Ich brauche sechzehn Räume

: Ein Beispielsatz aus meinem Französisch-Onlinekurs. Ich finde, er passt gut zur Ausnahmesituation, in der sich die Welt gerade befindet. In der Stadt eine unterschwellig nervöse, gedrückte Stimmung, die auch mich, der ich doch immer ein dickhäutiger Mensch war, nicht unbeeindruckt lässt. Montag in der Buchhandlung war es ganz ruhig, vielleicht wird es nächsten Montag noch ruhiger sein. Ich werde mal hören, was mein Chef sagt, und ihm gegebenenfalls vorschlagen, mir unbezahlten Urlaub zu geben. (Für ihn wäre es eine Kostenersparnis, für mich ein Gewinn an quality time.) Wenn die Gesundheitsbehörden kein ausdrückliches Verbot aussprechen, werde ich Dienstag aber wieder ins Büro gehen, und Montag in die Buchhandlung, klar. Es wäre mir allerdings lieber – da es in Berlin nirgendwo so viele Krankheitsfälle gibt wie in Charlottenburg-Wilmersdorf (47, Stand von heute – gestern waren es 31, übermorgen könnten es 105 sein) -, wenn ich zu Hause bleiben dürfte. Davon habe ich aber nichts gehört. Wie jeder Geschäftsmann ist eben auch mein Chef eher gewillt, sich, die Kundschaft und seine Mitarbeiter (mich) in Gefahr zu bringen, als den Laden dichtzumachen. Ich mache ihm daraus keinen Vorwurf, aber fahrlässig und uneinsichtig ist es schon, meine ich. Soll ich von mir aus sagen, ich komme nicht?

Juti, jetze weiter mit Ultraschall Berlin – Festival für neue Musik und dem Konzert des oenm, das inzwischen leider auch alle Nase lang Konzerte absagen muss wegen, ihr wisst schon. Auf die Komposition von Olga Neuwirth folgte Limun (2011) von Clara Iannotta, der Berlin-Römerin, von deren Musik hier vorher schon die Rede war. Geschrieben für Violine, Viola und 2 Umblätterer, brachte es den szenischen Charakter des ersten Stücks des Abends zurück
aufs Deck.
aufs Tapet.
auf die Bühne.
Bevor ich es mir jetzt noch einmal anhöre, rufe ich mir die beiden Umblätterer in Erinnerung (ernster Habitus), die plötzlich winzige seidenumwickelte Mundharmonikas aus dem Ärmel zogen und darauf gleißend-hell-fiepende Töne erzeugten, die einen Hund zum Jaulen gebracht hätten. Schmerzhaft und nicht ohne Humor, auch wenn das Stück sicher nicht ‚witzig‘ gemeint, und in seiner irisierenden zweiten Hälfte schlicht schön ist – das Schöne ist selten lustig. Es ist auch eine kalte, sternenhafte, keine Behagen verbreitende Schönheit, nicht zu verwechseln mit dem kerzenwarmen, frommen Tintinnabuli-Stil eines Arvo Pärt. Man könnte aber bei den ruppigen Sforzati, den großen Vibrati und Glissandi und dem geräuschhaften, manchmal flötenartigen, sehr leisen, Spiel am Steg oder auf dem Griffbrett an Bartók oder Ligeti (oder Cage mit seinem Streichquartett von 1950) denken – diesen Rang würde ich Clara Iannotta auch zuweisen, wenn es denn an mir wäre, Künstlerinnen einen Rang zuzuweisen. Kurzum: Limun: super klasse.
Polynj für Violoncello und Klavier (2018) von Aleksandra Karastoyanova-Hermetin hinterließ bei mir keinen bleibenden Eindruck, was nicht gegen das Stück sprechen muss.
Würd’s noch einmal hören wollen, doch bei YouTube ist es nicht, und auch sonst nirgendwo.
Hier der Text aus dem Programmbuch von Eckhard Weber:

Aber, in diesen unruhigen Zeiten, die die Welt, wie wir sie kannten, verändern werden – und ich rede jetzt nicht nur vom Corona-Virus, sondern auch vom beschämenden europäischen Asyl-Totalversagen, vom Triumph moralischer Verkommenheit in der Politik vieler Länder, vom Klimawandel, vom Artensterben, von der Vermüllung -, ist mir, ehrlich gesagt, mehr nach tröstlicher Musik (neue Musik pflegt, wenn sie gut ist, untröstlich zu sein), also verlinke ich hier jetzt noch den Song Paradise von Nilüfer Yanya.
Jazzi Bobbis Saxophon bringt einen Sade-Vibe hinein, aber die Musik ist nicht klebrig-schmachtend, sondern ein bisschen rauh und maulig, kann sein mit Bereitschaft zur Party, ohne den Glauben daran. Baby Blu ist das Äußerste an Disco-Life, das Nilüfer Yanya aufbringt, und da steckt die Melancholie ja schon im Titel. – „The feeling is good” in Monsters Under the Bed singt sie mit Beerdigungsstimme. Das hat doch was!

Deniz Utlu, Ich fühle deinen Schmerz. Nilüfer Yanya im Porträt. Der Tagesspiegel, 16.4.2019.

Ultraschall Berlin: oenm im Heimathafen (1/2)

Das Konzert des österreichischen ensembles für neue musik, das sich – vielleicht in Anlehnung an die Österreichische Bundesbahn (öbb) – oenm nennt, war ganz den Werken von Komponistinnen gewidmet. Es fand am 17. Januar 2020 im Heimathafen Neukölln statt: So heißt seit seiner Neueröffnung kurz nach der Wende der im Jahr 1876 errichtete Saalbau Neukölln. Das Konzert war in den ehemaligen Ballsaal gelegt worden, und Neukölln, übrigens, war 1876 noch eine eigenständige Stadt und hieß auch nicht Neukölln, sondern Rixdorf. Diesen Namen behielt sie bis zum 27. Januar 1912. An jenem Tag feierte Kaiser Wilhelm II seinen 53. Geburtstag, zu welchem Anlass die Umbenennung in Neukölln erfolgte, das 1920 schließlich in Groß-Berlin aufging. (Credits: Wikipedia.) – Ich nehme an, dass auch das speckige Kleinmachnow eines Tages in den Berliner Teig geknetet werden wird, aber noch ist es nicht so weit.

Eröffnet wurde das Konzert mit dem Stück Kaput II (2017) von Manuela Kerer, über die das Programmheft mitteilt: „Staunt gern und ist ständig auf der Suche nach Überraschungen”. Das etwa sechsminütige Stück für Cembalo, Paetzoldflöte, Harfe, Querflöte und Tape dreht sich um die zeitgemäßen Themen Funktionsuntüchtigkeit und Müll. Die Konzertbesucher nahmen (staunend, überrascht) zur Kenntnis, dass die Instrumente der Musikerinnen christomäßig in Plastik eingewickelt waren (exakte Bedienung unmöglich), Cembalo und Harfe zusätzlich präpariert. Eine muzacartige Tonsequenz kam als Tonkonserve herein: Diese Teile der Komposition hatte Manuela Kerer verworfen, ihr aber, konzeptuell folgerichtig, in Dauerschleife unterlegt – als tönender Abfall. Die Musikerinnen hielten auf der Bühne mit ihrer ‚guten‘ Musik dagegen und rissen irgendwann gleichzeitig die Plastikfolie von ihren Instrumenten und warfen sie heftig zu Boden. Ein erinnyenhafter Moment.
Ob Kaput II ein gutes Stück ist? Wahrscheinlich schon. Ich habe es mit Freude und Interesse angehört.
Hier ein Mitschnitt von der Uraufführung durch das Ensemble airborne extended:

Danach Olga Neuwirths Ensemblestück Marsyas II (2005) für Flöte, Viola, Violoncello und Klavier eine okaye Sache, aber routiniert, letztlich egal. Handwerklich lässt sich gar nichts sagen. – Allerdings, dass sie einen Narren an Opern gefressen hat, macht mir die Komponistin schon länger verdächtig, mein Höreindruck kann dadurch getrübt sein. Diese künstlichen, hochsubventionierten Schlachtrösser des Konzertbetriebs … ich weiß nicht. Gut, auch Lachenmann hat eine Oper geschrieben. 😐 Meiner Meinung nach war Oper allenfalls noch zur Zeit des Hochrads akzeptabel. Wozu der Quatsch heute?

Rin Enter

Glückwunsch zum Jahrestag mit WordPress.com!
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Danke für dein Vertrauen. Weiter viel Erfolg beim Bloggen!

Diese Nachricht kam gestern.

Woran bemisst sich der Erfolg beim Bloggen? Wahrscheinlich an den Klicks. – Ich glaube, dass seit Februar 2013 kein Tag vergangen ist, an dem die Seite nicht wenigstens ein-zweimal angeklickt worden wäre. – Der meistbesuchte Beitrag war [geschwärzt]. Diesen Erfolg möchte ich nicht wiederholen, denn die Aufrufe verdankten sich einem Troll, der dann gottlob nicht weiter in Erscheinung getreten ist. Er hat mich sehr geärgert.
Wer genau hier vorbeikommt, weiß ich nur in wenigen Fällen. Von meinen Geschwistern sind es zwei, die verfolgen, was ich mache. Acht Ignoranten, im Umkehrschluss, ich werde das im Testament berücksichtigen.
Ich habe immer mal wieder mit dem Bloggen gehadert, es gab eine einjährige Pause und mehrfache Unterbrechungen. Inzwischen bin ich ganz zufrieden. Ich nehme das Tempo langsam. Ich weiß, dass wenig zurückkommt.
Ich werde das Ding hier fortsetzen, so lange ich Lust dazu habe.
Danke für’s Folgen (für’s wirkliche, tätige Folgen)!

Übrigens ist gestern unter dem Titel „wie geschnitten Pink”. Neue Sprachkunst von Charlotte Warsen meine Kritik zu ihrem Gedichtband Plage veröffentlicht worden, nachzulesen

hier.

Weil es doch zuletzt viel Text gab – und zur Feier des Jubiläums – ein flottes Stück von Cate Le Bon, die ich in diesem Blog ja schon mehrmals habe hochleben lassen. Da Duke auch ein super Song ist, poste ich den auch, und – aller guten Dinge sind drei – Heat Rises von Nilüfer Yanya. Nilüfer Yanyas Musik hat Pop Appeal, geht aber nicht ganz darin auf.

Bleibt abschließend zu erwähnen, dass ich meine Aufnahmeanträge für den VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.) und die Bundessparte Übersetzer im Verband deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di abgeschickt habe und mich auf Abbuchungen einstelle. Das ist okay.
Außerdem habe ich die Absicht, mich bei der VG Wort (Verwertungsgesellschaft Wort) anzumelden, auf dass die brotlose Kunst des Kritikenschreibens zum Jahresende doch noch etwas einbringe. Auch wenn ich mir dann nur einen Bratapfel kaufen kann, ist ja egal. Nicht egal ist aber, in einer Gesellschaft, in der alles auf Geld hin orientiert ist, darauf zu pochen, dass eine geldwerte Leistung entlohnt wird, und zwar mit Geld. Das ist mehr so eine grundsätzliche Haltung. Denn meine Miete verdiene ich ja als Buchhändler und Dateneingabefuzzi.

An der Fassade des Ringcenters Frankfurter Allee waren das G und das C ausgefallen, so dass zwei Versionen von „Hereinspaziert!” übrigblieben, nämlich RIN und ENTER. Nur falls sich einer wundert.

Clara Iannottas Seestücke

Im Heimathafen Neukölln fanden gestern [gestern heißt hier Donnerstag, denn Freitag habe ich angefangen zu schreiben] die Konzerte 2 und 3 von Ultraschall Berlin statt.
Das New Yorker JACK Quartet spielte die Streichquartette von Clara Iannotta:
2. dead wasps in the jam-jar (III) (2017-2018)
1. A Failed Entertainment (2013)
4. You crawl over seas of granite (2019)
3. Earthing – dead wasps (obituary) (2019)
[Man sieht hier, das die im Programmheft abgedruckte chronologische Reihenfolge zugunsten einer logischen Reihung geändert wurde. Es ging los mit den Wespen, und es endete mit den Wespen, der Granit rückte an die dritte Stelle vor, und das „Entertainment” failte (nein, nicht) auf Platz zwei.]
Zum Konzert des Trio Accanto später, piano piano.
Drei der vier aufgeführten Stücke (2, 3, 4) kreisen um das Thema des Meeresgrunds („Von diesem wissenschaftlichen Feld bin ich wirklich besessen”, C.I.), um die „Vorstellung »der tiefsten Schicht im Ozean, wo ständiger Druck und ewige Bewegung das Stillstehen der Zeit zu formen scheinen«”.
Flageoletts, druckloses Wischen des Bogens (über das Griffbrett), hart kratzender Strich, knurrend (unterhalb des Saitenhalters), körperlose Pizzicati, farblos durchlaufende Geräuschbänder, Obertonflirren, Verwaschung, Auflösung, jähe Kompression – diese ‘ausdruckslose’, ausgebleichte, innerhalb ihres abgestuften Graubereichs aber wieder auch farbig schillernde Klangpalette, die die Dingfestigkeit konturierter Töne eher vermeidet, bildet den Zauberkasten von Clara Iannottas bildkräftiger Musik. Die ‘submarinen’ Effekte, die sie mittels der so geschaffenen Klangoberfläche erzielt, sind außerordentlich. (Hörempfehlung, außerhalb des Quartettzusammenhangs: Eclipse Plumage.)
Ohne mich groß auszukennen, würde ich vermuten, dass in Clara Iannottas Komponieren Helmut Lachenmanns musique concrète instrumentale und die Musik der Spektralisten aufgenommen und in ein individuelles Idiom übersetzt wird – eine Individualität, auf die die Komponistin wert legt: sie kann stolz darauf sein.
A Failed Entertainment, das mir auf der gleichnamigen Iannotta-CD gut gefiel, fällt im direkten Vergleich mit den drei späteren Streichquartetten etwas ab. Die Meisterschaft vor allem von You crawl over seas of granite (eine Uraufführung) und Earthing – dead wasps (obituary), aber auch von dead wasps in the jam-jar (III), das ebenfalls stark ist, wird hier (noch) verfehlt, weil die Komponistin nicht vollständig ihrer Radikalität vertraut. Der Klangraum, den sie kreiert, klingt zwar schon ganz nach ihr – das Booklet erwähnt „die einbeziehung von tischglocken, einer vogelpfeife, eines styroporblocks und [die] präparation der streichinstrumente mit büroklammern” -, aber die Erweiterung des Spielgeräts wirkt wie etwas Aufgesetztes, ein Fremdkörper, der das Klangbild aufbricht anstatt es zu verdichten. Aber, wie gesagt, es kann auch ein ‘Fehler’ der Programmgestaltung sein. Wer weiß, wie sich das Werk in Nachbarschaft eines Brahms-Quartetts ausnehmen würde.

Weiter
In diesen Tagen wurden die Streichquartette von Clara Iannotta für eine CD-Produktion aufgenommen, die im Laufe des Jahres in der Edition Zeitgenössische Musik erscheinen wird.
Jetzt schon lieferbar eine Porträt-CD mit dem Titel A Failed Entertainment (Edition RZ, Berlin 2015).
Ein Gespräch, das Leonie Reineke mit der Komponistin führte, kann hier nachgehört werden. Die vollständige (Lese-)Fassung („Clara Iannotta: Konstantes Unbehagen”) ist auf dieser Seite verlinkt.
Soundcloud: https://soundcloud.com/claraiannotta

Filme mit „Monsieur“ im Titel seh ich mir nicht an

Oder mit „Madame” oder „Ziemlich”.

Blogeinträge brauchen eine Überschrift, ich hab’s nicht erfunden.

Man erntet – warum verlangt das Deutsche in diesem Zusammenhang genau dieses Verb? – besorgte Blicke, wenn man sagt, man gehe zu(m) Ultraschall. Man muss dann gleich beruhigen: Nein, nein, zum Festival Ultraschall, „Festival für neue Musik”, wie es in der Eigenbezeichnung heißt, mit kleinem N, in Abgrenzung zur historischen Neuen Musik. – Das älteste hier aufgeführte Werk ist von 1965, die meisten Kompositionen stammen aus den letzten Jahren. (Wie beim Theater gibt’s bei der neuen Musik einen Uraufführungskult. Das Nachspielen bereits anderweitig uraufgeführter Werke: weniger beliebt. Das ist aber nicht das Problem von Ultraschall Berlin, das trotz einiger Uraufführungen kein Uraufführungsfestival ist. Lob dafür!)
Im Rückblick auf das gestrige Eröffnungskonzert hätte man sich aber doch Sorgen machen können. Der ursprünglich vorgesehene Dirigent war erkrankt, ein Kollege, Johannes Kalitzke, der für das Abschlusskonzert engagiert war, sprang ein und ritzte die Sache. Ein Probentag aber war verlorengegangen, und eines der Stücke, die hätten gespielt werden sollen, wurde gestrichen. Anstatt nun Sarah Nemtsovs dropped.drowned (2017) für großes Orchester und Zuspiel zweimal aufzuführen, was bei einer Spieldauer von 18 Minuten wenigstens zeitlich möglich gewesen wäre, blieb es bei einem – übrigens ausgezeichneten – Durchgang.
Nach der Pause wurde das 2. Violinkonzert (2018) von Jörg Widmann aufgeführt, mit Carolin Widmann als Solistin. Hier zeigte sich auf verblüffende Weise, dass das kalendarisch Neue nicht immer mit dem ästhetisch Neuen zusammengeht. Tatsächlich ist dies Violinkonzert gewerbsmäßige Repräsentationskunst, nicht grundsätzlich anders als irgendein ausgeliehener Ölschinken in einem Berliner Abgeordnetenbüro, neoromantisch im Geist, mit eingesetzten Krach-Blöcken und einigen avantgardistischen Applikationen, die man in anderem Zusammenhang als modern hätte klassifizieren können, die bei Jörg Widmann aber nur Dekor sind. Ich bedauere das sagen zu müssen, weil die Aufführung durch Carolin Widmann und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ganz tadellos war und der Komponist sein Handwerk versteht. Die Ästhetik des Werks aber ist höchst fragwürdig.
Jetzt freue ich mich auf den zweiten Ultraschall-Abend, der mit einem Konzert beginnt, das den vier Streichquartetten von Clara Iannotta gewidmet ist, einer 1983 geborenen, in Berlin lebenden Komponistin – Musik, die sich durch feine Klangtexturen, Sprödigkeit, Forscherneugier und Witz auszeichnet.

frag nach dem Umweg

Mit Begeisterung höre ich das Album New York Trio von Angelika Niescier (as), Christopher Tordini (b) und Gerald Cleaver (dr), mit dem Gast Jonathan Finlayson (tp), das in diesem Sommer bei Intakt Records, Zürich, erschienen ist. In seiner knappen Rezension für die Zeitschrift Jazzthing resümierte Hans-Jürgen Schaal: „eigenwillige Abläufe und Stimmungen, die man nur noch schwer schubladisieren kann. Ein (wahrscheinlich) ganz großes Album. Aber es verlangt Hingabe, auch vom Hörer.”
Ja, klar, zum Nebenbeihören nicht geeignet. Und ein großes Album, gewiss! – abwechslungsreich. – Den Mörderbeat von Push/Pull kann ich mir auch von bratzenden Heavy Metal-Gitarren gespielt vorstellen, diese Energie hat das Stück. Daneben gibt’s aber auch feine, leicht umzuwehende Klangbauten wie Chancery Touting oder das abschließende A Truck Passing a Clock Tower.
Im Beiheft ist über dieses zu lesen (es spricht die Saxophonistin): „I developed a system using chance to establish the length of rest and impulse for every player. We strictly played by the clock. The sheet was a chart, for example: 00:00 – 00.15 play! 00:16 – 01:23 pause!”
Systematisch auch das Vorgehen bei Chancery Touting, dessen klangliche Gestaltung per Würfelwurf festgelegt wurde, während Cold Epiphany auf der Fibonacci-Zahlenfolge fußt.
Diese strukturierten freien Stücke sind eine – wichtige – Facette des Albums. Eine andere blitzt in …ish auf (devilish?), einem in Trioformation dargebotenen Expressstück von vier Minuten Dauer, eng geschnürt, zackig hingeschmissen, und wieder eine andere, bodenlos traurig, in der Klage Ekim, in der Angelika Niescier die Komponistin Nazife Güran zitiert.
Schwierig, ein Lieblingsstück zu benennen – vielleicht das großräumig angelegte, spannungsreiche 5.8, Push/Pull, oder das in einem früheren Beitrag gepostete The Surge, furioser Beginn von New York Trio.

Was sonst geschah. Nach einundzwanzig Monaten war ich mal wieder im Kino, erst, allein, in Where’d You Go, Bernadette von Richard Linklater, dann, selbdritt, in Marriage Story von Noah Baumbach – der erste schöner anzugucken, der zweite künstlerisch bedeutender: beide gut. (Beides Familienfilme, selbstverständlich.) Heute hätte ich auch wieder ins Kino gehen können, aber ich bin ein bisschen verschnupft und brauche ginger, in Griffweite.

Aus niederrheinischer Richtung traf per Post am letzten Novembertag ein Tee-Adventskalender ein, an dem ich mich täglich erfreue und der eine gute Medizin ist. Herzlichen Dank! – Ebenfalls in der Post das neue Heft des Jazzpodium – ganz dem Label ECM gewidmet, das sein fünfzigjähriges Bestehen feiert. (ECM steht für ete|pe|te|te.)

Es ist auch die Zeit der Adventsfeiern. Mit dem Garments Database Team waren wir im DaBangg und (vorher) im Schokoladenpalast Rausch am Gendarmenmarkt. – Gestern Nikolausabend in Schöneberg, von meiner Nichte organisiert und liebevoll durchgeführt, nächste Woche dann das jährliche Winter Team Event. Vielleicht lädt auch mein Chef in der Buchhandlung ein, er war sich noch nicht sicher.
Weihnachten selbst habe ich nichts Konkretes geplant, vom schrecklichen Silvester ganz zu schweigen. Eine jahrelang nicht gesehene Freundin aus Aachen kommt nach Berlin, und wir werden uns natürlich treffen. Auch die römische dottoressa wird in Tegel landen. Ich freue mich schon, mit ihr – kältegeschützt – am See zu sitzen, Kaffee zu trinken und die reglosen Kormorane zu beobachten.
Am 24.12., 27.12. und 31.12. muss ich arbeiten, zwei halbe Tage und einen ganzen, weiter am 2.1. Dafür nehme ich mir vielleicht Mitte Januar frei, um zum Ultraschall Berlin Festival zu gehen, was ich immer schon mal vorhatte.

[Überschrift aus dem Gedicht „zweiter Wirbel/Anblick der Atlanten” von Georg Leß, in: Die Hohlhandmusikalität. Gedichte. kookbooks, Berlin 2019, S. 22]

Spielgemüt

In der aktuellen Ausgabe November des Jazzpodium, der seit 1952 bestehenden Zeitschrift, die ich ab Dezember für zunächst ein Jahr abonniert habe (56,00 Euro incl. Versand), las ich ein Interview von Adam Olschewski mit Joe Morris, „The Grenzgänger” überschrieben.
Ich kannte Morris vorher nicht (ich kenne die meisten Leute nicht, ha ha), jetzt höre ich mir einige Beispiele seiner Musik an. Er hat eine große Bandbreite. Übrigens war er Lehrer von Mary Halvorson.
Über seinen Lehransatz den Studenten gegenüber sagt er: „Ich versuche alles, was geht, um sie zu inspirieren. Ich kritisiere sie nicht. Ich sage ihnen nie, was sie mögen sollen. Mein Ziel ist es, dass sie sich selbst hören und einen Weg finden, ihre eigenen Ideen auf ein höheres künstlerisches Level zu heben.” Für das Studienfach Free Music vermutlich die einzig sinnvolle Methode, die aber auf andere Lehrfächer nicht ohne weiteres übertragbar sein mag. Doch der Gedanke, dass die, die etwas lernen sollen, immer vorher schon etwas wissen, das es auch oder zuerst zu berücksichtigen gilt – eine Überlegung ist es wert.
(Ich frage mich, von was ich sagen würde, dass es mich inspiriert. – Alles, was in mir auf Widerhall trifft, ist eine Inspiration. Ergibt das Sinn? Dann wäre sie ein positives Reagieren eines fremden Geistigen mit meinem eigenen Geistigen, ein Erkennen.)

Inspirierend war zum Beispiel die Ausstellung Revier von Daniela Friebel, ihre zweite ‚vogelkundliche‘ Arbeit, nach Auspicia über die Stare in Rom. – Hier ging es nun um Nachtigallen.
Zu nachtschlafener Zeit war die Künstlerin mit ihrem Fahrrad und zu Fuß – ohne Kamera – durch Berlin gestreift, um nur mit dem Gehör Singorte von Nachtigallen zu finden. Die Koordinaten der jeweiligen Singwarten und Reviere per App gespeichert, kehrte sie bei Tage wieder dorthin zurück, jetzt mit Fotoapparat, und porträtierte sie – vollkommen unspektakuläre Berliner Plätze übrigens.
Auf den an einer einzigen Wand in Petersburger Hängung präsentierten Farbfotografien waren natürlich keine Nachtigallen zu erkennen, nur im Eingangsbereich eine Nahaufnahme, bei Gelegenheit des Beringens. – Ein zweiter Raum bot sogenannte Spektrogramme, den einzelnen Fotografien numerisch zugeordnet: graphische Notationen (in Nachtblau) der mitgelauschten (und per Telefon aufgenommenen) Nachtigallengesänge; im Prinzip so ähnlich wie die von den Nutzern kommentierten Klangwolken bei SoundCloud. Die Blätter verzeichneten Ort, Zeit und Dauer des Gesangs, umrissen mit einigen Worten Art, Lage und Zugänglichkeit des Reviers und protokollierten trocken zusätzliche Klangereignisse wie Autobahnrauschen, Türenschlagen oder Niesen.
„Verstummen der Nachtigall bei Annäherung”, vermerkte lapidar ein im übrigen leeres Blatt.
Die Tatsache, dass Berlin so beliebt bei Nachtigallen ist, erklärte Daniela Friebel damit, dass es hier viele unaufgeräumte Stellen gibt, die aus Geldmangel nicht verschönert werden. Da hat die Berliner Schludrigkeit also am Ende doch auch etwas Gutes.
Die verschiedenen gewitzten Drehs der Revier-Arbeit gefielen mir sehr: Bildmotive auswählen – mit dem Ohr. Vogelgesang aufzeichnen, aber nicht abspielen (Ausnahme: ein unscheinbarer Klang-Kasten draußen auf dem Fensterbrett). Umkehrung aller Nachtigallenromantik ins Nüchterne. Pseudowissenschaftlichkeit. Komik durch sprachliche Knappheit. Komik durch sprachliche Exaktheit. Einen Nachtvogel studieren, aber Tagbilder aufnehmen.

Inspirierend auch das kleine Konzert von Greg Cohen (b), Elias Stemeseder (p) und Joey Baron (dr) im Teehaus DaBangg. Den Anfang machte ein Stück von Duke Ellingon, I Let A Song Go Out Of My Heart. Es folgten Old Folks (Willard Robison), No Idea, Hypochristmastreefuzz, Poor Wheel (alle Misha Mengelberg) und House Party Starting (Herbie Nichols). Den Schluss bildete das bittersüße Just A Gigolo (Leonello Casucci), das ich vor allem von Thelonious Monk kenne:

Amüsiert hat mich, wie Joey Baron – war es bei diesem Song? – auf seinem teilweise mit den bloßen Händen gespielten Drum Set immer leiser wurde, sich zuletzt halb von seinem Hocker erhob und sein Solo damit beendete, dass er frenetisch die Blätter einer Pflanze glattstrich, die zufällig in seiner Ecke stand. Das war ein lustiger, aber auch hintersinniger Moment – er sagt etwas über Barons Verständnis der Welt als Klang, und über die Fähigkeit jedes Menschen, daran Anteil zu haben.

Die Überschrift dieses Posts ist ein Zitat von Karl Berger aus seiner Kolumne Music Mind in der schon zitierten Ausgabe des Jazzpodium.
Karl Berger sagt: „Wenn wir glauben, nicht musikalisch zu sein, dann denken wir einfach zu viel.”

Links
Joe Morris
Riti Records (von Joe Morris gegründetes Plattenlabel)
Daniela Friebel