[brace] Inseln

Heute, aus Anlass des Internationalen Frauentags, ein Doppelprogramm mit zwei Arbeiten aus (Film-)Kunst und Literatur, die mir sehr gut gefallen.

„Es verhält sich mit der deutschsprachigen Poesie wie mit dem bundesdeutschen Fußball: An Torhütern mangelt es nie.”
So moserte Michael Lentz vor nunmehr sechzehn Jahren, man kann seine „Thesen zur Poesie” hier nachlesen.

Ich möchte zu bedenken geben, dass es vielleicht nicht die Schreibenden sind, die die angebliche, von Lentz bemängelte „Windstille” vorrangig zu verantworten haben, sondern verwechselbar, langweilig und träge gewordene Verlage (Rundfunkredaktionen, Zeitungsredaktionen und wer immer sonst Pfründe zu verteidigen hat), die bräsig ihr Erbe verwalten (oder in ihren Archiven vergammeln lassen: Was macht Hoffmann & Campe mit dem Pfund seines Autors Heinrich Heine? – Nichts!) und das Neue nur dann durchlassen, wenn es sie hinreichend an das Alte erinnert.
Oder bin ich ungerecht?

Andere Verlage wiederum mögen grundsätzlich willens sein, Neues zu wagen, sind empfänglich für Qualität, sehen sich aber wegen zu geringer Kapazitäten (zu wenig Geld, zu wenig Leute, zu kleines Programm) außerstande, ihm ein Forum zu geben.

Wie auch immer: Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Plätze für genreübergreifende Literatur. Kästchen sind doch witzlos!

Im folgenden ein Ausschnitt aus dem Text Inseln von Lilian Peter, Teil eines Buchmanuskripts: Mutter geht aus, für das die Autorin u.a. 2020 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats erhielt. Es geht um Klicker und Murmeln, Klackern, Rinnen und Perlen, um Rauschen, unter anderem. Der Text spricht davon, und er bildet es nach: eine Sinn- und eine Sinneserfahrung. Auch ein landeskundlicher Beitrag zu Japan.

Auszug aus Inseln

[…] Ich bewahrte die Murmeln in einer kleinen Schatztruhe auf, spielte jedoch selten mit ihnen, nur manchmal öffnete ich die Truhe, griff hinein und versuchte, möglichst viele in der Hand zu halten und sie dann ganz langsam und vorsichtig gen Boden, oder mit einer schnellen Bewegung des Unterarms, wie man sie auch beim Kegeln macht, in den Raum gleiten zu lassen, denn ich liebte das perlende Geräusch, das sie dabei machten, und wenn ich ganz viel Glück hatte, stießen sich beim anschließenden Kullern manche der Murmeln noch einmal an und ergaben ein leises, klackerndes Geräusch, bis sie schließlich ruhig liegen blieben und ein mal weiter, mal weniger weit verstreutes Muster ergaben. Ein leises, klackerndes Geräusch machen auch Bambuswälder, wenn der Wind durch sie hindurchrauscht, auf einer kleinen Insel in der japanischen Präfektur Kagawa stand ich einmal lange in einem Bambuswald und lauschte dem zarten Klack-Klack-Klack-Klack-Klack, dem Murmeln der Bäume im Wind, später stand ich an einem Fluss und lauschte dem Plätschern, das dem Klack-Klack-Klack-Klack-Klack der Bambuswälder erstaunlich ähnlich ist, später stand ich in einem Museum, das kein Kunstwerk beherbergt, sondern selbst eines ist, es heißt 母型, „Matrix“, und stammt von der Künstlerin Rei Naito, es ist ein sehr großer, flach gewölbter Raum, muschelförmig und mit zwei großen Öffnungen, durch die man jeweils ein sehr präzise inszeniertes Stück Natur sieht, die Sonne kann hineinscheinen und große runde Lichtflecken auf den weißen Betonboden werfen, Regen kann hereinprasseln, sich in Pfützen sammeln und langsam, langsam über den Boden zu rinnen beginnen, der nirgends ganz eben ist, zudem drängen aus winzigen Poren im Boden kleinste, kleine, größere und große Wassertropfen, die anschließend wie kleine Murmeln, in verschiedenen Geschwindigkeiten, innehaltend, Fahrt aufnehmend, sich zusammensammelnd aus verschiedenen Tropfen, über den Boden kullern, ein Spiel, das mit sich selbst spielt, Spieler sind nicht vonnöten, und man hat unmittelbar das Gefühl, Zuschauer braucht dieses Spiel auch nicht, es ist ganz zufrieden mit sich selbst; „Matrix“ lädt einen ein, man darf sich in ihr aufhalten, aber sie verlangt ein großes Maß an Zurückhaltung, Höflichkeit und Respekt, als Vergleich fällt mir nur eine Kirche ein, dabei ist der Unterschied zu einer Kirche, jedenfalls einer christlichen, gewaltig: Denn dieser Raum maßregelt nicht, urteilt nicht, hierarchisiert nicht, predigt nicht, unterwirft nicht, häuft keinen Reichtum an und fordert nicht im Gegenzug die Verschuldung seiner Leser, „Matrix“ zeigt lediglich ein Hier und Jetzt, in aller Schlichtheit, Schönheit, Verbundenheit und Stille. Bevor man sie betreten darf, zieht man die Schuhe aus und schlüpft in Filzpantoffeln, die meisten Besucher bleiben sehr lang, stellen oder setzen sich nacheinander an verschiedene Orte im Raum, niemand spricht, man beobachtet die sich stetig verändernde Natur jenseits der Öffnungen, die man ganz unterschiedlich wahrnimmt, je nachdem, in welche Perspektive im Raum man sich begibt, oder man beobachtet die Lichteinfälle, die nie bleiben, was sie sind, sondern mit wanderndem Sonnenstand stetig andere Formen annehmen, oder man beobachtet das lautlose Klack-Klack-Klack-Klack-Klack der Wasserperlen am Boden und ihr glasklares Murmeln, oder man lauscht dem Wind, der an den flachen Rundungen des Gebäudes entlangrauscht wie ein Meer, verstärkt durch die Akustik des Raumes; ein japanischer Traum, ein Traum von Japan – und eine Wirklichkeit, die sich nicht ausspielen lässt wie Murmeln in der Hand eines Spielers, der nur aufs rechte Loch zu zielen braucht. „Matrix“ (Plural „matrices“, davon die „Matrizen“) kommt aus dem Lateinischen, ist verwandt mit der „mater“ und der „materia“ und heißt soviel wie: „Gebärmutter, Mutterleib, Muttertier, Zuchttier“. Als „Matrize“ oder „Mater“ bezeichnet man, zum Beispiel, im Zusammenhang der Schriftgießerei die Gussform, in die der Schriftgießer Satzmetall (meist Blei) gießt, um Lettern oder Bleisatzzeilen zu erzeugen.

[brace]

[brace] ist ein s/w-Kurzanimationsfilm von Anja Großwig (Buch, Regie, Produktion, Produzentin, Kamera, Schnitt), Absolventin der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, der zwischen 2013 und 2018 entstanden und aus fünftausendvierzig Einzelbildern montiert ist. Der Film wurde beim Durban International Film Festival 2018 erstaufgeführt.
Prädikat besonders wertvoll (Deutsche Film- und Medienbewertung).

„BRACE zeigt eine dysfunktionale Beziehung zweier völlig gegensätzlicher Charaktere. Chaos und Ordnung, Akribie und Lässigkeit, Pedanterie und Großzügigkeit als Persönlichkeitsmerkmale stehen unvereinbar gegeneinander wie Lärm, Hektik und Wirrnis der Großstadt zu Ruhe, Geschütztheit und Kontrollierbarkeit des eigenen Heims.” (zitiert nach: Produktionsspiegel nordmedia)

Ich wünsche einen schönen Feiertag!

Dank an Lilian Peter und Anja Großwig.