Ein Anzug

Gestern war, umrahmt von Haschischzigaretten, die erste Anprobe. Wahrscheinlich wird der Anzug im Sommer fertig, vielleicht im Herbst. Bis dahin wird es mindestens noch eine weitere Anprobe geben, irgendwo im Sauerland vermutlich. Die Farbe des Stoffes, den mein Bruder ausgewählt hat, ist nicht ganz leicht zu beschreiben, vielleicht trifft Grünbraun es am besten, oder Braungrün. Allerdings ein Grünbraun, das mit blauen Fäden durchwirkt ist. Der optische Eindruck ist daher auf den zweiten Blick nicht so konservativ wie befürchtet, zumal mir auch empfohlen wurde, die Hose, damit sie optimal sitzt, nicht mit einem Gürtel, sondern mit – farbigen oder farbig gemusterten – Hosenträgern zu tragen (solche, die sich ungefähr auf Schulterhöhe teilen). Mein Bruder sprach auch von Einstecktüchern, Fliegen, Krawatten und so weiter, aber mindestens mit Einstecktuch und Fliege sehe ich mich nicht herumlaufen, ich heiße ja nicht Martin Mosebach.
Zu welchen Gelegenheiten so ein Anzug zu tragen wäre – mal sehen. Ich bin zu einer Hochzeit eingeladen, die anzugtechnisch aber zu früh kommt, und weitere Hochzeiten sind erst mal nicht in Sicht, was okay ist. Ich bin kein Freund von Zeremonien.
Es wird also eher so sein, dass ich nach Jahrzehnten der Abstinenz mal wieder in die Philharmonie gehe (oder in den Kammermusiksaal, oder in den Pierre Boulez Saal, in denen ich überhaupt noch nie war) und mich dafür in Schale werfe.
Auch die Komparsenagentur sieht immer gern, wenn ein Anzug vorhanden ist.

Nächste Tage kommt meine Großcousine vorbei – wir haben uns neulich zum zweiten oder dritten Mal überhaupt gesehen -, die für ein paar Monate mein Violoncello ausleihen wird, das hier doch nur unnütz herumsteht in seinem schwarzen Sarg. (Ich hatte ihr, ich weiß nicht warum, von John Cages Water Walk erzählt, nicht wissend, dass sie beim Musikfestival Klangwelten zum Thema „WASSER trifft MUSIK” mitarbeitet, das im März von der Landesmusikakademie Berlin im Freizeit- und Erholungszentrum alias FEZ veranstaltet wird. Und übrigens habe ich ihr nichts Neues erzählt, den Water Walk kannte sie schon.)

Heute werde ich, mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus Neigung, einen kleinen Spaziergang unternehmen, um meinen, laut Labor, „grenzwertig niedrigen” Vitamin D-Wert aufzupeppen. Außerdem habe ich vor – möglichst als tägliche, mindestens aber wöchentliche, Aufgabe für die nächsten Monate – meine Apollinaire-Übersetzung zu revidieren. Ein weiterer Programmpunkt ist das Erlernen, mittels eines interaktiven tutorials, der Datenbanksprache SQL, was ebenfalls einige Wochen in Anspruch nehmen wird. Keine Langeweile also.

Meine Märzplatte (CD in diesem Fall) wird There Is Only Make des Lisbeth Quartetts um Charlotte Greve sein.
Aus dem Infomaterial des Traumton Labels:

Der Name des Albums hat, wie manche Songtitel, mit Charlotte Greves Leben in New York zu tun. Es handelt sich um eine der „10 rules for students and teachers“, die größtenteils von Corita Kent verfasst und von John Cage ergänzt und verbreitet wurden. Regel Nummer 6 besagt, „Nothing is a mistake. There is no win and no fail. There is only make.“

Ich bin über einen Radiobeitrag darauf gekommen: „Homecoming mit der eigenen Band. Charlotte Greve vom Lisbeth Quartett”.

4 Kommentare zu „Ein Anzug“

  1. Eine Labelkollegin von Charlotte Greve: Hendrika Entzian (b, comp, arr). – W., der sein Leben lang Jazz gehört hat, stellte zu Recht fest, dass es noch nie so viel guten Jazz aus Deutschland gab wie heute. Das ist doch sehr erfreulich! (Es schien mir allerdings, dass er, als er es sagte, halb die Hände über dem Kopf zusammenschlug, so als sei es auch eine Überforderung. Früher gab es Peter Herbolzheimer, Kurt Edelhagen und Albert Mangelsdorff, und heute …!) – Sehr gut gestaltete Website: https://www.hendrika-entzian.de/ (Sind das noch/schon Buchstaben?)

  2. Die Website von Charlotte Greve (falls es jemand im Fließtext übersehen haben sollte): https://www.charlottegreve.de.
    Die aktuelle CD des Lisbeth Quartetts, There Is Only Make – ich habe es oben nicht klar gesagt, aber gemeint -, ist absolut empfehlenswert: abwechslungsreiche, atmosphärische, spannungsvolle, schöne Musik. Top!
    (Sehr gute Aufnahme auch. Rudy van Gelder ist ja tot, aber auch die Berliner Tontechniker von Traumton Records haben es hervorragend hinbekommen, jedes Instrument klar und distinkt hörbar aufzunehmen.)
    Die CD enthält auch zwei kurze Saxophon-Schlagzeug-Duette, und in zwei Stücken wird das Quartett durch Christian Weidner (as) zum Quintett erweitert.

  3. Falls jemand Geld übrig hat: Charlotte Greve hat eine Crowdfunding-Aktion für ihre nächste (geplante) CD gestartet, s. hier. Mindesteinsatz ist 10,00 Euro. Für 60,00 Euro gäbe es eine persönliche LP-Lieferung mit Kuchen, für 70,00 Euro eine Saxophon- oder Kompositionsstunde bei Charlotte. Na?!

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