Die große Schalte

Sollte sich unter der Leserschaft jemand befinden, für den dies Stellenangebot von Fit Analytics interessant sein könnte? Na, ich teile es mal für alle Fälle. Gesucht wird ein Back-end Developer – API (m/f/d). – Weitere Jobs werden ansonsten hier angezeigt, und ich glaube, auch Initiativbewerbungen sind möglich.

Um 11 war ich bei Yvette.
„Heute berechne ich nach Gramm.”
Erst seit ein paar Tagen hat ihr Laden in der Elberfelder Straße wieder geöffnet – gerade ist es ja wieder erlaubt. Arbeitsbeginn Viertel nach fünf, so die ganze Woche. – Von Bruno habe ich nichts gesehen. Entweder schlief er irgendwo, oder sie hat ihn vorübergehend in eine Hundepension gegeben.
Sie rechnet damit, bald wieder zu schließen, „so, wie sich die Leute verhalten”.

Als Pause von der vielen Arbeit hat sich unser Team neulich zum Filmegucken verabredet. Der Großvater einer Arbeitskollegin war Filmregisseur, und so sahen wir eine griechische Komödie von 1957, Griechisch mit englischen Untertiteln, über einen ehemaligen General, der streng über seine vier Töchter wacht und sie mit Trillerpfeife herumkommandiert. Dann kommt die titelgebende Tante aus Chicago und bringt frischen Wind ins Haus, setzt an die Stelle des alten klobigen Mobiliars elegantes neues, auch der Flügel kommt weg, ein Schallplattenspieler ist viel schicker! – vor allem: Komm mal mit auf den Balkon, spricht sie zwinkernd zu ihrer ältesten Nichte. Ob ihr einer von den vorbeilaufenden Männern gefalle? Die Nichte wählt recht zügig, resolut bringt die Tante den Glückspilz zum Halt. Die herabgeworfene Amphore hat ihn gottlob verfehlt, aber immerhin kann man ihn ins Haus komplimentieren, das Wasser lässt sich sicher schnell herausbügeln (im Bügelzimmer kurzer Check der Personalien), inzwischen ein kleiner Whiskey, und ach, Rock’n’Roll tanzt er auch? Ja dann bitte, unsere Tochter … Dann Schnitt, Kirche, Pfarrer, Festgesellschaft, ein strahlendes Paar, ein stolzer Papa.
Für solche kleinen Gruppentreffen stellt die Company netterweise ein Budget zur Verfügung, ich wählte ein Überraschungspaket und fand mich überreich bedacht mit einem Kilogramm Lakritz (ohne Gelatine), einem Kilogramm Mandeln, vier Tüten Sahnetoffees und einer Tafel Schokolade 🙂 Ein Viertel dessen hätte mir schon gereicht, aber die Mandeln halten sich, und mit den Toffees hilft mir sicher jemand.

Neulich war wieder Bandcamp Friday, eine Initiative besagter Plattform, bei der alle Einnahmen an die beteiligten Künstler ‚ausgekehrt’ werden. Die Idee ist, ihnen Geld zu sichern, wo sie schon nicht auftreten dürfen. Ich habe drei Alben gekauft (zwei als Datei, eines als CD).
Das erste: Camera von Fabio Viscogliosi, vor gerade einer Woche erschienen. Ich kenne Fabio Viscogliosi, weil die Spex (das war eine snobistische und eigentlich grundunsympathische Musikzeitschrift, die ich regelmäßig gekauft habe, als ich in Köln lebte, gibt’s nicht mehr) vor zwanzig Jahren einen seiner Songs, Quasi nello spazio, auf einer ihrer CD-Beigaben hatte (Kompilationen neuer Songs). – Außer dass er ein phantastischer Musiker ist, ist er auch ein toller Zeichner. (Das Album-Cover ist von ihm.) Top!

Die zweite Platte ist von Nazareno Caputo, einem italienischen (Fabio Viscogliosi ist Franzose italienischer Herkunft, singt meist auf Italienisch) Schlagzeuger, der sich auf Vibraphon spezialisiert hat, was eines meiner Lieblingsinstrumente ist. (Deswegen u.a. ist auch eine Band wie Tortoise für mich interessant.) Phylum – ebenfalls ganz neu – ist eine Trioplatte (vib/perc, b, dr). Der Titel wird auf der Label-Seite erklärt, siehe auch -> Stamm.

Jazz unterhält nicht erst seit gestern enge Beziehungen zur neuen Musik (umgekehrt gilt es auch!), was okay ist, nur dass dabei oft Vitalität und Freiheit auf der Strecke bleiben: zu viel Kontrolle. Das ist bei Nazareno Caputo nicht so. Er hat zwar neben seinem Musikstudium auch ein Architekturstudium absolviert – ein konstruktivistisches Moment ist seiner Musik anzuhören -, aber Phylum wurde nicht am Reißbrett entworfen – die Musik atmet, sie hat Drive und Attacke.
Wie bin ich auf ihn gekommen? Über das Label (Aut Records).

Non c’è due senza tre: ’68 von Robert Wyatt macht meinen kleinen Einkauf perfekt. Die Aufnahmen aus dem besagten berühmten Jahr sind erst mit 45-jähriger Verspätung veröffentlicht worden, was sich dem Engagement eines anderen Independent-Labels verdankt, Cuneiform Records.
Robert Wyatt war bisher nicht so auf meinem Schirm, Soft Machine kenne ich als Namen, von der Musik weiß ich nichts. Das mag sich ändern. Aber er hat bei drei Stücken auf Mary Halvorsons (kommt am 23. April vielleicht nach Berlin) Album Artlessly Falling gesungen, und im aktuellen Heft des Jazz Podiums ist ein Interview mit ihm, und das hat mich doch neugierig gemacht. – Die Musik trifft, was sich Cuneiform Records zum Programm gewählt hat: adventurous, boundary-bursting music.

Ja, drei sehr unterschiedliche Platten, ganz verschieden auch zu Cate Le Bon, Julia Holter oder Kelly Lee Owens, die ich alle auch gern höre. Mein Kollege Sean sagt immer, ich sei ein „dark horse”. („Your inner wutbuerger pops up again” – ein anderer auf mich gemünzter Spruch.) Er spricht ein so gewähltes Englisch, schmuggelt auch in seine Slack-Nachrichten Zitate von Shakespeare oder Christopher Marlowe, die jemand aus dem Team vielleicht erkennt, dass selbst Gem manchmal nachschlagen muss.

Seit kurzem bin ich dazu übergegangen, die Hälfte meines Milchkonsums auf Hafermilch umzustellen (Oatley Barista Edition wurde mir empfohlen). Auf der Packung wird erklärt, dass die Lebensmittelindustrie für 25% der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich ist, gegenüber 14%, die auf das Konto des Verkehrs gehen.

Die Enttäuschung des Eichelhähers, kaum rührt er die Kralle. Warum ist hier noch nicht gedeckt?

Francesca Naibo Namatoulee

„Auf die Frage, wie die Arbeit vonstatten gehen solle und welche Stücke ich aufnehmen wolle, antwortete ich, ganz Improvisatorin, dass ich das nicht wüsste. Aber in einem Punkt war meine Vorstellung davon, wie das fertige Produkt aussehen sollte, klar: es sollte sich von Live-Auftritten unterscheiden, bei denen die Stücke oft sehr lang ausfallen. Also kürzere Tracks, kleine Gemälde, Klangbilder.”*

Dies schreibt Francesca Naibo, Gitarristin aus Mailand, zu ihrem zumeist ganz ungitarristisch klingenden Schallplatten-Debüt Namatoulee (Aut Records, Berlin 2020), dessen vierzehn Stücke alle improvisiert sind und von der Musikerin – vielleicht um ihren jeweiligen Klangkosmos auf eine zugleich prägnante und offene Formel zu bringen – mit Titeln in Phantasiesprache versehen wurden („Mae Lougon”, „Teing Dol”, „Groff” u.a.).

Die knappe Angabe auf dem Cover zum verwendeten Instrumentarium: „guitar, objects, effects” –
wird in dem genannten Essay genau ausgeführt:

  • eine halbakustische Gitarre des Typs Godin 5th Avenue Kingpin für Linkshänder
  • ein Röhrenverstärker
  • eine klassische Gitarre
  • verschiedene Objekte (Präparierungen)
  • Effektgeräte („delay, overdrive, sound retainer, ring modulator”),

deren jeweiliges Funktionieren mir nicht klar ist, die aber mit dafür sorgen, dass die Musik auf Namatoulee nach allem möglichen klingt – nach einem Violoncello zum Beispiel -, aber selten an eine Gitarre denken lässt, jedenfalls nicht, wenn man (vergleichsweise!) konservativ ist wie ich und einen bestimmten klassischen Gitarrenklang im Kopf hat, den die Klangforscherin Francesca Naibo aber gerade vermeidet.
Sie ist auf neue Klänge aus, was auch mit ein Grund dafür ist, weshalb sie sich für eine halbakustische Gitarre entschieden hat: die Vermischung akustischer und elektrischer Klänge sei ein Eckpfeiler ihrer künstlerischen Arbeit.

Vielleicht schreibe ich einmal ausführlicher über Namatoulee, aber nicht heute. Übrigens singt Francesca Naibo auf zwei oder drei Stücken, ohne Text.

Hier ein Blick ins Aufnahmestudio:

* „Alla richiesta di chiarimenti circa l’organizzazione del lavoro e la tipologia di brani che avrei voluto registrare risposi, in perfetto stile d’improvvisatrice, che non lo sapevo. Un elemento era però chiaro nell’idea che avevo del prodotto finito: desideravo qualcosa di diverso dalle performance live, dove spesso i brani sono molto lunghi e sviluppati, e che includesse quindi dei pezzi di durata più contenuta che potessero costituire dei piccoli quadri, delle immagini sonore.”

Francesca Naibo Website
Aut Records Website
Francesca Naibo, „Namatoulee”, in: d.a.t. 7/2020, S. 108-124 [pdf]

Francesca Naibo Namatoulee. Francesca Naibo, Gitarre, Objekte, Effekte, Komposition. [46:32 Minuten]. Aut Records, Berlin [Juni] 2020. 12,00 Euro [Auflage: 300]