Möppkes

Hier waren Wildschweine zugange

Eine Tasse Kaffee, Möppkes (= Plätzchen) und ein Buch vor der Nase: das scheint mir ein Muster des Idealen.

Silvester war ich bei einer Freundin. Draußen eine Wärme, dass ich meinen ferrariroten Kapuzenpullover ausziehen musste, aber die Wohnung war kühl, da habe ich ihn wieder gebraucht. Zwei weitere Gäste waren geladen, kamen nicht.
Wir besprachen Ideen für das Neue Jahr, Job wechseln (nicht ich), wegfahren, Fremdsprachen pflegen: für sie Hebräisch (und Englisch; Französisch gibt sie für verloren, vielleicht etwas voreilig?), für mich Französisch (Italienisch Englisch), Buch an den Start bringen (nicht ich), wichtige Leute treffen (nicht ich), eine Freundin finden (gleich im Januar, ich), das ließ sie unkommentiert, Privatheiten offenbar nicht in ihrem Fokus.
„It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.” (Jane Austen, Pride and Prejudice)
Na, heiraten, lieber nicht.

Gegen Mitternacht rüber zur Verwandtschaft in der Oderberger, Feuerwerk, ohrenbetäubendes Geknalle, Kinder mit Wunderkerzen konzentriert andächtig, Champagner aus Plastikbechern, in Richtung Friedrich Ludwig (Turnvater) Jahn-Sportpark hatte die Feuerwehr ihre Löschfahrzeuge vor die Garage gefahren und das blaue Partylicht angeschaltet, ein aus Richtung Kastanienallee ansausender Rettungswagen mit der Durchsage: „Frohes Neues Jahr!”.
Die aus den oberen Fenstern abgeschossenen Raketen knallten gegen die Fassade auf der anderen Straßenseite.
Ich dachte an die Tiere.
In Zehlendorf waren alle Taxis ausgeflogen, also lief ich zu Fuß nach Hause, vierzig Minuten. Viertel nach zwei kam ich an.

In Afghanistan wächst die Wüste. Im Jemen sterben Kinder an Unterernährung. Auf Madagaskar herrscht Hunger. In Europa ertrinken Flüchtlinge. Die Erde geht kaputt, mächtige Männer machen sich Gedanken darüber, wie Konflikte am Köcheln gehalten werden können, andere mächtige Männer freuen sich wie die Kinder, dass sie den Weltraum erobern können. Der Gründer von Spotify investiert in Militärtechnik (ich habe Spotify von meinem Telefon gelöscht). Die alte Bundesregierung genehmigt kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt Waffenexporte in Milliardenhöhe.
Es ist vor diesem Hintergrund, dass wir uns ein Frohes Neues Jahr wünschen.
Ich will nicht pessimistisch sein.

Freude bereiten mir Balzac (Gobseck), Snakefinger (Greener Postures – nicht grünere Weiden/pastures, sondern (Körper-)Haltungen) und Jacques Becker, dessen Film Goldhelm ich mir heute nachmittag angesehen habe: ein Genuss!
Im übrigen bin ich zufrieden, dass wir eine neue Regierung haben.

Zum Schluss ein in gleichem Maße staubtrockenes und fesselndes Stück des Quartetts von Adam O’Farrill … womit es seine Bewandtnis hat: „Blackening Skies, was written from a climate change-induced anxiety, having experienced a scorching heatwave in NY within days of a summer monsoon in LA.” – Kevin Sun („Blackening Skies wurde aus einer durch den Klimawandel verursachten Angst heraus geschrieben, und der Erfahrung einer sengenden Hitzewelle in New York, nur Tage nach einem Sommermonsun in Los Angeles.”)
Etwa eine Minute und zwanzig Sekunden tritt die Musik auf der Stelle, dann kommt mehr Bewegung hinein, sie bleibt aber faszinierend sparsam und spröde in ihren Mitteln. Etwa bei der Hälfte scheint die Musik zu verebben, ehe das Solo des Saxophonisten Xavier del Castillo beginnt.
Visions of Your Other ist eine tolle Platte, und ich beglückwünsche alle, die sie hören können. (Das Label verschickt übrigens nur Booklets und – statt einer CD – einen Download-Code.)
„Die Mischung aus Struktur, Feuer und Lakonie ist einzigartig. Herausragend”, schrieb ein Kritiker bei Bandcamp. Dem kann ich mich nur anschließen 😉

Fuchs und Hase

Gut, Hasen sieht man hier nun gerade nicht, aber neulich waren, innerhalb weniger Tage, zwei Füchse bei uns im Garten und auf der Terrasse. Ich hatte in Kleinmachnow Füchse schon gesehen, zum Beispiel auf den Wendemarken, aber da war es dämmerig. Auch bei Sonnenschein lassen sie sich, wie hier zu sehen, blicken, und scheinen nicht sonderlich scheu.
Meine Mitbewohnerin bemerkte, sie hätten etwas Märchenhaftes. (Den Fuchs, den alten, der zuerst erschienen war, kannte sie.) Sie sorgte sich um die Mäuse, die unter der Eibe wohnen.

Das Vogelhäuschen ist lädiert, weil sich in der Nacht zu vorgestern vielleicht drei oder vier Wildschweine eine Schwachstelle in der Metallumzäunung zunutze gemacht haben, um in den Garten einzudringen und dort rabaukenhaft, und auf furchterregende Weise grunzend, nach Fressbarem zu graben. Ich war auf dem Sofa beim Radiohören kurz eingenickt, die „Kultur vom Tage” hat mich noch jedes Mal eingeschläfert, das Geräusch des gewaltsam aufgedrückten und nach Passieren mit einem klong ungefähr in die alte Position zurückfallenden Zauns hatte mich wieder wach gemacht. Die Tiere bewegten sich ungezwungen, waren nur schemenhaft zu erkennen.
Am nächsten Tag ein großes Loch im hinteren Teil des Gartens, ein anderes seitlich, vom Vogelfutter ließen sie das grüne Netz zurück, das Häuschen lag umgestoßen, das Dach abgerissen.
Wenn sie wenigstens wieder zumachen würden, kommentierte meine Mitbewohnerin die aufgerissenen Rasenplatten.

Weihnachten war ich allein, konnte ich gut haben.
Mein Zimmer hatte ich vorher über ein paar Tage hinweg aufgeräumt, ich werde mich bemühen, es in Ordnung zu halten. Als nächstes das Arbeitszimmer!
Weihnachtssüßigkeiten habe ich gekauft, aber auch zugeschickt bekommen, selbstgemachte, herzlichen Dank! – und gebacken: Husarenkrapferl und Anisplätzchen, wie geplant, die werden alle noch einige Zeit vorhalten.
Eine Freundin schenkte mir Rosmarie Waldrops Pippins Tochters Taschentuch. Ich war mir sicher, dass ich es schon hätte, ich hab doch so ziemlich alles von Ann Cotten (die es übersetzt hat), aber da ich nichts fand, muss ich mich wohl getäuscht haben.
Meine Weihnachtslektüre war Nastassja Martins An das Wilde glauben – sehr gutes Buch. In vier Kapitel unterteilt, eines je Jahreszeit, erzählt es von dem (kann man hier sagen) schicksalhaften Aufeinandertreffen einer Anthropologin, eben Nastassja Martin, mit einem Bären, so passiert in der Wildnis Kamtschatkas – genauer gesagt handelt es von dem, was danach/daraus folgte. Trotz des dramatischen Geschehens nicht ohne Humor, von Liebe zu Mensch und Natur (und zur Forschung) geprägt.
Eine andere Freundin schickte mir Kaffee und Honigkuchen – beides aus Kevelaer, aber dort wohnt sie gar nicht. Auch dieser Gruß aus der Heimat hat mich sehr gefreut.
Freitag und Montag war frei, seit Dienstag arbeite ich wieder, morgen nur den halben Tag.

Bei dem harten Wettbewerb um das nächste zu lesende Buch hat jetzt erst einmal Balzac gewonnen, dessen Geschichte über den Wucherer Gobseck ich angefangen habe.