Schön Blog schreiben

Auf der Suche nach einem alten Beitrag stieß ich auf diesen hier von Oktober 2015. Damals wohnte ich in einer WG in der Perleberger Straße 41 und blickte aus dem vielleicht dritten Stock auf die Baustelle der ehemaligen Schultheiss-Brauerei, die damals zu einer Shopping Mall umgebaut wurde – daran fehlt es ja in Berlin. Es ist die einzige Idee, die der Investor hat, und er wiederholt sie, wo er nur kann („Bekannt ist Huth hauptsächlich für das Planen und Bauen von Einkaufszentren.” – Wikipedia)

Gewöhnliche Baustellenkaputtheit

Der Bagger hackt in den Boden, kippt, kippelt die Schaufel, rüttelt den Sand durch den Rost, dreht steif seitwärts, wirft Steinbrocken ab. Der Motor malocht, aber die Ketten stehen.
Hinter dem Schuttberg die angenagten Mauern, abgeplatzter Putz, weiß, ocker, lindgrün, blassgelb, die Farben in einem fort angeraunzt von Kälte und Nässe, so sehen sie aus. Eine 12 ist deutlich zu lesen und ein paarmal, neonfarben: STOP. Wandlöcher, Fensterlöcher, Türlöcher unter dichtem Himmel. Das karge Kra-kra der Nebelkrähen und der schmutzige Rauch, der da hinten schon aufsteigt, ergeben ein schlüssiges Bild und ein einsilbiges Wort. Manchmal landet eine Krähe auf der rauhgrünen Zunge der Straßenlaterne dort unterm Fenster und lässt sie stärker erzittern. Unbehaglich sieht das aus, kalt, doch gerade richtig für diese ernsten, befrackten Vögel, nach denen ich mich immer umdrehe, als gäb’s da was zu lernen, als wäre es wirklich möglich: sich etwas abgucken, Krähenkonzentration, Krähenfokussierung. Kommt kein Sterbenswort von dieser Zunge, nur abends, nachts, schweigt sie ihr Licht, da sitzen die Arbeiter längst in ihren Containern und essen Fritten und zischen ein Bier und suchen mit dem nackten Fuß nach dem verlorenen Pantoffel.

Natürlich kann man in dem Stil nur kurze Sachen machen, maximal. Heute, und längst, schreibe ich nicht mehr schön, was in Ordnung ist, weil ich Im Dickicht mehr oder weniger als Tagebuchersatz sehe – Erinnerungssachen mit Musik. Da reicht es fast, wenn die Orthographie stimmt. Vielleicht sollte ich mir aber auch wieder mehr Mühe geben. Hm.

Gestern sehr schönes und nachdenklich stimmendes Konzert des Jerusalem Quartet im Kammermusiksaal der Philharmonie. Auf dem Programm:
• Sergej Prokofjew, Streichquartett Nr. 2 F-Dur op. 92 (1941, UA 1942)
• Dmitri Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 10 As-Dur op. 118 (1964, UA 1964)
• Béla Bartók, Streichquartett Nr. 6 Sz 114 (1939, UA 1941)

Dem Begleitheft ist zu entnehmen, dass Bartók zuerst „ein volkstanzbasiertes Finale” vorgesehen hatte. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1.9.1939 schrieb er stattdessen das Mesto aus – die Vortragsbezeichnung heißt übersetzt: wehmütig, traurig, betrübt -, das den übrigen Sätzen jeweils als Motto vorgeschaltet ist.

Am Schluss des Konzerts wandte sich der Bratschist, Ori Kam, ans Publikum und sprach von den zwei Fragen, die bei ihren Auftritten in den USA immer kämen: Are you a band?, und: Where do you come from?
Auch wenn das Ensemble in Jerusalem gegründet wurde – der Cellist, Kyril Zlotnikov, kommt aus Minsk, der zweite Geiger, Sergei Bresler, aus Charkiw, und der erste Geiger, Alexander Pavlovsky, aus Kyjiw. Als Zugabe spielten sie dann passenderweise ein ukrainisches Stück, etwas kitschig, vor allem im direkten Vergleich zum Bartók-Quartett, aber dennoch dem Abend angemessen und seiner würdig.

Das Publikum hatte im ersten Streichquartett noch dazwischengeklatscht; im weiteren Verlauf des Konzerts blieb es weitgehend still, von Husten und Niesen abgesehen – die Musiker hielten auch Beifallskundgebungen mit ihren nach den einzelnen Sätzen florettartig erhobenen Bögen und mit unbewegter Pose in Schach.

Zum Schluss ein bisschen Klatsch und Tratsch.
Nachdem es bisher immer nur geheißen hatte, unser Büro würde von der Frankfurter Allee in Nähe Jannowitzbrücke umziehen (voraussichtlich irgendwann um Mitte des Jahres), wurde die künftige Bürofläche heute als BEAM namhaft, wie das umgebaute historische Schicklerhaus von anno 1910 demnächst heißen wird. „Neuer Glanz auf altem Stein”. Und wem gehört’s? Dem österreichischen Immobilientycoon René Benko!
Vermutlich nicht billig das Ganze.

Meine Reviews, sofern sie noch ausstanden, habe ich rechtzeitig zu heute morgen eingereicht, es hat mich, bis auf drei Stunden Schlaf, eine Nacht gekostet.

Im Deutschlandfunk (nachts) eine meiner Lieblingsstimmen, Aglaia Dane. Die möchte ich gern öfter hören! – vielleicht auch mal, und dauerhaft, an Stelle der frohgemuten Knatschigkeit einer Martina Sturm-Wende. Und vielleicht auch mal tagsüber, wenn ich unter den Lebenden bin.

6 Kommentare zu „Schön Blog schreiben“

    1. Stil und Form machen haltbarer, das ist wohl so.
      Skizziger, weniger vertieft, ja. Es ist aber* weiterhin erlaubt, zum altmodischen Ausmalen zurückzuschwenken (wenn Zeit dafür da ist).
      Solange Du nur weiterschreibst, bin ich glücklich mit Deinem Schreiben, welche Form auch immer es annimmt. Von mir aus hast Du totale Freiheit.

      * Sibylla Vričić Hausmann schreibt in ihrem Essay wo ist deine Wut? am Schluss ihres Gedichtbuchs meine Faust, dessen Umschlag einen Boxhandschuh und ein Pflanzenblatt miteinander verbandelt: „Was bedeutet es, etwas ‚aber’ zu sagen, etwas ‚aber’ zu tun? In diesem ‚aber’, das nah am ‚trotzdem’ angesiedelt ist, liegt meine Faust, warm, manchmal fast zart. Hier entstehen meine Worte […]” (S. 68)

      Gefällt 1 Person

  1. Ein Premiumblogger denkt bei Faust natürlich zuerst an — die tolle Interpretation von Bruno Ganz damals, unvergessen, atemberaubend, jaja, und dass Gert Voss dem Volksmärchen so gar nichts abgewinnen konnte.
    So, jetzt Rotwein.

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