Windgebauschte Ärmel von Eis

Überschrift = Zitat von Günter Eich („Februar”)

Mein Feiertags-Mixtape habe ich ja schon vor einigen Tagen online gestellt, heute daher nur ein kleiner Nachschlag. Der Song von Julia Jacklin – was sie genau singt …? Oh, hier gibt’s einen Hinweis: „With its transportive harmonies and slow-burning guitar solo, Don’t Know How to Keep Loving You ponders the heartache in fading affection (“I want your mother to stay friends with mine/I want this feeling to pass in time”)” – scheint eine traurige Geschichte zu verhandeln; tut hier aber nichts zur Sache. Das Englisch-Genie Drittgedanke – zweitgrößter Wortschatz nach Goethe, ey, isch schwör -, auch als Die Beifängerin auftretend, versteht alle Texte und kann alles mitsingen. Mir fehlt diese Gabe. – Die Melodie ist sanglich, die Darbietung (in Philadelphia, Pennsylvania, für das World Cafe, eine Sendereihe des National Public Radio npr, aufgenommen) konzentriert und hingebungsvoll. Julia Jacklin singt mit Inbrunst. Und: Sie trägt eine Brille! Cool.
Das Hahnentrittmuster verrät Stil, hat etwas zeitlos Altmodisches.
Der Drummer erinnert an Orson Welles, sieht aber möglicherweise anders aus; was meint Bob dazu? – Charismatischer Typ, schauspielerische Fähigkeiten.
Wenn ich die Namen der Musiker finde, reiche ich sie nach.

Erschienen ist das Stück auf Julia Jacklins zweitem Album, Crushing (2019).
Es gibt auch ein Offizielles Video zum Song, in dem, peu à peu eskalierend, Renaissance und Independent-Kino zusammenkommen; Julia Jacklin selbst hat Regie geführt.

Gestern kam die betrübliche Nachricht, dass Michael Braun gestorben ist, erst 64 Jahre alt. Er wird überall fehlen. Wir haben uns ein paar Mal getroffen, wenn er in der Galerie seines Cousins Karl Piberhofer in der Schwartzkopffstraße in Berlin-Mitte, gegenüber dem nazimäßigen Gebäude des Bundesnachrichtendienstes, den von ihm (mit-)herausgegebenen Lyrik-Taschenkalender präsentierte, auch im Literaturhaus Berlin oder in der alten Akademie der Künste im Tiergarten. Als ihm 2018 der Alfred Kerr-Preis für Literaturkritik verliehen wurde, fuhr ich eigens zur Preisverleihung nach Läpzsch.
Zuletzt hatten wir 2019 Kontakt, als ich für das Signaturen Magazin die Anthologie Aus Mangel an Beweisen besprach. Michael meinte, wahrscheinlich hätte keiner das Buch so gründlich gelesen wie ich – was hier weniger aus Eitelkeit wiederholt sei als darum, weil ich mich da als guter Schüler gezeigt habe, denn Michael Braun selbst war dafür bekannt, Bücher gründlich zu lesen: vorbildlich. Er war und bleibt ein inspirierender, Maßstäbe setzender Kritiker, und wir wollen nicht vergessen, dass bei seinen sachkundigen, zugewandten Exegesen jeweils immer auch ein schöner, runder Text heraussprang, ein Text von Michael Braun.

Deutschlands wichtigster Lyrikkritiker Michael Braun ist gestorben. Pfälzischer Stoiker: Letzter Gruß an den Miterfinder der neuen deutschen Lyrikszene. Von Gregor Dotzauer (Der Tagesspiegel, 23.12.2022)
Diese poetische Kundigkeit. Er war unbestechlich und dezidiert, aber musste nicht recht haben. Die Literatur war ihm wichtiger als er selbst. Zum Tod des Kritikers Michael Braun. Ein Nachruf. Von Ulrike Draesner
DIE ZEIT, 23.12.2022
„Die Karawane verharrt”. Nachruf auf den Lyrikkritiker Michael Braun. Von Hauke Hückstädt
Börsenblatt, 24.12.2022
Enthusiast für Poesie. Zum Tod von Michael Braun. Von Beate Tröger
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2022

Notorische Neugier. Nachruf auf Michael Braun. Von Henning Ziebritzki
Süddeutsche Zeitung, 23.12.2022 (leider nur für Abonnenten frei lesbar)
Michael Braun und das große Sanktuarium der Poesie. Von Kristian Kühn
Signaturen Magazin
, 2.1.2023

Edit (28.12.2022): Mein Bruder wies mich auf das Interview hin, das Faust-Kultur in Person von Bernd Leukert 2018 mit Michael Braun geführt und aus Anlass seines Todes zum Nachlesen bereitgestellt hat, hier.