Georg Leß Die Hohlhandmusikalität

Randnotizen.

Die Hohlhandmusikalität ein zweites Mal gelesen, Georg Leß‘ Rätselbuch. Dem Umschlagbild nach zu urteilen (Illustration: Andreas Töpfer) meint der Titel die Hohlform einer Hand, dargestellt durch einen leeren Handschuh. Le creux de la main, die hohle Hand, klingt an, und ich dachte auch, von wegen Musikalität, an die Guidonische Hand (s. Abb.) – vermutlich eine tote Spur.

Der Band ist in drei Teile gegliedert, die ihrerseits unterteilt sind: 2 – 3 – 2.

Eine Serie von (zweiundzwanzig) „Wirbel” genannten Gedichten zieht sich durch das ganze Buch, dazu kommt eines mit dem Titel „gegen die Wirbel”, das zu einer weiteren Serie gehört – der „gegen”-Serie (sechzehn Gedichte) -, und eines: „Wirbel / Abhängen der Wirbel”.
Die Bezeichnung „Wirbel” mag mit der frühen Avantgarde des Vortizismus zusammenhängen („Der Vortizismus wandte sich gegen realitätsnahe Darstellungen in der Kunst, verneinte ihren moralischen Auftrag und bestand auf der Autonomie des Kunstwerks.” – Das würde passen, um so mehr, als der Ausdruck „Wortizist” hier buchstäblich vorkommt – aber ließe es sich nicht auch von der Theorie des L’art pour l’art sagen?). Ein Bezug zu den vierundzwanzig Wirbeln des Menschen läge ebenfalls nahe, zumal die „Wirbel”-Gedichte jeweils mit Ordnungszahlen versehen sind, und wenn ich wählen müsste: Ich würde die Knochenkarte ziehen.
Manche Texte sind, neben ihrem Titel, genauer bezeichnet als: Schlager, Kinderlied, Seefahrtslieder, Hochzeitslied. Keine dieser Liedarten würde man bei Georg Leß vermuten. Eine Irreführung? Ein Spaß?
„Die Nacht nach dem Horrorfilmabend” oder „Die fleischfressenden Lampen”, das klingt schon eher nach dem Verfasser von Schlachtgewicht, Leß‘ Debüt von 2013. (Elf Gedichte nur, und jedes ein Meisterstück.)

In Die Hohlhandmusikalität lässt sich der Dichter nicht in die Karten gucken. Die vierundsechzig Gedichte, die der Band zählt, sind (fast ausnahmslos) verschlossen wie ein Strichmund, die in sie eingeschleusten lebensweltlichen, auch biographischen Bezüge ergeben nur in seltenen Fällen ein Bild, das sich mit außerhalb der Gedichte liegenden Gegebenheiten vergleichen ließe: Kinobesuche kommen vor, Filmtitel, Filmreihen werden benannt, auch das Sauerland – Georg Leß stammt aus Arnsberg – hat einen Erkennungswert, ebenso der „Besuch bei den Großeltern” oder eine Fahrt mit dem Auto. […]

Georg Leß, Die Hohlhandmusikalität. Gedichte. 96 Seiten, Klappenbroschur. kookbooks, Berlin 2019. 19,90 Euro (= Reihe Lyrik Band 62)

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