatles‘ – „will you still be sending me a Valentine?“ (When I’m 64)
    @Jürgen: liked – es gibt keine ‚Like-Funktion‘ für Kommentare
    Liebe Grüße Tobias

  3. Lieber Jürgen, das freut mich zu hören. Als große Welt nehme ich die Stadt und das Land Berlin nicht (mehr) wahr, und vielleicht kann ich darum als Landratte hier gut sein.
    Lieber Tobias, so viel ich weiß ist mit „Valentine” das Unterpfand der Liebe – stellvertretend für das geliebte Wesen – gemeint, also, in Antwort auf Deine Frage: sowohl als auch.
    Schöne Grüße euch beiden!

Schreibe eine Antwort zu Meinolf Reul Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.