Am Nachthafen

Dies Heftli von Erich Auerbach, das ich da neulich gelesen habe – ich hab’s nur teilweise verstanden. Das ist eine Gelehrsamkeit, von der ich mit meiner Durchschnittsintelligenz unwiderruflich abgeschnitten bin (nicht, dass ich jemals an sie angebunden gewesen wäre!), also: halbe Seiten mit Zitaten in lateinischer Sprache, einmal ein altgriechisches Wort (in griechischer Schrift), bei den Zuhörern und Lesern als bekannt vorausgesetzt, dazu anspruchsvolle Literaturhinweise à la „Den Romanisten unter meinen Hörern ist gewiß der Rosenroman gegenwärtig” … Ist er? Gewiss? Welcher Zuhörer konnte das 1953 bejahen, welcher könnte es 2020?
Typologische Motive in der mittelalterlichen Literatur war zuerst ein Vortrag („Schriften und Vorträge des Petrarca-Instituts Köln”, Heft 2, 2. Auflage, Scherpe Verlag, Krefeld 1964), übrigens gut lesbar, von den genannten Schwierigkeiten abgesehen. Allerdings muss ich mich fragen, ob mich das Thema so doll interessiert. Ich hatte mir, als ich das Büchel kaufte, vermutlich irgendeine Dante-Erhellung erhofft, und Dante kommt natürlich auch vor, aber auch ‚dunkle’ Gestalten wie Notker Balbulus (never heard) oder Alanus de Insulis (same). Na ja, trotzdem immer beeindruckend, wenn jemand so selbstverständlich im Bildungsgarten wandelt und nebenbei den akademischen Disput pflegt: „Was C. sonst dort S. 31 zu der Stelle sagt, ist nicht zuverlässig.”
C. ist Ernst Robert Curtius.
Meine Mitbewohnerin führt rumpelnd den fauchenden Staubsauger durchs Treppenhaus. So viel zu meinen Schreibumständen.
Von den Schreibumständen eines Erich Auerbach kündet, dezent in den Fußnoten verborgen, der Publikationsort „Istanbul, 1944”.

Bandcamp reicht die Einnahmen aus den heutigen Verkäufen (gilt noch bis Mitternacht) eins zu eins an die Künstler weiter – nicht zum ersten Mal. Sehr löblich!
So richtig die Spendierhosen angezogen habe ich mir trotzdem nicht, nur ein Mini-Album der Londoner Dichterin Kate Tempest (Bad Place For A Good Time) und eine CD des Schweizer Bassisten Luca Sisera und seiner Band ROOFER gekauft (Starlex Complex), auf welch letztere ich eher zufällig gestoßen bin.
Ich erinnere mich, dass Soundcheck-Moderator Andreas Müller einmal sagte, das Erbe von Blue Note werde nicht von Blue Note weitergeführt, sondern von kleinen, unbekannteren Jazzlabels. Eins davon ist nWog Records, das auch hinsichtlich der überragenden Covergestaltung dem berühmten Paten aus New York (und Reid Miles) das Wasser reichen kann.

Am Nachthafen, da hab ich mich verguckt, als ich bei mäßigem Kühlschranklicht sehen wollte, wo der Käse eigentlich herkommt. Es kann aber nur die Konfektionierstelle gewesen sein, denn es ist ja ein französisches Produkt! Und am Ende war es natürlich auch nicht Nachthafen (schade!), sondern Yachthafen.

Ist dies jetzt ein „Original”, wie Robert es verlangt hat? Ich bzweiefel es (und hab hier zur Lockerung, von der ja zur Zeit mit nervenraubender Stetigkeit die Rede ist, die Buchstaben ein bisschen durcheinandergewürfelt).

5 Kommentare zu „Am Nachthafen“

  1. Ach, was soll der Geiz! (dachte ich mir und kaufte – non c’è due senza tre – als dritte Musik auch noch das Album Reckon, mit Jim Black, dr, Elias Stemeseder, p, und Thomas Morgan, b, das vor kurzem bei einem anderen tollen Schweizer Label erschienen ist, Intakt Records.
    1A-Platte, all killer, no filler! Wer Jazz mag: zugreifen!)
    Jetzt ist aber Schluss, versprochen. Dennoch, es ist ja so: Je weniger sozialer Austausch möglich, desto mehr Konsum ist nötig.

  2. Viele, viele Links, mon vieux! Latein war damals halt die Lingua Franca (vulgo: Fränkisch). Kein Grund für Unterbildungskomplexe! Wahrscheinlich hatte Erich Auerbach dafür von Bandcamp noch nie gehört. Und wäre er mit dem Playstore zurecht gekommen?

    1. Die Links sind Abzweige, die Du nehmen kannst, aber nicht musst, außerdem ein simpler Trick, um den Text durchlässig zu machen für (noch mehr) Fremdtext. Ich erzähle Dir sicher nichts Neues.
      Würde ich auf meine Unterbildungskomplexe verzichten, würde ich sehr flach und leicht werden.
      Hier, extra für Dich, ein Zitat von H. Michaux: „Mit deinen Fehlern – keine Hast. Mach dich nicht leichtsinnigerweise daran, sie zu korrigieren. Was würdest du an ihre Stelle setzen?”
      Ethan Diamond (kein Link) hat Bandcamp (kein Link) 2008 gegründet – man vergisst ja immer, wie jung die Programme und Plattformen sind, die man sich nicht mehr wegdenken kann!
      Erich Auerbach hat als Zeitgenosse von (kein Link) Konrad Zuse die Anfänge der Digitalisierung zwar miterlebt, aber das macht Deinen krummen Vergleich nicht besser. – Mit dem Playstore komme ich auch kaum zurecht. (Bei „Be evil” Google kann man davon ausgehen, dass man selbst der Spielball ist, und nicht der Spieler.)

  3. Das altgriechische Wort war eventuell Mimesis? Bei Adorno hat man das ja auch, dass dem altgr. Alphabet gehuldigt wird. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass Blumenberg — der übrigens auf Grundigs Stenorette schwor — solchen graecophilen Bildungspirouetten ebenfalls nicht abgeneigt war. Oder Nietzsche! Wenn man so drüber nachdenkt, haben wir den Griechen die Mathematik, die Philosophie, die Demokratie zu verdanken. Und den Briten? Den Fußball, den Manchester-Kapitalismus und die Yellow Press! Sollte die erste Fremdsprache also nicht eher die Sprache von Aristoteles, Platon und Thukydides sein?

  4. Nein, es war τυπικός, mit einem χ anstelle des κ, und das ό wie ein kalligraphisches W. Gesprochen gehört, tipikos, wäre es etwas leichter gewesen, ich hätte mir nur überlegen müssen, was „typisch” heißt. Obwohl, Auerbach sagt es umsichtigerweise selbst, aber um dies zu sehen, muss man wohl oder übel erst das griechische Wort entziffert haben.
    Dies ist die Stelle:
    „Das Alte Testament hörte auf, Gesetzbuch und Geschichte des Jüdischen Volkes zu sein: denn, wie Paulus sagt, ‚das alles ist ihnen (den Juden nämlich) nur vorbildhaft und figürlich, τυπικός, geschehen’ – und das gesamte Alte Testament verwandelte sich in eine Folge von Vorfigurierungen oder Realprophetien Christi, seiner Inkarnation und Passion, und der christlichen Kirche.”
    Was die genannten Herrschaften mit Griechisch hatten, ist mir wurscht. Sie sind Philosophen, da ist eine Kenntnis des Griechischen vorauszusetzen. Interessant wird es, wenn jemand wie Erwin Schrödinger diese Texte liest, und die der indischen Philosophie noch dazu, und sich dann aber gar nicht für die Philosophie, sondern für die Physik entscheidet. Also, mich reizt, was die Leute sonst so machen, neben dem, wofür sie bezahlt werden.
    Englisch als erste Fremdsprache ist schon okay. Man darf halt nicht den Fehler machen, das, was ich spreche, für Englisch zu halten. – Kenntnis des Französischen, und sei es bruchstückhaft, wäre wünschenswert. Jeder sucht sich, was für ihn passt.
    Generell fände ich es schön, wenn alle (die auf diesem Kontinent sitzen) Wörterbücher aller in Europa gesprochenen Sprachen bei sich stehen hätten. Da könnte die EU oder die Bundesregierung einmal ein hübsches Bildungspaket schnüren! Leider geht das Geld für Waffen drauf, und für Kaufprämien für Benziner!
    Als ich letztes Jahr in Breslau war, habe ich bedauert, keinen Mucks auf Polnisch sagen zu können – eine musikalische, wohlklingende Sprache. Ich werde aber sicher noch einmal nach Polen fahren und mir dann vorher einen Minimalwortschatz aus Guten Morgen, Guten Abend, Danke und Bitte zurechtlegen.

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