Punkt oder Doppelpunkt?

Mallarmés am 15.1.1897 erschienenes Buch Divagations, zu Deutsch so viel wie „Abschweifungen” (die divagation eines Hundes wäre ein freies Umherlaufen, ohne Leine), ist ein Sammelsurium – heute würde man Reader sagen – aus Zeitungsartikeln, Interviews, Essays, Porträts (zu Verlaine, Rimbaud, Poe und anderen) und Prosagedichten. Diese letzteren, dreizehn an der Zahl, sind (nicht alle, zum Glück!) um einiges komplexer als die Baudelaire’schen, und hätte ich nicht Carl Fischers Übersetzung (erstmals erschienen 1957), stünde ich vor größeren Verständnisschwierigkeiten. Besonders die neunte der Anecdotes ou Poëmes*, „La Déclaration foraine”, hat es in sich. Fischer überschreibt sie etwas langweilig mit „Der öffentliche Vortrag”, was es nicht ganz trifft; eher wäre es eine Erklärung oder Verlautbarung auf der Kirmes (auf dem Jahrmarkt), denn genau dorthin verschlägt es den Dichter, übrigens in Begleitung einer schönen Dame, die sich freilich spätestens am Ende des Stücks als bloßer personifizierter Gedanke herausstellt. Dessenungeachtet kann sie trotzdem einem alten Trommler zurufen, er solle die Trommel rühren: „Battez la caisse!” So steht es am Anfang eines gewundenen Satzes, der sich über vierzehn Zeilen erstreckt und neben Ausrufungszeichen (2x), Auslassungspunkten (1x) – Mallarmé begnügte sich stets mit zweien statt der vorgeschriebenen drei [..] – und Semikolon (1x) vor allem Kommata benötigt (13x), die nicht immer nach grammatikalischen Erfordernissen gesetzt sind, sondern auch rhythmisch motiviert sein können, sei es, um den Lesefluss zu erleichtern, sei es, um ihn zu drosseln (was eher mein Verdacht ist). Die schöne Frau hat also trommeln lassen und verschwindet dann im Publikum, das sich neugierig genähert hat, und lässt den unvorbereiteten Dichter mit diesem allein. Folgendermaßen lautet der Satz nach dem Semikolon:

puis comme si, de ce que toute de suite on pût, ici, envisager de plus beau, l’énigme, par un bijou fermant la mondaine, en tant qu’à sa gorge le manque de réponse, scintillait! la voici engouffrée, à ma surprise de pitre coi devant une halte du public qu’empaume l’éveil des ra et des fla assourdissant mon invariable et obscur pour moi-même d’abord.

Die Übersetzung kommt gleich. Doch das folgende ist auch wichtig. Es geht nämlich weiter:

„Entrez, tout le monde, […]”

In Carl Fischer unübertroffener Übersetzung liest sich die Stelle so:

und nun schimmerte das Rätsel der schönsten Verheißung dessen, das hier bald zu sehen sein sollte, in dem Edelstein, der als Symbol der verweigerten Erklärung ihre Kehle verschloß! schon war sie verschwunden, und ich rief entgeistert wie ein scheuer Hanswurst vor der vom ohrenbetäubenden Trommellärm angelockten Menge mein eintöniges und mir anfangs selber unbegreifliches: „Alle hereinkommen, […]”

Das Publikum hat sich also eingefunden, aber die Person, die es gerufen hat, denkt gar nicht daran, etwas zum besten zu geben: sie mischt sich unter die (vom Weckruf des Trommelwirbels ‚eingewickelte‘) Menge und bleibt eine Antwort schuldig. Der Dichter bleibt verdattert zurück. – Vertrackt ist das Konzept vom Juwel als Rätsel(bild)/Symbol dessen, was einen hier bald an Schönstem erwarten wird („l’énigme de ce que toute de suite on pût ici envisager de plus beau”). Ist es nun aber (nur) das bijou, das schimmert, oder vielleicht (auch) das Fehlen einer Antwort, versinnbildlicht durch den Edelstein? Wie auch immer eine Übersetzung aussehen mag, das Ausrufungszeichen sollte, wie im Original, bei „schimmerte” (scintillait) stehen, und nicht bei „verschloss” (fermant, Partizip Präsens von fermer).

[Fortsetzung folgt]

* falls jemand einmal in die Verlegenheit kommen sollte, ein Trema in HTML schreiben zu müssen: die Tastenkombination ist &+e+u+m+l+;, ohne die Pluszeichen – leicht zu merken.

Bibliographischer Hinweis
~ Stéphane Mallarmé, Igitur / Divagations / Un coup de dés. Nouvelle édition présentée, établie et annotée par Bertrand Marchal. 528 pages. Éditions Gallimard, Paris 2003.
~ Stéphane Mallarmé, Sämtliche Gedichte. Französisch mit deutscher Übertragung von Carl Fischer.
348 Seiten. Verlag Jakob Hegner, Köln 1969.

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