Zack! geht’s schon weiter

Was soll das werden, wenn ein Literaturkritiker über Musik schreibt? Na, versuchen muss man’s! Und für karawa.net hatte ich mir diesen Hut ja auch schon mal aufgesetzt, ist nur ein bisschen her: Complete Communion.
Hier aber nun der Beginn (der teilweise in den Schluss wandern wird) meiner in Arbeit befindlichen Kritik zum Album RGB von Autochrom.

Keine Kompromisse: Autochrom, RGB

Rot, grün und blau eingefärbte Kartoffelstärkekörnchen waren die Farbträger beim Autochromverfahren, einer frühen Technik zur Fertigung farbiger Photographien – eine aus dem Jahr 1903 stammende Erfindung der Brüder Lumière (dieselben, die mit ihrem Cinématographe die Bilder zum Laufen brachten). „Die Körnchen waren so gemischt, dass keine der drei Farben hervortrat […].“¹
Autochrom nennt sich das Trio von Luise Volkmann, Altsaxophon, Athina Kontou, Kontrabass, und Max Santner, Schlagzeug. Im Kontrast zu Été Large – Luise Volkmanns 12-, inzwischen 13-köpfiges Ensemble, das beim diesjährigen Jazzfestival Moers zu erleben war –, die kleinstmögliche Gruppe, aber doch absolut brauchbar für großes Kino.
Die individuellen Instrumentalfarben („Athina Kontou ist Grün, Max Santner Blau, ich Rot“, Jazzpodium 5-6/2020) werden immer wieder in einem kollektiven, ‚weißen‘ Klangbild aufgelöst – gekennzeichnet durch Leisheit, Spielen in extremen Lagen, Geräusch – das im nächsten Moment wieder auseinanderfliegen kann in britzelige Farbsplitter. Autochrom hängen einer eher spröden Ästhetik an, die einen offenen Geist verlangt (und zugleich fördert). Aber sie machen es einem auch nicht allzu schwer, nicht zuletzt dank ihres schrägen Humors.
Herausgekommen ist eine Trioplatte, die dem Hörer nicht schmeicheln will, und ihm doch eine besondere, widerhakige Schönheit bietet.

Einige der Stücke auf RGB beginnen wie kleine anarchische Versammlungen von Sounds, und man weiß nicht gleich, welche Ordnung sie sich geben werden. Eine Ordnung aber gibt es in jedem Fall, alle neun Tracks sind als Kompositionen ausgewiesen. (Es wäre interessant zu erfahren, ob die Notation auch graphische Elemente aufweist.) „Kalim Kalim“ zum Beispiel beginnt als eine ‚weiße‘ Spur, die drei Instrumente erklingen im Pianissimobereich, mergelige, kalkige Sounds, Klangkrümel, Klangschlieren in großer Ruhe und Freiheit. Erst nach zwei Minuten zeichnet Luise Volkmann eine kleine Motivlinie in dieses Weiß, das unterdessen noch ein wenig weiterläuft. […]

1. Wikipedia, Artikel „Autochromverfahren“, abgerufen am 14.9.2020.

Autochrom, RGB. nWog Records, Zürich 2019.

Wollen Sie aufhören?

„Du hast doch Urlaub”, sagte mein Chef und gab mir ein Päckchen Zigarillos (Romeo y Julieta Club 20), das er gerade bei Zigarren Herzog gekauft hatte. Dessen Inhaber ist ein soignierter, stattlicher Herr, der, wenn er mir mit zwei Fingern einen Zeitungsausschnitt über die Theke reicht, immer nur gerade so viel sagt, dass ich nicht zu entscheiden wüsste, ob er Österreicher oder Schweizer ist. Nun habe ich seit März allerdings kaum noch geraucht, mit sparsamen Ausnahmen bei Verwandtenbesuchen. Aber das Zeug vertrocknen lassen ist vermutlich auch doof, bei einem Stückpreis von 77 ½ Cent. Wahrscheinlich lässt sich auf der Strandpromenade von Warnemünde prima rauchen, aber ich will gar nicht.
Heute habe ich einen kleinen Rest Mandeln auf die Mauer gelegt, für die nächste Krähe, die vorbeigeflogen kommt – vielleicht auch für Eichhörnchen interessant? Überraschenderweise waren es dann aber Feuerkäfer, die als erste aufkreuzten. Schlenkrig kletterten sie den Efeu empor, wo ich zuvor einige von ihnen zusammenklucken gesehen hatte, und lehnten sich in verschiedenen Schrägegeraden an die Mandeln an oder ließen sich auf ihnen nieder, ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
Mehr habe ich in meinem Urlaub noch nicht erlebt.
Jetzt lese ich in meinem langsamen Tempo Die Topeka-Schule, den hervorragenden neuen Roman von Ben Lerner (sehr gut von Nikolaus Stingl übersetzt) und schreibe eine Kritik zum Album RGB des Trios Autochrom, was mir nicht leicht fällt, aber es fällt mir nie leicht, eine Kritik zu schreiben. Ich will aber unbedingt meinen Teil dazu beitragen, dass mehr Leute auf dieses 1A-Jazzalbum neugierig werden.
Im übrigen steht, diesen Sonntag schon, eine neue Aufnahmesitzung des Podcasts radio satt an, der zwei Jahre pausiert hatte. Diesmal zu Gast die Schriftstellerin Veronika Reichl, die ihr grenzgängerisches, Literatur und Theorie verbindendes, Buch Im Schaum dieser Sprache. Hegel lesen vorstellen wird. (Die bisherigen Folgen: Luise Boege, Sofie Lichtenstein und Moritz Müller-Schwefe, Deniz Ohde, Lilian Peter und Julia Veihelmann.)
Und wenn der Sonntag um ist, fängt meine zweite Urlaubswoche an, und danach werde ich wahrscheinlich happy sein, wieder (abhängig) arbeiten zu dürfen. Trotzdem, nächstes Jahr kann von mir aus die Vier-Tage-Woche kommen.
Hier jetzt noch ein Stück für tikerscherk aus den ‚guten‘ 50%.