Strohlicht. Weiteres zu Anja Utler

Die Assoziation mit Josua, der den Lauf der Sonne anhält, ist leider eine kalte Spur, denn in kommen sehen geht die Sonne weiter auf und unter (was wir so nennen, der Einfachheit halber), nur einen Wetterwechsel gibt es nicht mehr. Apriltage wie jetzt im März, mit Sonne, Regen, Schneeregen und Hagel im Wechsel – passé. Bäume stehen noch, aber vertrocknet, entlaubt: skelettiert, so wie manches in dieser unwirtlichen Welt skelettiert ist. Sogar „die skelettierten Wasser”, ein geologisches Datum: „Steine mit Wasser- Quellverbiss”, „Bissspuren vergangener Flüssigkeit”.
Wasser ist etwas Zählbares geworden, so gering und so rar.
„Flüssigkeitsanteil”, „Tau”, das lässt sich noch sagen.
Was da glitzert: wahrscheinlich Sand. Statt des erquickenden Nass‘ bukolischer Dichtung „eine Gestanksgravur des ver- / trockneten Wehrs”.

Einmal war die Erde von Ozeanen bedeckt gewesen.

„zur Sonne zum Schlamm” – ist das ein Echo auf den Aufbruchs-Elan von „zur Sonne, zur Freiheit”?
Und dieser andere Vers, der fast allein auf der Seite steht: „Mutter um Himmels willen Mutter / Warum bist du hier?” – Die Tochter redet zu ihrer Mutter, panisch vielleicht, ärgerlich. Es ist aber auch eine (groteske?) Umkehrung von -. Aber ich will nicht wieder die Bibel zitieren.
Wer so spricht wie hier die Tochter, scheint wirklich dem Untergang nahe zu sein.
Ist es Zufall, dass kommen sehen aus sieben Abschnitten besteht?

Ja, Schlamm gibt’s offenbar noch, aber das erzählende Ich registriert auch, „wie Flecken um Flecken das Gras kollabiert”, es blinzelt ins „Strohlicht”, es hat jene drei Jahre Sommer erlebt, von denen gleich zu Beginn die Rede ist, und die sich durch ein Fauchen ankündigten:
„und dann kommt die Sonne Stück / Kieferleiste das lodert den Horizont zu be- // saugen beginnt”

Diese expressiven, bildstarken Wendungen sind immer überraschend, weil sie neben sachlichen („durch den Umbau von Männern zu Frauen”) oder technischen, auch bürokratischen Ausdrucksweisen stehen – eine eigenartige Mischung, und gerade richtig, um der wüstenhaften Existenz in einer unlebbar gewordenen Welt eine adäquate sprachliche Form zu geben.
Anja Utlers Sprache bewegt sich am Rand, kippelt ins Abstrakte, in dessen Überhelligkeit sich Konturen und Begriffe verwischen, verebbt im Stummsein.