Paradoxa

Als ich unlängst mal wieder in der Jazzabteilung des Kulturkaufhauses Dussmann in der Friedrichstraße herumstöberte, konnte ich mich nicht dazu entschließen, zur Musik eines der alten Recken zu greifen (ich mag sie ja). Ich ließ mich dann von einem Empfehlungs-Sticker leiten und kaufte, ohne vorher hineinzuhören, die CD einer mir bis dahin nicht bekannten Berliner Pianistin und Komponistin, Julia Kadel. Swing und soulige Wärme, die ich mir, ungeachtet des reserviert silbergrauen Covers, erwartet und erhofft hatte, fehlen in Kaskaden, aber ich finde mich doch gut in der Musik zurecht und höre sie mir gerne und mit zunehmender Freude an, entdecke immer neue Schönheiten; anfangs erschreckte mich ihre (scheinbare) Spröde. Alle acht Stücke, Eigenkompositionen der Pianistin, wurden analog aufgenommen, im alten, denkmalgeschützten MPS-Studio im Schwarzwald, das offenbar seit 1982 nicht mehr in Betrieb gewesen war. (MPS steht für Musik-Produktion Schwarzwald, und auch für Most Perfect Sound.)

Am 16.11.2019 spielt das Julia Kadel Trio im XOX-Theater in Kleve.

Rezension von Gerd Filtgen: hier
juliakadel.com

3 Kommentare zu „Paradoxa“

  1. An dem Stück Paradoxa, mit dem das Album beginnt, ist als erstes bemerkenswert, dass über eine halbe Minute lang nur leise die schleifenden, schabenden, reibenden Geräusche des Schlagzeugs zu hören sind – fast wie Naturlaute, wie Wind, der über eine karge Ebene zieht. Hier wird der blanke Tisch gemacht, auf dem im folgenden gezaubert werden wird. Klavier und Bass stellen unisono das Thema vor – der erste Ton ist ein Ereignis -, und los geht die Reise: ein starker Auftakt in schwindelnder Höhe. Auf diesen Gipfeln bewegt sich das ganze Album. Es herrscht Weitsicht, die Sonne scheint, die Luft ist kühl. Die Tour ist anspruchsvoll, aber sie wird glücken.
    Mir gefällt, dass die Musik ohne Gefälligkeit ist, dass sie an keiner Stelle rückwärtsgewandt klingt.
    Ob es dann am Ende Jazz ist oder nicht (ich denke, schon) – who cares? – Einflüsse klassischer Musik (des 20. Jahrhunderts) sind da: zum Beispiel der abgedämpfte Bass, die Trommeln, auch die ‚Löcher‘ auf Herunterfallen erinnern an elektronische Musik der 50er Jahre; Stockhausen, und seltsamerweise Debussy, scheinen nicht weit, aber das mag jede(r) anders hören.
    Alles bleibt im Fluss und fügt sich zu menschgemachten organischen Formen. Julia Kadel ist zweifellos ein Kopf, ein Charakter – und eine vollendete Musikerin. Brava!

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