Nasenstüber

Ich beobachtete, wie Ecke Turmstraße / Stromstraße ein abbiegender Kleinwagen seine Schnauze frech in die Fahrradspur schob, worauf ihm die linke der beiden Radfahrerinnen vor mir en passant mit dem Schuh auf die Kühlerhaube tupfte. Darüber wurde der Beifahrer böse, er ließ die Scheibe herunter, streckte den Kopf heraus und rief: „Hurentochter!”. Aber sie – an ihrem Rücken meinte ich es zu erkennen – lachte nur.

An einer anderen Kreuzung, Spreeweg / John Foster Dulles Allee, hing lange die Fahrradampel lose am Mast, die Signalabfolge war Grün Gelb Rot statt Rot Gelb Grün, und die Pfeile zeigten in die falsche Richtung. Irgendwann hatten die Stadtwerker sie mit weißrotem Absperrband provisorisch gerichtet, aber es dauerte noch einige Wochen, bis sie sie richtig angeschraubt hatten, und das Absperrband war wieder verschwunden. Würde ich fotografieren: ich hätt’s fotografiert. Aber die Touristen, die immer vor Bellevue scharwenzeln, seitwärts und rückwärts trippeln, und manchmal vorwärts, richten ihre Fotoapparate und Smartphones auf die Goldelse.

Zweimal die Woche sitze ich bei meiner Schwester in der Buchhandlung, wir rauchen, trinken Kaffee, sie setzt mir ein Tellerchen mit Goldringen hin, die ich sehr gern esse.

Erdbeer Apfel

Neben dem rechten der beiden zusammenklappbaren Böcke, auf denen die weiße Tischplatte ruht, steht eine Plastikflasche. Daraus trinke ich und gebe auch dem Erdbeerpflänzchen zu trinken, das mir M. zum Geburtstag geschenkt hat. Es hat vier winzige gezahnte Blättchen.

In K. habe ich D. im Altenheim besucht, die nun im 94. Lebensjahr ist. Sehr gebeugt, ist sie jung im Geist, hat noch ihren ganzen Kopf. Während wir miteinander sprachen, streckte sie ihren Arm nach einem Beistelltisch oder Teewagen aus, legte Äpfel, einen Schokoladenhasen, eine schmale Packung Knäckebrot, abgepackte Portionen Käse vor mich hin und bestand darauf, dass ich alles einsteckte. Dann reichte sie mir ein Messer und zwei Papierservietten und beaufsichtigte mich, wie ich einen Apfel aß.
Eine Frau, um ein paar Jahre älter als sie, schob mit ihrem Gehwägelchen vorbei und teilte mit:
„Der Doktor kommt!”
D. beschrieb mir, an welcher Stelle ihres Zimmers ich ein Album finden würde, in dem sie mir etwas zeigen wollte. Es war eine Dokumentensammlung über einen Missionar in Japan. Sie suchte nach einem Text und ließ mich einen Absatz lesen. Einzelne Sätze waren unterstrichen, was, zusammen mit D.s ausdrücklichem Wunsch, ich möchte die Passage lesen (die sie selbst wohl schon oft gelesen hatte), auf eine Dringlichkeit hinwies, die ich nicht verstand, weil mein Geist nicht aufnahmebereit und die Sprache zu weit entfernt von meiner war. Sie aber war zufrieden, dass ich las und hörte wohl die zugehörigen Wörter in ihrem greisen wachen Kopf.
„Der Engel mit dir!” sagte sie zum Abschied, drückte mir kräftig die Hand und blitzte mir freundlich zu.

Meine Italienischlehrerin hat die Stunde verschlafen. Ich weckte sie, als ich um elf Uhr klingelte. Wir unterhielten uns über die Türsprechanlage und vertagten uns auf nächste Woche. Sie bat viele Male um Entschuldigung, ebenso oft sagte ich: „Non c’è problema!”

Frage des großen Kindes: „Möchtest du Lehrer werden für die letzten Jahre?”

Tacet

Betz, StilleIch hatte in der U-Bahn in Marianne Betz‘ Vortrag Stille – hörbares und sichtbares Moment in der Musik gelesen. Darin ist auch von Alphonse Allais die Rede, der 1883 (neben anderem) einen „Trauermarsch für das Begräbnis eines großen, tauben Mannes” [Marche funèbre. Composé pour les funerailles d’un grand homme sourd] ausgestellt hatte: 24 leere Takte, „ohne jegliche Information, nicht einmal zum Zählen”.

Eine Übertragung dieser Idee fand ich, kaum hatte ich mein Fahrtziel erreicht, auf dem Mariendorfer Damm. An einem Lichtmast war ungefähr auf halber Höhe ein Rahmen angeschraubt. Eine Strebe schnitt das leere Geviert in zwei verschieden große Flächen, deren größere vielleicht ein Werbeplakat und deren schmalere eine Telefonnummer präsentieren konnte. Sie gaben den Blick frei auf den Ausschnitt einer Häuserfront, auf ein vogeldurchflitztes Stück Himmel … Sie konturierten auch, und das war doch erstaunlich, die Straßengeräusche, in deren geordnetem Strudel sich meine Vorstellungen von Harmonie und Krach verwirrten.

So ist es selten.

Den Stadtlärm zu ertragen, braucht es Nerven wie Drahtseile.

Werbung ohne Werbung

Die Klingelmelodie war eine 5-Ton-Sequenz, die sich auf dem Papier, verbände man die Noten miteinander (wie Sternbilder auf einer Himmelskarte, zum Beispiel), wie ein nicht ganz zu Ende gezogenes U ausnehmen würde. Die Frau klappte das Telefon auf und sagte mit rauher Stimme in einem gleichbleibend freundlichen, erwartungsfrohen Tonfall, durchsetzt mit kleinen, unregelmäßigen Pausen:
„Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo?”
Dann beendete sie das Telefonat, sie musste auch sowieso aussteigen.

Mein Friseur ist in der Crellestraße. In der halben Stunde, während derer ich warten musste, setzte ich mich in ein Café, nach draußen, es war ja warm. Die ausgefahrenden Markisen wurden zurückgekrault, und ich kniff mein linkes Auge zu und blieb in der Sonne. Blüten flogen zielstrebig von den Japanischen Kirschen ab, die ringsum standen.
Den Platz neben mir hatte ein kleiner Junge besetzt, der ein Glas mit Eiswürfeln in der Hand hielt, die er langsam ‚trank‘, wobei er – in undurchschaubarem Exerzitium auf dem Stuhl kletternd – aus der Sitzposition heraus auf die Knie ging, aufstand, sich wieder niedersetzte, hinkniete, aufstand usw., wie vielleicht ein eckiges Rad sich mit Mühsal auf einer derben Straße dreht.
Dann sprang er auf, um mit seinem Spielgefährten auf den Steinblöcken herumzuturnen, die dort, etwas unterhalb der Kreuzung Crellestraße / Helmstraße, Teil einer eng umzirkelten Grünfläche sind, und die ihn ebenso zu rastloser Bewegung anspornten wie zuvor die kleinen Eisblöcke in seinem Glas.

Paar Sätze

Die Bäume setzen Grün an.
Mein erstes halbes Berliner Jahr ist um.
Vor einer Woche bin ich nach Mariendorf gezogen, südlich des Innenstadtrings. Jeden Tag bewundere ich das Ullsteinhaus.
Die Mangamädchen auf der Leipziger Buchmesse … (Letztes Jahr Schnee.)
Auf dem Weg nach Hause hatte ich einen Ohrwurm.
Drei Tage lang vergaß ich, die Bedeutung von „à l’instar de” nachzusehen.
Das letzte Land von Svenja Leiber: lapidar, herb, poetisch. Unheitere Welt, sparsamer Lichteinfall. Die Geschichte endet 1975, im Geburtsjahr der Autorin.
Kartoffelpüree, Zwiebeln, Äpfel, Butter. Kaffee mit Milch.

Weiße und schwarze Bohnen

Der Mann stellte mir die Tasse hin, ich fragte: „Was macht’s?”
Ich aß das mit Kokosflocken bestreute Plätzchen, am Kaffee hätte ich mir nur die Zunge verbrannt.
Der Mann war mit meiner 2-Euro-Münze entschwunden. Ich fragte mich, ob er sie für eine 1-Euro-Münze gehalten hatte und ob ich gegebenenfalls das Rückgeld reklamieren sollte. Aber die Suppe mit weißen und schwarzen Bohnen hatte nur 2,50 Euro gekostet, und dies war die Kiezkantine, eine unterstützenswerte Einrichtung. Ich kam zum Schluss, dass 4,50 Euro für ein Mittagessen mit Kaffee ein annehmbarer, ja angemessener Preis war.

An dem Haus neben dem Buchladen zur schwankenden Weltkugel las ich, wie jedes Mal, wenn ich daran vorbeikomme, die Worte: „Kapitalismus normiert / zerstört / tötet”.
Ich lese gerne Schrift im Stadtbild, wenn es keine Werbung ist. Ich mag z. B. das Alphabet, das kunstvoll auf die Fassade des Hauses zwischen Kastanienbäckerei und Lichtblick Kino gepinselt ist, einfach die 26 Buchstaben, von links nach rechts.

Der Held in La nuvola di smog (von Italo Calvino) lebt als Untermieter einer tauben alten Frau in einer nicht näher bezeichneten italienischen Stadt. Es staubt überall. Frisch gewaschen liegen Hemden auf der Bettdecke, aber die Krägen zeigen Pfotenabdrücke der Katze. Der Held wäscht sich die Hände, sobald er aus dem Büro zurückkehrt, vermeidet jedes Anfassen. Zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten empfängt er emphatische Telefonanrufe seiner Freundin, auf die er zurückgenommen und einsilbig antwortet. Hinter einer verglasten Tür geht das Licht an, die Vermieterin schleicht über den Flur und macht ein Handzeichen, sie werde nicht stören.

Auf der Arbeit gibt es Diskussionen über den Schluss eines Artikels zum Thema Umweltverschmutzung.
„Wir sehen uns also mit einem Problem konfrontiert, das schreckliche Folgen für die Gesellschaft nach sich ziehen kann. Werden wir es lösen?”
Der Redakteur empfindet die Frage als zu skeptisch, zu negativ. Der Autor schlägt kaltblütig vor:
„Wir werden es lösen.” Das wird als zu geschäftsmäßig abgelehnt.
„Werden wir es lösen? Wir werden es lösen!”, probiert der Autor weiter und verwirft seinen Einfall wieder.
Nach vielem Hin und Her ist schließlich die Formulierung gefunden, mit der alle zufrieden sind:
„Werden wir es lösen? Wir sind schon dabei.”

Frost

Ich behielt meine Handschuhe an. Die Seiten ließen sich gut umblättern.

Ein Geräusch, das aussetzte, wieder einsetzte, wie von Kinderwagenreifen, die über Splitt rollen: nur der Wind – rührte die Blätter am Baum.
Vor dem Gerichtsgebäude wurden tatsächlich Kinderwagen durchs Bild geschoben, Stimmen an ihrem Griffende.

Langweilig

Sibylle Lewitscharoff, Martin Mosebach, Gustav Seibt, Denis Scheck: das ist doch eine gute Zusammensetzung, dachte ich, und fuhr zum LCB, wo Mosebach aus seinem neuen Roman, Das Blutbuchenfest, las, der nächste Tage erscheint. Das war aber schon die erste Enttäuschung, dass es nicht um Killmousky, das angekündigte neue Werk Lewitscharoffs ging. Sie war hier nur Randfigur, Exegetin, Lobende (Mosebach als Erbe Doderers, Mosebach als Humorist).

Die Lesung zweier Kapitel (von 33) bildete den Kern der Veranstaltung. Es war eine Lektion in Langeweile. Frischs Unterscheidung von Anrege- und Respektautor im Kopf, entschied ich mich gegen beides. Im Publikum gab es Lacher, ich aber hörte bei jedem Satz Stuck oder Mörtel aufs Parkett rieseln und dachte, dass Bildung und Kultiviertheit Narrheit nicht ausschließen. „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?” – Georg Christoph Lichtenbergs Frage.
Bei beidseitiger Hohlheit ist die Resonanz jedenfalls am größten.
Dass die Herrschaften keine Perücken trugen!

Gustav Seibt charakterisierte Das Blutbuchenfest als „frei” und hob die Beschreibungen von Dr. Glücks Liebesleben hervor, die man allerdings, da die Lesung ja im „Familiensender Deutschlandfunk” übertragen werde …
„Die rattenscharfen Passagen wurden schon vorher gesendet!” platzte Scheck dazwischen.
Als Lewitscharoff von „stilistischen Protuberanzen” sprach, klang immerhin etwas Wahres an. Insgesamt überwog aber der Eindruck von Falschheit, von Unechtheit und Unangemessenheit, so als lobe man die roten Bäckchen einer staubigen Puppe.

Zwei Bilder

Zur Pause bin ich in ein Back & Snack gegangen. Auf einem großen Fernsehbildschirm flimmerten tonlos untertitelte Bilder von Autounfällen und Überschwemmungen, das Radio lief. Die Bedienung schichtete Kuchenstücke auf ein Tablett.

Zwei Bilder haben den Tag eingerahmt, vormittags, auf dem Weg zur Arbeit, die Steinskulptur, die König Ludwig IX und seine Gattin Margarete zeigt, abends, wenige hundert Meter vor der Haustür, eine Milchspur, die auf dem Boden verlief, der heute übrigens den ganzen Tag leicht gefroren war. Sah ganz schön aus, Milch auf der Straße ist kein sehr häufiger Anblick, verglichen mit Kippen, Hundehaufen, Fritten usw. Die filigranen Ränder erinnerten mich an bestimmte Moos- oder Flechtenarten, aber auch an Details auf einigen Bildern von K. O. Götz, da, wo die Farbe zerfließt.
Das erwähnte Steinbildnis ist im romanischen Stil, stammt tatsächlich aber aus dem späten 19. Jahrhundert, wie die Kirche, vor der es steht. Eine gute Fälschung (oder Nachempfindung).

… Ein Stück aus Cecil Taylors früher Schallplatte „Jazz Advance” (1956), „Sweet And Lovely”. Ich bewundere Taylors Erfindungsreichtum, seine phantastische Harmonik, seinen punch, den Blues (und Swing) in seinem Spiel und die Feinheit seines Anschlags. Der Drummer steht ihm hinsichtlich Finesse in nichts nach: Wie er mit dem Besen über die Becken streicht!

Jetzt liegt dünn Schnee, leuchtend, macht die Leute vorsichtiger. Manche bekommen durchs Telefon gesagt: „Pass auf!”

Bücherleihe

Selten bin ich in Bibliotheken gegangen. Die Bücher, die ich lesen wollte, habe ich gekauft. Seit ein paar Wochen habe ich aber einen Ausweis für die Theodor Heuss Bibliothek Tempelhof-Schöneberg; der gilt auch für alle anderen Berliner Bibliotheken mit Ausnahme der Stabi. Aber ich habe gar nicht vor, überall Bücher auszuleihen, das wird sonst schnell unübersichtlich. Die Amerika-Gedenkbibliothek kann ich noch dazunehmen, das reicht dicke.
Allerdings möchte ich mir ein paar weitere Bibliotheken und Lesesäle ansehen, z. B. die von Werner Düttmann erbaute Hansabücherei oder die Philologische Bibliothek in der Rostlaube (ist mir empfohlen worden).

Die Theodor Heuss Bibliothek wurde 1964 eröffnet. Wer der Architekt ist, habe ich nicht herausgefunden, in der Chronik des Hauses ist nur das Datum der Einweihung vermerkt (23.10.1964). Die Geschichte der Bücherei selbst geht auf das Jahr 1877 zurück: Am 1. September dieses Jahres eröffnete die „Gemeindebücherei” in Friedenau, im Schulgebäude Albestraße 25/26.

Die Buchumschläge der Leihbücher sind meist zerschnitten. Diese Missachtung der Integrität der Bücher erstaunt mich immer, weiß auch nicht, wozu das gut sein soll. Andererseits geht es natürlich in erster Linie um die Texte, und wenn ich glaube, ein geliehenes Buch wiederlesen zu wollen, werde ich es mir eben kaufen, ganz.