Wildes Lesen

Meine Mitbewohnerin ist in Ferien gefahren. Ich nutze die Gelegenheit, um mich ein bisschen mehr auszubreiten als sonst und Musik über Lautsprecher zu hören.

Lesen gerade ein bisschen ungeordnet, zum Beispiel gucke ich in meine eselsohrigen Mallarmé-Bücher. Vor fünf, sechs Jahren habe ich mich eingehend mit ihm beschäftigt, jetzt also ein kleines Revival, unter Zuhilfenahme der Übersetzung von Carl Fischer, die 1957 veröffentlicht wurde, zuerst im Verlag Lambert Schneider in Heidelberg, der dem Namen nach noch existiert, dann im Verlag Jakob Hegner in Köln, 1969 – diese Ausgabe habe ich.
Eine herausfordernde Lektüre, aber bereichernd, auch ist mir der Mensch sympathisch.
Mit Marcel Proust sollen sich andere herumschlagen. (Gestern ungefähr zehn Minuten in die Lange Nacht reingehört – zum Einschlafen!)
Außer Mallarmé lese ich Die großen Hymnen (wie sie der Herausgeber nennt) von Johann Wolfgang von Goethe, die er als Twen geschrieben hat, und die in die Zeit des Sturm und Drang fallen. Kann man immer noch lesen!
Kurzes Zögern bei „Deukalions Flutschlamm” (Wandrers Sturmlied, 1772): Wer oder was ist Deukalion? Und dann – ach so! Langes u, also sozusagen Schlammflut, auf links gedreht, um die Doppelung mit Schlammpfad in Vers 11 zu vermeiden. Ist aber nicht sein bestes Gedicht, Wandrers Sturmlied.

Es ist natürlich eigenartig, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, während die Welt an der einen Ecke in Flammen steht und an der anderen im Wasser versinkt und die Munition und die Chemieabfälle am Meeresgrund zwar noch nicht hochgegangen, doch auch ohne dies bereits Milliarden Meereslebewesen eingegangen sind – aber ich hab auch keine bessere Idee.
Was es indes ebenfalls gibt: Renaturierung, Entsiegelung, Abriss von Autobahnen, um zerrissene Nachbarschaften wieder zusammenzufügen.

Heute abend Endspiel der Europa-Fußballmeisterschaft Italien-England. Weil ich es hasse, wie England den Sieg gegen Dänemark geschenkt bekommen hat und ich es auch nicht schätze, wenn beim Absingen der Nationalhymne – auch wenn mir persönlich nationale Symbole gleichgültig sind – des gegnerischen Teams gebuht und bei Elfmetern der Torhüter (hier: Kasper Schmeichel) mit Laserpointern abgelenkt wird, wünsche ich dem englischen Team von Herzen die Niederlage und den Italienern den Sieg. Sie haben sich ihn im Lauf des Turniers vor allem spielerisch und weniger taktisch (durch häufiges Niedersinken in der gegnerischen Hälfte) verdient.