Tinte

Ich war schon drauf und dran, in die Fußstapfen meines Großvaters mütterlicherseits, Heinrich Schröer (1875-1951), zu treten und einen Liter Pelikan-Tinte zu kaufen.
Die schöne Glasflasche aus den 20ern (geschätzt) ist leider in einer meiner ehemaligen Kevelaerer Wohnungen verblieben.
1000 ml, diese Abfüllmenge kommt längst in Plastik.
Aber dann fand sich in dem Schränkchen mit Schreibkram – Bleistifte noch aus Rom, Einwickelpapier mit Spuren abgelöster Tesastreifen, Beutelklammern, Couverts, Blankokarten, Schreibblöcke, Radiergummis – ein noch nicht angebrochenes 30 ml-Glas. Damit komme ich erst einmal weiter.

Manchmal frage ich mich, ob ich hinsichtlich meiner Lebenserwartung mehr nach meiner Mutter (mit 76 Jahren gestorben) oder nach meinem Vater (mit 96 Jahren gestorben) komme. Das kann mir natürlich kein Schwein sagen.
Wenn ich es wüsste – würde es Veränderungen in meiner Lebensführung nach sich ziehen? Vielleicht. Wahrscheinlich nicht. Doch wäre es nicht so oder so schlau, mit einem kurzen Leben zu rechnen? Wahrscheinlich. Vielleicht nicht.

Das Arbeiten von zu Hause wird wohl noch einige Monate andauern.
Ich gehöre zu den Glücklichen, deren Erwerbsleben bruchlos weiterläuft, mit dem zusätzlichen Vorteil, keine zwölf Stunden Wochen-Fahrtzeit mehr zu haben. Mein Radel (Curtis) kann durchschlafen im Schuppen. Auch für die Vögel schön, die nun mehrmals täglich Futter kriegen statt nur einmal, morgens. – Nicht für die halbstündigen Teambesprechungen, aber für die ‚geselligen’ Events, die ebenfalls über Computer laufen, habe ich wegen einer Webcam nachgefragt. Deepu kümmert sich.

Den Freundinnen der Rubrik Zehn letzte Lektüren und zwei aktuelle muss ich die ernüchternde Mitteilung machen, dass die langsame Umschlagbewegung dort vorläufig zum Ruhen gekommen ist. Manche Bücher brauchen eben Zeit.

In der Wikipedia, die ich in ihrem zwanzigsten Jahr erstmalig mit einem kleinen Geldbetrag unterstützt habe, lese ich über Herrn Spinozas Erkenntnistheorie:
„Spinozas Konzept von rationaler Erkenntnis ist von einem ungetrübten, radikalen Optimismus bezüglich der Fähigkeiten des menschlichen Geistes gekennzeichnet. Er meinte, wir könnten nicht nur sämtliche Geheimnisse der Natur klären, sondern auch Gott adäquat erkennen.”
Auch darin ist er ein guter Schüler Descartes‘, der ein Vierteljahrhundert vor der „Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes” (Tractatus de intellectus emendatione, 1661/62) seinerseits eine „Methode des richtigen Vernunftgebrauchs” (Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, & chercher la vérité dans les sciences, 1637) veröffentlicht hatte, in der er so ungefähr sagt: Bitte, Leute, vergesst nicht, dass ich nur sehr wenig weiß! Allerdings habe ich die Hoffnung, noch alles lernen zu können. („[J]e veux bien qu’on sache que le peu que j’ai appris jusques ici n’est presque rien, à comparaison de ce que j’ignore, et que je ne désespère pas de pouvoir apprendre.”) Eine schöne Mischung aus Demut und Größenwahn.

Nach dieser Textwüste wäre jetzt eigentlich ein bisschen Musik fällig, aber mir fällt gerade nichts ein. King Hannah (Meal Deal), die neulich nachts im Radio liefen, machen zwar süffige Musik, aber ich hab’s auch schon mal gehört.
Übrigens wird diese Richtung, Stimme vor Breitwand-Gitarren, shoegaze genannt – angeblich, weil ihre Vertreter auf der Bühne schüchtern auf ihre Schuhe starren, tatsächlich aber wohl, weil auf dem Boden die Effektgeräte stehen (die sie mit ihren Schuhen an- und ausschalten). Tanukichan zählt auch dazu.
Der neue Song von Billie Eilish und Rosalía, Lo Vas A Olvidar, ist gut, aber merkwürdig richtungslos.
Also: Heute keine Musik.