Sei der Erste dem dies gefällt

Keone war mit hinunter in den Hof gegangen. Nachher zogen wir mit paar Leuten in die Schwelgerei, um ein Abschiedsbier zu trinken. Dienstags darauf erkannte ich im Dunkeln das Fahrrad nicht wieder, versuchte ein paar Schlösser, gab aber auf, als sich das Rolltor in Bewegung setzte. Mittwoch wusste einer die Farben Rot und Schwarz, jetzt ist es hier.
Keone wird mir fehlen wie er manchmal abends durchs Büro lief, hier und da stehen blieb und mit leicht gekrümmtem Zeigefinger fragte: „Beer?”

„Lieber Meinolf, mit dieser besinnlichen Karte* wollte ich zum Ausdruck bringen, dass Du mal nach Hiddensee musst. Alles was Rang und Namen hat, muss da mal hin, also auch du. […]”
Mit handgezeichneter Briefmarke! Lag neulich auf der Wohnzimmerkommode, zusammen mit einer weiteren schönen Post, die 24 numerierte Tees (und einen nicht numerierten) enthielt, die ich nach und nach abtrinke, und einem sachlichen Brief.

Die Mandelmühle ist angekommen.

In der S-Bahn gestern bemerkte ich einen jungen Mann mit Bikerjeans und dünngrauer Mütze, der sein Fahrrad neben sich in den Einstiegsbereich geschoben hatte und einen blanken großen flachen Teller mit Blumenmotiv in Händen hielt. Der wurde ihm lästig, oder er wollte sein Smartphone checken, jedenfalls legte er den Teller auf dem Sattel ab. Es dauerte nicht lange, der Teller rutschte ab und zerbrach, worauf der Mann ein bisschen maulte, aber er schien es nicht schwer zu nehmen. Eine junge Frau in Schwarz, die schick auf der anderen Seite der Tür stand, erbot sich, das Fahrrad zu halten. Er las die Scherben auf und schubste die Splitter mit dem Schuh in die Ecke, dann übernahm er das Fahrrad wieder, war aber auch wieder mit dem Handy zugange. Beim nächsten Halt warf er den kaputten Teller in die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante (vor der die Passagiere immer gewarnt werden). Er fragte die Frau nach einem Taschentuch. Er musste früher aussteigen, ich Hermannstraße.

Das Weltstädtische an Berlin liegt darin, dass Leute aus aller Welt hierherkommen und ihren Platz finden. Sonst ist es, glaube ich, eher provinziell.

*[Sternenhimmel mit Polarlicht über der Insel Hiddensee / „Weißt du wieviel Sternlein stehen / an dem blauen Himmelszelt? …”, aus dem gleichnamigen Volkslied, Text: Wilhelm Hey]

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Die durchschnittliche Dauer, die jemand bei einem Start Up-Unternehmen verbringe, betrage ja eher ein halbes Jahr, meinte mein Arbeitskollege neulich zu mir, als wir in der Küche standen, er für seinen Tee, ich für meinen Kaffee – aber wir, old school … Und wirklich ist er demnächst zwei Jahre in der Firma; bei mir ist es jetzt ein Jahr. Ich habe den Jahrestag zum Anlass genommen, wieder einmal zu Kaffee (Tee) und Kuchen (Brötchen, Obstsalat) einzuladen. Dies Mal war es eine Siebenerrunde, sehr gemütlich, für mich zudem mit dem Vorteil verbunden, nicht nachher noch durch die Kälte zu müssen. Den veganen Apfelkuchen mit Zimtstreuseln hatte ich vor einiger Zeit zum ersten Mal gebacken, anlässlich eines Backwettbewerbs in unserer Firma, bei dem ein Kürbiskuchen mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde. Ich finde ihn ganz gut, doch habe ich das Rezept jetzt nur für eine Kollegin wieder herausgekramt, die vielleicht kommen wollte. Mit der Adventsbäckerei habe ich im übrigen immer noch nicht angefangen, aber das eine oder andere Rezept der Rubrik „Weite Welt im bunten Teller” werde ich sicherlich ausprobieren, da warte ich jetzt aber noch auf die Mandelmühle, die ich, als ich in meiner Heimatstadt Kevelaer war, im dortigen Haushaltswarengeschäft bestellt hatte, und die mir ein Freund mitbringen wird, der jetzt gerade da ist. Die niederrheinischen Ferien haben mir gut getan, und ich werde von nun an alle halbe Jahre hinfahren, um Familie und Freunde wiederzusehen – und die fabelhaft melancholische Landschaft mit ihrem hohen wolkenzergrübelten Himmel. Auf dem Kapellenplatz in den kahlen Linden lachten die Dohlen und Edmund kam vorbei und begrüßte mich ohne stehenzubleiben mit „Meister Reul”, so im fragenden Ton. Außerdem kann ich den Besuch jeweils mit den zahnärztlichen Vorsorgeterminen bei meinem Schwippschwager in Winnekendonk verbinden, die ich auf meine alten Tage regelmäßiger wahrnehmen möchte. In Kleinmachnow ist alles beim alten, wie immer erfreue ich mich an den Vögeln, die die Futterstellen auf der Gartenmauer und auf meinem Fensterbrett anfliegen oder sich an den Meisenknödel im Vorgarten hängen. Ich lese weiter die Jahrestage (hinke allerdings ein bisschen hinterher, denn ich bin auf Seite 392 beim 1. Dezember 1967) und gucke mir in der Arte Mediathek eine Serie an, „Im fremden Körper”, von der mehr als eine Folge je Abend zu sehen ich nicht ertragen könnte, glaube ich.

Die Entscheidung von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, den Weg für die weitere Zulassung des Umweltgifts Glyphosat freizumachen (die Bezeichnung „Unkrautvernichtungsmittel” betont seinen angeblichen Nutzen und ist daher irreführend) hat mich traurig gemacht. Ich bilde mir ein, dass der größere Teil der Bevölkerung der Europäischen Union gegen eine solche Verlängerung war. Was sagt es über die Verfassung der Europäischen Union aus, dass ein Dämelack wie Schmidt solche Macht hat?
Ferner: Ein Teil der Arktis ist als Öl- und Gasausbeutungsgebiet deklariert worden, RWE holzt den Hambacher Forst ab, um Kohle zu scheffeln … laufend gibt es solche Schreckensmeldungen, der Weltlauf wird von Männern bestimmt, die eigentlich schon tot und verrottet sind und nur als Zombies noch ihr Unwesen treiben (so kommt es mir vor). „Women of the world take over”, möchte man da mit Jim O’Rourke ausrufen.

Hier noch ein rotnasiges Musikvideo von Angel Olsen. Ihre neue Platte Phases hat der Soultrade-Mann in der Sanderstraße noch nicht beschaffen können, offenbar war die Auflage zu klein. Bedauerlich! – Ich bewundere A.O.s Fähigkeit, lange Musikstücke zu gestalten; das hat sie mit Joanna Newsom gemein (und sonst nichts).

Jubel, Freude, o Byzanz!

„MEINOLF REUL 16.10.1984” steht in kleinen Druckbuchstaben mit schwarzer Tinte im ersten Band der Anthologie Deutsche Erzähler, die ich so lange nun schon habe. Wahrscheinlich ein Geschenk meiner Mutter, nachträglich zum Namenstag vielleicht. Oder im Zusammenhang mit einer Aufführung der Theater AG des Kevelaerer Kardinal von Galen Gymnasiums? 1984 war die Wahl von Herrn Meier und Frau Müller, dem Englischlehrer und der Chemielehrerin, die damals gemeinschaftlich die Theater AG leiteten, auf Friedrich Dürrenmatts Komödie Romulus der Große gefallen. Es war meine erste Theaterrolle. Man muss wissen: Ich war ziemlich lange ziemlich klein (und kindlich), beim besten Willen schwer zu besetzen (wahrscheinlich hatte ich schon im Jahr vorher mitspielen wollen und bin da aber noch abgeblitzt). Mein neuer Deutsch- und Klassenlehrer, nachdem ich in der Acht sitzengeblieben war, nannte mich zuweilen, nicht böse, Minigolf – nicht ganz korrekt, aber ich nahm es gleichmütig auf, wie ich überhaupt für Beleidigtsein nicht zu haben bin.
Noch als ich 1993 an der Essener Folkwang Universität vorspielte, wurde mir beschieden, meine Stimme sei zu hoch.
Den Namen meiner Rolle habe ich vergessen, es war ein vergleichsweise komplizierter römischer Name, aber meinen Text könnte ich sofort aufsagen, wenn mal jemand danach fragte:

„Jubel, Freude, o Byzanz!
Es steigt dein Ruhm, es dringt dein Glanz
zum Sternenzelt hinan!
Was wir glaubten, was wir hofften,
ist als Wunder eingetroffen
und die Rettung ist getan!”

Ja, und da habe ich zum ersten Mal etwas von Johnson gelesen.
Kann sein, dass fünfzehn ein gutes Alter ist für folgenreiche Entdeckungen.
Der Schluss von „Osterwasser” –
„Es hatte Spiegeleier gegeben mit Speck und Bratkartoffeln.
Sie war so satt, die Augen fielen ihr zu[.]” –
hat mich beeindruckt. Mir gefiel das Handfeste daran, aber wahrscheinlich habe ich auch den Lyrizismus wahrgenommen. Viel später, als ich an der Universität zu Köln eingeschrieben war, bastelte ich an einer Erzählung über einen phlegmatischen Herrn namens Frank Schifano, in der es auch so einen Satz gab, so ungefähr: „Langsam sank er in Schlaf. Hefeteig reißt nicht schwerer vom Löffel.”

Es ist eine Zeitlang unumgänglich, aber doch unzweifelhaft ein Fehler, schreiben zu wollen wie X. Darum bin ich ganz froh, dass mein Schreibversuch zusammen mit einem veralteten Computer und unlesbaren Floppy Disks verschütt gegangen ist. Heute versuche ich, von meinen Lektüren nicht mehr aufzubewahren als einen Maßstab für Qualität. Vor allem bin ich zufrieden damit, dass ich hier unterhalb der Wahrnehmungsschwelle etwas machen kann, ohne es irgendwem gegenüber deklarieren zu müssen. Freiheit muss, sons gibt dat nix.

Fortgesetzte Auslassungen

Wenn niemand mehr was von einem will, ist Feierabend.
Vielleicht gehen mir die Bettler und Obdachlosenzeitungsverkäufer und Musikanten abends in den U- und S-Bahnen darum auf die Nerven, weil ich immer noch einen Beitrag leisten soll, wo ich schon hoffte, nichts mehr leisten zu müssen.

„Hast du Denkmuff wieder angeschmissen?”, fragte neulich ein Freund per SMS. Die Worte können Zustimmung, Ablehnung oder befremdetes Erstaunen bedeuten, und vielleicht weiß ihr Absender selber nicht so genau, wie er es meinte. Der Blogozentriker wunderte sich, dass ich nicht wenigstens einen neuen Blog eröffnet habe; diesen hätte ich ja schon mehrmals aufgegeben. Das ist richtig. Aber dann muss es wohl so sein. Ansetzen und Absetzen. Schreiben eben.

Letztes Wochenende war ich zu einer Hochzeit eingeladen. Freitag nach der Arbeit fuhr ich los, in einem Satz von Berlin Südkreuz nach München. Eigentlich ganz komfortabel, aber das grelle Licht im Waggon blieb bis in die Nacht eingeschaltet, und als ich zwischen Viertel vor zwei und drei in der DB Lounge auf meinen Anschluss wartete, war auch diese hell erleuchtet, hin und wieder ging quietschend eine der Türen auf, und der Neuankömmling nahm gleichmütig die Schlafenden wahr, die hier und da auf dem Steinboden lagen, eng eingewickelt wie mannshohe Frühlingsrollen. Als gegenüber die dicke Schnarchende aufwachte, ergriff sie Krücke und Tüten und steuerte auf den Ausgang zu, ich kam gerade rechtzeitig, um ihr die Tür aufzuhalten, durch die sie nach draußen schlurfte ohne einen Blick und ohne ein Wort. Kaum dass ich saß, kam sie durch eine andere Tür wieder hereingeschlurrt. WhatsApp-Nachrichten wurden gesendet und empfangen. Eine Maus lief an der Wand entlang und wagte sich manchmal bis zwischen die Schuhe der Wartenden vor.
Die Rückfahrt dauerte noch länger, war aber angenehmer, da sie tagsüber stattfand. Diesmal hatte ich auch keine Beate Zschäpe-Lookalike vor mir sitzen, die sich den Rotz aus den Lungen riss und schniefte, da hatte ich Glück. Keine Bakterienschleuder. So ging es über Donauwörth und Treuchtlingen, Würzburg, Erfurt, Halle, Bitterfeld und Wittenberg zurück nach Berlin. In sechs verschiedenen Tinten haben die Kontrolleure Zahlenstreifen auf meinen Fahrschein gestempelt.
Halle sehe ich mir noch mal an.

Nun?

Zu erzählen habe ich nichts. Ich kann aber feststellen, dass alle meine Bleistifte gut gespitzt sind.
Beim Sommerfest des LCB:
„Haben Sie einen Bleistift und einen Anspitzer?”
„Nein, nur Kugelschreiber.”
Das ist, als würde man Matjes anbieten, wenn man nach einem Feuerzeug gefragt wird (zum Bierflaschenöffnen).
Aber woher hätte die Kollegin von der Schleicher’schen Buchhandlung auch wissen sollen, dass ich nur mein Fahrradschloss wieder flott kriegen wollte mit ein paar Krümeln Graphit?

Über das Sommerfest möchte ich aber gar nicht schreiben. Das Sommerfest kann mir gestohlen bleiben. Zwar gab es auch ernsthafte Schriftsteller, Jürgen Becker, Marion Poschmann … Die Immobilie: schön natürlich, das Abendlicht wie aus der Werbeschrift. Aber das kann mich nicht umstimmen. Ich geh da nicht mehr hin.

Sind das wahrhaftig Fäden, die auf meinem Bauch so borstig anzufühlen sind? Ein paar Tage waren sie unter Pflastern verborgen.

Gestern habe ich erlebt, wie ein Fahrgast von einem anderen Fahrgast (der sich dann schnell verdrückte) mit einer Pizza beworfen wurde. Alle im U-Bahn-Wagen waren starr vor Entsetzen. Die, die näher dabei gesessen hatten, sagten beim Aussteigen: „Take care” zum Angegriffenen, der sich noch mit einem Taschentuch abtupfte und kopfschüttelnd sagte: „It happens sometimes.”