Füllwörter müssen nicht kurz sein

Sie können auch lang sein. Das derzeitige Modewort ist „tatsächlich” – wird zu jeder passenden und, vor allem, unpassenden Gelegenheit benutzt, allmählich entwickele ich einen Widerwillen dagegen, allerdings mehr im medialen Zusammenhang, privat ist es mir einigermaßen gleichgültig. Als Ann-Kathrin Büüsker vom Deutschlandfunk in den ersten Sätzen des „Interview[s] der Woche”, das ich mir andernfalls möglicherweise angehört hätte, das ominöse Wort mindestens vier Mal unterbrachte, zwei Mal davon im selben Satz, schaltete ich das Radio reflexhaft aus. Sie ist eine gute Journalistin, aber es gibt Grenzen der Toleranz. Wenn ich auch sonst kein besonders empfindlicher Mensch bin: hinsichtlich des Sprachgebrauchs bin ich es, bis zur Überempfindlichkeit.

Mein Plan, mich mehr mit Französisch zu beschäftigen, ist bisher gut aufgegangen. Ich habe Bücher auf Französisch gelesen, französische Serien (Nona et ses filles von Valérie Donzelli, u.a. mit Miou-Miou als schwangere Alt-Feministin, Rüdiger Vogler als würdiger Docteur Marcel Trüffel und Barnaby Metschurat als Hebamme; die vierte Staffel von Dix pour cent alias Call My Agent!) und Filme geguckt, war inzwischen auch wieder bei Zadig, wo ich kurze Sätze gesprochen habe („Vous avez deux livres pour moi”, „Je paie comptant”) – lächerlich, aber ein Anfang.
Über einen Vokabelfehler in einer E-Mail an das Zadig-Team habe ich mich geärgert.
Ich werde sie morgen abholen kommen: „Je viendrai les chercher demain”, so muss es heißen, und nicht „Je verrai les chercher demain”. Aber na gut, immerhin ist es mir aufgefallen. Es besteht Hoffnung.
Als nächstes werde ich ein Online-Konversationsprogramm mit einer Dame in Nordfrankreich starten. Ein Skype-Konto habe ich jetzt eingerichtet (Spitzname: Snoopy12), es nur noch nicht getestet. Wenn diese technische Hürde genommen ist, kann es losgehen.

In der Buchhandlung hat mein neuntes Jahr angefangen. Ich tu die Arbeit immer noch gerne, es spricht also nichts dagegen, dass ich die Montage zwei bis vier auch fürderhin bei Shakespeare and Company verbringen werde.

Die andere Firma wünscht sich, dass ich smart bin und will Beweise. Meine Arbeitstage werden aber von regulären Tätigkeiten aufgezehrt, so dass ich mein „berufliches Wachstum” aufs Wochenende werde verschieben müssen – oder ich setze mich jeweils vor Arbeitsbeginn an den Computer, das ginge auch (theoretisch).

Ein Buch, in dem ich blättere, doch vielleicht entschließe ich mich ja, es ordentlich zu lesen, sind die Gespräche von und mit Julien Gracq. (Ein Mensch, der stur sein Ding macht, hat immer meine Anerkennung.) Gleich, wo man diese Gespräche aufschlägt – man könnte mit einem Messer irgendwo hineinstechen und aufs Geratewohl lesen -, immer findet man eine bemerkenswerte Aussage:
„Ich schreibe langsam und mühsam, ein bißchen schneeballartig.” (S. 6)
„Leider gibt es kein großes gesellschaftliches Leben oberhalb von 4000 Metern Höhe!” (S. 28)
„Ansonsten glaubt ein Schriftsteller natürlich immer an das, was er tut – was für eine traurige Beschäftigung wäre das andernfalls! Wollte man näher definieren, was es heißt, ‚an das zu glauben, was man tut‘, dann müßte man recht komplizierte Überlegungen anstellen.” (S. 119)
Usw. usw. Alles super!

Julien Gracq (bürgerlich: Louis Poirier), Gespräche. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. 248 Seiten. Literaturverlag Droschl, Graz – Wien 2007. 23,00 Euro

6 Kommentare zu „Füllwörter müssen nicht kurz sein“

  1. Wie ist das mit dem „smart“ zu verstehen? Du sollst Dich beruflich fortbilden? Selber Kleider nähen, um noch mehr Verständnis für die Bedürfnisse der Massen zu entwickeln? Je ne comprends pas.

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    1. Ich soll mich beruflich fortbilden, ja. Das betrifft technische Aufgaben (SQL, Python), aber auch Managementfragen wie: Umgang mit unbewussten Vorurteilen, Förderung von Diversität, sich ein positives Mindset zulegen usw. Nähen wird nicht verlangt. Kommt noch!

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  2. Ich bin sehr erfreut darüber, dass ich nicht der einzige bin, dem der derzeitige inflationäre Gebrauch des Wortes „tatsächlich“ unangenehm auffällt. Fernsehen, Radio, Kneipe: überall wird man mit tatsächlichen Tatsächlichkeiten torpediert, es ist kaum noch zum Aushalten.

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  3. Mise à jour (Update): Mein Neffe …n, der Flugzeugmechaniker, hat sich freundlicherweise für einen Testanruf zur Verfügung gestellt – er nutzt Skype sonst nicht. Funktioniert.
    Heute Vorbesprechung, Empfehlung, France Culture zu hören und Pierre Michon zu lesen und jemand anders, dessen Namen ich vergessen habe, nächste Woche die erste Konversations-Halbestunde.
    Falls jemand erwägt, mir nachzueifern: 30 Minuten kosten 15,00 Euro.
    -> Français Langue Exotique (flexotique.wordpress.com)

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