Fortgesetzte Auslassungen

Wenn niemand mehr was von einem will, ist Feierabend.
Vielleicht gehen mir die Bettler und Obdachlosenzeitungsverkäufer und Musikanten abends in den U- und S-Bahnen darum auf die Nerven, weil ich immer noch einen Beitrag leisten soll, wo ich schon hoffte, nichts mehr leisten zu müssen.

„Hast du Denkmuff wieder angeschmissen?”, fragte neulich ein Freund per SMS. Die Worte können Zustimmung, Ablehnung oder befremdetes Erstaunen bedeuten, und vielleicht weiß ihr Absender selber nicht so genau, wie er es meinte. Der Blogozentriker wunderte sich, dass ich nicht wenigstens einen neuen Blog eröffnet habe; diesen hätte ich ja schon mehrmals aufgegeben. Das ist richtig. Aber dann muss es wohl so sein. Ansetzen und Absetzen. Schreiben eben.

Letztes Wochenende war ich zu einer Hochzeit eingeladen. Freitag nach der Arbeit fuhr ich los, in einem Satz von Berlin Südkreuz nach München. Eigentlich ganz komfortabel, aber das grelle Licht im Waggon blieb bis in die Nacht eingeschaltet, und als ich zwischen Viertel vor zwei und drei in der DB Lounge auf meinen Anschluss wartete, war auch diese hell erleuchtet, hin und wieder ging quietschend eine der Türen auf, und der Neuankömmling nahm gleichmütig die Schlafenden wahr, die hier und da auf dem Steinboden lagen, eng eingewickelt wie mannshohe Frühlingsrollen. Als gegenüber die dicke Schnarchende aufwachte, ergriff sie Krücke und Tüten und steuerte auf den Ausgang zu, ich kam gerade rechtzeitig, um ihr die Tür aufzuhalten, durch die sie nach draußen schlurfte ohne einen Blick und ohne ein Wort. Kaum dass ich saß, kam sie durch eine andere Tür wieder hereingeschlurrt. WhatsApp-Nachrichten wurden gesendet und empfangen. Eine Maus lief an der Wand entlang und wagte sich manchmal bis zwischen die Schuhe der Wartenden vor.
Die Rückfahrt dauerte noch länger, war aber angenehmer, da sie tagsüber stattfand. Diesmal hatte ich auch keine Beate Zschäpe-Lookalike vor mir sitzen, die sich den Rotz aus den Lungen riss und schniefte, da hatte ich Glück. Keine Bakterienschleuder. So ging es über Donauwörth und Treuchtlingen, Würzburg, Erfurt, Halle, Bitterfeld und Wittenberg zurück nach Berlin. In sechs verschiedenen Tinten haben die Kontrolleure Zahlenstreifen auf meinen Fahrschein gestempelt.
Halle sehe ich mir noch mal an.

6 Kommentare zu „Fortgesetzte Auslassungen“

  1. eine reise in den süden, eine nachtfahrt (ich hab auch erinnerungen an eine lichtverseuchte, augenhämmernde nachtfahrt, und aus den lichtern und der übermüdung wuchs alsbald yellow submarine von den beatles hervor und belegte meine gedanken und den gesamten inneren wahrnehmungsraum so übermächtig, übernächtig, dass ich mich wie aus der welt gefallen fühlte …) von berlin nach münchen … da warst du ja „in der nähe“ 😉
    (wie aber steht’s mittlerweile mit den „Fäden, die auf meinem Bauch so borstig anzufühlen sind?“ – die beschäftigen mich noch, diese fäden. auch die schmerzmittel.)
    pegagrüße

  2. Lieber Jürgen, freut mich! – Mal sehen, die ein oder andere Schnurre werde ich wohl bieten können, hoffe ich jedenfalls. Liebe Grüße zurück.
    Liebe Pega, ja, so weit im Süden bin ich selten, plane aber tatsächlich schon für nächstes Jahr wieder ein Wochenende in der Gegend um diese einsilbige Stadt, die die Leute immer mit den Präpositionen „in”, „um” und „um … herum” verbinden.
    Deine Fragen kann ich schnell beantworten: Am 31.8. wurde ich wegen eines Eingeweidebruchs operiert, eine durchaus harmlose Sache, aber doch verbunden mit Vollnarkose, einer Nacht im Krankenhaus, blauen Flecken und Schwellungen, und eben der Mitgabe von Schmerzmitteln, in meinem Fall Paracetamol, von denen ich täglich bis maximal sechs nehmen sollte. Am Tag meiner Entlassung (1.9.) nahm ich aber nur drei, und dann erst wieder eine einzelne vier Tage später, da aber mehr, um mich arbeitsfähig zu erhalten. Ansonsten hatte ich sie dabei für den Fall, dass die Operationsstelle doch einmal weh täte. Es sind aber keine nennenswerten Beschwerden aufgetreten.
    Vom 8. bis 10.8. war ich schon einmal im Krankenhaus gewesen, und zwar wegen einer „unklaren Raumforderung” in der Leber, die sich nach einer Reihe von Untersuchungen glücklicherweise als harmlos erwies. Einer Freundin hatte ich vorsorglich von dem bevorstehenden Krankenhausaufenthalt geschrieben und ihr zu bedenken gegeben, dass die Sache schlecht ausgehen könnte: „Nur dass Du Dich nicht wunderst, sollte ich zu Jahresende überraschenderweise tot sein (was ich nicht glaube).”
    Diese Befürchtungen waren, wie gesagt, unbegründet, und auch darum, aus Dankbarkeit dafür, dass ich noch weiterleben darf, habe ich für morgen nachmittag ein paar Leute zu Kaffee und Kuchen eingeladen.
    Als meine Hausärztin mich fragte, ob ich schon mal im Krankenhaus gewesen wäre, sagte ich: „Nur für Nähsachen.” Dies war jetzt auch irgendwie eine Nähsache, minimalinvasiv.

  3. ah, meinolf, grad les ich, was du von den (glücklich gelungenen) nähsachen und der unklaren raumforderung (welch ein ausdruck!) schriebst und denke, dass du also justament vielleicht wohl beim kaffee mit freunden sitzest – und wünsche dir und der ganzen runde einen angenehmen nachmittag!
    der geplante aufenthalt in der (von hier nicht so sehr weit entfernten) dreibuchstabenstadt – hat der mit literarischen aktivitäten zu tun? vor zwei, drei monaten war ich dort, samstags, auf dem wochenmarkt, der rund um’s münster sich ausbreitet: hat mit gefallen.

  4. Danke! Ja, der Nachmittag war tatsächlich angenehm, bei schönem Wetter konnten wir sogar draußen im Garten sitzen (wo die Sonne wegen der ringsum stehenden hohen Kiefern allerdings kaum hin gelangte). Es gab Apfelkuchen, Buchteln mit Vanillesauce, Brötchen (Dinkel-, Mohn-, Rosinen-) mit Käse, Kaffee und Tee und Lakritzkonfekt – sehr üppig!
    Meine Reise nach – Beimerstetten … hat nichts mit literarischen Aktivitäten zu tun. (Solltest Du selber in diesem Zusammenhang dort sein, also: zehn Kilometer südwärts?) Ich besuche nur eine Freundin, die Du theoretisch sogar hättest treffen können, denn sie betreibt eine Bäckerei und einen Bioladen im Ländle und ist mit beidem auf den umliegenden Wochenmärkten vertreten (Blaustein, Söflingen, Wiblingen, Heidenheim, Günzburg, Neu-Ulm und Ulm). Kornmühle, kennst Du vielleicht.
    Die Gegend ist wirklich schön, und ich möchte meinen Brüdern und meiner Schwester vorschlagen, das nächste Familientreffen da irgendwo zu veranstalten.
    Ich bin ja auch ein Schaf-Freund und war sehr erfreut, als ich auf meinem Fußweg zur Hochzeitswiese an einer Herde Schafe vorbeikam, die der feine Landregen zu einem lebenden Bild verstocken ließ als hätten sie alle Füße aus Holz.

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