Drei Löschzüge

War es gestern oder vorgestern nacht? Drei Löschzüge fuhren brummend, mit Flackerlicht, an meinem Fenster vorbei. 2 Polizeiautos. Vor dem Altenheim hielten sie an.
Ein paar Feuerwehrmänner verschwanden unter der Lichtmütze des Eingangs, einige standen herum, steckten sich Zigaretten an. Einer kam rauchend auf mich zu.
„Was ’s los, Pit?”
„Weiß nicht”, sagte er, und es sah aus, als ob er lachte.
Er schlenderte zurück, die Beine wie Marionettenbeine.
Ich stand noch eine Weile. Nichts geschah.
Der letzte Löschzug und eines der Polizeiautos setzten zurück, wendeten und fuhren weg.
Die Straße leerte sich.
Die alten Leute – manchmal lassen sie was auf dem Herd stehen, oder sie vergessen, die Kerze auszupusten.
Vielleicht eine Fliege im Rauchmelder.

Erdbeer Apfel

Neben dem rechten der beiden zusammenklappbaren Böcke, auf denen die weiße Tischplatte ruht, steht eine Plastikflasche. Daraus trinke ich und gebe auch dem Erdbeerpflänzchen zu trinken, das mir M. zum Geburtstag geschenkt hat. Es hat vier winzige gezahnte Blättchen.

In K. habe ich D. im Altenheim besucht, die nun im 94. Lebensjahr ist. Sehr gebeugt, ist sie jung im Geist, hat noch ihren ganzen Kopf. Während wir miteinander sprachen, streckte sie ihren Arm nach einem Beistelltisch oder Teewagen aus, legte Äpfel, einen Schokoladenhasen, eine schmale Packung Knäckebrot, abgepackte Portionen Käse vor mich hin und bestand darauf, dass ich alles einsteckte. Dann reichte sie mir ein Messer und zwei Papierservietten und beaufsichtigte mich, wie ich einen Apfel aß.
Eine Frau, um ein paar Jahre älter als sie, schob mit ihrem Gehwägelchen vorbei und teilte mit:
„Der Doktor kommt!”
D. beschrieb mir, an welcher Stelle ihres Zimmers ich ein Album finden würde, in dem sie mir etwas zeigen wollte. Es war eine Dokumentensammlung über einen Missionar in Japan. Sie suchte nach einem Text und ließ mich einen Absatz lesen. Einzelne Sätze waren unterstrichen, was, zusammen mit D.s ausdrücklichem Wunsch, ich möchte die Passage lesen (die sie selbst wohl schon oft gelesen hatte), auf eine Dringlichkeit hinwies, die ich nicht verstand, weil mein Geist nicht aufnahmebereit und die Sprache zu weit entfernt von meiner war. Sie aber war zufrieden, dass ich las und hörte wohl die zugehörigen Wörter in ihrem greisen wachen Kopf.
„Der Engel mit dir!” sagte sie zum Abschied, drückte mir kräftig die Hand und blitzte mir freundlich zu.

Meine Italienischlehrerin hat die Stunde verschlafen. Ich weckte sie, als ich um elf Uhr klingelte. Wir unterhielten uns über die Türsprechanlage und vertagten uns auf nächste Woche. Sie bat viele Male um Entschuldigung, ebenso oft sagte ich: „Non c’è problema!”

Frage des großen Kindes: „Möchtest du Lehrer werden für die letzten Jahre?”

Tiere in der Buchhandlung

Vögel waren die Ausnahme, standen aber nicht an letzter Stelle. Einmal streckten die Kinder des Organisten ihre Köpfe vorsichtig durch die Türöffnung und fragten höflich, ob sie ihr Kaninchen mit in die Buchhandlung nehmen dürften. „Ja, macht mal!” sagte ich, und da schoben sie einen Kinderwagen herein, und darin lag es.
Im übrigen wären vor allem Hunde zu erwähnen, deren meisten ich mit Namen kannte: Till, ein schöner Königspudel, den Frau D. mitbrachte. Indi, der Hund von Pastor S., ein Foxterrier, das bravste Tier von allen, was auch an den Leckerchen liegen mochte, die Pastor S. immer bei sich führte und freigebig auch an andere Hunde verteilte. Indi habe ich nicht mehr gesehen, denn sie ist gestorben, aber Pastor S. sehe ich hin und wieder, erinnere mich auch noch gut daran, wie er einmal in der Fußgängerzone langsam an mich heran radelte und mir erst in den Rücken, dann auf Augenhöhe und schließlich sich halb zurückwendend, und dabei immer gemächlich in die Pedale tretend (der Sattel war ganz niedrig gestellt), die kurzgefasste Geschichte vom plötzlichen Tod des Altbischofs Lettmann in Jerusalem erzählte.
„Er ist in der Geburtskirche umgekippt! Ist das nicht schön?!”, meinte er mit breitem Christenlächeln, das sich nun stetig entfernte, er war auch schon fast zu Hause.
„Kann man sagen, ja!” rief ich ihm nach.
Jutta war der ungewöhnliche Hundename eines Mops‘, die Besitzerin hatte ihn nach einer früheren Geliebten benannt. Flore wiederum war ebenfalls ein Pastorshund. Er kam eines Tages ohne Begleitung mit Schwung mitten in den Raum gelaufen. Glücklicherweise trug er eine Hundemarke. Der Anruf ergab, dass er zur Kirche gegenüber gehörte, Rudi, der Gärtner, hatte ihn schon vermisst.
Nach vielen Monaten kam Flore abermals herbeigelaufen, ich erinnerte mich an sie. „Kommst du mit zu Rudi?” sagte ich ihr auf die Nase zu. Sie trabte leicht neben mir her.

Paulchen, der fröhliche Rowdy

Mit dem Thema Hunde verbinde ich vor allem Paul, einen Großen Münsterländer, auf den ich manchmal aufpasste, wenn seine Besitzerin arbeiten war. Wir sehen uns nur noch selten, es braucht etwas, bis er erkennt, wer da sitzt oder hockt, aber dann freut er sich, unterbricht sein Spielen, schleckt mir im Vorbeilaufen über die Nase. Ich ließ ihn meist unangeleint, denn trotz seiner respektablen Größe war er ein lieber Kerl. Sein Lieblingsplatz war die Sitzecke. Er lag dann unter dem niedrigen Tisch, stupste mit seiner Nase einen Tennisball zu mir herüber, ich kickte ihn zu ihm zurück, er gab ihm einen neuen Nasenschubs… so ging das Spiel hin und her. Ich gewöhnte mich daran, den sabberigen Ball in die Hand zu nehmen und bemerkte erstaunt, dass manche von den Kunden – Paul spielte sie sogleich an, wenn sie die Türschwelle überschritten – ebensowenig fies davor waren.
Zuweilen wedelte Paul ein Buch um, aber nur eines kam dabei wirklich zu Schaden – nie werde ich seinen Titel vergessen: Der wunderbare Hund, ein Schelmenroman.
In der Mittagspause nahm ich ihn manchmal mit zu KODI. Er zog mich zur Hundeabteilung.

Kaufcenter

Nach der Arbeit kurierte ich meine Kopfschmerzen, indem ich Kaffee trank und dazu einen Apfel aß.
Die empfohlene Säuerung mit Zitrone – in dieser Art hatte ich gestern bei einer Freundin eine Tasse Kaffee zu mir genommen – hebe ich mir für ein anderes Mal auf, ich habe keine Zitronen da.
Ich habe auch geschlafen, ungefähr anderthalb Stunden.
Abends fuhr ich ein paar Sachen einkaufen. Am Kapellenplatz fing mich Jutta ab, paar Jahre älter als ich. Sie erzählte, dass sie zur Zeit ein Ehepaar aus Schottland zu Gast habe (ich konnte die beiden sehen, sie saßen hinter der Scheibe), es komme schon seit Jahren, sie organisiere immer eine Fahrt oder eine Besichtigung, jetzt seien ihr die Ideen ausgegangen, ob ich etwas wisse. Vielleicht, dass Petra und Ivano von Europa Eis sie bei der Eisherstellung zugucken ließen, schlug ich vor. Alternativ könnten sie auch nach Blitterswijk fahren, zu Tante Jet, dem Ausflugslokal an der Maas. „Kenn ich!” sagte Jutta und war schon entschieden.

Vor dem Kaufcenter wurde ich ein zweites Mal gestoppt, aber da war ich sowieso schon am Ziel.
Ein südamerikanisch aussehender Mann kam zielstrebig unsicher auf mich zu, als habe er mich schon erwartet, könne es aber nicht glauben, dass ich mich wirklich materialisiert habe, und fragte, ob ich ihm ein Bier kaufe. „Welches?”, fragte ich. Es war eine effiziente Unterhaltung. „Egal”, sagte er, „billig billig.”
Ich kaufte eines mit Bügelverschluss, denn ich wollte nicht, dass es noch Palaver wegen des Flaschenöffnens gäbe, obwohl der Mann wahrscheinlich kein Anfänger im Biertrinken war.
Als er mich herauskommen sah, löste er sich aus seiner Warteposition, nahm sein Bier in Empfang, sagte „Danke”, wünschte mir einen guten Tag und bog um die Ecke.

Vermischte Meldungen

Trag nie eine helle Hose, wenn der Hund deiner Gastgeber schwarz ist.
Wie immer(,) sprang mich Eddie zur Begrüßung an. Wiedererkennensfreude oder Randale? Sein griffiges Pudelfell war erbarmenswürdig geschoren, er sah aus wie ein Lämmchen. Die schwarzen Augen, sonst als glimmende Knöpfe nur erahnbar, waren jetzt klar zu sehen; sie blickten kritisch und humorlos.
Im Behandlungszimmer stieg beruhigende Musik auf und zerging wie Rauch in der Luft. Dr. B. stopfte mir eine Art Watteknubbel in den Zahn und drückte ihn platt, so wie manche Schickimickiignoranten es mit Kaffee tun. Der Kaffeekegel wird beim Zusammenschrauben der Caffettiera sowieso zusammengedrückt. Hier bei der Zahnbehandlung hatte es natürlich seinen Sinn, sag ich nichts.
Wenn ich ‚lache‘ (mechanisch, vor dem Spiegel), sieht es aus, als klebte mir ein Kaugummi zwischen den Zähnen.
Dr. B. mahnte mich ironisch, nächstes Mal gutgelaunt zu erscheinen.
Beim Aufschließen des Fahrrads hatte ich ölige Finger, weil ich neulich, nächtens, die knarzende Kette mit Sonnenblumenöl begossen hatte; es war auf den Sattel (Lepper) getropft. An sich gut fürs Leder. Bei einer meiner frühmorgendlichen lichtlosen Rasereien nach Lüllingen, bei denen ich die raren Schemen erschrecke, die steif am Straßenrand stehen und auf ihre Mitfahrgelegenheit warten, war die Kette abgesprungen.
Fremd-Wörter schubsen Eigen-Wörter an.

Privatentnahme

Das Zusammenleben klappte nicht, und in dem Zimmer lebte jetzt jemand anders.

Die Buchhandlung war groß genug, aber wegen des Schaufensters eignete sich nur das Kabuff zum Schlafen. Es war durch schwere rote Samtvorhänge, die A. mir ausgeliehen hatte, vom Verkaufsraum getrennt. Hin und wieder kam pfeifend G. in seinem lose über die Schultern geworfenen Mantel, um sich aufzuwärmen. Seine Hände waren kalt und trocken. Ich machte uns Kaffee. Wenn kein Gebäck da war, ging ich zu Ihr Platz und tippte zwei Euro aus.
Zwei Nachtspeicheröfen sorgten für laue Wärme. Oft saß ich neben der Ladentür, mit den Händen unter den Oberschenkeln. Wenn ich rauchte, zog der Qualm durch die Ritzen nach draußen. Die Kälte haftete klebrig an Klinke und Rahmen.

Das Kabuff war schmal und beengt. Ein Fenster zum Innenhof – die Mülltonnen standen da, daneben Fahrräder; Autos parkten auf dem Kies – gab den Blick auf die gegenüberliegende Fassade des Rheinischen Hofs frei, die Buchstaben waren als hellere Aussparung noch zu sehen. Damals betrieb dort Familie Lin ihr Chinarestaurant. Ein Foto aus der Eröffnungsphase zeigte sie mit dem Pastor, auf einem anderen war Dr. S. zu sehen, der Bürgermeister.

Vom Kabuff führte eine Tür zum Klo, in dem ich, auf ein Brett gestaucht, Verpackungsmaterial aufbewahrte. Gleich hinter der Tür standen ein großer Sack für Plastik und ein anderer großer Sack für Papier; ein – kleinerer – Müllsack war unter das winzige Waschbecken geknufft.
Der Hahn war in ca. dreißig Zentimeter Abstand vom Becken angebracht. Ein Stück Schlauch verhinderte, dass das Wasser zu sehr spritzte. In die Bodenfliesen war ein Abflussgitter eingelassen. Durch den Luftabzug kam keine frische Luft herein, sondern nur die Abluft der Gastronomie und der ekelhaft faule Gestank organischer Abfälle.
Gleich hinter der Klozelle verlief ein Gang, der von den Personalräumen des Cafés N. zum Innenhof führte; die Zwischenwand war dünn und hellhörig. Wenn die Angestellten vorbeigingen, hielt ich den Atem an, bis die hallenden Schritte und die Stimmen – scherzend wegen des anbrechenden Feierabends – verebbt waren.
Über der Buchhandlung wohnte eine Familie, deren Leben sich in gedämpften Schallwellen durch die Decke zu mir herab senkte.

Ich hatte die Leuchte nach Ladenschluss nur selten ausgeschaltet, Fliegen sammelten sich darin als opake Krümel; auch den Vorhang zog ich nicht zu.
Jetzt aber, sobald sich draußen die Fußgänger und Radfahrer vereinzelten, verbarg ich den kleinen Raum vor Einblicken und ließ die Rolläden herab. Mit dem Licht konnte ich mich nicht entscheiden, mal brannte es die Nacht durch, mal schaltete ich es aus.

Nachts kam der Bücherwagendienst. Später, als er sich mit einem kleinen Brief – „… neuen beruflichen Herausforderungen … danke Ihnen für Ihr Vertrauen …” – von den Inhabern der von ihm angefahrenen Buchhandlungen verabschiedete, wurde der Fahrer als Ch*** namhaft. Beim Aufschließen rappelte Ch*** mit der Tür, sie war, wie auch das Schaufenster, einfach verglast. Die blaue Wanne stellte er auf den Boden vor die Heizung, oder auf die Heizung selbst, manchmal gab er nur einen Brief herein oder ein Päckchen mit den zwei Büchern, die bestellt worden waren, oder einen Pappumschlag mit dem einen Buch, dem eine Sammelrechnung für die Lieferungen der letzten zehn Tage beilag. Es kam vor, dass ich ihm selbst die Tür öffnete, im Hintergrund leuchtete blässlich der Laptop, der weiße Transporter wartete in Schüttellähmung.
„Haben Sie kein Zuhause?”
Er wünschte mir im übrigen einen guten Tag, rutschte hinters Steuer, schlug knallend die Fahrertür zu.

Zum Schlafen legte ich mich auf eine Sofakombination, bestehend aus einem längeren geschwungenen Teil und einem beweglichen Hocker.
Spätestens wenn Ch*** aufschloss, wachte ich auf. Hinter meinem Vorhang spürte ich zuweilen seine Irritation. Einmal näherte er sich murmelnd meiner Schlafstätte. Sicher, ich hätte es ihm längst sagen können. Aber ich sagte nichts.

„Nein, das lass‘ ich jetzt”, hörte ich ihn flüstern.

Hin und wieder stieg ich mitten in der Nacht auf und unternahm Spaziergänge in der schlafenden Stadt. Bevorzugtes Ziel meiner Wanderungen war die Weezer Straße, eine langgestreckte schnurgerade Wohnstraße, die ich stadtauswärts in Richtung B9 lief, bis dahin, wo eine riesenhafte Erdbeere auf einen Verkaufsstand hinwies. Dort machte ich kehrt. Wieder bei der Buchhandlung angelangt, sah ich nach, ob der Fahrer inzwischen da gewesen war. Wenn nicht, setzte ich mich wieder in Bewegung, umkreiste die Gnaden- und die Kerzenkapelle, sah mir Schaufenster an, deren Auslagen mich nicht interessierten, schubste mit dem Schuh gegen zusammengekehrtes Laub. Manchmal sah ich einen Igel oder eine Katze. Das waren die Höhepunkte.

Pembaur

Für Ostern studieren wir eine neue Messe ein, die Messe in F dur op. 10 (1902) von Karl Pembaur, einem gebürtigen Innsbrucker, der ab Beginn des vorigen Jahrhunderts in Dresden wirkte, wo er auch starb.
Die Tempobezeichnungen geben einen ersten Hinweis auf den Charakter des Werks. Ich zitiere aus den Noten für „Violoncello & Contrabass”:
Kyrie
„Ziemlich langsam.”
Gloria in excelsis deo
„Schnellere Viertel.” „Sehr langsam werdend.” „Gleich langsame Viertel.” „Etwas bewegter.” „Breiter als das Hauptzeitmass.”
Credo in unum Deum
„Ungefähr gleiche Viertel wie zu Beginn des Gloria.” „Ruhiger werdend.” „Sehr langsam.” „Breite Viertel.” „Etwas langsamer wie zu Beginn des Credo.” „Ein wenig langsamer.” „Zeitmass des ‚et incarnatus’.” „Bewegter werdend.” „Etwas bewegter als das frühere Zeitmass, jedoch nicht so schnell wie zu Beginn.” „Ein wenig zurückh.” „Zeitmass des Credobeginnes.”
Sanctus
„Viel längere Viertel.”
Benedictus
„Ungefähr gleiche Viertel, eher etwas rascher.” „Sehr langsam.”
Agnus Dei
„Sehr breite Viertel.” „Etwas bewegter.” „Fast nochmal so langsam.”
Laut Romano gibt es eine Aufnahme eines Orchesters aus Bern, doch das spiele so langsam … Er grinste. Für Studienzwecke ungeeignet.
Mit Joseph, meinem Kollegen am Cellopult (und erstem Cellolehrer), unterhielt ich mich über die bevorstehende Wiedereröffnung des Europa Eis Cafés, die sich wegen eines Wasserschadens um einige Tage verzögert. In der Wallfahrtssaison treffen wir uns dort immer sonntags nach der Messe mit den Streichern.
„Wie heißt noch mal der Hund?” fragte ich.
„Das wusste ich mal”, sagte Joseph und wir probierten ein paar Namen, bis ich aufs Geratewohl „Rocco” vorschlug. „Rocco!” rief er.