Und was lesen Sie?

Ich weiß nicht, warum ich heute nach langer Zeit mal wieder an Frau Dziersk denken musste, die früher manchmal meine Mutter in der Buchhandlung vertrat, wenn diese, was selten vorkam, und erst in ihren späteren Jahren, auf Reisen in Frankreich oder Spanien war. Sie war ein guter, doch etwas herber Mensch. Es kursierte die Anekdote, dass sie, auf die freundlich interessierte Frage einer Kundin: „Und was lesen Sie?”, trocken entgegnet hatte: „Ich lese Erbsen in die Suppe”, was natürlich in dem Zusammenhang ein toller Satz ist, auf zartere Gemüter aber abschreckend wirken musste, zumal wenn man die freundliche Zugewandtheit meiner Mutter gewöhnt war. Frau Dziersk war eine überaus zuverlässige Vertretung, die morgens mit dem Auto von Alpen her gefahren kam – der Niederrhein ist flach wie ein Pfannkuchen, aber Alpen gibt’s, und die Sonsbecker Schweiz -, und ich sehe auch ihren Mann auf der Truhe sitzen, ein sanfter trauriger Mensch, dem ich zur Begrüßung an die drei oder vier Finger seiner linken Hand fasste, die er mir etwas unbeholfen entgegenhielt. Die weißen Augen waren hinter dunklen Brillengläsern verborgen. Da fällt mir ein, dass auch Frau Dziersk an einer Hand nur vier Finger hatte, vielleicht von Geburt an. Als ich viel später die Buchhandlung übernahm, sah ich sie wieder, ihr Mann war gestorben, ihr neuer Gefährte war ein schöner Königspudel, der auf den Namen Till hörte und mit lockerer Schlinge am Bein eines der Korbsessel fixiert wurde, die um einen runden Wohnzimmertisch standen – die Buchhandlung Reul war ein gemütlicher Ort -, solange Frauchen die Bücher in den Regalen beguckte und eine sorgfältige Auswahl traf und auch noch was bestellte, was soviel hieß wie: Ich komme wieder.

Neulich, nachdem ich schon vier oder fünf Stunden geschlafen hatte – abends erwischt mich die Müdigkeit gerade ziemlich früh – wachte ich tief in der Nacht auf, und zufällig war es die Zeit, als in Cleveland, Ohio, der amtierende Präsident der U.S.A. und sein Herausforderer zu ihrer ersten Fernsehdebatte zusammentrafen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mir einen Teil davon auf dem YouTube-Kanal von CBS anzusehen (den ich auch einschalten werde, wenn am 3. November gewählt wird – eine Wahl, von der Wohl und Wehe der Welt abhängen). Der Moderator war prinzipiell gut, aber gegen den rüpelhaften POTUS hatte er kein Mittel. Der Herausforderer wahrte seine Contenance, und es ist nicht einzusehen, warum nun immer die beiden kurzen Momente zitiert werden, als ihm doch der Kragen platzte (immer noch sehr zivilisiert), während über die permanenten Flegeleien des anderen nur abwinkend gesagt wird: Na ja, so haben wir’s erwartet. Leider, leider, der Demokrat wirkt greisenhaft, und ob sein team mate es schaffen wird, seinem blassen Wahlkampf Schwung zu geben, ist fraglich.

Ein apartes Tanzvideo zum Stück „How to know this is the moment to say goodbye” von Autochrom. Im Hintergrund passt Luise Volkmann auf, dass der Dreh nicht gestört wird.

8 Kommentare zu „Und was lesen Sie?“

        1. Nein, schon lange nicht mehr. Ende 2011 habe ich ihn geschlossen – ich hätte ihn besser schon zwei Jahre früher geschlossen, aber man weiß es ja nicht immer so genau. Ich habe alle Bücher mit 60% Rabatt auf den Ladenpreis an einen Kollegen nach Kleve verkauft, aber ein paar Sachen habe ich auch behalten.

        2. Die Lyrik habe ich behalten, ja.
          Wie lange hatte ich den Laden – das soll ich noch wissen? Na, sechs Jahre werden es gewesen sein. Die Buchhandlung selber gab es aber länger, 102 Jahre.

  1. Welch liebenswerte Erinnerung an meine Tante, meinen Onkel und ihren Pudel.
    “Mit leichtem Gepäck” hat sie mir damals geschenkt. Ein Buch, das dank eines braunen(!) Covers erst mal lange im Bücherschrank verschwand und dann zu einem Stern meiner Jugendbuchsammlung wurde. Danke, für dieses schöne Hochploppen einer Erinnerung an Tante Hildegard. 😘

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