Die Amseln fressen von rechts nach links

Am Ende einer aufreibenden Arbeitswoche (der Verbraucher wird auch selbst verbraucht) hatte ich vier Benachrichtigungen über Paket- und Briefsendungen in der Hand, ein gutes Blatt. Der Nachbar von gegenüber klingelte und übergab mir einen Karton mit Verlagsvorschauen, da konnte ich einen Zettel schon wegwerfen. Mit den übrigen ging ich zur Post. Sie tippten die Hausnummer in ihren Computer.
„Stehen die Sendungen nicht alphabetisch?”, warf ich ein, um die Frau von ihrem Kasten wegzubewegen.
„Nein.”
Statt nachzusehen, tippte sie noch einmal die Hausnummer ein.
„Ich hab die Nummer hier nicht”, sagte sie wieder, lief dann doch nach hinten zur gehorteten Weihnachtspost, aber es war mehr ein Beinevertreten, und als sie zum Schalter zurückkam, lagen da wohl noch die Zettel, aber ich stand nicht mehr da.
„Können Sie wegschmeißen. Tschüss”, sagte ich erbost und schritt durch die Tür.
Damit war die Sache für mich erledigt. Draußen beschloss ich, Weihnachten ohne Verdruss entgegenzusehen.

In diesen Tagen wollte ich mich, nachdem ich mich zuvor nur durch das Dope von Ingwer, Zitronen, Tee und Apothekenware am Funktionieren gehalten hatte, sammeln. Ich habe mir absolute Ruhe verordnet. Gestern blieb ich zu Hause, ich habe den ganzen Tag geschwiegen, höchstens durchs geschlossene Fenster Guten Morgen Amselchen gesagt. Ich habe kein Radio gehört, nur einen Beitrag über eine Kammeroper, zu der Ann Cotten den Text geschrieben hat (meine Mitbewohnerin auf der Autobahn nach Hannover machte mich per SMS darauf aufmerksam, ich mag Ann Cotten), und kein Fernsehen geguckt. Die Twitter-Timeline war ganz kurz, seitdem ich Autor Mesch gemutet habe, gegen den ich überhaupt nichts habe, nur dass er so viel überflüssiges Zeug redet. Heute bleibe ich auch zu Hause. Morgen bin ich zum Katzensitten unterwegs, ab Mittwoch arbeite ich wieder.
Meine Adventstees habe ich alle getrunken. Meine Mitbewohnerin hat mir Kaffee aus Uganda geschenkt, dazu einen Schokoladenweihnachtsmann. Ein Briefchen meiner Nichte und ein Weihnachtsgruß der Töpferin haben mich erfreut, und für die Mathematikerin, die mich immer bedenkt, füge ich dies bei Twitter aufgeschnappte Bild ein (in der Hoffnung, kein Urheberrecht zu verletzen):

„Solange es Frauen gibt, wie sollte da etwas vor die Hunde gehen?” (Djuna Barnes)

Im heutigen Jahrestage-Kapitel (25. Dezember 1967) war viel von Schuld die Rede, ja. Auf Gesine Cresspahl und Uwe Johnson trifft nicht zu: „Und immer gibt es Leute, die bringen den Ernst, der angebracht ist, nicht an.”
Daneben lese ich – geht nur, weil Feiertag ist – das Buch der Wolken von Chloe Aridjis.
Was die zwei Büchergilde-Jahreskäufe angeht, die wieder fällig waren, habe ich mich dies Jahr für Animal Farm (mit Illustrationen von Quentin Blake) und den Dokumentarfilm Tomorrow entschieden.

Manchmal denke ich darüber nach, das Hintergrundbild meines ollen Computers auszutauschen. Vielleicht muss Leonor Watling, die Göttin, dann einem sachlichen Landschaftsbild weichen. Mal sehen. Wobei –

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