Ein griffloser Koffer

An sieben oder acht Stellen steht meine Habe verteilt, bei mir ist nur ein griffloser Koffer, den ich, wenn ich unterwegs bin, gegen meine Brust gedrückt halte wie ein großgewordenes Kind, das zu schwer zum Tragen ist. Ich weiß die Bücher, die Möbel, Bilder, Einrichtungsgegenstände: anderswo. Freunde haben mir mit leeren Kartons geholfen. A. hatte ein jägerisch blitzendes Auge, als sie die Heckklappe öffnete.

Es regnete stundenlang, da hielt ich nur noch den Tragegriff in der Hand. Zwischen den großen Fetzen, in die meine Papiertüte zerfallen war, lugten die Bücher und Papiere hervor wie lausige Vögel.
A. half mir, sie vom Boden aufzuklauben, und ich steckte sie grob in die Stofftasche.
Lange waren keine Taxis gekommen, dann schoben sich fast gleichzeitig zwei an den Bordstein. Das erste hupte gebieterisch. Wir sagten das Losungswort.

Wespenfalle

G. hat mir mit der Steuer geholfen, und ich bin abends eigens noch losgefahren, um den Umschlag einzuwerfen, drei Tage Verspätung mögen angehen. Bei der Gelegenheit habe ich B. hallo gesagt, der in der Nähe sein Gartenhäuschen hat. Nachts war er aus Norddeutschland zurückgekommen, jetzt saß er matt auf der Bank, Sitzpolster und Decken frisch von Spinnweben und Staub befreit. Überall auf dem Rasen lagen Äpfel und Birnen, nur ein wenig beiseite geharkt, so dass man laufen konnte, die Wespen machten sich daran zu schaffen. Es gab sehr viele davon, unwesentlich dezimiert von einer Falle, die unansehnlich auf dem Tisch stand, und in deren schwappigem Wachs auch Falter und Fliegen schwammen, die gemeinen Hausfliegen und die anderen, glänzenden, die noch gemeiner sind. Die Anziehungskraft des süßlich wässrigen Gemischs hatte nachgelassen, eine Wespe mochte noch durch die eingestülpte Öffnung krabbeln und sich der Tunke nähern, doch dann fand sie leicht den Ausgang und schwebte in einem Schlenker davon oder setzte sich auf den Tassenrand.
Weit ausgehöhlt die Birne, einen Schritt entfernt im Gras, in der, die Köpfe weit nach innen gedreht, vier fünf Wespen säbelten und beißelten, in einer kurzen Linie, wie an einem Gesäuge.
Ein Fuchs schlug das Buch seiner Zeichnung auf. Züge fuhren langsam vorbei.

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„Ist das ein Abschied? Bist Du sicher, dass Du nicht nachprüfen möchtest? Haben wir etwas Unpassendes gesagt? Erzähle es uns.”

7 Jan 12 Papier reduzieren.
10 Jan 12 Sonnenglast.
5 Feb 12 Kältebeschlagene Straßen. Am linken Schuh ist der Riemen gerissen. Die Winterluft macht gähnen.
5 Mai Penicillin. Grillen, vegetarisch. Die Nacht durchschreiben.
6 Mai Buchstabe: gnadenlose Zahl. Um etwas nicht akribisch schreiben zu müssen, nichts schreiben. Das wäre schön. Ich lasse 5 immer ungerade sein.
3 Jun Das kann passieren, sagte Dr. ***, empfahl Wärme (Wärmflasche), ein bisschen Gymnastik und gab mir 1 (!) Tablette mit. Die Wundertablette.
13 Jun Spargeldämme werden auch „Schwarten” genannt. Aber wer versteht das? Auf den Spargelseiten (Internet) nichts darüber.
7 Jul Zwei Nächte im Bauwagen mitten im Grünen geschlafen. Schön einfach. Blätter, Gezwitscher, Wind. Großer Wagen, Wega, Nordstern. Glühwürmchen.
26 Jul Lautstarke Opernwiedergabe in der Nachbarschaft. Ein Albtraum.

(6.1.2012-11.8.2013)

Amselchen

Neulich sonntags hatte ich eine Nachricht von H. auf der Mailbox. Als ich zurückrief, war von „Tatort” keine Rede mehr.
„Meinolf, ruf die Polizei!”, sagte sie lachend.
Eine Amsel saß vor H.s Balkontür.
Damals, als mir die Entenfamilie vor die Haustür gefolgt war, hatte ich bei der Kripo angerufen: „Ich hab hier Enten…”.
Vielleicht nichts Ungewöhnliches für die Kripo.
„Welche Farbe?”

H. schrie auf, der Vogel auf der Sofalehne, wir brachen das Telefonat ab.

[…]

Im Eingangsbereich fing sich der Wind und legte Platanenblätter und Zweiglein auf den gefliesten Boden, ein Vogel, der da umhertrippelte auf Futtersuche, kam dann vielleicht durch die Tür spaziert. Ich blieb ruhig, sah zu, wie er um die Regale lief, die Flügel wie studierend hinterm Rücken verschränkte Arme, und schließlich auf die Theke flatterte und sich in kleinen Rucken seitlich bewegte, wie ein Kind auf einer Schaukel sich zurechtsetzt. Ein Problem nur, wenn er in die Auslage flog, ein Buch beschiss. Einmal traf es sich, dass – wie gerufen – Dr. B. kam, ich wusste, dass er auf einem Bauernhof großgeworden war. Mit dem Tuch bekam er den Vogel sicher zu fassen.

Marzipanbrot

Die Ästhetik eines Käsekuchens leidet, wenn man ihn in vierundzwanzig Stücke teilt.
Ich erinnerte mich an früher, wenn es in unserer Familie Nachtisch gab.
Es lag dann zum Beispiel ein Marzipanbrot auf dem Tisch, das mein Vater zwölftelte oder vierzehntelte – ich weiß nicht mehr genau -; die Stücke ordnete er kreisförmig auf einem Schneidebrettchen an, und dann sagte er, an einen von uns gewandt: „Merk dir ein Stück!”, und einen anderen forderte er auf: „Sag eine Zahl zwischen eins und zehn!” Der erste musste nun sagen, welches Stück er sich gemerkt hatte, und wenn der andere acht gesagt hatte, wurden von dem ‚gemerkten‘ Stück ausgehend im Uhrzeigersinn die Marzipanstücke abgezählt, und das achte bekam dann der, der acht gesagt hatte.
Und von vorn:
„Merk dir ein Stück!”
Alle Augen richteten sich auf das Marzipan, das kostbare.
„Sag eine Zahl zwischen eins und zehn!”
„Vier!”
„Welches hast du dir gemerkt?”
Zeigen (fast drauf mit dem Finger), Abzählen, mit dem Messerchen in der Hand: „Eins – zwei – drei – vier. Da!”
Die verbleibenden Stücke zusammengeschoben, damit es wieder ein Kreis wurde, wiederholte sich das karge Spiel. Gerecht sollte es sein, und das war es wohl.
Ob die, die schon ein Marzipanstück zwischen Daumen und Zeigefinger drehten oder es in ihrer Handfläche bewahrten und wie ein fabelhaftes Insekt besahen, dieses sofort aßen oder, aus Höflichkeit oder um sich länger zu freuen, warteten, bis alle eines hatten, hab ich vergessen.
Meist gab es Quark, einen Becher Joghurt, einen Riegel Schokolade.
Vielleicht waren ein paar schon aus dem Haus. Das wissen die Älteren.

Amsterdamer Straße

Nachmittags mit H. im Caffézinho. Sie kam auf ihrem gelben Pfeil, büschen zu spät (spaßeshalber tippte ich auf mein Handgelenk), aber ich war selbst erst kurz vorher eingetroffen und stand neben der bemützten großblauäugigen Christiane an der Heizung, um mich aufzuwärmen. Christiane schnellte hin und wieder zum Laptop, um eine neue Musik zu starten. Als H. ihr Fahrrad abgeschlossen hatte und sich in Richtung Eingang bewegte, war sie gerade neben einem tanzenden kleinen Mädchen im Durchgang zum Tresen und warf mit Buster Keaton-Miene beinkreiselnd die Arme in die Höhe.

Die „Complete Communion”-CD hatte H. vergessen, muss ich wohl selbst mal nach Köln fahren. Sie erzählte von Filmen, die sie gesehen hatte, eine Dokumentation über Balkanmusik und einen Film mit DJ Kalkbrenner, bei dem sie zweifelte, ob er mir gefiele. Das Kino kannte ich: die „Filmpalette” in der Lübecker Straße (Lübecker Straße?), neben dem Café Schmitz jedenfalls, ziemlich nah bei Saturn und Eigelstein, so ein Schuhkarton/größeres Wohnzimmer.

Wir bestellten Tee, P. servierte mir meinen zusammen mit einem Wecker, der rückwärts zählte und nach drei Minuten piepte, den Ausknopf kannte ich schon vom letzten Mal.

Eine junge Frau kam herein und ging gleich zur Sitzecke, wo die Ryan Air-Leute saßen. H. guckte, sagte dann: „Meiner Herrn, wat fürn Feger!”

Ich brachte die Sprache auf den Haneke-Film, aber H. ging nicht so richtig darauf ein. Ich fragte Christiane, die bei uns saß, ob sie, wenn, vielleicht mitkommen wolle. Sie machte ihre Augen einmal zu und einmal auf, sagte „Haneke”, als wäre ein bitterer Geschmack in ihrem Mund, verzog die Lippen und sagte dann noch etwas Abschließendes.

H. und Christiane tauschten sich kurz über ihren neuen Nachbarn aus, wägten die Zweckmäßigkeit von Plastikbalkonblumen ab, H. sagte drei- oder viermal, in großen Abständen: „Ich muss aufräumen.”

Wasserpflanzen

Nämlich ich kam drauf, als sie zu mir sagte:
„Aber Fisch isst Du nicht, oder?”
„Doch!”
„Wie? Aber bist Du nicht Vegetarier?”
„Ja ja, aber Fisch -.”
„Wie? Aber Fische sind doch auch Tiere!”
Da verstand ich, dass ich „vegetarisch” immer falsch übersetzt hatte, als „kein Fleisch”, und nicht als „keine Tiere”.

Keine Fische, keine gebratenen Ameisen, keine Knusperheuschrecken, nichts. Auf dem Weg zu Boes Haushaltswaren dachte ich darüber nach. (Frau Boes war auf das Geräusch der Türklingel hin mit ihrem Rollator um die Kurve geschlurft und hatte mir vier Springformen zur Auswahl vorgelegt.)
Im Augenwinkel sah ich einen, aber es war nur das Ende meines Schals, das ein bisschen hochgeweht war.
Der Schnee fiel fein und konfus, als hätte er sich in der Richtung vertan und wollte zurück.

Frühling

Vor einer Woche habe ich die Heizung abgedreht, aus Sparsamkeit, und um den Frühling zu beschwören. Ich dachte, wenn ich eine Art Kältevakuum schaffe, kann die laue Luft einströmen. Ich habe mich geirrt.
Die Heizung wieder aufdrehen, kommt natürlich nicht in Frage.
Bald steht der Frühling vor der Tür.