Wenn der Computer mal aus ist

Für die Vögel zu sorgen ist ein schöner Ausgleich zu den vierzig Stunden, die ich, auf fünf Tage verteilt, am Computer verbringe. Ich gebe zu: Elster und Eichelhäher begrüße ich freudiger als Ringeltaube und Nebelkrähe, und besonders freue ich mich, wenn Rotkehlchen und Kohlmeise kommen, denen ich sofort aufmunternd zunicke, wenn auch nur im Sinne einer inneren Haltung und nicht tatsächlich einer Handlung, die sie schnell vertreiben würde.
Amseln habe ich an der Futterstelle lang nicht gesehen, sie ziehen sich lieber Regenwürmer.

Morgen nach der Arbeit werde ich noch bei Karstadt vorbeinippen. Ich plane, einen Elsässer Apfelkuchen zu backen, dafür brauche ich eine Obstkuchenform. Überhaupt, ich bin noch nicht hinreichend präpariert, um all die Bäckereien zu bestreiten, die ich mir für den November vorgenommen habe. Eine Mandelmühle muss schon sein, würde ich sagen, vielleicht auch Ausstechförmchen. Für Shrewsbury Biscuits würde ja ein Stamperl reichen, aber wir haben nur die zarten Likörgläschen von Falke Fichtner, die er mir vor einigen Jahren in einer goldenen Pappschachtel der Konditorei Reul-Lauffs in Aachen über die Ladentheke reichte, mein alter Chemielehrer, Meinolf, halt den Mund, dann geb ich dir ne drei.

Den Tatort habe ich wieder geschwänzt, wie schon letzte Woche den aus Bremen, auch Luise Wolfram konnte mich da nicht umstimmen (letzte Woche). Die Frankfurter Kommissäre sind ja vielleicht nicht schlecht, aber ich hatte keine Lust auf Glotze. Lieber eine kleine Musiksession mit Angel Olsen (Burn Your Fire For No Witness / LP) und Sigur Rós (Ágætis byrjun / CD). – Die Laufbahn der Isländer habe ich nicht weiter verfolgt, aber als ( ) herauskam, besuchte ich ihr Konzert in der Kölner Philharmonie. (Ich bin ziemlich sicher, dass Almut dabei war. Sie ist immer eine fleißigere Konzertgeherin gewesen als ich. Sie erzählte von einem Auftritt von Sonic Youth im Tanzbrunnen, mit Nirvana als Vorband; hat mich sehr beeindruckt. Die Plakate zur In Utero-Tour habe ich noch vor Augen.)

Johnsons Jahrestage habe ich bis Seite 240 gelesen (erster Band), beim zweiten Band bin ich ungefähr in der Mitte. Die Liste der vorgemerkten Bücher kann ich vorerst nicht verkürzen, glaube ich. Die Jahrestage-Lektüre wird mich noch die nächsten zehn Monate täglich begleiten.
(NB. Die vier Leinenbände haben im Antiquariat zusammen zwölf Euro gekostet. Das verstehe einer!)
Neulich habe ich übrigens von Johnson geträumt (das ist schon einmal vorgekommen), er sah aus wie der Johnson von 1983, als er sein großes Werk vollendet hatte. Er signierte mir den vierten Band, aber nachdem er seinen eigenen Namen geschrieben hatte, schrieb er, bis der ganze Vorsatz mit Schrift bedeckt war, sorgfältig und unter laufender Veränderung seiner Schriftzüge, weitere Namen aus der Welt der Literatur und des literarischen Lebens hinzu, von denen mir merkwürdigerweise nur zwei sehr disparate erinnerlich sind: „Friedrich Hölderlin” und „Denis Scheck”. Das alles natürlich schweigend, aber doch zugewandt. Als das Bild fertig war, ergab sich, wenn man das Buch etwas schräg hielt, um das Trocknen der Tinte abzuwarten, ein schöner grünlich-blau schimmernder Effekt, fast hologrammartig. (Ich frage mich, ob auch andere Leute, die Johnson lesen, Johnson-Träume haben.)

„Wenn Johnsons Name fällt, wenn ich in einer Buchhandlung seine Bücher sehe, wenn irgendwo ein Foto von ihm auftaucht, meldet sich dieser Mann zurück, und zwar mit einer Intensität, als sei er gar nicht gestorben.” (Günter Kunert)

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