grasig / algig

Das Gute am japanisch-europäischen Freihandelsabkommen ist, dass japanischer Tee billiger wird. Ob es darüber hinaus Gutes an Jefta gibt, kann ich nicht beurteilen. Wie man hört, kommen soziale und ökologische Standards nicht vor. Typisch Kapitalismus: keine Moral.
Vorige Woche habe ich gelernt, dass beim Grünen Tee zwischen algigen und grasigen Geschmacksrichtungen unterschieden wird; an so Grastee kann ich mich auch erinnern.
In der Woche mit dem Tee habe ich auch zum ersten Mal von Faszien gehört, von Transfettsäuren und anderen Sachen, die mir gerade wieder entfallen sind. Von Tag zu Tag wird das Gehirn größer und schlauer!
Der Grüntee hier, hier bei uns im staubigen Brandenburg, ist gewöhnlicher Tütentee, mit Zitronengras und Orangenminze versetzt: für Kenner wahrscheinlich ein Banausentee – immerhin aus ökologischer Landwirtschaft und – aus japanischem Porzellan getrunken! Nur jetzt gerade trinke ich Schokotee, den ich gestern spät hoffnungsfroh aufgegossen habe, dann raffte mich die Müdigkeit dahin. Kalter Schokotee, mit uckermärkischer Milch. Auch schön.

Es ist schon wieder eine Weile her, da habe ich mir notiert: „Vom Kleinteiligen wegkommen.”
In der S-Bahn las ich, wie eine Bestätigung (jemand hatte den Aufkleber über die Tür geklebt):
„Do more things that make you forget to check your phone.”
Diese Sätze, und das neue Buch von Jaron Lanier, das ich gerade zu lesen angefangen habe – Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now – bestärken mich darin, mein sowieso stiefmütterlich behandeltes Twitter-Konto wieder zu schließen. Ende Juli ist es so weit, ich freue mich schon.
Des weiteren plane ich, künftig ein Bezahlmodell von WordPress zu verwenden, damit dies Blog keine Werbeanzeigen mehr zeigt, und ich habe beschlossen (nach guter Zurede), den Denkmuff umzubenennen; hab aber noch keine Idee. Sollte ich vergessen haben, die Fledermaus der Inspiration auf die Reise zu schicken?

Ansonsten erfreue ich mich einer Zeit musikalischer Bildung: Arbeit und Arbeitgeber erlauben mir, während der Arbeitsstunden Musik zu hören, was ich dazu genutzt habe, tief in Klassik und Jazz einzutauchen bzw. flach darin zu schwimmen, da die Musik die Arbeit wohl unterlegen, aber nicht ablösen darf. Zyklisches Hören hat sich bewährt, und so standen auf meiner Playlist nicht nur sämtliche Cembalowerke von Jean-Philippe Rameau (gespielt von Christophe Rousset), sondern auch die Beethoven-Sinfonien, die ich seit den alten Schallplattenaufnahmen mit Otto Klemperer und dem London Symphony Orchestra, die wir zu Hause hatten, nicht mehr vollständig angehört hatte. (Mit der achten Sinfonie konnte ich nicht viel anfangen, und die neunte fängt zwar gut an, geht aber dann sonderbar weiter und hört schrecklich mit weirdem Operngesang auf: eine Scheußlichkeit. Falls es wen interessiert: Ich habe mich für die Einspielungen der London Classical Players unter der Leitung von Roger Norrington entschieden, die mir gut gefallen, wegen eines schlanken Streicherklangs, und weil Blech und Schlagzeug gut knallen – bei Aufnahmen mit ‚modernen‘ Orchestern oft geglättet.) Weiter habe ich Bartóks sechs Streichquartette angehört, sehr stark vom Juilliard String Quartet gespielt (1949/1963), Haydns Klaviertrios 43-45, Miles Davis‘ Quintettaufnahmen aus den 60er Jahren und zuletzt die ersten sechs Alben von Ornette Coleman, alle großspurig bis catchy betitelt: „Something Else” (1958, noch ganz hardbopmäßig), „The Shape Of Jazz To Come” (1959), „Tomorrow Is The Question” (1959), „Change Of The Century” (1960), „This Is Our Music” (1960) sowie natürlich „Free Jazz” (1961). Ich mag das akademische Coverbild von „This Is Our Music” und das phantastische Trommelspiel von Ed Blackwell darauf (nichts gegen Billy Higgins, aber Blackwell ist unschlagbar wegen seines Trommelns, das einen auf die Idee bringt, die Schlagzeuger vor ihm hätten alle nur Becken gespielt – was nicht stimmt). Die berühmteste Platte von den genannten hatte ich noch nie vorher gehört, ich muss aber sagen, dass sie zurecht als epochales Werk geschätzt wird. Es gibt ein sagenhaftes Bass-Solo von Scott LaFaro kurz vor Schluss, und überhaupt sind alle Namen legendär: Don Cherry, Freddie Hubbard, Eric Dolphy, Charlie Haden, Billie Higgins, Ed Blackwell, und eben Ornette Coleman.
Wie man sieht, war Jazz in den 60ern Männersache – von den Jazzsängerinnen abgesehen -, das hat sich grundlegend geändert. Als ich einmal das Ornette Coleman Quartet in der Kölner Philharmonie hörte, war Geri Allen am Piano dabei, das wird in den 90ern gewesen sein.

3 Kommentare zu „grasig / algig“

  1. Ein Arbeitsplatz mit Musik – wunderbar! Arbeiten mit Ornette Coleman stelle ich mir als eine sehr anregende und produktive Sache vor.
    Social Media betrachte ich dagegen zunehmend als total absurde Sache. Facebook und Instagram kommen mir bloß noch vor wie ein Amalgam aus BILD-Zeitung, Elternabend, Schützenfest und Werbeblock. Und auf Twitter stehe ich immer ratlos dabei, wenn manche tweetend diskutieren wollen, obwohl dieses Medium meiner Meinung nach einzig und allein dazu taugt, Kurzmeldungen, Tipps, Termine in den Äther abzuschießen.
    Nun wieder mehr bloggen?
    Ein altehrwürdiges Blog umzubenennen ist natürlich nicht ganz einfach, hm? Ich zähle nicht zu den Leuten, denen in solchen Fällen auf Kommando die Ideen in den Schoß fallen; ich glaube, so was findet sich, indem man nicht danach sucht.

  2. Ja, Arbeiten mit Ornette Coleman geht gut von der Hand – seine Musik ist fröhlich und kindlich (vielleicht auf etwas komplexe Weise kindlich), kurzweilig obendrein, und mit, wie ich finde, starken Blues-Bezügen, aber nicht so erdig-schwer sondern so dass man sofort wieder weiß dass er in seinen Anfängen auf einem Plastiksaxophon gespielt hat – und Don Cherry auf einer pocket trumpet… Ihr Auftreten in den New Yorker Clubs muss sehr aufregend gewesen sein! (Ich habe ein paar Kommas weggelassen.)
    Social Media … Social Media sind Badeseen nach tagelangem schweren Regen. Man muss immerzu eine Badewarnung ausgeben.
    Was ich bei mir schon im Zusammenhang mit Facebook bemerkt habe – spät allerdings -: Es macht mir schlechte Laune. Ich meine mich zu erinnern, dass es einmal wirklich Spaß gemacht hat, aber das ist schon lange nicht mehr der Fall.
    Twitter setzt meiner Ansicht nach voraus, dass der Nutzer den ganzen Tag online ist und den ganzen Tag Zeit findet zu tweeten, Fotos zu posten usw. Das ist bei mir aber nicht der Fall. Ich habe zwar jetzt ein internetfähiges Telefon, bleibe aber fast immer offline, nutze es nur als Uhr, als Weckuhr, Kalender, Telefonbuch, Simsmaschine und, nicht zu vergessen, als Telefon. Manchmal rechne ich auch etwas aus. Twitter ‚widme ich mich‘ an meinem PC, abends nach der Arbeit. Aber, wie eine Followerin ganz richtig sagte: es taugt mir nicht. (Ich hatte gehofft, es würde mir taugen …)
    Nun wieder mehr bloggen – wahrscheinlich nicht, aber doch: mich darauf zurückziehen.

  3. Lieber Meinolf,
    deine Überschriften gefallen mir, ich muss immer weiterlesen, denn es ist nicht zu erkennen wohin es geht, die Social-Media-Müdigkeit kann ich verstehen, es ist fast nichts dabei was persönlich für mich ist, aber auch in meinem E-Briefkasten ist allenfalls eine Nachricht von fünfzig die mich persönlich ‚meint‘, das ‚Gesichtsbuch‘ ist ein Zeitfresser und ich warte immer noch, dass es besser wird – wie der Zuckerbub immer verspricht.
    Himmel nochmal wie haben wir das früher gemacht? Die Mail hieß ‚Postkarte‘ nach ca. einer Woche kam die Antwort „wir treffen uns Samstag ‚da-und-da‘ und wir habens ohne Navi gefunden. Woher kam der Wissensnachschub? Prospekte vom Buchhändler oder ‚Fachzeitschriften‘ wie ‚Kompost‘ (Die Grüne Kraft/Werner Pieper Medienexperimente) ‚Ulcus Molle‘ (B. Wintjes aus Bottrop) ‚Päng‘ (R. Martin auch Gründer von ‚Der Metzger‘) und Mund-zu-Mund Propaganda , ein ‚Link‘ war dann die Bestellkarte an den betreffenden Verlag, die Druckwerke, Bücher wie Periodika, hat man bereitwillig weiterverliehen (oft genug auch nicht wieder bekommen) das war dann ‚Going viral‘.
    betr.: Musik
    Jazz war immer ganz wichtig für mich, es waren auch die ersten Hinwendungen zu ‚World-Music‘ denn dort wurden immer schon gerne Musiker aus anderen Kulturen einbezogen ( Ali Akbar Khan, Trilok Gurtu, usf) dann wurden die Grenzen aufgeweicht, Jazz-Rock, Avantgarde, Elektroniker und ‚New Age‘ kamen dazwischen und nicht zu vergessen ‚Krautrock‘ , Embryo’s Reise von gleichnamiger Gruppe, das Frühwerk von ‚Kraftwerk‘ (noch deutlich von K.H. Stockhausen beeinflusst) und Can – wo keiner sagen konnte ist es jetzt Avantgarde oder Jazz oder Rockmusik? Vor ein paar Tagen bei der Dame meines Herzens eine Kassette (!) von ‚Can‘ gehört – und war hin und weg davon wie ‚modern‘ bzw. wie ‚der-Zeit-voraus‘ diese Musiker waren in den 70ern….
    betr.:Blog
    Das ist vielleicht das einzige, was ich als ‚Benefit‘ der Netz-Ära empfinde, das ist ein Riesenschritt ggüber dem Selber-Fotokopieren und verteilen…. 😉 du kannst vielleicht (eben ‚vielleicht‘) auch Leser in Neuseeland erreichen…
    ‚Muff‘ ein Teekesselchen – ich erinnere noch gut ein bekanntes Foto der ’68er-Zeit‘: Zwei Studenten halten ein Transparent mit dem Spruch „Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren“ – das andere ein röhrenförmiges Gebilde oft sogar mir Fell außen(?) um die Finger vor der Winterkälte zu schützen… (nach frz. moufle, Fellhandschuh) (+ im Technikbereich ‚die Muffe‘, eine Art Steckverbindung nicht zu verwechseln mit gaunersprachlich ‚Muffe‘ gleich Angst haben)
    „Never change a winning horse“ sagt der Engländer, also warum nicht weiter ‚Denkmuff‘? Es war ja auch schon mal ‚Monnier Beach‘ (oder gibt es den noch – undercover?)
    ‚Briefe des Hauptstadtkorrespondenten‘ ist zu sperrig, gefiele mir aber sonst schon… 😉
    Liebe Grüße nach Berlin, resp, Klein-Dingesgedönskirchen…
    Tobias

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