Erinnere ein vergessenes Konzert

„Erinnere einen vergessenen Text”, hieß einmal eine paradoxe Spielanweisung des Schweizer Verlegers Urs Engeler an befreundete Schriftstellernnien (polnisch gegendert), aus deren Ergebnissen dann ein Buch geworden ist. Ich kenne es nur dem Titel nach. – Natürlich war die Vorgabe gewesen, vor dem Schreiben den vergessenen Text nicht erst noch einmal zu konsultieren.
Wollte ich meine Berichterstattung vom Ultraschall Berlin Festival unter dieser Maßgabe fortsetzen, wäre ich vermutlich schnell damit fertig. Zunächst fiele mir einiges ein, was nicht direkt mit der Musik zu tun hat, z.B. mit wem ich da war (L.), wen wir getroffen haben (Rumiana, Viola, Axel, Gernot, auch Achim?), wovon unter anderem die Rede war: den alten Vater in der Kur abgeben, Blick auf den Watzmann …, das Pausengespräch des Musikredakteurs mit der Komponistin mit dem Doppelnamen, die auf eine Krücke gestützt die Stufen zur Bühne erklomm und einen sehr vifen Eindruck machte, ihr Stück hatte „fire” im Titel. Eine Paetzoldflöte kam wieder vor, und wahrscheinlich ein Cembalo. Und gab es nicht noch ein zweites Komponistinnengespräch? (Es wurden ja überhaupt nur Werke von Komponistinnen gespielt.)
Das war mit Elena Mendoza. Es ging um Integration und Desintegration und die Frage der Perspektive. Einige der Instrumente waren präpariert, aber die Verfremdung im Gesamtklang aufgehoben. Dann gab es auf einmal einen Tisch und einen Mimen – oder stand der Tisch von Beginn an da? Der Mime ging zu den präparierten Instrumenten hin, nahm ihnen die Gegenstände der Präparation weg (sie waren ja gar nicht aufgefallen!) und exponierte sie auf dem Zaubertisch: ein Glas, eine Flasche … was noch? Ein Tuch? Tat so, als streiche er mit dem Finger über den Rand des Glases, berührte es aber gar nicht, und einer der Musiker gab einen Klang dazu. Tat so, als entkorke er die Flasche, schenke zu trinken ein, und ein Instrument unterlegte die Geste mit einer musikalischen Geste. In ihrer ostentativen Zurschaustellung wurde die ‚Integration‘ der Gegenstände der Klangverfremdung – die ja immer noch integraler Bestandteil der Komposition waren – nicht so sehr abgebrochen als auf eine andere Stufe gehoben.
Vielleicht lässt es sich anhand eines Vergleichs erklären: Bei Übersetzungen gibt es zwei Möglichkeiten (unter den unendlich vielen Möglichkeiten). Die Übersetzung kann anstreben, das Original rückstandslos der Zielsprache anzuverwandeln, oder sie kann eine Erinnerung an die ‚Fremdheit‘ des Ursprungstextes gleichsam mitlaufen lassen. Beides sind legitime Übersetzungen, unter je anderem Vorzeichen.
Auf die Komposition von Elena Mendoza gewendet, schien es, als seien hier nacheinander beide Möglichkeiten durchgespielt worden. – So beschrieben, könnte der Eindruck entstehen, als hätten wir es mit einer furchtbar didaktischen Arbeit zu tun – doch keineswegs! Ich erinnere [Titel einsetzen] als eines der (auch konzeptuell) stärksten Werke des Abends.
Aber ich muss das Programmheft heraussuchen und mir die Sachen noch mal anhören, so wird das ja nichts.

Hier zum Schluss ein Stück von Julia Holter, die ich in ihrer übergroßen Ambition immer ein wenig anstrengend finde, ihr Album Loud City Song, das ich hierhabe, wollte ich lange loswerden, aber jetzt habe ich mich entschieden, es zu behalten und sogar wieder anzuhören, denn trotz allem habe ich Julia Holter gern und verfolge mit Sympathie, was sie macht. ¯\_(ツ)_/¯

Frohe Ostern again!

Simple and Quiet Painting, 1965

Die Feministinnen unter meinen Leserinnen mögen mir bitte nachsehen, dass ich eine Fuchs-Graphik, die mir bisher als Desktop-Hintergrund diente, durch eine Abbildung des Simple and Quiet Painting(s) von Martial Raysse ausgetauscht habe (hier). Im übrigen gibt es kaum Veränderungen zu melden. Ein Wetterumschwung zeichnet sich ab, im Grün unterm Fenster gurgelt eine Biene, eine Meise kam direkt ans Fenster geflogen, guckte zu mir herein, ich hab ihr Körner und Erdnüsse in einen Blumentopf gestreut, dessen ausgetrocknete Erde schon lange keine Pflanze mehr nährt. (Daneben zwei Plastiktöpfe mit Geranien. Ich musste sie stark stutzen, nachdem sie Frost abbekommen hatten, sie berappeln sich aber wieder.)
Mein Neffe fand den optischen Eindruck zu „rummelig”, der sich aus der ungeplanten Replikation der fünf Trompeter – von Bandcamp automatisch vorgenommen – ergeben hatte, und hat deswegen nun ein neues, abstraktes Banner eingesetzt. Sieht gut aus, legt mich musikalisch auch nicht fest, was mir recht ist.
Obwohl ich sonst allergisch auf Orange reagiere, habe ich zuletzt ein orangenes Osterei von den Orielles ins Nest gelegt, Disco Volador. Hier ein Stück daraus:

Ansonsten möchte ich eine Naturbeobachtung von Monika Rinck (aus Alle Türen) festhalten. Da habe ich mich gefreut, dass jemand ein Auge und Ohr dafür hatte, und den treffenden sprachlichen Ausdruck.

das hochkante Streifen des getrockneten Laubs, / wie laut das ist

Heute mache ich Arme Ritter.

Soosan Lolavar I Am The Spring, You Are The Earth

Laura Jurd trumpet
Raphael Clarkson trombone
Martin Lee Thomson euphonium
Soosan Lolavar comp/santoor
Rob Luft banjo/guitars
The Ligeti Quartet:
Mandhira de Saram violin
Patrick Dawkins violin
Richard Jones viola
Cecilia Bignall cello
Elliot Galvin piano
Anja Laudval synth/electronics
Conor Chaplin double bass
Liz Exell drum kit
Corrie Dick drum kit

editionrecords.com, 2019

Slow down

Als der Aufzug endlich kam, sagte der Mann: „Den möchte ich gern allein benutzen”, lächelte ein fieses Mona Lisa-Lächeln und war weg.
Ich nahm die Treppe in den siebenten Stock.
Am Empfang die Auszubildene siezte mich, dann duzte sie mich. Ich mochte den Wechsel.
Morgen früh halb zehn eine kleine Operation von zwanzig Minuten, örtliche Betäubung. Ich hab mir für den Rest des Tages frei genommen, „for recovery”, the vacation request has been approved.
Im Büro war ich nur noch, um den Computer und die Kabel zu holen. Nach der Arbeit habe ich wieder meinen eigenen Compi angeschlossen. Wie lange dies Arbeiten von zu Hause andauern wird – keiner weiß es.
WFH – die Abkürzung erinnert mich an eine andere Abkürzung.
In der Buchhandlung Trubel wie vor Weihnachten. Jetzt ist sie geschlossen, ich habe unbezahlten Urlaub.
Abends manchmal YouTube-Exzesse, The Voice UK, The Voice of Holland, The Voice Global.
In The Voice UK eine glänzende Darbietung von Lullaby of Birdland, hier.

Und hier mehr Musik von Miss Baby Sol.

Ich habe die Schriftgröße des Blogs auf Rat meines Neffen größer gestellt. Ist gut?

Wahrscheinlich werde ich demnächst dazu übergehen, mein Telefon von offline zu online zu schalten. (Dazu muss ich natürlich einen Vertrag abschließen.) Die Idee ist Sprachentraining über Podcasts: Französisch, Italienisch, Englisch – in dieser Reihenfolge. Und ich möchte Zeitung lesen.

Ich brauche sechzehn Räume

: Ein Beispielsatz aus meinem Französisch-Onlinekurs. Ich finde, er passt gut zur Ausnahmesituation, in der sich die Welt gerade befindet. In der Stadt eine unterschwellig nervöse, gedrückte Stimmung, die auch mich, der ich doch immer ein dickhäutiger Mensch war, nicht unbeeindruckt lässt. Montag in der Buchhandlung war es ganz ruhig, vielleicht wird es nächsten Montag noch ruhiger sein. Ich werde mal hören, was mein Chef sagt, und ihm gegebenenfalls vorschlagen, mir unbezahlten Urlaub zu geben. (Für ihn wäre es eine Kostenersparnis, für mich ein Gewinn an quality time.) Wenn die Gesundheitsbehörden kein ausdrückliches Verbot aussprechen, werde ich Dienstag aber wieder ins Büro gehen, und Montag in die Buchhandlung, klar. Es wäre mir allerdings lieber – da es in Berlin nirgendwo so viele Krankheitsfälle gibt wie in Charlottenburg-Wilmersdorf (47, Stand von heute – gestern waren es 31, übermorgen könnten es 105 sein) -, wenn ich zu Hause bleiben dürfte. Davon habe ich aber nichts gehört. Wie jeder Geschäftsmann ist eben auch mein Chef eher gewillt, sich, die Kundschaft und seine Mitarbeiter (mich) in Gefahr zu bringen, als den Laden dichtzumachen. Ich mache ihm daraus keinen Vorwurf, aber fahrlässig und uneinsichtig ist es schon, meine ich. Soll ich von mir aus sagen, ich komme nicht?

Juti, jetze weiter mit Ultraschall Berlin – Festival für neue Musik und dem Konzert des oenm, das inzwischen leider auch alle Nase lang Konzerte absagen muss wegen, ihr wisst schon. Auf die Komposition von Olga Neuwirth folgte Limun (2011) von Clara Iannotta, der Berlin-Römerin, von deren Musik hier vorher schon die Rede war. Geschrieben für Violine, Viola und 2 Umblätterer, brachte es den szenischen Charakter des ersten Stücks des Abends zurück
aufs Deck.
aufs Tapet.
auf die Bühne.
Bevor ich es mir jetzt noch einmal anhöre, rufe ich mir die beiden Umblätterer in Erinnerung (ernster Habitus), die plötzlich winzige seidenumwickelte Mundharmonikas aus dem Ärmel zogen und darauf gleißend-hell-fiepende Töne erzeugten, die einen Hund zum Jaulen gebracht hätten. Schmerzhaft und nicht ohne Humor, auch wenn das Stück sicher nicht ‚witzig‘ gemeint, und in seiner irisierenden zweiten Hälfte schlicht schön ist – das Schöne ist selten lustig. Es ist auch eine kalte, sternenhafte, keine Behagen verbreitende Schönheit, nicht zu verwechseln mit dem kerzenwarmen, frommen Tintinnabuli-Stil eines Arvo Pärt. Man könnte aber bei den ruppigen Sforzati, den großen Vibrati und Glissandi und dem geräuschhaften, manchmal flötenartigen, sehr leisen, Spiel am Steg oder auf dem Griffbrett an Bartók oder Ligeti (oder Cage mit seinem Streichquartett von 1950) denken – diesen Rang würde ich Clara Iannotta auch zuweisen, wenn es denn an mir wäre, Künstlerinnen einen Rang zuzuweisen. Kurzum: Limun: super klasse.
Polynj für Violoncello und Klavier (2018) von Aleksandra Karastoyanova-Hermetin hinterließ bei mir keinen bleibenden Eindruck, was nicht gegen das Stück sprechen muss.
Würd’s noch einmal hören wollen, doch bei YouTube ist es nicht, und auch sonst nirgendwo.
Hier der Text aus dem Programmbuch von Eckhard Weber:

Aber, in diesen unruhigen Zeiten, die die Welt, wie wir sie kannten, verändern werden – und ich rede jetzt nicht nur vom Corona-Virus, sondern auch vom beschämenden europäischen Asyl-Totalversagen, vom Triumph moralischer Verkommenheit in der Politik vieler Länder, vom Klimawandel, vom Artensterben, von der Vermüllung -, ist mir, ehrlich gesagt, mehr nach tröstlicher Musik (neue Musik pflegt, wenn sie gut ist, untröstlich zu sein), also verlinke ich hier jetzt noch den Song Paradise von Nilüfer Yanya.
Jazzi Bobbis Saxophon bringt einen Sade-Vibe hinein, aber die Musik ist nicht klebrig-schmachtend, sondern ein bisschen rauh und maulig, kann sein mit Bereitschaft zur Party, ohne den Glauben daran. Baby Blu ist das Äußerste an Disco-Life, das Nilüfer Yanya aufbringt, und da steckt die Melancholie ja schon im Titel. – „The feeling is good” in Monsters Under the Bed singt sie mit Beerdigungsstimme. Das hat doch was!

Deniz Utlu, Ich fühle deinen Schmerz. Nilüfer Yanya im Porträt. Der Tagesspiegel, 16.4.2019.

Ultraschall Berlin: oenm im Heimathafen (1/2)

Das Konzert des österreichischen ensembles für neue musik, das sich – vielleicht in Anlehnung an die Österreichische Bundesbahn (öbb) – oenm nennt, war ganz den Werken von Komponistinnen gewidmet. Es fand am 17. Januar 2020 im Heimathafen Neukölln statt: So heißt seit seiner Neueröffnung kurz nach der Wende der im Jahr 1876 errichtete Saalbau Neukölln. Das Konzert war in den ehemaligen Ballsaal gelegt worden, und Neukölln, übrigens, war 1876 noch eine eigenständige Stadt und hieß auch nicht Neukölln, sondern Rixdorf. Diesen Namen behielt sie bis zum 27. Januar 1912. An jenem Tag feierte Kaiser Wilhelm II seinen 53. Geburtstag, zu welchem Anlass die Umbenennung in Neukölln erfolgte, das 1920 schließlich in Groß-Berlin aufging. (Credits: Wikipedia.) – Ich nehme an, dass auch das speckige Kleinmachnow eines Tages in den Berliner Teig geknetet werden wird, aber noch ist es nicht so weit.

Eröffnet wurde das Konzert mit dem Stück Kaput II (2017) von Manuela Kerer, über die das Programmheft mitteilt: „Staunt gern und ist ständig auf der Suche nach Überraschungen”. Das etwa sechsminütige Stück für Cembalo, Paetzoldflöte, Harfe, Querflöte und Tape dreht sich um die zeitgemäßen Themen Funktionsuntüchtigkeit und Müll. Die Konzertbesucher nahmen (staunend, überrascht) zur Kenntnis, dass die Instrumente der Musikerinnen christomäßig in Plastik eingewickelt waren (exakte Bedienung unmöglich), Cembalo und Harfe zusätzlich präpariert. Eine muzacartige Tonsequenz kam als Tonkonserve herein: Diese Teile der Komposition hatte Manuela Kerer verworfen, ihr aber, konzeptuell folgerichtig, in Dauerschleife unterlegt – als tönender Abfall. Die Musikerinnen hielten auf der Bühne mit ihrer ‚guten‘ Musik dagegen und rissen irgendwann gleichzeitig die Plastikfolie von ihren Instrumenten und warfen sie heftig zu Boden. Ein erinnyenhafter Moment.
Ob Kaput II ein gutes Stück ist? Wahrscheinlich schon. Ich habe es mit Freude und Interesse angehört.
Hier ein Mitschnitt von der Uraufführung durch das Ensemble airborne extended:

Danach Olga Neuwirths Ensemblestück Marsyas II (2005) für Flöte, Viola, Violoncello und Klavier eine okaye Sache, aber routiniert, letztlich egal. Handwerklich lässt sich gar nichts sagen. – Allerdings, dass sie einen Narren an Opern gefressen hat, macht mir die Komponistin schon länger verdächtig, mein Höreindruck kann dadurch getrübt sein. Diese künstlichen, hochsubventionierten Schlachtrösser des Konzertbetriebs … ich weiß nicht. Gut, auch Lachenmann hat eine Oper geschrieben. 😐 Meiner Meinung nach war Oper allenfalls noch zur Zeit des Hochrads akzeptabel. Wozu der Quatsch heute?

Rin Enter

Glückwunsch zum Jahrestag mit WordPress.com!
Du hast dich vor 7 Jahren auf WordPress.com registriert.
Danke für dein Vertrauen. Weiter viel Erfolg beim Bloggen!

Diese Nachricht kam gestern.

Woran bemisst sich der Erfolg beim Bloggen? Wahrscheinlich an den Klicks. – Ich glaube, dass seit Februar 2013 kein Tag vergangen ist, an dem die Seite nicht wenigstens ein-zweimal angeklickt worden wäre. – Der meistbesuchte Beitrag war [geschwärzt]. Diesen Erfolg möchte ich nicht wiederholen, denn die Aufrufe verdankten sich einem Troll, der dann gottlob nicht weiter in Erscheinung getreten ist. Er hat mich sehr geärgert.
Wer genau hier vorbeikommt, weiß ich nur in wenigen Fällen. Von meinen Geschwistern sind es zwei, die verfolgen, was ich mache. Acht Ignoranten, im Umkehrschluss, ich werde das im Testament berücksichtigen.
Ich habe immer mal wieder mit dem Bloggen gehadert, es gab eine einjährige Pause und mehrfache Unterbrechungen. Inzwischen bin ich ganz zufrieden. Ich nehme das Tempo langsam. Ich weiß, dass wenig zurückkommt.
Ich werde das Ding hier fortsetzen, so lange ich Lust dazu habe.
Danke für’s Folgen (für’s wirkliche, tätige Folgen)!

Übrigens ist gestern unter dem Titel „wie geschnitten Pink”. Neue Sprachkunst von Charlotte Warsen meine Kritik zu ihrem Gedichtband Plage veröffentlicht worden, nachzulesen

hier.

Weil es doch zuletzt viel Text gab – und zur Feier des Jubiläums – ein flottes Stück von Cate Le Bon, die ich in diesem Blog ja schon mehrmals habe hochleben lassen. Da Duke auch ein super Song ist, poste ich den auch, und – aller guten Dinge sind drei – Heat Rises von Nilüfer Yanya. Nilüfer Yanyas Musik hat Pop Appeal, geht aber nicht ganz darin auf.

Bleibt abschließend zu erwähnen, dass ich meine Aufnahmeanträge für den VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.) und die Bundessparte Übersetzer im Verband deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di abgeschickt habe und mich auf Abbuchungen einstelle. Das ist okay.
Außerdem habe ich die Absicht, mich bei der VG Wort (Verwertungsgesellschaft Wort) anzumelden, auf dass die brotlose Kunst des Kritikenschreibens zum Jahresende doch noch etwas einbringe. Auch wenn ich mir dann nur einen Bratapfel kaufen kann, ist ja egal. Nicht egal ist aber, in einer Gesellschaft, in der alles auf Geld hin orientiert ist, darauf zu pochen, dass eine geldwerte Leistung entlohnt wird, und zwar mit Geld. Das ist mehr so eine grundsätzliche Haltung. Denn meine Miete verdiene ich ja als Buchhändler und Dateneingabefuzzi.

An der Fassade des Ringcenters Frankfurter Allee waren das G und das C ausgefallen, so dass zwei Versionen von „Hereinspaziert!” übrigblieben, nämlich RIN und ENTER. Nur falls sich einer wundert.

Clara Iannottas Seestücke

Im Heimathafen Neukölln fanden gestern [gestern heißt hier Donnerstag, denn Freitag habe ich angefangen zu schreiben] die Konzerte 2 und 3 von Ultraschall Berlin statt.
Das New Yorker JACK Quartet spielte die Streichquartette von Clara Iannotta:
2. dead wasps in the jam-jar (III) (2017-2018)
1. A Failed Entertainment (2013)
4. You crawl over seas of granite (2019)
3. Earthing – dead wasps (obituary) (2019)
[Man sieht hier, das die im Programmheft abgedruckte chronologische Reihenfolge zugunsten einer logischen Reihung geändert wurde. Es ging los mit den Wespen, und es endete mit den Wespen, der Granit rückte an die dritte Stelle vor, und das „Entertainment” failte (nein, nicht) auf Platz zwei.]
Zum Konzert des Trio Accanto später, piano piano.
Drei der vier aufgeführten Stücke (2, 3, 4) kreisen um das Thema des Meeresgrunds („Von diesem wissenschaftlichen Feld bin ich wirklich besessen”, C.I.), um die „Vorstellung »der tiefsten Schicht im Ozean, wo ständiger Druck und ewige Bewegung das Stillstehen der Zeit zu formen scheinen«”.
Flageoletts, druckloses Wischen des Bogens (über das Griffbrett), hart kratzender Strich, knurrend (unterhalb des Saitenhalters), körperlose Pizzicati, farblos durchlaufende Geräuschbänder, Obertonflirren, Verwaschung, Auflösung, jähe Kompression – diese ‘ausdruckslose’, ausgebleichte, innerhalb ihres abgestuften Graubereichs aber wieder auch farbig schillernde Klangpalette, die die Dingfestigkeit konturierter Töne eher vermeidet, bildet den Zauberkasten von Clara Iannottas bildkräftiger Musik. Die ‘submarinen’ Effekte, die sie mittels der so geschaffenen Klangoberfläche erzielt, sind außerordentlich. (Hörempfehlung, außerhalb des Quartettzusammenhangs: Eclipse Plumage.)
Ohne mich groß auszukennen, würde ich vermuten, dass in Clara Iannottas Komponieren Helmut Lachenmanns musique concrète instrumentale und die Musik der Spektralisten aufgenommen und in ein individuelles Idiom übersetzt wird – eine Individualität, auf die die Komponistin wert legt: sie kann stolz darauf sein.
A Failed Entertainment, das mir auf der gleichnamigen Iannotta-CD gut gefiel, fällt im direkten Vergleich mit den drei späteren Streichquartetten etwas ab. Die Meisterschaft vor allem von You crawl over seas of granite (eine Uraufführung) und Earthing – dead wasps (obituary), aber auch von dead wasps in the jam-jar (III), das ebenfalls stark ist, wird hier (noch) verfehlt, weil die Komponistin nicht vollständig ihrer Radikalität vertraut. Der Klangraum, den sie kreiert, klingt zwar schon ganz nach ihr – das Booklet erwähnt „die einbeziehung von tischglocken, einer vogelpfeife, eines styroporblocks und [die] präparation der streichinstrumente mit büroklammern” -, aber die Erweiterung des Spielgeräts wirkt wie etwas Aufgesetztes, ein Fremdkörper, der das Klangbild aufbricht anstatt es zu verdichten. Aber, wie gesagt, es kann auch ein ‘Fehler’ der Programmgestaltung sein. Wer weiß, wie sich das Werk in Nachbarschaft eines Brahms-Quartetts ausnehmen würde.

Weiter
In diesen Tagen wurden die Streichquartette von Clara Iannotta für eine CD-Produktion aufgenommen, die im Laufe des Jahres in der Edition Zeitgenössische Musik erscheinen wird.
Jetzt schon lieferbar eine Porträt-CD mit dem Titel A Failed Entertainment (Edition RZ, Berlin 2015).
Ein Gespräch, das Leonie Reineke mit der Komponistin führte, kann hier nachgehört werden. Die vollständige (Lese-)Fassung („Clara Iannotta: Konstantes Unbehagen”) ist auf dieser Seite verlinkt.
Soundcloud: https://soundcloud.com/claraiannotta

Filme mit „Monsieur“ im Titel seh ich mir nicht an

Oder mit „Madame” oder „Ziemlich”.

Blogeinträge brauchen eine Überschrift, ich hab’s nicht erfunden.

Man erntet – warum verlangt das Deutsche in diesem Zusammenhang genau dieses Verb? – besorgte Blicke, wenn man sagt, man gehe zu(m) Ultraschall. Man muss dann gleich beruhigen: Nein, nein, zum Festival Ultraschall, „Festival für neue Musik”, wie es in der Eigenbezeichnung heißt, mit kleinem N, in Abgrenzung zur historischen Neuen Musik. – Das älteste hier aufgeführte Werk ist von 1965, die meisten Kompositionen stammen aus den letzten Jahren. (Wie beim Theater gibt’s bei der neuen Musik einen Uraufführungskult. Das Nachspielen bereits anderweitig uraufgeführter Werke: weniger beliebt. Das ist aber nicht das Problem von Ultraschall Berlin, das trotz einiger Uraufführungen kein Uraufführungsfestival ist. Lob dafür!)
Im Rückblick auf das gestrige Eröffnungskonzert hätte man sich aber doch Sorgen machen können. Der ursprünglich vorgesehene Dirigent war erkrankt, ein Kollege, Johannes Kalitzke, der für das Abschlusskonzert engagiert war, sprang ein und ritzte die Sache. Ein Probentag aber war verlorengegangen, und eines der Stücke, die hätten gespielt werden sollen, wurde gestrichen. Anstatt nun Sarah Nemtsovs dropped.drowned (2017) für großes Orchester und Zuspiel zweimal aufzuführen, was bei einer Spieldauer von 18 Minuten wenigstens zeitlich möglich gewesen wäre, blieb es bei einem – übrigens ausgezeichneten – Durchgang.
Nach der Pause wurde das 2. Violinkonzert (2018) von Jörg Widmann aufgeführt, mit Carolin Widmann als Solistin. Hier zeigte sich auf verblüffende Weise, dass das kalendarisch Neue nicht immer mit dem ästhetisch Neuen zusammengeht. Tatsächlich ist dies Violinkonzert gewerbsmäßige Repräsentationskunst, nicht grundsätzlich anders als irgendein ausgeliehener Ölschinken in einem Berliner Abgeordnetenbüro, neoromantisch im Geist, mit eingesetzten Krach-Blöcken und einigen avantgardistischen Applikationen, die man in anderem Zusammenhang als modern hätte klassifizieren können, die bei Jörg Widmann aber nur Dekor sind. Ich bedauere das sagen zu müssen, weil die Aufführung durch Carolin Widmann und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ganz tadellos war und der Komponist sein Handwerk versteht. Die Ästhetik des Werks aber ist höchst fragwürdig.
Jetzt freue ich mich auf den zweiten Ultraschall-Abend, der mit einem Konzert beginnt, das den vier Streichquartetten von Clara Iannotta gewidmet ist, einer 1983 geborenen, in Berlin lebenden Komponistin – Musik, die sich durch feine Klangtexturen, Sprödigkeit, Forscherneugier und Witz auszeichnet.