Auto, alte Nervtüte

„Oh, von den Toten auferstanden!” grüßte Dr. B., kurz aufblickend, dem Regal Geisteswissenschaften zustrebend. Aber tot war ich gar nicht gewesen, nur Urlaub. Und dann, okay, eine Woche wie erschlagen.
„Hier steht was für dich”, hielt mir mein Chef ein Buch unter die Nase. Jedenfalls wüsste er nicht, wer es sonst bestellt haben sollte. Ich konnte mich nicht erinnern, sagte, es könne auch die Dame von der Bundeskulturstiftung gewesen sein. Er gab mir Recht, aber ich schnappte es mir, es passte ja: worte. und deren hintergrundstrahlung. Thomas Kling und sein Werk. (Ich bin Klingianer.)
„Und das hier”, zauberte er von anderswo her eine Zeitschrift hervor. Die bestellt zu haben, erinnerte ich mich auch: IDIOME. Hefte für Neue Prosa.
Angesichts dieser Überraschungen, hätte ich vielleicht Michel Butors Der Zeitplan noch etwas länger im Regal stehen lassen. Aber ich hatte schon vor Monaten damit geliebäugelt, ohne viel darüber zu wissen, nur erinnere ich mich, in dem unausschöpflichen Band Paris-Paris 1937-1957 davon gelesen zu haben, lange her, und es war nur vernünftig, ihn genau gestern zu pflücken.
„Der Roman [als Form] ist eine Suche, in deren Verlauf das Universum, in dem wir leben, erkundet, in Frage gestellt und neu geschaffen wird.” (Hat er das gesagt? Na, jedenfalls steht es in dem kurzen, Butor gewidmeten Absatz in Paris-Paris.)

Aus The Shape of Jazz to Come, 1959. – Ornette Coleman, Don Cherry, Charlie Haden, Billy Higgins.

Modernität ist etwas, das mich grundsätzlich interessiert, und Der Zeitplan (L’Emploi du temps), 1956 in den Éditions de Minuit erschienen, muss damals hypermodern gewesen sein. Die Übersetzung von Helmut Scheffel, zuerst 1960 im Biederstein Verlag, München, ist – vermutlich – kongenial. (Für die Neuausgabe bei Matthes & Seitz Berlin, 2009, wurde sie von Tobias Scheffel durchgesehen.)
Tolle Wasservergleiche!
„Denn damals war das Wasser meines Blickes noch nicht getrübt; seitdem aber hat jeder Tag seine Prise Asche hineingeworfen.” (S. 8)
„Ich habe die Augen geöffnet und graues, wie Spülwasser aussehendes Licht sich in den Saal ergießen sehen. Die drei Landstreicher atmeten regelmäßig.” (S. 14)
Diese Proben genügen mir schon als Qualitätsausweis.

Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (Eckpunktepapier) gebookmarked.
Straßenbegleitgrün.
Politik und Verwaltung haben ihre eigene Sprache.

Giftfracht

Ist Giftfracht ein poesiefähiges Wort? Wahrscheinlich! Unterdessen wird nach Lektüre eines ZDF-Artikels deutlich, warum die zuständigen polnischen Behörden partout nicht herausfinden wollen, warum in den letzten zwei Wochen 190 Tonnen toter Fische aus der Oder geborgen wurden und, wie zu lesen war, ihr Pegel um 30 cm angestiegen ist:
„So ist etwa Paweł Rusiecki, einer der vier stellvertretenden Direktoren des Wasseramtes, Ehemann von Umweltministerin Anna Moskwa.”
Ach so.
Bemerkenswert auch die „Ausgaben für neue Dienstfahrzeuge im Wert von mehreren Millionen Euro”. Vielleicht haben auch deutsche Autohersteller davon profitiert, das wäre doch schön.

Thomas Dudek, Fischsterben in der Oder : Offene Fragen und Ablenkungsmanöver in Polen (ZDF, 18.8.2022)

Wer ein bisschen über Ornette Coleman nachliest, wird die Information finden, dass seine Eltern zu arm waren, um ihn zum Musikunterricht anzumelden. Also hat er sich das Saxophonspielen als Teenager selbst beigebracht, neben seiner Arbeit als Fahrstuhlführer, allerdings ohne zu wissen, dass die Musik anders notiert ist als sie klingt, so dass er die Intervallproportionen zwar korrekt spielte, aber mit falschen Tönen. Man hat in diesem produktiven Irrtum eine Ursache für Colemans harmonische Freiheit gesehen.
Miles Davis, Konkurrenz witternd:
„Hell, just listen to what he writes and how he plays. If you’re talking psychologically, the man is all screwed up inside.”
Sein Trompeter-Kollege Dizzy Gillespie: „I don’t know what he’s playing, but it’s not jazz.”
Andere waren hellsichtiger, wie der Komponist Gunther Schuller:
„His playing has a deep inner logic, based on subtleties of reaction, subtleties of timing and color that are, I think, quite new to jazz. At least they have never appeared in so pure and direct a form”,
oder John Lewis, der Pianist des Modern Jazz Quartet:
„The only really new thing since the mid-’40s innovations of Dizzy Gillespie, Charlie Parker, and Thelonious Monk.”
[Alle zitiert nach dem Booklet zur CD-Box Beauty Is a Rare Thing: The Complete Atlantic Recordings, 1993]

Ornette Coleman, alto sax – Don Cherry, pocket trumpet – Charlie Haden, bass – Billy Higgins, drums [8.10.1959, Hollywood, California]

Ramblin‘ aus dem Album Change of the Century (1960) hat eine bluesige Phrasierung und Intonation. Es ist ein sofort eingängiges Stück. Ornette Coleman, aber auch Don Cherry und Charlie Haden, zitieren hier (offenbar) nordamerikanische Folkmelodien. Man hört schwach (Sprech-) Stimmen im Hintergrund, vielleicht von den Musikern, vielleicht vom Studiopersonal, was der Aufnahme Lebendigkeit und Alltagsnähe verleiht. Don Cherry spielt das zweite Solo, auf seiner sogenannten besseren Kindertrompete, und als wäre das alles nicht schon großartig genug, folgt ab 4:00 Charlie Haden, dessen Solo technisch gar nicht besonders spektakulär scheint, aber eben doch ist, minimalistisch begleitet von Billy Higgins‘ Glöckchensound. Viel später (1977) hat Ian Dury Hadens Solo über Ramblin‘ in einem seiner Songs zitiert. Zum Schluss wiederholt das Quartett das Thema – wie oft bei Coleman, ist es recht fröhlich – und dann ist die Sechseinhalbminuten-Sternstunde vorbei.

Anlässlich eines mehrtägigen Engagements in Paris 1997, hat Jacques Derrida Ornette Coleman für die Musikzeitschrift Les Inrockuptibles zu den Themen Komposition, Improvisation, Sprache und Rassismus interviewt. Ein englisches Skript (.pdf) gibt es bei ubu.com, aber das nur nebenbei.

Übrigens, ein anderer sehenswerter Clip aus der diesjährigen Ausgabe von America’s Got Talent ist der Auftritt der polnischen Sängerin Sara James, die einen Song (Lovely) von Billie Eilish singt. Dafür gibt’s einen ‚Golden Buzzer‘ – verdient!

Variable Gehaltsanteile

Im Herbst 2025 wird die nächste Bundestagswahl stattfinden. Bundeskanzler Olaf Scholz wird dann Stimmen, und, wenn es schlecht für ihn läuft, sein Amt verlieren. Soll man ihn bedauern?
Sein Gedächtnisverlust im Zusammenhang mit dem Betrugs- und Korruptionsskandal in Hamburg (Cum-Ex) ist nicht akzeptabel und muss, wenn schon nicht vor Gericht, dann per Wahlzettel geahndet werden.
Der Wikipedia ist zu entnehmen, dass der Bank-Räuber („Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?” – Bertolt Brecht, 1928) Christian Olearius vom Ehrenmann Peter Gauweiler (Kanzlei Gauweiler & Sauter, does it ring a bell?) anwaltlich vertreten wird. Viel Glück!
An seinem Grabe aber – der Gute ist schon achtzig – wird dermaleinst an seine kriminelle Energie und sein staatsschädigendes Verhalten erinnert werden.
(Wäre es nicht eine schöne Kollektivarbeit, neue Gesänge zur Dante’schen Hölle zu schreiben?)

Abgesehen von diesen geduldeten wirtschaftskriminellen Verwicklungen, ist aber auch die Politik insgesamt nicht so toll. Es wird gesagt, man wolle weg von fossilen Energieträgern, und dann wird die Mehrwertsteuer auf Gas auf 7% abgesenkt? Bis Frühjahr 2024?
Die Lenkungsfunktion von Preisen wird auf diese Weise nicht gesichert, vom Verlust an Steuereinnahmen ganz zu schweigen. Vielleicht nimmt sich die deutsche Politik demnächst ein Vorbild an Japan und ermuntert die jungen Leute, mehr Alkohol zu trinken.

Die Verwandtschaft erinnerte neulich an diesen Song von John Mayall.

Man’s a filthy creature
Raping the land and water and the air
Tomorrow may be too late
Now’s the time that you must be aware
Nature’s disappearing
Polluted death is coming, do you care?

Garbage going nowhere
Soon the dumps will spread to your front door
Lakes and rivers stagnant
Nothing lives or grows like years before
Nature’s disappearing
The world you take for granted soon no more

Read about pollution
Make manufacturers uncomfortable
Boycott at the market
Containers that are non-returnable
Aluminum, glass and plastic
Eternal waste that’s not destructible

We’re a generation
That may live out our natural time
But as for all our children
Born to suffocate in human slime
Nature’s disappearing
And we are guilty of this massive crime

Die Musik ist durchschnittlich und recht lahm (kein Schlagzeug!), aber der Text so aktuell wie vor fünfzig Jahren (1970). – Die Band besteht aus John Mayall, Don ‚Sugarcane‘ Harris, Harvey Mandel und Larry Taylor.

Ein unendliches Thema, weil es die „Ewigkeitslast” Plastik betrifft:
Anja Krieger, Plastikmüll im Meer. Schon 1972 schlugen Forscher Alarm (Deutschlandfunk Kultur, 2020)

Die taz am wochenende widmet ihre Titelgeschichte dem Fischsterben in der Oder und mahnt „ein grundsätzlich anderes Verhältnis zu unseren Flüssen” an. Tja, das wäre in der Tat notwendig und wünschenswert. Es werden aber die Fahrrinnen der Oder und der Elbe vertieft, für den Rhein ist es angekündigt. Man kann Gift darauf nehmen, dass es genau so gemacht werden wird, da können sich die Umweltverbände auf den Kopf stellen.

Die New York Times gedenkt des Walrosses Freya, das die norwegischen Behörden umgebracht haben. (Haut das hin mit dem Link?)

Nun zu etwas Erfreulichem. Ornette Coleman, der in den 60er Jahren Free Jazz gespielt hat – der Begriff ist seine Erfindung – wandte sich in den 70ern dem Free Funk zu. Zwischen diesen beiden Phasen liegt das Album Science Fiction (1972). Daraus hier Law Years, das noch mehr zur alten Seite hin neigt.
In einem anderen Stück, Rock the Clock, wird Charlie Haden seinen Bass über ein Wah-Wah-Pedal spielen [ab 1:02], und das klingt dann schon mehr nach Prime Time (Colemans electric band).

Ornette Coleman, as – Dewey Redman, ts – Bobby Bradford, tp – Charlie Haden, b – Ed Blackwell, dr

Und ein Fitzelchen aus der Populärkultur, der Auftritt von Sängerin Debbii Dawson aus Los Angeles bei America’s Got Talent – ein Sonnenschein.

Destination … Out!

Am 3.6.2022 starb, an seinem 85. Geburtstag, der Posaunist und Komponist Grachan Moncur III. Love and Hate aus dem Album Destination … Out! ist eine seiner berühmtesten Kompositionen – legendär! (Blue Note, New York 1964).

Die Musiker:
Jackie McLean, as
Grachan Moncur III, tb & comp
Bobby Hutcherson, vib
Larry Ridley, b
Roy Haynes, dr

Was sonst noch wichtig war: Die Fische in der Oder sind tot (alle). Merkwürdigerweise weiß niemand, woran es liegt. War es die Unsichtbare Hand? Oder hat es mit der Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość zu tun (frei übersetzt: Law and Order)? Möglich, dass ein Parteifreund von Jarosław Kaczyński aus Kostenersparnis seine hochgiftigen Abfälle in die Oder verklappt hat und dann zum Telefonhörer gegriffen hat: „Hey, Jarosław, ich bin’s. Pass auf, ich hab ein Problem … Du musst mir helfen!”
Na ja, wundern darf man sich, dass nicht nur großes Rätselraten herrscht, wer und was für das Verbrechen verantwortlich ist, sondern dass auch nicht ermittelt wurde, wo sich die Vergiftung ereignete. Ist beim Ausbaggern des Flusses etwas schiefgelaufen? Dann besteht erst recht Grund zur Vertuschung, um das Infrastruktur-Projekt nicht zu gefährden.
Wie geht’s eigentlich dem Białowieża-Urwald? Auch da schafft die PiS Tatsachen.
Es wird Zeit, dass diese Leute abgewählt werden.

Auch dies stimmt nicht froh: Bei Waldbränden in diesem Jahr mehr als 660.000 Hektar Land in Flammen aufgegangen. [Diese Zahl bezieht sich nur auf Europa, Stand jetzt, zur Mitte der Waldbrandsaison.] (Nicht, dass es dadurch einfacher wird, sich den Schaden vorzustellen, aber 1 Hektar sind 10.000 Quadratmeter.) Die Waldflächen, die auf Grund von Trockenheit kaputtgehen werden, darf man hinzuaddieren.

Eine Woche Krankschreibung, das reicht doch hoffentlich? Mal sehen, was die Teststelle sagt.

Flucht aus Byzanz (keine Abbildung vorhanden), lesenswert, aber nicht alles gleichermaßen interessant. Konstantin Kavafis – boring! Besser wäre es, die Essays zum Silbernen Zeitalter zusammenzufassen, und fertig.

Auf dem Sprengplatz

Einen Sprengplatz – so was hat wahrscheinlich auch nur Berlin. 25 Tonnen Dynamit dort zu horten … gut, kein Dynamit, aber Bomben, Munition und Feuerwerk …, im „beliebten Naherholungsgebiet”, wie das ZDF mit einem Unterton der Missbilligung berichtet, das scheint, mit einem Wort des geschätzten Altkanzlers, suboptimal. Immerhin war die Avus ein paar Tage lang gesperrt, die berühmte Rennstrecke. Das hat den Autosüchtigen sicher nicht geschmeckt, aber vielleicht doch auch einmal ganz gut getan.

À propos: Die heute von ihrem Amt zurückgetretene Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg gehört mit einem Jahresgehalt von 300.000 Euro wahrscheinlich, wie ich selbst (oder Friedrich Merz), zur bedrohten Mittelschicht. Wie gut, dass es das Dienstwagenprivileg gibt. Dadurch lassen sich Härten abfedern.
Massage-Sitze in die Luxuskarosse montieren lassen ist ja nicht billig.
(Ein Revolverblatt wie Im Dickicht lässt sich ein solches Detail nicht entgehen, klar.)
Man darf gespannt sein, welcher Regierung die Ehre zukommen wird, es eines Tages abzuschaffen. Vermutlich muss zunächst einmal der kleine Koalitionspartner abgeschafft werden.
Ulrike Herrmann von der taz gibt zu bedenken, dass die gesamte Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, kurz ARD, der „Selbstbedienungsmentalität” frönt, und fordert, damit müsse Schluss sein.
Träumen darf man!
In einem anderen Artikel zum Thema verlinkt die taz diese beiden lesenswerten Blogeinträge der Freien beim rbb, die die Unverfrorenheit und Schamlosigkeit der (gewesenen) Intendantin noch einmal ins rechte Licht rücken. (Wie gesagt: Ähnliche Stories gibt’s bestimmt auch unter, zum Beispiel, Tom Buhrow.)
Löffelhäppchen + Schlagzeilen + Belegschaftsversammlung
Vorwürfe + Bestandsschutz + Energiepreispauschale

In der Ukraine ist ein Atomkraftwerk beschossen worden – das größte Europas.
Unser kleiner Sprengplatz im Grunewald ist ein Sandkasten dagegen.

Der Landwirtschaftsminister (von den Grünen) verschiebt das EU-Artenschutzprogramm ein bisschen, damit die Landwirte mehr Getreide anbauen können. Der Oberlobbyist der Landwirte ist erleichtert. Er sorgt sich um die Ernährung der Weltbevölkerung, guter Mann! Es wäre aber auch möglich, die Ackerflächen, die jetzt zur Produktion von Biotreibstoff und Futtermitteln für die Fleischindustrie benutzt werden, umzuwidmen. (Möglicherweise hat sich der kleine Koalitionspartner dagegen gesperrt. Oder die Agrarlobby, oder beide.)

Für die Nachgeborenen: Insekten, das waren diese kleinen Dingerchen ->
Insekten.

Fazit: Auch nach dem Urlaub ist die Selbstabschaffung des Menschen – einschließlich der Vernichtung aller anderen Arten – eine denkbare, und man darf sagen: eine aktiv betriebene, Sache und, wie es aussieht, der wahrscheinliche Ausgang des Dramas. Schade.

Kimbra hat zusammen mit dem mexikanischen Jazzdrummer Antonio Sánchez einen neuen Song veröffentlicht. Leider ist nach drei Minuten Schluss. Trotzdem toll!

Steingrün

Der Bus, der 34er, fährt um 8.55 Uhr. Das Wetter diesig. Es nieselt. Später wird sich der Dunst auflösen, die Sonne herauskommen, und das, und die Bewegung auf schmalem Pfad entlang der Steilküste, wird den Wanderer um halb neun abends aufs Bett werfen, bis nachts um eins. Im Fenster dann ein grauschwarzes Bild, mit Lichtern löchrig überhängt: Schummer, unstetes Blinken; Starrlicht; großflächig gelblicher Schein als schwebender Deckel obendrauf.

Am Kopfende des Bettes eine Graphik, deren Titel in ungarischer Sprache guten Schlaf bzw. schöne Träume wünscht.

Die Hitzewarnung gilt nicht für Finistère, heiß ist es trotzdem. Die Jeans viel zu dick, nützlich aber bei dem Hundert-Meter-Irrweg durch zähes, kratziges Ufergebüsch. Google Maps.

Leute, alle mit Bonjour grüßend und begrüßt, überschaubar an Zahl.

Zerstörerische Ausmaße scheint der Tourismus in der Bretagne nicht angenommen zu haben, außer, dass jedes Sträßchen asphaltiert ist. Barcelona, Venedig, das sind Orte, die dreihundert Jahre Ruhe brauchen. Brest und Umgebung aber darf man ein bisschen stören, ohne dass es schadet.

PS. Mit diesem Eintrag endet das kleine Frankreich-Reise-Bordbuch. Freitag morgen geht es über Paris (alles geht hier über Paris) zurück nach Berlin-Brandenburg – auch schön.

Portsall

Wer Abwechslung zum Steingrau der Stadt sucht, kann den 14er-Bus nach Ploudalmézeau nehmen, an der Endhaltestelle, Portsall Église, aussteigen und ein Stück des Küstenwanderwegs laufen, der eine andere Farbpalette bietet.

Innerhalb einer Stunde ist man da, läuft die Rue de l’Église herunter und nimmt den Weg zwischen Crêperie (links) und Restaurant (rechts). Bereits im Mesolithikum, in der Mittelsteinzeit, war die Gegend besiedelt. Steingrauschattierungen auch hier.

Zurück am Ausgangspunkt, hat die Crêperie leider geschlossen, aber nicht weit von der Stelle, an der ein schwarzer Anker und ein kleines Museum an die Havarie des Öltankers Amoco Cadiz (1978) erinnern, die den Küstenstreifen verdreckte und Zehntausende Vögel umbrachte, gibt’s noch eine andere. Die Zucker-Butter-Crêpe ist absolut zu empfehlen.

Am besten unternimmt man diesen Ausflug samstags, weil dann der Bus schon mittags fährt und man abends wieder zurückkommt.

Abfahrtszeiten bis 31.8.: 12.00 Uhr, 17.05 Uhr, 18.20 Uhr; der letzte Bus zurück: 18.05 Uhr. Trampen ginge auch.

Das – geschätzte! – Steingrau erweist sich übrigens bei genauerer Betrachtung als überraschend nuanciert; womöglich gibt es außerhalb des Farblabors Monochromie so wenig wie absolute Stille.

Die Worte sind die sichtbare Hand des Schweigens, die Form, die es annimmt, um von uns verstanden zu werden, schreibt Antoine Wauters. Sicher hat sich schon jemand die Übersetzungsrechte gesichert.

mouette – goéland

Der kleine Stolz, das Wort für Möwe noch gewusst zu haben: mouette! Doch nein, korrigiert die Lehrerin freundlich – Genauigkeit muss sein – so heißen die kleineren Vertreter mit feinem geradem Schnabel, die über den Schlick laufen und nur Muscheln und Würmer fressen. Die größere und wenig wählerische Art, die auch Mülleimer durchsucht, wird goéland genannt. Diese sieht und hört man in Brest. Auch häufig: Elstern. Die Krähen sind schwarz.

Brest ist keine schöne Stadt, aber reizvoll allemal. Im Zweiten Weltkrieg – hier hört die Zählung hoffentlich auf – von der Royal Air Force vollständig zerstört, um die deutschen Besatzer zu überwinden (hatte da wieder Bomber-Harris seine Finger im Spiel, der Psychopath im Dienste der Guten?), wurde sie in den folgenden Jahrzehnten neu gebaut und neu erfunden. Das Leid, das die Deutschen über das Land gebracht haben, begegnet einem auf Schritt und Tritt. Erinnerungen an Widerstandskämpfer, die standrechtlich erschossen wurden (noch die Rechtsbrecher berufen sich auf das Recht), an U-Boot-Besatzungen, die hier umkamen … Das alte Brest, in Photographien festgehalten, musealisiert.

Legende:
1. Pont de Recouvrance

2. Seilbahn (Téléphérique)

3. Université de Bretagne Occidentale

4. Rue de Siam (für Straßenbahn, Fußgänger und vermutlich Radfahrerinnen reserviert, wie übrigens auch die Rue Jean Jaurès)

5. Les Capucins (www.ateliersdescapucins.fr), ehemaliges Arsenal, heute zivil genutzt)

6. Bahnhof (der Busbahnhof ist auch dort)

7. Zur Crêperie de Cornouaille, Rue St Marc, nahbei

Brest

Nach kurzem, leichtem Schlaf gegen vier Uhr aufgestanden, alles für die Abfahrt vorbereitet. Viertel nach fünf durch den schlafenden Ort zum Busbahnhof.

Zweite Etappe: La Souterraine – Paris Gare d’Austerlitz.

Zwei Stunden Umsteigezeit, kann man glatt zu Fuß gehen.

Paris Gare Montparnasse – Brest. (Brest hat nur einen Bahnhof, kein Beiname erforderlich.)

Anders als die komfortablen ICEs, sparen die TGVs an Platz für die Passagiere. Wie Sardinen werden sie in die schmale Zugbüchse gesteckt und auf jagende Fahrt geschickt.

Brest, Bretagne. Vom Bahnhof noch 15 Minuten Fußweg. Im vierten Stock drei Wohnungstüren, alle ohne Namensschild. Mal die neben dem Aufzug probieren.

Wasser in Winkweite

Gestern abend Einladung zum Essen. (Die Leute vorgestern kennengelernt. Gleich den neuen Hühnerstall bewundert. Über dem Tor eine kleine Lenin-Statue, daneben groß der gallische Hahn.) Als Aperitif Rum / 55 %, von Eisklümpchen kaum verdünnt, dazu geröstete Kokosnussflocken und halbkreisförmige Nüsse, die auch irgendwie heißen, Kidney nicht, Chutney nicht, aber in die Richtung. Zum Hauptgang wurde Schweinefleisch mit Reis serviert, Rotwein. Lebhafte Gespräche über Macron und Mélenchon.

Zwischendrin Sichtung eines jungen Igels. Freudige Begrüßung. Die Nachbarin lief ihm vor Entzücken entgegen und nahm ihn auf die Hand, doch da hatte er sich schon zur Kugel eingerollt. Kann er ja nicht wissen, dass das eine ganz ganz freundliche Tante ist, die sich einfach freut, mal wieder einen Igel zu sehen, diesen selten gewordenen Gast. Wieder im Gras abgesetzt, blieb er einige Minuten Kugel und lief davon, als keiner guckte.

Am letzten Abend

Musik war länger nicht mehr, darum hier ein Stück von Charlotte Adigéry und Bolis Pupul.