Jubel, Freude, o Byzanz!

„MEINOLF REUL 16.10.1984” steht in kleinen Druckbuchstaben mit schwarzer Tinte im ersten Band der Anthologie Deutsche Erzähler, die ich so lange nun schon habe. Wahrscheinlich ein Geschenk meiner Mutter, nachträglich zum Namenstag vielleicht. Oder im Zusammenhang mit einer Aufführung der Theater AG des Kevelaerer Kardinal von Galen Gymnasiums? 1984 war die Wahl von Herrn Meier und Frau Müller, dem Englischlehrer und der Chemielehrerin, die damals gemeinschaftlich die Theater AG leiteten, auf Friedrich Dürrenmatts Komödie Romulus der Große gefallen. Es war meine erste Theaterrolle. Man muss wissen: Ich war ziemlich lange ziemlich klein (und kindlich), beim besten Willen schwer zu besetzen (wahrscheinlich hatte ich schon im Jahr vorher mitspielen wollen und bin da aber noch abgeblitzt). Mein neuer Deutsch- und Klassenlehrer, nachdem ich in der Acht sitzengeblieben war, nannte mich zuweilen, nicht böse, Minigolf – nicht ganz korrekt, aber ich nahm es gleichmütig auf, wie ich überhaupt für Beleidigtsein nicht zu haben bin.
Noch als ich 1993 an der Essener Folkwang Universität vorspielte, wurde mir beschieden, meine Stimme sei zu hoch.
Den Namen meiner Rolle habe ich vergessen, es war ein vergleichsweise komplizierter römischer Name, aber meinen Text könnte ich sofort aufsagen, wenn mal jemand danach fragte:

„Jubel, Freude, o Byzanz!
Es steigt dein Ruhm, es dringt dein Glanz
zum Sternenzelt hinan!
Was wir glaubten, was wir hofften,
ist als Wunder eingetroffen
und die Rettung ist getan!”

Ja, und da habe ich zum ersten Mal etwas von Johnson gelesen.
Kann sein, dass fünfzehn ein gutes Alter ist für folgenreiche Entdeckungen.
Der Schluss von „Osterwasser” –
„Es hatte Spiegeleier gegeben mit Speck und Bratkartoffeln.
Sie war so satt, die Augen fielen ihr zu[.]” –
hat mich beeindruckt. Mir gefiel das Handfeste daran, aber wahrscheinlich habe ich auch den Lyrizismus wahrgenommen. Viel später, als ich an der Universität zu Köln eingeschrieben war, bastelte ich an einer Erzählung über einen phlegmatischen Herrn namens Frank Schifano, in der es auch so einen Satz gab, so ungefähr: „Langsam sank er in Schlaf. Hefeteig reißt nicht schwerer vom Löffel.”

Es ist eine Zeitlang unumgänglich, aber doch unzweifelhaft ein Fehler, schreiben zu wollen wie X. Darum bin ich ganz froh, dass mein Schreibversuch zusammen mit einem veralteten Computer und unlesbaren Floppy Disks verschütt gegangen ist. Heute versuche ich, von meinen Lektüren nicht mehr aufzubewahren als einen Maßstab für Qualität. Vor allem bin ich zufrieden damit, dass ich hier unterhalb der Wahrnehmungsschwelle etwas machen kann, ohne es irgendwem gegenüber deklarieren zu müssen. Freiheit muss, sons gibt dat nix.

2 Kommentare zu „Jubel, Freude, o Byzanz!“

  1. gefällt mir samt und sonders, und überhaupt, daß Du wieder aufgetaucht bist! „Jubel, Freude, o Byzanz!“ So erfahre ich auch von ungewöhnlichen Spitznamen. Sowas! Nu, da schau ich mal öfter wieder vorbei. Way to go!

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