Dorothee Elmiger Aus der Zuckerfabrik

Heute schließt das Büro für einen Monat, ich habe die Pflanze, die auf meinem Schreibtisch stand, mit nach Hause genommen, den Bürocomputer zusammengesteckt und probehalber eingeschaltet – funktioniert.
Rückblickend bin ich froh, im Frühjahr – nach zwei Monaten working from home (doch so lange!) – entschieden zu haben, wieder im office zu arbeiten. Jetzt also neuerlich zu Hause, einen Monat, vielleicht zwei.

Der Apple-Konzern hat sich bequemt, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Corona-Warn-App auch auf älteren Geräten läuft (die Entwickler arbeiten daran) – gnädig! Aber erst musste die Zahl der Covid-19-Neuinfektionen auf 30.000 steigen. Heute ist sie schon überholt.

In anderen Literaturen ist es gängiger, dem hergebrachten Modell des Erzähltextes neue Schläuche zu legen (ich stelle mir den Roman als einen Kranken vor, der versorgt werden muss: eine Krankheit so alt wie das 20. und 21. Jahrhundert zusammen). Die Ergebnisse werden dann vielleicht Autofiktion oder Romanessay genannt.
Uwe Johnson hatte sich für Das dritte Buch über Achim (1961) den Titel Beschreibung einer Beschreibung gewünscht, und Hans Erich Nossack untertitelte seinen im selben Jahr (und im selben Verlag) erschienenen und in eisgraues Papier eingeschlagenen Roman Nach dem letzten Aufstand: „Ein Bericht”, und für Bereitschaftsdienst (1973) abermals: „Bericht über die Epidemie”.
Dieser Zug ins Sachliche, der die schöne Literatur (Belletristik) in das kühle Laborlicht der „harten Naturwissenschaften” rückt, wie Denis Scheck am Ende des Büchermarkts immer die nachfolgende Sendung Forschung aktuell anzukündigen pflegte, ist also nicht neu. – 1840 verriet Stendhal in einem Brief an Balzac, er habe, als er Die Kartause von Parma (1839) schrieb, jeden Morgen zwei oder drei Seiten im Bürgerlichen Gesetzbuch (Code Civil) gelesen, um seinen Stil nüchtern zu halten. [„En composant la Chartreuse, pour prendre le ton, je lisais chaque matin deux ou trois pages du code civil, afin d’être toujours naturel; je ne veux pas, par des moyens factices, fasciner l’âme du lecteur.”]
Die Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger befindet sich also in guter Gesellschaft – auch Maggie Nelson und Annie Ernaux seien in diesem Zusammenhang genannt -, wenn sie ihr Buch Aus der Zuckerfabrik einen „Recherchebericht” nennt. (Auf dem Umschlag ist es überhaupt nicht getaggt.)
Worum geht es? – Nicht leicht zu beantworten! Vielleicht so: Es handelt von der Vernetzung der Welt und der Verstrickung des Westens, von seiner unauflösbaren und unaufhörlichen Schuld.
„… and when I come to Consider and See the Conduct of the Most Learned, Polite, and Rich Nations of the World, I find them to be the Most Tyranacal, Cruel, and inhuman oppressors of their Fellow Creatures in the World, these make all the confusions and distructions among the Nations of the Whole World …” (Samson Occom, 1783)
Geld spielt eine Rolle, ist ein wichtiger Treiber, sei es als Besitz oder als Sehnsuchtsobjekt. Einem Schweizer Lottomillionär der späten 70er/frühen 80er Jahre gilt die besondere Aufmerksamkeit der Autorin – vielleicht weniger, weil er sich mit seinem Spielerglück in eine Position katapultiert hat, die der Kapitalismus für einen wie ihn (Sanitärinstallateur) nicht vorgesehen hat, als deswegen, weil sich der „Lottokönig” von seinem Geld unter anderem zwei kleine Skulpturen aus Kenia gekauft hat, die dann wenige Jahre später, als alles Geld weg ist, am Ufer des Thuner Sees bei einer schaurigen Bieterversammlung unter den Hammer kommen. Kolonialismus und Sklaverei schieben sich ins Bild, Rassismus, Sexismus. Die Zuckerfabrik bietet vor allem Bitterkeiten.
Sublimere Seiten des Menschseins, denen Dorothee Elmiger ebenfalls nachforscht, sind die Liebe, oder der Liebeswunsch, und, am Beispiel der Teresa von Ávila, religiöse Begeisterung (auch diesseitig motiviert: der Gang ins Kloster als Vermeidung der Ehe).

Hat das Personal des Berichts (das Romanpersonal) auf vielerlei Weise mit Überbordendem zu tun, mit Überschreitung (Transzendenz, Eroberung), Überschwang und Gier, bleibt die Erzählerin selbst – die kunstvoll alle passenden Disparatheiten in Gestern und Heute, die ihr, als hätte sie ein Zauberwort getroffen, zustreben, zu einem schlüssigen Bild legt – gemessen, reserviert und nüchtern.
Die Kolonialware Zucker taucht in allen Zusammenhängen auf, als stibitzter Zucker in herrschaftlichen Häusern, abends heimlich im Bett verzehrt, als Zuckerrohr auf überseeischen Plantagen, als exzessiv verwendeter Süßstoff im Tee des Ökonomen Adam Smith, als Traumsymbol bei Sigmund Freud, als Versuchung in Form der glasierten Bonbonnière im obersten unerreichbaren Winkel des großelterlichen Büfetts.

Aus der Zuckerfabrik, ein „Journal voller Beobachtungen, Befragungen und Ermittlungen” (Verlag), trägt mit seinen Haupt- und Nebenhandlungen, den Zentral- und Randfiguren durchaus romanhafte Züge, erlaubt sich sogar kurze Ausflüge ins Erzählen und lässt – selten – poetische Bilder zu:
„Ich lag am Fenster und sah zu, wie der Schnee, vom Wind beschleunigt, in hohem Tempo auf mich zustürzte, als bestürmten mich die Flocken lautlos, als wären sie alle Trägerinnen ein und derselben Nachricht, die sie so lange inständig wiederholten, bis ich sie schließlich entschlüsselt haben würde.”
(Das „lautlos” hätte ich noch gestrichen. Na, einerlei: gut geschrieben!)
Fiktionalisierung und Synthetisierung aber scheinen die Autorin nicht zu interessieren, vielleicht glaubt sie auch einfach nicht daran. Kein spannungsreicher Plot also, keine Charakterzeichnung, keine Naturmalerei oder ähnliches. Sie sammelt ihre Fundstücke und lädt dazu ein, diese gemeinsam mit ihr zu betrachten und daraus zu lernen.

Aus der Zuckerfabrik ist ein sehr gutes, aber auch sprödes Buch, das hinsichtlich seiner Literarizität keine großen Vergleiche zu scheuen braucht.

Dorothee Elmiger, Aus der Zuckerfabrik. 272 Seiten, gebunden. Hanser Verlag, München 2020. 23,00 Euro

4 Kommentare zu „Dorothee Elmiger Aus der Zuckerfabrik“

  1. Ich habe lange kein so intelligentes, sonderbares und gleichzeitig fesselndes Buch gelesen. Ich könnte noch viel weniger dazu schreiben, als du es getan hast, aber ich habe es sehr genossen, Es gehört zu den besten Büchern, die ich dieses Jahr gelesen habe.

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