Sind doch Krokusse?

Als ich von der Arbeit kam, war ich fix und foxy. Vielleicht, weil ich es nicht mehr gewohnt bin, so viele Leute zu sehen, in der Stadt unterwegs zu sein, mit den Öffis zu fahren? Na, so doll viele waren’s ja nicht.
Montags geh ich um zehne aus dem Haus, hole Curtis aus dem Schuppen, pass auf, dass wir nicht die Krokusse plattmachen, die wie Pilze aus dem Boden (Rasen) schießen.
Ich denke, es sind Krokusse. – Gibt es bunte Schneeglöckchen?
Das ist ja immer die frohe Botschaft, die ein Sprachlehrer seinen Schüler*innen verkünden kann: Die Mehrzahl der Verkleinerungsform ist genau gleich wie die Einzahl der Verkleinerungsform:
das Büdchen – die Büdchen
das Blümchen – die Blümchen
das Häuschen – die Häuschen
das Süppchen – die Süppchen
und so weiter.
Dass das ich-ch so schwer auszusprechen ist, gut, das ist wieder blöd. Und die Umlaute! Ich hab’s aber nicht erfunden.
Nebenbei bemerkt, ist auch das ach-ch nicht einfach.
ch ch
Als Mehrzahl von Krokus gestattet der Duden auch: die Krokus. Bisschen komisch, aber mir soll’s recht sein. Verwirrt wär ich über „Safran”.
Übrigens brauche ich nicht den Segen des Duden(s), die Sprache soll so frei sein, wie sie Lust hat. Tendenziell ist der Sprachgebrauch ja nicht sehr frei. – Lasst die Wörter los!, so würd ich immer sagen.
Hab mich ja auch sehr gefreut, als Hanna mal „bei ihmchen” sagte. Der rheinische Diminutiv macht auch vor Personalpronomen nicht Halt. Toll!
Und jetzt habe ich in meinen Büchertürmen doch glatt nach dem Niederrhein-Büchel von Joseph Roth gesucht – Kleve Xanten Kalkar – das seltsamerweise einmal in Rom gedruckt wurde (1986). Erstmals erschienen die drei kleinen Texte im Mai 1925 in der Frankfurter Zeitung.
„In Kleve am Niederrhein erzeugt man Margarine, ohne damit der Schönheit der Stadt zu schaden. Sie lag einmal am Rhein. Der Fluß hat sich selbst von ihr entfernt, was unrecht von ihm war. Schon im 11. Jahrhundert mußten die Klever Bürger einen Kanal bauen, um die Beziehungen zum Rhein wiederaufzunehmen.”
Ich komm drauf, weil Roth den Niederrhein als landschaftlichen Ausdruck des Pazifismus beschreibt, und so Verkleinerungsformen erscheinen mir doch auch ganz friedlich.

Wenn ich so mäandernd schreibe wie hier, denkt meine Schwester, ich wäre betüddelt. Das ist natürlich nicht der Fall.

Vom Dickicht aus -> Stadtplan Kleinmachnow (wir sind das letzte Haus in der Straße) fahre ich über die Wendemarken und An der Stammbahn zur Karl Marx-Straße (ich lehne es ab, sie mit zwei Bindestrichen zu schreiben, denn sie ist schließlich nicht nach Karl und Marx benannt, sondern nach Karl Marx – kann mich damit im Freundeskreis aber nicht durchsetzen … – Johnson würde mich verstehen), die in Zehlendorf selbstverständlich nicht mehr so heißt, sondern Benschallee. Die brauch ich aber gar nicht, weil ich vorher rechts in die Berlepschstraße einbiege, die mich zum S-Bahnhof bringt. Dort mache ich mein Pferdchen fest und fahre –
Aber will das wer überhaupt so genau wissen?
Am Rathaus Steglitz Umstieg in die U9 Richtung Osloer Straße, Spichernstraße steige ich aus, die Kachelwände visualisieren ein Musikstück, die Universität der Künste (Musikabteilung) und das Haus der Berliner Festspiele sind nicht weit.
Hier werde ich meinen Weg zur Arbeit unterbrechen, denn es ist Viertel vor drei, und morgen muss ich arbeiten.

Das Eichkatzerl war wieder da, jetzt gerade. Aber keine Erdnüsse! Morgen lege ich nach.

[brace] Inseln

Heute, aus Anlass des Internationalen Frauentags, ein Doppelprogramm mit zwei Arbeiten aus (Film-)Kunst und Literatur, die mir sehr gut gefallen.

„Es verhält sich mit der deutschsprachigen Poesie wie mit dem bundesdeutschen Fußball: An Torhütern mangelt es nie.”
So moserte Michael Lentz vor nunmehr sechzehn Jahren, man kann seine „Thesen zur Poesie” hier nachlesen.

Ich möchte zu bedenken geben, dass es vielleicht nicht die Schreibenden sind, die die angebliche, von Lentz bemängelte „Windstille” vorrangig zu verantworten haben, sondern verwechselbar, langweilig und träge gewordene Verlage (Rundfunkredaktionen, Zeitungsredaktionen und wer immer sonst Pfründe zu verteidigen hat), die bräsig ihr Erbe verwalten (oder in ihren Archiven vergammeln lassen: Was macht Hoffmann & Campe mit dem Pfund seines Autors Heinrich Heine? – Nichts!) und das Neue nur dann durchlassen, wenn es sie hinreichend an das Alte erinnert.
Oder bin ich ungerecht?

Andere Verlage wiederum mögen grundsätzlich willens sein, Neues zu wagen, sind empfänglich für Qualität, sehen sich aber wegen zu geringer Kapazitäten (zu wenig Geld, zu wenig Leute, zu kleines Programm) außerstande, ihm ein Forum zu geben.

Wie auch immer: Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Plätze für genreübergreifende Literatur. Kästchen sind doch witzlos!

Im folgenden ein Ausschnitt aus dem Text Inseln von Lilian Peter, Teil eines Buchmanuskripts: Mutter geht aus, für das die Autorin u.a. 2020 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats erhielt. Es geht um Klicker und Murmeln, Klackern, Rinnen und Perlen, um Rauschen, unter anderem. Der Text spricht davon, und er bildet es nach: eine Sinn- und eine Sinneserfahrung. Auch ein landeskundlicher Beitrag zu Japan.

Auszug aus Inseln

[…] Ich bewahrte die Murmeln in einer kleinen Schatztruhe auf, spielte jedoch selten mit ihnen, nur manchmal öffnete ich die Truhe, griff hinein und versuchte, möglichst viele in der Hand zu halten und sie dann ganz langsam und vorsichtig gen Boden, oder mit einer schnellen Bewegung des Unterarms, wie man sie auch beim Kegeln macht, in den Raum gleiten zu lassen, denn ich liebte das perlende Geräusch, das sie dabei machten, und wenn ich ganz viel Glück hatte, stießen sich beim anschließenden Kullern manche der Murmeln noch einmal an und ergaben ein leises, klackerndes Geräusch, bis sie schließlich ruhig liegen blieben und ein mal weiter, mal weniger weit verstreutes Muster ergaben. Ein leises, klackerndes Geräusch machen auch Bambuswälder, wenn der Wind durch sie hindurchrauscht, auf einer kleinen Insel in der japanischen Präfektur Kagawa stand ich einmal lange in einem Bambuswald und lauschte dem zarten Klack-Klack-Klack-Klack-Klack, dem Murmeln der Bäume im Wind, später stand ich an einem Fluss und lauschte dem Plätschern, das dem Klack-Klack-Klack-Klack-Klack der Bambuswälder erstaunlich ähnlich ist, später stand ich in einem Museum, das kein Kunstwerk beherbergt, sondern selbst eines ist, es heißt 母型, „Matrix“, und stammt von der Künstlerin Rei Naito, es ist ein sehr großer, flach gewölbter Raum, muschelförmig und mit zwei großen Öffnungen, durch die man jeweils ein sehr präzise inszeniertes Stück Natur sieht, die Sonne kann hineinscheinen und große runde Lichtflecken auf den weißen Betonboden werfen, Regen kann hereinprasseln, sich in Pfützen sammeln und langsam, langsam über den Boden zu rinnen beginnen, der nirgends ganz eben ist, zudem drängen aus winzigen Poren im Boden kleinste, kleine, größere und große Wassertropfen, die anschließend wie kleine Murmeln, in verschiedenen Geschwindigkeiten, innehaltend, Fahrt aufnehmend, sich zusammensammelnd aus verschiedenen Tropfen, über den Boden kullern, ein Spiel, das mit sich selbst spielt, Spieler sind nicht vonnöten, und man hat unmittelbar das Gefühl, Zuschauer braucht dieses Spiel auch nicht, es ist ganz zufrieden mit sich selbst; „Matrix“ lädt einen ein, man darf sich in ihr aufhalten, aber sie verlangt ein großes Maß an Zurückhaltung, Höflichkeit und Respekt, als Vergleich fällt mir nur eine Kirche ein, dabei ist der Unterschied zu einer Kirche, jedenfalls einer christlichen, gewaltig: Denn dieser Raum maßregelt nicht, urteilt nicht, hierarchisiert nicht, predigt nicht, unterwirft nicht, häuft keinen Reichtum an und fordert nicht im Gegenzug die Verschuldung seiner Leser, „Matrix“ zeigt lediglich ein Hier und Jetzt, in aller Schlichtheit, Schönheit, Verbundenheit und Stille. Bevor man sie betreten darf, zieht man die Schuhe aus und schlüpft in Filzpantoffeln, die meisten Besucher bleiben sehr lang, stellen oder setzen sich nacheinander an verschiedene Orte im Raum, niemand spricht, man beobachtet die sich stetig verändernde Natur jenseits der Öffnungen, die man ganz unterschiedlich wahrnimmt, je nachdem, in welche Perspektive im Raum man sich begibt, oder man beobachtet die Lichteinfälle, die nie bleiben, was sie sind, sondern mit wanderndem Sonnenstand stetig andere Formen annehmen, oder man beobachtet das lautlose Klack-Klack-Klack-Klack-Klack der Wasserperlen am Boden und ihr glasklares Murmeln, oder man lauscht dem Wind, der an den flachen Rundungen des Gebäudes entlangrauscht wie ein Meer, verstärkt durch die Akustik des Raumes; ein japanischer Traum, ein Traum von Japan – und eine Wirklichkeit, die sich nicht ausspielen lässt wie Murmeln in der Hand eines Spielers, der nur aufs rechte Loch zu zielen braucht. „Matrix“ (Plural „matrices“, davon die „Matrizen“) kommt aus dem Lateinischen, ist verwandt mit der „mater“ und der „materia“ und heißt soviel wie: „Gebärmutter, Mutterleib, Muttertier, Zuchttier“. Als „Matrize“ oder „Mater“ bezeichnet man, zum Beispiel, im Zusammenhang der Schriftgießerei die Gussform, in die der Schriftgießer Satzmetall (meist Blei) gießt, um Lettern oder Bleisatzzeilen zu erzeugen.

[brace]

[brace] ist ein s/w-Kurzanimationsfilm von Anja Großwig (Buch, Regie, Produktion, Produzentin, Kamera, Schnitt), Absolventin der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, der zwischen 2013 und 2018 entstanden und aus fünftausendvierzig Einzelbildern montiert ist. Der Film wurde beim Durban International Film Festival 2018 erstaufgeführt.
Prädikat besonders wertvoll (Deutsche Film- und Medienbewertung).

„BRACE zeigt eine dysfunktionale Beziehung zweier völlig gegensätzlicher Charaktere. Chaos und Ordnung, Akribie und Lässigkeit, Pedanterie und Großzügigkeit als Persönlichkeitsmerkmale stehen unvereinbar gegeneinander wie Lärm, Hektik und Wirrnis der Großstadt zu Ruhe, Geschütztheit und Kontrollierbarkeit des eigenen Heims.” (zitiert nach: Produktionsspiegel nordmedia)

Ich wünsche einen schönen Feiertag!

Dank an Lilian Peter und Anja Großwig.

Die große Schalte

Sollte sich unter der Leserschaft jemand befinden, für den dies Stellenangebot von Fit Analytics interessant sein könnte? Na, ich teile es mal für alle Fälle. Gesucht wird ein Back-end Developer – API (m/f/d). – Weitere Jobs werden ansonsten hier angezeigt, und ich glaube, auch Initiativbewerbungen sind möglich.

Um 11 war ich bei Yvette.
„Heute berechne ich nach Gramm.”
Erst seit ein paar Tagen hat ihr Laden in der Elberfelder Straße wieder geöffnet – gerade ist es ja wieder erlaubt. Arbeitsbeginn Viertel nach fünf, so die ganze Woche. – Von Bruno habe ich nichts gesehen. Entweder schlief er irgendwo, oder sie hat ihn vorübergehend in eine Hundepension gegeben.
Sie rechnet damit, bald wieder zu schließen, „so, wie sich die Leute verhalten”.

Als Pause von der vielen Arbeit hat sich unser Team neulich zum Filmegucken verabredet. Der Großvater einer Arbeitskollegin war Filmregisseur, und so sahen wir eine griechische Komödie von 1957, Griechisch mit englischen Untertiteln, über einen ehemaligen General, der streng über seine vier Töchter wacht und sie mit Trillerpfeife herumkommandiert. Dann kommt die titelgebende Tante aus Chicago und bringt frischen Wind ins Haus, setzt an die Stelle des alten klobigen Mobiliars elegantes neues, auch der Flügel kommt weg, ein Schallplattenspieler ist viel schicker! – vor allem: Komm mal mit auf den Balkon, spricht sie zwinkernd zu ihrer ältesten Nichte. Ob ihr einer von den vorbeilaufenden Männern gefalle? Die Nichte wählt recht zügig, resolut bringt die Tante den Glückspilz zum Halt. Die herabgeworfene Amphore hat ihn gottlob verfehlt, aber immerhin kann man ihn ins Haus komplimentieren, das Wasser lässt sich sicher schnell herausbügeln (im Bügelzimmer kurzer Check der Personalien), inzwischen ein kleiner Whiskey, und ach, Rock’n’Roll tanzt er auch? Ja dann bitte, unsere Tochter … Dann Schnitt, Kirche, Pfarrer, Festgesellschaft, ein strahlendes Paar, ein stolzer Papa.
Für solche kleinen Gruppentreffen stellt die Company netterweise ein Budget zur Verfügung, ich wählte ein Überraschungspaket und fand mich überreich bedacht mit einem Kilogramm Lakritz (ohne Gelatine), einem Kilogramm Mandeln, vier Tüten Sahnetoffees und einer Tafel Schokolade 🙂 Ein Viertel dessen hätte mir schon gereicht, aber die Mandeln halten sich, und mit den Toffees hilft mir sicher jemand.

Neulich war wieder Bandcamp Friday, eine Initiative besagter Plattform, bei der alle Einnahmen an die beteiligten Künstler ‚ausgekehrt’ werden. Die Idee ist, ihnen Geld zu sichern, wo sie schon nicht auftreten dürfen. Ich habe drei Alben gekauft (zwei als Datei, eines als CD).
Das erste: Camera von Fabio Viscogliosi, vor gerade einer Woche erschienen. Ich kenne Fabio Viscogliosi, weil die Spex (das war eine snobistische und eigentlich grundunsympathische Musikzeitschrift, die ich regelmäßig gekauft habe, als ich in Köln lebte, gibt’s nicht mehr) vor zwanzig Jahren einen seiner Songs, Quasi nello spazio, auf einer ihrer CD-Beigaben hatte (Kompilationen neuer Songs). – Außer dass er ein phantastischer Musiker ist, ist er auch ein toller Zeichner. (Das Album-Cover ist von ihm.) Top!

Die zweite Platte ist von Nazareno Caputo, einem italienischen (Fabio Viscogliosi ist Franzose italienischer Herkunft, singt meist auf Italienisch) Schlagzeuger, der sich auf Vibraphon spezialisiert hat, was eines meiner Lieblingsinstrumente ist. (Deswegen u.a. ist auch eine Band wie Tortoise für mich interessant.) Phylum – ebenfalls ganz neu – ist eine Trioplatte (vib/perc, b, dr). Der Titel wird auf der Label-Seite erklärt, siehe auch -> Stamm.

Jazz unterhält nicht erst seit gestern enge Beziehungen zur neuen Musik (umgekehrt gilt es auch!), was okay ist, nur dass dabei oft Vitalität und Freiheit auf der Strecke bleiben: zu viel Kontrolle. Das ist bei Nazareno Caputo nicht so. Er hat zwar neben seinem Musikstudium auch ein Architekturstudium absolviert – ein konstruktivistisches Moment ist seiner Musik anzuhören -, aber Phylum wurde nicht am Reißbrett entworfen – die Musik atmet, sie hat Drive und Attacke.
Wie bin ich auf ihn gekommen? Über das Label (Aut Records).

Non c’è due senza tre: ’68 von Robert Wyatt macht meinen kleinen Einkauf perfekt. Die Aufnahmen aus dem besagten berühmten Jahr sind erst mit 45-jähriger Verspätung veröffentlicht worden, was sich dem Engagement eines anderen Independent-Labels verdankt, Cuneiform Records.
Robert Wyatt war bisher nicht so auf meinem Schirm, Soft Machine kenne ich als Namen, von der Musik weiß ich nichts. Das mag sich ändern. Aber er hat bei drei Stücken auf Mary Halvorsons (kommt am 23. April vielleicht nach Berlin) Album Artlessly Falling gesungen, und im aktuellen Heft des Jazz Podiums ist ein Interview mit ihm, und das hat mich doch neugierig gemacht. – Die Musik trifft, was sich Cuneiform Records zum Programm gewählt hat: adventurous, boundary-bursting music.

Ja, drei sehr unterschiedliche Platten, ganz verschieden auch zu Cate Le Bon, Julia Holter oder Kelly Lee Owens, die ich alle auch gern höre. Mein Kollege Sean sagt immer, ich sei ein „dark horse”. („Your inner wutbuerger pops up again” – ein anderer auf mich gemünzter Spruch.) Er spricht ein so gewähltes Englisch, schmuggelt auch in seine Slack-Nachrichten Zitate von Shakespeare oder Christopher Marlowe, die jemand aus dem Team vielleicht erkennt, dass selbst Gem manchmal nachschlagen muss.

Seit kurzem bin ich dazu übergegangen, die Hälfte meines Milchkonsums auf Hafermilch umzustellen (Oatley Barista Edition wurde mir empfohlen). Auf der Packung wird erklärt, dass die Lebensmittelindustrie für 25% der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich ist, gegenüber 14%, die auf das Konto des Verkehrs gehen.

Die Enttäuschung des Eichelhähers, kaum rührt er die Kralle. Warum ist hier noch nicht gedeckt?

Binnen eines Tages

I-wet-te, meldete sie sich am Telefon, meine Friseurin Yvette aus Moabit. Gerade war die Öffnung der Friseursalons ab dem 1. März beschlossen worden und sie rief ihre „Stammis” an, damit die alle einen Termin bekämen. Ich hoffe, sie darf nun wieder regulär öffnen. Denn über das Detail, dass der Inzidenzwert von 35 außer Reichweite scheint (von 0 ganz zu schweigen), darf man nicht übersehen, dass auch der Inzidenzwert von 50 in kaum einem Bundesland erreicht wird. In Berlin liegt er jetzt bei 66.3 %, im Brandenburger Landkreis Potsdam-Mittelmark bei 47.6 %, mit der Einschränkung: „Aufgrund einer Anpassung der Meldesysteme weichen derzeit die veröffentlichten Zahlen des LAVG von denen des Robert-Koch-Institutes (RKI) ab. Maßgeblich für das Agieren der Landesregierung und der Landkreise bzw. kreisfreien Städte sind jedoch die vom LAVG veröffentlichten Daten.” (Potsdamer Neueste Nachrichten)
Ob die veröffentlichten Zahlen nach oben oder nach unten hin abweichen, hätte man natürlich auch gern gewusst.

LAVG = Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit.
Die Reihenfolge lässt argwöhnen, dass die Gesundheit nicht als absolut, sondern nur als relativ wertvoll betrachtet wird, nämlich insofern als die Gesunden arbeiten und konsumieren können, die Kranken aber nicht, oder nur eingeschränkt.
Hinsichtlich der Inzidenzwerte wird immer betont, ab der Zahl 50 oder 35 seien die Gesundheitsämter in der Lage, Ansteckungsfälle zurückzuverfolgen, und die Krankenhäuser würden nicht überlastet. Auch hier geht es also nur nachgeordnet um die Gesundheit (der Arbeiter und Verbraucher) und vorrangig darum, das System kaputtgesparter Ämter und auf Rendite getrimmter Krankenhäuser auf diesem desolaten Niveau zu konservieren. Das ist doch sehr enttäuschend.
Richtig wäre es, Krankenhäuser nicht als wirtschaftliche, sondern als soziale Betriebe zu definieren und zu führen, gute Löhne zu zahlen, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und Gesundheitsämter finanziell und personell gut auszustatten. Für Beides muss (müsste) der Staat Geld bereitstellen.

Ich dachte, nur Joanna Newsom verwende Blockflöten, aber nein, auch für Cate Le Bon (nicht mit dem Duran Duran-Sänger Simon Le Bon verwandt) scheint dies zuzutreffen, wenn ich mir den Song Here It Comes Again aus ihrer gleichnamigen EP (2019, zusammen mit dem Duo Group Listening und dem Sänger Ed Dowie) anhöre.
Cate Le Bon ist nie langweilig. Bedauerlicherweise verbietet sie es sich, bei Auftritten zu lächeln. Aber wenn das die Bedingung dafür ist, dass sie auftritt, ist es mir recht.

Die Thanatophoren. Gastbeitrag von Robert Mattheis

Robert Mattheis hat mein Blog schon einmal mit einem Gastbeitrag beehrt, hier legt er nach – herzlichen Dank dafür!
Wir kennen uns aus Kölner Zeiten. Vor einigen Jahren las er in meiner gewesenen Buchhandlung Reul (aus seinem Roman Hohlkörper). Es war eine schöne Veranstaltung. Ohne Murren hat der Autor später auf dem Boden geschlafen, die schwierigen Umstände, die mein Leben zu jener Zeit prägten – ich habe sie im Beitrag Privatentnahme skizziert -, ließen die komfortable Unterbringung im Goldenen Löwen leider nicht zu.
Übrigens gibt es ein neues Buch von Robert Mattheis: Ich sah die blödesten Idioten meiner Generation. Ich empfehle es!
Hier nun aber Die Thanatophoren, ein durchaus ungemütlicher Text –

Die Thanatophoren oder: Hunde, wollt ihr ewig leben?

Es wird Abend, und die Thanatophoren schwärmen wieder aus über den Dächern der Stadt. Diese Idee kam mir irgendwann, nachdem ich in „What Should We Be Worried About?“ … oder nein, fangen wir anders an.
Kennen Sie John Brockman?
Sein deutscher Verlag, S. Fischer, nennt ihn einen „Wissenschaftsaktivisten“, was ein schön vieldeutig schillerndes Wort ist. Denn von John Brockman stammt die Idee der „Dritten Kultur“, „die großspurig inszenierte Verschmelzung von Geistes- und Naturwissenschaft im Dienst der digitalen Zukunft“, wie die FAZ sie im Vorspann zu einem Text des Techkritikers Evgeny Morozov nennt. Des Weiteren ist Brockman der Gründer und Herausgeber von edge.org, einem Tummelplatz der avanciertesten wissenschaftlichen Ideen unserer Zeit.
Er ist ein brillanter Mann und einer der wichtigsten Literaturagenten der USA.
Daneben war er allerdings auch mit Jeffrey Epstein … nun, es gab Verbindungen zwischen John Brockman und dem infamen Investmentbanker (der sich offenbar im gleichen Maße für Durchbrüche in den Wissenschaften wie für Massagen durch minderjährige Mädchen interessierte). Es gab allerdings auch Verbindungen zwischen Epstein und dem Massachusetts Institute of Technologie (MIT), es gab Verbindungen zwischen Epstein und der Harvard University …
Naja, vielleicht ist auch das ein Gesetz unserer Gesellschaft: Vom Hochplateau geht es steil abwärts.

Wie auch immer. John Brockman gibt jedenfalls regelmäßig Sammelbände mit Beiträgen von Menschen heraus, die man früher als „erlauchte Geister“ bezeichnet hätte, die auf jeden Fall aber helle Köpfe sind, im PR-Sprech „today’s leading thinkers“, Leute wie Steven Pinker, Mary Catherine Bateson, Nassim N. Taleb, Natalie Angier, Jaron Lanier, Barbara Tversky, Daniel C. Dennett und Richard Dawkins, aber auch Ai Weiwei oder Jesse Dylan, Filmemacher und Sohn von Bob Dylan. Ein illustrer Kreis.

Brockman veranstaltet auch regelmäßig intellektuelle Bankette, auf denen die Klugen die noch Klügeren kennenlernen können und die Genies Journalisten.
Dabei stehen die von Brockman kuratierten Sammelbände immer unter einem angeschärften Motto (das auf Deutsch dann oft wieder entschärft wird), beispielsweise: „What to Think About Machines That Think?“, „This Idea Must Die“, „This Explains Everything“ oder „This Will Make You Smarter“.

Nun, jedenfalls stieß ich in „What Should We Be Worried About?“ auf eine alarmierende Zahl. Demnach würden meine Kinder sich in einer Welt wiederfinden, die zu mindestens einem Fünftel von Dementen bevölkert wäre.* Zwei davon wären eventuell meine Frau und ich. Mir schien das eine besonders gruselige Form von Zombieland zu sein, das da heraufdämmerte.
Die Körper machen weiter.
Aber der Geist in der Maschine hat sich verflüchtigt.

Auf der Fahrt ins Büro fiel mir eines Morgens die Lösung für dieses Horrorproblem ein: die Thanatophoren**.
Eine Truppe von Kriegern, die staatlich beauftragt werden, Leuten beim Erreichen des 65. Lebensjahres den Saft abzudrehen.
Eine brutale, eine scheußliche Idee.
Aber irgendwie erschien sie mir einerseits unvermeidlich, andererseits auch auf dunkle Weise romanesk.
Die Vorstellung erinnerte mich an Robert Harris und seine Vision von einem „Vaterland“, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat.
Auch Philip K. Dick hat diese Idee vom Triumph der Bösen in seinem „Das Orakel vom Berge“ (im Original: „The Man in the High Castle“) ja ausgesponnen.
Sind es nicht gerade solche düsteren Gedankenbilder, denen die größte Faszination eignet?
Stephen King, wurde er mit der Schilderung von friedlichen Idyllen zum Weltstar, den auch Frank Schirrmacher in den literarischen Adelsrang erheben wollte?

Keine Frage: In den Thanatophoren steckte etwas.
Eine Netflix-Serie.
Und eine Wahrheit.
Natürlich muss man sich fragen, wer sich für so einen Job hergeben würde.
Menschen kaltzumachen, nur weil sie ein gewisses Alter erreicht haben?
Andererseits ist es eine Form von Gerechtigkeit. Dass mit 18 Jahren automatisch alle wählen dürfen, regt ja auch niemanden auf. Dabei gibt es keine Gewähr, dass jemand mit der Volljährigkeit auch die Vollzähligkeit seiner Sinne erreicht hat. Oder?
65 Jahre für jeden.
Das hat etwas von einem Bedingungslosen Grundeinkommen.
„Hier haben Sie Ihre 65 Jahre. Und jetzt machen Sie etwas draus. Viel Glück.“
Und ist es nicht auch so, dass man für jede Scheußlichkeit jemanden findet, der bereit ist, sie auszuführen? Gegen entsprechendes Salär?
Was ist mit den Söldnern von Blackwater?
Was ist mit den Söldnern von BlackRock?
Wären nicht auch die Thanatophoren lediglich ein „Dienstleister für Regierungsbehörden, Justiz und Bürger“?
Obwohl ich die Idee also gruselig fand, setzte ich sie in einem Romanmanuskript um. Allerdings nur am Rande. Als Story innerhalb einer Story, als mögliche Welt in einem Spiegelkabinett möglicher Welten (sorry, ja, solche Sachen schreibe ich, eigentlich zu meinem Privatvergnügen):

Die Story ging folgendermaßen: Laufpaß, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, Feldwebel, den man nach der Explosion einer Munitionskiste während einer Übung im Westerwald in den Vorruhestand geschickt hatte, machte sich in seiner plötzlich vielen freien Zeit Sorgen wegen der grassierenden Überalterung seines deutschen Vaterlandes. (Eventuell nagte auch das schlechte Gewissen an ihm, denn ein Rekrut hatte bei der Explosion zwischen den Bäumen sein Augenlicht verloren, ein anderer ein paar Finger.) Da er kein Dummkopf war, erkannte er hinter den nüchternen demografischen Zahlen schnell eine Verschwörung der Achtundsechziger. Immer schon darauf versessen, sich ein Maximum an Lust, Drogen und Privilegien abzugreifen, weiteten diese ihre Gier jetzt, am Ende ihres Lebensweges, auch auf die Lebenszeit aus.
Denn was diese Bastarde nie gelernt hatten, war Verzicht!
Darum hatten sie eine Lektion verdient.
In seinem Phantasiereich bildete sich aus ausgedachten besorgten Bürgern – größtenteils ehemalige Soldaten wie er – eine Eliteeinheit, deren selbstgesetztes Ziel es war, den Altersschnitt in der Bevölkerung zu senken. Deutschland anno 2023 brauchte die Thanatophoren. Oder das größte Vaterland aller Zeiten würde das größte Altersheim aller Zeiten werden!
Allein die Schilderung der Initiationsriten dieser elitären Truppe verschlang 20 Seiten. Laufpaß war wirklich verliebt in sein Projekt.
Die Thanatophoren machten es sich zur Aufgabe, alle Menschen im 65. Lebensjahr zu töten. Damit die Rentenlast nicht die junge, heranwachsende, aufstrebende neue Generation bereits in ihren Anfängen erdrückte. Dabei mussten sie natürlich diskret vorgehen. Energisch, schnell, diskret. Eine echte Elitetruppe. Wie das SEK. Wie die GSG 9. Nein: Wie die Speznas, die berüchtigten russischen Alpha-Krieger, vor denen der Feldwebel sich immer so gefürchtet hatte. Schon bei deren Auswahlverfahren gab es regelmäßig Tote, so gnadenlos wurde ausgesiebt.
Eine Riesenwelle des Todes schwappte durchs Land, sobald die Thanatophoren sich ans Werk machten. Die Todesfälle ereigneten sich ausnahmslos aus heiterem Himmel, und sie ereigneten sich ausnahmslos bei Menschen, die gerade die Grenze zum 65. Lebensjahr überquert hatten. Dass der Tod auf 65-Jährige fixiert sei, war neu. Die investigativen Medien, immer auf der Suche nach einer Erklärung, setzten das Gerücht in Umlauf, man habe es mit einer Pandemie zu tun. Ein Virus. Ausgebrütet vermutlich in Laboren irgendwo in den frostigen Tiefen des russischen Reiches. Eine Attacke mit Bio-Kampfstoffen.
„Natürlich ist das Quatsch“, erklärte Robert Mattheis. „Davon ganz abgesehen, dass die Russen sicher kein Interesse daran haben, uns von der Überalterung abzuhalten: Man kann kein Virus züchten, das exklusiv die Alten umbringt. Wissenschaftlich ist das unmöglich.“
„Aber Menschen können es tun“, murmelte Rex Granit düster. Ihm schmeichelte die Vorstellung keineswegs, zum Handlanger des Jugendwahns auserkoren worden zu sein.
(Aus dem ausschließlich per WhatsApp veröffentlichten Roman „What’s App, Doc?“, Nürnberg 2020.)

Ein bisschen ging es mir mit meiner Idee so wie Edvard Munch offenbar mit seinem berühmten Gemälde „Der Schrei“ („Skrik“). Mit Bleistift schrieb er nämlich auf die Farbe: „Kann nur von einem Verrückten gemalt worden sein!“
Ist das Entsetzen? Ironie? Stolz gar?
Das Gemälde vom schreienden Mann auf der Brücke hat es ja sogar zu einem Emoji gebracht. Und wohin könnten die Thanatophoren es bringen?

Virginia Woolf unkte, hätte ihr Vater weiter und immer weitergelebt, neben ihr hergelebt, dann hätte sie keines ihrer Bücher geschrieben. Sie wäre, könnte man auch sagen, verkümmert, ein Opfer des väterlichen Willens geworden. Machen wir uns nichts vor: Nicht jede Familiengeschichte ist ein unendlicher Spaß, auch wenn es nicht immer gleich so dramatisch und traumatisch wie bei Thomas Vinterbergs „Fest“ zugehen muss … Ein Lektor von Suhrkamp fing mich mal mit dem Satz ab: „Sie müssen Ihren Vater umbringen!“
Er bezog sich dabei auf Freud, meinte einen symbolischen Vatermord, die Abnabelung von Hamlets Geist.
Zumindest hoffe ich das.
Wenn es der einzige Sinn unseres Lebens ist, immer noch ein Jährchen (und eine Busreise) draufzusetzen, dann haben wir ein Problem.
Aber es ist auch ein Problem, dem man sich als 51-Jähriger nicht mehr so unbefangen in Stürmer-und-Dränger-Manier nähert wie mit 21, 31 oder 41.
Jetzt frage ich mich: Soll ich meine Thanatophoren-Idee sterben lassen?
Mache ich daraus doch noch einmal ein großes Gesellschaftspanorama?
Oder setze ich sie gar mit einer realen Söldnertruppe als Geschäftsidee um?
Als ein Erik Prince der Greisendezimierung?

Vielleicht hat ja der eine oder die andere „Im Dickicht“-Leser/in einen Rat für mich? Hinterlassen Sie ihn doch bitte einfach im Kommentarfeld.

PS: Wissen Sie übrigens, welche Sorge Hans Ulrich Obrist, den Hans-Dampf-in-allen-Ecken des deutschen Kunstkuratoriumswesens, umtreibt? „Die relative Unbekanntheit der Schriften von Édouard Glissant“.
Okay. So hat jeder seine Sorgen.

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*„For example, out of the 9 billion people expected when the Earth’s population peaks in 2050, the World Health Organization expects 2 billion – more than one person in five – to suffer from dementia“, schreibt der Journalist und Erfolgsautor David Berreby in seinem Beitrag „Global Graying“.
**Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet wörtlich: „die Todesbringer“.


Zum Weiterlesen:

Robert Mattheis, Ich sah die blödesten Idioten meiner Generation. Gedichte. 84 Seiten, broschiert. Songdog Verlag, Bern und Wien 2020. 18,00 Euro

Robert Mattheis, Hohlkörper. Roman aus der Medienwelt. 228 Seiten, broschiert. Acabus Verlag, Hamburg 2009. 16,90 Euro (Das E-Book ist zum Preis von 1,99 Euro erhältlich.)

Weißer Tee

Auf der Straße war der Schnee vereist. Ich sah das Nachbarskind mit einem Hammer vorsichtig zuschlagen.
Eispfützenforschung, unter dem harten Auge der Krähe.
Mit dem Neuschnee war es schnell wieder vorbei, aber es ist ja schön, dass der alte an vielen Stellen liegengeblieben und nicht abgeschmolzen ist.
Ich erinnere mich, dass es in meiner Kindheit Winter gab, in denen man im Schnee waten konnte. – Auch wenn diese Winter vorbei zu sein scheinen: Ich habe es in den vergangenen Tagen genossen, das Knautschen oder Knacken wiederzuhören, das beim Gehen über Eis und Schnee entsteht. Ja, das ist ein schönes, menschenfreundliches Geräusch, so wie das Rascheln, wenn man durchs Laub schuffelt, das Rieseln von Birken bei leichtem Wind.
Sicher gibt es Leute, die unter Schnee leiden, meine griechische Arbeitskollegin hasst Schnee sogar, aber für mich … von mir aus könnte es den ganzen Winter über Schnee geben, und im Herbst dicken Nebel!

„Die grelle Helle des Bewusstseins dämpfen” lief als Laufschrift über den Monitor meines Profs, damals in Köln.

Kein Neuschnee also, aber wenn ein Vogel über die Dachrinne lief, rieselte es fein herab und die Schneekristalle schienen kurz in der Sonne auf wie ein Mückenschwarm oder ein verborgenes Spinnennetz, wenn ein Finger Licht es trifft. [Ich habe überlegt, dass dies wahrscheinlich Kitsch ist … Na, und wenn schon. Außerdem, in der Weihnachtszeit ist Kitsch erlaubt, und Mariä Lichtmess ist ja erst morgen.]
Im Garten verschiedenfarbige Weißtönungen, aber dann auch das Amselchen mit seinem gelborangen Schnabel: saß da artig auf der Stufe – eine indirekte Aufforderung, Rosinen nachzustreuen? Davon hat der weiße Mensch ja offenbar viele auf Lager, liegen jedenfalls immer welche parat, nah bei dem Nadelbaum, dessen Namen ich nicht kenne, von dem aus die Meisen zum Vogelhaus starten. Da gab’s auch ein Huschen, nur im trockenen Rascheln der momentlang verwirbelten Blätter erahnbar. Könnte ein Mäuschen sein.

Ich habe mich an einem Übersetzungswettbewerb beteiligt. Der Freund, den ich um Korrekturlesen gebeten hatte, überraschte mich auf halbem Wege mit der Mitteilung:
Lieber Meinolf,
ich fürchte, jetzt werden wir Konkurrenten im edlen Wettstreit: Gestern nacht kam mir die Idee, selber den Handschuh in den Ring zu werfen […].

Gestern war auch die Meldefrist für die VG Wort, bei der ich mich im vergangenen Jahr angemeldet hatte, um einen kleinen Ertrag aus meinen ertragslosen Arbeiten zu gewinnen.

Wann geht eigentlich kookbooks wieder online? [shaking my head]

Wie auch künftig an jedem ersten Montag im Monat, habe ich heute frei. Das hatte ich mir ja gewünscht: mehr Zeit zum Spielen zu haben, und ich bin zufrieden mit mir, dass ich dies so effektiv in die Tat umsetzen konnte.

Die Firma hatte uns ein Paket geschickt, darin waren unter anderem ein Gameboy (kann da jemand was mit anfangen?), ein Hoodie und eine Packung mit Teekugeln („Erblüh-Tee”).
Eine Kanne Weißer Tee ist an einem frostigen Tag genau das richtige! Irgendwann im Laufe des Jahres darf ich hoffentlich auch wieder ins DaBangg, Maulbeerblütentee trinken.

Glossar
schuffeln = h. intrans. mit »haben«, -ef- drübergleiten, nicht tief pflügen, vom Pfluge Monsch-Rollesbr; -uf- mit »sein«, ohne gehöriges Schuhwerk gehen, schluffen Monsch-Stdt; heropsch. Mörs-Rheinbg. — Abl.: die Schuffel(er)ei, dat Geschuffel(s). – Rheinisches Wörterbuch

Tinte

Ich war schon drauf und dran, in die Fußstapfen meines Großvaters mütterlicherseits, Heinrich Schröer (1875-1951), zu treten und einen Liter Pelikan-Tinte zu kaufen.
Die schöne Glasflasche aus den 20ern (geschätzt) ist leider in einer meiner ehemaligen Kevelaerer Wohnungen verblieben.
1000 ml, diese Abfüllmenge kommt längst in Plastik.
Aber dann fand sich in dem Schränkchen mit Schreibkram – Bleistifte noch aus Rom, Einwickelpapier mit Spuren abgelöster Tesastreifen, Beutelklammern, Couverts, Blankokarten, Schreibblöcke, Radiergummis – ein noch nicht angebrochenes 30 ml-Glas. Damit komme ich erst einmal weiter.

Manchmal frage ich mich, ob ich hinsichtlich meiner Lebenserwartung mehr nach meiner Mutter (mit 76 Jahren gestorben) oder nach meinem Vater (mit 96 Jahren gestorben) komme. Das kann mir natürlich kein Schwein sagen.
Wenn ich es wüsste – würde es Veränderungen in meiner Lebensführung nach sich ziehen? Vielleicht. Wahrscheinlich nicht. Doch wäre es nicht so oder so schlau, mit einem kurzen Leben zu rechnen? Wahrscheinlich. Vielleicht nicht.

Das Arbeiten von zu Hause wird wohl noch einige Monate andauern.
Ich gehöre zu den Glücklichen, deren Erwerbsleben bruchlos weiterläuft, mit dem zusätzlichen Vorteil, keine zwölf Stunden Wochen-Fahrtzeit mehr zu haben. Mein Radel (Curtis) kann durchschlafen im Schuppen. Auch für die Vögel schön, die nun mehrmals täglich Futter kriegen statt nur einmal, morgens. – Nicht für die halbstündigen Teambesprechungen, aber für die ‚geselligen’ Events, die ebenfalls über Computer laufen, habe ich wegen einer Webcam nachgefragt. Deepu kümmert sich.

Den Freundinnen der Rubrik Zehn letzte Lektüren und zwei aktuelle muss ich die ernüchternde Mitteilung machen, dass die langsame Umschlagbewegung dort vorläufig zum Ruhen gekommen ist. Manche Bücher brauchen eben Zeit.

In der Wikipedia, die ich in ihrem zwanzigsten Jahr erstmalig mit einem kleinen Geldbetrag unterstützt habe, lese ich über Herrn Spinozas Erkenntnistheorie:
„Spinozas Konzept von rationaler Erkenntnis ist von einem ungetrübten, radikalen Optimismus bezüglich der Fähigkeiten des menschlichen Geistes gekennzeichnet. Er meinte, wir könnten nicht nur sämtliche Geheimnisse der Natur klären, sondern auch Gott adäquat erkennen.”
Auch darin ist er ein guter Schüler Descartes‘, der ein Vierteljahrhundert vor der „Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes” (Tractatus de intellectus emendatione, 1661/62) seinerseits eine „Methode des richtigen Vernunftgebrauchs” (Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, & chercher la vérité dans les sciences, 1637) veröffentlicht hatte, in der er so ungefähr sagt: Bitte, Leute, vergesst nicht, dass ich nur sehr wenig weiß! Allerdings habe ich die Hoffnung, noch alles lernen zu können. („[J]e veux bien qu’on sache que le peu que j’ai appris jusques ici n’est presque rien, à comparaison de ce que j’ignore, et que je ne désespère pas de pouvoir apprendre.”) Eine schöne Mischung aus Demut und Größenwahn.

Nach dieser Textwüste wäre jetzt eigentlich ein bisschen Musik fällig, aber mir fällt gerade nichts ein. King Hannah (Meal Deal), die neulich nachts im Radio liefen, machen zwar süffige Musik, aber ich hab’s auch schon mal gehört.
Übrigens wird diese Richtung, Stimme vor Breitwand-Gitarren, shoegaze genannt – angeblich, weil ihre Vertreter auf der Bühne schüchtern auf ihre Schuhe starren, tatsächlich aber wohl, weil auf dem Boden die Effektgeräte stehen (die sie mit ihren Schuhen an- und ausschalten). Tanukichan zählt auch dazu.
Der neue Song von Billie Eilish und Rosalía, Lo Vas A Olvidar, ist gut, aber merkwürdig richtungslos.
Also: Heute keine Musik.

Morgen Blaue Tonne

Von Ray eye – Photograph by Ray eye, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2192065
Als Überraschungsgast tauchte gestern ein rotes Eichkatzerl (ab und zu österreichische Wörter verwenden!) an meinem Fenster auf, Luftlinie 1 Meter vom Bildschirm entfernt, oder weniger. Was es da wohl knusperte? Doch hoffentlich nicht den abgesprungenen Lack? – Wusste gar nicht, dass das Fensterbrett zum Spielfeld gehört. Sonst turnen sie immer auf der Kiefer herum, rennen über den Metallzaun oder kreuzen huschend-wuschend die Straße, auf deren anderer Seite noch viel mehr interessante Bäume stehen (Kiefern, Kiefern).
Aber gut, dachte ich mir, griff die Erdnusstüte, ging nach draußen und: „Jetzt guck!” sagte ich franziskanisch zum Eichhörnchen, das oben auf dem zusammengeklappten Fensterladen saß.
Es jagte davon.
Ich ließ mich nicht davon beeindrucken und streute einige Erdnüsse aufs Blech, für einen nächsten Besuch. (Die Meisen dürfen sich auch bedienen.)

Das Januar-Konzert von Mary Halvorson (mit Sylvie Courvoisier) in Berlin ist – erwartungsgemäß – abgesagt worden.
Es gibt aber einen neuen Termin, am 23.4.: dann treten Myra Melford, Mary Halvorson, Ingrid Laubrock, Tomeka Reid und Susie Ibarra im Maison de France auf – wenn’s dabei bleibt.

Dieser perfekte Song ist aus dem Album Code Girl (2018) von Mary Halvorsons gleichnamiger Band – ein ausgezeichnetes und, mit einer Spieldauer von eineinhalb Stunden, ziemlich ‚üppiges’ Werk. (Die Sängerin ist Amirtha Kidambi.) Wer mehr hören will, sei auf das epische Storm Cloud verwiesen – toll! Aber, wie gesagt, Code Girl als ganzes ist absolut zu empfehlen, und das Nachfolgeralbum Artlessly Falling (2020) auch.

Zur Abwechslung habe ich zuletzt ein mir bislang unbekanntes Buch von Baruch de Spinoza gelesen: Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes.
„Spinozas unvollendet gebliebene Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes (1661/62) bildet eine – unter praktischem Aspekt – unerläßliche Einführung zur Ethik: denn nur hier hat Spinoza sich die Aufgabe gestellt, dem Laien zu zeigen, daß der Aufstieg aus dem Irrtum zum Wissen möglich und methodisch nachvollziehbar ist.” (Klappentext)
Die Datierung, die Übersetzer und Herausgeber Bartuschat hier mit Pokermiene ausspielt, ist durchaus umstritten. In der Einleitung wird dies genauer dargelegt. (Ich glaube ihm aber.)
Ich werde noch bei Spinoza bleiben (der einzige neuzeitliche Philosoph, neben Descartes, der mich interessiert) und mit dem Kurzen Traktat über Gott, den Menschen und dessen Glück fortfahren.
„May you be even closer to what’s important to you”, hatte meine brasilianische Arbeitskollegin auf ihre selbst gestaltete Glückwunschkarte (Feliz Ano Novo) geschrieben.
Ich glaube, dass meine sehr amateurhafte Beschäftigung mit dem Werk dieses Herrn mit dazugehört.

Hinsichtlich der Pandemie richte ich mich darauf ein, bis mindestens April einschließlich entweder ganz oder doch wenigstens überwiegend von zu Hause zu arbeiten.
(Zum Glück sind nun auch die Haslacher Filzpantoffeln eingetroffen!)
Der Ethikrat hat ja entschieden, dass zuerst die Alten geimpft werden, die aber am wenigsten Sozialkontakte haben. Wohl auch deswegen ist die Ansteckungsrate seit Beginn des Jahres kaum gesunken und wird vermutlich auch so lange hoch bleiben, bis weite Teile der jüngeren Bevölkerungsgruppen ebenfalls geimpft wurden (wenn sie es denn wollen). – Bedauerlicherweise sind grundlegende Parameter des Pandemiegeschehens unbekannt, z.B. wo Infektionen erfolgen, oder welche Virusvariante bei den Erkrankungen jeweils vorliegt. Solange dies so ist und die Zahl der Neuerkrankungen pro Hunderttausend Einwohner bei über 130 liegt, wenn weniger als 50 angestrebt werden, oder gar 0 (wie Zero Covid fordert), solange aktuelle Daten per Fax an das Robert Koch Institut geschickt werden (aber auch nicht jeden Tag), viel zu wenig getestet wird, S- und U-Bahn-Türen sich nur auf Knopfdruck öffnen und so weiter, glaube ich, dass wir nicht weiterkommen.
Um mir mache ich mir keine Sorgen, aber wie geht es den Obdachlosen bei all dem? (Zum Beispiel.) Was macht Nemo?

Ich verlinke hier zum Schluss einen Beitrag des Meteorologen Simon Trippler vom Deutschen Wetterdienst, der sich fröhlich liest und eine Reihe schöner, poesiefähiger Wörter rund um den Schnee enthält: Schneedeckentage, schneesicher, Stundenschnee, Neuschnee, Berglandwinter.
Endlich der erste Schnee!

Genug ist genug ist genug

Gut, hinsichtlich meiner eigenen digitalen Repräsentation nutze ich seit Jahr und Tag die Karikatur, die Christian Schulteisz einmal von mir und meinem Aufpass-Kater Harli gezeichnet hat. Ich würde sagen, wir beide haben uns seither wenig verändert, nur dass Harli jetzt wahrscheinlich in einem jüngeren Band von Warrior Cats liest, wenn er nicht im Hof unterm Auto kauert und mit rußigem Fell die Spatzen belauert.
Für meine Bandcamp-Seite, auf der mehr los ist als hier (näh, ich übertreibe), verwende ich ein Farbfoto, das mein Bruder Bernward geschossen hat, das sieht mir auch ziemlich ähnlich. Seit B. mich, selbst erst zehn Jahre alt, als Zweijährigen zum ersten Mal fotografiert hat, ist er es erstaunlicherweise noch nicht müde geworden, weitere Lichtbilder von mir herzustellen. Dann man tau.
(Tip: Mindestens je ein Stück meiner 54 daungelodeten Alben – ich verdeutsch es mal – ist auch für Nicht-User hörbar. Wer die Nerven hat – denn man braucht Nerven dafür – kann sich einmal das Stück Heavy Mental zu Gemüte führen, von Tim Berne und seiner Band Science Friction, eine weitere Entdeckung, die ich der jüngsten „The Playlist” der New York Times verdanke: Taylor Swift’s Ode to Moving On, and 9 More New Songs, in diesem speziellen Fall dem Musikkritiker Giovanni Russonello. (Ich hoffe, der Beitrag ist frei zugänglich.) Das s/w-Porträt von Taylor Swift (von Beth Garrabrant) ist bezaubernd, aber ihre Musik, auch wenn die letzten beiden Alben allgemein sehr gut bewertet wurden und in den 2020er Jahreslisten mit Bestnote abschnitten, ist mir zu glatt.)

Mir fiel noch ein, da ich gestern die Amsterdamer Designerin erwähnte, dass vor einigen Tagen irgendwo von einem Modeschöpfer berichtet wurde, ebenfalls Niederländer, Bas Timmer mit Namen, der warme und wasserabweisende Winterjacken mit Schlafsack für Obdachlose herstellt und kostenlos an diese verteilt (was natürlich nur dank Material- und Geldspenden möglich ist). Sheltersuit heißen die Teile, die schon viele auf der Straße lebende Menschen vor dem Frieren (und Erfrieren) bewahrt haben.
Bas Timmer hatte davon geträumt, klassische Outdoorkleidung zu machen, aber es kam anders.
Obdachlosigkeit ist ein unüberschaubar großes Problem, im Lager Lipa in Bosnien ebenso wie in Berlin oder Los Angeles. Darum: Bravo!

Weiter mit den nützlichen Erfindungen: Der Aachener Verein Pacific Garbage Screening, der sich einer anderen riesenhaften Aufgabe verschrieben hat, nämlich Flüsse und Meere von Plastik zu befreien, hat sich einen neuen Namen gegeben: everwave. Einen guten Eindruck von der praktischen Arbeit dieser Initiative gibt dies Video:

Mir gefällt der umfassende Ansatz von everwave – dass sie beispielsweise auch auf Umweltbildung setzen.
Keiner kann die Welt retten, aber alle müssen es versuchen!

Verhalten optimistisch

Im Arte-Magazin Tracks wurde eine niederländische Modeschöpferin vorgestellt, Amber Jae Slooten, die sich Gedanken über die negativen Auswirkungen der Modeindustrie (Fast Fashion) auf die Natur gemacht und für sich daraus den Schluss gezogen hat, ihre Entwürfe überhaupt nicht mehr wirklich nähen zu lassen, sondern sie rein digital zu produzieren: zweifellos ressourcenschonend. „Es gibt Mode, die nur digital existiert. Aber warum? Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig digitale Repräsentation ist, sei es im Videocall oder auf dem Profilbild. Die Amsterdamer Designerin für digitale Mode Amber Jae Slooten hat diesen Bedarf erkannt. 2019 verkaufte ihr Studio ein rein digitales Kleid für 9.500 Dollar.” Sie benötigt allerdings Strom, damit ihre Computerprogramme laufen, aber was ist das schon im Vergleich zu den 8000 Litern Wasser, die für die Herstellung einer Jeans verbraucht werden?

„Wir müssen die Welt anders bewohnen”, meinte jemand im Radio.

Die Feiertage habe ich in wundervoller Ruhe verbracht: Lektüre, Musik, Kaffee (Tee), Möppkes. Spazieren war ich nicht – mit wem auch? -, machte nur die paar Schritte zum Vogelhaus, das neuerdings von einer Amsel besucht wird.
Heute wagte ich mich weiter in den Garten vor.
Schön die violette Schattierung der verrottenden Blätter auf dem spärlichen Rasengrün. Am Ende des Grundstücks sind sie zu einem Haufen aufgetürmt, als Schlafangebot für Igel.
Als ich abends die Braune und die Blaue Tonne an die Straße schob, sagte eine Nachbarin, die mit ihrem kleinen schwarzen Hund eine Runde drehte, Papier werde nicht abgeholt.
Morgen sehen wir weiter.

„An Schöpfungsfähigkeit überragt er Stendhal und Flaubert, an Intelligenz ist er dem ersteren, an Zucht dem letzteren unterlegen” beendet Hugo Friedrich sein Balzac-Kapitel in Drei Klassiker des französischen Romans (1961, zitiert nach der 8. Auflage 1980). Was für ein merkwürdiger Tadel!

Eigentlich schade, dass der Alltag schon wieder angerollt ist. Ich hätte eine längere Pause gut vertragen.

Hier ein (weiteres) Stück von Kelly Lee Owens – wunderbare Wintermusik, oder Nachtmusik auch.