Demnächst in diesem Kino

Abseits meiner 40-Stunden-Woche bin ich zwar faul, aber nicht untätig. Nachdem ich sie zweimal komplett gelesen habe – der Verlag stellte mir ein elektronisches Rezensionsexemplar zur Verfügung, ich habe mir aber lieber das Buch gekauft – kommt nun auch meine Kritik zur Gedichtanthologie Aus Mangel an Beweisen langsam in Gang. Hier als Appetithäppchen der Beginn, Änderungen vorbehalten.

Die Rechtsprechung kennt den Freispruch eines Angeklagten aus Mangel an Beweisen. Aus Mangel an Beweisen ist darum ein überraschender Titel für eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik. Von welchem Vorwurf denn sollte die Poesie freigesprochen werden, und wäre es nicht unter Umständen begrüßenswert, ließe sie sich hier und da eines ‚Vergehens‘ bezichtigen?
Michael Braun schlägt in seinen „Sechs Vignetten zum Gedicht im 21. Jahrhundert“ – einer von sieben Essays, die den Band beschließen – eine andere Lesart vor. Er bezieht sich dort auf die Fähigkeit des Dichters, „sich […] in der Unsicherheit und Ungewissheit zu bewegen, mit einem nicht-identifizierenden Sprechen, das sich im Modus des Übergangs befindet […]. Das Gedicht geht also in die Ungewissheit, es liefert keine Beweise, es spricht […] ,aus Mangel an Beweisen´“.
Mit anderen Worten: Das Gedicht weiß es auch nicht besser, seine Position ist zweifelhaft, sein Ziel liegt im Vagen. Dennoch, trotzig selbstbewusst, wählt es das Sagen anstelle des Nichtsagens, es begibt sich – das Nichts auf sicherer Habenseite (besser als nichts) – auf Sinnsuche. Doch worin bestünde der Sinn eines Gedichts? Wäre ihm ein anderer Sinn zuzubilligen als der, formal schlüssig zu sein, und damit gut? Das jedenfalls springt im besten Fall dabei heraus: ein gutes, formal schlüssiges Gedicht.
Hierfür ein erstes kurzes Beispiel, von Urs Allemann.

am grab

gut, dass wir nicht in england leben
und nicht in frankreich, mama.

death hat fünf buchstaben, life bloss vier.
vie three, mort one more: four.

rejoice, ma: chez nous leben
cinq, tod trois.

[…]

Michael Braun / Hans Thill (Hgg.), Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018.
320 Seiten, gebunden. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018. 26,00 Euro

2 Kommentare zu „Demnächst in diesem Kino“

  1. war es nicht jandl, der irgendwo in einem gedicht schrieb, was man alles mit einem gedicht machen könne? das fiel mir gerade ein, als ich deine antwort las, was du über die schlüssigkeit eines gedichtes schriebst. danke für den spannenden einblick in die anthologie.

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