Anja Utler kommen sehen

„It’s not what you would call a relaxed and laid back Friday”, stellte ich fest, wir waren schon im Nachmittag des Tages angekommen, den unser Agile Coach mit einem fröhlichen TGIF eröffnet hatte. Die Kolleginnen reagierten auf meine Bemerkung mit :duck_no und :party_no Emojis (das erste zeigt eine Ente, die ihren Schnabel vehement verneinend bewegt, das zweite ein in Neonfarben blinkendes NO).
Aber ich will gar nicht von der Arbeit schreiben, das macht mein Patenkind sowieso besser:
„As for work, it appears as if not just our new clients but especially longtime clients are filled with springtime zeal, happily sending us horrendous data that have all the hallmarks of the messy mistakes of a new season that haven’t been ironed out yet.”

Neulich war im Radio zu hören, dass der Sommer des Jahres 2100 fast ein halbes Jahr dauern könnte, sollte die Erderwärmung einen besonders ungünstigen Verlauf nehmen – und das wird sie vermutlich.
Anja Utler dreht in ihrem „Lobgesang” kommen sehen die Uhr vor: Es ist so weit.

Über das Wort „Lobgesang” müsste man diskutieren. Vom Sonnengesang des Franz von Assisi sind wir weit entfernt. Das Gedicht ist eher ein Gegenentwurf dazu, ein Nachruf, eine Grabrede auf den lebenden Leichnam. „Weil Untergang wie sich herausstellt immerzu un- / vollkommen ist.” – Die ‚Idee’ Josuas, die Sonne anzuhalten (um in Ruhe die Feinde töten zu können) – Josua 10, 12-13 – wird in kommen sehen, das von einer Mutter, ihrer Tochter und deren „Mädchen” erzählt, eskaliert: Die Sonne hört gar nicht mehr auf zu strahlen.
Gut, so ist es mit der Sonne, aber das Wetter hatte noch mehr Abwechslungen, Wolken, Regen …

Im Kontrast zum aufwühlenden Setting, tritt einem der Text gleichförmig, unterkühlt und trocken entgegen, eher abweisend, wie ein Objekt von Donald Judd. Fast alle Verse sind zweizeilig angeordnet, mit vereinzelten Einzeilern, die teilweise wiederum nur ein Wort enthalten. Es gibt zwölf leere Seiten, die das Gedicht strukturieren, dazu mehrere fast leere. Die Schrift auf dem Weiß kann als formale Übertragung des Sehens gegen Licht gedeutet werden, das zu Anfang beschrieben wird:
„[…] ruft zu den Mädchen / zwischen denen ist es so hell dass die Haare / Gesichter der Sand in das Licht hinein // kollabieren”
Und etwas weiter:
„die Arme der Mädchen / flimmern die Finger wie viele gerußte Wimpern / um dieses Ei aus Licht das losrollt zunimmt und kommt es / kommt”

Die Verse sind von Leerzeichen durchsetzt.
In Fortführung des vorher Gesagten ließe sich mutmaßen, das Licht habe hier Löcher hineingebrannt. Die plausiblere (und wenig überraschende) Erklärung ist aber, dass die Leerzeichen Sprechpausen bezeichnen, so wie die kursiv gesetzten Wörter eine andere Betonung anzeigen, und die blanken Seiten Stille. Es stellt sich schnell heraus, dass die Sprechmelodie ins Stocken geraten ist, oft ist die Rede ein Stammeln und Stottern, ein Ansetzen und Wiederabbrechen, und vieles von dem, was Mutter oder Tochter sagen wollen, bleibt ungesagt – weil die Wörter falsch klingen würden? Weil sie verletzen würden? Weil es komisch wäre, etwas zu sagen, von dem so lange keine Rede gewesen war? Weil ihnen die Zunge im Mund verdorrt ist?
Es hat etwas von Wladimir und Estragon, die sagen: Komm, wir gehen, und sich nicht von der Stelle rühren.

kommen sehen zeichnet eine postapokalyptische Welt ewigen Sommers. Die spröde, ungastliche Sprachform, die Anja Utler gewählt hat, trägt sowohl die Spuren der Versehrung wie auch die der darauf folgenden Reparaturmaßnahmen (auf andere Weise grausam) und ist notwendigerweise bizarr. Das Buch ist ein subtiler Horrorfilm in Worten: Der Schrecken sitzt zwischen den Zeilen. Er zeigt sich nicht gleich, und beim ersten Lesen entgeht einem sowieso vieles. Aber dann …

Vielleicht extemporiere ich morgen noch ein bisschen weiter. Heute vorerst nur die Leseempfehlung:

Anja Utler, kommen sehen. Lobgesang. 128 Seiten. Edition Korrespondenzen, Wien 2020. 18,00 Euro

3 Kommentare zu „Anja Utler kommen sehen“

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